
Aktion der Landesarmutskonferenz vor dem niedersächsischen Landtag zu Hartz-IV, 22.09.2022. Der NDR schrieb: „Dramatische Situation: Landesarmutskonferenz fordert Hilfen“. Unter anderem Aussetzung der Schuldenbremse und Vermögensabgabe, um den sozialökologischen Umbau der Gesellschaft zu finanzieren, z. B. mit einer Fortführung des Neun-Euro-Tickets und 200 Euro höheren Hartz-IV-Regelsätze. Nichts Radikales, nichts Neues und um so was in die Medien und die Politik zu transportieren, um öffentliches Bewusstsein dafür zu schaffen, bedarf es starker Bilder. Mit Papier bewegen Sie die Welt keinen Angström vorwärts, egal ob Sie Presseerklärungen machen, Konzepte verfassen oder gar Bücher vollschreiben, was eine maximale Ressourcenverschwendung ist. Wieviel arme Bäume müssen jährlich für sinn- und vor allem folgenloses Geschreibsel sterben. Wenn Sie also ein Anliegen haben, von dem die Welt wissen soll, überlegen Sie sich zuerst ein starkes Bild, um es in selbige zu transportieren. Ein Bild sagt bekanntlich mehr als 1000 Worte – und mehr als ein ganzer Wörtersee.
Ein Bild zu produzieren ist auch eine Kostenfrage. Im Bild oben sehen Sie zwei völlig unterschiedliche Kategorien: Vorne den kleinen Warenkorb mit ein paar Scheiben trocken Brot, hinten einen gigantischen Einkaufswagen, in den ein Kleinwagen passt und in dem die winzige Tagesration Essen für Hartz-IV-Bezieherinnen völlig verschwindet. Beide Bilder sollen die verzweifelte Situation im Hartz-IV-Bezug visualisieren, der kleine Warenkorb durch Dramatik, der Wagen durch überwältigende Größe (Sizes matters!). Das eine Bild kostete ein paar Cent, das andere ein Viel-Tausendfaches, der gemietete Wagen musste über die Autobahn zum Landtag transportiert werden.

Durchgesetzt auf Dauer hat sich medial das kleine, es kursiert immer noch. Wie hier im Artikel der jungen welt vom 04.12, in dem ein Sammelband beworben wird über gescheiterte Versuche, die Armutsbevölkerung von links zu mobilisieren.
Das hat hierzulande noch nie funktioniert, die Verdammten dieser Erde, die Unterdrückten, Prekären, Armen, Ausgegrenzten zu mobilisieren. Das ist in der Soziologie seit der Studie „Die Arbeitslosen von Marienthal“ von 1933 bekannt. Die Abwärtsspirale lautet im Normalfall: Armut, Isolation, Resignation, Frustration, Aggression, Treten nach unten, folgenlose Wut gegen „Die da oben“ und neuerdings flächendeckendes Abgleiten in Populismus, Rechtsextremismus, Faschismus, siehe Wahlerfolge der AfD in sozialen Brennpunkten.
Inwieweit die Macht der Bilder, siehe oben, dagegenhalten kann, gerade in Zeiten der aktuellen asozialen Bürgergeld-Debatte, ist offen bis fraglich. Zu stark sind die Herrschaftsmechanismen von denen da oben, Herrschaftsmechanismen, die ein perfektes „Divide et impera, teile und herrsche“ produzieren. Noch die ärmste eingeborene Bürgergeld-Wurst findet einen Flüchtling, der ihm vermeintlich was wegfrisst und auf den er nach unten treten kann, während er dann abends vor der Glotze gegen das „Gaunerpack da oben (die Eliten und Regierenden)“ zetert, die man alle aufhängen sollte.
Immer beliebter wird in letzter Zeit auch das vom Boulevard befeuerte Zetern des Mobs gegen die unverschämt hohen Lohnforderungen der Gewerkschaften. Während Gewerkschaftsmitglieder, überdurchschnittlich oft AfD Wählende, wiederum nach unten, auf die Bürgergeld-„Sozialschmarotzer“ treten. Und die Kettenhunde des Kapitals wie Merz und Lindner lachen sich schlapp über so viel Dämlichkeit.
Ich staune über die durch die Kommunikationsindustrie perfekt produzierte Verblendung der Köpfe. Realitätsabwehr par excellence, siehe auch Klimakatastrophe.
Ändern direkte Aktionen , also das direkte Eingreifen in politische und mediale Zusammenhänge, mit der Macht der Bilder, daran was? Versuchen muss man es. Macht auch mehr Spaß.
Wahrhaft heldenhaft sind aber jene, die sich trotz Armut und Ausgrenzung engagieren, sei es in Initiativen, auf der Straße, in kommunalen Parlamenten, Beratungsstellen. Ihr Lied muss erst noch gesungen werden. Ihre Brust ziert kein Bundesverdienstkreuz. What‘s left?
Mein Anblick im Spiegel heute Morgen und mein fragender Stoßseufzer:
Der macht die Bilder?








