Ich war gestern als einer von wenigen handverlesenen Gästen aus ganz Niedersachsen beim diesjährigen rotgrünen Sommerfest im hannöverschen Wilhelm-Busch-Museum.

Ministerpräsident Stephan Weil PERSÖNLICH (rechts) kam an unseren Tisch und drückte mir die Hand! Ich war trunken vor Wichtigkeit, auf einer Wolke voller Bedeutung schwebte ich zum Büffet und griff mir einen weiteren excellenten Riesling aus dem Hause Roth. Ein Regenschauer sorgte für einen Moment für klareren Kopf und ich begann mich zu fragen, ob ich trunken war von Wichtigkeit & Bedeutung oder Riesling & Bier. Ach, scheißegal, dachte ich mir, so dumm wie heute kommen wir nie wieder zusammen, und verklappte ein weiteres Glas. Am nächsten Morgen wachte ich mit einem Kater auf.

Er stand vor meiner Verandatür und maunzte erbärmlich. Zugelaufen. Das Tier roch sofort den Braten, dass unter meiner rauen Schale ein weicher Keks schlummert, der sogar zugelaufene Silberfische noch füttert, und verstärkte sein Gejammer ins Unerträgliche. Ich hielt mir die Ohren zu. Einmal Füttern und ich werd‘ den nie wieder los. Und irgendwo wartet ein Frauchen auf ihn. Also, Frauchen, die Du obigen Kater vermisst, melde Dich bitte, dieses Gejaule macht mich echt fertig! Und für die, die wissen wollen, wie viele wenige handverlesene Gäste es waren: > 1.500 ….
10.07.2015 – Neues vom Zeichner.
Die NETZ – Niedersächsische Teilhabe Zeitung hat sogar einen hauseigenen Cartoonisten, Thomas Stethin.

Beachten Sie bitte seinen Strich. Sehr schön auch der Name: Uschi. Als Zeichner muss man ein sprichwörtliches Auge haben, auch in alltäglichen Dingen. Wie präzise das unseres Zeichners ist, zeigt seine Postkarte von einem in jeder Hinsicht unterprivilegierten Stadtteil von Hannover, die neulich in meinem Briefkasten war.

Die Hölle hat einen Namen – Stöcken. Das sind die schönen Ecken von Stöcken. Wie sehen dann die hässlichen aus? Folgerichtig ist das Bild oben rechts der Eingang zum Stöckener Friedhof.
08.07.2015 – Über die Interdependenz von Genderdiskurs und Interkulturalität
Beim Arzt. Tausende von Patienten drängelten sich in dunklen mäandernden Fluren, hockten auf Kleiderständern, klammerten sich an Deckenlampen und planschten verzweifelt gar im Aquarium. Vorher fühlte ich mich elend, hier ward mir sterbenskrank. Zwei Paare fielen mir auf, südländischer Herkunft beide, ein Vater mit seiner Tochter, die schon lesen konnte, und eine Mutter mit ihrem Sohn, etwas jünger. Das Mädchen hielt sich in der stundenlangen quälenden Warterei wie eine Heldin, saß vollkommen ruhig neben dem Vater, ab und zu lesend. Der Junge war ein Satansbraten, der nicht eine Sekunde ruhig blieb, Bücher in die Gegend warf und überhaupt einen Heiden(?, politisch korrekt?)lärm veranstaltete, dem die Mutter nicht nur keine Grenzen setzte, sondern was sie vielmehr alles mit einem stolzen Lächeln begleitete, als ob der Troglodyt gerade die Relativitätstheorie widerlegt hätte. Kurz bevor ich ihn mit einem Kinnhaken zur Raison bringen konnte, beging er den Fehler, eine der Sprechstundenhilfen zu nerven, die derartig rigoros dazwischengrätschte, dass die Mutter die Nervensäge auf den Flur verfrachtete. Ich entspannte meine Faust und setzte zu Gedankenausflügen an über die Interdependenz von Genderdiskurs und Interkulturalität. Welche Verhaltensmuster hatten sich hier überlagert? Inwieweit griff hier die Genderkritik, nach der in der hier vorliegenden Mutter-Sohn Dyade die südländische Machismo-Kultur antizipiert wird, zumal wir ja das Komplementärstück der Vater-Tochter Dyade prototypisch vor Augen geführt bekamen?
„Herr Gleitze, bitte!“
Ich war erlöst und konnte meiner Diagnose entgegen streben, erleichtert, egal, wie tödlich auch immer sie sein mochte. Die zauberhafte Sprechstundenhilfe machte ich aber unsterblich in mich verliebt, indem ich ihr beim Hinausgehen ein „Ich wünsche Ihnen eine ruhige Mittagspause“ entgegen hauchte. Ihr Blick daraufhin entschädigte mich für alle vorangegangenen Qualen.
Dazu passt kein Bild dieser Welt. Nur eines aus dem Archiv aus den Achtzigern, als der alte SCHUPPEN 68 noch stand.

