Kategorie-Archiv: Schuppen aktuell

02.11.2020 – Hanswurst und Arturo Ui


Berlin – Es ist ausgeschildert.
Es gibt bestimmte Codes in öffentlicher Sprache, darin ähnelt sie der Zeugnissprache, die muss man übersetzen. Die Formulierungen lesen sich auf den ersten Blick positiv, wohlwollend, konstruktiv, aber wehe, man schmeißt die Dechiffriermaschine an.
Ein Tenor (Vorsicht bei der Betonung) in der Bürgerpresse ist aktuell, soweit das zu meiner Kenntnis gelangt, der Lockdown-light Appell an die Vernunft und Kooperation der Einzelnen, sonst müssten wir bei aller von oben verordneten Regelungsdichte in den Lockdown hard. Es
klappe nur, wenn alle an einem Strick ziehen und wenn möglich, in die gleiche Richtung.
Heißt übersetzt: Wir schaffen es nicht mit dem Lockdown light. Denn dass es mit Moral, Vernunft und Einsicht in der bürgerlichen Gesellschaft stetig bergab geht, auch wenn sich viele noch strebend bemühen, haben sogar ihre medialen Organe begriffen. Insofern ist es mit dem Lyrik-Appell an die Einzelnen so wie mit der Sonntagspredigt: Wir brauchen jetzt die Klimawende. Mehr Gerechtigkeit. Frieden auf der Welt. Freibier für alle. Und Eierkuchen.
Hört sich alles toll an, schreit jede sofort hurra und 112 Prozent Zustimmung. Weil jede weiß, dass jedes Wort dieser Appelle weniger wiegt als ein Gran Hoffnung. Insofern ist mein Urteil über die Bürgerpresse auch heute wieder: Sie war nach besten Kräften bemüht.
Ich verlass mich als Kompass da eher auf meine Ästhetik, ist sie doch untrügliches Zeichen individueller Spannungen und gesellschaftlicher Deformationen. Dass ich mir so ein Kitschding wie oben gekauft habe, spricht Bände. Normalerweise sortiere ich seit Jahren eher aus und stell mir nicht so eine Geschmackszumutung in die Wohnlandschaft, die man nur mit Mühe als ironisches Meta-Ebenen Zitat verkaufen kann (siehe auch Gartenzwerge). Berlin als unerreichbarer Sehnsuchtsort, als Mischung aus Utopia und Arkadien. Irgendwo las ich unlängst, dass für viele Berlin-Zuwanderer diese Stadt der Roman ihres Lebens ist. Schöne Formulierung.
Statt Utopie also Kitsch. Die nächsten Monate werden echt finster. Die US-Wahl Morgen wirkt da auch nicht aufhellend. Egal, wie sie ausgeht, ob es zu Gewalt und Unruhen kommt, die Tatsache, dass eine Mischung aus Hanswurst und Arturo Ui wie Trump auch nur in die Nähe einer Kandidatur kommt, und sei es für das Amt eines Klassensprechers, spricht Bände. Das zeigt, dass in der bürgerlichen Gesellschaft der Kern zum Faschismus angelegt ist. Mitunter wird er durch die Verfasstheit der Zivilgesellschaft und Stärke der Institutionen am Keimen gehindert, sind beide aber derart marode und unausbalanciert wie in den USA, dann entwickelt sich das in Stufen, was man nicht erst seit Übermorgen dort sieht.
Aus dieser Erkenntnis heraus waren ja auch die Verfassungsrealität und Gründungsmythos der DDR explizit antifaschistisch ausgelegt. Was von der Geschichte nicht gewollt war. Der Mob wollte lieber nach Mallorca.
Aber bevor ich mich hier wieder zu sehr über das gemeine Volk erhebe, gestehe ich hier und heute, frank und frei, vor Göttin und der Welt: Ich will im Moment auch Nichts lieber als nach Mallorca. Sonne, 22 Grad, Wasser 21….
Seufz, jaul, jammer.
Aber ab jetzt wieder, das gilt auch für Sie, liebe Leserinnen: Zähne hoch und Kopf zusammenbeißen. Unter Druck wird ja aus Kohle Diamant.

