Kategorie-Archiv: Schuppen aktuell

15.03.2023 – Wie mich neulich beinahe ein Hirnschlag traf

Werbeplakat vor Baumarkt.

Der Tag hatte schlecht begonnen: Regen und Kälte, draußen Krieg und Krisen, drinnen Frust und Frost, Beerdigungen, Krankheiten, das Leben schien eine Kette von Zumutungen. Und dann musste ich auch noch in einen Baumarkt, für mich der Vorhof zur Hölle. Lauter extrem hässliche Menschen, stiernackige Männer in Blaumännern und Millionen Gegenstände, deren Sinn und Zweck ich nicht verstehe und die alle nach einer Arbeit riechen, die ich hasse. Ich wollte auf den Parkplatz radeln, in der stillen Hoffnung, dass ein Meteoriteneinschlag meiner trüben Existenz ein jähes und mildes Ende setzen würde. Schlimmer könnte es nicht kommen.

Von wegen. Ich erblickte das Plakat oben. Und erstarrte. Für einen Moment dachte ich: Jetzt habe ich einen Hirnschlag erlitten.

Dieses Plakat ist genuine Ästhetik des Faschismus, eine Bildersprache unter anderem aus den Wahlplakaten der NSDAP in der Weimarer Republik. Hier der stählern-muskulöse, einsame Hammermann, der wuchtig dreinschlägt und Ordnung schafft

Das ist durchgehende faschistische Bildersprache, damals und Heute: der Hammer, oder die dreinschlagende Faust, der gestählte Muskelmann, meist allein, in Verbindung mit Ordnung, Arbeit, immer ernster, oft grimmiger Blick, nichts freundliches, lebendiges

Durch die Bilder scheint schon die Todessehnsucht, die nach Mord und Vernichtung, die in im Krieg und in den Lagern endete.

Das Werbeplakat oben unterstreicht diese Trostlosigkeit noch, es bildet noch nicht einmal die notorische, alberne Frau und nervende Gören im Hintergrund ab, die Papa wahlweise einen Eistee bringen oder vor Dankbarkeit und Familienglück umtanzen. Hier schlägt der einsame, coole Führer-Held zu, hier wird Ordnung geschaffen. Der Garten, eh schon trostloses, totes  Rasengrün, wird mit Hammerschlägen in eine steinerne Ordnung geprügelt, das Grün am Bildrand wirkt bedrohlich, und wird als nächstes zugerichtet.

Nichts hasst der Faschist mehr als das Lebendige, als die Unordnung, das Weiche, Fluide, alles zarte, freundliche, weibliche muss vernichtet, rausgeprügelt werden. Dass eine derartige Ästhetik als werbewirksam betrachtet wird, hat mich echt gegruselt. Es ist ja nicht so sehr das faschistische Gequatsche eines Höcke, einer AfD, was so gefährlich ist. Schlimm genug, das erreicht aber nur einen harten Kern. Was ich für mindestens genauso gefährlich halte, sind solche Bilder wie oben, wenn sie für eine ästhetische Tendenz stehen. Sie transportieren in der Summe als vermeintlich harmlose Werbung ein Männer- und damit Geschlechterbild in den Mainstream zum Fürchten.

Ich gehe davon aus, dass der Designer des Plakates die Nazi-Werbung kennt. Ästhetiken und Bildersprachen vergangener Epochen sind in jedem Lehrplan für Grafiker, Designer etc. oder gehören zum Kanon derer, die in diese Richtung arbeiten.

Zu behaupten, meine Laune wäre später, nach diesem Anblick, im Baumarkt im Keller gewesen, wäre die Untertreibung des Jahres. Für einen Moment meinte ich, die Gefühlswelten von Amokläufern kurz vor der Tat nachvollziehen zu können.

14.03.2023 – Über psychologisierendes Gequatsche

Lies, Lügen. Fake-Waschmittelwerbung aus der phänomenalen Ausstellung „Werbepause -the art of subvertising“, 2022 im Kunstraum Kreuzberg/Bethanien.

Nach der Spiegel Recherche, siehe Blog von gestern, schließt das Bistum Münster mit sofortiger Wirkung seine Beratungsstelle Organisierte sexuelle und rituelle Gewalt. Mit sexueller und ritueller Gewalt haben die Brüder ja auch praktische Erfahrung seit Jahrhunderten aus erster Hand, siehe Hexenverbrennungen. Das gerade in katholischen Bistümern diese schrägen und teils kriminellen Beratungsstellen unbehelligt so lange ihr Wesen treiben konnten, lässt tief blicken. Das scheint so eine Art Schuldumkehr-Prinzip zu sein, wo die Täter zu Opferberatern werden und die vermeintlichen Opfer dann unberechtigt und zusätzlich viktimisieren und damit traumatisieren.

Sei’s drum, Hauptsache, diesem esoterischen Schwachsinn wird ein Ende gemacht. Es bleibt zu hoffen, dass das weitere und strafrechtliche Kreise zieht. Eine Patientin verlor aufgrund von Behauptungen der Leiterin der Beratungsstelle, einer ausgebildeten Psychotherapeutin, das Sorgerecht für ihr Kind. Die Tatsache, dass offensichtlich Familienrichter den hanebüchenen „Expertisen“-Unfug dieser Scharlatanin ungeprüft geglaubt haben, ist ein Skandal.

Ein noch größerer, dass ein Forschungsprojekt zu ritueller sexueller Gewalt vom Bundesfamilienministerium gefördert wurde. Überflüssig zu erwähnen, dass sich das Bundesfamilienministerium fest in grüner Hand befindet. Irgendwie sind unsere Schwestern mit ihrem Hang, jeden esoterischen Blödsinn zu glauben und zu fördern, das säkulare Gegenstück zu unseren Brüdern vom Bistum siehe oben.