SCHUPPEN 68, links mit Schornstein. Requiescat in pace!
06.07.2015 – Lindenspiegel über die NETZ – Niedersächsische Teilhabe-Zeitung
05.07.2015 – Sommerimpressionen 2
Das ist kein Hochsommer, das ist Höchstsommer. Diesen Begriff habe ich sogar gegoogelt, um sicher zu stellen, dass das meine Erfindung ist, sonst hätte ich ihn hier nicht geschrieben, und zu meinem Erstaunen gibt es den nur im Zusammenhang mit dem Ex-Hoechst Konzern. Das waren noch Zeiten, als Konzernbegriffe eine Bedeutung hatten und nicht reine Neologismen waren wie Lanxess, bei dem keine Sau weiß, was es bedeuten soll und es auch niemanden interessiert. Na ja, früher war sowieso alles besser. Aber ich bin nach wie vor Teil der Lösung und nicht Teil des Problems.

Hier bin ich bei einer spontanen Griechenland Soli-Demo (Man sieht mich nicht, weil ich das Foto gemacht habe). Cirka 30 Hanseln und Greteln marschierten über den hiesigen Boulevard, hielten sich strikt an die polizeiliche Auflage, nahenden Straßenbahnen Platz zu machen und skandierten skurrile Parolen wie „Schäuble, Merkel, Hedgefondsferkel“. Ich übte praktische Solidarität, verklappte aus meinem mitgeführten Flachmann Ouzo, der ca. 30 Grad warm war und sofort seine Schuldigkeit erfüllte. Ich verfiel in mein Demo-notorisches „Bürger runter vom Balkon, Solidarität mit Vietkong“ und fühlte mich mopsfidel.
Es war eine Stimmung, die bar jeden Alltags war, ich mittendrin, unter Kumpels und der Spruch „Solidarität ist die Zärtlichkeit der Völker“ bekam auch auf lokaler Ebene auf dem Boulevard Bedeutung. Ein warmes Gefühl stieg in mir auf. Es war aber auch die Hitze des Sommers dabei. Deshalb radelte ich vor Ende der Redebeiträge zum Kiesteich, Runde schwimmen.
03.07.2015 – Sommerimpressionen.

Meine Sonnenblumen schießen wieder in die Höhe, dass es eine Pracht ist. Eigentlich mag ich keine Sonnenblumen, Ökokitsch. Aber die blühen schön lange. Meine Kräutersammlung ist wesentlich umfangreicher als meine Kochkünste. Das Zeug steht großenteils im Garten rum, sieht nett aus und riecht gut. Am intensivsten im Sonnenschein riecht Salbei, vor Rosmarin, Thymian, selbst vor Lavendel. Betörend. Aber nichts im Vergleich zu den Mülltonnen meines Nachbarn, einem kleinen Italiener, mit Fisch im Angebot. Wie alle kleinen Italiener natürlich Kult. Was ist heutzutage nicht alles Kult. Eine Mülltonne mit Fischresten in der Sonne, dieses Odeur kegelt mich jedes Mal regelrecht vom Fahrrad, wenn ich an dem Laden vorbei radele. Es ist richtig körperlich, als ob man durch einen Wattewand fährt. Ähnlich wie die Hitze im Moment, wenn man in der Sonne bei 38 Grad mit dem Rad auf einer durchglühten Betonkreuzung steht. Dieses Gefühl, wenn man danach in die Fluten eines Kiesteichs taucht, ist durch nichts zu ersetzen.

Meine letzte Katze lag im Sommer gerne in Blumentöpfen. War wohl irgendwie kühl und sie hatte den Überblick. Das Tier war aus dem Heim, wollte keiner haben, die hatte von Katzenaids bis Leukämie alle Krankheiten dieser Welt, ist auch nur 6 Jahre oder so geworden. An ihrem letzten Tag hat sie sich noch mal aufgerafft, ein nahegelegenes Mäusenest geräubert und mir peu a peu 6 junge Mäuse in die Küche geschleppt, als Abschiedsgeschenk für eine schöne gemeinsame Zeit. Ich muss jetzt noch, Jahre später, beim Schreiben schlucken vor Rührung. Das war’s dann mit den schönen Sommerimpressionen, irgendwie entgleiten mir diese persönlichen Blogeinträge in letzter Zeit immer. Schreiben als work in progress oder so. Ich wünsche allen Leserinnen einen sonnigen Tag, einen kühlen Kopf und ein heißes Herz, aber nur metaphorisch. Bei dem Wetter ist fast alles metaphorisch.
30.06.2015 – Politprominenz gab sich die NETZ in die Hand.

