Irgendwo ankommen. Ich hege da keine großen Ansprüche, außer 24 Stunden am Tag Sonne, 23 Grad warmes Meer, herrliche, einsame Strände, mit einer excellenten, unglaublich günstigen Taverne, wundervolle Panoramen beim Wandern, kein W-Lan, keine Breaking News. Und vor mir die kostbarste Währung, die es gibt: Zeit. Das würde mir reichen. Erstmal. Am Strand könnte ich mir ja weitergehende Wünsche überlegen.
Na ja, was soll’s. Kann man nix machen. Wenden wir uns also widerwillig dem real existierenden Faschismus zu. Der speist sich ja neben den ökonomischen und sozialen Voraussetzungen wie kapitalistischen Krisen mit nachfolgender sozialer Verelendung vor allem aus drei psychischen Kraftquellen: Angst, Hass, Erregung. Ein „wunderschönes“ praktisches Beispiel lässt sich hier nachlesen, leider hinter Bezahlschranke. Der Streamer Nicholas Fuentes, Anhänger der Trumpschen Maga-Bewegung, dem die allerdings mittlerweile zu lasch ist. Auf X erhalten seine Posts bis zu 100 Millionen Aufrufe. Zum Vergleich: Diesen Blog hier hat pro Monat ca. 130.000 Visits und bis zu 500.000 Page Impressions. Immerhin und ich freue mich natürlich darüber, mit Dank an alle Leser*innen, aber die Relationen sind eindeutig. Zitate aus dem Artikel: „ … Nick Fuentes will den »arischen Endsieg«. Er fordert die Todesstrafe für »perfide Juden«. Er sagt, »Frauen sollten ihren verdammten Mund halten und Schwarze größtenteils ins Gefängnis«. …. »Ich bin ein Frauenhasser«, bekannte er stolz und behauptet, viele Frauen wollten vergewaltigt werden. Hitler finde er »richtig fucking cool«. Das »organisierte Judentum« sei ein riesiges Problem.“
Noch sind derartige Ansichten in der republikanischen Partei umstritten. Realistisch dürfte sein, dass Fuentes einen Ausblick auf die MAGA-Bewegung nach Trump gibt. Die Geister, die Trump und seinesgleichen riefen, waren sie entweder selber, oder diese werden sich weigern, wieder in der Flasche zu verschwinden. Vielmehr werden sie allen „liberalen“, also lediglich halbfaschistischen Weicheiern an die Gurgel gehen, wenn ihnen erst der Sprung von der kulturellen Hegemonie in die Institutionen gelungen ist.
Diese verbale Brachialrhetorik ist das Produkt der jahrelangen Erregungssteigerung in Worten und mittlerweile auch in Taten von Trump und seinen Anhänger*innen. Manche, wie Marjorie Taylor Greene, merken, was sie da angerichtet haben. Wie das für sie ausgeht, bleibt abzuwarten. Gutes ist da nicht zu erwarten.
Und da diese Art der Rhetorik kaum noch zu steigern ist, das faschistische Erregungslevel aber immer hochgehalten werden muss, vergleichbar mit Alkohol- und Drogensucht, zeichnet sich am Horizont der Umschlag der verbalen in konkrete, praktische Erregung ab. Vor der Küste Venezuelas ankert eine US-Flotte mit dem größten Flugzeugträger der Erde. Krieg liegt in der Luft, die Climax der Erregung. Im Gegensatz zur sexuellen Erregung gibt es allerdings in der psychosozialen des Faschismus nie eine Entladung, Ermattung. Um die Leute bei der Stange (ein fauler Wortwitz, zugeben) zu halten, ist eine ständige Steigerung notwendig. Flood the zone with shit, das ist die Strategie. Und wenn die armen Venezolaner*innen am Strand an den Horizont schauen, haben sie das, was dabei konkret rauskommt, direkt vor Augen, einen Flugzeugträger mit 90 Kampfflugzeugen und Hubschraubern. Ob die Napalm, siehe Vietnam, an Bord haben, weiß ich nicht. Aber wenn der Kapitalismus den Imperialismus als Krisenlösung wählt, ist der Faschismus nicht weit.
Was bleibt, sind zwei Fragen: Ist der günstigste Zeitpunkt für den imperialistischen Angriff der Amis auf Venezuela die Weihnachtszeit, gemäß dem christlichen Motto: Friede auf Erden? Und wann sitze ich wieder auf einem Schiff wie oben?
