Archiv für den Autor: admin

22.5.2016 – Die Nacht, in der der wahnsinnige Clown mit seinen Maschinen die Weltherrschaft übernahm, war milde.

20160415_211443
Der wahnsinnige Clown marschiert mit seinen Maschinen im Einkaufszentrum ein und übernimmt die Macht über die Menschheit. Sein Plan geht auf: Die Realität war derart aus den Fugen geraten, die Politik so grotesk geworden, dass die Menschheit es gar nicht merkte. Bis auf mich natürlich, ich dokumentierte den Einmarsch, relativ leidenschaftslos. Ich dachte mir: Noch verrückter kann die Welt kaum werden und das ist doch wieder ein prima Foto für meinen Internet Blog.
Ein paar rebellische Freiheitsgeister leisteten Widerstand. Ich war skeptisch.
selbsverwaltete freiräume
Hoffentlich gehört die Orthografie nicht zu den selbstverwalteten Freiräumen.
Und so wie ich meine Genossinnen kannte, hatten sie sich über die Frage, ob mensch sich in Wunstorf an der Bahnhof Südseite, Nordseite oder Ostseite treffen soll, schon in vier Fraktionen zerlegt. Die Wetteraussichten für heute: 29 Grad, sonnig. Ich wünsche allen Leserinnen einen zauberhaften Wochenbeginn.

20.05.2016 – Korn Ein Euro. Quadratmeter Wohnung 18.000 Euro.

stärkt den öffentlichen dienst
Stärkt den öffentlichen Dienst. Wenn doch alle gewerkschaftlichen Forderungen so schnell in die Praxis umgesetzt würden.
köpi
Köpenicker Str. Berlin, beim Karneval der Subkulturen. Die „Köpi“ ist seit über 25 Jahren ein praxisbasierter und diskurstreibender Kristallisationspunkt in der Gentrifizierungsdebatte, also schon zu einer Zeit, in der es diesen Begriff noch gar nicht gab, jedenfalls nicht hierzulande. Ich mach mir da keine Illusionen, außer ein paar irgendwie selbstverwalteten Inseln (die meist früher oder später an internen Widersprüchen implodieren) wird das Kapital von Orten, die sich dem Verwertungskarussell querstellen wollen, nicht viel übrig lassen. Zitat nach – nicht von! – Karl Marx über den Profit : „… für 100 Prozent stampft es (das Kapital, d. A.) alle menschlichen Gesetze unter seinen Fuß …“
Im Palais Varnhagen in Berlin Mitte werden Stand Mai 2016 Wohnungen verkauft für 18.000 Euro pro Quadratmeter. Die Zahlen des Tagesspiegel von 2014 von zwischen 5.500 und 12.000 Euro sind innerhalb von nicht einmal zwei Jahren um bis zu fast 300 Prozent (siehe auch dazu das obige Zitat) übertroffen. Die Wohnungen dort sind alle verkauft.
Am Mariannenplatz, Ort jährlicher 1. Mai Hönkelarien, weht ein leichter Wind. Meine Füße werden langsam dick, wir halten in meiner Berliner Lieblingskneipe Einkehr. Der Bier- und Tabakbrodem raubt einem die Luft, am hellen Tag. Plastikblumen, Asbach Uralt Werbeschilder, eine Musikbox, Holztische, am Tresen Betrunkene, ein Amerikaner torkelt sturzbetrunken herein, fängt an zu grölen und wird unsanft entfernt. Korn kostet einen Euro.
Wir halten inne, trinken schnell und viel und fühlen uns wohl.
korn ein euro
Kneipe nähe Mariannenplatz. Der Name wird nicht verraten.
Es gibt Momente, da wünscht man sich eine Zeitmaschine, in der man ein paar Jahre zurückreisen kann, um die Welt da draußen zu vergessen.

18.05.2016 – Da ist der Wurm drin? Wir sind im Wurm drin!

