Kategorie-Archiv: Schuppen aktuell

29.08.2020 – Verbrecher, die in Berlin marschieren.


Mallorquinischer Wermut auf Eis mit Zitronenverbene. Sie müssen den Tag nicht mit einem Glas Wermut beginnen, aber einen besseren Auftakt für ein paar sonnige und bezahlbare Luxusstunden gibt es kaum. Wenn Sie, liebe Leserinnen, im Trend liegen wollen, sollten Sie jetzt auf den Wermut-Zug springen, es könnte bald zu spät sein, der Spiegel schreibt ja schon darüber. Richtig an dem Artikel ist, dass der Spanier eine lange und intensive Wermut-Tradition pflegt. Ich habe nach Jahrzehnten Grusel vor dem ekligen Martini-Gesöff der Jugend vor ein paar Jahren auf Mallorca Wermut schätzen gelernt. Kein Vergleich zu den langweiligen Klassikern wie Lillet oder Noilly Prat. Muntaner, so heißt mein Favorit, ist Lyrik auf der Zunge: komplex, bittersüß, mit langem Nachklang. Am besten in dem Spiegel-Artikel gefiel mir aber das Folgende:
„Ein, zwei Gläschen (Wermut, d. A.) trinkt der Katalane, Baske oder Galicier, um anschließend die nächste Bar aufzusuchen, Sherry oder Bier zu ordern, schließlich in einem echten Restaurant einzukehren.“
Wo er dann einen Rioja nach dem nächsten verklappt, im Wechsel mit Brandy, um weit nach Mitternacht brettlbreit nach Hause zu wanken. So kennen wir ihn, unseren Katalanen, Basken und Galicier: Zwischen Leber und Milz ist immer Platz für Wermut, Sherry und auch Pils. Der Katalane etc. hat im Zweifel gerade in Spanien ganz andere Sorgen als seine mühsam im Tourismusgewerbe Seuchenbedingt eben nicht verdienten Peseten sukzessive in Wermuterias zu verbraten. Gedanken, die dem von einem komplexen Wermut-Nebel umwallten Spiegel-Schreiberling aber eher fern sind.
Womit wir im Hier und Jetzt und in Berlin sind, wo die Demo der Corona-Idioten doch noch erlaubt wurde (Stand OVG Entscheidung). So gräbt sich der Rechtsstaat sukzessive sein eigenes Grab, indem er gewaltbereiten Faschisten Meinungsfreiheit zubilligt, nicht eingedenk des Satzes, der seine eherne Gültigkeit hat und hier mehrfach zitiert wurde: Faschismus ist keine Meinung, sondern ein Verbrechen.
Dass die Verbrecher, die in Berlin marschieren, seien es Esoterikerinnen, Verschwörungstheoretiker*innen, besorgte Bürger*innen, rücksichtslos als potentielle Superspreader die Gesundheit nicht nur von Älteren und Risikogruppen auch in ihrer Verwandtschaft und sonstigen Peer-groups gefährden, passt ins Bild und stellt ein missing-link zu Hardcore-Faschisten her: Sie alle eint das Primat des Survival of the Fittest. Wer die Seuche nicht überlebt, ist nicht lebenswert. Die von allen Esoterikerinnen, Nazis etc. so unfassbar geliebte Mutter Natur hat’s dann gerichtet, nur die Harten überleben im Garten. Vor dem Hintergrund solch vereinigender Ideologien können wir uns nur warm anziehen angesichts des nahenden Herbstes und Winters. Und Kistenweise Wermut einlagern.
Übrigens, liebe Leserinnen, wenn Sie mal dem Trend voraus sein wollen und gerne wissen möchten, was in ein, zwei Jahren „in“ sein wird: Rumtopf, und mit ihm excellenter Rum. Glauben Sie’s mir, ich bin nicht umsonst Chef der Geschmapo, der Geschmackspolizei.

