Die „Mir ist Leibniz Wurst“ Wurst-Aktion mit der „Wurst-Wurst Edition“ und der „Kunst-Wurst Edition“ vom 11.11.2016 war keine Karnevalsaktion sondern eine reale Kunstaktion. Real heißt bei meiner Arbeitsweise: Die Medien sind Teil der Kunstinszenierung. Mein Realitätsbegriff – zumindest was Kunstproduktion angeht – orientiert sich an Marshall McLuhan: Was nicht in den Medien stattgefunden hat, existiert nicht.
Das bedeutet konkret: Die Kunst wird nicht zur Kunst durch die Idee oder das Objekt, sondern durch die Pressemitteilung, siehe hier PM SCHUPPEN 68 -Leibniz Wurst Edition.

SCHUPPEN 68 Kunst-Serie: „Wurst im Alltag – Teil 1: Der Untersetzer gegen Flecken auf dem Tisch.“ (Material: Gesichts-Wurst).
Die Medien haben sich in Sachen „Mir ist Leibniz Wurst“ gemeldet, ich gehe davon, dass einige morgen, am Todestag von Leibniz, berichten werden. Solche Aktionen werden designed nach dem goldenen Schnitt des Marketing:
Geniale Idee x minimaler Aufwand = maximaler medialer Ertrag.
Der maximale mediale Ertrag lässt sich in Heller und Pfennig berechnen: Er wird ausgedrückt in der Summe, die es kosten würde, sich den Platz in den Medien zu kaufen, per Anzeige zum Beispiel. Da kommen schon mal bei einer Investition von zwei, drei Euro als maximaler medialer Ertrag 10 – 12.000 Euro zusammen.
Da die Medien alles sind, aber keinesfalls blöd, muss die Idee allerdings ziemlich genial sein. Das heißt, sie muss durchdacht von Anfang bis Ende sein, sie muss original (Unikat!) sein, sie sollte zum Lachen und Nachdenken anregen, kritisch muss sie sowieso sein, wer steht schon auf affirmative Kunst, und sie sollte tunlichst mehrere Metaebenen besitzen, unter anderem eine selbstreferentielle auf den Kunstbetrieb.

SCHUPPEN 68 Kunst-Serie „Wurst im Alltag – Teil 2: Das Kunst-Wurst-Mobile“
Der kritische Inhalt bei der Leibniz Wurst ist klar: Die bürgerliche Öffentlichkeit sucht sich zur Identifikation und Selbstinszenierung eine maximal gefahr- und zahnlose Ikone aus grauer Vorzeit. Zum Beispiel Leibniz, einen inferioren Bastler und Rechenknecht, nach dessen verstaubter Philosophie kein Hahn mehr kräht. Im Gegensatz zu Hobbes, Rousseau, Descartes oder gar Kant wird er nach meiner Alltagswahrnehmung kaum irgendwo noch ernsthaft zitiert, außer zum 300. Todestag. Vergleicht man das mit der geradezu hysterischen Verdrängung, mit der hier nach wie vor mit dem Massenmörder Haarmann umgegangen wird (die Hrdlicka Haarmann Plastik verschimmelt nach meiner Kenntnis nach wie vor im Archiv des Sprengel Museum) , erhält man ein passgenaues Bild der Funktionsweise von bürgerlicher Öffentlichkeit. Zu der es natürlich auch gehört, dass man sich sanktionsfrei und unter medialer Beachtung über Leibniz und die ihm angeflanschte bürgerliche Öffentlichkeit lustig machen kann.

SCHUPPEN 68 Kunst-Serie „Wurst im Alltag – Teil 3: Das einteilige Gesichts-Wurst-Puzzle“
Mein Liebling an der Aktion ist der Leber(wurst)haken für den Kunstbetrieb:
Die „Wurst-Wurst Edition“ mit Beschriftung zum Preis von 35,60 Euro und die „Kunst-Wurst Edition“, mit Beschriftung, limitiert auf 68 Stück, handsigniert, nummeriert und zertifiziert zum Preis von 2.500 Euro. Der Unterschied liegt in der Differenz, wie der Fachmann sagt.

