Kategorie-Archiv: Schuppen aktuell

10.02.2021 – 30 cm


Schneehöhe Verandatisch 30 Zentimeter. Das Winterwetter hat ja auch nützliche Seiten, für zwei, drei Tage sieht die weiße Pracht im Garten ganz schön aus. Länger muss nicht sein, in der Zeit kann man ja Fotos davon machen und sie sich hinterher angucken.
Praktisch ist das Wetter für Sektkühler via Schnee. Die Minusgrade geben dem Stoff genau die richtige Temperatur. In der Literatur wird zwar allgemein 6 – 8 Grad für Sekt als Trinktemperatur angegeben, ich halte 2 – 4 Grad für angemessener. Er sollte eiskalt genossen werden. Sekt wurde klassischerweise früher nach mehreren schweißtreibenden Walzerrunden in durchtanzten Ballnächten zur Abkühlung in großen Schlucken genossen und das ist das angemessene Trinkverhalten. Sekt wird nicht genippt sondern geschluckt.
Die Perlung, je feiner, desto besser, sollte so viel Aromen transportieren, dass das Trinkvergnügen auch bei tiefen Temperaturen ein Genuss ist. Ein Sektglas sollte hauchdünn sein, maximal zwei, drei Ångström Wanddicke, daher erwärmt sich Sekt im Glas sehr schnell, er sollte also nur kurze Verweildauer dort haben. Es gibt kaum ein größeres Genussdesaster als ein Sekt, der 1,3 Grad zu warm ist. Bei Rotkäppchen oder Faber oder ähnlichen Terror-Anschlägen auf die Geschmacksnerven ist Temperatur egal, solche Tropfen können auch 40 Grad warm sein.
In besseren Etablissements setze ich die korrekte Serviertemperatur voraus. Ich habe mich schon mit hysterischen Schreikrämpfen am Boden gewälzt, wenn das edle Nass 1,3 Grad zu warm an den Tisch kam, und vom herbeigeeilten Sommelier verlangt, dass er am Tisch Harakiri begehe. Wir sind doch nicht bei der Eroberung Roms durch Ostgoten!
Beim Italiener um die Ecke würde ich natürlich nicht eine derartige Mess-latte macchiato anlegen. Da steht die Messlatte anders. Es ist alles eine Frage des Preis-Leistungsverhältnisses.
Aber bei dem erwähnten Eckenitaliener herrschen auf der Speisekarte oft mafiös-undurchschaubare Getränke-Androhungen wie: Pinot Grigio. Nichts weiter. Was nichts anderes als die Rache der Gastronomie an der Weinkultur ist. Pinot Grigio, vermutlich aus der Inneren Mongolei. Da trinke ich zum Essen lieber einen Schoppen Grappa, die Rache der Italiener an den Ostgoten für die Zerstörung Roms. Die Italiener lachen sich heute noch einen Ast darüber, dass sie den tedesci einen derartigen Traubenabfall wie Grappa in Designerflaschen versteckt als Edelgesöff andrehen können. Immerhin kann man sich damit die Hände desinfizieren oder vom Fett befreien nach dem Essen.
Und wenn Sie, liebe Leserinnen, mich jetzt fragen, welchen Sekt frau den mal probieren sollte, ist mein Rat: Lassen Sie die ersten drei Billigen aus und fangen mit dem vierten Guten an. Das Leben ist viel zu kurz für schlechte Drinks.