28.08.2020 – Das kann ja Eiter werden


Klaus-Eiter Gleitze. Aber die Forderung nach einer Landeswohnungsbaugesellschaft ist richtig und das Foto ist auch recht flott. Ich sehe darauf noch durchaus rüstig aus. Heiter stimmen mich auch Mails von Kulturschaffenden mit der Anrede „Liebe Freunde der Kunst“. Schon in der Anrede trennt sich bei Kulturschaffenden die Spreu vom professionellen Weizen. Die Anrede „Liebe Freunde“ unterschlägt die Hälfte der Bevölkerung, das ist unhöflich und, viel schlimmer: unprofessionell. Kein Mensch schreibt ja heutzutage im Behördenverkehr „Sehr geehrte Herren“, sondern „Sehr geehrte Damen, sehr geehrte Herren“, aus professionellen Gründen.
Diejenigen, die die Anrede „Liebe Freunde“ verwenden, sind meist nicht erfolgreiche, gescheiterte Existenzen. Erfolgreiche, professionell Arbeitende benutzen selbstverständlich sowas wie „Liebe Freundinnen und Freunde der Kunst“. Aus meiner leidvollen Erfahrung setzt sich mangelnde Professionalität bei Kulturschaffenden in alle Bereiche fort: Verlässlichkeit, Struktur, Pünktlichkeit usw. usf. So überaus angenehm die Kooperation z. B. mit den Improkokken war im Rahmen von Flüchtlingstheaterprojekten, so sehr grenzte mitunter diejenige mit bildendenden Künstler*innen derartig an Körperverletzung für mich, dass ich mir sowas in diesem Leben nicht mehr antue.
Die Trennlinie verläuft auch oft zwischen denen, die entweder in bürgerlichen Erwerbsberufen arbeiten oder gearbeitet haben und denjenigen, die nur auf die Karte „Kunst“ gesetzt haben. Erstere haben zumindest eine Ahnung davon, dass man bei Terminen wenigstens den richtigen Tag einhalten sollte, von der richtigen Stunde will ich gar nicht reden.
Falls Sie, liebe Leserinnen, Vorurteile gegenüber Künstler*innen haben, was bürgerliche Tugenden angeht, seien Sie Sie versichert: Die Realität übertrifft Ihre Vorurteile mitunter um Längen.
Was obig erwähnte Anrede angeht, ist das natürlich angesichts der Pandemie, angesichts der Covidioten, von Donald Trump, der Klimakatastrophe etc. pp. eine Petitesse und natürlich ist Gender-Pay-Gap das erheblich größere Problem als geschlechtersensible Sprache. Aber wer immer noch nicht begriffen hat, dass irgendwo angefangen werden muss, dem ist nicht zu helfen.
Auf Dauer wird sich das Gendersternchen * durchsetzen. Wer ein bisschen vom Wissenschaftstransfer in die Praxis von Behörden, Verbänden und letztlich auch Unternehmen versteht und ein Gespür für Sprachprozesse in der Praxis hat, weiß das und richtet sich allein aus professionellen Gründen drauf ein.
Zum Schluss ein mea culpa. Mater peccavi, auch ich habe gesündigt. Vor Jahren hinterließ ich in Veröffentlichungen den Hinweis: „Aus Gründen der Leserlichkeit wird die männliche Form verwendet. Frauen sind natürlich immer mit gemeint.“
Das ist an Überheblichkeit und Dämlichkeit kaum zu überbieten.
In zehn Jahren hat sich das Thema eh erledigt, siehe Einführung der Gurtpflicht und das Rauchverbot in Restaurants. Um sowas wurden mal Glaubenskriege geführt, als ob der Untergang des Abendlandes bevorstünde. Niedlich.
Ich wünsche Ihnen, liebe Leserinnen (die Männer sind natürlich immer mit gemeint), ein putziges Wochenende.

23.08.2020 – Die komplette Produkt-Palette für Corona-Demonstrationen.


Alu-Hut „Anti-Strahl“ mit integrierter UFO-Signal-Antenne, Bestell-Nr. 68-0230, 290 Euro incl. MWSt.
Das Künstler-Netzwerk SCHUPPEN 68 stellt sein aktuelles Service-Angebot vor: die komplette Produkt-Palette für Corona-Demonstrationen. Mit ihrem Bauchladen begleiten die SCHUPPEN-68-KunstHausierer Klaus-Dieter Gleitze & Hermann Sievers Corona-Demonstrationen und bieten die Produkte an, die in keinem Corona-Demonstrant*innen-Haushalt fehlen dürfen:
Den Alu-Hut „Anti-Strahl“ mit integrierter UFO-Signal-Antenne, den alternativen Globus „Flat Earth“, das Spray Chemtrail-EX, das Original „Tagebuch des Nostradamus“, das Kanzlerin-Modell „Echse“,