SCHUPPEN 68 Kunst-Serie „Wurst im Alltag – Teil 4: Der Wahlbutton“
Wieso CDU?
Ist doch eh alles Wurst.
Kategorie-Archiv: Schuppen aktuell
11.11.2016 – Die „Mir ist Leibniz Wurst“ Wurst!
Pünktlich zum 300. Todestag des Philosophen Gottfried Wilhelm Leibniz am 14.11 bringt der SCHUPPEN 68 eine Leibniz-Wurst-Edition heraus, die den Titel trägt: “Mir ist Leibniz Wurst“

Die “Mir ist Leibniz Wurst“ Wurst in der Wurst-Wurst Edition.
Die Edition besteht aus zwei Auflagen: Die „Wurst-Wurst Edition“ mit Beschriftung zum Preis von 35,60 Euro und die „Kunst-Wurst Edition“, mit Beschriftung, limitiert auf 68 Stück, handsigniert, nummeriert und zertifiziert zum Preis von 2.500 Euro.
Mir persönlich ist Leibniz Wurst. Ich kann mit dem Mann nur wenig anfangen, sowohl ideengeschichtlich als auch vom praktischen Nutzen her, und der teilweise Hype um ihn anlässlich seines Todestages ist mir unverständlich. Öffentlichkeit und Medien tun mitunter so, als sei der Mann eine Mischung aus Immanuel Kant und Lionel Messi.
Andererseits geht die Kunst nach dem Brot und der Wurst auf dem Brot. Daher wird der SCHUPPEN 68 pünktlich zum 14.11 seine Leibniz-Wurst-Edition auf den Markt bringen.“
Die „Mir ist Leibniz Wurst“ Wurst-Edition steht in der Tradition der kritischen Wurst-Kunst unter anderem des zweimaligen Documenta Teilnehmers Dieter Roth (geboren in Hannover). Mit ihrer Aufschrift gibt sie denjenigen ein Symbol in die Hand, denen Leibniz Wurst isst.
Die “Mir ist Leibniz Wurst“ Wurst ist Teil der Wurst Langzeit-Intervention des SCHUPPEN 68, die 2008 mit der Performance „Wurst-Banane“ zu Ehren von Kurt Schwitters und Marcel Duchamp begann

10.11.2016 – Für die Abschaffung des 9. November
Nach der Trump-Wahl vom gestrigen 9. November: Von mir aus könnte der ganze November weg, aber der 9. November sollte ersatzlos und vor allem rückwirkend gestrichen werden.
Wikipedia zählt allein für die BRD mehr als ein Dutzend Ereignisse auf, die am 9. November stattfanden und von denen gerade mal die Novemberrevolution 1918 meine ungeteilte Begeisterung findet. Der Mauerfall 89 versetzte und versetzt mich nach wie vor nicht in nationale Euphorie und ähnliches Gefühlsgedöns und besonders widerwärtig finde ich die Aktion der linksradikalen Organisation Tupamaros West-Berlin , die 1969 am Gedenktag der Judenpogrome von 1938 eine Bombe im Jüdischen Gemeindehaus in Berlin platzierten, die Gottseidank nicht hochging. Das abstoßendste Element in der deutschen Linken ist ihr Antisemitismus.
Ich bin für das eine oder andere Projekt verantwortlich, inhaltlich und finanziell, und versuche, überall so was wie Mitbestimmung zu praktizieren. Inhaltliche Differenzen spielen da für mich kaum eine Rolle in Zeiten, wo es lediglich darum gehen kann, den Staat und das Recht gegen Teile der Gesellschaft, sprich den White-Collar-Mob und den Proll-Mob, zu verteidigen. Sollte in einem meiner Projekte allerdings jemand an Antisemitismus leiden, fliegt er oder sie raus, ohne Diskussion und Mitbestimmung.
Ich bin aber, was die Streichung des 9. November angeht, kompromissbereit.