Unlängst im Zentralorgan der Bräsigkeit, der HAZ: „ … Eine Politik, die zentrale Industrien (wie die Stahlindustrie, d. A.) aufgibt, schwächt nicht nur die Wirtschaft, sondern auch die demokratische Stabilität…“
Betroffen davon wären etwa Duisburg, Bremen, Eisenhüttenstadt, das Saarland. Dieser Konjunktiv insinuiert, dass in den beschriebenen Regionen Stand Heute alles noch im demokratischen Stabilitätslot wäre, weil ja die Stahlindustrien noch vor Ort vorhanden sind. Das ist brandgefährlicher Unfug. Es sind nicht nur die realen Verhältnisse, die die demokratische Stabilität bedrohen, es ist natürlich bereits die Angst vor deren Veränderung.
Eisenhüttenstadt, Eko-Stahl Denkmal. Eko-Stahl, früher „Eisenhüttenkombinat J. W. Stalin“, hatte als größter Stahlproduzent der DDR ca. 16.000 Beschäftigte. 1994 wurde Eko-Stahl privatisiert und nachdem der Konzern Arcelor-Mittal das Unternehmen 2002 übernommen hatte, sind dort noch ca. 2.500 Menschen in „Lohn und Brot“, so der Sprachduktus der zuständigen Gewerkschaft IG Metall. Ohne staatliche Interventionen/Subventionen wird dieser Standort irgendwann „abgewickelt“ werden und die Kolleg*innen werden „auf der Straße stehen“ (IG Metall O-Ton. Das erzeugt Bilder von 1932, die mit der heutigen Realität nichts mehr zu tun haben). Wenn sie es denn mal täten, auf der Straße stehen, mit Demos und roten Fahnen, und vielleicht ein paar Banken demolieren würden. Tun sie aber nicht, sie bleiben frustriert allein zu Hause, vor Glotze, Handy, PC, mit Chips, Bier, Tiko-Pizza. Und wählen AfD.
Erst dann? Wenn das Kind in den braunen Brunnen gefallen ist? Keineswegs. Bereits 2024 wählten bei der Kommunalwahl 32,7 % in Eisenhüttenstadt AfD. Mit weitem Abstand stärkste Partei. 2014 waren es noch 9,5 Prozent. Heute wären es sicher an die 40 % und ich überlasse es ihrer Phantasie, sich vorzustellen, wie viel über 50 % es wären, würde das Stahlwerk dichtmachen.
Ähnliches tief im Westen, Duisburg. Bei der Stadtratswahl September 2025 erreichte die AfD hier über 21 Prozent der Stimmen, mehr als doppelt so viel wie 2020. Duisburg ist bis heute das bedeutendste Zentrum der Stahlindustrie in Mitteleuropa. Wenn dieser Standort „abgewickelt“ wird und die Kumpels „auf der Straße stehen“ …. usw. usf. siehe oben.
Es sind eben nicht nur die realen Verhältnisse, die die demokratische Stabilität bedrohen, es ist natürlich bereits die Angst vor deren Veränderung.
Die Angst der Kolleginnen und Kumpels vor dem sozialen Absturz ist real. Vielen würde im Fall von Arbeitslosigkeit in diesen strukturschwachen Regionen nach 12 Monaten Arbeitslosengeld (Ausnahme über 50: 24 Monate) der Fall ins Bodenlose des Bürgergeldes drohen, inklusive des Verlustes ihrer paar Spargroschen. Von nachfolgender Wohnungslosigkeit auf Grund der massiven Verschärfungen bei den KdU, Kosten der Unterkunft, gar nicht zu reden.
Die bisherige Karenzzeit, in der Schonvermögen nicht angerechnet wird, entfällt ab 2026. Danach bleiben über 50jährigen maximal 15.000 Euro Schonvermögen. Wenn ich mich 30 Jahre am Hochofen kaputt gebuckelt hätte und mir für später, die Rente, die ich sowieso bei der Maloche kaum erreichen würde, 150.000 angespart hätte, und die Sozis, die diese Agenda zu verantworten haben, mir das rauben würden, wüsste ich was zu tun wäre. Nämlich sämtliche nahegelegenen SPD-Parteizentralen in den nächsten Hochofen verklappen …
Die USPD, UnSozialdemokratische Partei Deutschlands, hat sich mit der aktuellen „Reform“ des Bürgergeldes endgültig von ihren Wurzeln als Partei der „Kleinen Leute“, als Kümmerer, gekappt. Das ist ihr Untergang und es gibt niemanden in der Partei, die oder der in der Lage oder Willens wäre, das zu ändern. Das Führungspersonal, allen voran der unerträgliche Opportunist Klingbeil, ist komplett „Schrödersozialisiert“. Heißt: Ihre Karrieren wurden von dem neoliberalen Zeitgeist der Schröder-Blair-Sozialdemokratie geprägt und befördert. Warum sollten sie dieses für sie erfolgreiche ideologische Rüstzeug ablegen?
