02.02.2019 – Cruise Missiles oder: Was lernt uns das?


Vor ein paar Tagen hatte ich nicht nur einen Ozean mit 15 Grad Wassertemperatur zum Schwimmen, sondern auch den dazugehörigen 6 km langen Strand für mich allein zum Wandern, nachdem ich die Anreise über eine 20 % Steigung mit dem Radl bewältigt hatte.

Lieber 20 Prozent im Portweinglas als Steigung am Berg. So gesehen sollte mein Immunsystem für alle Virenattacken dieses Winters, der mich fahl & höhnisch durch das Fenster meines Arbeitszimmers angrinst, gestählt sein.
Ich bin katholisch erzogen worden, insofern wohnt mir ein Hang zur Ehrlichkeit inne, denn Lügen ist Sünde, und diese Ehrlichkeit gebietet zu erwähnen, dass ich den Berg hochgeschoben habe, den Strand nur zur Hälfte bewandert habe und meines Bleibens im Atlantik nur kurz war.
Was lernt uns das, und zwar über Sprache?
Wer genauer liest, wird feststellen, dass ich mit keinem Wort im Intro mich darüber ausgelassen habe, wie ich das Geschilderte bewältigt habe noch ob ich die als möglich geschilderten Varianten überhaupt real umgesetzt habe.
Das machen Jahrzehnte Öffentlichkeitsarbeit aus einem Schreibenden, der immer gewahr sein muss, zitiert zu werden, sich zu rechtfertigen, und immer eine Hintertür offen haben sollte, um sagen zu können: „Das habe ich soo niemals gesagt.“ Hört sich nach Politik an? Da können Sie einen drauf lassen, liebe Leserinnen, aber im realen Leben und in der Literatur läuft’s doch grundsätzlich auch nicht anders. Oder? Aber wenn Sie mich mal darauf ansprechen, sage ich mit Sicherheit:
„Das habe ich soo niemals gesagt“.
Soviel als Abhärtung für das Hirn in Sachen political speech, wo mich zur Zeit wieder sehr viel an früher erinnert: Nato Doppelbeschluss, der Ami wollte die Sowjets totrüsten, was ja auch geklappt hat. Begründung: die Sowjets bedrohen uns mit neuen Raketen (SS-20), da müssen wir nachrüsten.
Heute kündigt der Ami mit derselben Begründung die INF Verträge , die eine Rüstungsbeschränkung begründeten. Dann hat er freie Bahn zur Nachrüstung, Nato inclusive BRD, im Schlepptau. Da kann der Russe nicht mithalten, wird totgerüstet, siehe oben und Geschichte der Sowjetunion.
Unterschiede zu früher: gegen den NATO Doppelbeschluss gingen Hunderttausende auf die Straße, im Bonner Hofgarten, dem zentralen Ort von Öffentlichkeit der BRD, Gegenstück zur Straße des 17. Juni in Berlin, waren bei nur einer Demo 400.000.
Meine Vorhersage für die österlichen Friedensmärsche 2019: keine 20.000. In der ganzen BRD.
Und: Als das „Reich des Bösen“, so redeten die Offiziellen damals, die Sowjetunion, zerfiel, war der Nachfolgestaat Russland einigermaßen stabil und die Frage des Atomwaffenbesitzes hinter dem Eisernen Vorhang konnte einigermaßen übersichtlich geklärt werden. In was für Bestandteile von kriminellen Gangs, durchgeknallten Despoten, fragilen vorstaatlichen Gebilden, alle im Besitz von tausenden Atomwaffen, sich im Zweifel Russland zerlegt, dafür fehlt mir die Phantasie.
In der Krise stirbt nicht die Wahrheit als erstes sondern wird die Sprache ans Kreuz genagelt.
Den tanzbaren Soundtrack zum NATO Doppelbeschluss lieferte Anfang der 80er die feine Combo Fischer Z mit dem Song „Cruise missiles“, Zitat:
They claim the ultimate solution.
To all the problems that we face.
It’s pointing rockets at the Russians.
And hope they don’t end up in Greece.

Deshalb ziehe ich mich dann auch nach Portugal zurück, wenn es soweit ist. Außerdem können heute die Bomben weltweit überall abregnen, damals kam nur die BRD in Frage.
Das ist doch mal ein Fortschritt.

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