Sollte mir schriftlich garantiert werden, dass jeder 9. November mir einen derartigen Blick aus dem Fenster meiner Homebase garantiert, lasse ich mit mir reden.
Nach dem Wahlergebnis von gestern ging mir ein Song von Lou Reed durch den Kopf. Ich hörte mir den auf youtube an und fand dort einen Geistesverwandten im ersten Kommentar: „I just got the results of the 2016 American presidential elections and for some reason this is the song I most wanted to here“.
Das Ding heisst „Men of good fortune“:
Men of good fortune, often cause empires to fall
While men of poor beginnings, often can’t do anything at all
The rich son waits for his father to die
The poor just drink and cry
And me I just don’t care at all
Achten Sie auf den muskulösen und trotzdem schwebenden Bass von Jack Bruce, der bei 0:32 einsetzt, direkt auf „die“. Kleine Tröstungen im Alltag.
09.11.2016 – Was für ein Tr(i)ump(h).
Ob irgendeine Zeitung morgen damit aufmacht? Wenn ja, wird sie verklagt. Ich war zuerst da.
Trump ist Präsident. Die allgemeine Infamisierung ist doch wesentlich weiter fortgeschritten, als ich befürchtet hatte. Und ich bin auf mein alten Tage schon an der Grenze zwischen Skepsis und Resignation angekommen, was sowohl den Zustand der Welt und erst recht deren Perspektive angeht.

Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch? Oder wächst da kein Grass mehr? Und wenn ja, was raucht man dann?
Trump ist schon schlimm genug. Aber welche Auswirkungen hat das auf den ohnehin wachsenden Mob hierzulande? Und was kommt nach Trump? Geschichte ereignet sich zweimal: einmal als Tragödie, einmal als Farce. Das ist nicht von mir sondern Zitat Karl Marx, aus „Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte“
„Hegel bemerkte irgendwo, daß alle großen weltgeschichtlichen Tatsachen und Personen sich sozusagen zweimal ereignen. Er hat vergessen, hinzuzufügen: das eine Mal als Tragödie, das andere Mal als Farce.“
Der Staatstreich des 18. Brumaire, dem – heutigen – 9. November des Jahres 1799, beendete die französische Revolution. Das war die Tragödie. Die Farce war der Staatstreich von Louis Bonaparte, der nachmalige Kaiser Napoleon III, von 1851 nach dem Muster des 18. Brumaire.
In Deutschland kehrte sich die Geschichte wiederholend um: Kaiser Wilhelm war die Farce, während sein Widergänger Adolf Hitler die Tragödie wurde.
Da werden noch Wetten angenommen, ob Donald Trump erst die Farce oder schon die Tragödie ist.
Ich mache jetzt zwei Dinge: 1. Zynischer werden. 2. Aktien kaufen. Der DAX wird sich schon erholen. Mittelfristig. Langfristig sind wir sowieso alle tot. 3. Reise buchen. Ab in den Süden. Motto:
„Besuchen Sie Europa, solange es noch steht.“ Geier Sturzflug. Auf Vinyl. Wenn Sie, liebe Leserinnen, sich noch an Geier Sturzflug und an Vinyl erinnern können, dann zwinkere ich Ihnen hiermit vertraulich zu. Das waren noch Zeiten, damals, oder?
Als alles besser war und die Jugend noch was taugte…
08.11.2016 – Oliven im Schnee

