Meerrettich und Mittelschicht – wo sind sie geblieben?
Meerrettich und Mittelschicht – alles wird zerrieben.
(nach Mathias Beltz).
Innerhalb kurzer Zeit haben die beiden Kiezläden dicht gemacht, die ich mit am häufigsten frequentiert habe und zu denen sich ein so inniges Verhältnis entwickelte, dass sie in die rare Garde der offiziellen SCHUPPEN 68-Sponsoren aufgenommen wurden: die Fösseapotheke und die Fleischerei Gothe. Der Kiez trauert. Und das ist so verlogen wie vieles an diesem alternativspießigem Kiez-Getue, das mir immer mehr auf den Sack geht.
Die Läden haben dicht gemacht, weil sie von immer weniger Kundinnen frequentiert wurden.
Apothekenketten wie DocMorris und Internetbillgheimer haben dem Einen das Genick gebrochen und die abnehmende Zahl von traditionellen Mittelschichtshabitus-Kundinnen dem Anderen.

Fleischerei Gothe. Emotionaler Abschied.
Auf der einen Seite Lowest-Budget Fleischtheken in Supermärkten, wo es ein halbes Schwein für 5 Euro gibt, am anderen High-End der Skala Biofleisch-Kundinnen, die es sich leisten können, im Ökoladen ihres Vertrauens in einer stilvollen Zeremonie Abschied von ihrem persönlichen Lamm (individueller Lebenslauf von der Geburt bis zum Bolzenschuss garantiert) zu nehmen. Die Mitte bricht weg, ein gesamtgesellschaftliches Phänomen. Wachsender Luxus und Distinktions-Hedonismus bei den wohlhabenden 20 Prozent, denen über 80 % des Nettovermögens gehört (dem reichsten 0,1 Prozent ca. 25 Prozent des Gesamtvermögens). Die Zahl der Millionäre nimmt zu, jedes Jahr um ca. 1,5 Prozent, auf mittlerweile 1,1 Millionen (mobiles Vermögen natürlich, das berühmte „Häuschen“ im Grünen ist da nicht mit drin)
Am „unteren“ Verteilungsende weitet sich die Zone von Prekariat und Armut immer mehr aus, 25 Prozent arbeiten im Niedriglohnsektor unter 9,30 Euro/Stunde. Da liegt man selbst bei Vollzeit nicht viel über der Armutsschwelle von 907 Euro in Niedersachsen.
Die Mitte schrumpft. Und was tut die Mitte? Kriegt Angst vor dem sozialen Absturz und reagiert mit Aggression, Wut, Ausgrenzung. Natürlich nicht gegen die Verantwortlichen für die Situation, sondern gegen die eh schon Benachteiligten, gegen Hartz IV Empfängerinnen, Flüchtlinge, Obdachlose. Der Mob, der aus der Mitte kam. Aber jammern, wenn der Einzelhandel im Kiez dicht macht. Feine Gesellschaft.
Bevor ich anfange zu kotzen, hier der aktuelle Gender-Stand der geschlechtersensiblen Sprache

Kundinnin – Die doppelt-feminine Plural Bildung. Meine Änderungsschneiderin. Nähen ist nicht so mein Ding.
Darf man auf Kosten von migrationsbedingten Sprachdefiziten Scherz machen?
Ich hab nie behauptet, dass ich Jesus bin!
31.12.2015 – Sex + Hitler + Tiere = Blockbuster
Jahrzehntelang habe ich meine Kunst in den Dienst der Aufklärung gestellt, was finanziell nicht sehr einträglich war, mit einem Bein am Hungertuch genagt, mit dem anderen mühsam jeden Groschen beiseite gelegt. Damit ist seit gestern Schluss, da begannen die Dreharbeiten zu einer sechsteiligen Hitlerserie mit mir als Hauptdarsteller. Es geht um Hitler privat, der Mensch hinter dem Führer sozusagen. Natürlich kritisch! Aber auch die Erfolgsformel für die Blockbuster-Produktion beachtend: Sex geht immer, Hitler sowieso und Tiere erst recht, also ist die Formel Sex + Hitler + Tiere der Garant für Erfolg. Fleiß und Talent natürlich vorausgesetzt.