für Impfgegner die alternative Spritze „Clistié“ und diverse HeilSteine.
Details siehe Vekaufsprospekt-Produkte für Corona-Demonstrationen .
Klaus-Dieter Gleitze & Hermann Sievers, SCHUPPEN 68, betonen:
„Als Kulturschaffende wissen wir um die Corona-bedingte ökonomische Situation im Kultursektor. Wir sind daher mit gutem Beispiel vorangegangen und haben unser Start-up gegründet, mit dem wir mit den Mitteln der Kultur auch Künstler*innen Wege aus der finanziellen Misere aufzeigen. Wir werden KMU-Fördermittel des Bundes und der EU sowie Venture-Capital bei der Deutschen Bank beantragen.
Ziel ist es, bei allen größeren Corona-Demonstrationen so viel Cashflow zu generieren, dass wir bereits im ersten Jahr den Turnaround schaffen. Das Potenzial bei diesen Demonstrationen ist nach unseren intensiven Marktanalysen riesig. Die Zielgruppe besitzt genügend Kaufkraft und sie besitzt das, was für unsere Produkte ideal ist: Den unbedingten Willen an die Philosophie, die dahintersteckt, zu glauben – koste es, was es wolle.
Corona-Demonstranten glauben, dass Produkte wie die unsrigen von den sogenannten „Mainstream-Medien“ boykottiert werden. Diese Produkte tauchen aus ihrer Sicht aus einem einfachen Grund dort nicht auf: Sie würden nicht in das Weltbild der wissenschaftsgläubigen Mainstream-Medien passen, in ein Weltbild, das von Eliten beherrscht wird, kontrolliert vom Merkel-Regime, bezahlt von Bill Gates, allesamt Reptiloiden.
Da setzen wir an. Wir bieten auf der Basis von „alternativen Fakten“ alternative Produkte zum Kauf an.
Unsere eigene Meinung spielt im Geschäft keine Rolle. Die können wir als Satiriker pflegen.
Moral ist schädlich fürs Geschäft. Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral.
Die Hälfte des Verkaufsgewinns geht an die Stiftung „Sapere aude“.

20.08.2020 – Die Ehrennadel des 50jährigen Jubiläums ans Revers meines Smokings.


Bus M 48 Berlin-Mohrenstr., den ich benutze, wenn ich zum Kulturforum will, wo nächstes Jahr die Neue Nationalgalerie wiedereröffnen soll. Da bin ich mal gespannt. Dem deutschen Proleten werden die Kosten, die am Kulturforum verbuddelt werden für die Renovierung der Nationalgalerie und den Bau des Museums der Moderne, schwer zu vermitteln sein. Ursprünglich bei 100 Millionen Planung, sind „wir“ jetzt bei ner halben Milliarde, was aber vermutlich auch schon Makulatur ist.
Auf den deutschen Proleten kommen ganz anders gelagerte Kosten zu, nämlich in Form von Lohnkürzungen. Der Technologiewandel hin zu Digitalisierung und Elektromobilität bedroht hunderttausende deutlich überdurchschnittlich bezahlte Arbeitsplätze, nicht nur, aber vor allem in der Automobil- und Zulieferindustrie. Das ist der Kern des deutschen Facharbeiter-Wesens, einzig auf der Welt. So sieht es zumindest der deutsche Facharbeiter und seine urdeutsche Flacharbeiter-Gewerkschaft, die IG Metall, deren Mitglied zu sein ich weder Ehre noch Vergnügen habe, es aber trotzdem immer noch bin. Schließlich will ich die Ehrennadel des 50jährigen Jubiläums noch ans Revers meines Smokings geheftet kriegen von irgendeinem IG Metall Oberbonzen. Als Lied wünsche ich mir dann „Wir sind die junge Garde des Proletariats!“
Hossa.
Die Rettung eines Teils dieser Arbeitsplätze wird teuer. Für die Proleten. Im Gegensatz zu früheren Arbeitszeitverkürzungen, siehe 40 Stunden Woche und 35 Stunden Woche, wird es diesmal nicht ohne erhebliche Lohnverluste abgehen. Konflikte um Arbeitszeitverkürzungen gehören zu den härtesten, geht es da doch ans Eingemachte, um den Verteilungskampf zwischen Lohn und Profit. Den Kampf um die 35 Stunden Woche bei vollem Lohnausgleich habe ich mitgemacht und ob das ein uneingeschränkter Erfolg war, darüber streiten sich die Geister, im Gegensatz zur Kampagne „Am Samstag gehört mein Vati mir!“ für die 40 Stunden Woche. Da gehörte mein Vati tatsächlich sukzessive Samstags mir und trotzdem respektive gerade deshalb gab es in den Siebzigern zweistellige Lohnzuwächse.
Schnee von gestern, zweistellig kann es heuer auch werden, aber als Lohnverlust. So sind nun mal die Machtverhältnisse. Wenn selbst die IG Metall im Vorfeld des Konfliktes nur von einem gewissen Lohnausgleich spricht, weiß der Kundige, wo der Hammer hängt. Respektive nicht hängt. Und da ich Kundiger bin als unter anderem ehemaliger Delegierter der IG Metall, weiß ich auch, welche erbitterten internen Konflikte es auf dem Weg dahin noch geben wird. Lohnkürzungen kann sich der deutsche Prolet nicht leisten, da wird es richtig Krawall geben in der Bude.
Der Haushalt des ideellen deutschen Gesamt-Proleten ist auf Kante genäht. Das Haus, zwei Autos, zwei Kinder, zwei Ehen, zwei Urlaube im Jahr, das alles will finanziert sein, und dafür stehen potentiell zwei Herzinfarkte ins Haus. Selbst wenn da nur 5 Prozent Netto flöten gehen, steht Überschuldung und Privatinsolvenz vor der Tür. 10 Prozent aller doitschen Haushalte sind jetzt schon überschuldet. Tendenz: steigend. Nach Corona, was vor Corona ist, Tendenz: Explodierend.
Ich wünsche allen Leserinnen ein herrliches Wochenende. Und falls Sie sich wundern, wieso das dieses Mal sprachlich so geschlechterunsensibel abging: wenn es überhaupt eine Männerdomäne gibt neben der katholische Kirche und dem Fußball, dann ist es das deutsche Flacharbeiterwesen.

19.08.2020 – Zwischen Nazi-Leber und geplatzter Milz ist noch Platz für Hakenkreuz und Pils


Zigeunersauce. Die beliebte Grillsauce wird, taktisch pfiffig zum Ende der Saison, wenn die Bestände sich leeren, von allen Konzernen umbenannt werden. Ich habe sofort alle Restbestände aufgekauft, mir die ehernen Marktgesetze des Kapitalismus zu eigen machend.
Der Preis für eine Ware steigt bei existierender Nachfrage mit der Verknappung des Angebotes. Die Dinger kommen in meinen Tresor und gehen an meine Erben und sind dann Millionen wert, weil’s keine anderen mehr gibt.
Dass der Antiziganismus dadurch auch bei den Verbraucher*innen aus den Kopfregalen verschwindet, darf bedreifelt werden. Bedreifelt ist eine Wortschöpfung von mir und der Komparativ zu bezweifelt. Demnächst auch im Duden.
Mein heldenhafter Einsatz an der Antirassismusfront hat immerhin zu einem weitgehenden Verschwinden der Bezeichnung Goldener Neger für meine Lieblingssonnenblume geführt.
Nur der merkbefreite Volltrottel-Versand Premium Sunflower verkauft unverdrossen weiter Goldenen Neger. Eigentlich kann ich Sonnenblumen nicht leiden, ich liebe Rosen. Sonnenblumen sehen irgendwie doof aus. Das ist jetzt keine exakte analytische Kategorie, aber meine geneigten Leser*innen können das einordnen und das zählt. Seit der Aktion mit dem Goldenen Neger pflastere ich mir allerdings jeden Sommer den Garten voll damit, und mit dem „Gefüllten Zwerg“. Es ist eines der regelmäßig wiederkehrenden Vergnügen meines Jahreszyklus in einem Pflanzenmarkt nach dem Goldenen Neger und dem Gefüllten Zwerg zu fragen. Hinterher falle ich immer vor Lachen aus dem Radsattel. Katharsis durch Lachen.
Ich freue mich jetzt lieber darüber, dass sich die Nazis gegenseitig aus dem Rennen prügeln, siehe Milzaffäre.
Kalbitz, wie jeder Nazi prügelaffin und Alki, hat nicht zum ersten Mal im Suff auf einen PG eingeprügelt. Noch wahren seine Lumpenpack-Gesellen die Fassade und halten die Klappe, bis er erstmal von der Bildfläche verschwindet. Aber irgendwann fällt auch diese Maske.
Und der harte Kern der AfD-Wählerschaft war schon immer der Meinung, dass es zum guten Ton gehört, mit eiserner Faust durchzugreifen, was jenseits aller Metaphorik real und handfest zu nehmen ist. Auch das sympathisierende Bürger*innentum wird sukzessive gerne auf das Nazi-Angebot zurückkommen, dass man in diesem parlamentarischen Saustall mal kräftig mit der Faust auf den Tisch hauen müsste. Wenn sich zwischen Faust und Tisch Andersdenkende befinden sollten, so nennen wir das dann Kollateralschaden.
Wir aber erfreuen uns am Volksmund:
Zwischen Nazi-Leber und geplatzter Milz
Ist Platz für Hakenkreuz und Pils.

(Das ist natürlich nicht vom Volksmund. Der ist einfach nur doof, wie alles was mit Volk anfängt. Das hat der Meister persönlich (!) gedichtet.)
Sonnigen und nazifreien Tag, liebe Leserinnen.

18.08.2020 – Über die Aneignung fremder Territorien


„Die hat seit ein paar Jahren zu“, rief mir ein fürsorglicher Eingeborener zu, als er mich beim Studium der Getränkekarte sah. Ich habe mal ein Projekt gestartet, bei dem ich Speise- und Getränkekarten unterschiedlicher Restaurants, Wirtshäuser etc. fotografierte, von Sterne-Etablissements bis hin zu jener Kneipe bei mir umme Ecke mit dem nicht gerade umsatzträchtigen Namen „Hartz-IV“, die folgerichtig nach einem Jahr wieder dicht war. Diese Dokumentation sagt mehr als 1000 Worte über den Zustand unserer Republik aus. Das Projekt hab ich nicht beendet, aber es weht noch in mir nach. Die Lektüre von Speise- und Getränkekarten in fremden Orten gehört neben der von Plakaten zu meiner Pflichtlektüre im öffentlichen Raum, das gehört zwingend zur Aneignung fremder Territorien, ist politische und ästhetische Bildung par excellence. Und höchst unterhaltsam. In einem Pornokino gibt es ein anderes Angebot („Herrengedeck“!) als in meiner Lieblingskneipe zwei Straßen weiter namens „Das Kapital“. Die allerdings auch schon dicht ist.
Den Anblick von Judy’s Kino Bar fand ich anrührend. Das Design der Fassade ist geradezu liebevoll individuell und hat nichts mit der marktschreierischen primitiven Plumpheit vergleichbarer Läden im Rotlichtmilieu zu tun. Judy’s Kino Bar liegt mitten in einem reinen Wohnviertel, die gehört irgendwie zum Kiez und sie ist ein Menetekel einer vergangenen Zeit. Heutzutage ist Porno durch das Internet ein jederzeit frei verfügbares Mainstream Phänomen, vergleichbar mit Fußball. Wer Niveau hat und von Welt ist, hält sich von beidem fern, sollte sich trotzdem oder gerade deshalb damit auseinandersetzen. Es gibt nicht viele große gesellschaftliche Erzählungen, die über Klassengrenzen hinaus wirken, Fußball und Porno sind zwei. Wo das kollektive Erleben Fußball, sei es im Stadion oder Kneipe, enorme Zuwachsraten in den letzten Jahren hatte, ist der gemeinschaftliche Konsum von Porno in eben Etablissements wie Judy’s Kino Bar durch das Internet einen schnellen Tod gestorben. Disruption wie aus dem Lehrbuch.
So ragt die Kino Bar wie ein stummer, versteinerter Dinosaurier aus einer Zeit, wo Porno noch etwas schmuddeliges, geheimes anhaftete, in ein Heute, wo, und da klingelte gerade das Telefon und als ich zurück kam, waren alle schönen Gedanken über das Heute flöten. Bleibt festzuhalten, dass beiden Massenphänomenen Fußball und Porno ein ausschließlich Männerzentrierter Blick innewohnt und dass sie einen solchen permanent reproduzieren, was unter den Bedingungen von Corona verheerende gesellschaftliche Folgen hat. Corona ist ein Emanzipationsrisiko sondergleichen, nicht nur, aber vor allem aus ökonomischen Gründen. Und wenn ein derartiges gesellschaftliches Rollback orchestriert wird durch kulturell dominante Erzählungen wie Fußball und Porno, dann guter Nacht, Marie. Und welcome back, Doitscher Michel.
Ich hoffe weiterhin, dass der Profi-Fußball pleitegeht. Bloß wo hängen die ganzen Dumpfmeister aus den Stadien und Kneipen dann ab? Zuhause? Das wollen wir deren Familien nicht wünschen. Wird es zu einem Revival von Judy’s Kino Bar kommen? Sind so viele Fragen.

09.08.2020 – Wes Geistes Kind sind eigentlich solche Leute?


Nach wie vor asozial. Alternative Szene in Neukölln, die immer noch auf einem kompletten Wohnungsbau-Verzicht für das riesige Tempelhofer Feld besteht, einer der größten innerstädtischen Freiflächen der Welt, obwohl in Berlin extremer Mangel an bezahlbarem Wohnraum besteht. Hauptsache, die alteingesessenen Kiezianer haben weiterhin ihre grüne Kuschelwiese direkt vor der Tür. Wes Geistes Kind sind eigentlich solche Leute?
Da stelle mer uns janz dumm und gucke in et Jeschichtsbuch.
Die Original-Nazis waren nach heutigen Maßstäben eine grün-alternative Gang. Diese Sicht ist nicht neu, nur nochmal hier kurz auf den Punkt gebraten: Hitler war Vegetarier und Tierfreund, Himmler und Hess hatten es schwer mit Esoterik, Buddha und Yoga, Goebbels war als Behinderter ein Fall für die Inklusion und lebte polyamoröse Beziehungen (Spitzname: Der Bock von Babelsberg), Göring war als Freund von Sister Morphin ein schwerer Drogenfreak, an dem Lou Reed seine Freude gehabt hätte, und nehmen wir noch den 1934 von seiner Gang gekillten Röhm als Schwulen dazu, haben wir das fast komplette grün-alternative Setting. Aber der Pazifismus, höre ich da? Zugegeben, die Original-Nazis waren jetzt keine Pazifisten im klassischen Sinn. Aber der grüne ex-Steinewerfer Joseph Fischer war federführend als Außenminister am völkerrechtswidrigen Angriffskrieg der NATO gegen Jugoslawien beteiligt, ekelhafterweise als Legitimation dafür Auschwitz missbrauchend. Und was Rassismus angeht, muss mensch sich ja nur diese grüne Freiburger OB-Gurke Palmer angucken. Und den Witz kennen Sie sicher, liebe Leserinnen: „Sagt ein Grüner: An den Nazis war nicht alles schlecht. Nur das mit den Autobahnen, das hätten sie lassen sollen.“ Der Autobahnbau war übrigens schon vor den Nazis in der Welt.
Dieser Rückgriff auf die Geschichte mit dem Schlenker in die Berliner Gegenwart deshalb, weil sich auf den Corona-Demos wieder ein übles irrationales Gebräu zusammenmixt, aus Esoterikerinnen, rebellisch Staatsverdrossenen, Ökos, Alternativen, New-Ager Spinnern, Peace-Freunden, „Jesus lebt“ Hippies, Impfgegner*innen etc. pp.. Alles früher oft stramme Grün-Wähler*innen, aber da die Partei jetzt staatstragend ist, heißt: Schwenk weg. Und zwar nach rechts. Das brauchen die Neu-Nazis, die dem Gebräu die braune Note geben, gar nicht zu steuern, das läuft von selbst. Und wenn die Corona-Krise im Herbst ihre volle materielle Wirkung entfaltet, wird die Saat, natürlich streng ökologisch, von der AFD eingesammelt.
Soviel für heute zur Frage, wes Geistes Kind sind eigentlich Corona-Demonstrierende und Alternative und welche historischen Vorläufer haben sie zum Teil? Einen Impfstoff dagegen wird es leider nie geben. Man kann nur auf der Macht der Aufklärung insistieren und wenn das nicht klappt, dann eben ab in die selbstverschuldete Barbarei. Dann bin ich hoffentlich woanders. Entweder zwei Meter unter der Grassnarbe oder auf Korfu.

08.08.2020 – Temperaturrekord: 59,3 Grad Celsius


Mein Funkthermometer, was leider nicht verwandt ist mit dem Musikgenre gleichen Namens (Funk! Nicht Thermometer… ), zeigte heute Morgen als Temperaturmaximum der letzten 24 Stunden 59,3 Grad Celsius an. Es war heiß gestern, 96 Degrees in the shade, Fahrenheit, was umgerechnet 35,55 Grad Celsius sind. Kam hin. Auf dem analogen Thermometer auf der Veranda nach Süden ist die Temperatursäule gen Mittag in der prallen Sonne auch schon mal am Anschlag, der bei 50 Grad liegt. Selten, jedoch häufiger, allerdings immer nur knapp.
Aber 59,3 Grad?
Das Ende ist nahe, dachte ich, denn siehe, aller Frevel wider die Natur und den restlichen Ökogedöns währet nicht ewiglich und der Herr und die Frau und alle Diverslinge im Himmel werden Feuer über den Globus senden, insbesondere über Linden in Hangover, und vertilgen alle die, die gesündigt haben. Au Backe.
Oder ist das Ding kaputt? Aber wieso nur auf der einen Anzeige für Maximum? Ich überlegte, wo der Temperaturfühler des Funkomaten angebracht ist. Außen vor einem Fenster, aber eher verschattet und nach Westen. Doch dann, auf dem Stuhl der Weisen: Heureka! Ich hab‘s. Das Blech der Fensterbank speichert und reflektiert Hitze. Puuuh. Gerettet. Dieses Mal noch.
Wieso ist mir das früher nicht aufgefallen? Man wird wohl unter Corona immer wirrer im Kopf. Aber Alltagskrisen krieg ich noch gebacken, um mal in der Hitzemetaphorik zu bleiben. Ihnen, liebe Leserinnen, exclusiv zwei Tipps, die Sie aus dem Fegefeuer des Sommers ins Paradies der sommerlichen Genüsse katapultieren. Wir alle leiden, ob am Grill oder am Mülleimer, unter Wespen und Fruchtfliegen. Die gemeine Fruchtfliege, Drosophila melanogaster, wem fällt da nicht der Biologieunterricht der Untersekunda ein. Und was wäre die Genetik ohne dieses putzige Tierchen. Was mich persönlich allerdings nervt, wenn es zu Myriaden aus dem Mülleiner quillt, wenn man den Deckel hochklappt. Wie kommen die Viecher da hin? Aber wir wissen uns zu helfen: Wir nehmen ein einfaches, leeres Glas, füllen etwas Essig hinein und Fruchtsaft, ziehen Alufolie drüber, piksen mit der Gabel ein paar Löcher rein und positionieren das Ganze neben den Mülleimer.