Kreativität hat mit 25 ihren Höhepunkt, nimmt danach ab, und Ideologie, Mentalitäten, psychosoziale Prägungsprozesse sind da längst final entwickelt. Ich ändere doch meine Ansichten und Überzeugungen auch nicht mehr. Und halte mir zu Gute, wenigstens noch welche zu haben. Das Einzige, was das sozialdemokratische Personal von Heute noch hat, ist ein rotlackiertes Mäntelchen, das es in jeden Wind hält, egal woher er weht.
Sie, liebe Leserinnen, werden verstehen, dass ich bei derlei Anblicken, die sich häufen, nicht obendrein noch Lust habe, mich in diesem Blog über die Schlechtigkeiten der Welt auszulassen, alles Negative nach oben zu kehren und den Verfall der Sitten zu beschreiben. Ich bin auch so schon Misanthrop genug. Fokussieren (!) wir (!!) uns heute also auf Service, Dienstleistungen, Ratgeber. Heute: Coaching zur Jobsuche.
Falls Sie, liebe unglückliche Leserin, gerade auf Jobsuche sind und damit im Normalfall ein Vorstellungsgespräch vor sich haben, können Sie sich gerne von mir coachen lassen. Ich besitze umfangreiche Erfahrungen aus zahlreichen Branchen und auf diversen Ebenen bis hin zur Geschäftsführung. Basics in meinen Augen sind eine gewisse Offenheit (nicht zu verwechseln mit Ehrlichkeit. Ehrlich währt zwar am längsten. Aber im Original heißt es: Ewig währt am längsten. Und nicht: Erich hat den längsten.). Und Leidenschaft. Sie müssen für den neuen Job brennen! Ein Beispiel für Offenheit und Leidenschaft ist der folgende fiktive, aber zielführende Dialog im Vorstellungsgespräch:
„Warum wollen Sie diesen Job?“ „Ich hatte schon immer ein leidenschaftliches Interesse daran, meine Wohnung nicht zu verlieren und mich nicht zu Tode zu hungern.“
Weiters ist extreme Hartnäckigkeit im Verfolgen der beruflichen Ziele heutzutage Grundvoraussetzung für den Marsch nach oben. Auch hier wieder unser beliebtes Dialogbespiel:
„Ihre Stärken?“ „Ich bin sehr hartnäckig.“ „Wir melden uns.“ „Ich warte hier!“
Natürlich werden Sie auch nach ihrem letzten Job gefragt. Sie müssen nicht erzählen, dass Sie Betriebsrat waren und Ihr Daueralkoholkonsum schließlich zur Entlassung führte. Folgende Variante reicht völlig aus:
– Warum haben sie ihre letzte Stelle verloren? – Die Firma ist umgezogen. – Wohin? – Das haben sie mir nicht gesagt.
Gefragt sind heutzutage gerade in Führungspositionen Allgemeinbildung, Selbstsicherheit und Humor. Ideal für Sie daher folgende Antwort:
Chef: „Erzählen Sie mir ein bisschen was über sich.“ – „Sich ist ein Reflexivpronomen, das sowohl im Akkusativ als auch im Dativ verwendet werden kann.“
Am liebsten sind mir allerdings in meinem Job als Coach Kundinnen, die ein distanziertes Verhältnis zur Erwerbsarbeit haben. Grundsätzlich halte ich Erwerbsarbeit für überbewertet und habe auf diese Variante der Verschlimmerung des Alltags nur zurückgegriffen, weil ich mir meinen Geschmack in vielen Bereichen des Lebens nicht leisten kann. Frieda Normalverbraucherin macht sich ja keine Vorstellung, was mittlerweile ein Vintage-Champagner in einem Sternerestaurant kostet. Was uns zum letzten Dialogbeispiel führt, in dem es um Jobvermeidung geht:
„Was bringen Sie unserem Unternehmen mit?“ „Restalkohol.“
Wobei ich als Chef bei der Antwort die betreffende Person sofort eingestellt hätte. So jemand ist mit seiner Schlagfertigkeit eine Perle für das Betriebsklima, sorgt stets für ein angenehmes und lockeres Betriebsklima.