Ich, als Hitler.
Titel der Serie „Hitler – Sex and Drugs and Rock ’n’ Roll“. Teil 1 (Alles noch Arbeitstitel!): „Mein Mampf“ . Es geht es um Hitler und seine Essgewohnheiten. Er liebte ja Erbsensuppe. Das kommt mir entgegen.

Ich, mit Erbsensuppe.
Teil 2: „Mein Schwanpf“. Hitlers Sexleben. Er hatte nur einen Hoden, was schauspielerisch nicht einfach darzustellen ist, und eine Vorliebe für Sexspielzeug.
Teil 3: „Mein Schäferhunpf“. Hitler und seine Blondi, der Hund hat gleich in einer der ersten Einstellungen der Serie einen grandiosen tragikomischen Auftritt. Allein deshalb sollten Sie sich dieses Medienereignis nicht entgehen lassen!
Da wir auf der Höhe der veränderten Rezeptionsgewohnheiten und technischen Reproduktionsbedingungen sind, wird die Serie nicht auf veralteten Vertriebskanälen wie TV ausgestrahlt sondern analog zu netflix und amazon nur via Internet! Eine Preview gibt es demnächst hier auf dieser Seite!
Meine darstellerische Leistung war derartig anrührend, dass Kameramann Michael Doege (mitverantwortlich für Konzept, Regie, Schnitt, Musik, Casting, Catering, Second Unit, Produktion und Finanzierung) am Set in Tränen ausbrach.

Kameramann, in Tränen.
Im Alltag waren die Dreharbeiten nicht immer leicht, für mich und meine Umgebung. Da ich nach dem „Method acting Prinzip“ von Lee Strassberg arbeite, ließ ich mir einen Hitler-Schnauzer stehen , was zu Anfeindungen führte. Urteil einer Bekanten: „Du siehst Scheiße aus.“ In anderen Projekten nahm mein Hang zur Dominanz unter dem Einfluss der Abarbeitung an Hitler derartige Formen an, dass mich die NETZ Redaktion mitunter begrüßte: „Heil, Personal-Führer.“ Dass das Kollektiv sich dabei vor Lachen am Boden wälzte, weist auf natürliche Autoritätsdefizite bei mir hin. Das ist aber eine andere Geschichte.
Ich muss los, wir drehen jetzt meine Flucht zum Nordpol (Der Selbstmord damals war natürlich Tarnung), wo ich mich im Eis einfrieren lasse, auf Grund des derzeitigen Wetters auftaue, wieder ins Reich zurückkehre und eine neue Partei gründe: Adolf für Deutschland – AfD.
Allen Leserinnen die besten Wünsche für ein unterhaltsames und niveaureiches 2016!
29.12.2015 – Jahresausklang.
Was liegt an zum Jahresausklang?

Auf jeden Fall Rückentraining bis der Arzt kommt.

Danach duschen und Haare waschen.

Ein Gläschen Wein und eine Zigarette.

Zwischendurch langsam wieder den Arbeitsmodus booten.

