Kategorie-Archiv: Schuppen aktuell

18.11.2019 – Trübe Aussicht


Berlin, Körnerpark. Hat mein Lieblingspark in dieser Trübnis durchaus schöne, anrührende Momente wie die fast komplette Abwesenheit anderer Humandarsteller ist der Blick auf die Schlagzeilen fast komplett befreit vom Prinzip Hoffnung: Neuer Rekord an Verpackungsmüll, über 200 kg pro Kopf, wobei der folglich nur als Ohrabstandshalter und Föhnwellenträger dient. 3 Prozent mehr als vor Jahresfrist. Und das trotz aufgeregtem Dauer-Ökogeschnatter, siehe St. Greta, Grüne, Flugscham etc. ppp. Es ist überall das Gleiche: die SUVs werden immer mehr und größer, geflogen wird soviel wie nie und wehe, irgendwo soll ein Windkraft hin. Da rebelliert der Eigenheimspiesser gegen die Eintrübung seiner Veranda-Aussicht wie weiland Michael Kohlhas, mit dem einzigen Unterschied: er hat das Gesetz auf seiner Seite. Leider.
Ich bin zur Zeit auf dem Armutskongress der nationalen Armutskonferenz in Berlin und habe eben den Frühstücks-Tisch meines Hotels verlassen. Das Einzige, was da nicht in Plastik eingewickelt ist, sind die Bananen. Eine einzige Orgie in Plastik, mein Teller quoll über von dem Zeug.
Trübe Aussicht, überall. Vom Kongress demnächst mehr. Tröstlich, weil witzig: das erste Plakat nach meiner Einlassung im letzten Blogeintrag zum Thema Heimat, das mir auf die Netzhaut prallte, war diese Termin-Ankündigung:
Zu dieser Veranstaltung des Genossen Ebermann wäre ich sicher gegangen, aber die Pflicht, Berlin rief.
Ich wünsche allen heitere Aussicht für ihr Restleben und diese Woche.

16.11.2019 – November Elegie


Wenn ich zur Strasse rausgucke, kriege ich Herbstblues und Fernweh, der Blick in den Garten ist erfreulicher. Das, was da noch blüht, hält sich bei dem nasskalten Wetter ewig. Dieses rote Gewächs kann ich nur empfehlen, heisst Dipladenie, blüht von Mai bis zum ersten dicken Frost in üppigster Pracht. Soll von irgendwo aus dem Dschungel kommen. Auf dem Markt verschwinden die regionalen Erzeugerinnen langsam, der Tomatenstand ist nicht mehr da, die Pflaumen sind auch überständig. Wer jetzt noch keine Rumtopf hat, den bestraft das Leben. Bei diesem Wetter hab ich mitunter sogar Zeit für Erinnerungen. Neulich, grad ne Woche her, Veranstaltung in meiner alten Heimat, im Eichsfeld. Bei Moderationen, Vorträgen etc. pp. bin ich normalerweise nicht mehr nervös. Irgendwann stellt sich da mitunter einschläfernde Routine ein, und wer mal Strassenperformances gemacht hat, mit all den schrägen Vögeln, die da draussen rumlaufen, wen sollte da eine gesittete Ansammlung von wissbegierigem Fachpublikum irritieren.
Von wegen.

Eichsfelder Tagblatt vom 08.11.2019. Ich merkte vor Beginn wachsende Nervosität. Irrsinnige Gedanken wie: Ich darf die Highmat nicht enttäuschen. Zu Beginn war sogar mein Mund trocken. Und weit und breit kein Sauvignon.
Muss man erst so alt werden um so was zu erleben? Ansonsten kann mich der Begriff Heimat mal. Und der November auch. Ich geh packen.
Süden, Meer, Sie wissen schon, liebe Leserinnen