Gibt es einen deprimierenden Anblick als einen Olivenbaum mit einer Schneekappe? Das Symbol des sonnendurchglühten Südens schlechthin lässt deprimiert seine Zweige hängen. Wäre ich nicht schon eh beschissen drauf, dann jetzt und nach diesem morgendlichen Anblick wären doch bei jedem normal veranlagten fühlenden Wesen ein paar von Brothers little Helpern fällig. Früher fand ich den ersten Schneetag im Garten noch entzückend, heute wallt einfach nur Hass in mir hoch. Auch die morgendlichen Staudurchsagen im DLF trösten mich nur marginal: 30 km, 15 km, 20 km … Ja, hähähä, selber schuld, wie kann man nur Auto fahren, Ihr Blödköppe. Das Gefühl trägt maximal 5 Minuten, bis zu dem Moment, wo ich mich auf der spiegelglatten Veranda beinahe auf die Schnauze gelegt hätte. Oberschenkelhalsbruch, in meinem Alter, da kann ich mir gleich den Gnadenschuss geben. Hass wallte in mir hoch. Der Tag kann echt noch heiter werden. Ich bin so geladen, dass ich diesen Blogeintrag online mache. Just-in-time Therapie, wenn Sie so wollen. Die Gefühle dampfen im Schreiben ab. Oder auch nicht, in mir wallt immer noch …. siehe oben. Oder sind das etwa postklimakterische Befindlichkeitsstörungen? Das fehlte mir auch noch. Ich dachte, darüber wäre ich wech. Onlineschreiben ist eine extreme Disziplinübung, sowohl formal als auch inhaltlich. Ich lese den Blog sicher nicht nochmal Korrektur und es ist einfach peinlich, wenn der vor Rechtschreibfehlern nur so strotzt. Inhaltlich muss ich im Prozess des Schreibens mehr als beim „normalen“ Schreiben auf Logik und Verständlichkeit achten. Und auf Peinlichkeit. Nicht, dass da mal was steht, was mir leid täte, egal, ob erfunden oder real. Was im Netz steht, ist in der Welt. Neulich stellte mich bei einer Podiumsdiskussion einer excellent vorbereiteten Veranstaltung die Moderatorin vor als (unter anderem): “ … Komiker „. Steht hier so im Netz . Völlig legitim von der Moderatorin. Ich hab halt nur geschluckt. Ich denke, dass die Leute dann auch bei vollkommen ernsthaften Veranstaltungen denken: Wann macht der denn mal was Komisches? Warum hat der keine Pappnase auf?
Ich hab keine Ahnung, wie das mit dem Komiker in die Welt gekommen ist und so wichtig ist das auch nicht. Wenn da stehen würde „notorischer Pornokonsument“ oder „Kreisvorsitzender der AfD“ hätte ich mehr Probleme mit. Aber im Zeitalter des Schamverlustes ist doch eh alles egal. Und mein echtes Problem ist: Wie krieg ich die Olive durch den Winter? Bei minus 10 Grad wird es problematisch. Und das Ding in den Keller? Das wiegt mittlerweile ne Tonne. Also jede Menge Jute, Folie, Reisig und ein Heizpilz.
So jetzt geht es mir besser. Charmanten Resttag, liebe Leserinnen.
07.11.2016 – Deutscher Philosophentag 2016

Auf dem deutschen Philosophentag 2016 kam es zu einem Treffen von Prof. Dr. Harald Hegekötter (links), Vertreter einer neomarxistisch-ontologischen Schule in der Tradition von Horkeimer und Mabuse, und Prof. Dr. Werner von Dietzfellbinger, Protagonist der eher angebotsorientierten Poststrukturalisten in der Nachfolge von Gilles Deleuze, Jean-François Lyotard und Charl Latan. Bei einem gemeinsamen Abendessen wurden alte Streitfragen über die Destruktion von Metaphysik, Positivismus und Logizismus diskutiert. Einig waren sich Beide über die Irrelevanz von Heideggers Diktum „Das Nichts nichtet“, vielmehr müsse es im Zeitalter des Ausgangs der Vernunft aus der Modernde eher heißen „Das Etwas – et watet.“
Zum Abendessen gab es vorweg Carpaccio von der Jacobsmuschel, gefolgt von “Tondo“ Raviolo XL mit Büffel Ricotta, Datteltomaten und Trüffel, der Hauptgang bestand aus Kalbsfilet mit Pistazienkruste und Rosmarinkartoffeln, zum Dessert wurde eine raffinierte „Feigen Crème brûlée“ gereicht. Als Aperitiv nahmen die beiden Geistesgrößen einen holzgelagerten 10 Jahre alten, weißen Andresen Port, zum Carpaccio einen einfachen Pouilly Fuissé von Joseph Drouhin, gefolgt von einem Priorat-Klassiker zu den Raviolo, einem 2009er Cims de Porrera. Das Kalbsfilet wurde intoniert durch einen älteren Cloudy Bay Chardonnay, die „Feigen Crème brûlée“ begleitete ein 2012er Silvaner Eiswein vom Schlossgut Hohenbeilstein. Bio – da waren sich die Neuronen-Titanen ausnahmsweise einig: „Man muss auch an die Umwelt denken!“ Bei einem fulminanten Gerhard-Lassner-Birnenbrand Digestif, Mokka und einer Cohiba zogen die zwei Fürsten der Philosophie ein gemeinsames Fazit:
„Es reicht nicht, wenn man Geld hat. Man muss auch guten Geschmack besitzen, dann kann das Dinner auch ruhig mal eine Nummer kleiner ausfallen.“
Man darf gespannt sein auf den Deutschen Philosophentag 2017!
06.11.2016 – Hier nix Kottlett
Wenn man unterwegs ist und irgendwo einkehren möchte, stellt sich die Frage: Woran erkennt man die zu einem passende Lokalität? Ich gehöre einer Generation an, die nicht vor jeder Hütte ihr Smartphone rauskramt und die passende Location-App befragt, wie das mit Bewertungen für das Wirtshaus der Wahl aussieht. Neben dem dauernden digitalen Gefummel muss man solche Bewertungen auch auf einer Meta-Ebene lesen können. Wenn da als Überschrift steht: „Supi Laden“ und man vor lauter Rechtschreibfehlern Schwierigkeiten hat, die Sprache zu identifizieren: ab in die Tonne. Am besten ist die analoge Real-Inaugenscheinnahme, das spart Zeit und Nerven und schont den Akku. Wenn auf der Speisekarte auf engstem Raum eine Million Gerichte von Pizza über Döner bis Wiener Schnitzel angeboten wird, macht der Kundige einen Bogen. Wer alles macht, macht nichts richtig.
Wenn so was da steht, gehe ich rein, auch wenn ich weder Hunger noch Durst habe:

Hier nix Kottlett. Das muss einfach belohnt werden und schmeckt im Zweifel handgemacht lecker.
Unser Börsentipp der Woche ist diesmal für alle, deren Herz links schlägt, aber das Portemonnaie rechts sitzt: Am Montag vor der US Wahl ETF Fonds kaufen, der den DAX abbildet. Bei ETFs sparen Sie Verwaltungskosten und der DAX ist in letzter Zeit aus Angst vor Donald Trump überproportional abgekackt. Die BRD ist extrem vom Export abhängig und der Isolationist Trump wäre dafür ein Desaster. Clinton wird die Wahl gewinnen und als klassische Interventionistin wird sie den einen oder anderen Krieg anzetteln. Krieg ist gut fürs Geschäft. Der DAX wird daher in den nächsten Wochen um ca. 6 Prozent zulegen. Also: Kaufen, meine Damen! Gewissen wird eh überschätzt und langfristig sind wir sowieso alle tot.

Ist Jesus die Rettung? Felsen in der Bucht von Cala San Vicente. Ich sehe in dieser Felsformation irgendwie den Jesus aus der Bucht von Rio, diese Statue auf dem Zuckerhut.
Es gab früher mal den Rorschach Test, eine Methode, bei der man glaubte, anhand der Interpretation von Tintenklecksbildern die Persönlichkeit von jemandem zu erfassen. Den Jesus erkennt vermutlich nicht jede in dieser Formation. Was sagt das nun über meine Persönlichkeit? Bin ich vielleicht sogar selber Jesus? Nach dem Motto: Wer dieses Felsrätsel entschlüsselt, der ist es? Und ich bin es nun?
Ich bin Pragmatiker, habe gleich die Probe aufs Exempel gemacht und wollte übers Wasser wandeln.

Ich kam nicht weit, das Meer war rau,
schluckte Wasser, wurde blau.
Da war mir sofort klar,
dass ich nicht der Jesus war.
02.11.2016 – Was ist eigentlich der Sinn des Lebens?
Solche dämlichen Fragen stelle ich mir normalerweise nie. Wer sich ernsthaft solche Fragen stellt, der hat schon verloren. Da tut sich ein philosophischer Abgrund auf mit Fragen wie: Definieren Sie Sinn und Leben. Und der Sinn wessen Lebens? Meines? Der ganzen Menschheit? Wieso nur Menschheit? Ist das nicht Anthropozentrismus und wenn ja, was ist falsch daran?
Also für so was hab ich keine Zeit und vor allem keine Lust, selbst wenn ich Zeit hätte. Ich muss öfter im Zug sitzen, nicht nur für lustig nach Berlin, auch Dienstreisen und so Gedöns. Da hätte ich Zeit, mich auf den bevorstehenden Termin noch mal vorzubereiten. Ich hätte Zeit, auf meinem Netbook Daten aufzuräumen. Ich hätte Zeit, einen Fachartikel zu lesen. Oder „Schuld und Sühne.“ Oder „Krieg und Frieden“. Oder „Müll und Tonne“. Mach ich aber nicht. Ich sitz einfach im Bistro, trink einen Wein und glotz zum Fenster raus.
Und bei so einer Einstellung soll ich mir Gedanken um den Sinn des Lebens machen? Eben gerade habe ich auch zum Fenster rausgeglotzt, weil ich keine Ahnung habe, was von der anliegenden Arbeit ich zuerst liegen lassen soll und mich diese Entscheidungsschwäche angenehm wenig berührt. Berühren tut mich hinwiederum der Blick auf das trübe, nasskalte, öde Draußen.