Offensichtlich herrscht in weiten Teilen der Gesellschaft ein Framing, das den gesamtesoterischen Quatsch, der sich wie eine Seuche ausbreitet, nicht nur akzeptiert, sondern real befördert und letztlich den Humbug selber glaubt. Ich gehe jede Wette ein, dass der obige Familienrichter Zuhause eine Batterie von Globuli stehen hat, Bachblütensalat isst, an Buddha glaubt und grün wählt. Woher ich das weiß? Angewandtes Profiling.

Dass so ein Unsinn wie der hier skandalisierte sich ungestraft ausbreiten konnte, hat seine Ursache im Zustand unserer Gesellschaft, die sich nämlich abwendet von den manifesten ökonomischen Krisen und sich zunehmend in psychologisierendes Gequatsche verliert. Welches alle Schuld an Misere und Krankheit den Einzelnen in die Schuhe schiebt und das Elend mit Individual-Beratung und Betreuung lindern will. Weiße Salbe auf Hautkrebs.

Beratungsstellen sind normalerweise bei Sozial- und Wohlfahrtsverbänden angesiedelt. Sie einzurichten, kostet einen Haufen Kohle, per anno geht das schon mal in die Hunderttausende und darüber, je nach Ausstattung, und einen Riesenberg an Arbeit. Sowas geht durch interne Gremien und Abteilungen im Haus rauf und runter und bevor das genehmigt wird, müssen alle Beteiligten von der Sache und Notwendigkeit überzeugt sein. Das ist völlig richtig so, korrektes Verfahren. Wirft aber in Sachen Beratungsstelle ritueller sexueller Gewalt ein bezeichnendes Bild auf alle Verantwortlichen.  

Immerhin hat auch die Deutsche Gesellschaft für Psychologie (DGPs) auf die Spiegelrecherche reagiert, es ergäben sich erhebliche begründete Zweifel an psychologisch unplausiblen Phänomene wie Mind Control, Verdrängung und Wiedererinnern von traumatischen Erfahrungen oder zielgerichteter Aufspaltung der Persönlichkeit. Aus diesem Grund plädiert die DGPs für eine stärkere Evidenzbasierung. Whow. Was für ein Fortschritt.

Wenn solche Zustände wie die hier geschilderten beispielsweise bei Baustatikern herrschen würden, könnten wir nur unter permanenter Lebensgefahr über jede Brücke fahren.

13.03.2023 – Psycho-Terror

Mein Eichkater-Buddy sitzt in der japanischen Blutpflaume und äugt auf die Veranda, ob es da eventuell paar Körner von meinem Biobrot abzugreifen gibt, die ich für ihn und die Spitzmäuse dort ausschütte. Erst durch das Betrachten des Fotos habe ich gesehen, dass der Baum zarte Ansätze zur Blüte zeigt und demnächst in zauberhafter rosaweißer Pracht mein Auge in all dem winterlich-trostlosen Grau erfreuen wird. Anscheinend hat sich meine – und das dürfte nicht nur mir so gehen – primäre Wahrnehmung von Außenwirklichkeit auf eine medial-technische verlagert.

Ohne Schulung der Wahrnehmung stehen wir mit der Realität auf dem Kriegsfuß. Was für gruselige Folgen das haben kann, zeigt eine aktuelle Spiegelrecherche, vom 12.03 .Die Fakten dort übertreffen mein polemisches Negativbild vom 08.03  der Therapeutenzunft um Längen und zeigen ein Horrorszenario. Leider ist der Artikel hinter einer Bezahlschranke. Zu den Fakten Zitate aus dem Artikel „Im Wahn der Therapeuten“:

„ …  Anhänger geheimer Kulte misshandeln Kinder und kontrollieren Menschen via Hirnmanipulation: Unter dem Dach von Kirchen und Kliniken verbreiten Therapeuten derartige Horrormythen – und reden Patienten angeblichen Missbrauch ein. ….  Arbeit mit »Überlebenden« sogenannter ritueller Gewalt beschäftigt eine Szene von Therapeuten, darunter Heilpraktiker und Familienaufsteller…. Involviert sind renommierte Vertreter ihres Fachs, allen voran die Traumatherapeutin Michaela Huber. Sie tritt schon seit mehr als 20 Jahren als Kennerin okkulter Sektengewalt auf – und hat in dieser Rolle vermutlich Hunderte Therapeuten geschult. Ihr vermeintliches Insiderwissen verbreiten diese Fachkräfte in Opferschutzvereinen, Universitätskliniken, Bistümern …..“

Fakt ist und nur das zählt in unserem Rechtsstaat: Fragt man nach bei Polizei und Staatsanwaltschaften, kann sich niemand an die Aufdeckung kultischer Täternetzwerke erinnern.

Das wahnhafte und geldschneiderische Geschwafel eines beträchtlichen Teils der Therapeutinnenzunft von Mind Control, Programmierung, Dissoziativer Identitätsstörung (Multiple Persönlichkeitsstörung) überschreitet in seinen Konsequenzen die Grenze von Scharlatanerie zur Kriminalität. In den USA sind Therapeut*innen bereits mehrfach zu Millionen Schadenersatzzahlungen verurteilt worden, weil sie Patient*innen mit derartigem Humbug regelrecht traumatisiert haben.