Im nächsten Beitrag aber wieder normal. Echt jetzt. Es wird wieder radikal antifaschistisch. Das ist das oberste Gebot der Stunde. Ich werde mich in mehreren Blogbeiträgen darüber auslassen, dass Hitler nach neusten Erkenntnissen einen Mikropenis hatte! . Es kommt eben doch auf die Größe an! Sorry, Jungs ….
Am 11.11, 11.11 Uhr, feierte ich wie jedes Jahr den Karnevalsbeginn.
Ich setzte mir eine lustige Maske auf, klemmte mir ein Furzkissen unter die Achsel und begab mich unter das Volk. Es war überaus närrisch. Ich hielt eine Büttenrede über das derzeitige Bundeskabinett, sie geht ungefähr so:
Holde Närrinnen und Narrhalesen!
Heut kehr ich aus mit eisernem Besen.
Bundesministerin Reiche ist mir echt nicht ganz geheuer,
für die, da bräucht es eine Reiche-Steuer.
Doch, liebe Närrinnen und Narrhalesen, wisst Ihr was?
Viel schlimmer noch ist Bärbel Bas!
Am schlimmsten ist der Patrick Schnieder.
Sein Anblick drückt mich ehrlich nieder.
Aber leider, leider, leider,
gibt’s da noch Carsten Schneider.
Den kennt bloß weiter keiner.
Das teilt er sich mit Alois Rainer.
Etwas abgefahr’n,
ist dafür Alabali Radovan.
Hingegen löst bei mir sich gleich ein Schrei,
seh ich von Ferne nur den Thorsten Frei.
Ganz grauenhaft ist Larsens Klingebeil,
Er setzte immer voll auf Sieg. Heil
War sein Vorgänger im Job.
Auch so ein grauenhafter Flop.
Nur über einen gibt’s an dieser Stelle keinen Scherz
Das ist der Bundeskanzler Friedrich …
Tusch, Narhalla Marsch, und Abgang durch die Mitte nach Rechtsaußen.
Wenn Sie, liebe Leserinnen, die Rede für Ihre Zusammenhänge verwenden wollen, zum Beispiel bei einem CDU-Reichsparteitag, freue ich mich über eine kleine Spende. Wenn Sie einen gregorianischen Singsang anwenden, nach jeder vierten Zeile ein „Yo“ ausstoßen, mit beiden Händen die Pommesgabel bilden und dabei mit beiden Armen vor sich her wedeln, als ob Sie vom Rinderwahn befallen seien, können Sie das auch als Rap verkaufen. Rappen für Deppen.
Ende mit Frohsinn. Ab Morgen wieder Normal-Wahnsinn.
Denkmal Matrose, Novemberrevolution 1918, auf dem Berliner Friedhof der Märzgefallenen. Bei der Gedenkfeier am 9.11.2025 an die Gefallenen der beiden gescheiterten Revolutionen von 1848 und 1918. Eine durchaus anrührende Feier. Bei der wir uns allerdings den Arsch abfroren und nur Dank gereichter Suppe und Tee überlebten.
Jede Menge Kränze, mehr als Teilnehmerinnen, ca. 30, davon die Hälfte Beschäftigte der Gedenkstätte, Rednerinnen und Vertreter aus Politik und Gewerkschaften. Jede Menge Revolutionäres schwebte über den Gräbern und Erinnerungen an den heroischen Kampf der Vorhaut der Arbeiterklasse, siehe Inschrift oben. Was, die Kundigen der Geschichte der Revolution wissen das, ein leninistisches Konzept von Revolution ist, nachdem nur eine kleine Elite, die Avantgarde der Arbeiterklasse, fähig ist, eine Revolution durchzuführen, unter Anleitung der breiten Massen, die dazu zu blöd sind. Was bei Lenin anders formuliert wird.
Was mich als Niedersachsen aber echt umhaute, war der Kranz der Berliner CDU da, von denen auch ein Vertreter anwesend war. Dass der Berliner Wegenerflügel der CDU etwas anders tickt als der Rest dieser Ansammlung von reaktionären Nationalherrenreiter, ist bekannt. Aber revolutionär? Militant und radikal, gegen Staat und Kapital? Macht aus dem Staat Gurkensalat? Müssen wir uns Wegener und Genossinnen demnächst auf den brennenden Barrikaden in Kreuzberg vorstellen? Dann aber bitte nicht in meinem Kiez. Ich möchte meine Ruhe haben. Diese Gedenkfeier hat mich eh schon in tiefe Zweifel am Gang der Geschichte gestürzt.
Auf der Rückfahrt mit der M 5 grübelten wir darüber nach, wieso Matrosen eine so zentrale Rolle bei Revolutionen spielten. Es sei nur an den Panzerkreuzer Aurora erinnert, der 1917 den Startschuss im wahrsten Sinne zur siegreichen russischen Oktoberrevolution gab. Von Panzerkreuzer Potemkin 1905 ganz zu schweigen. Immer wieder Matrosen. Hm….
Gestern, am 8. November, dem Jahrestag des gescheiterten Attentat von Georg Elser auf Hitler und dem Vorabend des Jahrestages der Judenpogrome, vor meiner Haustür eine der unzähligen antisemitischen Demos des Berliner Mobs. Vorneweg Behinderte und Frauen, die ja bekannterweise in der migrantischen Neuköllner Community tonangebend, vorneweg dominant sind. Man ! könnte fast vom Neuköllner Matriarchat sprechen… Wie peinlich und entblödend dieser Anblick oben ist, wird der sofort auf den ersten Blick sehen, der die Shishabars in der Sonnenallee in Neukölln entlang flaniert und die Frauen zählt, die dort draußen, bei den Männern sitzen. Die Zahl dürfte sich im nullstelligen Bereich bewegen.
Gruseliger noch dieser Anblick. Mittendrin ein Plakat: Juden gegen Genozid. Sowas hab ich bisher hier noch nicht gesehen und ich hab auf dem Sektor schon jede Menge Irrsinn gesehen. Ich weiß natürlich nicht, ob der Mann wirklich Jude ist. Die Religionszugehörigkeit sieht man Menschen nicht an der Nase an. Ich weiß auch nicht, ob der gute Mann sich im klaren darüber ist, dass es sich Israel nicht leisten kann, einen Krieg zu verlieren. Dann würden die Armeen der Hölle alle Juden ins Mittelmeer treiben oder schlimmeres, siehe Hamas am 7. Oktober. Unterschiedslos alle, auch die Juden gegen den Genozid.
Es gerät sehr viel in Vergessenheit. Kriegen Sie, liebe Leserinnen, noch alle Gedenktage des 9. November zusammen? Judenpogrome, Fall der Mauer, Novemberrevolutionsversuch 1918, Hitlerputsch 1923, Erschiessung Robert Blum 1848 und damit Scheitern der bürgerlichen Revolution …. hab ich was vergessen? Jedenfalls ist das eine unselige Aneinanderreihung von gescheiterten Emanzipationsversuchen bis hin zu Ausgeburten der Hölle. Das Wetter passt gerade dazu, trübe und kalt. Wir wollen jetzt zum Friedhof der Märzgefallenen, wo eine Führung zur gescheiterten Novemberrevolution stattfindet. Wahrscheinlich werde ich mir bei dem Wetter da den Tod holen. Was ich dann umgehend hier vermelden würde. Bis dahin wünsche ich trübes Gedenken.
Gestern war ja der größte Vollmond dieses Jahres. Er war tatsächlich so riesig, dass selbst mit meiner uralten Handycamera ein passables Bild zustande kam.
Das Mondlicht auf meiner Veranda, hell wie selten nachts, aber fahl. Irgendwie erinnerte mich das Licht an Geschichten von Poe, an Friedhof, lebendig Begrabene. Wenigstens kriegt man vom Mondlicht keinen Hautkrebs. Immer positiv wenden, die Dinge. Bei der folgenden Grafik fällt aber selbst mir das schwer. Auch die ist aus dem Hause „Capital“, dem Sprachrohr des Kapitals. Die Lektüre der Organe des Klassenfeindes ist meist erhellender als die der Zentralorgane des Fortschritts wie Neues Deutschland (langweilig), Freitag (ok), Junge Welt (No go, antisemitisch) oder auch das Monatsmagazin konkret. Die bestätigen ja meist eh nur das, was man ohnehin weiß und denkt. Das politische „Urgestein Konkret“ stellt nach 68 (!) Jahren die Druckausgabe ein und erscheint nur noch digital. So wie die taz. Zeitenwende. Die macht sich in allen Kulturbereichen bemerkbar.
Hier nun die Grafik über die Ungleichheit in diversen Staaten, die auch mit dem Gini-Koeffizienten (benannt nach einem italienischen Statistiker) gemessen werden kann.
