Kategorie-Archiv: Schuppen aktuell

24.06.2021 – Börsentipps


Porto, Panoramaaufnahme.
Rabelos, mit denen der Wein vom Douro in die Weinkeller von Villa Nova da Gaia transportiert wurde, wo er zum Port wird, dem Edelsten, was Trauben widerfahren kann. Sollten Sie meinen etwas länger zurückliegenden Börsenhinweis in Sachen Astrazeneca, Biontech und Moderna in Kauf-Praxis umgesetzt und gerade Gewinne realisiert haben, gönnen Sie sich davon ruhig ein Fläschen Vintage Port. Etwas für besondere Anlässe.
Gewinne in den letzten 6 Monaten: Biontech plus 166 %, Moderna 93 %, Astrazeneca plus 18 %. Biontech wird, da es bereits andere mRNA Anwendungen, unter anderem gegen Krebs, in der Pipeline haben soll, von Börsenfachleuten als das neue Apple gepriesen (Kursentwicklung in den letzten fünf Jahren: Plus 430 Prozent).
Sehe ich da die Dollarzeichen in Ihren Augen, weil Sie was fürs Alter anlegen wollen? Um später noch mit der Rente Ihre Miete bezahlen zu können? Dann drück ich Ihnen die Daumen beim Zocken, auf dass es Biontech mit anderen Anwendungen nicht so ergehe wie Curevac, die auf unmodifizierte mRNA gesetzt und damit verloren haben, dass Sie eine Ahnung vom Geschäftsmodell mRNA haben, wissen, wie die Firmen intern aufgestellt und verschuldet sind und dass Sie keine Skrupel beim Zocken haben. Die Börsengewinne des Einen sind immer das Blut der Anderen. Bei Biontech nicht so offensichtlich und direkt vermittelt wie z. B. bei Bayer oder Rohstoffkonzernen, aber am Ende läuft es immer darauf hinaus.
Aber was soll ich denn fürs Alter anlegen, sagen Sie jetzt? Und Sie haben gerade eine größere Summe geerbt, sind jetzt 56 und möchte die gut anlegen, um endlich mit 63 in Rente gehen zu können, weil Sie die Kackfressen von Chef und Kolleginnen nicht mehr ertragen. Der Dax z. B. hat in den letzten fünf Jahren um 60 Prozent zugelegt, so viel Rendite wie ein DAX ETF gibt Ihr Festgeld, Riester Rente, Lebensversicherung nicht her. Aktien, die einzig wahre Anlage-Möglichkeit, davon reden doch alle im Moment.
Wohl wahr.
Hinwiederum: Hätten Sie 2000 in den Dax investiert, wäre eine entsprechende Anlage 7 Jahre später, zum unterstellten Renteneintritt siehe oben, halbiert gewesen, und hätte weitere 5 Jahre gebraucht, um bei plus minus Null zu landen. Zwischendurch war nämlich die Dotcom Blase geplatzt, die damalige Entsprechung zu mRNA, und der Nine-Eleven passiert. Und was meinen Sie, was mit Ihrer Anlage passiert, wenn irgendein Terrorist Manhattan mit einer Mini-Atombombe in Schutt und Asche legt. Dagegen ist 9/11 ein laues Lüftchen.
Also hören Sie nicht auf das Geschwätz von vermeintlichen Experten, Wichtigtuern und Blogschreiberlingen. Zocken Sie lieber auf der Pferderennbahn, da sind Sie wenigstens an der frischen Luft.
Und setzen Sie sich lieber politisch dafür ein, dass der Wohnungsmarkt endlich reguliert wird, damit die Mieten in Ballungsräumen in den nächsten Jahren nicht noch weiter explodieren. Sonst reicht Ihre Rente nämlich nicht fürs Wohnen. Geht schneller als Sie denken …
In der Hoffnung, Ihnen nicht den Tag vermiest zu haben, verbleibe ich mit freundlichen Grüßen
Ihr Börsenexperte.