In den Kommentaren zu dem Artikel zeigen sich verantwortungsvolle Ärzte und Therapeutinnen entsetzt und fordern schärfste standesrechtliche und juristische Konsequenzen, und :  „…. Ich denke, es ist an der Zeit, unsere Medizin wieder an der Wissenschaft auszurichten und jedweden Hokuspokus in der Heilkunde per Gesetz zu verbieten. Die Kammern sind gefragt, Esoterik, Pseudowissenschaft und spirituellen Kokolores nicht nur nicht zu Lasten der Kassen zu verbieten, sondern auch außerhalb der Kassenmedizin ganz zu verbieten. Viele der selbsterklärten Heiler sind Heilpraktiker, Familienaufsteller und „Lebensberater“ ohne Studium oder fundierte Ausbildung und ohne Kassenzulassung …“

Das Ganze ist nicht nur ein standesrechtliches und juristisches Problem sondern, und hier wird der Skandal zur Demokratiegefährdung, ein gesellschaftliches. Die Existenz von Geheimkulten, in denen im Verborgenen schwerste Verbrechen begangen werden, ist seit Jahrhunderten Stoff von Verschwörungserzählungen – nicht nur im Mittelalter mit antisemitischen Zügen: Juden würden das Blut von Christenkindern trinken. In solcherlei Wahnwelten bewegt sich die esoterische Zunft dieser Scharlatane, das ist das Verbindungsglied zu Coronaschwurblerinnen, religiösen Fanatikern, siehe Zeugen Jehovas Amoklauf in Hamburg, und antiaufklärerischen Demokratiefeinden.

Die Selbstmordrate in dieser Zunft ist die höchste auf Berufsgruppen bezogen, siehe auch Blog vom 08.03. Mir wird immer klarer, warum das so ist. Wahn hat die Tendenz, sich zu radikalisieren und nach einer Erlösung zu sehnen, die es nicht geben kann, siehe Amoklauf. Im Falle der Selbstmorde bleibt zu hoffen, dass es die Richtigen trifft aus den richtigen Gründen, nämlich denen von Schuld und Sühne.

Neben diesem archaischen, fast biblischen Fazit bleibt mir ein wachsendes Unbehagen an unserer Gesellschaft: Ihre Risse werden nicht nur auf Grund des Drucks externer Polykrisen immer bedrohlicher, sondern sie erodiert schleichend, von innen heraus an Irrationalität, Wahn, Esoterik und schierer Blödheit.

11.03.2023 – Der Papst ist ein Antiimp

Für Naturromantiker ein zauberhafter Anblick, ich find’s einfach nur gruselig. Winter, der natürliche Feind des Flaneurs. Zugegebenermaßen ein Luxusproblem. Die wahren Probleme dieser Welt liefern mitunter Überraschungen. Wie die hier:

Papst Franziskus beschreibt den fortdauernden Ukraine-Krieg anders die hiesigen Bellizisten, die eine 120prozentige Alleinschuld dem Russen zuschreiben. Laut Franzi wird der Krieg von „imperialen Interessen angetrieben, nicht nur des russischen Imperiums, sondern auch von Imperien andernorts“. Das sollte sich mal ein Hiesiger erlauben, der würde gleich als Schwarzer Wagenknecht von der hiesigen medialen und politischen Einheitsfront vollgepöbelt. Sieh an, dachte ich, der alte Spontifex entpuppt sich als Antiimp.

Antiimp? Das ist die Kurzform für Antiimperialisten, die sich im Zuge der radikalen Neuen Linken in den 70ern an Lenins Imperialismustheorie orientierten.  Der Imperialismus ist da Wesenselement der kapitalistischen Gesellschaft. Er ist nicht mehr an einzelne Staaten gebunden, sondern an das ganze Gesellschaftssystem. Die imperialistischen Staaten untereinander befinden sich in einem latenten dauerhaften (Vor-)Kriegszustand und sind auf verschiedenen Ebenen, auch ökonomisch, in einem permanenten globalen Raubzug unterwegs. Da ist was Richtiges dran.

Die Antiimps bildeten auf Demos oft einen schwarzen Block in Lederklamotten, waren meist männlich, Macker, prollig, primitiv, Getränk: Bier, Musik: Pogues und schlimmeres, Erkennungszeichen: Palästinensertuch. Ideologie: Der Hauptfeind, und jetzt wird es nicht nur ästhetisch unangenehm, sondern sehr falsch im Richtigen, sind die USA und Israel, also purer pseudolinker Antisemitismus. Die Folge: massive Querfrontbildungen als Konsequenz ideologischer Überschneidungen mit der extremen Rechten.

Ich schreibe das nicht nur wegen der antiimperialistischen Einlassung des Papstes auf, die nur durch seine Herkunft aus Südamerika zu erklären ist, ein deutscher Pontifex hätte sich niemals so geäußert. Solche Erzählungen aus besseren linken Zeiten verdienen es aufgehoben zu werden, weil sich die Linke zurzeit in rasender Geschwindigkeit selbst zerlegt und damit droht ein Teil dieser Geschichte zu verschwinden. Ein Teil, der bei allen Fehlern und Irrtümern bei gesellschaftlicher Entwicklung immer mitbedacht werden muss, bevor wir im Dunkel von Barbarei versinken. Mit einer entstaubten Imperialismustheorie sind die Zusammenhänge nicht nur im Ukrainekrieg besser verständlich als es uns überforderte, dummdreiste „Hart aber fair“ Moderatoren schwarz-weiß machen wollen. Die Welt ist eben doch etwas komplexer.