Drosophila fliegt rein und ersäuft. Sieg auf ganzer Linie.
Bei Wespen hilft eine Sprühflasche mit Wasser, die Viecher einfach am Grill unter Feuer nehmen. Für mich als kindliches Gemüt ein Heidenspaß, wie auf dem Rummel oder beim Cowboy- und Indianerspielen. Nachher fahre ich die City und kaufe mir Wasserpistolen. Heidewitzka.
Und wo bleibt das Wort zum Sonntag, die böse Politik? Hier, der Filosof spricht: Das Böse nimmt spürbar zu. Auch wenn unser Filosof Brecht nicht kapiert hat und den kapitalen Bock schießt, den Marxismus als Philosophie zu verwechseln mit jenen – unterdrückenden – Staatswesen, die ihn als legitimierende Philosophie nutzten und missbrauchten, mit dem Bösen hat er recht.
Sonnigen Tag und hoffentlich keine 59,3 Grad in Ihrer Bude, liebe Leserinnen.

07.08.2020 – Abstandsregeln gelten nicht nur bei Corona!


Abstandsregeln gelten nicht nur bei Corona! Eine Leerstelle zu viel vor der Energie. Ich bin wie gesagt kein Korinthenkacker und lasse gerne mal Viere gerade sein. Aber wenn ich sowas sehe, kriege ich Ekelpickel, Heulkrämpfe und wälze mich schreiend am Boden. Das kann vor einem unabhängigen Jugendzentrum passieren, aber doch nicht an der Bude vom dicken Altmeier! Keiner arbeitet mehr exakt, außer einem … Nachdem ich mich vom Boden erhoben und den Berliner Staub von meinen Gewändern geschüttelt hatte, setzte das Denken wieder ein. Wie, wenn das bewusst so gesetzt ist (sagt man an Hauswänden überhaupt „gesetzt“?)? Wenn der Energie unmissverständlich klargemacht werden sollte, in welcher Distanz sie zur Wirtschaft zu stehen hat?
Wer solche Fragen hat, hat keine Probleme, und so schritt ich munter aus, fröhlich Händels Messias vor mich hin pfeifend. Ich schätze Barockmusik, da war die Welt und ihre Musik noch überschaubar. Danach nur noch Umwälzungen, Neuerungen, Veränderung, oje.

Vor dem Brandenburger Tor lieferten sich Putin und Trump ein atomares Wettrennen. Das erheiterte mich vollends. Die Atomkriegsuhr hat einen neuen Höchststand erreicht, es ist 100 Sekunden vor 12, aber im Gegensatz zu früher kräht da kaum eine Henne nach. Früher, als ich noch jung war, also ungefähr im Mesozoikum, gingen noch Hunderttausende von Friedenswinslern und Versöhnlerinnen auf die Straße oder legten sich vor lauter Bibberbibber gleich beim Psychoquacksalber auf die Couch, im sogenannten Kalten Krieg, und da stand die Uhr maximal auf drei vor 12.
So ändern sich die Zeiten.
Angesichts der Raketen vor dem Brandenburger Tor durchfuhr mich der Blitzstrahl eines kreativen Impulses. Das passiert mir im Moloch Berlin mit seinen Bildern, Inszenierungen, Stadtmöblierungen andauernd, nur die raue Wirklichkeit ist ein guter Lehrmeister. In dem Fall tippte ich die Idee sofort in mein Handy, als Mail an mich. Und wäre beinahe mit einem anderem Handyidioten kollidiert, der gerade das Gleiche zelebrierte. Wie ich sowas hasse. Aber wer ohne Fehl ist, der werfe den ersten Stein. Und die Idee ist wirklich Weltklasse. Demnächst hier mehr. Bleiben Sie drin.
Sie hat mit der Idiotenversammlung zu tun, die demnächst auch im Luftkurort Bad Hannover stattfinden soll. Am 08.08 wollen Leugner der Pandemie wieder mit Verschwörungsgläubigen, Impfgegnern und rechtsgerichteten Gruppen auf einer Demonstration durch die Stadt ziehen. Durch das Unterlassen der üblichen Corona-Schutzmaßnahmen (Masken, Abstand) setzen sie dabei die Bevölkerung absichtlich einer schweren Gesundheitsgefährdung aus. Außerdem kommt es bei den Protesten immer wieder auch zu antisemitischen, rassistischen und demokratiefeindlichen Äußerungen. Das Bündnis »Auf die Plätze« ruft daher zum Gegenprotest auf und wird am Samstag, 8. August 2020 um 15 Uhr auf dem Georgsplatz in Hannover eine Kundgebung abhalten.
Danke schon mal an die jungen Leute von „Auf die Plätze! Hannovers Bündnis für Aufklärung und gegen Verschwörungsideologen“.
Von wegen die Jugend taucht nix. Sonniges Wochenende, liebe Leserinnen.