08.02.2021 – Faszinierende Lektüre


Adressbuch Hannover 1953.
Ich wohne in Hannover in einem Kiez, der ehemals Arbeiterviertel war, danach ins Migrant*innen – und Student*innenfach überwechselte und jetzt Zug um Zug der Gentrifizierung anheimfällt. Vergleichbares gibt es in jeder Großstadt, siehe auch Kreuzberg/Fuckhain. Mir persönlich geht dieses Kiezgetue der linksalternativen Schnarchsäcke aller Schattierungen seit Jahren eher auf den Senkel, was soll bei Leuten schon groß rauskommen, die immer nur Klimmzüge an der eigenen Kiezmauer machen. Beschränkte Horizonte in jeder Beziehung. My Kiez is my castle. Trautes Heim, Kiezglück allein.
Der Dandy und Mann von Welt ist natürlich Kosmopolit, allein schon deshalb, weil diese Geisteshaltung unter den Nazis lebensgefährlich war und im Stalinismus nicht selten im Gulag endete. Wobei wir hier bei „uns“ von Beidem weit entfernt sind.
Einerseits Göttinseidank, andererseits gibt es immer mehr Nazis, Verschwörungsidioten und ähnliches Gesindel, für die ich mir ein Umerziehungslager wünschen würde. Hört sich irgendwie Scheiße an, aber nennen Sie es einfach „Langfristigen Mentalquarantäneaufenthalt“, dann liest sich das schon humaner. Alles eine Frage der Semantik.
Im Gegensatz zur Kiez-Gegenwart überaus faszinierend und lehrreich ist dagegen die Lektüre der Vergangenheit, siehe oben

Adressbuch Hannover 1953, Bewohner*innen meines Hauses, mit Berufsbezeichnungen. Fast durchgängig proletarisch, ein Hauch vorindustrieller Prägung (Korbmacher) und von den Spuren des Krieges noch gezeichnet, Invaliden und Witwen. Auch die Anzahl der Parteien im Haus sagt etwas über den Wandel der Zeiten. Selbst wenn man berücksichtigt, dass für die 14 Parteien noch ein später abgerissenes Haus dazu kam, wo jetzt der Garten ist, macht diese Belegung deutlich, dass 50 qm damals für vier, fünfköpfige Familien eher die Regel war, wo heute Singles über zu kleine 70 qm jammern.
Der geschätzte Freund & Kollege Sievers, Besitzer des Adressbuches, hat mal die Anzahl der Fleischereien nur im Stadtteilbereich Nord und Mitte recherchiert: 46. Teilweise mehrere in einer Straße, wo es heute im gesamten Stadtteil keine einzige Inhabergeführte Fleischerei mehr gibt. Allein das gäbe Anlass zu Seitenlangen stadtsoziologischen Excursionen. Ich beschränke mich hier auf den ästhetischen Mehrwert dieses Buches, dass in seiner expressiv-voluminösen Wucht, der literarischen Avantgarde-Montagetechnik und der kohärenten Gestaltungsästhetik, die die Tradition in der Moderne aufgehen lässt, an den Ulysses von James Joyce gemahnt. Das schreit nach Performance. So wird das ingeniöse Duo Gleitze & Sievers in postcoronatischen Zeiten mit dem Adressbuch auf 7-Kioske-Tournee gehen und mit einer interaktiven Perfomance Spurensicherung betreiben. Sichern Sie sich schon heute Karten, wenn Sie wissen wollen, mit welchem Pack Ihr Opa, der alte Nazi, damals alles unter einem Dach gehaust hat.

06.02.2021 – Ich arbeite gerade an einer Seuchen-Sitcom


Veranda Stillleben mit zugeschneitem Suppentopf. Wohl dem, der Veranda oder Balkon besitzt, hier können alle Gegenstände geparkt werden, die man in der Wohnung, welche, egal wie groß sie ist, immer zu klein ist, nicht gelagert werden sollen, von Wäscheständern über Turnschuhen bis hin zu Sektflaschen und Lebensmitteln. Letzteres zumindest im Winter. Man muss es dann nur wiederfinden, hätte ich zwei Stunden später heute Morgen nach meinem Suppentopf geschaut, wäre er komplett unter Schnee verschwunden.

Eingeschneit. Der Wind weht den feinpulvrigen Schnee in Richtung Veranda und häuft ihn zu undurchdringlichen arktischen Massen. Gut, dass ich Notvorräte angelegt habe, zumindest was Wermut, Wein und Sekt angeht. Sollte Armageddon über uns hereinbrechen, so werde ich die Stellung zwar nicht lange halten können, ein Topf Suppe währet nicht ewiglich, aber es wird ein fröhliches Ende werden. Hicks.
Hatte ich unlängst darüber gemährt, dass Winter in unseren Breitengraden unter anderem deshalb ätzend ist, weil er Schnee sofort in graubraun eklige Matschepampe verwandelt, hatten die Wettergöttinnen ruckzuck ein Einsehen und ließen nicht Frühling werden mit Blüten aller Orten, sondern einen Winter einbrechen wie seit Äonen nicht. Der wird wohl länger dauern, was pittoresk, siehe Suppe, aussieht und in Seuchenzeiten, wo sonst nix los ist, eine willkommene Abwechslung bietet, aber mir natürlich auch nicht recht ist. Ich möchte nicht, dass irgendwelche Göttinnen auf mich hören, weil sie eh alles in den falschen Hals kriegen, und meine täglichen Walks zwecks Stabilisierung der morschen Knochen sind nach zwei, drei Tagen auch kein Vergnügen mehr. Wenigstens ist für ein paar Momente die Seuche mal nicht Mittelpunkt und die Straße genannte Dreck- und Lärmschleuder vor meinem Fenster stellt sich selten unaufgeregt, leise und verzuckert dar. Dass an der Algarve gerade die Mandelblüte beginnt, darüber darf man allerdings nicht nachdenken.
Und der Kampf der Mutanten ist auch noch nicht entschieden. Ich arbeite gerade am Script für eine Seuchen-Sitcom, in Anlehnung an den Film „Charleys Tante“ von 1963 mit Peter Alexander, ist der Arbeitstitel: Charleys MuTante. Inhalt: Bei der Generalversammlung eines großen Wirtschaftssyndikats, zu der der junge Diplomat Dr. Otto Wilder extra aus Südamerika nach Wien gekommen ist, lernt er die attraktive, verwitwete Hauptaktionärin des Unternehmens, Carlotta Ramirez kennen, von der er sofort sehr angetan ist. Leider ist Dr. Wilder von der MuTante eines Virus befallen… ab hier ist die Sitcom ein Selbstläufer. Ich werde damit reich und berühmt und … hm, der Wunsch kommt mir bekannt vor. Hatten wir das nicht neulich erst?
Viel Spaß beim Schneeschippen, liebe Leserinnen.

05.02.2021 – Epidemiologen, Politologen und Podologen


Wenn schon Schnee, dann so: weit weg, und malerisch mit Sonne. Ätna, irgendwann im April.
Auf dem Ätna liegt ewiger Schnee, was zur in Europa eher seltenen Situation führt, dass man nach überschaubarer Busfahrt, von einer Schneeballschlacht erhitzt, im Meer den Schneeschweiß wegschwimmen kann, bei commoden Wassertemperaturen. Hierzulande steht stattdessen ein arktischer Wintereinbruch ins Haus, mit minus 13 Grad nachts. Ein natürlicher Fluchtreflex setzt beim Anblick der Wettervorhersage ein, zum Ätna beispielweise. Heute Sonne, 18 Grad. Plus!
Normal Reisen ist natürlich nicht, Seuchenadäquat wäre zu Fuß. Google Maps gibt 364 Stunden an, ohne Berücksichtigung von Alpenpässen, Wölfen im Apennin, Mafiosi in Kalabrien, bildungsbürgerlichen Zwischenstopps auf Goethes Spuren und Inspektionen toskanischer Weingüter plus Kater-Puffer sind das ca. 50 Tage. Ich könnte das Ganze als Performance-Wanderung mittels GoPro ins Internet stellen, jeden Tag eine Performance und eine PM, sowas wie Witze verleihen in Neapel, Nichts verkaufen in Reggio an die ‘Ndrangheta und Klopapier verbrennen im Ätna. Ab Neapel wären alle Agenturen an meinen Versen, ich würde reich und berühmt und könnte danach richtig Urlaub machen, also von Palermo nach Korfu fliegen, weil ich dann infolge körperlichen Totalzusammenbruchs als Hochrisikogruppe sofort geimpft würde. Bisschen umständlich, aber außer Phantasie läuft im Moment eh wenig. Ob ich einen Phantasie-Verleih aufmache? Hm.
Vielleicht ist es sinnvoller die Phantasie schweifen zu lassen in Richtung „Wie sieht die Welt nach Corona aus“? Wobei das Seuchen-Ende nicht absehbar ist, die Infektionszahlen rühren sich irgendwie nicht substantiell von der Stelle.
Eins scheint sicher: Die Pandemie wird ein Modernisierungstreiber. Ob das gesellschaftlich zu wünschen und zu begrüßen ist, wird eine andere Frage. Krisen und Kriege waren in der Vergangenheit jedenfalls immer Motoren und Katalysatoren von Veränderungen, technischer und kultureller Natur. Das Wirtschaftswunder, die Fresswelle, ‘68, das Goldene Zeitalter des Kapitalismus in den 70ern, das war ohne den vorangegangenen zweiten Weltkrieg genauso undenkbar wie die sowjetische Avantgarde, Dada, die Explosion Berlins zur Weltmetropole der 20er ohne den vorherigen Ersten Weltkrieg. Und die Choleraepidemie von 1892 in Hamburg hat hygienische und gesellschaftliche Standards gesetzt, von denen wir heute noch profitieren .
Was also wird in Folge von Corona alles geforscht, erfunden, untersucht, gemessen, evaluiert? Bleibt die Frage, wer bezahlt die Musik. Ich hab da schon wieder dunkle Befürchtungen.
Bis dahin aber scharren schon alle Epidemiologen, Politologen und Podologen mit den Hufen für das Rennen um die Fördertöpfe.
Die spannende Frage, was für Menschen kommen bei diesem Prozess raus? Meine Befürchtung: Noch mehr Arschlöcher als eh schon.

04.02.2021 – Eine Zensur findet nicht statt. Das System funktioniert auch so.


HAZ, 29.01.2021.
Die Meldung besteht ausschließlich aus Agentur-Zitaten (dpa). Die einzige journalistische Eigenleistung, die die HAZ erbrachte, war die Formulierung einer eigenen Überschrift. Insofern ist es eine geradezu famose Leistung, mit den fünf Wörtern der Überschrift den Inhalt der dpa Meldung komplett zu verfälschen und auf den Kopf zu stellen. In der Meldung steht, dass Armut trotz Arbeit vor der Corona-Krise etwas gesunken ist, also mit Corona Nichts zu tun hat, wörtlich und durch Gedankenstriche noch herausgehoben: „… 2019 – und damit vor der Corona-Krise – …“
Was macht dieses Flaggschiff des Blindgänger-Journalismus, die HAZ, draus? Trotz Corona geht Armut zurück.
So blöd wäre noch nicht mal die BLÖD gewesen. Und erzähle mir niemand, das ist zufällig mal eben so passiert. Ich behaupte nicht, dass das eine freche Lüge ist. Sowas quillt aus dem deformierten Unterbewusstsein der HAZ-Schreibwichte hervor, ES passiert ihnen.
Es ist der redaktionelle neoliberale Ungeist dieser Kackpostille, der das Massenphänomen Armut leugnet, verdrängt, individualisiert und zur Spielwiese von Charity-Eitelkeiten, vorzugsweise in der Vorweihnachtszeit, von aufgeblasenen Wichtigtuern der Stadtgesellschaft degradiert, die sich dann mit ein paar gestifteten Euro ihres Millionenvermögens derart vor den Kameras spreizen, dass selbst ein Pfau noch das Kotzen kriegen könnte. Für derartigen „journalistischen“ Ungeist braucht es keinen Erlass des Verlegers, die armen HAZ-Schreibwichte sind schon, auch aus lauter Angst um ihre Existenz, derartig dressiert im Kopf, dass ihnen obiger Müll automatisch aus dem Unterbewusstsein ins Blatt purzelt. Wo natürlich aus Profitgründen und mangels lokaler Konkurrenz ein Lektorat oder auch nur ein flüchtiges Plausibilitäts-Gegenlesen seit Jahren nicht mehr stattfindet.
Eine Zensur findet nicht statt. Das System funktioniert auch so.
Nichts was wir schreiben und sagen, passiert mal eben so. Da waltet immer etwas in uns, was uns die Worte aus dem Kopf poltern lässt. Selbst hinter dem, was wir nicht sagen, steckt ein mitunter abgründiger Plan und weil wir das zwar nicht immer wissen, aber oft ahnen, es zumindest aber immer hinter unserem Rücken in uns wütet, treibt es uns zu bunten Pillen, Drogen und Alkohol. Nicht gleichzeitig, eins nach dem anderen. In dem Sinne, rosige Träume, liebe Leserinnen

