
Ernte 23.
Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer . Dieser Titel einer Serie von Radierungen von Goya könnte über der Eintrittspforte zu unserem Zeitalter stehen. Ein eher kleines, aber nerviges Bürokratie-Ungeheuer, bei dem die zuständigen Referenten sich durch Schlaf und Unkenntnis der Materie auszeichneten, ist der ca. 90 Seiten starke Entwurf zum Gesetz zur Legalisierung von Cannabis, interministeriell von sechs Ministerien abgestimmt. Ich muss dem aufgeregten medialen Sommerloch-Geschnatter dazu nicht viel hinzufügen, die Argumente sind bekannt, auch dieses Projekt ist Teil des wachsenden Kulturkampfes in Deutschland.
Drogensucht ist Scheiße, übermäßiger Konsum von Drogen oder Alkohol ist in erster Linie Symptom, von Trauma, Überforderung, Leistungsdruck. Die besten Mittel gegen Drogensucht sind Mietpreisdeckel, hohe Mindestlöhne, großzügige Sozialleistungen, einfacher Zugang zu Psychotherapie, siehe hier
Die Menschen sterben nicht an Drogen, sie sterben auf der Straße an den sozialen Bedingungen. Drogenpolitik ist immer auch Teil des Klassenkampfes. Im War on Drugs, von Richard Nixon 1972 ausgerufen, lösten Drogen den Kommunismus als Hauptfeind des Westens ab. Aus dem Vietnamkrieg kamen zunehmend traumatisierte Drogenabhängige GIs zurück und importierten tödliches Heroin in Riesenmengen. Die Welle wuchs und schwappte nach Europa. Amerika drohte eine Generation von kriegsunfähigen und unwilligen Jugendlichen und Verelendung im Inneren. Da sich der War on Drugs nur auf die Sucht-Phänomene, nicht aber auf die sozialökonomischen Ursachen konzentrierte, nämlich die wachsende Verelendung auf Grund des Kapitalismus, scheiterte er notwendigerweise. Nach Heroin kamen Crack, Cristal, Fentanyl etc. Der Kapitalismus wurde immer tödlicher und mit ihm seine Drogen. Eine tödliche Kette ohne Ende, und jede Menge failed states, Staaten, die als Hülle existieren, aber hauptsächlich Drogenhandels-Stützpunkte sind, in denen kriminelle Organisationen schalten und walten.
Da bei „uns“ der Klassenkrieg nicht so ausgeprägt ist wie in den angelsächsischen Ländern, ist alles halb so schlimm. Noch. Hier geht’s nur um Kiffen und die Einsicht, dass alle Repression gescheitert ist. Ich bin auch nicht dafür, dass 14jährige sich mit Grass dauernd die Birne vollknallen, das vielfach stärker ist als zu meinen ersten Drogenerfahrungen, aber ich bin auch nicht dafür, dass Menschen auf der Straße erfrieren.
Die edelste aller Drogen aber ist und bleibt ein gutes Glas Wein.

8000 Jahre Weinkultur in Georgien, der Wiege des Anbaus. Bei mir in Kreuzberg umme Ecke, ein Laden ausschließlich mit georgischen Weinen, sowas funktioniert nur in Kreuzberg. Wir waren sofort zur Eröffnung da, ich habe hier einen Wein im Glas, der nach dem Kwewri-Verfahren hergestellt ist . Kwewris sind große zitronenförmige Tongefäße zur Weingewinnung, die in die Erde eingelassen sind und in denen der Traubensaft zusammen mit der Maische (Stile und Schalen) gegoren wird. Dadurch wird der sortenreine Geschmack besser erhalten. Ein völlig ungewöhnliches Getränk, eine ungewöhnliche Kultur. Nach dem zweiten Glas war der Besitzer des Ladens mein allerbester Freund, nach dem dritten wollte ich sofort Urlaub in Georgien machen und nach dem vierten wollte ich der georgischen Armee beitreten, um sie im Kampf gegen Russland zu unterstützen. Wie wir nach Hause kamen, weiß ich nur noch schemenhaft. Scheiß Drogen.
Das ist das Schöne an Kreuzberg: Man braucht nicht in die Welt zu reisen, die Welt kommt mit allen Sitten und Gebräuchen hierher. Dass allerdings das Servicepersonal hier in der Gastronomie zunehmend kein Wort Deutsch mehr spricht, höchstens noch Englisch, ist eine grobe Unsitte und zeugt von mangelndem kulturellem Respekt dem Gastland gegenüber. Der alte Augustinus hatte recht: Si fueris Romae, Romano vivito more. When in Rome, do as the Romans do.