04.08.2020 – Bestrafe einen, erziehe hundert.


Die Ausstellung von Katharina Grosse im Hamburger Bahnhof ist tatsächlich so beeindruckend wie sie in fast allen Feuilletons befeiert wurde. Ein feiner konzeptueller Ansatz, wie umgehen mit den Grenzen des klassischen musealen Raumes, ist ästhetisch opulent umgesetzt. Kunst wie auf Droge. Das ist nichts grundstürzend Neues, dieses Terrain haben Straßenkunst, Graffiti und Avantgarde schon lange beackert, aber wenn Sie, liebe Leserinnen, mal eine Ausstellung besuchen wollen wo Sie sich ohne Audioguide, Katalog und 4 Semestern Volkshochschule moderne Kunst einfach von Ästhetik überwältigen lassen können, gehen Sie hin, es lohnt sich. Und für mich als Ackersmann im Bergwerk der Sprache ist es immer wieder ein Heidenspaß selbst in Texten, an denen monatelang Kolonnen von Vollakademikerinnen gewütet haben, Monsterklopse zu entdecken

Skulpural. Hängt seit Wochen da. Das geht natürlich gar nicht. Aber bevor ich hier in den Ruf eines Dudenkorinthenkackers gerate: Der Duden wird grundsätzlich überbewertet. Als Leitplanke für Loser, Minderleister und Ich-Schwächlinge ok, aber freie und überfliegende Geister wie ich lassen sich durch sowas keine Fesseln anlegen. Wir sind die Avantgarde, die aus toter Sprache das machen, was sie ist: Etwas Lebendiges, das sich im Prozess entwickelt. Was dann der Duden 3 Ausgaben später gerne mal einfangen darf. Hugh, ich habe gesprochen, ich Freigeist, ich. Aber skulpural, bei aller Freigeistigkeit: igitt.
Igitt war natürlich auch die Demo der Covidioten am Wochenende in Berlin. Wir sollen sie laut Kommentarsensibelchen auch im sonst höchstgeschätzten Deutschlandfunk nicht Idioten nennen, weil wir ja ihre Sorgen und Nöten ernstnehmen sollen und sie da abholen, wo sie ängstlich bibbern etc. pp – also nicht beschimpfen, sondern sozialarbeiterisch bekuscheln.
Drauf geschissen. Natürlich nehme ich existentielle Sorgen und Ängste ernst, das gebietet mir nicht nur meine Empathie, das gehört auch zu meinem Job. Aber Sorgen und Ängste geben niemandem das Recht, mit Nazis zu marschieren und sie geben niemandem das Recht, als potentiell tausendfache Superspreader gezielt und bewusst das Leben anderer zu gefährden. Wer so handelt, dessen Sache ist nicht die der res publica, der Republik. Wer sich nicht verantwortungsvoll um die Sache der Allgemeinheit kümmerte, den nannten die alten Griechen idiotes. Das ist der Stamm für Idiot und daher sind Menschen, die auf solchen Demos mitmachen, aus allen Gründen, auch aus denen der humanistischen Bildung, Idioten. Also alle Kommentator*innen, die das anders sehen: Setzen, Sechs.
Diesen Idioten ist übrigens mit aller Härte entgegen zu treten. So sind die Verantwortlichen für diese verbrecherischen Aktivitäten vollumfänglich privat haftbar zu machen für alle Corona-Folgekosten, die aus diesen Veranstaltungen resultieren, wie Kosten für ärztliche Behandlungen, Krankenhaus, Verdienstausfälle, Versicherungen, Quarantäne, Beerdigungen etc. pp. Das dürfte jede durchschnittliche bürgerliche Existenz in den Orkus jagen und wenn sich das rumspricht, ist schnell Schluss mit derlei Unfug. Wie sagte doch Mao dereinst:
„Bestrafe einen, erziehe hundert.“