01.11.2020 – Campagne Corona


Lindenspiegel 11/20. Mit der machtvollen Waffe der Satire den Feinden der Aufklärung ins Hirn …
schön wär’s ja. Aber Menschen wie die hier im Spiegel TV Beitrag über das Corona-Tollhaus Berlin erreicht man mit Nichts, nicht mit Argumenten, nicht mit Satire, sie sind verloren für das Projekt Zivilgesellschaft (an dem ich extrem viel zu kritisieren hätte, aber in Zeiten der Seuche haben wir Nichts Besseres). Den Meisten, die in dem TV-Beitrag zu Wort, oder besser, zu Gebrüll, kommen, steht der Irrsinn schon ins Gesicht geschrieben. Das ist die Klientel, aus der sich der nächste Attentäter rekrutiert, gegen irgendeinen Politiker des „Establishments“ (Zitat Friedrich Merz, der Alt-Anarcho „Wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment“), gegen jüdische Einrichtungen. Man hat schon gar keine Lust mehr, die Terror-Titelzeilen zu lesen. Mögen es im Moment Islamisten sein, sind es Morgen weiße, einsame, junge Mann-Wölfe, die aus der Tiefe der Sozialen Netzwerke auftauchen, für niemanden absehbar.
In Berlin waren es 3.000, beim nächsten Mal sind es vielleicht 10.000, und dann kommen Stuttgart dazu, Dortmund, etc. pp. Das ist eine nicht mehr eingrenzbare, kritische Masse. Und die auf der Straße sind ja nur die Spitze eines in die Millionen gehenden Scheißberges. Ich sehe daher echt finster für den Lockdown Light, hoffe aber auch hier inständig, unrecht zu haben.
Der Lockdown ist ja real für viele eine verzweifelte Situation, es geht schlicht und einfach um Existenzen, und es werden zusätzlich Hundertausende von Arbeitsplätzen flöten gehen. Viele unwiderruflich, weil sich Corona mit dem Strukturwandel überlagert. Es gibt also Gründe für Angst, Wut, Verzweiflung. Allerdings kann ich mich nicht erinnern, dass im Lehrplan „Zivilisation, Vernunft und Anstand“ irgendwann gelehrt wurde, dass man im Zustand der Verzweiflung ruhig mal die Humanität über Bord werfen darf. Wenn das Produkt von Krise nicht Selbstermächtigung ist, sondern Hass, dann gute Nacht, Marie und Michel.
Früher hätte ich noch am Boden gelegen vor Lachen ob der Hanswurste oder Gretetofus in dem Spiegel-Film, jetzt gruselt’s mich.
Kommen Sie gut durch den Lockdown, liebe Leserinnen, zweifeln Sie an allem, selbst der Tatsache, dass 2×2 gleich 5 ist, aber nie an der Vernunft.
Wort zum Sonntag. Amen.

31.10.2020 – Augentrost in düsteren Zeiten


Veranda-Blick in die Sonne.
Draußen, auf den Straßen und in der bösen Welt der Viren, Trumps und Gaulands (Zitat aus seiner Bundestagsrede: „Wir müssen abwägen, auch um den Preis, das Menschen sterben“. Wenn er doch nur mit gutem Beispiel voranginge. Die harmlose Variante seines Satzes ist die Triage, aus dem Mund dieses Weisse-Kragen-Nazi ist das die Drohung mit der Euthanasie) wird die Stimmung gereizter. Als ich unlängst am dritten Frisör auf dem hiesigen Kiez Boulevard vorbeikam, in dem die Maskenregeln sträflich vernachlässigt wurden, hatte ich schon mein Handy in der Hand, um die Ordnungsmacht diesbezügl. in Marsch zu setzen. Nur ein einsetzender Regenschauer und eine plötzliche geniale Idee für ein TV-Trash-Format hielten mich ab.
Der Frisör war wie die beiden vorherigen einer mit Migrationshintergrund und die diesbezügl. Burschen (immer die Burschen, nie die Mädels) gehen mir mit ihrem regelverletzendem Machogehabe gewaltig auf die Eier. Die brettern mit tiefergelegten Autos durch die Fußgängerzone, als ob’s der Nürburgring wäre, Shisha Bars sind Maskenfreie Zone und in Neukölln demonstrierten gestern 150 der Brüder gegen die angebliche islamfeindliche Politik Frankreichs. Und das direkt, nachdem einer ihrer Glaubensbrüder in Nizza drei Menschen erstochen und enthauptet hatte.
Das Maß der Empathielosigkeit der Demonstranten ist der Nährboden für Hass und Gewalt. Gewaltbereiter migrantischer, vor allem nordafrikanischer und arabischer, Antisemitismus ist keine Seltenheit, der Mord eines syrischen Islamisten an einem Touristen in Dresden hatte ein homophobes Tatmotiv und migrantische Frauenverachtung endet nicht selten mit „Ehren“morden.
Warum spendiert der Staat Leuten, die dauerhaft radikal, militant und kriminell gegen die in der Tradition der Aufklärung erkämpften Werte agieren, nicht einen Hinflug nach Syrien, wo sie sich bestimmt wohler fühlen, in Verbindung mit einer ABM als Minenräumer? Mindestlohn wird garantiert. Meine Vision ist ja, gleiches Recht für alle, dass man den Job auch eingeborenen hiesigen Nazis vermittelt. Mir ist die Staatsangehörigkeit oder Religionszugehörigkeit Wumpe, da steh ich mit beiden Füßen auf dem Grundgesetz, nach dem alle Menschen gleich sind.
Und bei dieser Vorstellung hatte ich oben erwähnte TV-Format-Idee. Man packt diese zwei doch sehr unterschiedlichen Fraktionen von Faschisten in ein Flugzeug und überträgt die daraus sich entwickelnde Gruppendynamik bei rtl. Arbeitstitel: Deutschland sucht den Superfaschisten. Oder: Germany‘s next Topkiller.
Zuviel des Zynismus? Die Realität ist immer schlimmer. Charmanten Reformationstag, liebe Leserinnen, und jede Menge Augentrost. Gibt’s auch auf Wiesen.

