BILD

Tief im Westen. Von Berlin. Uhland-Fasanenstr.-Passage, Nähe Kudamm, mehr Westberlin geht nicht. Dieser Innenhof war in den 70ern eine Ikone des Modernismus, eine Perle des Städtebaus.
Uns erscheint das so hässlich, dass es davon nur Fotos im Internet von Teilansichten gibt. So ändern sich die Zeiten. Würde mich nicht wundern, wenn das Ensemble unter Denkmalschutz steht, steht es doch als Beton gewordenes Pars pro toto für den damaligen von Zukunftseuphorie getriebenen Zeitgeist. Solche Ecken findet man nur als Flaneur, im ziellosen Sich-Treibenlassen. An Orten wie diesen könnte ich stundenlang verweilen, um etwas von ihrer Aura aufzusaugen. Beton kann doch sprechen.
Schöner Ort? Auf jeden Fall faszinierend.
Am Sonntag ist Wahl in Berlin und in Abwandlung des Ernst-Reuter-Satzes wird es wieder heißen: Ihr Spießer der Welt, schaut auf diese Stadt.
Und über jede Panne und Pleite bei der Wahl wird sich der Mainstream der Medien, Spießer, Bayern, Zombies und Scheintoten ergeifern. Was macht die geschilderte Klientel so wütend über Berlin? Vermutlich unter anderem das Fazit dieser Historikern über Berlin:
»Man zieht nicht nach Berlin, um hier Karriere zu machen und zu Geld zu kommen«
Und weiter: „ …. Man zieht hierher, national und international, um ein bestimmtes Stadterlebnis zu haben – historisch, brandaktuell, dynamisch, kontrovers, konflikthaft. Ich kenne Menschen, die diese Dynamik und Konflikthaftigkeit nicht mehr aushalten und nach Göttingen abwandern. Aber viele mehr wünschen sich, in dieser Stadt zu leben. Und ich kann das verstehen. Für mich ist Berlin nach wie vor die tollste Stadt der Welt. Zumindest der Welt, die ich kenne.
Was wäre das überhaupt für eine Metropole, in der alles funktioniert, wie es in den feuchten Kontrollphantasien der Spießer und Scheintoten zu wuchern scheint? Der perfekte Staat, Orwell, Kafka und Foucault in eins, perfekte Überwachung, Disziplinierung und ausgeklügeltes Strafsystem für jede Normabweichung. Auch wenn ich als Etatist einen starken, intervenierenden und angesichts wachsender Zahl von verrückten Querspinnern, Coronaschwurblerinnen und Antidemokraten auch strafenden Staat verschärft befürworte – die Zeiten haben sich gegenüber den 70ern eben geändert – so hoffe ich an der Stelle doch auf ein Wahldesaster. Die unfähige Stadt inszeniert unfreiwillig ihr eigenes Happening und alle Insassen von SO 36 singen dazu: „Macht kaputt, was Euch kaputt macht“. So geht performative Kunst im 21. Jahrhundert.
Mein Tipp für den Wahlausgang: CDU 23 %, SPD 23 %, Grüne 18 %, Linke 12 %, AfD 11 %, FDP, 4,9 %. Rest: 13 %. Das sind über 100 Prozent. Ist ja auch Berlin. Mein Favorit wäre die Bergpartei : ökoanarchistisch, realdadaistisch, radikalfeministisch, utopisch solidarisch, postidentitär antinational und antisubstanzistisch“ . So eine Partei hab ich mal gegründet, in den Achtzigern. Freibier und Erbsensuppe.