Kassel, neulich. Trübe, nasskalt, öde und irgendwie wird einem bei dem Anblick schwindelig.
Vor ein paar Tagen hatte ich noch diesen Anblick:

Reife Granatäpfel prangen in der Sonne des Südens und warten gleich Brüsten gepflückt zu werden. Das hab ich nur wegen der Formulierung geschrieben, damit in den Text mal bisschen Leben durch Rhythmusverschiebung und Konnotationswechsel kommt.
Aber wenn ich mir die Granatäpfel so angucke, frage ich mich schon, was hält mich davon ab, mich morgen in den nächsten Flieger zu setzen und wieder der Sonne entgegen? Arbeit? Könnte ich organisieren. Geld? Bei den Billigflügen machbar. Moral? Käme ich mit klar. Wer erst bei solchen Gedanken gelandet ist, macht sich im nächsten Schritt welche über den Sinn des Lebens und fängt an, kategorische Imperative zu formulieren. Meiner wäre im Moment:
Handle stets so, dass die Maxime Deines Handelns jederzeit die Grundlage einer guten Sitcom bilden können.
So wie „Two and a half men“. Von Immanuel Kant zu Charlie Sheen, damit habe ich gerade noch die Sinnkurve gekriegt.
War aber knapp, puuh.
01.11.2016 – Schwuler Killer
Kriegerdenkmäler faszinieren mich. Wo drei Häuser in Deutschland auf einem Haufen versammelt sind, weit entfernt davon, Dorf genannt zu werden, steht in der Mitte zwischen ihnen unter Garantie ein Kriegerdenkmal, dass den „Helden“ zwei Weltkriege gedenkt. Kein Laden, keine Bank, keine Kneipe, von Erinnerungen an die ermordeten Juden des besagten Ortes ganz zu schweigen, aber riesige, monströse Scheußlichkeiten, mit denen an Soldaten erinnert wird, die oft an monströsen Kriegsverbrechen beteiligt waren. Diese Denkmäler sind die Nachkriegs-Fortsetzung des Faschismus mit anderen Mitteln. Das ist faschistische Ästhetik, die das Leben verachtet und den Tod herbeisehnt. Mich fröstelt es selbst im Hochsommer noch, wenn ich bei Radtouren hierzulande anhalte und das fotografiere.

In südlichen Ländern gibt es auch Kriegerdenkmäler (Hier: Pollensa, Mallorca), allerdings mit einer völlig anderen Ästhetik. In Italien sind die oft aus weißem Marmor und derartig grotesk operettenhaft überspitzt, dass es einfach nur lächerlich ist. Dieses spanische Beispiel fand ich jetzt sehr androgyn, um nicht zu sagen: tuntig. Beim Fotografieren von vorne (Freudsche Vermeidung?) kam mir ein Verdacht, das schrie doch förmlich nach … ich umrundete das Denkmal und richtig:

Graffiti Kommentar, ambivalenter Zeichengehalt.
Was habe ich noch aus dem Süden mitgebracht? Eine monströse Erkältung, bei der ich froh bin, dass ich kaum noch Solo-Auftritte als Kabarettist mache. Ich erinnere mich an eine Erkältung zwei Tage vor einem Auftritt, ich war jung (gelogen), brauchte das Geld (wahr) und bin Preuße (wahr): eine Absage kam nicht in Frage. Was hab ich für einen Aufwand betrieben, um meine Stimme für anderthalb Stunden funktionsfähig zu halten: Gigantische Mengen Milch mit Honig (ich hasse Milch), mit ätherischen Ölen gegurgelt und inhaliert, bis meine Schweißtropfen schon ölig wurden und nasse Handtücher auf die Heizkörper …
Ich weiß nicht mehr, wie der Auftritt lief, aber solche Arien sind einer der diversen Gründe, warum ich mir so was nur noch im Ausnahmefall antue. Wozu auch? Damit auf meinem Grabstein mal steht, wie die taz mir mal hinterher warf: „Hier ruht der Nischen-Mario Barth. Gott schenke ihm im Jenseits den Erfolg, den er auf Erden nicht hatte“? Nee, dann lieber mit anderen bei Podiumsdiskussionen, wie hier zu öffentlich geförderter Beschäftigung bei der Friedrich-Ebert-Stiftung in Moormerland-Jheringsfehn. Da müssen alle zutiefst dankbar sein, dass ich trotz schwerer Krankheit diese Strapaze auf mich genommen habe.
Wenn man als fiebergepeitschter Solokabarettist über die Bühne torkelt und röchelt und Wahnvorstellungen absondert, wollen die Leute eventuell noch Eintrittsgeld zurück. Gruselige Vorstellung.
Charmante Restwoche, liebe Leserinnen, und vielleicht sehen wir uns in Moormerland-Jheringsfehn.
22.10.2016 – Brandgefährlich

Graffiti „rapefugees“. Gesehen in Kassel, auf dem Freigelände der Documenta. „Rapefugees ist ein Schachtelwort aus den Bestandteilen „rape = Vergewaltigung“ und „refugees = Flüchtlinge“. „Rapefugees“ ist ein Claim der rassistischen Pegida Bewegung.
Um zu verstehen, wieso dieses Graffiti so brandgefährliche Wirkung haben kann, muss man über reine Ideologie- und Semantikkritik zu den Mitteln der Ikonographie greifen, also der Analyse, warum bestimmte Bilder- und Zeichenfolgen Wirkung erzielen. Das Gefährliche an der Zeichenfolge dieses Graffiti ist, dass sie intelligent konstruiert ist im Vergleich zu beispielsweise „Kanaken raus“ und dass sie das Medium Graffiti benutzt, also ein eher „linkes“ und „künstlerisches“ Medium, das zumal offensichtlich bewusst in den Ortzusammenhang der Documenta gesetzt wurde. Die Gegend da besteht fast ausschließlich aus Kulturorten, Verortungszusammenhängen des gehobenen Bürgertums. Einer Klientel, die in Teilen zunehmend verunsichert, verängstigt reagiert und mittlerweile derart aggressiv im öffentlichen Diskurs, dass sie ihre vermeintlich gute Kinderstube vergisst. Man braucht sich in der Praxis nur anzuhören, wie in „besseren“ Wohngegenden die Verbalsau (und nicht nur die) durchs Dorf getrieben wird, wenn da in der Nähe eine Flüchtlingsunterkunft eingerichtet werden soll. Da wird die gute Kinderstube zu dem, was sie eigentlich ist, ein Ort unterdrückter Obsessionen, Aggressionen, Neurosen, kurz, alles, was seit Ibsen, Strindberg, Freud et. al. bestens bekannt ist
Wenn solche Bilder wie das Graffiti auf nicht zu leugnende reale Erfahrungen stoßen wie in Leipzig, auch und gerade in linken Zusammenhängen, sind sie schleichendes Gift.
Ein Bild sagt mehr als 1.000 Worte. Oder, um mal den gehobenen Bildungsbürger in mir an die Luft zu lassen: Mene mene tekel upharsin. Das Unheil steht an der Wand geschrieben.
Was tun? Eigene Bilder entgegensetzen. Hier ein eher zufällig entdecktes auf meiner „Mauer zwischen Arm und Reich“ bei einer Veranstaltung des Sozialministeriums in Lüneburg:

Dialog:
Präsentation: „Was braucht es für „Wir schaffen das“?“
Mauer: „Die Mauer muss weg!“
Na dann mal ran, liebe Mauerspechtinnen.