30.10.2020 – Was für ein Quak.


Aus der Ausstellung Duckomenta.
Die beiden Putten oben aus Raffaels Gemälde „Quaxtinische Madonna“ stellen eine Zäsur dar. Sie sind des damals üblichen sakralen Kontextes entkleidet und schauen eher gelangweilt, keinesfalls anbetend. Menschlich halt. An Menschlichem starb auch der Maler. Entweder Syphilis, Malaria oder Pest. Im Kampf gegen die drei Krankheiten hat die Wissenschaft überragende Erfolge erzielt: Schnelle Diagnose Verfahren (bei Pest via Antikörper-Test innerhalb von 15 Minuten), Prophylaxe Mittel, Impfungen, Antibiotika …
Dass Impfverweigerungen, Homöopathie oder Schwitzhüttenrituale hier nennenswerte Erfolge erzielt hätten, ist nicht bekannt. Das allerdings Impfidioten als Argument entgegenzuhalten, ist ebenso zielführend wie Dünnschiss an die Decke zu nageln.
Der Verschwörungstheoretische Irrsinn macht natürlich auch nicht vor Linken halt. Da werden einem obskure Internetportale („Kennst Du schon www. ….?“) als valide Quellen präsentiert, die Bundesregierung unter eine Decke mit dem Kapital gepackt, mit dem Ziel uns zu versklaven, auszurotten, („Ich sage nur Bilderberg Konferenz… “. Zur Konferenz in Dresden 2016 riefen AfD, NPD, Pegida und Rote Fahne/Antifaschistische Aktion zu Protesten auf) und Verrückte wie Attila Hildmann oder Antisemiten wie Ken Jepsen zitiert. Das Projekt „Aufklärung“ verabschiedet sich sukzessive hinter einem Nebel voller Irrsinn, Dummheit und Infamie.
Die Nebel-Protagonisten vulgo Verschwörungstheoretiker, die natürlich keine Theoretiker sind, sondern einfach Quatschköpfe, berufen sich auf die Freiheit, die ihnen wg. Corona und Lockdown genommen wird. Wenn es nach mir ginge, würde denen noch ganz anders die Freiheit genommen und zwar mittels Zwangsjacken und Einweisung in die Klappsmühle, das kann ich gar nicht oft genug wiederholen.
Aber gucken wir uns mal den Begriff „Freiheit“ genauer an, der immer in einem Spannungsverhältnis zu anderen Werten steht, z. B. Sicherheit, Recht und, ganz konkret im aktuellen Fall, zur körperlichen Unversehrtheit. Wenn ich mir die Freiheit nähme, ohne Maske Menschenansammlungen aufzusuchen und dort Husten-Wettbewerbe zu veranstalten, kollidiert das mit dem Recht auf körperliche Unversehrtheit anderer. Alle abstrakten Werte wie Freiheit (auch Gleichheit, Brüderlichkeit) sind aber an die materielle Existenz von Körpern, Individuen gebunden. Aus der menschlichen Existenz entwickeln sich abstrakte Werte. Die fallen nicht vom Himmel.
Freiheit ist kein absoluter Wert, und was die Verschwörungsquatschköpfe meinen, ist nicht Freiheit, sondern Freibrief. Oder Freibier.
Was für ein Quak.

27.10.2020 – Erst schmelzen die Polkappen, dann die Narrenkappen.