Eher nicht. Das ist bestimmt nicht rückenfreundlich und noch anstrengender als Rückenschule.
Die Fotos hab ich mal bei einer Ausstellung im Skulpturenforum Isernhagen gemacht, den Titel weiß ich nicht mehr, es müsste es sich um so was gehandelt haben wie „Realismus- Positionen in der zeitgenössischen Bildhauerei“. Die Betreiberin des Ganzen ist dem kritischen Realismus der 70er des vorigen Jahrhunderts verpflichtet. Sympathisch, dass sie keine Internetpräsenz hat. Das Anwesen ist noch zauberhafter als mein Garten und das will was heißen!
Ich fand – und finde – die „Berliner Schule“ des kritischen Realismus toll, Sorge, Waller, Vogelsang etc. Fotorealistische Malerei, die den überall lauernden Schrecken des Spätkapitalismus bannte. Diese Phase bezeichnet man heute interessanterweise als goldenes Zeitalter des Kapitalismus.
Die Berliner Schule kennt keine Sau mehr und es gibt fast nix drüber im Internet. Sie wird aber eine Renaissance feiern. Realismus kommt in zyklischen Wellen immer wieder hoch. Tipp für Kunstsammlerinnen: Jetzt kaufen, Bodenbildung. Da lockt Super-Rendite, wenn deren Werke preismäßig durch die Decke gehen. Und die produzieren auch nichts mehr nach, weil die meisten sich mittlerweile unter die Grasnarbe gesoffen haben. So wie Lemmy von Motorhead. Friede seiner Leber.
Falls das Kunstsammlerinnen hier lesen: ich kann Tipps in Sachen Berliner Schule geben. Gegen Bezahlung natürlich. Wenn auch ich nur eine Hure des Marktes bin, dann wenigstens gut bezahlt.
Was bleibt? Pläne machen für 2016? Hm.
Vielleicht Kunst sammeln?
28.12.2015 – Sylvester steht vor der Tür.
Ich hab mir mal die Blog-Einträge der letzten Zeit durchgelesen. Das sollte ich vielleicht mal öfter machen. Das interessiert doch bestimmt niemanden, dieses Meta-Geschwalle über die Tücken des Blogschreibens, online schreiben, just-in-time writing, etc. blabla.
Ich finde Bücher oder Filme sterbenslangweilig, die sich ernsthaft über die Probleme der Autorinnen bei ihrer eigenen Produktion auslassen. Die Qual der Schreiberin beim Anblick einer leeren Seite a la „Ich hab ne Schreibblockade“, das ist ja fast schlimmer als Reflexionen über einen Kackreiz. Also frage ich mich, wie die relativ hohen sogenannten werberelevanten „Page Impressions“ auf dieser Homepage zustande kommen, immerhin bis zu 60.000 pro Monat?
Wegen des hohen Bildungs-Mehrwertes und vielleicht auch wegen der drolligen Bilder, die natürlich ohne Ausnahme von mir sind? Abmahn-Verbrecher laufen bei mir gegen Stahlplatten. Ein Beispiel, was Bildungs-Mehrwert und drolliges Bild verbindet, ist das hier:

Lidl Anzeige. Schneidemaschine neben Wundpflaster.
Drollig, aber auch lehrreiches Beispiel für das Montage-Prinzip. Das Montieren zweier Elemente in einem Objekt erzeugt mehr als ihre reine Summe. Frau kann das lesen als reine Information: Wer die Lidl Schneidemaschine benutzt, sollte immer ein Wundpflaster-Set zur Hand haben – wenn sie nach Benutzung die Hand noch hat. Frau kann sich aber einfach auch nur schlapplachen. Oder sich fragen, ob die Anzeige absichtlich so gesetzt wurde oder die Leute vom Layout einen in der Kiste hatten bei der Arbeit.
Und langsam wird es Zeit für ein Jahresfazit. Wir leben noch, das ist die gute Nachricht.
Und der Rest?
27.12.2015 – Ostern steht vor der Tür.

Ostern 2008. Winter.
Ich gerate über Weihnachten in einen Sog wohliger Faulheit. Das einzig Vernünftige, was ich zur Zeit gebacken kriege, ist dieser Blog und da führt ja auch nicht die reine Vernunft die Feder resp. die Maus oder das Keyboard. Wie updated man eigentlich obsolete Sprachbilder wie das mit der Feder? Oder sagt man: dated up? Das sind Gedanken, denen ich jetzt risikolos stundenlang nachhängen kann. Feder. Feder. Feder. Geht aber auch nicht lange gut, weil mein Unterbewusstsein sich gegen sinnfreies Denken sperrt und mir sofort Reime in das Sprachzentrum schießt wie eben:
Feder. Feder. Feder.
Meine Jacken sind aus Leder.
Ich hoffe, liebe Leserinnen, Sie lesen immer noch. Das bedeutet, dass Sie ähnlich entspannt sind wie ich und Zeitluxus besitzen. Sie können es sich leisten, meinen Blog zu lesen. Und einen Mehrwert hat diese Lektüre tatsächlich: Mit der Lektüre nehmen Sie teil am ganz seltenen Prozess des „just-in-time writing“. Sie surfen sozusagen synchron zu meinem Schreibprozess, an dessen Ende nur ein Urteil stehen kann: Schuldig. (Schöne Pointe!).
Apropos surfen, schon fällt mir ein Bild von Gran Canaria vor das innere Auge. Wobei eher auf Fuerteventura gesurft wird, ein öder Haufen Sand im Ozean, wo ich am Strand mal meinen Fahrradschlüssel verloren habe. Das Teil war angeschlossen und ich wollte die letzte Fähre nach Lanzarote kriegen. Radschlüsselsuche im Sand, das ist unter den Bedingungen eine Syphilisarbeit. Da muss man dem inneren Schweinehund Ravioli bieten.

