20.03.2021 – Totland


Siedlung aus den Fünfzigern, mit Teppichstangen. Eine offene Blockrandbebauung, auf hauswirtschaftliche Funktionsnutzung Wäschetrocknen reduziert. Solche Siedlungen wurden nach dem Krieg in oft mangelhafter Bausubstanz als Werkssiedlungen, kommunaler Wohnungsbau oder in halbstaatlicher Regie von Post und Bahn errichtet. Die Bestände wurden im Privatisierungswahn ab den 90ern oft billig verramscht, daraus wurden kriminelle Vereinigungen wie Vonovia und Deutsche Wohnen, beide im DAX Börsennotiert.
Konzerne entdecken jetzt das Prinzip des Werkswohnung-Baus wieder, weil sich selbst gutverdienende Fachkräfte Wohnen in Ballungsräumen nicht mehr leisten können. Geht der Kapitalismus an seinen inneren Widersprüchen zugrunde? Bloß nicht, die Alternative wäre aktuell Barbarei.
Die Blockrandbebauung setzte sich in den Achtzigern gegen das Paradigma der Großwohnsiedlung wie Märkisches Viertel oder Mümmelmannsberg durch, sie steht heute oft für Szeneviertel. Protagonisten der Blockrandbebauung waren oft Leute, die aus der Hausbesetzerszene und radikalen Linken kamen und nach den gescheiterten Kämpfen der Siebziger jetzt nicht mehr die ganze Bäckerei haben wollten, sondern wenigsten ein kleines wohnliches Stück vom Kuchen.
Die Siedlungen aus den Fünfzigern sind oft eine hermetische Welt für sich, in denen vermutlich trotz mangelhafter Bausubstanz eine hohe Wohnzufriedenheit der Insassen herrscht. Orte einer faszinierenden Zeitreise.
An der oben komme ich bei meinen Walks zwecks Körperertüchtigung fast täglich vorbei. Ich bin zu völlig unterschiedlichen Zeiten unterwegs, wie’s halt gerade passt, und ich habe in diesem halboffenen Geviert von geschätzt ca. 1.500 qm in all den Jahren niemals irgendjemanden da draußen gesehen. Eine Fläche von 1.500 qm mitten in einem Ballungsraum völlig ungenutzt als Brachland, nein, schlimmer als Brachland, denn eine Brache kann sich im Laufe der Zeit entwickeln, entfalten, die Natur wieder aneignen. Das ist kein Brachland, das ist Totland.
Hier öttelt regelmäßig der Huusmeester mit seinem Diesel-Aufsitzmäher über das Grass und hält es flach, alles Insekten- und Vogelleben im Keim erstickend. Würde einer der Insassen es wagen, sich da mal mit einem Liegestuhl auszubreiten, würden ihn die Restinsassen vermutlich aus lauter Missgunst am nächsten Baum aufhängen. Und so sieht die ganze verkackte Siedlung aus. Vermutlich hat ein engagierter Neuankömmling da mal ein Treffen Aller anberaumt zur Initiierung von Anwohnerinnen-Gärten auf den Totflächen – und ist sofort nach dem Feedback ins märkische Viertel, in die Anonymität gezogen.
Ich aber habe für das Frühjahr eine Aufgabe: Die akribische Dokumentation des Lebens, ach, was sag ich, des Vegetierens auf dieser Vorhölle. Und den nächsten Blogeintrag werde ich einer weiteren vergangenen Welt widmen: Dem Instrument zum Bearbeiten von Teppichstangen und Hosenböden von renitenten Halbwüchsigen, dem Teppichklopfer.

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