Protestverbrennung gegen Hamsterkäufe, Location no. 37, Hannover-Ihmezentrum.
Satellitenbilder von Hannover zeigen auf Grund der Kunstaktion „Protest-Verbrennung von 68 Rollen Klopapier“ mittlerweile Rauchschwaden von der Dimension der Brände im Amazonas Becken. Von Hannover ist Nichts mehr zu sehen, was auch besser so ist. Das Klima ist endgültig gekippt, zur Zeit schmelzen die Polkappen, dann folgen die Narrenkappen.
Jenseits der Iden des eigenen Lebens reduziert, wer auf das Prinzip „Altern in Würde“ hält, die Besuchsfrequenz von Wirtshäusern oder übel beleumundeten Spelunken auf tendenziell Null. Rückfälle eingeschlossen und so nahte ich mich gestern nach dem Einkauf, dürstend und hungernd, spontan der letzten Kneipe im hiesigen Kiez, wo sich noch vermodernde Reste der Arbeiterbewegung in Form von SPD-Ortsvereinen, Stammtischen und Damenkränzchen treffen. Durch die dicke Verglasung schimmerten 3,4 Thekenkönige, coronös machbar, also Maske auf, rein und den Thresen-Klopfgruß „ich mach mal den hier“ entrichtet. Undenkbar in den dutzenden Szenesaufstuben, die pestilenzartig den Kiez hier zuwuchern. Ich liebe solche Gesten, die wie Artefakte aus grauer Vorzeit in das Heute ragen.
Großes Hallo: „Na, zündest Du jetzt hier Klopapier an?!“ Der Wirt, sonst eher ein Knurrhahn, brummelte ein anerkennendes: „Gut gemacht.“ Die Geschichte ist offensichtlich rum.
Ich war noch vor dem ersten Bier in aufgeräumter Stimmung, fühlte mich für einen Moment Lokal berühmt und nahm an einem der freien Tische Platz, bereit für Bratkartoffeln. Zwei Tische weiter saß noch jemand, den ich aus frühen Gewerkschaftskämpfen kannte. Wir kamen ins Plaudern, schlugen ein paar alte Schlachten nochmal und gingen die Reihen der Recken durch, lebt der noch, was macht der, usw. Der Kollege ist eine Generation älter als ich. Nachdem wir alles und alle durchhatten, sagte er: „Jetzt ist keiner mehr da.“ Es klang nicht traurig oder resigniert und das machte es umso bitterer. Sonst hätte ich ja versuchen können, ein paar tröstliche Worte zu finden, a la: „Aber das Bier schmeckt uns doch gerade, war doch ne tolle Zeit, etc. pp.“
Aber es war einfach eine Feststellung, eine fast nüchterne Bilanz. Eine Zeit zu leben. Eine Zeit zu sterben. Und jetzt ist eben keiner mehr da. Was soll man da noch sagen. Trauer und Resignation sind Prozesse, können sich wieder verflüchtigen, aber eine Bilanz ist eine Bilanz. Wir tranken schweigend einen Rostocker. Memento mori.
Die Frage nach dem nächsten Kneipenbesuch stellt sich nicht. Teil-Lockdown. Der Wirt fluchte, als ich die Nachricht vermeldete, die gerade über den Ticker lief. Die ganzen Grünkohl-Essen, die langsam anlaufen, hinfällig.
Vom feeling her hab ich kein gutes Gefühl, wenn ich an die Stimmungslage der nächsten Monate in Germanien denke. Aufheitern tut mich im Moment die Selbstdemontage und sich abzeichnende erneute Demütigung des Friedrich Merz durch Angela Merkel. Was für eine Schwachsinns-Idee, das Gremium, das ihn wählen soll, coram publico anzumeiern, es wären alle gegen ihn. Was für ein erbärmlicher Jammerlappen. Was für eine Schapsidee. Die Ideen des Merz.

26.10.2020 – Die Löffel weglegen? In Rente gehen? Neue Ziele setzen?