„Erwin Wurm bei Mutti“ heißt die aktuelle Ausstellung in der Berlinischen Galerie. Ich muss in Ausstellungen des Österreichers immer lachen. Nicht bildungsbürgerliches Schmunzeln a la „Hoho, da hat der Wurm aber der Gesellschaft mal wieder köstlich den Spiegel vorgehalten“ sondern proletarisch laut, wie in einem Film mit Dick und Doof.
Von Wurm lasse ich mich sogar zum Idioten machen.
idiot sein
Anweisung von Wurm
ich bin ein idiot
Ich mache mich zum Idioten.
Von Wurm lasse ich mich auch gerne zu neuen Formen kommunikativen Handelns anleiten.
wurm 0
Anleitung
wurm1
Skizze
wurm2
Wir sind im Wurm drin.
Sollten Sie jemals auch nur in die Nähe des Wurmschen Kosmos kommen: Betreten Sie ihn, liebe Leserinnen. Es lohnt sich! Und wer vermutet, dass sich hinter derart humorbasierter Suche nach Erkenntnis ein Geist auf der Höhe der Zeit verbirgt, hat recht.
Einsichten eines Wurm
Einsichten eines Wurms.

17.05.2016 – Von Lenin, Buddha und anderen Gipsköpfen

karbneval der kulturen
Alle Jahre wieder treibt mich der Karneval der Kulturen nach Berlin, dieses Mal eher kühl, aber trotzdem feurig wie immer und einfach bunt und schön. Am Vortag hingen wir zu zweit (zusammen über 120 Jahre alt) beim Karneval der Subkulturen ab, ein Pendant zur Hate Parade früherer Zeiten der Love Parade.
karneval der subkulturen
Obwohl wir den Altersdurchschnitt extrem nach oben prügelten bei dieser Vollversammlung sämtlicher autonom-schwarz gekleideten Genoss*innen Berlins, fühlte ich mich dort weder unwohl noch fehl am Platz.
Die Publikums-Schnittmenge beider Karnevale dürfte nur unwesentlich über (uns) zwei gelegen haben. Bei der Erkundung Restberlins stießen wir auf jede Menge Gipsköpfe.
lenin
Der revolutionäre Umzugsgenosse Zapf ist ebenso schon verstorben wie Lenin.
buddha
Und der ist schon lange tot und fragt sich sicher, wie das Auto in seinem Rücken auf diesen Parkplatz gekommen ist.
Es steht mir nur gering an, den derzeitigen Dalai Lama zu kritisieren, ein Linienhalter der Gelbmützen-Schule (Googlen Sie’s, ic h bin zu faul für Link-Einfügung). Was ich massiv kritisiere, ist die Trägheit der Hirne unserer alternativen Mittelschichts-Kasper*innen, die zu Massen die vor Schlichtheit brummenden Parolen des Gelbmützen-Trägers anbeten und nachplappern. Wir leben im Hier und Jetzt und nicht im Tibet vor 2.000 Jahren, auch wenn das mitunter anstrengend ist.
Warum ist der Rest der Welt nicht so erleuchtet von der Fackel der Aufklärung wie ich? Andererseits: Wer zahlt mir was dafür? Seufz. Aber schön war’s in Berlin

13.05.2016 – Einfach krank.

