20.04.2021 – Leporello


DIN EN 14683 – Medizinische Gesichtsmasken. Dieses hochexakte Hinweisschild an einem Gartencenter weckte in mir selige Erinnerungen an ein anderes Leben, in dem ich noch als Angestellter eines Maschinenbauunternehmens unter anderem für die Verwaltung des gigantischen Normenbestandes zuständig war, in einer Zeit, als die nationalen Normen, wie DIN, EU-weit angeglichen und standardisiert wurden, in eben EN, also Euro-Normen.
In einer Zeit, in der es praktisch kein Internet gab, in der der Bürostandard noch klafterdicke Leporellolisten war und die Erstellung eines Textdokumentes ein viersemestriges Aufbaustudium voraussetzte. Grausige Zeiten.
Ich entwickelte im Büro, wenn ich mal nüchtern war, ein geradezu libidinöses Verhältnis zur Normung und plante eine Lesung aus dem deutschen Normenwerk. Es gibt ja nichts, was nicht genormt ist, von Kondomen über Pissrinnen bis hin zu Atomkraftwerken. Die letztlich auch nur Druckwasserreaktoren sind, was sich viel charmanter anhört. Und das ganze Normenwerk in einer vollkommen eigenen Sprachwelt.
Feinde der Normung verfolgte ich mit dem jedem aufrechten Linken innewohnenden Vernichtungsfuror. Eine Zeitlang parkte in der Nähe meiner Homebase ein rosa(!)farbener Uralt-Daimler, erkennbar alternativ-verbeult-ungewaschen, mit der breit gemalten Anarcho-Aufschrift „Keine Normen!“. Ich überlegte, in den Lack der Karre zu ritzen: „Wenn es keine Normen gäbe, könntest Du Dir noch nicht einmal ein Dreirad leisten, Du Penner! Geh lieber arbeiten!!“
Schon damals wurde der Keim in mir gelegt für meinen später abgrundtiefen Hass auf alle alternativen Mief-Kieze dieses Planeten, in denen der Horizont der Insassen im Normalfall an der Theke der nächsten Szene-Saufstube endet.
Zu DIN etc. fällt mir immer wieder der Spruch aus einem alten Normungs-Lehrbuch der Sechziger (!) ein:
Selbst Bimbo hat es schon erfasst,
nur ein genormter Stecker passt.
Die einzige Fundstelle dazu ist mein eigener Blog mit einem Eintrag von 2018. Welch anmutiger Witz, welch scharfsinnige Analyse. Aber auch: welch Melancholie. Damals war meine Homebase offensichtlich Berlin, Schöneberg umme Ecke. Was im Moment so weit weg ist wie der Mars, ein Restaurantbesuch und die SPD von der Kanzlerschaft.
Aber das mit der Normen-Lesung, das ist keine schlechte Idee. Später mal, vor der nächsten Seuche. Sowas geht nur in einem Avantgarde-Laden, mit einem kultursinnigen Publikum voller Geschmack und Kenntnis, das zum Beispiel die Geschichte von Leporello und seinem Herrn, Don Juan, kennt und es zu würdigen weiß, wenn mein Manuskript aus einer ellenlangen Leporelloliste besteht. Sowas geht nur in Berlin. Seufz.
Aber ich sehe Licht am Tunnel.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.