04.01.2023 – Zauberhafte Zustände. Zumindest Zuhause.

Die Tiere des Gartens lungern durchaus schon mal in meiner Küche rum. Der hier knabbert meine Puschen an. Zustände wie im Paradies, wo der Mensch eins mit der Natur war und alles Übel dieser Welt, nach der Vertreibung aus dem Paradies, durch Arbeit in sie kam, siehe Bibel: „Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen“.

In der Wirklichkeit lief es eher so ab: Vorläufer des Homo sapiens begannen Werkzeuge zu nutzen, vor ca. 2 Millionen Jahren, daraus resultierte Aufgabenteilung und Spezialisierung, die Notwendigkeit zu differenzierter Kommunikation, ergo Sprache, entstand und im Laufe der Entwicklung von Arbeit als bewusst zielgerichtetem Prozess (durchaus schon zur Wohlstandsmehrung) entwickelte sich der Mensch, als – letztlich missglückte – Primatensonderform. Denn die weitere Entwicklung war ebenso zwangsläufig und zivilisatorisch grandios wie aber auch verheerend: Privateigentum, Familie, Patriarchat, Staat, Kapitalismus. Mehr dazu hier.

Das ist nicht nur graue Theorie, sondern steht permanent praktisch vor der Tür, tagesaktuell als Elefant im Raum im Rahmen der Diskussion um die Sylvester-Riots. Ach, was mühen sich Feuilleton, Wissenschaft, Politik und Sozialarbeit um die Ergründung der Hintergründe und Motive der Gewaltexzesse. Mitunter hat man dabei das Gefühl, die Täter seien Barbaren aus einer anderen Zeit, von einer anderen Welt.

Vielleicht erleichtert ein Blick in die nahe Vergangenheit das Verständnis. Der Siegeszug des Neoliberalismus in den Neunzigern hatte u. a. zur Folge den rapiden Niedergang kollektiver, Wertevermittelnder Instanzen wie Gewerkschaften, Kirchen, Parteien, Vereine. Stattdessen hampelte das auf materiellen Erfolg und Durchsetzungsvermögen getrimmte Individuum egoman im Fitnessstudio rum und frönte der Ersatzreligion, dem gestählten Körper, allzeit bereit, dem Konkurrenten im Leistungswettbewerb den Ellenbogen, das wichtigste Organ, in die Rippen oder sonst wohin zu rammen. Das Ziel: Materieller Reichtum statt authentischem Leben. Die höchste Stufe der Entfremdung. Alles wird zur Ware, die eigene Würde wird schamlos auf dem Altar der Öffentlichkeit, den Medien, seien sie privat oder asozial, geopfert. Wer vom Karussell fliegt, stürzt tief, in die Vernichtung bürgerlicher Existenz. Und statt Hoffnung am Horizont Düsternis.

Was ist wohl das Produkt solcher Entwicklungen, hier nur grob und völlig unzureichend skizziert? Solidarische Wesen voller Empathie und Fürsorge?

Die hilflose Wut, mit dem Ruf nach Böllerverboten, härteren Strafen, ausufernder Kontrolle und Überwachung, mit der Viele auf die Gewaltexzesse reagieren, legt einen Verdacht nahe: Sie ahnen, dass die Täter logische Produkte unserer Gesellschaft sind. Letztlich ihre Kinder.

 Ich würde gerne weiter das Füllhorn meiner Weisheit über Sie, liebe Leserinnen, ausgießen, aber mein neuer Kumpel ramentert an der Verandatür, der will rein. Meine Puschen haben es ihm offensichtlich angetan.

Zauberhafte Zustände.

Zumindest Zuhause.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert