Kategorie-Archiv: Schuppen aktuell

31.12.2019 – Ich bin von lauter Flaschen umgeben


Madeira 1997. Feiertage sollen, folgt man den handelsüblichen Wünschen, fröhlich, schön oder auch besinnlich sein. Welche Sinne da besonnen werden sollen, wird nicht näher ausgeführt. Ich bin zum Jahresende gerne auf Bacchus Spuren besinnlich, da darf es zur Feier aller Tage, derer noch nicht Abend ist, auch mal was Besonderes sein, wie ein 97er Madeira.

Funkelnde, rubinrote Reflexe in der tieffliegenden Mittagssonne. Eine konzentrierte Aromenfülle von üppiger Süße. Aber jeder nur einen winzigen Schlock. Genuss halt, Schule der Sinne und ästhetische Bildung. Nix zum Saufen.
Früher war Silvester immer verbunden mit Zechgelagen und zu den Mannbarkeit-Initiationsritualen gehörte dann bei manchen schlichteren Gemütern das Prahlen mit Alkoholmengen, wie viel man gestern getrunken habe und letzte Woche erst und überhaupt wisse man mitunter gar nicht, wie nach Hause etc. pp. (Siehe auch Männer Schwanzvergleich und PS-Protzerei).
Sowas versendet sich normalerweise Ende Zwanzig, dann gabeln sich die Kohorten in hie Gewohnheitstrinker und da Genusstrinker. Die Gewohnheitstrinker werden Alkis und prahlen eventuell bei absterbenden Hirnzellen weiter. Was sich aber Ende Fünfzig spätestens versendet, in Folge Säuferleber und Exitus. Die Genusstrinker prahlen dann mit ihrer Kennerschaft, dass sie neulich einen unglaublichen Schluck (die reduzierte Alkoholmenge ist hier unbedingtes Distinktionsmerkmal…) eines 97er Madeira zu sich genommen haben, mit einer konzentrierten Aromenfülle blablabla …
Dann gibt es noch, und es werden wohl immer mehr und sie werden gehäuft zu Silvester und ähnlichen Alk-Anlässen auf den Altar den Medien gehievt, die Garnicht-Trinker, die das mittlerweile offensiv auf riesigen Alkfreien Partys inszenieren.
Ich will Alkoholismus nicht kleinreden. Die Folgen dieser Krankheit sind elend, qualvoll und wenn man Pech hat, auch noch langwierig. Ich bin für Werbeverbot, Aufklärung, offensives Ansprechen des Problems, wenn man sowas im Umfeld erlebt etc pp. Aber dieses Zelebrieren der neuen Religion Körperertüchtigung, immer fit, fromm, fröhlich, frei, Null Adrenalin, kein Kontrollverlust, kein Rausch, kein garnix, riecht mir verdammt oft nach Selbstoptimierung, um bedingungslos und allzeit gestählt der Maschine Kapitalismus und dem Arbeitsmarkt sich auszuliefern.
Alkoholismus und Drogen sind eine Form der Abwehr gegen die Ängste, die die Überforderungen der Moderne und des Kapitalismus mit sich bringen.
Die neue Religion der Rauschfreiheit ist die bedingungslose, vorauseilende Kapitulation davor.
Von der Körperertüchtigung zur Wehrertüchtigung ist es mitunter nur ein kleiner Schritt, gerne auch ein Tango-Schritt.
Von daher, liebe Leserinnen, wünsche ich Ihnen für 2020 ab und zu rauschhaften Kontrollverlust – nach Ihrer Wahl. Und ein spannendes neues Jahr.
Prost.

29.12.2019 – Restglauben an die Welt


Eis auf Gartenteich heute Morgen. Als Naturbursche brauche ich kein Thermometer oder Internet, um zu wissen, wie es um das Wetter bestellt ist. Ein Blick hinaus ins Freie genügt und ich weiß:
Brrr, kalt. Zeit, Urlaub zu machen.
Es gibt ja Leute, die finden verschneite Gärten zauberhaft und filigrane Eisstrukturen auf frisch zugefrorenen Teichen erhabener als einen Caravaggio. Dazu gehöre ich nicht. Ich bin frischere Temperaturen auch kaum noch gewöhnt. Gestern auf dem Radl dachte ich, mir frieren die Ohren am Kopf fest. Da werden auch die Gedanken langsamer, Brownsche Molekularbewegung. Wobei es sich bei meinen Gedanken keineswegs um Moleküle handelt. Sondern meist um Großes, Erhabenes.
Zu oft allerdings werde ich durch die Unwägbarkeiten des Alltags auf den Boden der Realität gezerrt, regelrecht geprügelt, gepeinigt, demoralisiert, zerschmettert, zermahlen zu Molekülen fast. Ein weihnachtliches Beispiel nur: Im Rahmen meiner Verkündigung der frohen Botschaft, dass auch Hartz-IV-Empfänger*innen Weihnachtsgeld erhalten sollten, erfolgten diverse Anrufe bei mir von nicht erfreuten BRD-Insassen, die die dpa Meldung irgendwo gelesen hatten:
„Also ich muss Ihnen da mal was sagen…“ Und: „Die Hartz-IVler kriegen es vorne und hinten reingeblasen…ich habe mein Leben lang gearbeitet….49 Jahre lang…und die kriegen mehr Hartz-IV als ich Rente“
Ich: „Das ist sehr ungerecht, dass sie nach lebenslanger Arbeit so eine geringe Rente kriegen.“
BRD-Insasse, empört: „Ich kriege keine geringe Rente, ich hab mir gerade eine Wohnung für 300.000 Euro gekauft.“
Ich, sprachlos …
Er: „Ich habe 1978 als Montageleiter in Saudi-Arabien gearbeitet, 354 Tage im Jahr. … „
Da kommt bei ähnlicher Arbeit über 49 Jahre einiges an Rente zusammen, was dem Mann von ganzen Herzen gegönnt ist. Aber woher hat er die Information, dass der Hartz-IV-Regelsatz in Größenordnungen von 3 bis 4.000 Euro liegen soll, also höher als seine Rente?
Des Rätsels Lösung:
„Ich habe neulich „Armes Deutschland“ gesehen ….“

Mehr brauche ich nicht zu hören. Gegen „Armes Deutschland“ Ressentiments kann man nicht argumentieren, das ist Sozialpornographie, in Bilder gegossene Niedertracht, die Menschen noch den Rest an Würde nimmt …
Gemessen an den Hamletschen Pfeilen und Schleudern des wütenden Geschicks, welche ich mitunter im Rahmen meines Jobs erdulden muss, bin ich grotesk unterbezahlt.
Aber es geht auch anders: Die nächste Anruferin kümmert sich mit ihrem Mann seit Jahren um Flüchtlinge und ärgerte sich darüber, dass der Mann einer Flüchtlingsfamilie einen Großteil seiner Weihnachtsvergütung im Rahmen einer Ausbildung auf seinen Hartz-IV Regelsatz angerechnet bekommt (100 Euro sind anrechnungsfrei, alles darüber wird nach einem komplizierten Bürokratiemonster-Verfahren angerechnet.). Ob ich das nicht mal zum Thema machen könnte…?
Solche Anrufe geben einem dann doch einen Restglauben an die Welt wieder.

27.12.2019 – Sei ruhig, aber bei Facebook


Sei ruhig. 1958 Skatverein 1958 e. V. Mit einer Installation aus Schinkenhäger und Fussball-Weihnachtsmännern (sic!). Zeitgenössische Kunst, präzise und radikal kritisch.
Oder sollte ich mich da täuschen…?
Der Name des Skatvereins könnte auch programmatisch über den 50ern des Wiederaufbaus stehen: Sei ruhig, deutscher Michel. Kein Wunder, dass darauf die „Wilden 60er“ folgten. Die wiederum die Basis für das „Goldene Zeitalter des Kapitalismus“ legten, die von Reformen geprägten 70er. Von nun ging‘s bergab, zumindest aus kritischer Sicht: 80er Stagnation und Aufstieg des Finanzkapitalismus, 90er Wegfall der Ost/West Systemkonkurrenz und Siegeszug des Neoliberalismus, 00er Finanzkrisen, und die zurückliegenden 10er sind gekennzeichnet durch … darüber streiten sich die Auguren noch…ich tippe mal: durch verpasste Chancen, dramatischer formuliert: Ruhe vor dem Sturm. Wir haben gesehen, dass wir so nicht weiter wirtschaften können aus globaler Sicht, was soziale und ökologische Konsequenzen betrifft, die Fakten und Analysen sind bekannt. Was dagegen unternommen wurde, entnehmen sie den Abendnachrichten: Nahezu Nichts. Noch nicht mal ein lächerliches Tempolimit ist möglich.
Mit Vorhersagen über die Zukunft bin ich vorsichtig, meine Trefferquote aus Jahrzehnten Lottotippen lehrt mich Demut. Aber es gehört nicht viel soziologische Phantasie dazu, sich vorzustellen, was passiert, wenn sich die nächste Flüchtlingskrise mit einer Wirtschaftskrise überlagert. Nochmal 1 bis 2 Millionen Flüchtlinge bei gleichzeitigen 5 Millionen Arbeitslosen wie Anfang 2000er und das eventuell verstärkt durch den Strukturwandel in Branchen wie Automobil, Banken, Versicherungen … Ob dann das gesellschaftliche Klima hierzulande durch Toleranz & Diskurs gekennzeichnet sein wird, da habe ich meine Zweifel.
Noch lässt sich der gewerkschaftsdoitsche IG Metall-Facharbeiter trösten mit der Aussage, dass der Strukturwandel der Arbeitswelt keine Massenarbeitslosigkeit produziert, die Arbeitsplätze sich nur verlagern, in den Dienstleistungssektor. Wenn er merkt, dass dort keine 5.000 im Monat zu verdienen sind, sondern nicht mal die Hälfte, als Paketzusteller bei Hermes oder Pommesbruzzler in der Klopsbratküche, dann gute Nacht, Marie. Dann wacht nämlich der Gewerkschafts-Michel auf. In der DNA der IG Metall ist durchaus noch ein Rest Kampferfahrung bis hin zur Militanz vorhanden. Wenn sich das mal ins Rechtspopulistische wendet (der Anteil von AfD-Wähler*innen unter Gewerkschaftsmitgliedern ist jetzt schon überdurchschnittlich und es gibt erste rechte Betriebsräte) , würde man sich die 50er und „Sei ruhig“ wieder zurück wünschen ….Aber versuchen Sie mal, Zahnpasta in die Tube zurück zu drücken.
Sehr schön finde ich übrigens die Dialektik von Tradition und Moderne im Bild oben:
Sei ruhig, aber bei Facebook. Wenn sich sogar Skatvereine von 1958 e. V. dem Veränderungsdruck der Moderne stellen, wo soll das noch enden …