HAZ, 24./25.10.2020. Es gibt drei heilige Grale der Öffentlichkeitsarbeit: Ein Beitrag im Deutschlandfunk, eine Erwähnung in öffentlich-rechtlichen Abendnachrichten und einmal auf der Titelseite des jeweiligen regionalen Leitmediums erscheinen und/oder als Thema des Tages tituliert zu werden. Nachdem nun auch letztere Beiden mit einer Klatsche erledigt wurden, siehe oben, wenn auch etwas anders als gedacht, habe ich alles im Leben erreicht und könnte … ja, was? Die Löffel weglegen? In Rente gehen? Neue Ziele setzen?
So viele Fragen am frühen Morgen. Dass im Artikel aus dem verdienten Satirekombinat SCHUPPEN 68 das Künstlerkollektiv 68 wurde, vielleicht in Anlehnung an die Gruppe 47, was man für diejenigen, die sich noch ohne Rollator bewegen können, verlinken muss, nehme ich mal als Anregung. Im Moment neige ich noch zu Satirekombinat. Aber VEB Scherzkeks ist auch nicht schlecht. Oder LPG Kulturkampf, schließlich komme ich aus dem Eichsfeld, einer ländlich-katholisch-reaktionären Gegend im Süden Niedersachsens, in die Ostzone hinein lappend. Das Eichsfeld gehörte in den letzten Wochen, jetzt hat sich das eingepegelt, zu den Landkreisen mit der höchsten 14-Tage-Inzidenz pro 100.000, so wie Erzgebirge, Oberammergau und der ganze Schweinegürtel in Westniedersachsen. Und jetzt raten Sie mal, liebe Leserinnen, was diese Inzidenz-Mafia verbindet, so weit weg von einander sie auch sein mögen.
Richtig: Das Reaktionäre. Rechts von denen steht politisch nur noch die Wand. Im Erzgebirge hat die AfD mehr Stimmen als SPD, Grüne und FDP zusammen, im Schweinegürtel kriegt die nur deshalb kein Bein an die Erde, weil die CDU sie locker rechts überholt, im Eichsfeld kann die CDU normalerweise immer noch einen Sack Sülze als OB-Kandidat aufstellen und der wird trotzdem gewählt. Die Devise dieser Schollenverwachsenen, schwarzbraun wie Haselnuss vor sich hin modernden Runkelrüben-Züchter und Gülle-Fetischisten lautet durchgängig: Gottvertrauen, Fammillje und Deutschland über alles.
Es bieten sich zwei Varianten an: Es gibt einen gerechten Gott und er ist eine linksradikale, schwarze Anarcha-Lesbe (behindert hab ich vergessen), die in alttestamentarischer Prägung Rachegleich das Virus über die Verdammten dieser Landkreis-Erde kommen lässt.
Oder nach jedem Gottesdienst geht es ab ins Wirtshaus, zum Frühschuppen, hinterher in die Fammilljenfeier, da wird gepichelt, dass es Göttinerbarm, und dann fallen alle Abstände und Hemmungen. Und da Pillen-Paul im vorigen Jahrtausend schon die Kondome verboten hat, sind Masken erst recht Teufelszeug. Da bleibt der Gesichtspimmel ungeschützt.
Das sind bis hier nur Vermutungen oder fiese Unterstellungen eines Antichristen und notorischen Linksradikalen, aber wenn diese Zusammenhänge keine Evidenz aufweisen, was dann?
Wissenschaft, übernehmen Sie!

22.10.2020 – Protestverbrennung gegen Hamsterkäufe


NDR-TV, 18 Uhr, ab 7.43
Im Beitrag wird ein zentraler Satz aus der PM, siehe unten, zitiert: „Blödheit ist ein offensichtlich unbegrenzt vorhandener Rohstoff“. Was sich auf die hirnlos Hamsternden bezieht. Ich hab mir das jetzt schon zehnmal angehört und muss jedes Mal lachen. Dieser Satz hört sich, aus sachlich-seriösem Reportermund zitiert, fremd an, zumal er völlig aus dem öffentlich-rechtlichen Sprachduktus fällt.
Auf Grund , sagen wir mal, kommunikativer Missverständnisse meldete sich die Polizei bei mir und fragte besorgt nach, was da wohl alles brennen würde, mich auf den § 7 der Verordnung zur Aufrechterhaltung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung im Stadtgebiet hinweisend, der das Verbrennen von Gegenständen (Bücher sind da nicht explizit aufgeführt) in der Öffentlichkeit, sagen wir mal, kritisch beäugt. Zur Zeit wären alle Peterwagen im Stadtgebiet angehalten, nach brennenden Scheiterhaufen voller Toilettenpapier Ausschau zu halten. Oje.
Da Aktionen in der Öffentlichkeit seit Jahrzehnten zu meinem beruflichen und künstlerischen Selbstverständnis gehören, bin ich essentiell auf eine konstruktive Kooperation mit der Ordnungsmacht angewiesen. Zumal sich weitere Medien zur Berichterstattung angesagt haben. Ich trat dieses Feuer also sofort aus.
Lustig auch die Geschichte beim Kauf des Toilettenpapiers, was mir peinlicher war, als wenn man mich beim Verlassen eines Pornoshops gefilmt hätte. Prompt wies mich die Verkäuferin streng daraufhin, dass ab Morgen Abgabe nur noch in handelsüblichen Mengen erfolgen würde. Die Regale waren nämlich schon wieder leer. Ich röchelte nur, in den Boden versinkend: „Das ist nicht für mich. Das ist für die Kunst.“ Bemerkung hinter mir: „Na, das ist ja mal ne Ausrede.“
Damit Sie, liebe Leserinnen, mal sehen, was Kunstproduktion für ein Rattenschwanz von Arbeit, Stress und Demütigungen zur Folge hat. Oder heißt es jetzt: Hamsterschwanz?
Lange Rede, kurzer Verstand, hier nun exclusiv für Sie die PM PM SCHUPPEN 68 Protest-Verbrennung gegen Hamsterkäufe, mit zahlreichen Perlen der Formulierungseleganz …., Zitat:
„Hamsterkäufe sind so überflüssig wie ein Kropf, das haben alle Erfahrungen der ersten Corona-Phase gezeigt. Darüber hinaus sind sie unsolidarisch gegenüber älteren und Mobilitätseingeschränkten Menschen, die dann tatsächlich bei einem ausschließlich durch Hamsterkäufe hervorgerufenen Engpass in die Röhre gucken, weil sie nicht schnell genug sind.
Das beabsichtige Hamsterverhalten von Millionen Bundesbürger*innen zeigt mehrere Schwachstellen in unserer Gesellschaft auf:
1. Blödheit ist ein offensichtlich unbegrenzt vorhandener Rohstoff.
2. Die Jugend taugt nichts.
3. Das beabsichtige Hamsterverhalten ist Hamsterdiskriminierend.
Aus diesen Gründen wird das Künstler-Netzwerk SCHUPPEN 68 in einem Akt gesellschaftlichen und künstlerischen Protestes 68 Rollen Toilettenpapier an 68 verschiedenen Orten in Hannover verbrennen.“

