04.03.2019 – Mal wieder im Smoking auf den Opernball


Postkarte der DGB Kampagne „Rente muss reichen“
Ich trage nicht nur gerne Schwarzleder, sondern auch Smoking, er verleiht qua Schnitt, Material und eingenähter Ideologie Eleganz, Lässigkeit, Stil, alles Eigenschaften, die durchaus unterrepräsentiert sind. Hier war gerade Opernball, Motto „Zwanziger Jahre“, das wäre so eine Gelegenheit gewesen. Die hiesige Oper ist nett anzuschauen, mit Wandelgängen, in denen man flanieren kann, die Getränke sind akzeptabel bis ordentlich, und einen Walzer kann ich wohl auch passabel drehen. Bleibt die Kostenfrage. Eine Karte kostet ca. 150 Euro, eine Tischreservierung mit Essen und Getränken 125 Euro, dazu kommen unter Umständen Anreise, Hotel, Kostüm etc. pp.. Das können sich geschätzt ca. 20 – 30 Prozent der Bevölkerung leisten.
Die 40 Prozent, die keinerlei Rücklagen haben respektive Schulden, die 25 Prozent im Niedriglohnsektor, die 30 Prozent Normalverdiener*innen, die bis zur Kante mit Abzahlung von Haus, Auto, Brutaufzucht eingedeckt sind, die ca. 20 Prozent Arme eher nicht (115 Prozent? Klar, Überschneidungen). Für die kommt der Besuch eines Opernballs mit einer Marsreise gleich, beides irgendwie seeehr weit weg.
Nun ist überhaupt nichts gegen Ungleichheit in der Gesellschaft einzuwenden, aus ganz vielen Gründen. Die entscheidenden Fragen sind: wie groß ist die Ungleichheit und wie geht Gesellschaft damit um?
Zum letzteren ein Zitat aus dem hiesigen Heringsblatt, der HAZ, in die man gut jenen Fisch einwickeln kann, der vom Kopf her stinkt. Da schreibt ein Herr Haase, der tatsächlich von nichts weiß, der Opernball sei ein, festhalten, sonst trägt es Sie, liebe Bürgerinnen, aus der Sinnkurve: „..wahres Bürgerfest.“ Also kein Fest der Eliten, sondern ein wahres Bürgerfest, für alle eben, für jene 40 Prozent etc. pp. siehe oben. Wie kommt eine derart groteske Verzerrung der Realität zustande?
Man kann vermuten, dass dem Haase beim Eliten-Hinterherhoppeln- und -hecheln der Champagner auf Verlagskosten nicht bekommen ist oder ihm ein Kandelaber aus den Wandelgängen auf den Haasenschädel gedonnert ist.
Richtig ist aber, dass wir es mit einem klassischen Fall von Ideologie zu tun haben: Das Hääschen kann gar nicht anders als die Wirklichkeit durch die Brille seines Verlegers zu sehen, in dessen Blick die 20,30 Prozent aus seiner Klasse mal eben alle Bürger sind, die wahren Bürger. Haase ist vermutlich Kind eines Lehrerehepaars, notfrei durchs Germanistikstudium gerauscht und mittels Beziehungen ins Volontariat etc. pp. Er kennt das Leben in sozialen Brennpunkten, in denen die Personengruppe der Alleinerziehenden (90 % Frauen) zu 80 Prozent arm ist, nur aus den Artikeln seines Heringsblattes, also entweder überhaupt nicht oder nur insofern, wenn es wieder darum geht, wie die Asis da mal wieder ein Sofa aus dem 12. Stock geworfen haben. Wie soll er da eine Vorstellung von der Realität haben?
Und wie denkt der Rest der Haasen-Klasse? Zitat Heringsblatt, von einem Chefdramaturgen namens Klaus Angermann:
„Die Roaring-Twenties waren das Jahrzehnt der Frauen, die ihr Selbstbewusstsein durch endlos lange Zigarettenspitzen zur Schau stellten.“
Ich sehe vor meinem inneren Auge die Roaring-Twenties Arbeiterin im Berliner Wedding in ihrer Waschküche, mal wieder schwanger, weil sie von ihrem besoffenen arbeitslosen Ehemann vergewaltigt wurde, von Verhütungsmitteln oder gar Abtreibung so weit entfernt wie vom Mars, siehe oben, wie sie ihr Selbstbewusstsein durch eine endlos lange Zigarettenspitze zur Schau stellt und ..
Ich seh schon, das wird auch 2020 nichts mit dem Opernball und mir. Warum muss ich mir aber auch selber die Champagnerlaune verderben. Muss ich das Zeug wieder allein Zuhause verklappen.
Enchanté, liebe Leserinnen, und eine beschwingte Woche!

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