14.03.2019 – Alles bleibt wie es war, alles wird wunderbar.


Sprengel Museum, Vernissage, neulich, die höheren Schichten waren vollzählig versammelt. In Erinnerung geblieben ist mir der indiskutable Pinot Grigio, ein inferiores Gesöff der allerinfamsten Kategorie mit eingebauter Katergarantie. Wenige Tage später Mahnwache für einen erfrorenen Obdachlosen, kurz davor Flanieren am Jungfernstieg in Hamburg, wo ein Gürtel schon mal soviel kostet, dass ich dachte, es ist der Kaufpreis für den Laden. Ich hab am Jungfernstieg mal öffentlich echtes Geld verbrannt, im Rahmen einer Performance. Solche Geschichten gingen mir durch den Kopf, als ich vorhin mein Smartphone entmüllte, unter anderem mit Bildern von der Vernissage. Der Versuch, sich auf divergente Lebenswelten einzulassen, ist mitunter anstrengend, enervierend, hinterlässt Spuren, macht aber natürlich auch Spaß (der sich bei Mahnwachen selbstverständlich in Grenzen hält!). Der Versuch folgt aber aus künstlerischer Sicht einer kohärenten Theorie, der des eingreifenden Schriftstellers, der sich mit seiner Kulturproduktion auf die gesellschaftliche Realität einlässt, sich – sie verändernd – in sie hineinbegibt, siehe Walter Benjamin und Sergej Tretjakov.
Aus individueller Sicht folgt der Versuch schlicht dem Hunger nach Erfahrung. Macht. Spaß.
Außerdem schlägt in Diskussionen der Satz: „Ich weiß aus Erfahrung, wovon ich rede…“ so ziemlich jedes Argument tot.
Was blödsinnig ist, denn Erfahrung aufeinandergehäuft ohne Reflexion ist per se erstmal nichts wert, außer Spaß. Nichts gegen Spaß, aber wenn daraus keine individuelle Entwicklung folgt, kein Reifeprozess, keine Veränderung, dann hält sich der zivilisatorische Mehrwert in Grenzen. Dann bleibt alles wie es war, alles wird wunderbar.
Vermeintlich.
Der Satz „Alles bleibt wie es war“ ging mir eben durch den Kopf, als ich die Meldung des Statistischen Bundesamtes las: „Verdienstunterschied zwischen Frauen und Männern 2018 unverändert bei 21 %.“
Ich hör sie morgen schon wieder jaulen, die weißen alten Männer, die unlängst zum Frauentag mit dem Duden in der erhobenen Lutherhand gegen das Gender * hyperventilierten, als sei der Untergang des Abendlandes ante portas.
Ich liebe das Statistische Bundesamt, unverzichtbares Handwerkszeug für meine Arbeit, Schneisen von Fakten sägend durch ein Unterholz von Raunen, Meinen, Beschwören, mit einer einzigen Meldung soviel heiße, weiße, alte Luft aus dem Pudding lassend.
Mir geht eine wundervolle Weise aus alten Zeiten durch den Kopf, der famose Hannes Wader mit „Dass nichts bleibt, wie es war …
Also auf in Getümmel.

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