balsam für die nerven
Balsam für die Nerven.
Rückwand unseres Gartens, ich hab drauf bestanden, dass die in diesem Grün gestrichen wird und nicht in diesem alternativen 08/15 Ockerton. Wenn ich Stress habe, gehe ich morgens in den Garten und gucke da drauf. Wenn die aufgehende Sonne da drauf scheint, ist das heiterer Balsam für die Nerven. Ich habe im Moment im Job viel zu tun, Redaktionssitzungen für die nächste NETZ – Niedersächsische Teilhabe-Zeitung ziehen sich mitunter bis Mitternacht hin und die Aktion zu ihrem Kick-off am 10.06 in der City von Hannover will auch geplant sein. Die Sozialministerin hat ihr Kommen zugesagt und wenn die Aktion gegen die Wand läuft – Prost Mahlzeit. Da gibt es einige Interventionen dabei, die kann man nicht planen, üben, und nach meiner Erfahrung passiert gerade bei Straßenaktionen das, was passieren kann, – und mitunter noch schlimmeres. Die Vorstellung, dass die Ministerin hinterher zu mir sagt: „Herr Gleitze, für so was rauben Sie mir meine Zeit?“ versetzt mich nicht gerade in Euphorie. Gut, dass ich ne alte Rampensau bin und alles, was schief läuft, als Bestandteil eines genialen Plans verkaufen kann. Und die Ministerin ist zwar ziemlich energisch, aber auch freundlich. Sie würde wohl eher sagen:
„Ich fand das heute hier recht ungewöhnlich und interessant.“
Als ob das nicht reicht, ereilte mich gestern der Ruf einer Castingfirmen für ein Hammer
TV-Quiz. Ich bin immer noch in den Datenbanken aller Castingfirmen dieser Welt, nach meiner nicht ganz erfolglosen Tour durch die Quizszene.
110309das duell übersicht Kopie
They called me the Champ.
Aber Günther Jauch hab ich in nicht so guter Erinnerung und der moderiert die neue Show.
Und als Krönung kam noch eine Einladung für eine Fraktions-Anhörung im Landtag. Meinen ersten Satz weiß ich ja schon: „“Ceterum censeo carthaginem esse delendam – hat einmal der große Cato gesagt und er hatte recht! Die alte Arbeitsmarktpolitik gehört auf den Misthaufen der Geschichte!“
War das überhaupt Cato und wie geht es danach weiter und stehen Abgeordnete überhaupt derlei rhetorische Geniestreiche?
Eins weiß ich sicher: Im Juli und August lass ich alle viere grade sein! Zeit sich auszuruhen.
Dazu ein Zitat des Chefs von Adidas von heute morgen, der sich jetzt zurückzieht und auf eine Bilanz verweist, in der der Umsatz verdreifacht und der Gewinn verfünffacht wurde: „Natürlich können wir uns trotz aller Erfolge nicht ausruhen.“
Warum sagt ein Konzernchef niemals: „Leute, wir hatten sensationelle Erfolge, unsere Aktionäre haben sich derartig die Taschen vollgeschaufelt, dass die nur noch krumm gehen. Wir lassen es in diesem Jahr mal etwas langsamer angehen und ruhen uns ein bisschen aus.“
Weil das ganze System einfach krank ist. Die Krankheiten, die am meisten zunehmen, sind psychischen Ursprungs, Depressionen, Burn-Out. Und Paranoia. Die Definition eines neuen Krankheitsbildes, für das man umgehend in die Klapsmühle eingewiesen wird, zeichnet sich schon ab – für die, dieses System so sehen, wie es ist:
Die Krankheit nennt sich Realismus.

11.05.2016 – Nicht sterben sollt Ihr unbescheiden sondern leben wie die Könige!

Was sich anhört wie ein Zitat aus Shakespeares „Was Ihr wollt“ hab ich mir in Wahrheit selber ausgedacht. Mit meinem eigenen Kopf. Wohl dem, der so was hat. Wieso ich auf diesen Appell auf ein gutes Leben vor dem Tode komme? Deshalb:
unbescheiden
Bestattungen Unbescheiden.
Was mich an dem Bild irritiert: Das sieht so aus, als ob der Steinmetz sich mit seinem Hammer das Bein zertrümmern will. Selbstverstümmelung. Darauf stand bei den Nazis wegen Wehrkraftzersetzung die Todesstrafe.
Wie schnell man doch von Shakespearischer Heiterkeit ruckzuck im Reich von Thanatos landen kann. Also nicht bescheiden sein im Leben. Sich auch mal was Nettes zum Anziehen gönnen. Umständehalber durfte ich neulich durch die edleren Läden von Hamburgs Shopping Zone flanieren. Unter anderem fiel mir dieses Outfit auf:
klamotten
Das sieht doch voll Scheiße aus.
Für eine komplette Hose hat der Stoff nicht gereicht, klobige Arbeitsschuhe und ein Anorak, für den ich früher auf dem Schulhof wegen Streberalarm Senge gekriegt hätte. Der Bundeswehrschlips reißt das genauso wenig raus wie das Beerdigungshemd. Wer mit diesem Outfit des Grau-ens bei Regen unterwegs ist, braucht keine Tarnkappe. Meine Erwartung, dass derartige Geschmacksverirrungen kostenlos an Bedürftige verteilt würde, erweisen sich als fundamentaler Irrtum, wie ein Blick auf die Preisschilder zeigte.
preise
Beruhigt zog ich meines Weges. Geld und Geschmack scheinen mitunter natürliche Feinde zu sein.