03.02.2021 – Liegt nicht die Lebendigkeit unserer irdischen Existenz im Scheitern der Pläne?


Diese Halbjahresübersicht 2021 an meinem Kühli wäre normalerweise übersät mit Termineintragungen aller Art und Urlaubskorridoren, die mittels Linien, Pfeilen, Fragezeichen, kryptischen Kürzeln, deren Sinn ich nach zwei Tagen schon nicht mehr verstehe, mit Berlinanwesenheitskorridoren kollidieren. Das Ganze sieht üblicherweise komplexer als das Schnittmuster für eine Hochzeitsrobe und das Gefühl, dadurch Planungssicherheit zu bekommen, ist trügerischer als der Gang über eine Eisdecke nach zwei Frostnächten. Alles natürlich in Blei, das hält ja keine drei Tage vor. Aber es gibt dem Leben Struktur und Zuversicht.
Wenn man so will, sind unplanbare Seuchenzeiten wie diese das Maximum an Struktur und Zuversicht. Mein 21er Plan ist übersichtlich wie ein einteiliges Puzzle und könnte mit maximaler Zuversicht erfüllen: Es kann nur besser werden. Die Mutter aller Zuversicht aber ist die Hoffnung, wo sie nicht ist, wächst keine Zuversicht.
Hört sich irgendwie ergreifend pseudoweise an, nach Konfuzius, Dalai Laber oder anderen ostasiatischen Dünnbrettbohrern, ist mir gerade in den Kopf gepurzelt, können Sie, liebe Leserinnen, für Ihr Poesiealbum kopieren. Vorerst verlassen wir aber die schwankenden Planken der Laberei und wenden uns den nackten Fakten aus dem Reich der Statistik zu, den Fallzahlen von heute, die irgendwo im Nirwana zwischen Hoffnung und Stagnation oszillieren. Die Infektionen nehmen ab, aber nicht so richtig, die Todeszahlen bleiben hoch, die 14-Tage-Inzidenz pro 100.000 Einwohner sieht nicht mehr ganz so dunkel gefärbt aus wie vor Wochen aber richtig hell auch noch nicht.
Es bleibt nach Abwägen dabei: Keine Pläne und schon gar nicht auf die heimtückische Tochter der Hoffnung setzen: Auf die Vorfreude. Auf Sonne, Meer, Licht und Wärme. Also folgen wir dem legendären Pauker Brömmel aus der „Feuerzangenbowle“:
“ … dat krieje mer später.“
Fazit: Nicht schlecht, Herr Brecht, hier hatten Sie mal wieder Recht:
„Ja; mach nur einen Plan
sei nur ein großes Licht!
Und mach dann noch´nen zweiten Plan
gehn tun sie beide nicht.“

Nicht traurig sein, liebe Lesende, folgen Sie lieber dem chinesischen Philosophen aus dem 8. Jahrhundert Mao glei-tse:
Liegt nicht die Lebendigkeit unserer irdischen Existenz im Scheitern der Pläne?

01.02.2021 – Wo ist die Klimakatastrophe, wenn man sie mal braucht?