’68 und die Folgen. Teil 1: Every Day Karaoke. Arguineguin auf Gran Canaria. Keine Ahnung, was ich da wollte. Die Zementfabrik besuchen?
26.12.2015 – Im Weihnachtsrausch
Gestern Vormittag Kirche mit Freund und Kollegen, Clemens, wo ich früher bis zum Alter von ca. 10 Jahren Ministrant war. Diese weihnachtlichen Kirchenbesuche sind ein Ritual. Ich liebe Rituale, sie ersetzen die Frage nach dem Sinn des Lebens, die ich für mindestens anstrengend und recht eigentlich sogar für komplett überflüssig halte. Das Leben ist eine Ballung von Molekülen und Häufung von Zufälligkeiten, ohne Grund, Ziel oder Sinn und in unserer Verantwortung liegt es, das Beste draus zu machen. Besagter Freund ist strenggläubig und sieht das natürlich diametral anders.
Die Basilika St. Clemens ist ein Ort der Kontemplation, wann bin ich schon mal gezwungen, eine Stunde am Stück die Klappe zu halten, und mitunter herrscht Stille, einfach Stille, die Gedanken kommen ins Wandern. Außerdem ist der Chef von Clemens, Probst Martin Tenge, ein grundsympathischer und hochintelligenter Mensch, mit dem ich mal im Projekt „Armut? Das ist doch keine Kunst!“ zusammen gearbeitet habe. Als ich ihm bei einem Schwätzchen nach der Messe attestierte: „Gute Performance heute“, war er sichtlich angetan: „Freut mich, das aus berufenem Mund zu hören.“ Man kann der hiesigen katholischen Kirche nur wünschen, dass er der nächste Bischof wird. Einer seiner Vorgänger hat mir bei der Firmung die Hände auf den Kopf gelegt. Dieser Bischof Heinrich-Maria Janssen hat zwischen 1958 und 1963 einen anfangs 10-jährigen Ministranten regelmäßig sexuell missbraucht. Die Erinnerung, wie dieser Mann mir die Hände auf den Kopf gelegt hat, ist mir widerlich und ich möchte nicht wissen, was der missbrauchte Ministrant Zeit seines Lebens für Bilder im Kopf hat.
Schnell andere Bilder her.

So sieht es zur Zeit auf meiner Veranda aus, Lilien fangen an zu blühen. Da kommt noch was nach …

Japanische Blutpflaume. Müsste März gewesen sein.