Einwände, dass die Grundlage dieser Protestaktion ja ein Hamsterkauf sei, wischt Gleitze mit lässiger Mine vom Toilettendeckel:
„Das Aufklärungspotential dieser sozialen Intervention ist so groß, dass dadurch Millionen Hamsterkäufer*innen zu Bewusstsein kommen und den Schwachsinn einstellen. Dadurch werden kurzfristig 720 Millionen Meter Toilettenpapier eingespart.“
Das Argument, ob es nicht besser sei zu überzeugen statt die Zielgruppen zu beschimpfen, lässt Gleitze nicht gelten:
„Soweit kommt’s noch.“

19.10.2020 – Ich entsichere meine Pistole


Aktion „Appel und Ei“ zu „Hartz-IV-Erhöhung 14 Euro ab 2021“. Mit NDR-Berichterstattung, ab 11.02.
Vor der Aktion frug ich einen Künstler an zwecks Support. Für sowas habe ich einen kleinen Etat, also konnte ich ihm ein kleines Honorar anbieten.
Die Situation der vor allem freischaffenden Kulturproduzentinnen in Zeiten der Seuche ist ebenso klar wie dramatisch: 100 Prozent Verdienstausfall ist keine Seltenheit und vielen droht Hartz-IV.
Hartz-IV ist eine sozialpolitische Sauerei, die Menschen stigmatisiert, Armut fördert und die Spaltung der Gesellschaft vertieft. Ich habe dieses kafkaeske System des Überwachens, Strafens und Demütigens von Anfang an politisch bekämpft, mit Zeitungen, der Gründung von Betroffeneninitiativen, auf der Straße.
Solange es in der Welt ist, bildet es die letzte Auffanglinie für Menschen in existentieller Bedrängnis und wenn das so ist, dann gilt das für alle Betroffenen gleichermaßen, eine Zwei-Klassen-Gesellschaft innerhalb von Hartz-IV gibt es nicht, da ist der Kapitalismus ein gnadenloser Gleichmacher. Ich würde mir wünschen, dass die Betroffenen aufstehen und sich wehren, politisch, radikal, auf der Straße. Aber ich wünsch mir auch ne eigene Talkshow, Fazit: Das Leben ist kein Ponyhof.
Und so nehme ich – wenig überrascht – zur Kenntnis, dass die Künstlerkaste einen potentiell ins Haus stehenden Hartz-IV Bezug keinesfalls als Signal zu politischer Aktivität im eigenen Interesse und zu solidarischem Engagement für Millionen Hartz-IV Beziehenden im Lande nutzt, gegen das Prinzip und die Struktur von Hartz-IV. Richtig ist vielmehr, dass besagte Kaste des Öfteren aufheult, was das für eine Zumutung sei – wobei unausgesprochen immer mitschwingt: mit diesem asozialen, kulturfernen Pack in eine Topf gerührt zu werden. Hartz-IV ja, aber bitte nicht für mich, ich bin was Besseres. Das Floriansprinzip in Reinkultur.
Bei einer derartigen Haltung nicht weniger Kulturproduzentinnen geht mein Kotzreiz nahtlos in den Wunsch nach einer kulturfreien Gesellschaft über, befreit von derartigem Dünkel, beinharter Arroganz, gepaart mit Dummheit und politischer Verblendung. Und ich danke Athene, der Göttin der Kunst, dafür, dass Kultur eben nicht systemrelevant ist, entgegen dem frommen Wunsch des Feuilletons und vieler nach A 13 bezahlten Museumsgängerinnen.
Nach dieser Vorrede wird sie, liebe Leserinnen, das Zitat aus der ellenlangen Absage des Eingangs angefragten Künstler nicht überraschen:
„ … Ich gebe mir, wenn die Berichterstattung ungünstig läuft, auch selber noch das Image, ein Hartz 4 Bezieher zu sein. ….“
Und mit diesem asozialen Pack will ja kein Künstler was gemein haben.
Der Staat hat diese offene Flanke erkannt, hier könnte sich bei empathisch ausgelegten und Intelligenz begabten Künstlerinnen eventuell sowas wie Politisierung, Solidarität, Widerstand entwickeln. Daher wurde flugs ein sogenannter fiktiver Unternehmerlohn entwickelt für Kulturschaffende, anstelle von Hartz-IV. Unternehmer statt Hartz-IV, wenn das kein Ritterschlag ist. So bleiben die Kulturschaffenden brav bei der Kapitalismus-Stange und das Prinzip: Divide et impera funktioniert wie geschmiert weiter.
Wenn ich aber nochmal irgendwo lese „Kultur ist systemrelevant“, entsichere ich meine Pistole. Bis dahin guten Start in die Woche, liebe Leserinnen.
Ruhm, Lob und Ehre aber dem famosen Kollegen Marc Beinsen von den Improkokken, der spontan einsprang und der Aktion Leben einhauchte. Wenn Sie jemanden für Ihre Veranstaltungen, Feiern, für Workshops, Kurse ect. suchen: einen Besseren finden Sie nicht.