23.06.2021 – Trübe Aussichten: Klima, Fußball und andere Katastrophen


Wolkenbruch, vorgestern. Innerhalb weniger Minuten stand der Garten unter Wasser und die Sintflut staute sich an der Kellertreppe. Auch die Alltagserfahrung jenseits von Klimakatastrophen-Statistiken sagt mir: Da läuft was aus dem Ruder. Ich habe immer ein paar Magnesiumbrausetabletten in einem Schälchen griffbereit stehen, gegen Wadenkrämpfe und um Leitungswasser als Getränk ein bisschen aufzubrizzeln. Die Tabletten befanden sich neulich in Auflösung, schlugen schaumige Blasen. Natürlich verändern die sich bei hoher Luftfeuchtigkeit, werden rauer und klebrig, verändern die Farbe (Sie kennen sicher diese putzigen Urlaubsmitbringsel aus Portugal oder Frankreich, kleine Hähne, die die Farbe ändern, wenn es feuchter wird). Aber Auflösung?
Die Luftfeuchtigkeit lag in der Wohnung bei 81 %. Ein absoluter Rekordwert. Feucht normal ist irgendwas bei 60 Prozent. Trocken schon mal unter 40 %. Eine derart hohe Luftfeuchtigkeit ist gerade im Sommer gesundheitsschädlich, sie reduziert die lebensnotwendige Fähigkeit zu schwitzen und macht das Atmen schwerer, weil der Sauerstoffgehalt der Luft anteilig reduziert ist. Ist halt mehr Wasser drin. Wenn sich solche Ausreißer als Regeltendenz durchsetzen, wird sich das deutlich auf die Sterberate in Pflegeheimen auswirken, zusätzlich zur „klassischen“ Dehydrierung. Wobei die schlimmste Todesursache der politisch gemachte und gewollte Pflegenotstand ist. Das ist Totschlag, exekutiert mit den Mitteln der Legislative auf dem Altar des Profits.
Ich jedenfalls habe mir schon länger meine nur halbzynisch gemeinte Klimakatastrophen-Maxime „Nach mir die Sintflut, ich krieg davon eh nix mehr mit“ von der Backe geputzt. Das veränderte Klima wird sehr wohl noch in meinen gelebten Alltag reingrätschen und nicht erst im Altersheim.
Ich plane ja jetzt schon Urlaube anders als früher, wo ich niemals auf die Idee gekommen wäre im Sommer in den Süden zu fliegen. Motto: „Hier ist doch auch schön“. Bei der nächsten Hitzewelle hierzulande mit 35 Grad und mehr in Serie im Abgasstinkenden Betonmoloch City gäbe es kaum was Feineres als sich z. B. in Porto bei erträglichen 25 Grad die Birne mit Atlantikluft und diversen Vinho verdes zu kühlen.

Porto, Douromündung. Vintageprint 2021, A. S.
Hängt über meinem Arbeitsplatz. Das Geschenk eines Freundes, dem ich, da ich weiß, dass er diesen Blog liest, auch an dieser Stelle noch mal danke für diese unnachahmliche Komposition von Fernweh und Saudade. Und wenn es nur für dieses eine Bild wäre, so hätte sich die Reise gelohnt. Das scheint mir Sinn und unabdingbare Notwendigkeit von Reisen zu sein (neben Vinho verde und Portwein): die Wirklichkeit mit dem anderen Blick, dem der Fremde, zu durchdringen, um dem eigenen Alltag Glanz und Perspektive abzugewinnen. Den Soundtrack dazu liefert Otis Redding.
Passend zu dieser abgrundtiefen Melancholie sind meine Aussichten für heute: Ich habe auf das Ausscheiden der Ostgoten in der Vorrunde gewettet, 7:1, und diese Wette wird heute Abend in den Orkus zertrümmert. Selbst für meine letzte Wett-Haltelinie, das Ausscheiden im Achtelfinale, sehe ich wie für unser Klima: schwarz.

21.06.2021 – Wo aber Gefahr ist, wächst keinesfalls das Rettende auch, sondern steht der nächste Irrsinn vor der Tür


Biontech – Demnächst auch als Zäpfchen. Impressionen von der Quernazi-Demo am Wochenende in Hannover. Ein erbärmliches Häuflein von sehr hässlichen Menschen. Schon die Idee, im Autocorso zu demonstrieren, ist im 21. Jahrhundert sowas von indiskutabel hirnverbrannt.

Was für eine Wurst muss man sein, um so ein Auto zu fahren.

Tiefer gelegter Intelligenzquotient.
Aber was hilft alle moralische Erhebung über diese Wichte. Dass ich mich unendlich überlegen fühlen darf? Dass meine Psycho-Hygiene im Akt des Schreibens kurz entlastet ist? Die geneigten Leserinnen unterhalten und eventuell informiert sind?
Auch wenn die Quernazis im Moment marginalisiert scheinen, ist deren Potential ja nicht weniger geworden. Dieser Irrsinn flottiert und vagabundiert weiter frei bis weit über die Mitte hinaus in (ehemals) fortschrittliche Kreise. Auch attac (doch, die gibt’s noch) sah sich gerade zu einer Abgrenzungserklärung gegen Verschwörungstheoretiker*innen in den eigenen Reihen genötigt.
Und was wird mit diesem offen- bis kryptofaschistischem Potential, wenn nach der Bundestagswahl dem Mob die Kostenrechnung für die Seuche präsentiert wird? Wenn die Flüchtlingszahlen wieder steigen (tun sie jetzt schon, aber bei uns noch nicht)? Der nächste Finanzcrash mit inkludierter Rezession kommt? Usw. usf., to be continued. Von der fünften Welle infolge der Epsilon-Variante wollen wir gar nicht erst anfangen….
What’s left? Wo aber Gefahr ist, wächst keinesfalls das Rettende auch, sondern steht der nächste Irrsinn vor der Tür, in Form der Selbstzersägendsten aller Parteien, der Linken. Die hat sich, den Absturz vor Augen. am Wochenende kurzfristig zusammengerauft, bevor demnächst das Alltagsgeschäft der doitschen Linken wieder einsetzt, die stalinistisch unterpufferte Eigendemontage.
Das sozialpolitische Programm der Linken ist so gestaltet, dass es den Interessen von geschätzt 20 bis 40 Prozent aller BRD-Insassen entspricht:
Solidarische Mindestrente von 1200 Euro. Abkehr von Hartz IV durch sanktionsfreie Mindestsicherung. Mietendeckel. Abschaffung Niedriglohnsektor und Erhöhung Mindestlohn auf 13 Euro. Vermögensteuer, mit einem Freibetrag für Privatvermögen von einer Million Euro. Etc. pp..
Der Mob hierzulande ist allerdings zu großen Teilen so perfekt dressiert, dass er keinesfalls nach seinem Interesse handelt, sondern geifernd und zeternd über die Linke herfällt. Die Lektüre von Diskussionsforen lohnt sich deshalb immer, wie hier im Bericht über den Linken Parteitag.
Da stößt man auch auf Pretiosen wie das gegen „linksgrünversifftes“ Gendern gewendete „Die Linken(/:*Innen)“. Das kam bei mir schon vor 20 Jahren auf die Humor-Altmülldeponie, ist originell wie ein Altherrenwitz und ranzig wie Frittenfett aus ner Pommesbude auf St. Pauli, stirbt aber nicht aus. Dürfte auf AfD-Parteitagen für Lachsalven sorgen.
Niedlich und rettet den Tagesbeginn.
Der Programmpunkt der Linken, der meinem Interesse entspricht, ist die Abschaffung der Sektsteuer. Sekt ist Grundnahrungsmittel für mich und der Punkt erinnert mich an die einzige Forderung meiner famosen Partei SCHUPPEN 68 von 1991: Freibier und Erbsensuppe.
Daher werde ich weiter für die Linke die Werbetrommel rühren, auch wenn deren Personal mir mitunter gewaltig auf den Senkel geht.

17.06.2021 – 17. Juni: Gedenken an die Brüder und Schwestern in der Ostzone.


Gescanntes Dia. Aus der ostzonalen Diaserie „35 Jahre DDR“ (also 1984), die das verdienstvolle Kollektiv der Kulturschaffenden, Werktätigen und Faulpelze „SCHUPPEN 68“ bei Silke-Arp Bricht im Rahmen einer Performance zeigte, zum 45. Geburtstag der DDR, 1994.
Darüber, dass der anwesende ostzonale Mob uns bei dieser Performance spätestens nach der „Ode an Erich Mielke“ von der Bühne prügeln wollte berichtete ich mehrfach. Oh Ihr Götter, möge Euer Zorn treffen die Unwissenden, Trochäus und Jambus sind fremd ihnen wie früher Mallorca und Lichtenstein, so oder ähnlich dachte ich damals vermutlich. Heute sinniere ich darüber, wie diese Diaserie, echt nur im klassischen Diamagazin, bei der Vorführung klickend und knatternd durch den Projektor ratterte und einen staubwirbelnden Projektionsstrahl auf die Dreibein-wackelnde Leinwand schoss. Ein sinnliches Bilderleben, das sich einem PC-Beamer gesteuerten Präsentationsakt verschließt, benötigte man (Diaprojektor war wie Grill: immer Männersache) doch bei ersterem zur Vorführung unzählige Voraussetzungen und Arbeitsschritte: viel Platz fürs Archiv („Karl-Friedrich, die Dias kommen jetzt endlich auf den Boden, wir haben keinen Platz mehr für die Fotoalben!“), Zeit für stundenlangen Aufbau (die Leinwand fällt um. Immer), Muße zum exakten Einräumen der Dias („Sorry, das ist nicht die Kuppel des Petersdomes sondern Brigitte bei unserem FKK Urlaub im Jahr davor!“) usw. usf.
Eine Diaprojektion konnte das erzeugen, was einer Beamerpräsentation fehlt: Aura.
Diese Kategorie ist von fundamentaler Bedeutung für Kulturrezeption und darüber hinaus bin ich sicher, dass das Verschwinden von auratischen Momenten in der Moderne viel zu tun hat mit den irrlichternden Verhältnissen der Gegenwart, in denen immer weniger Menschen bei sich sein, Ruhe aushalten können, kirre werden in Hirn und Herz bei der ständigen Jagd nach Erfüllung, Konsumbefriedigung und Glück und der irrsinnigen Erwartung, dass alles sofort im Hier und Jetzt geschehen muss.