Weiter in Opas Erzählungen aus besseren Zeiten: Das linke Gegenstück zu den Antiimps waren die Antideutschen. Sie wandten sich gegen einen spezifisch deutschen Nationalismus, der insbesondere im Zuge der deutschen Wiedervereinigung erstarkte. Wer erinnert sich nicht an das Meer von Nationalflaggen nach dem WM-Sieg der Ostgoten 1990 und die danach brennenden Flüchtlingsheime. Weitere antideutsche Positionen sind unbedingte Solidarität mit Israel und Gegnerschaft zu Antizionismus als Konsequenz aus Auschwitz sowie Ablehnung von Antiamerikanismus und Islamismus. Antideutsche waren meist hedonistisch, feministisch orientiert, Getränk: Crémant, Musik: Oper. Gegnerschaft zum Antiamerikanismus deshalb, weil die USA nicht zu Unrecht als zentrale Überlebensgarantie des Staates Israel gesehen werden, der wie kein anderer auf der Welt die Vernichtungsphantasien ganzer Staaten auf sich zieht.

Bis auf die Gegnerschaft zum Antiamerikanismus sind Grundzüge des Antideutschen sympathisch bis nachvollziehbar. Der Ami hat selber soviel imperialistischen Dreck am Stecken, dass man ihn durchaus massiv kritisieren kann und muss. Auch da ist die Welt etwas komplexer.

Auch wenn die Antideutschen nicht mehr existieren, noch nicht mal mehr im Verfassungsschutzbericht erwähnt werden, gilt es doch, Teile ihre Ideologie ebenso zu bewahren wie vom Antiimperialismus. Das alles ist ja nicht aus der Welt, nur weil es nicht mehr bekannt ist.

Und einen prominenten Ober-Antiimperialisten kennen wir ja nun.

08.03.2023 – Der Fortschritt ist eine Schnecke, mitunter im Rückwärtsgang

Verschiedene Archetypen: Engel, Hanswurst, behinderte Trinkerin. Aufgestellt analog der wirren Lehre vom Archetyp des Ober-Hanswurst C. G. Jung , einem Schüler Freuds. C. G. Jung war Antisemit, paktierte mit den Nazis, delirierte schon mal vom heraufkommenden Zeitalter des Wassermanns und fliegenden Untertassen, war als Therapeut übergriffig gegen Patientinnen und gilt mit allerlei Ying und Yang und Tao als einer der Väter der in den 70ern aufkommenden New-Age und Esoterikszene. Über ihn sagte Ernst Bloch, er sei ein Erzreaktionär, bei dem noch der wüsteste Aberglaube über der Aufklärung rangiere. Kein Wunder, dass jene Hippies, deren IQ selten die Anzahl der eigenen Lebensjahre überschritt, ihn für sich adaptierten.

Natürlich haben Freud et. al. Erhellendes über den Prozess der Zivilisation geschrieben, der Kategorie des Unbewussten angemessen Raum gegeben und mitunter Heilung verschafft. Aber ebenso wenig wie der Satz gilt: „Wer heilt, hat recht“, so sehr gilt das genaue Hinschauen. Mit wem hat man es da eigentlich zu tun? Was sind die individuellen und gesellschaftlichen Kosten und Konsequenzen vermeintlicher Heilung und Erkenntnis?

Der Nazi Jung war, wie Alfred Adler, als Nachfolger des Gottähnlichen Freud ausersehen. Die drei kriegten sich allerdings heftig in die Flicken, vermeintlich ging es um irgendeinen Lehrhokuspokus, in Wahrheit aber um Konkurrenz, Schwanzneid und Vatermord, in Folge dessen die Beteiligten sich gegenseitig hasserfüllt „exkommunizierten“. Also wurde die Tochter Freuds Anna zur Gralshüterin der Lehre des Meisters. Dynastisches Vorgehen. Wie in Nordkorea.

Psychologie ist angesiedelt zwischen Naturwissenschaft und Esoterik, als Heilsversprechung und Sinnstiftung steht sie in einer Reihe mit Religion, Kommunismus und Astrologie. Da haben unsere drei Streithähne noch Glück gehabt, als Häretiker wären sie unter anderen als ihren Umständen früher auf dem Scheiterhaufen gelandet oder im Gulag.

Freud verfolgte alle seiner Jünger, die psychische Erkrankungen auch als Folge gesellschaftlicher Ursachen betrachteten und daraus Konsequenzen sowohl für das Lehrgebäude Psychologie als auch die Gesellschaft forderten, unnachgiebig. Konsequenz unter anderem: Ausschluss aus der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung, dem größten Verband der Spezialisten für angewandten Humbug

Das betraf unter anderem den von mir in Teilen überaus geschätzten Wilhelm Reich : „ … Arzt, Psychiater, Psychoanalytiker, Sexualforscher und Soziologe. Reich fand Zusammenhänge zwischen psychischen und muskulären Panzerungen und entwickelte die Therapiemethode der Psychoanalyse zur Charakteranalyse und diese zur Vegetotherapie weiter. Letztere gilt als Grundlage für verschiedene später begründete Körperpsychotherapien …“

Sein Buch „Massenpsychologie des Faschismus“ von 1933 setzte Standards für das Verständnis von Faschismus jenseits rein ökonomischer Erklärungsversuche von Vulgärmarxisten.

Er wandte „ …. seine klinischen Vorstellungen von der menschlichen Charakterstruktur auf den gesellschaftlich-politischen Bereich an“ und „… analysiert darin grundlegende Zusammenhänge zwischen autoritärer Triebunterdrückung und faschistischer Ideologie und welche Rolle die autoritäre Familie und die Kirche dabei spielen.“ Er war Mitglied der KPD und wurde wegen seiner Ansichten 1933 aus der Partei exkommuniziert. In der damaligen UdSSR wäre er vor einem Erschießungskommando gelandet.

Sein Werk von 1935 „Die sexuelle Revolution“ war eine Grundlage für 68ff und trug zu seiner angemessenen Würdigung nicht nur im Nachkriegsdeutschland bei. Seine Einsichten über die Zusammenhänge zwischen psychischen und muskulären Panzerungen sind bahnbrechend und lieferten die Grundlage für Theweleits „Männerphantasien“.