16.10.2020 – Ganzheitliche Behandlung mit Wasserwerfer, Knüppel und Zwangsjacke


Ausschilderung einer Ersten Lage. Steilhänge bis zu 60 Prozent, kein Wunder, dass ich fit wie ein Turnschuh bin. Und schön, dass da in der Gegend die Lagen oft ausgeschildert sind, so dass man weiß, wenn man sich auf legendärem Terrain (heute sagt der Connaisseur: Terroir) befindet, wie dem Würzburger Stein, dessen Jahrtausendjahrgang 1540 noch im Jahre 1961 trinkbar war.
Regelrecht ergriffen vor Sympathie und Mitgefühl war ich aber ob dieser Ausschilderung der Seele eines der Besitzer der Lage Escherndorfer Lump:

Durch meine Ideen habe ich sehr viele Neider. Geht mir doch genauso, alter Lump aus Escherndorf, geht mir haargenau so.
Wer hätte nicht gerne ein fahrbares Fass mit Kühlschrank und Licht zum reinsetzen! Da ist mein fahrbarer Witze-Verleih nix dagegen, da ist in einem der Fächer nur ein Flachmann drin. Lange grübelte ich noch im Keuchen und Schnaufen (60 Promille Steigung) über den kryptischen Satz:
„Somit durfte ich in meinem ganzen Leben niemals reingewählt werden.“
Wir wissen nicht, wo rein, aber man spürt durch die tote Tafel hindurch förmlich Verbitterung und Wut unseres guten Lumpen, dessen Aufgeblasenheit und Wichtigtuerei offensichtlich selbst für die Gegend da unten so penetrant war, dass ihn die Bevölkerung nirgendwo reinwählte, egal was es auch sei.
Ich durfte ja auch in meinem ganzen Leben niemals reingewählt werden. Aber in meinem Fall ist das auch besser so, sowohl für die Gremien als auch für mich. Sobald ich in irgendwelchen Gremien war, was sich mitunter beruflich nur schwer vermeiden lässt, habe ich früher zuvörderst zwei Dinge gesucht: die Toilette, das Büffet und den ersten Krawall.
Im Alter wird man ruhiger, aber jetzt verstehen Sie, warum dieser offensichtlich schwer gestörte Escherndorfer Lump ein warmes Gefühl der Sympathie in mir auslöste. Und Hand aufs Herz: Sind wir nicht alle mehr oder weniger Durchgeknallte, Deppen und Quartalsirre im Weinberg des HERRN?
Die Tatsache, dass ich in diesem Blog des Öfteren pathologisierende Zuschreibungen für Politiker aber auch den Rest des Mobs, vulgo Bevölkerung, verwende wie eben Quartalsirre, hat nicht nur mit dem Hang zur Polemik, der der Satire naturhaft innewohnen sollte, zu tun. Meine Beschreibungen sind vielleicht nicht immer klinisch exakt, auf jeden Fall aber ein valider Diagnose-Ansatz. Mittlerweile kommt ja sogar die Bürgerpresse auf den Trichter, dass Leute wie Trump in eine Klappsmühle gehören, und dass viele dieser Corona-Demonstranten eher medikamentös sediert werden müssten anstatt in Dialoge eingebunden zu werden. Ich bin mehr für eine ganzheitliche Behandlung mit Wasserwerfer, Knüppel und Zwangsjacke, aber auf mich hört ja wieder kein Schwein.
Ist auch besser so.