12.11.2019 – Schule der Sinnlichkeit


Basilikum. Morgens schreite ich fürbass durch den Garten und nehme Geruch auf, reibe am Basilikum, am Salbei, Rosmarin und Rest-Lavendel und schnuppere dran. In Winternahen Zeiten, wo der Körper zusehends verhüllt, das Licht weniger wird, die Sinne nicht mehr so angesprochen werden wie im überbordenden Sommer oder mediterranem Süden, sind diese Geruchswahrnehmungen nicht nur meditative Momente sondern eine Schulung der Sinne, der Sinn-lichkeit. Das trainiert das Vermögen zur Unterscheidung, Ästhetik ist immer eine Sache der Differenz, der geschulten Wahrnehmung des Andersartigen. So wie man dem Argument in der Politik, im öffentlichen Diskurs genau zuhören, seinen Augen niemals trauen und einen Wein lange im Mund (wo sonst?) wirken lassen sollte, ist es für eine Schule der Ästhetik zwingend nötig, auch den Geruch zu üben. Wer die Sinne schärft und nicht nur den Verstand, wird im Zweifel den Zumutungen der Moderne, diesem rasenden Veränderungsdruck, gegenüber souveräner, gelassener agieren können und insofern ist die Schule der Ästhetik immer auch politische Bildung. Wenn das Lehrfach an den Schulen würde, bewerbe ich mich sofort fürs Lehramt. Ich würde im Grundkurs mit Sauvignons aus verschiedenen Regionen anfangen, Wahrnehmung der Differenz. Leider ist es so, dass die neuseeländischen Sauvignons überragend sind, da kann kein Loire und kein Pfälzer mithalten. Was wegen Öko-Bilanz blöd ist, Transport und so. Und schon sind wir mitten in der Ökologie Schulung, eins hängt eben mit dem anderen zusammen.
Dann gibt es noch den Tastsinn, er hat in unserer Wahrnehmung den geringsten Stellenwert, obwohl er als erster entsteht und als Basis das größte Organ besitzt, die Haut. Nichtsdestotrotz sollte auch er geschult werden. Mit den ersten Lektionen dazu fangen wir morgen an. Dazu bringt jede von Zuhause eine Kröte und eine Bisamratte mit.
Den sechsten Sinn dagegen können Sie vergessen, paranormales Gedöns. Ich versuche z. B. seit Jahren die Lottozahlen der nächsten Ziehung zu antizipieren. Den Dreier von vor vier Wochen würde ich nicht als durchschlagenden Erfolg bezeichnen. Dann lieber Verstand schulen. Der hat mir auf Korfu zu einem zauberhaften Stranderlebnis verholfen. Auf einer Wanderung kam ich an einem abgesperrten Weg zu einer Bucht vorbei, Saisonende eben. Mein messerscharfer Verstand sagte mir: Da können keine Autos mehr zum Strand durch, das sind 10 Minuten zu Fuß, macht keine Sau, also wird es übersichtlich da sein. Und zwängte mich am Gitter vorbei, strandabwärts.

Es war leer, niemand, keine Menschenseele, ein wundervoller Nachmittag, dank eines messerscharfen, geschulten Verstandes.

11.11.2019 – Tröstliches in kalten Zeiten


Bergdorf auf Korfu. Tröstliche Bilder in kalten Zeiten.
Während der Live-Show zum Mauerfall-Jubiläum am Brandenburger Tor wurde ein hebräischer Schriftzug eingeblendet. Der forderte „Schluss mit der Besatzung“ (Israels in arabischen Gebieten). Das nimmt Bezug auf die antisemitische BDS-Kampagne, Details hier. Die Veranstalter sprachen von einem Versehen. Das ist so offensichtlich gelogen, dass es einem die Sprache verschlägt. Will der Veranstalter aller Welt weismachen, dass höchstbezahlten Profis bei einer der Megaveranstaltungen des Jahres mit einem Millionenetat ein derartiger Fehler in Unkenntnis der Zusammenhänge unterläuft?
Es handelt sich hier um einen ganz normalen Fall von Antisemitismus, bei dem mittlerweile jede*r, auch der dümmste Kulturveranstalter und davon gibt es sehr viele, davon ausgeht, dass er akzeptiert und für gut befunden wird. Anstatt einfach mal die Fresse zu halten, wenn man schon nicht den Anstand besitzt, aus Solidarität mit Israel einen Slogan einzublenden wie „Stoppt den faschistischen Hamas-Terror in Palästina“, fällt es immer wieder wahnhaft aus den Köpfen der Antisemiten. Sie haben den Juden den Holocaust eben nie verziehen. Und mit dem Faschismus will man es sich ja auch nicht verderben, mit dem kann man hier zukünftig noch gute Geschäfte machen.
Alle Jahre wieder taucht in der Jahresendzeit bei denen, die es sich leisten können, die Frage auf: Wem spende ich was? Die doitschen Tierheime freuen sich, rührt die hiesigen Insassen unseres Gemeinwesens und sonstige geistig und ethisch Andersbegabte nichts so sehr wie das Elend der heimischen Tierwelt und der Spendenfluss rauscht ohne Unterlass.
Sinnvoller ist sicher jenes: Ich spende seit längerem ausschließlich dem jüdischen Nationalfonds für konkrete Projekte, wie „Schutzbäume Gazastreifen“. Der jüdische Nationalfonds hat 2017 mit der Anpflanzung von Bäumen begonnen, um Hamas-Terroristen die Sicht für ihre Terrorangriffe zu nehmen. Nachdem sich Israel aus dem Gazastreifen zurückgezogen hatte, sind dort Raketenangriffe durch die Hamas, Heckenschützen und mit Brandsätzen versehene Drachen und Ballons, die die Ernten und Wälder in Israel bedrohen, an der Tagesordnung.
In den hiesigen Medien wird darüber nur dann berichtet, wenn Israel sich mit militärischen Mitteln dagegen zur Wehr setzt.
Wenn Sie, liebe Leserinnen, auch sinnvoll spenden möchten, können Sie das hier tun .
Natürlich hat dieser Akt der Spendensolidarität auch eine ganz eigene Motivation. Ich würde gerne mal eine Nachwuchsorganisation internationaler Christinnen durch eine solche Baumallee führen und ganz nebenbei den Satz fallen lassen: „Ganz nebenbei und es ist nicht weiter der Rede wert, aber diese Allee wurde mit meinen Spendenmitteln gepflanzt.“
Was lernen wir daraus? Misstrauen Sie allem, auch den altruistischsten Motiven.
Man kann ja einiges gegen Angehörige von Aber-Glaubensgemeinschaften wie Christen vorbringen, aber ihre vielfältige Solidarität mit Israel gehört zu ihren besseren Wesenszügen. Die Notwendigkeit dieser Solidarität nach jahrtausendelangem, christlich begründetem Antisemitismus begriffen zu haben, nötigt Respekt ab. Details hier im Artikel der Zeitschrift:

10.11.2019 – Ich und der Kandidat


Ich und der Kandidat. Heute ist in Hannover die Stichwahl zum Oberbürgermeister. Gewählt wird wahrscheinlich, wie sich das für eine ziemlich liberale Stadt gehört, der Kandidat der Grünen, Belit Onay (siehe Bild, bei einer Demo von notorisch Linksextremen zur Wohnungsnot Anfang November hier). Nach 300 Jahren Herrschaft der Sozis ist deren Kandidat noch nicht mal in die Stichwahl gekommen. Die nächste Stufe in dieser SPD Polit-Tragödie ist das flächendeckende Scheitern an der Fünfprozent-Hürde bei Wahlen, bevor ein rotes Leichentuch der Geschichte Schweigen und Vergessen über diese einstmals so stolze Partei deckt. Gruselig wird es, wenn Opportunisten, Hauptamtliche, Staatsbedienstete und die Vorfeldorganisationen der SPD (AWO z. B.) realisieren, dass mit dieser Partei kein Staat, sprich keine Karriere, mehr zu machen ist, keine Netzwerke zu knüpfen sind, keine Perspektiven sich ergeben. Ich bin gespannt darauf, wie sich die Abwanderungsströme gestalten werden, wer geht zu den Grünen, zur CDU und welche Ratten verlassen das sinkende Schiff in Richtung AfD?
Ich habe Belit Onay gewählt. Normalerweise wähle ich die Linke, mit Bauchschmerzen und vor allem deshalb, weil die für jede Stimme Staatsknete kriegen, mit der sinnvolle Projekte finanziert werden kann. Zum Beispiel auch deren Rosa-Luxemburg-Stiftung, mit der ich seit Jahren gut zusammenarbeite. Mit der Heinrich-Böller-Stiftung der Grünen hab ich noch nie zusammen gearbeitet. Woran das wohl liegt…?
Nun also Belit Onay, weil es bei der Wahl weder um Kohle noch um sonst was geht. Nur um ein Signal „Erste Großstadt der BRD mit OB mit Migrationshintergrund“. Außerdem war er der einzige Kandidat, der das Gespräch mit der Landesarmutskonferenz gesucht hat. Und seine Vorstellungen zum Thema Wohnen sind ok.

Und er hat sich auf der Demo, siehe oben und hier, blicken lassen. Obendrein, und das ist der wirklich entscheidende Grund für meine Wahl, bin ich auf einem Foto mit ihm drauf.
Wäre ich zwanzig Jahre jünger, würde ich auch noch auf einen hochbezahlten Posten bei den Grünen spekulieren. Spätestens nach der nächsten Landtagswahl hier, wenn die Grünen den MP stellen werden. Staatssekretär, das wär was für mich, als Grüßaugust durchs Land reisen, wichtige Miene machen, von nix ne Ahnung haben und sich abends an den Büffets des Landes die Kante geben.
Gut, dass ich keine 20 Jahre jünger bin.
Sonnigen Start in die Woche, liebe Leserinnen, und mein Tipp für den Wahlausgang:
55,8 Prozent für Belit Onay.

09.11.2019 – 9. November


Schönheit überstrahlt Schrecken. Frisch erblühte Novemberrosen im Garten.
Und sonst? What’s left? Kriegte ich für jeden Beitrag, der über den 9. November, den angeblichen Schicksalstag der Doitschen, geschrieben wurde, einen Euro, könnte ich mir sofort ein stattliches Anwesen auf Korfu kaufen. Fall der Mauer, Hitlerputsch 1923, Pogromnacht 1938, Novemberrevolution 1919 etc. pp. Für mich alles Trauerspiele, oszillierend zwischen Grauen, Scheitern und Niederlagen.
Was die Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg hier vergisst zu erwähnen bei der Aufzählung der Ereignisse eines 9. Novembers, ist das missglückte Bombenattentat der linksradikalen Tupamaros auf das jüdische Gemeindehaus in der Berliner Fasanenstr.
Ist der wahnhafte, mörderische Antisemitismus von einheimischen Faschisten und oder jener mit migrantischen Hintergrund noch mit einer amoralischen, aber logischen ideologischen Konsequenz verknüpft, haftet dem linken Antisemitismus eine zusätzliche pathologische Note an. Links sein gründet auf dem Anspruch der Gleichheit aller Menschen, gleich welchen Geschlechts, welcher Religion, „Rasse“ (ekliger Begriff), Klasse, Herkunft, sexuellen Orientierung etc. pp. Dieser inklusive Ansatz unterscheidet Links von Rechts fundamental und allein aus diesem, aber noch zahlreichen anderen guten, Grund ist die Totalitarismus Theorie auch heute das, was sie immer war: eine intellektuelle Bankrotterklärung.
Wie man als „Linker“ in Deutschland vor diesem Hintergrund gegen Juden bomben kann, überhaupt antisemitisch sich verhalten, hat nix mit Parteizugehörigkeit zu tun, sondern mit dem Schrei nach Einweisung in die Klappsmühle. Links sein heißt: antikapitalistisch, antinationalistisch, antirassistisch und feministisch (heute sagt man/frau wohl: divers) zu denken und zu handeln. Wer diese Standpunkte in der hiesigen Parteienlandschaft verorten will, wird eher nicht fündig. Wenn ich mir z. B. die Elendsgestalten im Umfeld der Linken angucke, die heute noch mit einem Palästinensertuch durch die Gegend torkeln, gruselts mich. Da braucht nur mal am Lack zu kratzen, dann lacht einen die hässliche Fratze des linken Antisemitismus an, bis in die Ebene der Funktionsträger*innen. Wenn ich mir solche antisemitischen Linken-Bundestagskrawallhennen wie Sevim Gagdelen, Ulla Jelpke und Inge Höger angucke, möchte ich am liebsten für die Abschaffung des Frauenwahlrechts plädieren und Mitglied der FDP werden.
Die leben und denken noch immer in Zeiten, als es noch fortschrittliche Fraktionen bei den Palästinensern gab, wo Frauen unverschleiert agieren konnten. Dass jenseits der Grenzen Israels im Nahen und weiteren Osten seit Jahren Hamas-Faschismus regiert und staatlich-zivilisatorische Ansätze in Barbarei untergehen, haben die Ladies (und ihre männlich-dämlichen Parteigenossen) nicht mitgekriegt. Klassisches Spießer-Verhalten: Veränderungsunwillig sich eingraben in Haltungen, Gedanken, Verhalten von früher. Die haben wahrscheinlich noch Fax-Geräte in ihren Büros.
Solche Leute machen es einem echt schwer, Linker zu bleiben. Was mich politisch bei der Stange hält, ist die Hoffnung, dass in 30 Jahren die Mauer wieder steht.
Die Hoffnung stirbt als letztes. Schönes Wochenende, liebe Leserinnen.

07.11.2019 – Wirsing trägt keine Früchte


Mein Graffiti des Tages. Wirsing trägt keine Früchte, eine luzide Botschaft, klar in der Aussage, voll tiefem Sin, aber ohne Ziel, sie mäandert im Hirn und versetzt die auf Effizienz und funktionale Logik getrimmten Ganglien in freie Schwingungen. Von hier ist es nicht mehr weit zur zentralen Frage aller Existenz, zu der Frage, die Kultur und Zivilisation erst möglich macht und über die das Kind zum Mann reift, zum Weibe auch: „Was soll das?“
Mir erleichterte der Wirsing im Vorbeiradln die Mühsal der Ebene des Alltags, geplagt von Erwerbsarbeit, Kartoffeleinkauf und der Frage: „Bin ich nur dauernd müde oder schon wieder urlaubsreif?“ Und das angesichts der Tatsache, dass mir vom letzten Urlaub immer noch der Sand aus den Schuhen, nein, nicht von Hawaii, sondern Korfu rieselt.
Das Zwischenhoch trug nicht lange. Ich verproviantierte mich für eine Reise in die Heimat meiner Altvorderen, ins Eichsfeld, woselbst ich die erste Sozialraumkonferenz moderieren soll.
Back to the roots, je älter man wird, desto mehr rührt einen die alte Scholle an, obwohl ich zum Begriff Heimat ein äußerst kritisches Verhältnis habe, ist er doch durch die fortschreitende Faschisierung unserer Gesellschaft hochgradig kontaminiert. In dem Moment, wo Heimat exklusiv konnotiert wird, alles Fremde ausschließt (was ist das überhaupt, das Fremde? Ist’s der Dönergeselle an der Ecke? Die schwarze Putzhilfe, die „illegal“ hier ist, und alle guten Stuben blank hält? Oder der Nazi Höcke, dem fremd ist der Gedanke an Aufklärung, Emanzipation? Ich denke letzterer, also raus damit. Aber wohin?), wo Heimat gar blutsbetont wird, ergreift mich Grusel und meine automatische Rechts-Schreibkorrektur interveniert auf: Highmat.
Lange Rede, kurzer Sinn:

beim Bäcker fiel mir das Lügenblatt von heute ins Auge, und der rationale Alltag hatte mich wieder. Das Lügenblatt ist insofern die Krone der Rationalität als es ein Interesse vertritt – das Interesse der Herrschenden, angesichts nahender Krise Sündenböcke zu suchen. Auf die der Rest-Mob dann einprügeln kann, damit er niemals, unter gar keinen Umständen darauf kommt, die Frage nach dem wahren Verantwortlichen von Krisen zu stellen: Dem Kapital.
Man muss nicht den Wirtschaftsteil lesen oder in eine Glaskugel gucken, was aufs Gleiche rausläuft. Um zu wissen, ob wieder Krise ist, muss man nur die Titelseite des Lügenblatts anschauen. Von Lesen kann hier keine Rede sein. In dem Moment, wo gegen Erwerbslose gehetzt wird, ist wieder Krise.
Ich aber beschloss, nein, nicht Politiker zu werden, sondern den nächsten Urlaub zu planen. Ich würde ja gerne sagen: Es wird mir zu bunt hier. Leider ist das Gegenteil der Fall.
Es wird zu braun. Schönen Resttag, liebe Leserinnen.

