11.02.2019 – Kollektives Frauenbesäufnis im Namen der Nelke


Gestern regnete es, das dürfte den Zyklus meiner Nelke weiter verlängern. Die Nelke war auch das Widerstands-Symbol der Adligen, die während der französischen Revolution geköpft wurden. Am 8. März beglücken wir die Damen mit einer roten Nelke, zum Weltfrauentag, was die Herren der Schöpfung – und so sieht die Schöpfung ja auch aus, wie ein Herren-Gedeck, macht einen dicken Kopf und ist zum Kotzen – für den Rest des Jahres von der Beziehungsarbeit entlastet. In der Ostzone endete der 8. März immer in einem kollektiven Frauenbesäufnis. Einer der zahlreichen Gründe, warum ich die Ostzone vermisse.
Allein bei dem Wort „Beziehungsarbeit“ bricht mir schon der Schweiß aus und es erinnert mich an einen ehemaligen Chef von mir, der zu mir sagte: „Sie haben die Arbeit auch nicht erfunden.“ Das war eines der schönsten Komplimente, die mir je gemacht wurden. Ich wollte mir das beim Deutschen Patentamt schriftlich geben lassen, dass ich die Arbeit nicht erfunden habe. Auf die Antwort warte ich seit vielen Jahren.
Heute wird viel von Care-Arbeit geredet, was etwas anderes meint, aber genauso kacke klingt. Es erinnert an Care-Pakete und verschleiert nach alter Soziologen Art mehr als dass es nutzt. Sprache ist eben ein machtvolles Instrument, das wichtigste zur Bewusstseinsbildung. Sprache drückt Herrschaft aus und bildet sie. Dazu gibt es Mittel und Möglichkeiten sonder Zahl und in diesem Blog kann alles nur angerissen, nie vertieft werden. Und auch nur, wenn es mich persönlich umtreibt, ärgert (meistens) oder erfreut (selten). Geärgert habe ich mich wieder, am 07.02, wie aber eigentlich jeden Morgen, über das hiesige Schnarchblatt des abgehobenen Wutbürgertums, die HAZ. Was ihr ins neoliberal-erzkonservative Weltbild nicht passt, wird ausgeblendet, findet in ihr nicht statt oder wird ideologisch beschönigt, verschleiert. Ein winzig kleines aber schönes Leer- und Lehr-Stück ist die Veröffentlichung eines Veranstaltungshinweises zum „Politik-Talk“ der Landesarmutskonferenz am 07.02, um 16 Uhr im ka:punkt.

Weil Du arm bist, musst Du früher sterben. (Veranstaltungsplakat)
So der Titel der Veranstaltung. Er bringt den Skandal Massenarmut in einer der reichsten Gesellschaften auf den Punkt: arme Männer sterben 11 Jahre früher, arme Frauen 7 Jahre früher als „normal“ situierte Vergleichsgruppen. Sowas würde, wenn überhaupt, versteckt alle 10 Jahre einmal in der HAZ stehen, die sich lieber an vorweihnachtlichen Rührstücken delektiert, wo ein generöser Spender einer obdachlosen Familie eine Wohnung zur Verfügung stellt.
Im Rahmen ihrer Friede-Freude-Eierkuchen Ideologie macht also die HAZ aus unserem Veranstaltungshinweis folgendes Kastrat:

Jeder Veranstaltung wird in drei Zeilen zumindest der Raum für den Inhalt oder Titel zugebilligt, nur unserer nicht. So wird Ideologie gemacht.

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