15.10.2020 – Bakterien in einer Petrischale


Fremdenzimmer am Main. Ein weiteres Beispiel dafür, warum „Ausschilderung“ so viel mehr ist als reine geographische Orientierung, offenbart dieser Hinweis doch Abgründe in der mainfränkischen Seele. Zum Status des Gastes in Form eines „Gästezimmer“ reicht es für Herbergssuchende in dieser Gegend feiner Tropfen, aber fieser Eingeborener nicht. Zugereiste sind ehrlicherweise auch im Begriff auf das reduziert, was sie sind: Fremde und keine Gäste. Leute, denen man mittels Bocksbeutel an den Geldbeutel will. Nur die reine Ökonomie, die Geldgier schützt Reisende davor, dort dem anheimzufallen, was des Doitschen liebstes Hobby ist: Xenophobie. Ein schönes Beispiel dafür, wie der Kapitalismus vor Fremdenfeindlichkeit vulgo Rassismus schützt. Das Geschäft darf durch nichts gestört werden, auch nicht durch Rassismus. Wer in deutschen Betrieben rassistisch agitiert, fliegt raus. Nicht aus Menschenfreundlichkeit, dafür ist der Kapitalismus eher nicht bekannt, sondern wegen Störung des Betriebsfriedens, weil er den Gang der Geschäfte stört.
Das Fremdenzimmer-Luxusangebot mit Dusche und WC hat sich offensichtlich nicht am Markt durchsetzen können.
Wir aber verlassen die faszinierende Welt der Ausschilderung und der ansonsten zauberhaften Maininsel mit coronösem Bedauern, verbieten sich Reisen doch unter dem Vorzeichen explodierender, aber noch nicht exponentieller Fallzahlen: 6.638, das ist doch mal ne Hausnummer. Wer bietet mehr? Der morgige Tag. Und unsere Nachbarn. Ob das so bleibt?
Der Blick auf die aktuelle Inzidenzkarte erinnert mich an Bakterien in einer Petrischale. Gestern schimmerte die Schale noch hell, unschuldig und unbeleckt vom Seuchengeschehen, heute schon wabern bösartig dunkle und dunkelste Kulturen hoher Fallzahlen das Petri-Gefäß voll, höhnisch die Betrachterin anlachend: Pass bloß auf, sonst bist Du dran, beim kleinsten Fehler. Mein Lieblingslandkreis BeClopptenburg liegt bei einer 14-Tage-Inzidenz von 207 pro 100.000, doitscher Rekord, sieht man mal von Hort und Heimat aller Vollidioten ab – Berlin-Neukölln.
Wunder über Wunder, ein paar km Luftlinie weg von BeClopptenburg liegt die Zahl bei 2, im Landkreis Lüchow; Heimat des Wendlandes, Ort des Widerstandes gegen Gorleben und Domizil so vieler Alternativer. Gibt es da einen Zusammenhang? Ich liebe Statistiken. Auch Freunde von mir wohnen im Wendland, ich könnte ich mich, im schlimmsten aller statistischen Fälle, nach da durchschlagen und dann, in der alternativen Quarantäne, mein Magnum Opus vollenden: Sitten- und Kulturgeschichte der Ausschilderung. 1.000 Seiten, der Brüller auf der nächsten Buchmesse.
Bis dahin lege ich allen Leserinnen die Corona-Weisheit von St. Angela (vom 18.03) ans Herz: Es ist ernst. Nehmen Sie es auch ernst.
Die Frau hat sowas von recht, wenn sie sauer ist über die nicht ausreichenden Beschlüsse bei der Bund-Länder-Konferenz gestern.
Wenn ich diese Bande vertrottelter Länderchefs da sehe, frage ich mich, warum ich kein MP geworden bin. Dafür hätt’s allemal gereicht.
Ich werde Angela vermissen.