Natürlich will ich die Diaprojektor-Zeiten nicht zurück, sowas macht man heute mit dem Smartphone und kein Mensch mit Verstand rennt bei einer normalen Wanderung mit einer Landkarte rum, sondern mit Google maps und Komoot. Aber beschreiben sollte man die Entwicklung schon ab und an, allein um sie im Hegelschen Sinne aufzuheben.
Ausgelöst wurde die Predigt des heutigen Tages durch selige Erinnerungen an den 17. Juni früherer Jahre, als meine Eltern als letzte in unserer Straße noch Kerzen ins Fenster stellten zum Gedenken an die Brüder und Schwestern in der Ostzone und ich als kleiner Pöks mich damals umgehend entschloss, den Aufstand des 17. Juni späterhin als konterrevolutionären Putsch zu betrachten. Allein schon deshalb, weil der postmodernde Dandy die Dinge niemals sieht wie der Rest, sondern immer antizyklisch.
Wenn Sie noch alte Dias haben (DDR 35 Jahre), scannen Sie die umgehend ein. Wenn Sie Pech haben, ist da kaum noch was drauf zu sehen oder die sind verschimmelt.
Und candle in the window geht doch noch: John Fogerty singt darüber.

15.06.2021 – Wie die Vergangenheit nach der Gegenwart greift


Todesanzeige vom 04.06.2021. Diese Anzeige hat mich ähnlich angerührt wie uralte Grabsteine auf noch aktiven Friedhöfen, durch sowas greift die Vergangenheit mit langen kalten Findern nach der Gegenwart. Die „Jungs“, die ihrer verehrten Lehrerin gedenken, leben ja noch.
Ich gedenke meines alten Volksschullehrers auch noch, aber eher unfroh. Der gute Mann hatte ein Bein im Krieg gelassen und war eher selten gut gelaunt, schritt gerne, getreu dem Motto: „Gelobt sei, was hart macht“, prügelnd durch die Pennälerschar. Mich erwischte es des Öfteren, ich hatte ein großes, vorlautes Maul, schon damals. Mit einem Unterschied: früher fing ich mir für sowas Kellen an die Denkmurmel ein, heute werde ich dafür hoch bezahlt. Na ja, relativ hoch. Eigentlich viel zu niedrig. Aber wir wollen nicht jammern. Wenn ich damals etwas gelernt habe, dann: Lerne leiden ohne zu klagen (Friedrich III, 1831 – 1888). Denn den meisten von uns so Geprügelten war klar wie Kloßbrühe: Zuhause auch nur ein Wort über den Vorfall und es gab die nächste Kelle. Gewaltfreie Erziehung war noch ein sehr zartes Pflänzchen. Heute ist sie eher Goldstandard und dadurch ist das Paradies auf Erden ausgebrochen: Keine Kriege mehr. Keine Männer mehr, die ihre Frauen prügeln (was ne Scheißformulierung: „ihre“ Frauen …). Keine Kindesmisshandlungen mehr.
Zurück zu 1854, dem Geburtsjahr von Anna von Borries, die einem uralten Adelsgeschlecht entstammt, Motto:
„Der Borries Trachten und Dräuen,
der deutschen Sache Gedeihen“

Geburtsjahr 1854, Krimkrieg, schon damals. Der Russe gegen den Muselmann, den Franzmann und den Engländer. Die doitsche Reichsgründung war noch 17 Jahre entfernt und, Hinweis für die Jüngeren: Es gab noch keine Smartphones!
Wären damals, im Deutsch-Französischen Krieg 1870/71, der der Reichsgründung voranging, die Bayern und Württemberger mit den Franzosen marschiert, was sie ursprünglich erwogen hatten, und nicht mit den Preußen, sähe die Welt heute anders aus. Preußen hätte den Krieg verloren, es gäbe kein Deutsches Reich. Wenn es einen Revanchekrieg gegeben hätte, wäre es sicher kein erster Weltkrieg geworden, sondern ein regional begrenzter Krieg zweier Mittelmächte Preußen und Frankreich. Damit auch kein zweiter Weltkrieg. Hallelujah. Aber ab da wird’s spannend. Es gäbe Preußen noch immer, aber wie? Vermutlich so ne Art Ostzone, die ihren Nachbarn noch mehr auf die Eier ginge als die aktuelle BRD.
Und das alles nur wegen der Gedenkanzeige von Anna von Borries.

13.06.2021 – Brot und Rosen


Rose auf meiner Veranda, in Nasenhöhe. Es gibt verschiedene Arten, den Tag zu beginnen. Man kann ihn sich durch Arbeit versauen oder für einen Moment ins Reich der Sinne fliehen, z. B. durch den Duft einer frisch erblühten Rose, die vielleicht noch betaut ist vom Verschwinden der Nacht. So lässt sich das morgendliche Katastrophen-Update durch den Deutschlandfunk und der Blick auf die Erledigungsliste des Tages –Zoom Sitzung 12 Uhr vorbereiten (Worum geht es da überhaupt? Und: Noch immer keine Socken gekauft!!) – leichter ertragen. Einfach mal der Ästhetik das Zepter des Alltags überlassen. Mitunter reicht auch ein Anblick.

Keine Duft-Rose, dafür eine geradezu barocke kardinale Üppigkeit, an der das Auge schwelgen kann.
Ästhetik dient nicht nur der Kontemplation, sondern auch zum Trost. Und natürlich politischer Bildung und Kampf. Brot und Rosen.
Aber bevor das hier in Politkitsch ausartet, nehmen wir lieber mal die Kurve, zurück in den Seuchen-Alltag, dessen Widrig- und Niedrigkeiten wahrlich genug Anlass für Trostbedarf produzieren. Was war für Sie die bisher unangenehmste Pandemie-Erfahrung?
Da gibt es viele Möglichkeiten: existentieller Natur wie eine Erkrankung, sei es eigene oder im Umfeld, Long-Covid Symptome, materielle Verluste oder Zukunftsängste, oder nachrangiger Natur wie Reiseeinschränkungen etc. pp. Politisch Denkende hadern vielleicht mit dem Verfall gesellschaftlicher Kommunikation und Kultur. Alles bekannt, ich muss hier nicht hinlänglich Feuilleton-Durchgenudeltes wiederkäuen.
Was ich am Ätzendsten fand, ist der Verfall der praktischen Vernunft mitten im eigenen sozialen Umfeld; Verschwörungswahnvorstellungen selbst bei Leuten, die man bis dato für aufgeklärte, eventuell sogar fortschrittliche bis linke Köpfe hielt, die einem vielleicht sogar noch sympathisch waren. Und dann allen Ernstes vom hiesigen Impf-Apartheitsregime delirieren. Von da ist es nur noch ein kleiner Schritt zum Masken-Holocaust.
Dass auch und gerade linke (Un-)Geister unter progredierendem Vernunftverlust leiden, lässt sich aus ideologischer Sicht nachvollziehen. Klassische Linke denken in der Klassen-Dichotomie: Kapital vs. Arbeit. Das ist soziologisch korrekt, auch wenn es heute anders formuliert würde. Diese entpersonalisierte Denkweise in dunklen, irgendwie amorphen Blöcken öffnet Tür und Tor für Verschwörungstheorie, wie z. B: „Das Kapital trifft sich bei der Bilderberg Konferenz und diktiert da der Politik den Kurs.“
Die Grenzen zwischen Verschwörung und Realität mögen mitunter unscharf sein, aber bei Anstrengung der praktischen Vernunft sollte Schwachsinn wie Impf-Apartheitsregime vermeidbar sein. Man kann unserer Politik einiges nachsagen und das tue ich oft und gerne, aber Apartheid?
Ich glaub, ich muss wieder auf die Veranda. Sie entschuldigen mich bitte.

11.06.2021 – Nämlich Oldenburg


Irgendwo in Oldenburg. Diesen Phahl im Vordergrund kann man sich nicht ausdenken, sowas serviert nur die Wirklichkeit.
Dass mir Oldenburg mal als süße Verheißung von frischer Freiheit und frohem Flaneurtum unterkommen würde, hätte ich prä-pandemisch nie gedacht. Ist aber so. Meine erste Reise – der Zustand von Reise tritt für mich immer dann ein, wenn es im Reisegefährt zur Lektüre eines Journales und dem Verzehr einer Brotzeit kommt – seit x Monaten führte mich auf dienstlichen Pfaden nach Oldenburg. Hatte ich vor kurzem noch darüber räsoniert, dass die Einschränkungen durch die Seuche zu einer mählichen Akzeptanz, ja förmlichen Begrüßung dieses freudlos-reizreduzierten Lebens, dieses monatelangen Vagabundierens auf den ewig gleichen Pfaden mit dem Anblick der ewig gleichen Bilder, Eindrücke, Perspektiven führen würde, einfach weil der Mensch durch die normative Kraft des Faktischen so niedergedrückt wird, dass nur eins bleibt, um nicht Schaden an der Seele zu nehmen: Sich fügen in das Unabänderliche, so kam es unlängst ganz anders. Nämlich Oldenburg.
Freiheit. Abenteuer.
Dieses Prickeln im Gemüt beim Besteigen des Zuges, diese staunende Begrüßung des vorbeisausenden Grünpanoramas, dieses zögernde Herumtapsen beim Umsteigen, dieses wohlige Erschauern beim Begrüßen analoger Humanoiden, dieses adrenalinige Rauschen in den Adern bei den schier nicht mehr für möglich gehaltenen Worten meines Intros: „Ich bedanke mich für die Einladung, freue mich, hier und heute teilanalog zu sein und begrüße jetzt auch die hybrid Zugeschalteten.“ Oder so ähnlich.
Worte von derartig historischer Tragweite, jedenfalls für mich, formuliert man nicht vor, die muss einem der Genius loci eingeben. Von daher möchte ich lieber nicht wissen, was ich da wirklich von mir gegeben habe.
Solche Reisen nutze ich, wann immer möglich, zu kurzen Momenten des Flanierens und sei es für ein Stündchen. Kein Ort der Welt kann so erbärmlich sein, dass er im freien Fluten des Weges nicht wenigstens ein Bild hergibt, das bisher ungekannt war, einen winzigen, kleinen Eindruck, der für einen Moment den Denkapparat anregt, das Humorzentrum reizt oder das Ästhetikempfinden in Wallung bringt. Wie dieses Dach einer ehemaligen Tankstelle aus den 50ern in Oldenburg. Ja, in Oldenburg.

Diese über alle Maßen kühn-reduzierte, schwungvolle Dynamik der Konstruktion, die in ihrer Fröhlichkeit laut zu rufen scheint: „Willkommen, Du offene Welt voll Modernität und Freiheit.“
Oldenburg, weißt Du überhaupt, welch seltene Preziose Du da in den Mauern beherbergst? Ich hoffe, das Teil steht unter Denkmalschutz. Ich aber hatte in Oldenburg den Glauben an eine Welt voller Möglichkeiten wiedergewonnen. Das Leben hat noch was im Köcher.
Auf dem Nachhauseweg ließ ich mich dergestalt noch zu ein paar Reflexionen über das magische Viereck der Zivilisation hinreißen: Reisen, Konsum, Kultur und Demokratie. Ein ambivalent-ideologisches Viereck voller Verheißungen, jedoch im Kern auch mit der Sprengkraft des eigenen Untergangs versehen.
Macht aber nix. Hauptsache Sommer.

08.06.2021 – Mit Sozialpolitik gewinnste keine Wahlen.


Karneval der Kulturen 2018, Berlin-Kreuzberg, mit Schweizer Narrengruppe vor dem Yorck-Programmkino. Meine damalige Heimstatt war direkt umme Ecke. Das kriegt man in Berlin nur, wenn man einen Sechser im Lotto hatte oder jemanden kennt, der einen kennt … Ich bin gespannt, ob ich sowas jemals wiederkriege. Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr (Wer erinnert sich noch an Meister Nadelöhr? Pitti platsch oder Schnatterinchen?) oder ein Reicher in das Himmelreich als das eine Normalsterbliche eine bezahlbare Unterkunft in Berlin findet. WG-Zimmer, 16 qm, 500 Euro, aber nur nach vorherigem Kreuzverhör im Rahmen eines Schauprozesses („Watt, du isst Fleisch? Nee, Alter, ditte jeht jaarnich!“).
Vor dem Hintergrund dieses Szenarios ist es nachvollziehbar, dass ich mir am Sonntag den Tatort anschaute, was ich normalerweise nie mache. Es ging um den Wohnungsmarkt in Berlin mit all seinen Facetten: Von krimineller Entmietung über Obdachlosigkeit bis hin zu Totschlag. Der Film war wider Erwarten gut, auch ästhetisch. Die klassische lineare Ästhetik von Zeit und Raum war unaufdringlich aber beeindruckend gebrochen durch Verfremdungen, Einblendungen von Obdachlosen und ihren Statements.
Der Film war ein Lehrstück über Kapitalismus: Der geht bei den in Rede stehenden Profitraten auf dem Immobilien-Markt über Leichen, ungehindert von Recht und Gesetz, also vom Staat, dessen Wesen hier auf den Punkt gebracht wurde: Agent des Kapitals. Wer in Berlin zwangsgeräumt wird (ca. 5000 per anno), ist in einer existentiellen Notsituation, die auch tödlich enden kann. Das Bedauern darüber, dass es im Tatort mal einen Immobilienhai erwischte, hielt sich in Grenzen.
Die Antwort auf die Frage, wie unsere Gesellschaft mit diesem sozialpolitischen Problem umgeht, gab es am gleichen Sonntag, zwei Stunden früher: Einblendung der Wahlprognose Sachsen-Anhalt. Die Linke 11 Prozent, SPD 8 Prozent. Die beiden Parteien, denen allgemein die größte sozialpolitische Kompetenz zugeschrieben wird, erhielten zusammen weniger Stimmen als die faschistische AfD, deren sozialpolitische Kompetenz in dem Diktum gründet: Arbeit macht frei.
Die Mitte der Gesellschaft entscheidet Wahlen, das sind – noch – an die 60 Prozent der Bevölkerung. Dieser Mitte ist Sozialpolitik scheißegal, entweder aus konsequentem Interesse, weil die Betreffenden materiell so saturiert sind, dass sie nur einen minimalen Daseinsfürsorge- Staat brauchen. Oder aus purer Verdrängung, weil sie Angst davor haben müssen, demnächst abzustürzen aus der Mitte und beim Mob zu landen.
Was der Sache auch förderlich ist: In Villenviertel ist die Wahlbeteiligung oft mehr als doppelt so hoch wie in sozialen Brennpunkten, da wählt in manchen Blocks bis auf die Nazis keine mehr. Wenn Sie sich, liebe Leserinnen, mal mit einer Sozialpolitikerin unterhalten, fällt nach spätestens 10 Minuten automatisch-resignativ der Satz: „Mit Sozialpolitik gewinnste keine Wahlen“.
Mein Tipp für die Bu-Wahl am 26.09: Die Linke fliegt aus dem Bundestag und die SPD landet knapp zweistellig. Dieses Mal noch.
Aber die Grünen werden’s schon richten…

