Zum Beispiel bei der Dokumentationsarbeit fürs Archiv. Alle Macht den Archivaren.

ver.di Streikaktion Versicherungsbranche in Hannover am 13.05.2015 . Paar Hundert Kolleginnen, die sich für höhere Löhne einsetzten und ich war für den kulturellen Rahmenbeitrag gebucht. Hab als KunstHausierer die Leute bisschen mit einem Satirequiz mit Preisen zur Tarifrunde aus dem Bauchladen und ähnlichem „bespaßt“. Kam gut an, hat mir auch Spaß gemacht. Bis zu dem Zeitpunkt, wo mir beim Einsortieren des Bildes ins Archiv einfiel, was vor Jahren mal der „kritische“ Hintergrund zur Entwicklung der Figur des „KunstHausierer“ war und was, auch bei mir, im Rahmen zahlreicher öffentlicher Aktionen und Auftritte mittlerweile komplett untergegangen ist. Es ist halt irgendwie ein Walk act oder Comedy, Bespaßung eben, bei der ich fast nie dazu komme, auf den Hintergrund einzugehen.
Die Sonderform des Hausierers, einer vorindustriellen prekären Erwerbsform, war der Kolporteur, der Literatur in seinem Bauchladen hatte. Er wurde permanent von der Zensur kontrolliert, weil der Staat durch die aufkommende Lesekultur nach der Erfindung des Buchdrucks das Anwachsen revolutionärer Strömungen befürchtete. Oft waren Juden und Roma im Hausierergewerbe unterwegs. Im Rahmen der Aktion „Arbeitsscheu Reich“ wurden 1938 zahlreiche Juden und Roma, von der Gestapo verhaftet, die sich die Daten dafür von der Arbeitsämtern besorgt hatte. Diese Aktion bildete insofern einen relativ spektakulären öffentlichen Auftakt zum späteren Holocaust, weil sie den „Volksgenossen“ nicht verborgen geblieben sein konnte. Der Hausierer war im ländlichen Raum eine flächendeckende Instanz, sein Erscheinen bildete in den Dörfern einen markanten Höhepunkt im Wochenablauf und es war jedem klar, was diese Aktion zu bedeuten hatte. Ich habe meine Oma vor Jahrzehnten mal gefragt, was denn nach 1938 aus dem Hausierer von Bilshausen geworden sei. Meine Oma war eine einfache Frau, die von den medialen Verdrängungs- und Entschuldungsdiskursen der Nachkriegszeit a la „Wir haben von nichts gewusst und waren auch nur Opfer“ völlig unbetroffen war. Sie antwortete: „Na, den Juden Katz werden sie wohl abgemurkst haben.“ Abgemurkst. Wortwörtlich. Fiel mir alles gerade wieder ein und ich wollt’s nicht untergehen lassen. Morgen gibt’s aber wieder was lustiges, einen Leihwitz oder sowas.
28.05.2015 – Für unsere Gästinnen stellen wir HockerInnen bereit.

Gesehen in Berlin in der Potsdamerstr. Aus feministischen Diskursen, so es sie überhaupt noch gibt und sie nicht in abstrusen Theoriediskussionen von verbeamteten LehrstuhlinhaberInnen und festangestellten Gleichstellungsgenderbeauftragten versandet sind, halte ich mich als Macker selbstverständlich heraus. Und ich würde auch zur Matriarchatskunde mein Chauvischandmaul halten, hätte ich nicht den bösen Verdacht, dass es dabei nicht um die gläserne Karriere-Decke für Frauen im gebärfähigen Alter geht und auch nicht um gleichen Lohn für gleiche Arbeit, auch und gerade für Frauen, sondern eher um das synchrone Menstruieren im Rhythmus der Gestirne am Strand von Mediterranien oder Goa. Aber was versteh ich schon davon….Den Namen Bär-olina allerdings find ich schön, hat sowas bäriges …