Der Gini-Koeffizient ist ein Maß für die Ungleichheit von Einkommen oder Vermögen in einer Gesellschaft, das auf einer Skala von 0 bis 1 angegeben wird. Ein Wert von 0 steht für eine vollständige Gleichverteilung (jeder hat das Gleiche). Während ein Wert von 1 eine extreme Ungleichheit bedeutet (eine Person hat alles). Die USA ist auf dem besten Wege dahin und die BRD wackelt hinterher.
Spitzenplatz 2 in Ungleichheit. Klassen(kampf)ziel erreicht. Was soll da noch schief, nämlich gut, gehen. Nichts. Denn sieht man sich die Bemühungen der politischen Klasse an, hierzulande irgendwas zu bewerkstelligen außer die soziale und kulturelle Spaltung weiter voranzutreiben, möchte man am liebsten auswandern. Aber wohin?
Wenigstens schälen sich langsam Protagonisten heraus im Bonner Betrieb (Hahaha, Scherz für Jahrgänge 1980 und älter. Wer nach 2000 geboren wurde, kann mit dem zugegeben flachen Witz nichts mehr anfangen), deren Namen man sich merken kann und bei deren Anblick einem nicht gleich schlecht wird. Außenminister Wadephul zum Beispiel. Der machte bei seiner Syrienreise drei große Fehler, in den Augen seiner größten Feinde, den Mitgliedern seiner Partei und Fraktion. Er sagte sinngemäß im Anblick der Trümmer, dass man in dieses zerbombte und geschundene Land nicht ohne weiteres sofort abschieben könne, insistierte auf dem „C“ für „Christlich“ im Parteinamen seiner CDU und behauptete gar, das sähe schlimmer aus als in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg.
Er zeigte also christliche Nächstenliebe und Faktenkenntnis aus der Anschauung der Realität. Das kam bei den asozialen Realitätsleugnern und Faktenverdreherinnen seiner Fraktion überhaupt nicht gut an. „Desaströs“ sei das, so wurde in klassischer Schuldabwehrprojektion gegen den guten Mann gehetzt. Am schlimmsten aber war in den Augen seiner Messer wetzenden Parteifeinde, dass er den weltweiten Spitzenplatz der deutschen Volksgenossen in Sachen „Opferrolle“ in Frage stellte. Die wahren Opfer des von den Hitlerfaschisten angezettelten Zweiten Weltkriegs waren doch „Wir Deutsche“, in den Augen der „Christ“-„Demokraten“. Diese Sichtweise ist nahtlos kompatibel, meint: Koalitionsfähig, mit der jener Vollfaschisten, die den Juden heute noch den Holocaust übelnehmen.
Den Wadephul rettet jobmässig zur Zeit nur die schützende Hand von Fritze Thünkram, der genau weiß, wenn er seinen Außenminister seiner belfernden Christenmeute zum Fraß vorwirft, kann er gleich einen Haken (noch ohne Kreuz) an diesen Schrotthaufen namens Koalition machen.
Deutschland. Aber normal? Völlig normal: In allen Umfragen zur Bundestagswahl liegt die AfD vorne und im Osten strebt sie zu den Landtagswahlen 2026 die Alleinherrschaft an.
Schwarzmalerei? Schön wär’s. Es handelt sich eher um Braunmalerei. Und die Stimmung im Lande dazu?
Da ist etwas gekippt. Sage nicht ich, sondern dass dem Sozialismusverdacht eher unverdächtige Organ des Kapitals „Capital“, von dem ich diese Grafik zitiere.
Und das vor dem Hintergrund der Tatsache, dass das mähliche Verschwinden der Industrie, immerhin jahrzehntelang der Kern unserer Gesellschaft in Ökonomie und Bewusstsein, erst langsam Fahrt aufnimmt. Wenn sich das erst in eine Lawine verwandelt, möchte ich nicht in der Nähe sein. Den Millionen Menschen, die im tertiären Sektor, im Dienstleistungsbereich, arbeiten, ist ihr Klassenbewusstsein, so es überhaupt vorhanden war, ausgetrieben worden: Prekär beschäftigt, miserabel bezahlt, dauergedemütigt, entladen sich ihre Wut und Angst höchstens in Gewalt in Binnenbeziehungen, an Wehrlosen, in Alkohol und an der Wahlurne, aber ganz sicher nicht in kollektiven Aktionen auf der Straße. Anders die Millionen, die noch (!) im sekundären Sektor, in der Industrie, beschäftigt sind und ihre Existenzen verlieren, immer den elenden Ersatzjob als Kurierfahrer oder in der Putzkolonne vor Augen. Die haben noch eine Vorstellung, kollektive Erinnerungen und Erfahrungen darüber, wie es ist, massenhaft auf der Straße ihre Macht zu entfalten. Auch da: Möchte ich nicht in der Nähe sein.