05.06.2021 – Ich werd mir auch mit Botox die Hackfresse aufpimpen lassen.


Welche Corona-Krisen-Phrase ist hier abgebildet? Eine Hilfestellung gebe ich: In der Antwort kommen die Begriffe „Licht“, „Ende“ und „Tunnel“ vor. Und nein, es ist nicht: Wir schaffen das.
Vor Monaten habe ich ein Dokument mit dem Namen „Konsumliste“ angelegt, in dem ich die Dinge notierte, die ich kaufen wollte, wenn das wieder analog möglich ist. Im Internet z. B. Socken zu kaufen, wär mich irgendwie zu blöd. Man kann’s auch übertreiben. Und Socken sind mir ausgegangen, was bei „Socken“ der passende Begriff ist. Ich weiß nicht mehr, ob ich den Begriff „Konsum“liste selbstironisch verwendet habe, wie ich es überhaupt beruhigend finde, dass ich oft nicht weiß, wenn mir alte Blogeinträge unter die Augen kommen, ob ich die damals ernst gemeint habe. Ernst ist das Leben, heiter ist die Kunst. Aber wo verläuft da die Trennlinie?
Nun ist es an der Zeit, die Liste abzuarbeiten. Zwischenzeitlich hatte ich mich drauf gefreut, das Reich der Freiheit wieder Fuß um Fuß betreten zu können, Konsum, Restaurants, Reisen, Freunde treffen, etc. pp. Aber nun, wo es real wird, merke ich, wie sehr ich mich in den Seuchenmodus gefügt, es gar genossen habe, dass mir das Unabänderliche die Wahl der Entscheidung abnahm. Das Reich der Freiheit ist immer auch eins der Verantwortung und Entscheidung: was mache ich jetzt? Und da ist die viel Wichtigere noch gar nicht gestellt: Warum mache ich das?
Und wer wird demnächst den Käse zum Bahnhof rollen?
Es stehen also wieder, wie zu Seuchenbeginn, grundsätzliche individuelle und gesellschaftliche Veränderungen an, die im Moment noch allenthalben bejubelt werden, aber wehe, wehe, wenn ich auf das Ende sehe. Ich erinnere an den Kanarienvogel, dessen Käfigfenster offensteht, und der gar nicht daran denkt, in Freiheit zu fliegen. Weiß er, dass Tiere bei Käfighaltung in Zoos oder Haushalten meist wesentlich älter werden als in Freiheit?
Jetzt werden Sie, liebe Lesegemeinde, verstehen, warum ich seit Tagen aus ethisch zutiefst begründeten, wenn auch umstrittenen Motiven des Freiheitsdiskurses diese fucking Scheißliste vor mich herschiebe: Blöde Socken. Und wo ich das schreibe, muss ich mich zur Ordnung rufen. Was bin ich für ein Jammerlappen. Andere sind in krank geworden, haben Long-Covid, Angehörige im Pflegeheim, gar verloren, sind in ihrer materiellen Existenz bedroht, usw. usf. und ich erzähle hier einen von der Socke. Also Ende Gelände, ich will ja morgen noch in den Spiegel gucken.
Und wieder 5 Euro ins Phrasenschwein. Was selbst ne ätzende Phrase ist. Und den Spiegel brauch ich auch gar nicht. Dafür hab ich Zoomkonferenzen. Wo der Spiegel lügen kann, mittels Licht, Kopf wegdrehen oder einfacher Flucht, sagt Zoom erbarmungslos die Wahrheit, zwei Stunden am Stück. Ich kann nachvollziehen, dass durch die ständige Konfrontation mit dem eigenen Zoom-Gesicht die Schönheits-OP-Diskussionen zusätzlichen Schub kriegen. Ich werd mir auch mit Botox die Hackfresse aufpimpen lassen. Noch vor den Socken.