Al fresco Arbeit, auch in der Potsdamerstr. In aufgetragenen Putz wird das Wandbild geritzt resp. in diesem Fall mit Bohrhammer gefräst, Vorläufer des Graffiti, auch vom Wortstamm „Sgraffito“ her.
Die Potsdamerstr. in der Nähe des Kudamm soll ja dazu beitragen, die kulturelle Dominanz des Ostens in Berlin abzulösen. Wir waren in der „Potse“ in einem Kulturverein bei unserem Berlinaufenthalt zum Bundesliga gucken am letzten Spieltag, ziemlich durchgeknallt da. Bier 1,50 oder so, bei den Preisen haben wir gleich geraunt: Geldwäsche, Drogenhandel. Ist der Handel noch so klein, bringt er doch mehr als Hände Arbeit ein, hab ich mal gelernt, Kapitalismus eben. Aber schön wars da, alle nett, und gute Laune, und ich konnte ordentlich gröhlen.
27.05.2015 – Karneval der Kulturen Impressionen II.

Mein Lieblingsswingerclub. Liegt an der Umzugsstrecke, hält sich seit Jahren. Meine automatische Rechtschreibkorrektur kennt so was nicht, sie ist etwas prüde, aber inhaltlich auf der Höhe und schlägt mir vor: Lieblingszwingerclub. Wenn Deutsche mal zwanglos werden, sollte man seine Beine – und alles andere wohl auch – in die Hand und Reißaus nehmen. „Reißaus“ erkläre ich hiermit nebenbei zum Lieblingswort des heutigen Eintrags. Zur Erhaltung des Wortes bitte ich alle Leserinnen, es in den nächsten drei Tagen dreimal pro Tag zu benutzen. Dieses „III“ beim Swingerclub sagt mehr aus als alle psychoanalytischen Ansätze. Zwanghaft Zwanglos. Grausig. Gab da mal ein Kinderlied: „Wer sich umdreht oder lacht, kriegt den Buckel blau gemacht! Dreht Euch nicht um, der Plumpsack geht um.“ Es gibt eine direkte Verbindung vom Plumpsack zum Swingerclub III. Ich würde aus dem Plot einen Horrorfilm machen, wie der Plumpsack sich nächtens in die Swingerclubs schleicht, er hat natürlich einen Buckel, mit einer Kettensäge in der Hand, die aber ein Solarmodul hat, der Plumpsack ist der ersten ökologische Wiedergänger der Filmgeschichte, und dann, während Frieda Normalverbraucherin unter der Last oder Lust des Vollzugs keucht, sägt der Plumpsack mit einer grausig eleganten Bewegung … oh Gott, der Eintrag entgleitet mir, ich schwöre ich habe keinerlei Drogen zu mir genommen in letzter Zeit, es ist 8.33 Uhr und ich mache gerade Frühstückspause! Reiß Dich (meint: mich) zusammen. Something completely different.

Davon gibt es immer mehr beim Umzug und sie sehen immer “normaler” aus. „Normaler“ erkläre ich hiermit nebenbei zum Fuckword des heutigen Eintrags.
26.05.2015 – Achtung, es befinden sich Personen auf dem Standstreifen. Es handelt sich vermutlich um Trickbetrüger.
So der Inhalt einer Verkehrsdurchsage während der Autofahrt auf der A 2 nach Berlin zum Karneval der Kulturen. Ich fahre sehr selten Auto, ich hasse Autofahren, aber diese Durchsage hatte was. Auch der Karneval hatte was.

Starfucks. Ein Sarg ist nicht besonders originell, aber gut, dass auch so was da stattfindet. Quadratkaufmeterpreise von 4.500 Euro sind in Berlin keine Seltenheit.