26.12.2019 – Weihnachtsgeld


Verlassenes Dorf im Westen von Korfu. Die Bewohner*innen haben es eines Tages verlassen, um ihren Kindern im neuen Dorf hügelabwärts einen besseren Schulweg zu ermöglichen und an die Infrastruktur angebunden zu werden. Wenn ich durch das alte Dorf wandere, mache ich immer eine Stunde Rast unter einem riesigen, jahrhundertealten Olivenbaum. Schönes Training dafür, wie gut man es aushält, nur noch auf den eigenen Atem und Herzschlag reduziert zu sein.
Gedanken an eine Jahresendprämie oder an Weihnachtsgeld sind da sehr, sehr weit weg.
Nichtsdestotrotz existiert sowas. Beschäftigte in der Versicherungsbranche erhalten z. b. durchaus am Jahresende ein 13. und 14. Monatsgehalt. Martin Winterkorns legendäre 17 Millionen Jahresgehalt speisten sich auch durch eine Erfolgsbeteiligung am Jahresende in Höhe von ca. 6 – 8 Millionen Euro. Die Geschwister Stefan Quandt und Susanne Klatten erhalten als Teil-Jahresendprämie 1 Milliarde Euro, Dividende, nur von BMW. Jedes Jahr, dazu kommen noch Dividenden von anderen Beteiligungen. Klassisches leistungsloses Einkommen, was dem Grundsatz unserer angeblichen „Leistungs“gesellschaft, die in realiter lediglich eine Erfolgsgesllschaft ist, diametral entgegensteht.
Das hatte der selige Guido Westerwelle natürlich nicht im Sinn, als er von „spätrömischer Dekadenz“ sprach. Damit meinte er vielmehr Menschen, die Hartz-IV beziehen, und natürlich keinen Cent Weihnachtsgeld erhalten. Was ich allein angesichts der Tatsache, dass Hartz-IV-Bezieher*innen jederzeit als Sündenböcke herhalten müssen (wenn nicht gerade Ausländer*innen dafür herhalten), für ungerecht halte.
Daher begab ich zum Weihnachtsfest auf die Kanzel und verkündete wie folgt:
„An Weihnachten tritt die Spaltung unserer Gesellschaft zwischen Arm und Reich besonders deutlich zutage: Während vor den Edelboutiquen von Louis Vuitton bis Gucci die Besserverdienenden regelrecht Schlange stehen, können sich Hartz-IV und Grundsicherungs-Bezieher*innen häufig weder Tannenbaum noch Geschenke oder gutes Essen leisten. Am schlimmsten sind Kinder betroffen.
Die Landesarmutskonferenz LAK Niedersachsen weist daraufhin, dass der materielle Ausschluss gerade an solchen Tagen auch gravierende emotionale Folgen bei den Betroffenen hat. Welche politischen Konsequenzen das hat, sehen wir an den immer tiefer werdenden Gräben in unserer Gesellschaft.“
(Die volle PM hier PM Landesarmutskonferenz zu Weihnachten)
Ich forderte unter anderem die Einführung einer Einmalzahlung von zehn Prozent des Hartz-IV-Regelsatzes zu Weihnachten.
Leider hat die Einschätzung des verblichenen Kenners antiker Dekadenz, Guido Westerwelle, was leistungsloses Einkommen angeht, erheblich mehr Rückhalt im Volke als meine Sicht der Dinge. Und so kam es, wie es des Öfteren kommt: Diverse offensichtlich auch von Langeweile und Einsamkeit gepeinigte Insassen der BRD griffen zum Telefon und müllten mir das Ohr voll.
Hab‘s überlebt. Mehr darüber demnächst in diesem Blog.
Weihnachten ist das Fest des Friedens und so will ich will nicht enden ohne einen weihnachtlichen Friedens-Gruß:
Frieden den Hütten, Krieg den Palästen.