Ministerpräsident Stephan Weil mit der NETZ an unserem Zelt beim Tag der Niedersachsen

Sozialministerin Rundt mit der NETZ an unserem Zelt beim Tag der Niedersachsen. Abgesehen davon, dass ich unter anderem dafür bezahlt werde, so was zu organisieren, bleibt die Frage: Was bringt das? Was bringt es, bei so einem Bier- und Erbsensuppe-Event mit 320.000 Besucherinnen Kunst & Kultur zum Thema „Spaltung der Gesellschaft“ zu präsentieren? Was bringt es, Politprominenz zu so einem Fototermin inklusive 10 Minuten (Fach) Gespräch ans Zelt zu kriegen? Gute Frage. Es gab ein paar Reaktionen, an denen wir merkten, die Arbeit war nicht umsonst. Aufklärung im besten Sinne. Es war ein angenehmes Gefühl zu wissen, dass wir das einzige Zelt waren, dass mit einem unangenehmen Thema der bierseligen Partylaune unterhaltsam in die Erbsensuppe gespuckt hat. Und es gab schöne und lustige Momente, wie den, wo der Ministerpräsident mit einem Schuss die Mauer zwischen Arm und Reich fällte.


Chapeau, MP. Jetzt in der Praxis so handeln!
Nicht zu unterschätzen bei dem Event: Das Zelt Team hatte intern und mit Besucherinnen durchaus Spaß. Ist ja auch nicht zu verachten, Spaß bei der Arbeit. Sonnige Tage und dito Gemüt allen! (Alle Fotos: A. Beinsen)
26.-28.06.2015 – Unser Programm beim Tag der Niedersachsen in Hildesheim im „Niedersachsendorf“.
Volles Programm und zwar hier Programm LAK Tag der Niedersachsen!

Weil’s so schön war, noch mal: Die Mauer (zwischen Arm und Reich) wird wieder zerschossen.

Echte Straßenmusiker: Die Violin Guys.

Der Protektor – Spektakuläre Performance mit Olaf Heinrich zum Thema „Wohnungslosigkeit“. Der Künstler ummantelt sich komplett mit Gips und lässt das aushärten ….
Und weitere zahlreiche Aktionen, Kunstinstallationen, Performances, Lesungen und natürlich

die NETZ – Niedersächsische Teilhabe-Zeitung
Bei dem Programm kein Wunder, dass Ministerpräsident Weil und Sozialministerin Rundt ihren Besuch angesagt haben.
10.06.2015 – Achtung NETZhaut, NETZer kommt aus der Tiefe der Druckerei ins InterNETZ. NETZ geht’s lohoos: DIE NETZ IST DA!

Die NETZ – Niedersächsische Teilhabe-Zeitung ist da. Und zwar hier NETZ – Niedersächsische Teilhabe-Zeitung. Ein bundesweit einmaliges Projekt zum Thema „Armut und Ausgrenzung“, an der Schnittstelle zwischen Verbänden, Politik und nicht zuletzt Betroffenen! Mit hohem Kultur- und Kunstfaktor, denn: „Kunst ist für den Menschen genauso ein Bedürfnis wie Essen und Trinken (Dostojewski)“. Gemacht wird die NETZ vom Trio kongeniale Beinsen, Gleitze (V. i. S. d. P. , nicht zu verwechseln mit V.S.O.P. , führt aber direkt dahin) und Sievers. Ein paar Hintergrundinformationen zum making of:
Der Anteil des Schreibens bei der Produktion einer Zeitung beträgt maximal 2 Prozent. Der Rest ist Planung, Organisation, Verwaltung, Vertrieb, Finanzierung organisieren, Autoren in den Arsch treten, Werbung machen.
Zeitung macht Spaß, ist aber Knochenarbeit. Alle drei Herausgeber verdienen echtes Geld mit anderer Arbeit und haben dieses Projekt als zusätzlichen Stress am Hacken. Alle drei Herausgeber sind veritable Stadtneurotiker, besonders der V. i. S. d. P., der mit seinen Krawallanfällen seinen Kollegen mitunter das Gemüt verfinstert. Sorry dafür, Jungs.