Nur die Harten kommen in den Garten.
Dieses online Blog-Schreiben hier ist immer ein Experiment mit offenem Ausgang. Natürlich habe ich eine Idee, wenn ich anfange zu schreiben, aber was dabei rauskommt, ist offen, siehe Heinrich Maria Janssen. Eine Art Écriture automatique in Richtung Eigentherapie.
Pointentraining ist mir lieber.
Gestern Abend traf ich zwei Kumpels vor einem Wirtshaus, die derartig voll im Weihnachtsrausch waren, dass sie nur noch Blödsinn lallten und hanswurstartige Bewegungen vollführten. Ich aber hob die Augen zum Himmel und sprach wie der Pharisäer im Lukas-Evangelium:
„Ich danke dir, Gott, dass ich nicht bin wie die …“
Da tat sich der Himmel auf, ein Blitz fuhr hernieder und verbrannte mich zu Asche und eine Stimme ertönte:
„Gleitze, du elender Heide, das wird Dir hoffentlich eine Lehre sein. Wenn Du mich noch einmal mit so einem selbstgerechten Scheiß belästigst, kriegst Du richtig Ärger.“
Die Geschichte ist passiert, liebe Leserinnen, wo wahr mir ….
25.12.2015 – Bei Weihnachtsmuffeln reagiert der Weihnachtsgeist im Hirn weniger stark.
Laut einer Studie im British Medical Journal, die ein Abfallprodukt der Migräne-Forschung war, soll es Regionen im Hirn geben, in denen der Weihnachtsgeist sitzt. Theoretisch können diese Regionen bei Unterfunktion stimuliert werden und Weihnachtsmuffel dadurch „geheilt“ werden. Da ist bestimmt demnächst wieder eine Studie fällig, laut der nach dem gleichen Prinzip auch Schwule und Lesben geheilt werden können. Die Ursachen für Migräne finden unsere famosen Forscherinnen seit Jahrzehnten nicht raus, obwohl das vermutlich einer der größten Blockbuster-Märkte überhaupt ist. Aber valide Messergebnisse aus dem Scheitellappen bei einer Versuchsgruppen-Größe von 20 Personen, das klappt.
Ich bin ein leidenschaftlicher Verächter von esoterischer Medizin, allein das Wort „Bachblüten“ bringt mich auf die Palme, und überzeugter Anhänger der Schulmedizin: „Stahl und Chemie? C`est la vie! “ Aber manchmal kommen mir da schon Zweifel.
Eine praktische Nutzanwendung hat die Tatsache, dass die Studie im British Medical Journal veröffentlicht wurde: Falls Sie, liebe Leserinnen, irgendwie mit Öffentlichkeitsarbeit zu tun haben und Ihren Verein mal in die Medien bringen wollen, nutzen Sie dazu das Sommerloch oder die Jahresendzeit. In dieser Saure-Gurken Zeit bringen die Medien jeden Schwachsinn. Ein herausragendes Beispiel gibt es hier mit meinem Krokodil im Maschsee

Lena und Fritz Haarmann – das muss mir erst mal jemand nachmachen.
Für alle, die Schnee vermissen, Impressionen aus dem vorigen Jahrtausend.

Ich vermisse Luci, meine Katze. Wenn die ihr Winterfell kriegte, war sie rund wie ein Fußball. Unter all meinen Katzen war sie meine große Liebe. Obwohl sie von ganz schwächlicher Konstitution und Figur war, wurde sie fast 20 Jahre alt. Die hatte das Paradies da, wo es hingehört: auf Erden, resp. im Garten.

Dieser Skulpturenpark war auch Ideenskizze und -Sammlung. Aus dem HB-Männchen wurde später das einzige fahrbare Lenin-Denkmal der Welt. Was aus der Katze und dem Gitarristen wurde, weiß ich nicht mehr.
24.12.2015 – Manche meinen, Weihnachten sei die Hölle auf Erden.
Andere wiederum halten das für eine Untertreibung. Meine Erinnerungen an Weihnachten sind durchaus positiv.