09.05.2016 – Du kannst ihn mir auch hinten reinstecken

Ich war dann doch an den Landungsbrücken gelandet beim Hamburger Hafengeburtstag. Völlig abgenervt von Abermillionen Feierwütigen starrte ich auf diese Barkasse.
du kannst ihn mir hinten reinstecken
Ob das der richtige Namen der Eignerin ist? Der ist doch irgendwie … fragwürdig.
Ich meine, wer will schon Gabi heißen? (Das mit „Gabi“ war eine Einführung in die Kunst des Gagschreibens. Grundregel Nr. 3 dabei: Die enttäuschte Erwartungshaltung. Wenn Sie beim Gagschreiben 6 oder 7 Grundregeln beachten, können Sie jederzeit Gags für Comedy oder Sitcom produzieren. Am besten erst mal im eigenen YouTube Kanal.)
Im Grübeln über Glitscher hörte ich hinter mir eine Frauenstimme:
„Du kannst ihn mir auch hinten reinstrecken.“
Ich drehte mich um und starrte die Sprecherin entgeistert an. Die adressierte mit diesem Satz ihren einen Kaffeebecher tragenden Begleiter und deutete in ihrer Rede nach hinten auf ihren Rucksack.
Den Rest meiner Flucht nach Blankenese grübelte ich darüber nach, ob die Welt um mich herum völlig versaut ist oder ob ich an präsenil-projektiver Erotophilie leide. In Blankenese – home of the very rich – war meine Welt wieder in Ordnung. Ich hatte der Fachwelt in Sachen Psychopathologie den Begriff der „Präsenil-projektiven Erotophilie“ geschenkt und hier war die Welt ruhig, beschaulich, heiter, gediegen und mit Wohlstand, Eleganz und Überfluss getränkt. Ich musste an die von Sozialneid zerfressenen Gentrifizierungsgegner in meinem Kiez denken, die schon hyperventilieren, wenn eine Wohnung mal 4.500 Euro pro Quadratmeter kostet.
Ich sach nur: Reisen bildet.
Ein qm Wohnung Blankenese 8556,15 euro
Ein Quadratmeter kostet 8556 Euro. Vermutlich eine billige Wohnung für das Gesinde. Bei den richtig teuren steht kein Preis dabei.
Nach diesem Hamburg Besuch fiel es mir schwer, in die Niederungen des Klassenkampfes hinabzusteigen. Ich war wütend auf die da oben, die denen da unten den Krieg erklärt hatten. Gerne hätte ich weiter geschwebt auf einer Wolke von präsenil-projektiver Wohlstands-Erotophilie.