25.12.2019 – Trügerische Ruhe … ?


Neulich am Meer. Die statische Ruhe des Bildes hat in meinen Augen etwas Fragiles, das Bild selber scheint auf etwas zu warten….
Auch wenn Reisen ans Mittelmeer zu dieser Jahreszeit günstig sind, muss man sich das leisten können. In Deutschland können sich 14,5 Prozent aller Einwohner über 16 Jahren keinen einwöchigen Urlaub leisten. Angesichts der Tatsache, dass über 20 Prozent aller Menschen hierzulande im Niedriglohnsektor arbeiten, mit ca. 10 Euro pro Stunde oder weniger als 2.000 Euro brutto im Monat, einer offiziellen Arbeitslosenquote von 5 Prozent (real, inklusive Unterbeschäftigungsquote, eher über 8 Prozent) und mit ca. 40 % Menschen fast ohne Rücklagen oder gar Schulden können wir davon ausgehen, dass der Urlaub noch vor dem Auto des Ostgoten liebstes Kind ist. Die Menschen werden eher am Essen sparen als am Urlaub. Der Urlaub als postmodernes Menschenrecht. Das werden die Menschen mit Zähnen und Klauen verteidigen, auf den Barrikaden: „Nun, Volk, steh auf und Sturm brich los!“ Ich warte auf den Demagogen mit seiner Stadion-Rede, passend zum Fußball-Mob:
Wollt ihr den totalen Urlaub? Wollt ihr ihn, wenn nötig, totaler und radikaler, als wir ihn uns heute überhaupt erst vorstellen können?
Nichts wäre pharisäerhafter als wenn ich den Öko-Stab darüber brechen würde. Urlaub, Reisen wird mir wichtiger je mehr ich die Begrenztheit der Zeit realisiere, die mir dafür zur Verfügung steht. Urlaub, Fliegen soll teurer werden?
Markus gab 1982 darauf schon die Antwort, keine 10 Jahre nach dem ersten Ölpreisschock:
Und kost‘ Benzin auch drei Mark zehn
Scheiß egal
Es wird schon gehen
Ich will fahren
Ich will fahren, ich will fahren
Ich will Spaß, ich will Spaß.

Wenn selbst gutwillige Kompensierer mental so aufgestellt sind wie ich – ich bin nur brutalstmöglich ehrlicher als die ideelle Gesamtgrüne – kann man sich vorstellen, wie die Flug-Zuwachsraten in den nächsten Jahren aussehen werden.
Über das, was das hier grob Skizzierte politisch bedeutet, macht sich Volksgenosse Schäuble in seiner Weihnachtsbotschaft offensichtlich Illusionen. Zitate:
„Es gibt Klimaschutz nicht zum Nulltarif“ „Wir (Hervorhebung von mir) werden unser Leben verändern müssen“, sagte der Bundestagspräsident. Als Beispiel nannte er den Tourismus. Es sei „sicher ein großes Glück, einfach mal auf die Malediven zu fliegen oder Venedig zu besuchen“. Aber künftig sollten die Bundesbürger „von diesem Glück sparsameren Gebrauch machen“.
„Wir“-Schäuble wird nicht mehr im Amt sein, wenn der Volkssturm der Entrüstung unserer Demokratie Feuer unter dem Arsch von ungekanntem Ausmaß entfachen wird, weil der Urlaub auf Malle demnächst echtes Geld kosten soll. Weil Heizen teurer wird für die, die sich keine Dämmung leisten können. Weil die ohnehin irrsinnige Pendlerpauschale den Geringverdienerinnen an die Börse geht. Und das alles bei wachsender Arbeitslosigkeit, stagnierenden Reallöhnen, explodierenden Mieten und einer anziehenden Inflationsrate.
Wenn der Volks-Sturm sich anbahnt und ich noch flugfähig bin, mach ich erstmal Urlaub, im Süden.
Sie werden nicht auf mich verzichten müssen, liebe Leserinnen.
Den Blog hier kann ich auch am Strand in mein Smartphone zimmern.