Insofern ist Reich eine glänzende Ehrenrettung für die Zunft der Psychiater.

Die Geschichte nimmt leider kein gutes Ende. Nach dem Krieg in den USA wurde er zusehends esoterisch, glaubte an fliegende Untertassen (da zeichnet sich ein Muster ab) und entwickelte seine Orgontheorie, durchgeknalltes Zeug halt. Als Konsequenz der McCarthy-Verfolgung wurde er eingeknastet und starb 1957 in Haft.

Wilhelm Reich gilt vor allem auf Grund seines Spätwerkes als einer der Väter des New-Age.

Der Fortschritt ist eine Schnecke, mitunter im Rückwärtsgang

06.03.2023 – Preisfrage: In welcher Berufsgruppe ist die Selbstmordrate am höchsten?

Familienaufstellung.

Bei mir im Garten stehen allerlei putzige Figuren, die normalerweise irgendwann im Müll landen, hier aber kahle Stellen überdecken. Oder dem schlichten Betrachter den Eindruck vermitteln, es könne sich um Kunst, Installationen handeln. Im obigen Fall geht es um das Therapieverfahren Familienaufstellung, bei dem Mitglieder des Familiensystems so gestellt werden, dass bestimmte Verhaltens-Muster sichtbar werden. Es handelt sich also um offensichtlichen Humbug, was selbst in der Gilde der modernen Scharlatane so gesehen wird. Gilde der modernen Scharlatane meint: Die Zunft der Psycho-Therapeutinnen. Das ist natürlich ein Pauschalurteil. Es gibt nur ein einziges Pauschalurteil, das zutrifft. Es lautet: Alle Pauschalurteile sind falsch. Was allerdings ein ziemliches Pauschalurteil ist.

Grundsätzlich gilt über Psychoklempner: der Erfolg ihrer Behandlung, Methode steht und fällt mit der Person, die sie anwendet. Möchten Sie ein derartiges Prinzip auf Ihre Galle-OP angewendet wissen? Da gibt es standardisierte, evaluierte Verfahren, kaum ein Operateur wird auf die Idee kommen, sich der Galle operativ vom Knie her zu nähern. Den Eindruck derartiger Verfahrensweisen hat man allerdings bei der Betrachtung der verschiedenen, untereinander in inniger Feindschaft verbundenen, Therapieschulen und Verfahren.

Der Urvater dieser Quacksalber-Gilde, Sigmund Freud, beschäftigte sich intensiv mit den alten Griechen. Die Griechinnen spielten da nur eine untergeordnete Rolle. Demzufolge kam es zu willkürlichen Zuschreibungen wie „Ödipus-Komplex“. Wäre Freud Anhänger der nordischen Heldensagen gewesen, würden wir heute vermutlich von einem Alberich-Komplex sprechen (für krankhafte Gier).

Von einem Iocaste-Komplex wird übrigens kaum gesprochen. Iocaste war die Mutter von Ödipus, die er dann heiratete. Begehren der eigenen Mutter, daher Ödipus-Komplex. Genauso plausibel wäre das umgekehrte Begehren der Mutter auf den eigenen Sohn, also Iocaste-Komplex. Freud, der sich seine Theorien durch die Brille des eigenen Phallus (Metaphern-Weltklasse!) zusammenschusterte, war nur ein, wenn auch herausragendes, Beispiel einer beliebig konstruierten Theorie, die ebenso beliebig dekonstruiert werden kann.

Die Heilserwartung in die Wirksamkeit von Psychotherapien entspricht der in die Erlösung durch den Glauben an Gott. Therapeuten sind die Hohepriester der Postmoderne. Aus meiner Sicht tut es eine Frisörin oder ein Masseur genauso gut, nur billiger.

Ich bin dieser Gilde der Scharlatane aus zwei Gründen so zugetan: Missbrauch und Kapitalismus. Es gibt außer katholischen Priestern keine Berufsgruppe, die derartig durch Missbrauch gekennzeichnet ist wie die der Psychiater, Psychologen, Psychotherapeuten etc., wie nicht nur der monströse Kindesmissbrauch im Rahmen eines Pädophilen-Netzwerkes durch den hannöverschen Professor Helmut Kentler zeigt

Übergriffe von Therapeuten auf Klientinnen sind Legion. Und es bleibt zu hoffen, dass die Bilanz dieser Kaste ebenso kritisch aufgearbeitet wird wie der Pfaffen.

Heutzutage werden (Psycho-)Therapien fast ausschließlich dafür verwendet, Menschen für das Funktionieren im Kapitalismus fit zu machen. Wer heutzutage im Sinne einer Anti-Psychiatrie agiert, kann sich beruflich gleich die Kugel geben, was Wohlstand und Renommee angeht. Das ist umso tragischer, weil die Steigerungsraten bei Depressionen und Angststörungen in den letzten 20 Jahren explodieren . Krisensymptome. Der Kapitalismus erodiert an seinen inneren und äußeren Krisen und das versuchen wir mit einem dreifachen „Ommmm“ zu kurieren.

Apropos Kugelgeben: Die höchste Berufsgruppenspezifische Selbstmordrate gibt es bei Ärzten.