Meine Corfu-Olive, verhüllt nach Art des Hauses Christo. Kübelpflanze, kritischer Frostbereich ab minus 7 Grad, also musste ich neulich wieder mit Planen und Tüchern ran. Ich hasse Gartenarbeit jeglicher Couleur, dreckige Fingernägel sind was für Menschen, die an Autos schrauben oder Holzhäuser hämmern. Es ist nicht der Schweiß der Edlen, der bei sowas fließt. Auch wenn ich in meinem Leben schon oft die Faust des revolutionären Klassenkampfes geballt habe, wenn sich da nicht gerade ein Glas Crémant drin befand, bin ich doch keinesfalls ein Arbeiter der Faust, sondern der Stirn. Was aber auch nachlässt, das Stirnarbeiten.
Ich merke mit fortdauernder Seuche, wie das Denken sich bei mir verändert, langsam, kaum merkbar, aber doch. Die Bedingungen der Seuche nehmen einem ja viele Entscheidungen ab, es regiert die normative Macht des faktischen Zwanges. Selten hatte die gruselig-resignative Phrase „Es ist so wie es ist“ ihre Berechtigung wie heuer.
Das Denken verändert Struktur, Geschwindigkeit und Richtung, es wird träger, bedürfnisloser, reizarm, ziellos, kreativarm. Kein unangenehmer Prozess, aber woran merkt man, wann man in Verwesung übergeht …?
Als Problem sehe ich die Tatsache, dass Denken, Entscheidungen, Problemlösungen kreativärmer werden. Wir denken normalerweise in zwei Dimensionen, die eine, innen gesteuert, bildet unsere Erfahrungen und Kenntnisse ab, die andere, außen gesteuert, bildet unsere Umwelt ab, Schule, Uni, Job, Beziehungen, Projekte etc. Innerhalb dieses zweidimensionalen Rahmens denken wir, treffen Entscheidungen; erwartbare normalerweise, was auch gut ist, sonst wären wir für unsere Umwelt unberechenbar, Chaos herrschte.
Aber manchmal braucht‘s auch kreative, unerwartete Ansätze, was das Heraustreten aus dem klassischen zweidimensionalen Bezugsrahmen benötigt. Den Schritt in das dreidimensionale Denken, die kreative Lösung.
Das ist schwer plan- und lernbar und bedarf einer Voraussetzung: der Konfrontation mit dem Anderen. Also den Austausch mit anderen Personen und vor allem die grundsätzliche Konfrontation mit der anderen Welt, mit anderen Landschaften, Gerüchen, Getränken, Spezereien, Temperaturen, Autobussen etc. pp. Daran hapert’s zur Zeit.
Mir fällt schwer, mich zu erinnern, wann ich das letzte Mal einen kreativen Funken hatte. Diese Christo-Verhüllung oben seht ja nett aus, kann man aber kaum als kreativ bezeichnen. Das ist lediglich Kollateralfolge einer Notwendigkeit, auf die ich verzichten kann. Die Jahre werden doch immer wärmer, was sollen dann diese Frostausreißer?!
Wo ist die Klimakatastrophe, wenn man sie mal braucht?

29.01.2021 – Hoffen und Harren macht manchen zum Narren


Neulich im Internet. Um zu wissen, was die Weltpresse über meine Tätigkeiten denn so berichtet, gehört der Internetcheck zu meinen Routinen. Der Screenshot oben gehört zu meinen 68 Lieblingsfundstellen der letzten Woche. Auch wenn der Abstrich jetzt nicht direkt mit meinen Tätigkeiten in Verbindung zu rücken ist, wird auch an diesem eher heiteren Beispiel deutlich, welches Glatteis das Internet mitunter mit sich führt. Sollten Sie, liebe Leserinnen, sich zum Führen eines Blogs wie diesem entschließen, und ich habe mehrfach dafür argumentiert, oder zu irgendwelchen Internetaktivitäten, denken Sie dran: Das Internet vergisst nicht. Klingt völlig trivial im 21. Jahrhundert, aber da ich nicht unbedingt über alles erfreut bin, was z. B. im Internet über mich steht, wiederhole ich sowas gerne, gerade für Jüngere und Menschen, die noch Karriere machen wollen. Und bieten Sie niemals Wetten oder ähnliches an, so wie ich mit den Corona-Infektionen. In 99 Prozent aller Fälle geht sowas gut, aber wenn es ganz blöd läuft, werden Sie auf sowas festgenagelt. Und dann Gute Nacht Marie. Spielschulden beispielsweise sind Ehrenschulden und müssen eingehalten werden, koste es, was es wolle, selbst wenn es der rechte Arm ist.
Ins nie vergessende Internet packe ich jetzt dieses Foto hier, um mich zu vergewissern, dass man auch da hinfahren kann:

Bucht an der kroatischen Küste in der Nähe von Cavtat.
Irgendwann geht die Reiserei wieder los, also sollte man sich jetzt schon die Frage stellen, wann, wie, wohin. Es ist ja durchaus möglich, dass in ganz Europa sobald als möglich alle auf einmal in den Süden wollen, koste es, was es wolle. Für die, die es sich leisten können, aber das sind zig Millionen. Ob man dann mit der ersten Wahl durchkommt, ist eventuell ebenso fraglich, wie per Hotline eine Auskunft über Impftermine zu kriegen.
Im Moment befinden wir uns Seuchentechnisch in einem Schwebezustand. Einerseits sinken Kennzahlen: Der Sieben-Tage-R-Wert lag laut RKI-Lagebericht vom Donnerstagabend bei 0,90, 14.022 Neuinfektionen und 839 neuen Todesfällen in Deutschland. Das ist eine sinkende Tendenz, aber wir (na ja, ich) wissen nicht, ob sich dahinter eine Wellenüberlagerung verbirgt, meint: Die schnell abflauende Welle der klassischen Corona-Variante wird überlagert von der langsamer anschwellenden Welle verschiedener neuer und unter Umständen infektiöserer Variationen. Das lässt die Zahlen erstmal sinken, bevor die anschwellende Welle richtig in Fahrt kommt.
Also weiter hoffen und harren.

24.01.2021 – Lasst, die Ihr eintretet, alle Hoffnung fahren!


Karneval der Kulturen, Berlin 2008. Schon damals schwante mir Seuchentechnisch nichts Gutes und so kam dieser Corona-Schnappschuss zustande. So weit so mittelmäßig komisch. Ich bin nur froh, dass meine dystopischen Seherqualitäten nicht immer ins Schwarze treffen und ich meine Wette vom 26.11 mit über 30.000 Infizierten für heute offensichtlich vergeigt habe. Die Zahlen liegen wesentlich niedriger und Weihnachten war wohl doch nicht der befürchtete Superspreader Event. Was mich froh, aber keineswegs zuversichtlich stimmt. Kein Mensch weiß, was beim Mutantenstadl noch alles an Variationen rauskommt. Meine Horrorvision: Am Tag nach meiner Impfung geht die Meldung steil, dass die neue Variation S. 68.1 von den bisherigen Impfstoffen nicht mehr erreicht wird.
Und alles wieder von vorne. Verlorene Lebenszeit.
Ich weiß nicht, wieviel Karnevale der Kulturen ich in Berlin schon erlebt habe. Es besteht aber die Möglichkeit, dass es mehr sind als ich noch erleben werde, und das ist schon ein verdammt komisches Gefühl, wenn man sich sagt: Es kommt ab jetzt auf jeden einzelnen an. Mit 90 turne ich da bestimmt nicht mehr 8 Stunden lang tanzend und trinkend in Bullenhitze rum. Und das 25jährige Jubiläum findet auch 2021 nicht statt, natürlich nicht. Auf die olympischen Spiele kann ich verzichten und Fußball-Meisterschaften ist eh nur noch was für den Mob, aber allein die Erinnerungen an die legendäre Kneipe Mrs. Lovell an der Karnevalsroute treiben mir die Sehnsuchtsperlen auf die Stirn. Den Laden gibt’s zwar nicht mehr, aber an seiner Stelle dann eben zwei andere.