25.10.2019 – Bis die Sonne vom Himmel fällt


Wenn ich am Strand, unter Palmen liege,lese ich nie. So wie im Zug. Ich prokele mir auch keine Lärmstöpsel in die Ohrmuscheln, um irgendein „Yeah Yeah Yeah “ oder wie das heißt, zu hören. Ich suche dann auch nicht meine innere Mitte oder bewege mich auf den Weg zu mir selbst. Das betrachte ich als Holzweg und in Gefahr und Not bringt die innere Mitte den Tod.
Also glotze ich still vor mich hin,aufs Wasser oder in vorbeirauschende Landschaft, und denke nichts. Das gelingt nicht immer, aber immer öfter. Das Gehirn braucht mal Pause, so wie die Füsse nach dem Wandern. Im Flugzeug schaffe ich das nicht immer, da fehlt die sich verlierende Weite des Blicks.Da lese ich schon mal, den „Spiegel“ oder ähnliches Niveaulimbo Zeug. Das ist dann eine aktive Meditation über nichts im Gegensatz zur passiven unter Palmen am Strand. Spiegel lesen ist wie auf Zuckerwatte rumkauen. Es passiert was, aber geschieht nichts. Manchmal geschieht in derlei nichts verwunderliches, dann komme ich aus heiterem, und das ist hier auf Korfu bei 28 Grad zur Zeit wörtlich zu nehmen, Himmel auf das reine Gefühl, das sich hinter Begriffen für Gefühle verbirgt. Freude, Glück, Scham, Angst sind ja erstmal nur Begriffe, die so nichts über den körperlichen Prozess, über das Spüren aussagen.
Das passiert aber nur selten und haut mich auch nicht von der Badematte. Wenn ich mit meinen Gefühlen jetzt noch nicht klarkomme, würde das nie mehr was werden. Da feile ich lieber an meinem Verstand, an dem ich immer öfter zweifele, wenn ich mir die Welt und ihre Fälle anschaue.

Oder glotze vor mich hin, bis auf einmal die Sonne vom Himmel fällt

19.10.2019 – Hä?!


Die Strasse ist brutal. Bei Aktionen, Performance, Theater auf der Strasse kriegt man all seine Schwächen sofort , direkt und brutal gespiegelt. Kein Höflichkeitsbonus eines Publikums auf bequemen Stühlen, die „idealen“ Bedingungen stellen Wind und Wetter zur Verfügung und kein Ton Techniker. Positiv: man braucht nie zu proben. Es kommt niemals so wie man denkt. Zusätzlicher Stress: wenn man auf die Präsenz von Medien hofft, weil die Show Teil der eigenen Öffentlichkeitsarbeit ist. Schön, wenn Publikum kommt, mitmacht und diskutiert. Scheisse, wenn man schwerhörig wird. Das Bild, bei der Aktion „Klima-Wurst“ zum Weltarmutstag 17.10.2019, sagt mehr als 3 Hörtests.
Wie gesagt, die Strasse ist brutal und ehrlich, anstrengend und frustrierend. Ich frage mich vorher jedesmal, warum ich mir das antue. Ich könnte doch einfach die Redaktionen dieser Welt vom Schreibtisch aus mit Pressemitteilungen bombardieren und für den Job auf der Strasse Profis engagieren.
Die Antwort ist wie beim Fussball auffem Platz: in dem Moment, wo es losgeht, weiss ich, dass ich die Strasse liebe.
Aber ewig mach ich das nicht. Welche Liebe hält schon ewig? Schönes Wochenende.

16.10.2019 – Weltarmutstag: Armut vs. Klima? Es geht um die Wurst!