24.12.2019 – Happy Chanukka


Chanukka-Feier, Hannover Opernplatz, 22.12.2019. Mit dem Lichterfest Chanukka feiern die Juden ihren Widerstand gegen die hellenistische Besetzung vor über 2000 Jahren und die Bewahrung ihrer Religion. Ein Symbol ist das Anzünden der ersten von 8 Kerzen. Das wurde auf dem Opernplatz in einer öffentlichen Feier zelebriert, mit der auch ein Zeichen gegen den wachsenden Antisemitismus gesetzt werden sollte. Immerhin knapp 1.000 Menschen waren da. Ich war matt und platt und musste mich von meiner Liegestatt hochwinden. Wäre ich gläubig, hätte ich mich an den HERRN gewandt. Ich bin mir sicher, dass das ein älteres, bärtiges, männliches, weißes Wesen wäre, gäbe es so etwas in der Art. Eine jüngere, schwarze Frau als Göttin würde schwerlich soviel Schwachsinn auf der Welt zulassen.
Ich hätte also wie folgt psalmodiert:
„Siehe, oh HERR, ich bin einer der Gerechten, wandele auf Deinen Wegen und zeige mich solidarisch mit Deinem Volk Israel (Der HERR ist hier als Vertreter aller monotheistischen Religionen zu verstehen, wir machen jetzt mal keinen Unterscheid zwischen Gott, Jahwe und Allah). HERR, ich bin besser als die Anderen (hier hätte ich mit weitausholender Bewegung auf den besinnungslosen Konsummob in der City gezeigt), gib mir also ein Zeichen.“
Ein klein wenig hätte ich mich unwohl gefühlt bei dieser dreisten Einforderung einer Belohnung, ich bin ziemlich bibelfest und die Geschichte der Pharisäer ist mir wohl bekannt.
Unter derlei Betrachtungen vertrieb ich mir die Zeit der Ansprachen unseres OB und des MP. Und wurde wie vom Blitz getroffen, als der HERR mir tatsächlich ein Zeichen gab. Und zwar während der erfreulich kurzen und launigen Rede von Michael Fürst, dem Vorsitzende der jüdischen Gemeinden in Niedersachsen. Der beklagte, dass Hannover noch keine Städtepartnerschaft mit einer israelischen Gemeinde besitze und das nach Lage der Dinge nur Tel Aviv in Frage käme.
Tel Aviv! Das durchfuhr mich wie ein Fanfarenstoß! Da muss ich hin. Was für eine Stadt, wie gemalen für mich. Tel Aviv muss im Prinzip sowas wie Berlin sein, nur überschaubar, ohne Winter und am Meer!
Und keinerlei Gedanke an Klima bäh bäh wg. Flug. (Ich kompensiere eh und bin frei von schlechtem Gewissen. Auch hier hilft meine sakrale Sozialisation, das Prinzip der Beichte und Buße ist noch tief in mir verankert). Schließlich ist jede Reise nach Israel ein tätiger Akt der Solidarität. Noch mehr als meine dauernden, tätigen Akte der Solidarität und Volkerverständigung mit Portugal und Griechenland.

Irgendwo im Hinterland der Algarve, Dezember 2019. Hoch die internationale Solidarität. Sie kann nur vor Ort gelebt werden.
Ihnen, liebe Leserinnen, wünsche ich happy Chanukka und möge die FRAU (jeder ihre individuelle Göttin, sach ich mal) auch Ihnen ein Zeichen senden.

22.12.2019 – Es ist ein Ross entsprungen


Es ist ein Ross entsprungen
aus einer Wurzel zart.
Wie uns die Alten sungen,
von Jesse kam die Art.