Auch abseits des Zuges Entertainment. Der junge Mann machte das ziemlich charismatisch, ich war begeistert und wollte ihm was in den Hut werfen, den ich auf den ersten Blick aber nicht sah. Deshalb fragte ich ihn, auf Englisch, weil ich während des gesamten Berlin Aufenthaltes kaum Deutsch gehört hatte: „You want a dime?“
„Ick bin von hier und wohne im Eckhaus da vorne, wa.“

Reuterstrasse, in zwei Jahren gibt’s den Laden vermutlich nicht mehr, weggentrifiziert. Am Prenzlauer Berg, der Krone der Gentrifizierung, ist die Atmosphäre mittlerweile so tot, dass selbst Touristen nicht mehr hingehen. War zu Pfingsten am Kollwitzplatz gähnende Leere. Ich geh da nach wie vor wegen des „1900“ hin, wo man für wenig Geld unglaublich gute Küche kriegt und excellente Weine.

Nächste Jahr mache ich da beim Umzug mit. Mit dem Bauchladen, aus dem heraus Leitfäden für den angehenden Stadtguerilla verteilt werden. Dienstkleidung natürlich Smoking. Soviel Dialektik muss sein.
23.05.2015 – Ich hasse Masse.
Mit einer Ausnahme: Karneval der Kulturen in Berlin zu Pfingsten. Eine Million Menschen säumen den Umzug mit ca. 100 Wagen der unterschiedlichsten Kulturen, von schlesischen Bergmannskapellen bis zu Hare Krishna (wo sieht man diese Kaspertruppe sonst noch live!). Gigantische Schwaden von Marihuana bei diesem Event machen auch Nichtraucher offenbar so friedfertig, dass ich nie das Gefühl von aufkommender Aggression hatte. Anders als im Fußballstadion oder in der City gen Feierabend, wo ich alle Naselang meinen Revolver ziehen und Zivilisationsdevianzlern eine nachhaltige Rüge erteilen möchte.

Wer durch die an der Umzugsroute gelegene Hasenheide schlendert und kein fröhliches Dauergrinsen auf den Lippen hat, muss das Gemüt eines Pitbulls besitzen oder Liebeskummer haben. Ich treffe mich seit Jahren zum Karneval mit Uralt Freunden, noch aus Schulzeiten. Werden weniger, heuer sind wir noch zu zweit. Uralt Freunde haben den Vorteil, dass man stressfrei pausenlos sabbeln kann, ohne was zu sagen, oder auch einfach nur schweigen. Egal was, es ist stressfrei. Man kennt seine gegenseitigen Laufwege, sagt der Fußballfachmann dazu. Mittlerweile guckt man auch mal in die Nebenstrassen, was da so läuft. Schauen Sie morgen einfach mal Tagesschau, liebe Leserinnen, vielleicht bin ich im Bilde, dann winke ich Ihnen zu (Der Karneval wird immer übertragen). Als Berlinafficionado kenne ich natürlich auch die Insider Must-have Spots.

Beispiel Körnerpark in Neukölln. Da hängen nur Eingeborene ab. Barockkitsch, Orangerie mit Ausstellungen, Wasserspiele, leckere preiswerte Restauration (in Berlin ist alles preiswert). Eine Atmosphäre der Ruhe, Gelassenheit, des Durchatmens. Nicht weit weg ist der Reuterkiez, da hängen nicht nur Eingeborene ab und die Gentrifizierung ist auf vollen Touren. Aber das ist eine andere Geschichte. Ob es das arabische Restaurant mit der ultraleckeren Kohlrabisuppen, dem exquisiten italienischen Sauvignon und dem arabischen Stehklo noch gibt?
19.05.2015 – Lieber Hammern und Sicheln statt Jammern und Picheln?

Mein Lieblingsbierdeckel. Jammern tu ich selten, Picheln öfter, Hammern ist nicht so mein Ding, bin eher Arbeiter der Stirn als Arbeiter der Faust und vom Sicheln lass ich komplett die Hände, sonst hätte ich bald keine mehr. Entsprechend sieht mein Garten aus, mitten in der Vegetationsphase fehlt mir Zeit und jegliche Lust, da was zu machen. Soll die Natur mit ihrem Scheiß doch alleine klarkommen. Außerdem bin ich der festen Überzeugung, dass die Lust auf Gartenarbeit nichts weiter ist als eine neoromantische Flucht aus der Verantwortung, sich eigene Gedanken zu machen und insofern ist Gartenarbeit ein konterrevolutionärer antiaufklärerischer Akt. Nieder mit dem Garten! Es lebe der …Tja, und hier fehlt mir die Phantasie. Es lebe der Bierdeckel? Hm. Ich sollte mir in diesem Tagebuchblog irgendwann mal überlegen, was ich da reinschreibe, bevor ich damit anfange.