04.06.2021 – Patriarchat zu Phall gebracht.


Männerbünde zerschlagen, Patriarchat zu Fall bringen.
Demos zum Klima sind ebenso wichtig und notwendig wie solche gegen Sozialabbau, digitale Überwachung und was der Phänomene mehr sind. Diese Demos richten sich immer gegen Erscheinungsformen des Kapitalismus, seine markanten Ausprägungen, gegen jene Bruchkanten, an denen seine hässliche Fratze augenfällige und schmerzhafte Konturen zeigt.
Diesen Demos eignet aber nicht zwangsläufig das Wesen des Kapitalismus als Anklage oder auch nur als Problem. Man kann ja durchaus die Klimaentwicklung als Katastrophe ansehen, die aber mit den Mitteln des Kapitalismus als verhinderbar gilt: Mit dem marktförmigen Zertifikate-Handel von umweltschädigenden Stoffen und Gütern z. B., je umweltschädlicher, desto höher der Preis. Das verkennt das Wesen des Kapitalismus, die Gier und die Konkurrenz. Gier und Konkurrenz lassen noch jeden Konzern Wege finden mit mörderischem Dreck Profit zu erzielen, sei es bei uns und besser noch in der Peripherie, und wenn wir unseren Müll nicht in Zentralafrika loswerden, schießen wir ihn eben auf den Mond.
Die Demo oben an der Lutherkirche (der Name steht für Programm und Pogrom, eine nette Volte in der Geschichte, dass die Demo eben nicht an einer Marien- oder Hedwigskirche stattfindet) dagegen richtet sich direkt gegen das Wesen des Kapitalismus, die dem Patriarchat eingeschriebene Gier, Macht und Eigentumsideologie. Ohne diese kein Kapitalismus.
Welche psychopolitische Funktion obige Männerbünde hatten, haben und im Zeichen des allgemeinen Rollbacks auch und gerade an der Geschlechterfront zunehmend haben werden, zeigt der Klassiker „Männerphantasien“ von Klaus Theweleit, der nach 40 Jahren neu aufgelegt wurde.
Das Buch hat mich mit Sicherheit mehr geprägt als Marx-Lektüre und war für undogmatische Linke, die vom Feminismus nicht völlig unbeleckt waren und die Marxismus auch jenseits rein ökonomisch-ideologischer Zusammenhänge dachten, damals Standardlektüre.
Männerbündisch strukturierte – also ganz normale – Männer sind Leute mit Körperzuständen, die angsterfüllt sind. Angst ist auch immer Angst vor dem eigenen Inneren, die Angst vor dem Fremden, vor der Fremde. Das projiziert man nach außen und versucht das Außen zu bekämpfen, weil man selber damit nicht klarkommt. Mit Gewalt oder Alkohol, Drogen, Arbeit, Konsum. Der Kern des so beschriebenen Faschistischen ist Angst vor Körperauflösung – ob man nun ökonomisch bedroht ist, durch die Umgebung bedroht, durch Veränderung. Daher legen Männer sich Körperpanzerungen zu, Blockaden vom Scheitel bis zur Sohle.
Falls Sie, liebe Leserinnen, sich fragen, woher die zunehmende gewaltförmige Verrohung in unserer Gesellschaft kommt und warum Sie mit Männe nicht über die Beziehung reden können, hier haben Sie einen Ansatz. Und weil das so ist, wie es ist, gibt’s da im Kapitalismus auch keine Lösung (Und nein, Selbsthilfegruppen im Stuhlkreis sind keine Lösung). Kapitalismus ohne Angst funktioniert nicht, auch das ist sein Wesen. Also vergessen Sie’s, liebe Leserinnen.
Sonniges Wochenende und einen zauberhaften Sommer wünsch ich und den Mädels an der Lutherkirche viel Erfolg. Das wär doch mal ne Headline am 05.06: Patriarchat zu Fall gebracht. In meinem Blog stünde dann: Patriarchat zu Phall gebracht.