05.02.2018 – Doppelkegelbahn, Nelken und Rumtopf

doppelkegelbahn
Doppelkegelbahn. Beim Thailänder.
Gentrifizierung ist wie ein Krebsgeschwür, dieser Prozess frisst sich Stück für Stück wie bösartig wuchernde Metastasen in umliegendes Gewebe. In einem meiner Nachbarviertel ist das gut zu beobachten, wie sich dieser Prozess von hier aus langsam da reinfrisst. Früher war das ein subproletarischer Schmuddelkiez, mit dreckigen Ecken, schäbigen windschiefen Häusern, rottigen Kneipen und einer soliden Trinkerszene, die im Umfeld ihrer Kioske ihr Quantum Trost in Form von Oettinger und Flachmännern verklappt. Dort gab es den einzigen Blumenladen der westlichen Hemisphäre, in dem ich meine roten Nelken für den 1. Mai kriegte. Da bin ich beinharter Traditionalist, ein 1. Mai ohne die Blume der Arbeiterbewegung? Da kann ich auch gleich den 30. April begehen. Das ist der Tag des Lärms, der Tag für gewaltfreie Erziehung und der Welttag der Frisuren. An dem Tag würde ich laut brüllend mit einer Vokuhila Perücke umhervagabundieren und plärrende Blagen in den Arsch treten.
Mach ich aber nicht. Ich mach 1. Mai.
nelken
Den Blumenladen gibt es nicht mehr. Dicht. Er lag in der Nähe eines Neubaugebietes namens „Wasserstadt“ und wer eine Ahnung von den Gesetzen des Immobilienmarktes hat, weiß, dass sich alles Bewohnbare in der Nähe von Wasser verkauft wie Cannabis nach der Freigabe. Mit vorab Ausstrahlung auf das Umfeld. So ist ein paar Meter weiter vorab ein Gymnasium entstanden, ein putziges Eigenheimidyll, eine Konzertlocation für klassische Musik, das eine oder andere Latte-Macchiato Etablissement etc. pp. Ich denke, das reicht an Beschreibung. Und so radle ich mit wachsender Wehmut auf meiner Kopf-Durchpusten-Tour durch dieses Viertel und zittere vor dem Moment, wo der Thailänder mit der Doppelkegelbahn dichtgemacht, verdrängt wird.
Doppelkegelbahn, dass muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Sie, liebe Leserinnen, wissen definitiv nicht, wo sich Ihre nächste einfache Kegelbahn befindet. Geschweige denn eine Doppelkegelbahn. Und dann noch bei einem Thailänder, wo die Wantan Suppe schlappe 2,80 Euro kostet.
Das ist ein kosmisches Gefühl der Entrücktheit, wenn ich da vorbeiradle. Ein tiefes melancholisches Sehnen, die Welt anhalten und zurückdrehen zu können, schnürt mir mitunter den Atem ein.
Umso schlimmer, als ich ja selber Teil des Problems von Gentrifizierung bin. Wenn in der Konzertlocation das nächste Mal wieder das Nomos-Quartett mit seiner Mischung aus Mozartstreichquartetten und moderner Musik auftritt, bin ich sicher wieder dabei und werde in der Pause einen feinen Weißburgunder verklappen. Nix von wegen Oettinger.
Was bleibt, ist die eigene Flucht nach vorne in die Avantgarde mit den Mitteln der Vergangenheit.
rumtopf
Rumtopf.
Nachdem ich nur noch TDK 90er Cassetten höre (Vinyl ist innerhalb der Avantgarde schon megaout), bin ich letztes Jahr dazu übergegangen, Rumtopf anzusetzen. Beachten Sie das Original 70er Jahre Design. Und das Zeug ist so geil, nach 6 Monaten Reifung schlabbere ich das löffelweise weg. Seit dem Anbruch im Dezember ist der erste Topf halb leer. Der sollte bis zum Sommer reichen!
Rumtopf ist das nächste Big Thing der Avantgarde! Setzen Sie, liebe Leserinnen, gleich einen an. Alles rein, was lecker ist. Super ist Ananas und Mango. Nix von wegen nur doitsche Früchte im Wechsel der Jahreszeiten. 5 Pullen 54%er Rum drauf, 6 Monate ziehen lassen und Sie kriegen die Finger nicht mehr aus dem Topf.

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