Mein Garten. Den Teich finde ich nur noch, wen ich dem schrillen Schrei des Seeadlers an seinem Gestade folge.
16.05.2015 – Faules Gesindel, geht doch arbeiten!
Am 13.05. fand eine ver.di Streikaktion von Beschäftigten der Versicherungsbranche in der City von Hannover statt und ich durfte die Kolleginnen mit einer kleinen Satire-Intervention unterhalten. Die Branche verdient sich sowohl dumm als auch dämlich, allein die Allianz AG hatte in letzten Jahr einen Reingewinn von 10 Milliarden Euro. Trotzdem werden immer mehr Arbeitsplätze abgebaut, der Rationalisierungsdruck steigt und als Angebot haben die Arbeitgeber für diese Tarifrunde lächerliche 0,8 Prozent angeboten. 0,8 Promille wären da weniger zynisch gewesen. Das hat sogar die nicht gerade extrem streikfreudigen Versicherungskolleginnen zu Hunderten in die City von Hannover getrieben und ich gab dort also den satirischen Heino Boss, Vorstandschef der Brillianz AG. Dazu hatte ich meinen Smoking an und wartete unter den Streikenden auf meinen Auftritt, nach den Reden. Die kannten mich nicht, wussten nicht, was auf sie zu kam und tuschelten ob meiner scheinbaren Andersartigkeit: „ …..vielleicht Arbeitgeberpräsident tuschel tuschel.“ Soweit hatte ich das Getuschel verstanden, fixierte die Flüsternden nebenan scharf und bellte in bestem Kasernenhofton: „Jawoll, und Chef hört alles.“ Schweigen. Nebenan baute sich ein notorischer Pöbler auf, Rentner, formte seine Hände zur Flüstertüte und bölkte: „Faules Gesindel, geht gefälligst arbeiten!“ Ob er das auch auf Nazidemos macht? Ich musste lachen, bei dem Vorwurf an Leute, die sich auf grund extremer Leistungsverdichtung die Seele aus dem Leib arbeiten. So was nenn ich gelungenes Warming-up.

Die Streikenden ließen Seifenblasen steigen, hier platzen die Träume der Arbeitgeber von einer Billiglohnerhöhung. Ein schönes Bild, ich enterte die Bühne und begrüßte das Publikum: „Liebes faules Gesindel!“ Kaum hatte ich ein paar Stand-ups gemacht, kam das weibliche Gegenstück zum notorischen Pöbler zu mir an die Bühne und paulte mich an: „Was kriegen Sie denn dafür, dass Sie das hier machen? So wie Sie aussehen, sind Sie bestimmt nicht minderbemittelt.“ – „Geistig nicht, gnädige Frau, sonst schon, und ich würde gerne so wie die Streikenden hier einen gerechten Anteil an den 10 Milliarden der Allianz kriegen.“ Ich liebe Pöbler. Wenn ich noch mal auf eine Tournee gehen sollte, nehme ich einen mit.
Es ist aber immer wieder verblüffend, wie die Leute die Erscheinung für das Wesen nehmen. Kleider machen Leute; ich fall ja auch mich rein, wenn ich meinen Smoking anhabe, bin ich sofort 10 Zentimeter größer und drei Nummern selbstbewusster. Den Kolleginnen hat’s gefallen, hier mein Streikgedicht Sonst wird gestreikt bis in den Winter
04.05.2015 – Schwule Schuhe.
Mit Freund und Kollegen Hermann auf der 900-Jahre-Feier unseres Stadtteils kurz auf ein Kaltgetränk abgehangen. Ich räsonierte darüber, das kein weibliches Wesen uns auch nur eines Blickes würdigen würde. Hermann:

“Hast Du Dir mal unsere Schuhe angeguckt?“ Das hatte einerseits was tröstliches. Andererseits ist es aber insofern rollentheoretisch interessant, als er damit das Klischee antizipierte und augenzwinkernd konterkarierte, dass Männer, die Stil und Geschmack besitzen, eigentlich nur schwul sein können. Gut, dass ich meine gelben Laufschuhe nicht anhatte. Was hätten die wohl für Signale ausgesendet!? Die beiden abgebildeten Paare sind übrigens nicht nur unserem Verständnis von Ästhetik geschuldet, sondern absolut funktionale Hochleistungstreter, mit denen man aus dem Stand einen Marathon unter 3 Stunden läuft. Beinahe jedenfalls.
Die Jubelarien um dieses ach so tollen Multikultikreativstadtteil gingen nicht nur uns Beiden auf alle Senkel unserer Laufschuhe. Ohne den Hauch einer gerne auch mal ironischen Selbstkritik wurde da nahezu völlig unkritisch eine Alternativspießerkonsumorgie inszeniert. Da wird die eigene Unfähigkeit über mehr als Klimmzüge an der eigenen Kiezmauer nicht hinauszukommen, als Heimatverbundenheit und Lokalkolorit abgefeiert, wobei jeder anständige Kosmopolit allein beim Begriff „Heimat“ schon seine Laufschuhe schnüren sollte. In diesem Viertel darf sich um Gotteswillen nichts ändern; dem Spießer seine 2. Eigentumswohnung und seine Zöglinge dürfen gerne der Nachbarschaft beim Partymachen die Hauseingänge voll kotzen, ansonsten ist man rotrotgrün und für Mülltrennung.
Ich habe früher immer Wert darauf gelegt, dass der SCHUPPEN 68 den Beisatz trägt „Das Künstlerkollektiv aus Linden“ oder ähnliches. Wenn uns heute jemand diesen Appendix anhängt, verklage ich ihn wegen übler Nachrede
Wes Ungeistes Kinder hier das Sagen haben, erkennt man an der Geschichte der Kastanie auf dem markanten Lichtenbergplatz (excellente und empfehlenswerte Internetseite). Der Vorgänger musste wegen Pilzbefall gefällt werden. Nun hätte man die Chance gehabt, an dieser Stelle was Außergewöhnliches, , über die Stadtteilmauer ausstrahlendes zu machen, kreativ und politisch, wie dieser Kiez vorgeblich ist. Vielleicht ein Denkmal für die ermordeten Juden des Stadtteils oder ein Loch, in das man alle Blödheit dieser Welt kippen kann. Es gäbe so viele Möglichkeiten, sich nicht zu blamieren.
Was hat man gemacht?
Ne Kastanie gepflanzt.
Echt.

1. Mai zum letzten. Ich bin übrigens nicht nur Mitglied keiner Partei, sondern gründe eher selber welche, natürlich nur Satireparteien.
03.05.2015 – 1. Mai Impressionen – Teil 2.