Klima-Wurst im Entwurfsstadium.
Morgen ist Weltarmutstag. Aus diesem Anlass die Frage:
Wie gehen wir mit dem Aspekt der sozialen Gerechtigkeit bei der Bekämpfung des menschengemachten Klimawandels um?
Vorherrschender Tenor in der politischen Diskussion: „Wir alle werden verzichten müssen.“ Dieses „Wir“ ist Ideologie. Es ist falsch. Wer einem imaginierten „Wir alle“ nachläuft, tappt hinter der nächsten Ecke in die Falle der Volksgemeinschaft, in der ein gemeinsames Interesse aller behauptet wird, dass es so nicht gibt.
Wir sitzen alle im selben Boot… Und wer rudert da? Wer treibt die Ruderer an? Wer liegt auf dem Sonnendeck und lässt sich von wem bedienen? Wer lässt die, die um das Boot herumschwimmen, nicht an Bord?
Wer nicht in dieser dialektischen Form von Fragen an das ideologische „Wir alle“ tritt, ist bestenfalls naiv und meint es gut, schlimmstenfalls vertritt er das Interesse, welches im Zweifel nicht sein eigenes Interesse ist, derer, die auf dem Sonnendeck liegen.
So fordern Politiker von CDU, SPD und Grünen eine Erhöhung der Mehrwertsteuer für Fleisch von 7 auf 19 Prozent oder gleich die Einführung einer Extra-Fleischsteuer, wie der Tierschutzbund. Wenn ausschließlich solche Ansätze ohne sozialen Ausgleich verfolgt werden, wird das die ohnehin dramatische und wachsende Spaltung der Gesellschaft in Arm und Reich weiter beschleunigen und vertiefen. Abgesehen davon, dass Steuern grundsätzlich nicht Zweckgebunden sind und die Mehreinnahmen auch für die Anschaffung von Panzern verwendet werden können, ist eine allgemeine Steuererhöhung oder Neu-Einführung ohne Ausgleich wie im Fall einer CO2 Steuer die unsozialste Variante. Egal ob beim Auto, Fliegen oder Heizen, für den Millionär gilt das Maserati-Motto des Markus-Songs aus den Achtzigern „Ich will Spaß!“:
„Und kost‘ Benzin auch Drei Mark Zehn.
Scheißegal, es wird schon geh’n!“


Für die Hartz-IV-Bezieherin, der pro Tag 4,90 Euro für Ernährung zur Verfügung stehen (siehe Foto; Wurst und Geld liegen auf einem Teller, der an den Almosenteller in öffentlichen Toiletten erinnert), gilt: Noch einen Tag eher im Monat bei der Tafel anstehen.
Die Arroganz der Gutverdienender-Öko-Klientel, Fleischverzicht für Arme zu predigen ohne selber auch nur einen Tag auf das Bio-Gulasch verzichten zu müssen, mit dem Hinweis darauf, dass es früher auch nur Sonntag Braten gab, wird sich politisch kontraproduktiv auswirken. Schon jetzt erreicht die AFD ihre höchsten Wahlanteile in sozialen Brennpunkten und wer den Gerechtigkeits-Aspekt der Klimapolitik außer Acht lässt, wird die soziale Spaltung im Land vertiefen.
Nur eine grundsätzlich sozial gerechte Steuerpolitik trägt Beidem Rechnung:
Dem Kampf gegen die Armut und Spaltung unserer Gesellschaft und dem Kampf gegen den menschengemachten Klimawandel.
Daher fordert die Landesarmutskonferenz unter anderem:
– Erhöhung des Spitzensteuersatzes auf über 50 Prozent, wie zu Helmut Kohls Zeiten
– Wiederbelebung der vor über zwanzig Jahren ausgesetzten Vermögensteuer
– Ausbau der Steuerfahndung
– Erhöhung der Erbschaftssteuern für Superreiche
Dort, wo Lenkungssteuern wie eine CO2–Steuer notwendig sind, müssen die Regelsätze für Hartz-IV und Grundsicherung entsprechend erhöht werden und steuerliche Ausgleiche für Menschen mit geringem Einkommen geschaffen werden.
Ich geh jetzt einkaufen, zu meinem Bio-Schlachter…