Innerhalb der Ärzte die höchste bei der Fachrichtung Psychiater

04.03.2023 – Ambiguitätstoleranz und meine persönliche Lebensplanung

Moos im Bodenfrost. Der Morgentau in den Moosstrukturen gefriert, das gibt ein schönes Bild und zeigt mir: Das Moos im Garten ist auf dem Vormarsch. Ich liebe Moos. Allein deshalb, weil überall wo Moos, kein Rasen, den man mähen müsste. Was ich allerdings seit Jahren schon nicht mehr mache. Rasenmähen ist eine inakzeptable inferiore körperliche Tätigkeit. Also Danke, Moos. Derlei Gedanken fleuchen mir bei meiner morgendlichen Zenbuddhistischen Garten-Meditation durchs Haupt. Die im Wesentlichen aus dem intensiven Nachzählen der drei Gründlinge in meinem Teich besteht. Gestern Morgen allerdings war etwas anders: Der Westwind drückte intensiven Güllegeruch in meine Nase.
Ein sicheres Zeichen für nahenden Frühling, auch wenn das Wetter weiter winterlich beschissen ist. Das sei jahreszeitlich angemessen und ein gutes Zeichen für die Natur? Drauf geschissen, Natur ist was für Romantiker und Jahreszeiten sind schon lange ein Mythos, gibt’s nicht mehr. Aber schön, dass die Jugend der Welt in Form von Fridays for Future Seit an Seit mit den Genoss*innen von Verdi für den Erhalt von Klima, Jahreszeiten und höhere Löhne kämpft. Insofern fand ich den Anblick an der Hausvorderseite, der dunklen Seite des Universums, genauso ansprechend wie den des Mooses: An der nahen Kreuzung Autoschlangen ohne Ende. Whow, dachte ich, wie in der Großstadt. Bestreikter ÖPNV, also PKW ohne Ende. Dieser Anblick, hinten zartes, zenbuddhistisches Moos, vorne stinkende Autokolonnen, war eine feine Schulung für Ambiguitätstoleranz – also die in Krisenzeiten unerlässliche Fähigkeit, Unsicherheit und Mehrdeutigkeit aushalten zu können. (Die nonchalante, en passant Verwendung dieses Ausdrucks bringt Ihnen, liebe Leserinnen, auf der bis 10 gehenden Sprach-Distinktionsskala eine glatte 9.)
Vorne bricht scheinbar die Zivilisation zusammen, hinten ein Hauch von stiller Poesie. Der Güllegeruch, um diesen Ambiguitäts-Ausflug in die Endzeit-Philosophie zu beenden, stellt übrigens die Dialektik zwischen vorne und hinten her. Beide stünden sonst eher unvermittelt gegeneinander.
Genug geschwafelt. Was aus pragmatischer Sicht bleibt, ist die erstaunliche Koalition von FFF und Verdi. Die Arbeitgeber und deren parlamentarische Büttel warnen, aus ihrer Sicht völlig zu Recht, vor der Überschreitung einer roten Linie in Richtung politischer Streik . Der ist in der BRD nach vorherrschender Meinung verboten, insofern er nicht ausschließlich tarifpolitische Ziele verfolgt. Zwar ist der Streikaufruf von Verdi rechtssicher abgefasst, aber mit der alltagspraktischen Intervention dieser Koalition kann sich die politische Tektonik nachhaltig verschieben. Wenn sich Gewerkschaften und soziale Bewegungen – also politische und kulturelle Aggregatzustände, die eigentlich wie vorne und hinten sind – dauerhaft und nachhaltig verbünden, entstünde ein endlich, nach langer Zeit, ein emanzipatorisches Potential, dass das Rennen um mehr sozialökologische Gerechtigkeit wieder etwas spannender machen würde. Stellen Sie sich mal vor, ein Meer von roten Fahnen und viele kreative, radikale Aktionen Seit an Seit, gespielt auf der Klaviatur der sozialen Medien, begleitet von medialem Wohlwollen (Nein, Blöd-Zeitung nicht, aber die Lehrerinnen-Postillen wie Zeit und Süddeutsche) und unerlässlichen charismatischen Figuren, sowas fürchtet das Kapital und seine Schergen wie der Heide das Weihwasser. Ich bin gespannt, was von deren Büchsenspannern demnächst als Konterattacke kommt. Eine derartige Entwicklung können die so nicht durchgehen lassen.
Was die charismatischen Figuren aus dem Gewerkschaftslager angeht, bin ich allerdings sehr, sehr skeptisch. Im Vergleich zu den Oberbonzen von IG Metall und Verdi z. B. sind Valium-Tabletten das reinste Aufputschmittel. Mir fällt spontan aus diesem Lager nur einer mit Charisma ein: Ich.
Aber erzählen Sie’s nicht weiter. Meine Lebensplanung sieht anders aus.

02.03.2023 – Macht Mathematik. Oder: Die Dekonstruktion eines Metropolen-Mythos

Das waren noch Zeiten: Berliner Mauer.

Berliner Verhältnisse: Die SPD will mit der CDU koalieren. Medien spekulieren, warum die SPD freiwillig die Führung einer Rotgrünroten Koalition für die zweite Geige in einer CDU/SPD-Koalition aufgibt. Und das in einer angeblich fortschrittlichen, alternativen, ja linken Metropole. Sieht man mal von dem jahrzehntealten Filz-Kitt ab, der CDU und SPD in Berlin mafiös verbindet, zu deren DNA und kultureller Tradition gehört, ist das auch eine Frage der Macht-Mathematik:

Es gibt 10 Senator*innen-Jobs in der Berliner Landesregierung. Wenn die durch drei Parteien bei Rotgrünrot geteilt werden, bleiben pro Partei ca. 3 Spitzenjobs. Wenn die durch zwei Parteien CDU/SPD geteilt werden bleiben 5 Spitzenjobs pro Partei. Im Berliner Landesvorstand der SPD, der vorab über die Richtung der Koalitionsverhandlungen entschieden hat, sitzen 7 Personen. 5 werden Senatorin, die restlichen zwei und weitere SPD-Entscheidungsträgerinnen mit Staatssekretärsposten und dem Versprechen auf einen lukrativen Anschlussjob im Stadtfilz vertröstet, Chefin der kommunalen Müllabfuhr oder sowas. Das ist für Parteigenossinnen, die aus dem miefigen Milieu und Gehaltsgefüge von AWO-Bereichsleiterinnen, Sozialarbeiter oder Grundschullehrer stammen, eine Verheißung, zu der sie schlecht nein sagen können.