1990er – ich mit Brut von mir nahestehenden Personen. Aus Datenschutzgründen belassen wir es dabei. Ich war gerade zwei Stunden da und schon völlig am Ende. Früher war mir der Reproduktionswunsch von Menschen ein Rätsel. Nach solchen Erfahrungen wie jenem Weihnachten hielt ich den Vermehrungstrieb für eine deviante, pathologische Verhaltensweise, erklärbar nur durch Masochismus, gepaart mit Langeweile. In einer normalen Ehe ist wohl abzusehen, wann man/frau sich nichts mehr zu sagen hat, also überbrückt man die 20 Jahre nach diesem Zeitpunkt mit der Aufzucht von Nachwuchs und wenn der aus dem Haus ist, freut man sich auf die Enkel. Oder den Friedhof.
Besagten Weihnachten habe ich insofern in positiver Erinnerung, als ich meinen nach vier Stunden auftretenden Impuls, die beiden Satansbraten im nahegelegen Weiher zu ersäufen, unterdrückte. Heute haben wir ein ausgesprochen herzliches, gar freundschaftliches Verhältnis zueinander, wir waren zum Teil schon gemeinsam auf Reisen und die Beiden werden mich nächstes Jahr wieder besuchen, worauf ich mich jetzt schon freue. (Da ich den Link auf diesen Blog an die Beiden schicke: Jungs, wir müssen bald mal einen Plan machen!)
Aus dieser Erfahrung heraus sehe ich die Produktion von Nachwuchs mittlerweile aus einer utilitaristischen Perspektive oder, schlichter, für Nichtabiturientinnen:
Lohnt sich der ganze Aufwand am Ende?
Am Ende läuft es auf einen Appell hinaus: Jungs, wenn Ihr mich regelmäßig im Altersheim besucht, bedenke ich Euch an herausragender Stelle in meinem Testament!

Weihnachten 1990er Zuhause. Bevor auf einem großen Teil des Gartens eine Kindertagestätte (!) errichtet wurde, war er nach dem Abbruch des SCHUPPEN 68 in einer Umbruchphase. Fast wie es bei 1. Mose 1 heißt: „… und die Erde war wüst und leer ….“
Der morgendliche Raureif zauberte eine archaisch-melancholische Aura vor meine Linse. Meine Seele holte tief Luft und seufzte: „Kann man erst mal so lassen. Aber in vier Monaten wird der Grill wieder in Gang gesetzt.“
Allen Leserinnen heitere und stressreduzierte Feiertage!
23.12.2015 – Weihnachtsmontage an einem Mittwoch
Montage meint hier natürlich ein ästhetisches Prinzip, das Zusammenfügen vorhandener Teile zu einem Ganzen, und nicht die Mehrzahl eines Wochentages. Die Tatsache, dass ich im Moment mit allen Arbeiten entweder im Reinen oder auf dem Laufenden bin, merke ich auch daran, dass ich anfange, Pointen zu erklären und hier jeden Tag den Blog mit Einträgen vollpflastere, wozu ich normalerweise nicht komme.

Gestern wieder in der City. Natürlich genießen die Leute die unfassbare Fülle auch, analog dem Stau, den vorgeblich jeder hasst, viele aber regelrecht suchen, Lemmingen gleich.
Wenn man aus dem Strom der Massen in ein Geschäft abbiegen will, sollte man den Arm raushalten wie beim Radfahren, sonst wird man über den Haufen gewalzt. Es herrschte allüberall eine angenehm aggressiv-endzeitliche Stimmung. Ich genoss das Ganze bei Hugendubel in der Reisebuchabteilung, in Reiseführern von Korfu und Gomera schmökernd, und aus den Augenwinkeln die Suchenden beobachtend. Wenn gar nichts geht, Buch geht immer. Aber was für eins, um Himmelswillen?
Den Blick in die Wirklichkeit versperrt man am besten mit einem Buch. Schenken Sie ihrem Liebsten eine Bratwurst, wollte ich den Suchenden zurufen. Das hätte aber die Grenze von der Gehässigkeit zum Zynismus überschritten und ich würde eh schon lange genug im Fegefeuer schmoren. Ich schwieg und schnappte wieder frische Luft.

Unter der Fresspyramide waberte ein Brechreizförderndes Konglomerat von Gerüchen nach Sauerkraut, Schmalzgebäck, Glühwein und Bratwurst.