Ich unter Klassikern. Jedes Jahr geht mein erster Blick auf den Marschzug zum Transpi mit Stalin und Mao und auch dieses Jahr sind sie wieder dabei. Mittlerweile fasse ich das als Politsatire auf, aber es ist schon Hammer- und Sichelhart, diese Fürsten der Finsternis auf einem Transparent mit rumzuschleppen.
Die echte Nelke in meinem Knopfloch war übrigens schwer zu kriegen. Nelken, zumal rote, haben einen derart oberprolligen Ruf, dass es sie in unserem angentrifizierten Stadtteil nirgendwo zu kaufen gibt. Bei einem in iberischer Hand befindlichen Blumenladen am äußeren Ende des Nachbarviertels, in dem es noch Spurenelemente proletarischer und prekärer Existenzen gibt, fand ich welche. Aber auch hier entsteht gerade Wohnen am Wasser und schicke Einfamilienhäuser und eines Tages in nicht allzu ferner Zukunft werde ich am 24. April (auch wegen 25. April, Jahrestag der portugiesischen Nelkenrevolution) dorthin radeln, um meine Mainelken zu holen, der Laden wird dicht sein und im Schaufenster hängt ein Schild: „Hier eröffnet demnächst die Latte Macchiato-Bionade-Natursekt Pissbar.“ Und wenn Sie, liebe Leserinnen, diese Zeilen so interpretieren, dass ich diese Entwicklung beschissen finde, dann haben Sie richtig interpretiert. Wenn ich mal wieder nicht so unfassbar viel ackern müsste und wegen der Herausgabe der NETZ – Niedersächsische Teilhabe-Zeitung unter Zeitdruck stünde, würde ich mir aus Frust die Kante geben, mit einem Weißburgunder Sekt, extra brut, des Rheinpfälzer Winzer Doll. Was meine Nelke wohl macht?
01.05.2015 – Heraus zum 1. Mai!
Verdächtig sind mir Aufsteiger aus sozialen Milieus, die ihre Herkunft nicht nur vergessen, sondern sich in einem Abspaltungsakt mitunter regelrecht vehement gegen ihre ursprüngliche Klasse wenden. Klassische Fälle solcher Parvenüs waren Gerhard Schröder und Joseph Fischer. Parvenüs erkennt man auch am Mangel an Stil, bei Herrn Fischer zum Beispiel der ultrapeinliche Siegelring, bei Herrn Schröder das ganze öffentliche Protzgehabe. Shocking. Insofern ist Stil, Ästhetik, immer auch eine politische Kategorie. Das heißt natürlich nicht im Umkehrschluss, dass mir der bornierte Klassenkämpfer von oben sympathischer wäre, nur weil der auf der Erscheinungsebene stilvoller auftritt.

Nicht mehr lange, die Tendenz geht zum Sonntag als Regelarbeitstag.
Weit braucht man aber, und hier wird das Politische zum Privaten, nicht zu gehen, um Aufsteiger aus sozialen Milieus zu treffen, die ihre Herkunft verleugnen. In meiner Alterskohorte und Bekanntenkreis gibt es jede Menge Leute, die ihren Aufstieg gewerkschaftlichem Druck und sozialdemokratischen Bildungsreformen verdanken, die sich aber weder jemals bei den 1. Maifeiern blicken lassen noch sich gar gewerkschaftlich engagieren. Und dann jammern se rum, dass ihr Nachwuchs immer nur Praktika, Zeitverträge, etc. kriegt oder im akademischen Mittelbau perspektivlos auf Hartz IV Niveau rumkrebst. Dieses Gegreine ist unter moralischen und intellektuellen Gesichtspunkten vollproll. Gesellschaftlicher Fortschritt regnet ebenso wenig wie Hirn vom Himmel. Wer es bis zu dieser Erkenntnis nicht mehr schafft, sollte wenigstens die Klappe halten, sonst wird peinlich.

1. Mai Feier, Hannover, Klagesmarkt, 1993. SCHUPPEN 68 Performance. (Zur Erinnerung an Günther „Paul“ Fechner, in der Mitte im hellen Hemd, ehemaliger Betriebsratsvorsitzender der Fa. Hermann Berstorff. Die Guten sterben immer zu früh, egal wie alt sie werden.)

Wacht auf, Verdammte dieser Erde? Haut drauf, Vermummte dieser Erde! Erste Impressionen vom Wegesrand der Maidemo 2015. Autonome hängen Anti Nazi Transpi (Nazidemo am 1. August blockieren) an das hannöversche Ihmezentrum, die größte innerstädtische Bauruine der BRD. Ich empfand bei der Aktion klammheimliche Freude (böses Wort!), weil ich meine Zweifel an deeskalierender Sozialarbeit bei Nazis und an der diesbezügl. Effizienz des staatlichen Repressionsappartes habe, den ich nichtsdestotrotz mit zunehmendem Alter schätze – wenn er an der richtigen Stelle zuhaut. War mal wieder ein schöner 1. Mai. Mehr Impressionen demnächst an dieser Stelle.