Mathematik der Macht. Macht aber nix. In dieser „linken“ Stadt, die beispielgebend für Veränderungen in der Republik steht, ist vieles möglich.

Linke Stadt? Eine zentrale Rolle spielte in Berlin-Wahlkampf neben dem Wohnungsmarkt und der inneren Sicherheit (Neukölln! Sylvester!) der Verkehr, Autoverkehr. Da soll z. B. die A100 (AVUS) bis nach Friedrichshain hinein als Stadtautobahn verlängert werden, was heftig umstritten ist.

Dafür ist die CDU-Klientel, 28 % bei der Wahl, die FDP, 4,5 %, die AfD 9 %, die Mehrheit der SPD, sagen wir 10 %, und vermutlich die Hälfte der schrägen Kleinparteien, sagen wir 5 %. Da sind wir bei deutlich über 50 Prozent, die am liebsten mit dem SUV mit Tempo 100 durch die City brettern wollen. Und es im Rahmen von illegalen Wettrennen gelegentlich auch tun, mit über 100kmh, und auch mit tödlichem Ausgang, für Unbeteiligte.

Wie teilt sich der nichtwählende Rest auf? Die Wahlbeteiligung lag bei 63 Prozent. Unter den Nichtwählenden ein paar notorisch Linksradikale, Motto: Wenn Wahlen was ändern würden, wären sie verboten. Aber die überwältigende Mehrheit sind Unpolitische und Frustrierte, vor allem in sozialen Brennpunkten, die sich schon lange kein Auto mehr leisten können. Die nur einen Wunsch hätten, wenn sie noch wünschen könnten: Einen nagelneuen SUV und mit 100 durch die City brettern. „Fortschrittliches Berlin“? Was für ein Mythos!

Diese Stadt ist in ihrer überwältigenden Mehrheit genauso miefig-reaktionär-verspießert wie jede x-beliebige Kleinstadt. Einziger Unterschied: In der Kleinstadt erstickt man daran, in Berlin gibt es kleine Fluchten, die nach außen zu Kontinenten der Ausgeflippten aufgeblasen werden.

Ich weiß, alles Spekulationen und haltlose Unterstellungen. Sehen Sie es als literarischen Versuch, ein paar Aspekte des normalen Berliner Wahnsinns unter Gesichtspunkten zu beleuchten, die sonst im Zwielicht der bürgerlichen Medien eher unterbelichtet sind.

28.02.2023 – Ich war unbestechlich schon in der Sandkiste.

Betriebsurlaub 01.02.23 bis 05.04.23. Somewhere in Kreuzberg. Das kann weder eine Bio- noch Gemütsdeutsche sein. Einfach mal 9 Wochen raus aus allem, träumt jeder von, macht aber kaum jemand. Könnte ich auch drauf im Moment, die Nachrichtenlage ist nicht gerade erfreulich.

Was immer hilft, ist Zynismus. Ich nenne es Realität.

In den USA kommen jedes Jahr ca. 20.000 Menschen durch Schusswaffengebrauch ums Leben. Kriegsähnliche Zustände. Eine Verschärfung der Waffengesetzte, die viele Leben retten würde, wird durch die Waffenlobby (in den USA vor allem die National Rifle Association, kurz NRA) und ihre Gefolgsleute in der Gesetzgebung, verhindert. Die Waffenlobby geht für den Profit über Leichen. Dieser Erzählung werden die Allermeisten folgen.

Ein Waffenstillstand in der Ukraine wird auch durch die Rüstungslobby und ihre Gefolgsleute in der Gesetzgebung verhindert. Die Rüstungslobby geht für Profit über Leichen.

Bei dieser Erzählung klinken sich vermutlich einige aus und verweisen sie in das Reich der Verschwörungstheorie.

Weiter in unserer Erzählung: Die allseits beliebte und von den Medien hochgejubelte Verteidigungsexpertin Strack-Zimmermann (FDP) ist Mitglied des Präsidiums des „Förderkreis Deutsches Heer e.V.“ sowie der Deutschen Gesellschaft für Wehrtechnik. Das kritisiert der Verein Lobbycontrol als mit dem Vorsitz im Verteidigungsausschuss schlecht vereinbar. Beide Organisationen hätten eine große Nähe zur Rüstungsindustrie, die damit einen direkten Zugang zum Parlament erhalte. Darauf Strack-Zimmermann :  „Ich war unbestechlich schon in der Sandkiste.“ Im Wochentester-Podcast erklärte sie weiter: „Jeder, der das verknüpft nach dem Motto ‚Die Strack-Zimmermann findet Krieg ganz toll, weil jetzt die Wehrindustrie endlich Geld verdient und ihre Waffen verkauft‘ greift meine Integrität an.“ Die FDP-Politikerin räumte in diesem Gespräch ein: „Es fasst mich an, wenn man mir unterstellt, dass ich nicht integer bin.“

Warum wählte sie die Formulierung „Es fasst es mich an?“ Sie hätte auch sagen können, es macht mich wütend etc. pp., … 1.000 andere Formulierungen, aber das ließ ihr Unterbewusstsein nicht zu.