Und wie sieht es auf dem linken Flügel aus? Noch finsterer. Antisemitismus pur.
Eva Illouz, Soziologin mit israelischem Pass, darf nicht an einer Rotterdamer Uni sprechen. Ihre Arbeit an einer Hochschule in Israel spreche dagegen. Man würde sich mit dem Besuch Illouz’ sehr „unwohl“ fühlen, so die linksuniversitären Antisemiten. Die taz, aus der hier zitiert wird, immer vorne dabei, wenn es nach rückwarts in den Links-Antisemitismus geht, bringt es fertig, im gesamten Artikel die Causa nicht einmal als das zu bezeichnen, was es ist: Antisemitismus. Leider kann ich mir die taz nicht mehr rückwärtig zu Gemüte führen, um mir das Braune abzuwischen, denn gedruckt gibt es sie nicht mehr.
Eva Illouz aber legt das an den Tag, was die Nazis den Deutschen unwiederbringlich mit dem Holocaust ausgetrieben haben: Jüdischen Humor (Wir haben stattdessen Til Schweiger und Dieter Hallervorden). Ihre sarkastische Einlassung: Es sei erfreulich, dass „eine antisemitische Entscheidung“ demokratisch getroffen worden sei. Besser hätten es Lubitsch und Billy Wilder auch nicht gesagt.
Mir schoss (!) kurz durch den Kopf, ob es möglich ist, den Rotterdamer*innen Anstand mittels Bombardement zu vermitteln. Abgesehen davon, dass es eine gewisse contradictio in adjetco ist, Zivilisation durch Bomben zu vermitteln, fiel mir der Rotterdamer Blitz ein, 1940 . Mit dieser Idee der Herstellung von zivilen Verhältnissen in Rotterdam würde ich die Grenze zwischen Sarkasmus und Zynismus überschreiten, und so weit sind wir noch nicht. Noch nicht …
Wie meist möchte ich Sie, liebe Leserinnen, mit Tröstlichem aus dem heutigen Tal der Dusternis entlassen, mit einem Geheimtipp, den Sie bitte für sich behalten. Im 3. Stock der Nordischen Botschaften der skandinavischen Länder im Berliner Botschaftsviertel am Tiergarten, im Felleshues in der Rauchstr., befindet sich eine Kantine mit nordischer und internationaler Küche, die ab 13 Uhr allen zugänglich ist. Eine wundervolles Ambiente mit excellenter Küche für wenig Geld im genialen Botschafsviertel, das auf Grund seiner beispiellosen zeitgenössischen Architektur von ca. 30 Botschaften aus aller Frauen Länder allein einen Besuch wert ist. Auf dem Speiseplan für Heute:
– Duroc-Schweinefilet in Currysauce mit Kürbisgemüse, dazu Wildreis für 10,00 Euro
– Seelachsfilet in Saté-Sauce, dazu Chinakohl und Kartoffeln für 10,00 Euro
– Gratinierter Kartoffelpuffer mit Kürbis und Salat als Beilage für 8,50 Euro
Die Felleshues-Kantine ist auf der Liste des Feinschmeckermagazins Falstaff der besten Berliner Restaurants …
Planen Sie zeitnah einen Besuch, bevor irgendein Irrer das Felleshues mit einem Sprengstofflaster in Schutt und Asche legt, weil es da Schweinefleisch gibt oder die Frauen nicht gottgefällig verschleiert rumlaufen. Das sei jetzt aber rassistisch? Das hätte ich vor ein paar Jahren auch so gesehen ….
Wir sehen uns im Felleshues, ich geb einen Aquavit aus….