Finden Sie dem Fehler.
Mit sowas bin ich groß geworden. Was soll ein Achtjähriger da an Text verstehen.
Jedes Mal, wenn in meinem Garten, wie heuer wieder, eine zarte Winterros‘ ihr Haupt erhebt, geht mir dieses Lied durch meins. Ich weiß bis heute nicht, wohin das Ross entsprungen ist und von welchem Jesse die Art kam. Am plausibelsten erschien mir immer Jesse Owens, zu seiner Zeit ein ähnlicher Übersprinter wie Usain Bolt. Aber was ein Wurzelzart und ob Altensungen ein Nachbardorf des mir von Radtouren bekannten Altenhagen ist, lange, lange entzog sich das meiner Kenntnis.
Ach, Weihnachten, Du selige, alle Jahre webst Du Dein Gewand von Irrationalität, Kitsch und Konsumterror über das Land. Was mir mittlerweile am Arsch lang geht. Soll der Mob doch machen.
Und am zweiten Weihnachtsfeiertag explodieren wieder die Einsatzzahlen des Repressionsapparates, weil Vatern im duhnen Kopp Mutti was aufs Fressbrett kloppt. Mit Weihnachten ist das so wie mit der Ehe: Beide werden derartig mit Erwartungen überfrachtet, das kann nur schief gehen. Erst recht, wenn man und frau nicht genug Bimbes haben, um die Erwartungen und den Konsumstandard zu erfüllen. Was nach meiner Schätzung auf ca. 30 – 40 Prozent der Bevölkerung zutrifft. Die geplanten Ausgaben für die alljährlichen Weihnachtsgeschenken stiegen im Jahr 2019 auf eine Summe von rund 475 Euro pro Kopf, bei „uns“.
Da ich hier mit Null Euro zu Buche schlage, muss es irgendwo wen geben, der mit 950 Euro dabei ist. Außerdem wird es mit Sicherheit Männer geben, die der Dame ihres Herzens oder anderer Organe ein Geschmeide in der Art des Hauses Tiffany unter den Baum legen, wie dieses hier

45.000 Euro, gesehen auf der Kö in Düsseldorf. Das Funkeln der Brillanten ist wirklich wunderschön und wenn sie die Uhr in geschmackvoll gehabt hätten, wer weiß … Aber ich hatte gerade nicht soviel Bares am Mann und ging meiner Wege. Nicht ohne auszurechnen, wieviel Hartz-IVler*innen, die ja alle kein Weihnachtsgeld kriegen, bei einem fiktiven, von der Landesarmutskonferenz geforderten Weihnachtsgeldbetrag von 10 Prozent des monatlichen Regelsatzes 432 Euro, also 43 Euro, in 45.000 reingehen.
Aber das gehört zur Kategorie „Neid & Klassenkampf“ und nicht zu Weihnachten.
Welch drollige Geschichte aus unserer Forderung sich aber noch ergab, das, liebe Leserinnen, gibt es im nächsten Blogeintrag.
Bleiben Sie drin und weiter entspannte Tage!

20.12.2019 – Der Hosenkrieg


Der Autor als Hippie-Imitator, kurz nach dem Krieg. Keine Ahnung, welcher es war, es war jedenfalls zu einer Zeit, als das Tragen von langen Haaren und devianten Klamotten noch auf Missfallen des Mobs stieß. Bei einem meiner ersten Ferienjobs (da waren die Haare noch länger als im Bild) in einer Brauerei tapste ich unnüchtern in der Mittagspause über den Hof, als hinter mir der Ruf erschall: „Hallo, Susi!“ Ich dachte: „Super, hier gibt’s auch Weiber.“ Die für mich bis dato als Insasse eines reinen Bubengymnasium fremde Wesen von einem anderen Stern waren. Ich drehte mich um und musste erkennen, dass die versammelten Werker mich meinten. Und das war noch harmlos im Vergleich zu anderen Rempeleien und Pöbeleien, deren einer Höhepunkt der Versuch eines Easy-Riderartigen Spießers war, mich mittels Autos auf meinem Rad umzufahren, bei runtergekurbeltem Fenster und dem Ruf: „Verpiss Dich, Scheiß-Hippie.“
Solche Geschichten haben mit dazu beigetragen, mir eine mitunter rüde Zweikampfhärte zu vermitteln, gegen die Imponderabilien des Lebens.
Tempi passati, wir leben in friedlichen und toleranten Zeiten. Kleidungsfragen sind da ebenso obsolet wie Fragen des Stils, der Frisur etc. pp…
Sollte man meinen.
Dass dem nicht so ist, beweist der Hosenkrieg von Hannover, wo ein privates Gymnasium den Schüler*innen das Tragen von Jogging-Hosen in der Schule verboten hat
Nun kann man argumentieren, dass die Jugend auf das Berufsleben vorbereitet sein soll, wozu das Tragen angemessener Kleidung gehört. Das Argument mag an einer Grundschule in einem sozialen Brennpunkt gelten, wo Schüler*innen mit vielen Mitteln davon abgehalten werden sollten, in die vierte Generation Hartz-IV zu rutschen. An einem privaten Gymnasium, wo der Eliten-Mob seine Brut aufbewahren lässt, ist der Standard eine Jogging-Hose von Versace, aber nicht die Prollvariante aus Ballonseide. Daher ist das Argument der Berufsvorbereitung Ideologie, der Schein der Lüge hinter dem Schleier des Halbwahren.
Es handelt sich beim Verbot der Jogginghose um reinen Klassenkampf von oben nach unten. Die Jogginghose als prototypisches Symbol der Unterschicht, des Prekären gilt es zu bekämpfen, und damit ihre Träger*innen. Wo ansonsten rotgrünalternative Mittelschichtstoleranz gepredigt wird und im eigenen Leben praktiziert wird, gilt das nicht für das Fremde. Zumal dann, wenn dieses Fremde die Drohung des eigenen Abstiegs beinhaltet. Seit Hartz-IV ist die Angst vor dem sozialen Absturz auch in der Mitte der Gesellschaft angekommen und lässt diese zusehends verrohen, alles, was nach Hartz-IV riecht, schmeckt, aussieht, muss weg. Getreu dem kindlichen Motto: Was ich nicht sehe, existiert nicht.
Man könnte ja auch auf die Idee kommen, das Tragen von Versace-Klamotten in der Schule zu verbieten, um den Schein von Egalität herzustellen und Stigmatisierung via Markenterror zu reduzieren. Davon ist mir nichts bekannt.
Es gäbe so viele Möglichkeiten und Mittel, Schüler*innen gegen sozialen Absturz fit zu machen, zum Beispiel eine so ausreichende materielle Ausstattung, sich auch mal schöne Kleider, was immer das sein mag, kaufen zu können. Kleidungsverbote sind eine derart erbärmliche Variante, dass in mir Reste des alten Rebellen aktiviert wurden und ich mir umgehend eine Jogginghose aus 120 Prozent Polyester zulegte.