04.05.2016 – Lieber David Hasselhoff als Reiner Haseloff

Reiner Haseloff, Ministerpräsident einer Provinz in der Ostzone, will den „rechten demokratischen Rand zurückzugewinnen“. Aus Gewohnheit hat sich bei diesem heutigen Statement in der „Welt“, die aber vor lauter Deutschland die Welt nicht wahrhaben will, noch die Demokratie mit eingeschlichen. Bei weiteren Wahlerfolgen der AfD wird sich auch das erledigen. Man gibt also jenen Affen Zucker, die zu Mord und Totschlag gegenüber Menschen aufrufen, die nicht der eigenen Leitkultur frönen.
Wie die aussieht, kann gerne auf Oktoberfesten besichtigt werden. Ich wollte da mal eine Lesung mit Gedichten von Hölderlin machen, immer neben den Lederbehosten, die gerade coram publico auf ihre Trachtenjanker kotzen oder hinpissen, wo es ihnen gerade einfällt. Hab’s gelassen. Ich bin mutig, aber nicht lebensmüde. Da ist mir der Ex-Kampfschwimmer und jetzige Kampftrinker David Hasselhoff lieber, von dem heute morgen durch die Medien ging, dass er pleite ist. Eine ehrliche Pleite und kaputte Leber ist mir allemal sympathischer als dieses verkniffene Spaßbremsengesicht von Reiner Haseloff. Und David war immerhin mal mit Pamela Anderson verheiratet. Reiner war wohl mal Direktor eines Arbeitsamtes. Also vor die Wahl gestellt, wäre ich allemal lieber eine Woche mit Pamela Anderson verheiratet als eine Woche Direktor eines Arbeitsamtes. Ich hoffe, dieses Statement ist nicht irgendwie Arbeitsamtfeindlich.
dada
Fazit: Die Welt ist Dada und ich bin im Bilde.
Die Politik – wer ist das eigentlich „die Politik“? – ist hilflos angesichts der Erfolge der AfD. Hinterherlaufen klappt nicht, die Leute wählen eh das Original. „Den Menschen unsere Politik besser erklären“, schallt es aus dem Bundestag. Wie gut das mit Erklärungen und Argumenten klappt, kann man gerade in den USA beobachten. Da wird ein Typ Präsidentschaftskandidat der Republikaner, der noch wirreres Zeug daherdeliriert als David Hasselhoff im Wachkoma und der hierzulande noch nicht mal ins Dschungelcamp dürfte, weil er so durchgeknallt ist.
Mit dem Appell an die Ratio, und das ist für mich als vehementer Anhänger der Aufklärung besonders bitter, kommt man in heutigen Zeit nicht weiter. Wenn Vernunft auf Ressentiment prallt, klingt es allemal hohl, und zwar nach jenem Schädel, in dem außer Ressentiments nur Bankauszüge gespeichert sind. Wenn wir keine bildträchtige und wirkmächtige große gesellschaftliche Erzählung mit kulturgetränkten, emotionalen Unterströmen produzieren, können sich die Parteien ihre Wahlprogramme an die Türen ihrer mangels Masse demnächst zu schließenden Parteibüros nageln. Nur das Luther mit dem Nageln damals mehr Erfolg hatte. Die große, neoliberale Erzählung der letzten zwei Jahrzehnte hieß „Ich, Ich, Ich“. Wenn der keine neue solidarische Erzählung eines unvölkischen, kosmopolitischen „Wir, Wir, Wir“ folgt, dann kann demnächst der Letzte die Tür hinter der Zivilisation zumachen.
Mir egal, ich setz mich demnächst wieder in den Garten und grille. Was geht mich die Welt da draußen an. Ich erfülle meine Staatsbürgerpflicht mit dem Schreiben dieses aufklärerischen Blogs hier.
warten
Zeichnet sich am Horizont die nächste große gesellschaftliche Erzählung ab oder ist es einfach nur ein schöner Tag?

02.05.2016 – Der Fortschritt ist auf den Hund gekommen.

mai motiv 1956
Maimotiv von 1956 – nach 60 Jahren aktueller denn je.
Arbeitszeit wird immer entgrenzter und Arbeit immer prekärer. Dazu ein Zitat aus der Rede von Edeltraut Glänzer, der stellvertretenden Vorsitzenden der IG BCE, auf der Kundgebung in Hannover:
„Andrea Nahles macht einen tollen Job.“
Wer aus der Geschichte nichts lernt, ist bei Strafe des eigenen Untergangs zur Wiederholung seiner alten Fehler verurteilt. Auf dem 1. Mai wiederholen sich solche Fehler dann als Farce. Dass die SPD schnurstracks auf dem Weg zur Fünf-Prozent-Hürde ist, ist regelrecht tragisch und daher – so ist das Wesen der Tragödie – unvermeidlich. Ich bedaure das zutiefst, denn die Alternative zur SPD ist gruselig. Dass die Gewerkschaften da treu und brav wie die Lemminge hinterherdackeln, ist schon skurril.
auf den hund gekommen
Der Gewerkschaftsdackel. Der Fortschritt ist auf den Hund gekommen.
Zählen die Kolleg_innen eigentlich ihre Truppen nicht? Gehofft hatte der DGB auf 20.000 Teilnehmer_innen, verkündet hat er dann 10.000. Die Polizei kam auf 5.000, nach meiner Wahrnehmung waren es eher noch weniger, die Leere auf dem Trammplatz war erschreckend. Die Lehre daraus? Vielleicht sollten sich Gewerkschaften mal ein bisschen mehr um die Spaltung im Lande kümmern und sich nicht überwiegend als Versicherungsvertreter für weiße, männliche Facharbeiter und Angestellte im öffentlichen Dienst inszenieren.
Erster Schritt: Kampf um eine drastische Verkürzung der Arbeitszeit auf 30 Wochenstunden. Wir haben eine Arbeitsplatzlücke von ca. 10 Millionen und die wird immer größer. Das deutsche Jobwunder ist ein Mythos. Kein Wunder, dass Gewerkschaftsmitglieder überdurchschnittlich AfD wählen. Denen sitzt die nackte Angst im Nacken.
Ich träume von einer Gewerkschaftskampagne 2030:
Müßiggang und Schlendrian
gegen deutschen Arbeitswahn.