Es fasste sie an, weil genau hier ihr wunder Punkt sitzt und sie da getroffen wurde. Anfassen tut weh, wenn der Punkt wund ist, der Vorwurf also zutrifft. Unsere Sprache verrät uns, immer und überall, und vor allem hinter unserem eigenen Rücken.

Sie keift und bellt deshalb auf allen Kanälen, weil sie offensichtlich getroffen ist in ihrem Kern: Sie ist eine durch und durch korrumpierte Speerspitze der Kriegstreiberei.

Wer diese Gesetze des Systems nicht versteht, möge sich den durch vollkommene Abwesenheit von Verstand und Zurechnungsfähigkeit gekennzeichneten spracherbrochenen Satz dieser Megäre zumindest verunsichern lassen:

„Ich war unbestechlich schon in der Sandkiste.“

Da wäre man gerne dabei gewesen.

Ich möchte – jenseits aller Gründe von politischer Lumpenhaftigkeit – allein aus jenen von Stil, Geschmack und Niveau nicht von solchen Existenzen regiert werden.

26.02.2023 – In dieser Tragödie gibt es keine Helden, nur Verlierer und Schurken.

Mein Zimmer in Kreuzberg.

Kleiner Scherz, muss auch mal sein. Ich würde niemals einen derart geschmacklosen Vorhang aufhängen. Diese Installation ist Teil der Ausstellung „The Great Depression“, siehe Eintrag von gestern. Der Titel der Ausstellung bezieht sich auf die weltweiten Folgen des Börsencrashs 1929 und könnte auch der Untertitel dieses Blogs der letzten Jahre sein.

Depressiv könnte man z. B. werden, wenn man sich den Umgang mit Fakten des „Faktenfinder“ der so hochseriösen und vermeintlich objektiven Tagesschau anguckt. Zitat Artikel „Faktenfinder“ Tagesschau unter der Überschrift „Westen hat Waffenstillstand nicht verhindert“:

„Im Netz hält sich das Gerücht, die USA und Großbritannien hätten einen bereits ausgehandelten Waffenstillstand zwischen Russland und der Ukraine torpediert. Doch der ehemalige israelische Premier hat das so nie gesagt.“

Hat er doch, steht im selben Artikel 9 Absätze später:

„Auf die Nachfrage des Journalisten, ob der Westen den möglichen Waffenstillstand blockiert hätte, antwortet Bennett: „Grundsätzlich ja.“

Die Basis des Artikels ist ein Interview mit dem ehemaligen israelischen Premierminister Naftali Bennett, der als einziger Staatsmann das Vertrauen sowohl der Ukraine als auch Russlands besaß, mit beiden über die Möglichkeit eines Waffenstillstandes verhandelt hat  und über diese Bemühungen im März 2022 im Interview berichtete. Im März 2022 waren Waffenstillstandsverhandlungen so realistisch wie nie wieder danach. Was wurde daraus? Zitat aus dem Artikel:

 „Während Scholz und auch Frankreichs Präsident Macron „mehr pragmatisch“ gewesen seien und auf einen Waffenstillstand gedrängt hätten, sei Großbritanniens damaliger Premierminister Boris Johnson für einen harten Kurs gegen Putin gewesen. Biden habe beide Positionen vertreten (!, der Autor), sagt Bennett.“ Weiter: „Insgesamt habe der Westen die „legitime Entscheidung“ getroffen, den härteren Kurs gegen Putin zu verfolgen.“

Wie der Tagesschau Faktenfinder zu seiner Überschrift kommt, „Westen hat Waffenstillstand nicht blockiert“, wird sein Rätsel bleiben, ebenso wie die Tatsache, sich selbst innerhalb von 9 Absätzen fundamental zu widersprechen.

Ganz nebenbei wird hier auch mit dem Märchen aufgeräumt, dass die Ukraine allein bestimme, wann Verhandlungen aufgenommen würden. Der Westen bestimmt den Kurs.

Das Massaker von Butscha fand übrigens nach dem Ende der Waffenstillstandsbemühungen statt. Es kann, so moralisch berechtigt das auch gewesen wäre, rein zeitlich nicht der Grund für deren Abbruch gewesen sein. Auch das ist ein in den Medien oft kolportiertes Märchen.

Es geht mir hier nicht um plattes USA- und NATO-Bashing, gar Russland Apologie, oder auch nur um wohlfeile Medienschelte. Russland ist der imperialistische Aggressor und die Ukraine hat alles Recht zur Verteidigung. Die Frage ist nur: Um welchen Preis. Und wo wurden Chancen vertan und aus welchem Interesse? Wer trägt dafür die Verantwortung? Und was läuft schief in der öffentlichen hiesigen Diskussion?

Das deprimierende Fazit: In dieser Tragödie gibt es keine Helden, nur Verlierer und Schurken. Und ja, der Oberschurke ist Putin, aber deswegen muss man ja nicht dem bellizistischen Mainstreamgeheul hierzulande auf dem Leim gehen.

Von einer Lösung entfernen wir uns immer weiter, ein März 2022 ist nicht in Sicht. Vorschläge zur Lösung sind nach wie vor Mangelware im öffentlichen Diskurs. Einen hab ich neulich gehört: Krieg einfrieren, Waffenstillstand, die besetzten Gebiete unter UN-Mandat stellen und die Lösung des Problems in die nächste Generation der Verantwortlichen vertagen. Das geht nur, wenn beide Seiten annährend gleichzeitig das Gefühl bekommen, nicht als Sieger aus dem Konflikt hervorzugehen.

Mehr Vorschläge in diese Richtung sind aus meiner Sicht sinnvoller als dauernde Panzer-Bataillon-Verschiebungsdiskussionen.