18.12.2019 – Utopie und Untergang


Königsallee, Düsseldorf, 17.12.19. In Europa hat sie die zweithöchste Dichte an Filialen von Luxusmarken nach der Londoner New Bond Street. Vor Läden wie Gucci und hier Louis Vuitton drängeln sich die Kund*innen mitunter derart, dass die Läden zwischendurch geschlossen werden.
Louis Vuitton gehört zum LVMH Konzern, der als wertvollste Marke der internationalen Luxusartikelhersteller gilt und unter den Top 20 aller wichtigsten Marken der Welt rangiert.
Der Besitzer Bernard Arnault ist mit einem Vermögen von fast 80 Mrd. Euro der viertreichste Mensch der Welt, er besitzt also so viel wie 80.000 popelige Einzelmillionäre zusammen und fast dreimal soviel Taler wie der gesamte Jahres-Haushalt des Landes Niedersachsen. Falls es tatsächlich Leserinnen dieses Blogs gibt, die Louis Vuitton nicht kennen: die leimen so Taschen zusammen, die aussehen wie meine Omma aussen Eichsfeld ihre, wenn wir int Dörpe zum Einkaufen gingen, wo die Kartoffeln reinkamen, nur dass die von Louis Vuitton 2.000 Ocken kosten. Deshalb, und Sie mögen mir den Snobismus verzeihen, sehen die Leute, die sich vor solchen Läden drängeln, zumeist voll Scheiße aus, über ihnen schwebt eine Proll-Aura, die den Mann von Welt und Dandy einen Riesenbogen um solche Stätten machen lässt. Überflüssig zu erwähnen, dass die ganze Kö runter aufgereiht wie an einer Perlenschnur Bettler vor den Läden hocken.
Das alles klingt nicht nur unangenehm, es fühlt sich beim Flanieren auch innen so an und genau deshalb ist es unerlässlich, sich auch auf sowas einzulassen. Das ist jene Art lebendig erfahrene politische Bildung, die die Lektüre der gesammelten Marx-Engels-Werke ersetzt. Das ist nur Papier und das ist sooo geduldig.
Natürlich begebe ich mich nicht nur dessentwegen zu so einem auch sonst eher klebrigen Ort wie Dusseldorf, allein die Altstadt, mit tausenden betrunkenen Holländern, die schon am frühen Vormittag Altbier in sich schütten, unter hunderten Heizpilzen hockend, lässt einen wünschen, dass demnächst Nacktnasenwombats oder Salzwasserkrokodile die Herrschaft über diesen Planeten antreten mögen.
Im dortigen Kunstpalast gab man die Ausstellung „Utopie und Untergang – Kunst in der DDR“.