Auf dem Rückweg bei Onkel Olli’s Kiosk vorbei. Erinnerungen an unsere legendäre Reihe Kunst am Kiosk kommen hoch. Ein Effekt von öffentlichen Interventionen und Performances ist: man eignet sich die Stadt intensiv an. Zu vielen Ecken habe ich ein intimes Verhältnis, dort habe ich Spuren hinterlassen. So ähnlich wie ein Köter, der jeden Baum markiert. Mein Revier.
Abends Rückenschule. 10 Frauen und ich. Hört sich toll an. Ist aber mehr die Hölle auf Erden. Da geht es anderthalb Stunden schweißtreibend hammerhart (?) zur Sache. Nach Monaten Pause bin ich offensichtlich nicht 100 % fit. Unser Trainer, keine 30 Jahre und 90 Kilo schiere Muskelmasse, fragte während des „Käfers“ aufmunternd: „Na, alles klar? Du bist ja heute so still!“ Meine stark onomatopoetisch geprägte Antwort: „ Ächz, stöhn, Alles … puuh … röchel, hust, … bestens.“ Ehrlicherweise ich hätte einen Notarzt rufen lassen sollen.
Meine Muskeln tun jetzt derart weh, dass ich keine Ahnung habe, wie ich nachher aus meinem Stuhl hochkommen soll.
Ich will ja nochmal in die City. Heute ist finale furioso, con brio, allegrissimo.
22.12.2015 – Meine Laune zu Weihnachten ist super!
Gestern war ich umständehalber in der City, ich brauchte ein neues PC-Keyboard. Der Unionbuster-Drecksladen Amazon kommt mir nicht ins Haus (wie man diese Saubande ärgern kann, ist hier nachzulesen). Also war persönliche Anwesenheit beim hiesigen Fachhandel erforderlich.
Ich habe einen nicht gerade zarten Anschlag, zu Zeiten der Schreibmaschine habe ich regelmäßig das „o“ komplett aus dem Papier rausgehämmert. Wenn frau meine Manuskripte gegen das Licht hielt, schien das an den „o“ Stellen immer durch. Auf dem Keyboard sind bei mir schnell die „e r t z u i o p“ Tasten nicht mehr zu erkennen, weggehämmert. Tippen ist für mich erweitertes Muskeltraining im Handgelenk bis Nacken Bereich. Ich kann zwar einigermaßen blind tippen, aber ich hasse Veränderungen.

Von mir aus könnte die Welt noch so sein, wie im ehemaligen Pförtnerhäuschen der hiesigen Hanomag AG. Allein dieses Gitter, das in den Handlauf übergeht, dieser Schwung, das ist eine Komposition in Metall. So was gibt’s doch heute gar nicht mehr!
Zurück zum PC. Ein verändertes Hackbrett geht gar nicht. Also ab in die City, in der unglaublich viele unglaublich schlecht gelaunte Menschen unterwegs waren. Ich war das letzte Mal vor dem Krieg in der Weihnachtszeit in der City gewesen und hatte komplett vergessen, wie es da zugeht. Da ich tendenziell nichts von der Menschheit halte, Misanthrop wäre glatt untertrieben, ging mir beim Anblick so vieler sich mental völlig neben der Kappe befindlicher Zeitgenossinnen das Herz auf. Zankende Ehepaare, die an quengelnder Brut rumnörgelten, ein erhabener Anblick. Ich trällerte ein paar Zeilen vor mich hin „Kling Glöckchen, klingelingeling“. Für diese unchristliche Anwandlung würde ich ein paar zusätzliche Tage im Purgatorium aufgebrummt kriegen, das stand fest, war mir die Sache aber wert. Zuhause ging ich der Sache wissenschaftlich auf den Grund, Zitat aus einer PM der Georg-August-Universität Göttingen:
„Viele Europäer erleben das nahende Weihnachtsfest … eher als belastende und stressige Zeit. … Im Allgemeinen waren Umfrageteilnehmer, die in der Weihnachtszeit befragt wurden, deutlich schlechter gestimmt und weniger zufrieden ….. Christen, vor allem sehr gläubige, bilden hier jedoch eine Ausnahme.“
Passt schon. An so Sachen wie das Purgatorium glaube ich gerne. Wenn es mir gerade in den Kram passt.

Auch auf dem Hanomag Gelände entdeckt. Das kann man als Bild für die Entgrenzung der Körper und die Auflösung von Identitäten lesen. Ich vermute aber, dass ein Bühnenarbeiter des Schauspielhauses, die da ihren Fundus hatten, den abgebrochenen Arm einfach da reingerammt hat.
Viel Spaß, liebe Leserinnen, bei den letzten Einkäufen in der City.