Eins der zahlreichen Bilder, die nicht in die Druckausgabe gekommen sind (Foto: Beinsen) Hammermann, Hannover, Hanomag.
Die NETZ unterliegt keinerlei Kontrolle oder gar Vorgaben, obwohl sie ohne Förderung durch das Land Niedersachsen und Anzeigenkunden wie Caritas, Diakonie und ver.di nicht machbar wäre. Eine Zensur findet selbstverständlich nicht statt, auch unsere Autoren können schreiben, was sie wollen (außer natürlich rassistischem, antisemitischen oder Pegidaähnlichem Dreck).
Die NETZ ist – so wie unsere Aktionen zum Tag der Niedersachsen (26. – 28.Juni, Hildesheim, Programm folgt demnächst) am Zelt der Landesarmutskonferenz – Bestandteil der Langzeitintervention „Armut? Das ist doch keine Kunst!“: Diese Intervention läuft seit 2013. Ende? Post mortem. Diese Intervention zielt auf direkte Eingriffe in gesellschaftliche Prozesse mit kreativen und künstlerischen Mitteln – mit dem Ziel der Veränderung.
Und – last but not least: Das Gefühl der Anerkennung für so ein ungewöhnliches Projekt, die nach dem Vertrieb der Zeitung als Feedback kommt, ist suchtgefährdend. Das ist ein anderes Gefühl, als wenn man einen Fachtag gut organisiert hat oder einen Vortrag ordentlich absolviert. Das ist nur vergleichbar mit Adrenalin und Endorphin nach einem geglückten Bühnenauftritt. Dafür machen wir das Ganze – abgesehen von der Einsicht in die politische Notwendigkeit des Ganzen. Die ist aber eine Kopfgeburt und Kopfgeburten sind selten geil.
31.05.2015 –Über die Korrelation des Auftretens von Massenmördern und CDU Wahlergebnissen in von mir biografisch besetzten Regionen.
Aus Bilshausen, meiner ursprünglichen Heimatgemeinde im Eichsfeld, stammt die Massenmörderin Elisabeth Wiese. Die CDU hat hier ein Wahlergebnis bei der letzten Kommunalwahl von 64 % erzielt. In Hannover, meiner derzeitigen Heimat, hat die CDU 25 %, von hier stammt der Massenmörder Haarmann. Bei einer möglichen Aussage über eingangs erwähnte Korrelation muss man berücksichtigen, dass Haarmann einen ungefähr 5mal größeren Mordkoeffizienten besitzt.

Bilshausen, Rathaus. Um dahin zu gelangen, muss man sich man sich links halten, wenn man aus Richtung Bodensee kommt. Wenn man rechts abbiegt, kommt man zum Osterberg und verfehlt das Rathaus! „Du graue Stadt am Meer“, diese Zeilen widmete der Dichter Theodor Storm Bilshausen zu Recht nicht und nach wie vor ist in der postpopkulturellen Essayistik umstritten, ob Frank Sinatra mit seinen unsterblichen Zeilen „If you can make it here you can make it anywhere“ Bilshausen meinte. Ich habe es in Bilshausen jedenfalls nicht geschafft, bin daher im Gegensatz zu Elisabeth Wiese auch nicht berühmt, sondern lediglich, wie ein Künstlerkollege formulierte, „regional teilbekannt“ und das auch nur bei denen, die mich kennen.
Anfang der Sechziger, die linksradikale Künstlergruppe „Situationistische Internationale“ um Guy Debord erlebte in Paris ihren inszenatorischen Spektakel Höhepunkt, soll ich bei einer Wallfahrt zum Höher Berg (242 Meter) – das Eichsfeld ist zu 90 % katholisch – ein Klappstühlchen in einen Straßengraben geworfen haben und über die Felder alleine nach Hause gelaufen sein. Ich habe daran kaum noch Erinnerungen, diese Geschichte von militanter antiklerikaler Verweigerung wird aber heute noch an den Lagerfeuern meiner Verwandtschaft in allen Einzelheiten kolportiert. Es soll den ganzen Tag noch nach Schwefel gestunken haben in der Gegend, mir wären kleine Hörner und ein Bocksfuß gewachsen für eine Woche und es soll eine große Missernte in dem Jahr gegeben haben. Was die Leute halt so erzählen, wenn sie einen in der Kiste haben. Aber hier scheint doch schon der Rebell der späteren Jahre auf.