Ein schöner Titel, der die Geschichte der DDR gut beschreibt: Von der Utopie des Anfangs, dem Hoffen auf eine bessere Welt nach den Gräueln des Faschismus, eine Welt, in der zum Bespiel keine Bettler vor Läden wie Louis Vuitton hocken, bis hin zum Untergang, beschleunigt durch stalinistische Willkür, bürokratische Ineffizienz, perfide Unterdrückung und einen eklatanten Mangel an Bananen und Mallorca-Reisen.
Schön, mal wieder DDR-Kunst auf einem Haufen zu sehen. Nachdem Kulturschaffende aus der ehemaligen Ostzone vor deren Annexion hierzulande noch hofiert wurden, vor allem wenn sie die Aura des Dissidenten umgab, verschwanden sie nach Mauerfall umgehend in der Versenkung, mission accomplished. (Ausnahmen wie die neue Leipziger Schule um den Schmieranten Neo Rauch bestätigen die Regel.)
Sonst gab mir die Ausstellung wenig, nach wie vor am meisten beeindrucken mich die Meister der alten Leipziger Schule wie Tübke, Mattheuer (siehe Bild) oder Heise, die eben auch wegen ihrer ästhetischen Qualität die bekanntesten Pinselquäler von drüben waren. Aus dem Osten also nix neues, für mich. Unangenehm fand ich nur die dauernde Rempelei auf den Hinweisen zu den Bildern gegen eher systemimmanente sogenannte „Staatskünstler“ ( „ … lieber vom Leben gezeichnet als von Sitte gemalt..“) und das Hineininterpretieren von systemkritischen, dissidenten Symbolen und Aussagen in jedes zweite Bild, egal ob es passte. Ja, nee, schon ok, wenn ich vom Amt komme, bin ich immer schlauer. Oder wie es der Alkmeister im Faust so treffend formuliert:
„Weh Dir, dass du ein Enkel bist.“
Von nix ne Ahnung haben und den ohnehin schon breitgetretenen Quark nur nachplappern, so lieben wir unsere Dusseldorfer.
Prost.

17.12.2019 – Schöne Bescherung


Stille Nacht….?
Heute steht im hiesigen Zentralorgan der höheren Stände, der HAZ, dass die Verwahrlosung von Senior*innen deutlich zunimmt, überwiegend Frauen sind davon betroffen. Aus Scham werden staatliche Hilfen nicht in Anspruch genommen und sozialarbeiterische Unterstützung erst im Extremfall. Wenn überhaupt. Für ca. 1000 Fälle in Hannover sind 7 Sozialarbeiter*innen zuständig.
Grundsicherung im Alter wird bundesweit von rund 60 Prozent der Anspruchsberechtigten – hochgerechnet etwa 625000 Privathaushalten – nicht in Anspruch genommen. Bei voller Inanspruchnahme würde verfügbares Einkommen der Haushalte, die Grundsicherung aktuell nicht beziehen, aber beziehen könnten, um rund 30 Prozent steigen. Dass das nicht so ist, ist politisch gemacht und gewollt. Die Menschen werden weder hinreichend über ihre Rechte informiert noch sind die Antragsverfahren niedrigschwellig. Während wir uns auf der einen Seite in einem Zeitaler maximaler Schamlosigkeit befinden, wo jede*r ungefragt in aller Öffentlichkeit die privatesten Dinge und den gröbsten Hirnsondermüll erbricht, herrscht auf der anderen, der der materiellen und psychischen Not, eine scheinbar kaum zu durchbrechende Mauer aus Scham.
Altersarmut, Einsamkeit, Ausgrenzung, all das nimmt dramatisch zu. Das ist kein Naturgesetz, das ist, siehe oben, Produkt eines politischen Prozesses und politisch veränderbar. Es muss nur gewollt und gegen andere Interessen durchgesetzt werden.
Das passiert nicht und insofern ist hier nicht von individueller Verwahrlosung zu reden, sondern von einer der Gesellschaft.
Das alles steht so natürlich nicht im Zentralorgan der höheren und wahrhaft verwahrlosten Stände, der HAZ. In der steht nur in jeder Ausgabe eine Seite mit den Namen der Spender*innen der Weihnachtsspendenaktion. Bei der kommt pro Jahr ca. 1 Mio. Euro zusammen, also pro Insassen der hiesigen Region ca. 1 Euro. Das ist erbärmlich.
Aber regelrecht niederträchtig und sozial verwahrlost ist es, diesem Armutszeugnis jedes Mal eine komplette Seite der HAZ zur Verfügung zu stellen, anstatt ein einziges Mal fundiert Fakten und strukturelle Zusammenhänge zu diesem Thema zu veröffentlichen. Zum Kotzen. Es geht aber auch in die andere Richtung. Einer alten Überlieferung zu Folge sitze ich nämlich gerade auf dem Lokus und habe ich die Lektüre der besagten HAZ vor mir. Gleich werde ich sie hinter mir haben. Und dann gehe ich shoppen.
Ihnen, liebe Leserinnen, wünsche ich eine charmante Jahresendzeit.