autonome folklore
What’s left? Autonome Fackelfolklore – glänzend inszeniert. Angekündigt mit einem Feuerwerk, dann zwei, drei starke Bilder und abtauchen im Dschungel der Großstadt.
Fazit: Es war ein zauberhafter 1. Mai.
Aber nicht wegen der Gewerkschaften.

30.04.2016 – Frei sein, high sein, am 1. Mai dabei sein.

Ich bin wohl das, was man früher, als es noch eine nennenswerte Linke gab, undogmatischen Linken nannte. Grundüberzeugungen müssen sein, Tradition auch, aber bitte immer auf der Höhe der Zeit und am besten Avantgarde-mässig vorweg marschieren. Der 1. Mai ist traditionell sehr Traditionsbehaftet: Erbsensuppe, Arbeiterlieder, Fahnen, Marschkolonne. Muss sein, aber da kann mitunter ein bisschen mehr Selbstironie dabei sein.
In diesem Sinne haben in den letzten Jahrzehnten verdiente Genoss_innen des Arbeiter- und Bauernkollektivs SCHUPPEN 68 immer wieder kritisch die Plakat- und Transpi (für Nichteingeweihte: hat nichts mit Deo und Achselgeruch zu tun, ist Kürzel für: Transparent)-Frage gestellt.
weg mit dem dfb verbot
Es kam immer wieder zu Fragen aus der Arbeiterschaft: Was soll das?
1. Wussten wir das teils selber nicht. Wir waren jung, wir waren benebelt. Der Gott, der rote Fahnen wachsen ließ, möge uns vergeben.
2. War mit den Fragen unser Aufklärungsziel schon erreicht. Nur eine Arbeiterschaft, die Fragen stellt, ist eine mit Zukunft!
Dass es dann doch nicht so gut mit der Zukunft der Arbeiterklasse gelaufen ist, lag jedenfalls nicht an uns!
Die Plakatschaffenden Kolleg_innen des DGB waren leider selten ästhetisch so gelungen im Bilde wie hier
1956_MaiPlakat1

 

 

 

 

 

 

 

 

1. Mai 1956

 

1950_MaiPlakat Kopie

 

 

 

 

 

 

 

 

Völlig daneben, aber hochinteressant: Das erste Maiplakat nach dem Kriege, 1950.
„Neuordnung der Wirtschaft“ heißt nichts anderes, als das da noch die Systemfrage diskutiert wurde. Klar war nach 1945: Nie wieder Faschismus. Und Faschismus galt als eine zwar abartige, aber eben doch eine Form bürgerlicher Herrschaft. Also stand auch in Westdeutschland die Einführung eines wie auch immer gearteten Sozialismus auf der Agenda.
Das erlebe ich ja nun nicht mehr. Gottseidank. Bevor das Experiment wieder angegangen wird, muss noch ne Menge aufgearbeitet werden.
Zum Schluss noch ein Requiem für einen, der immer Teil der Lösung und nie Teil des Problems war:
günther paul fechner
Günther „Paul“ Fechner, ehemaliger Betriebsrat der Fa. Hermann Berstorff. Ich kenne keine Handvoll Leute, die mich ähnlich beeinflusst haben. Ein Jahr nach Renteneintritt gestorben. Wenn ich mir dagegen angucke, wer alles noch lebt, zweifle ich am gerechten Gang der Dinge. Also, liebe Genossinnen: Frei sein, high sein, am 1. Mai dabei sein!
Wie allerdings der hiesige DGB auf die Annahme kommt, das in Hannover 20.000 Leute dabei sein werden, ist mir rätselhaft. Weil Sonntag ist? Oder gibt’s Freibier und Erbsensuppe?