Mrs. Lovell, 2008. Zweihundert Jahre Knast und nur schräge Vögel, eine Oase jenseits der Normalität.
Ich kann also durchaus nachvollziehen, dass allenthalben Szenarien für ein Lockdown-Ende diskutiert werden, der Mensch lebt von der Hoffnung, vom Licht am Tunnel. Vernünftig ist das nicht. Es weckt zu früh zu viel Zuversicht, die in böser Enttäuschung enden kann. Drosten schenkt da reichlich Wermut in den 21er Jahrgang Wein der Zuversicht, in Dresden kommt das Krematorium nicht mehr mit dem Verbrennen der Leichen nach und in Osnabrück greifen Feiernde die Polizei an, die diese Idiotie unterbinden will. Eigentlich könnte ich die göttliche Komödie als Überschrift für meinen Blog zitieren:
„Lasst, die Ihr eintretet, alle Hoffnung fahren!“

22.01.2021 – Reflexionen über Kartoffelklöße im Kapitalismus


Neues vom Zeichner Thomas Stethin. Die winterlich-melancholisch-kapitolinischen Striche passen zur Lage der Situation und umgekehrt. Dieses Gesumse um Joe Biden zur Inauguration erinnert ein wenig an die peinlich-hymnischen Elogen zum Amtsantritt Obamas. Man hatte den Eindruck, der Mann tritt seine Dienstreisen über den Atlantik zu Fuß an, wie weiland der Heiland übern Jordan oder war‘s der See Genezareth, so melodramatisch konnte die Bürgerpresse das Wasser der Begeisterung über den ersten men of colour im Amt nicht halten. Das sprach nicht gegen Obama, Charisma hatte der Mann, sondern nur gegen das Politikverständnis der Bürgerpresse, die lieber vom Sexappeal des Potus schwadronierte anstatt vom Kapitalismus zu reden. Die logische Konsequenz der Politik Obamas war Trump. Mit Sexappeal allein lässt sich die Spaltung eines Landes nicht verhindern, im Gegenteil. Und ebenso logisch wird am Ende der Amtszeit von Joe Biden eine noch tiefere Spaltung der USA stehen, wobei man sich seit Jahren fragt, wie das überhaupt möglich ist. Aber das kriegt er immer wieder aufs Neue hin, der Ami, das mit der Vertiefung der Spaltung. Bleibt nur zu hoffen, dass mit einer Gesundheits- und Migrationsreform ein paar Millionen Menschen wenigstens das Ärgste erspart bleibt im Amiland.
Das Pendant zu Biden, bei dem ich bei jedem Gang zum Rednerpult immer gezittert habe, dass er sich altersbedingt bloß nicht auf die Schnauze legt, weil’s das sonst gewesen wäre mit seiner Wahl, ist hierzulande für mich Winfried Kretschmann, MP von Baden-Württemberg. Bei dem habe ich bei dessen Reden immer den Eindruck, dass ihm über den begonnenen Satz ermattet das Haupt auf den Tisch sinkt und er sanft wegdöselt. Alter ist nicht unbedingt eine politische Kategorie, aber von jemandem derartig schwäbisch-kraftlos-verschnarcht-undynamischen möchte ich nicht regiert werden. Überall in der Politik nur (schlaf-)wandelnde Argumente für eine Regentschaft von Angela Merkel bis an ihr Lebensende, die Frau beleidigt wenigstens nicht meine Intelligenz.
Ich will auch nicht von Armin FLaschet regiert werden, aus ästhetischen Gründen nicht. Wenn ich dessen nordrhein-westfälisches Caesarenhaupt sehe, muss ich immer an Kartoffelklöße denken. Ich möchte nicht von einem Kartoffelkloß regiert werden. Das ist jetzt auch keine politische Kategorie, aber wir leben im Kapitalismus, da kommt’s auf sowas kaum an. Der erledigt die Geschäfte schon von alleine. Bleiben Sie gesund, liebe Leserinnen.