Curry 36, vom omnipräsenten Zweisternekoch Tim Raue hochgelobtes Fastfood-Paradies in Kreuzberg. Neulich hab ich‘s mal probiert, war ok. Am interessantesten war das Sprachbabylon an den Bistrotischen. Ich lauschte an meinem dem fremdartigen Klang zweier Koreanerinnen. Wir kamen ins englische Gespräch, sie wünschten mir in perfekter deutscher Sprachmelodie und Modulation „Ich wünsche Ihnen einen guten Appetit“. Ach, wäre mein Koreanisch nur halb so wohlklingend. Interessanterweise war am Vortag im Rahmen des Lunchkonzertes in der Philharmonie mit Seongkyung Kim eine junge, arrivierte Oboistin aufgetreten, aus Korea. So frug ich mich, nachdem sich die beiden Koreanerinnen mit einem perfekten „Wir wünschen Ihnen einen schönen Abend“ verabschiedet hatten, ob die Koreanerin als solche einen feineren Zugang zu Melodie und Sprache hat als der vielleicht eher tumbe und grobschlächtige Ostgote, ob das vielleicht am Bildungssystem liegt, und ob derart von lediglich anekdotischer Evidenz unterlegte erste Schlussfolgerung nicht eventuell ganz leicht ins rassistische Stereotyp hineinlappt. Seufzend verzog ich mich auf eine Molle und einen Korn, anders ist derartige Atzung auch nicht hinunterzuspülen, in die direkt nebenan gelegene Absturzkneipe „Bierexpress“. Man kann sein Essen auch da mit rein bringen. Ein überaus angenehmer Laden jenseits aller Trends und Szene-Wichtige-Miene. Kurzbeschreibung: Rauh, aber herzlich und 200 Jahre Knast im spärlichen Publikum. Eine Bereicherung des Stadtbildes im Kiez…
Oben erwähntes Lunchkonzert in der Berliner Philharmonie findet jeden Mittwoch von 13 – 14 Uhr im Foyer statt, immer einer Wundertüte voller Überraschung. Von 12 – 13 besteht die Möglichkeit zu einem Lunch aus dem excellenten Catering der Philharmonie für wenig Taler. Und das Schönste: Der Eintritt ist umsonst und es ist trotzdem nicht überlaufen. Ich checkte beim Warten in der milden Oktobersonne das Publikum, alles wohlerzogene und adrette Angehörige des Bildungsbürgertums. Schade, dachte ich, dass diese famose kostenlose Teilhabe am kulturellen Leben fast ausschließlich von jener Schicht genutzt wird, die es sich auch ohne das leisten kann und leistet.
Und rief mich im mählichen Vorrücken in der Schlange ob meines linearen, vielleicht vorurteilsbehafteten Denkens zur Ordnung, ließ es mäandern. Was, wenn jene Dame mittleren Alters vor mir im Burberry selbstständige Musiklehrerin ist, mit sinkendem Einkommen, weil Knappheit und Angst vor dem Absturz auch die bildungsbeflissene Mittelschicht zum Sparen zwingt und also der Burberry nicht nur aus Neigung, sondern auch aus Not das Mittwochsangebot annimmt? Ganz zu schweigen von der vierköpfigen Familie hinter mir, mit den beiden Zwergen im schulpflichtigen Alter. Beide Eltern ordentlich bis gut verdienend, denen aber der Wohnungseigentümer wegen vermeintlichem Eigenbedarf die bezahlbare Wohnung in Prenzlberg gekündigt hat und die vor dem unlösbaren Problem stehen, innerhalb des Cityringes eine bezahlbare Wohnung zu finden. Unter anderem wg. Schulweg der Zwerge.
Wenig ist so, wie es scheint. Auch das babylonische Sprachgewirr am Curry 36 stellt sich vielleicht nur für den der gröbsten Sorgen enthobenen kosmopolitischen Flaneur als bereichernde Note eines bunten, diversen, globalen Schmelztiegel Kreuzberg dar. Ein eingeborener Berliner, gleich welcher Herkunft, in einem prekären Job, mies bezahlt und gedemütigt von sadistischen Vorgesetzen, wird nach Feierabend in der U 8 an der Neuköllner Haltestelle Boddinstr. andere Wahrnehmungen und Empfindungen haben, wenn dort auf den Bänken, in den Ecken, Hauseingängen, osteuropäische Armutsmigranten im Fuselkoma laut, unverständlich krakeelen, das vorherrschende Idiom von jugendlichen Machos dort arabisch ist.
Das Stadtbild dort ist von einem komplett anderen Universum als jenes in Dahlem, wo elegante Villen hell, freundlich in der Herbstsonne vor sich hinlächeln und man als Flaneur nur sehr selten auf Leben trifft. Eine ehrenwerte Einsamkeit herrscht in den breiten Straßen von Dahlem. Unterbrochen höchstens von Eleganten, die ihre stilvollen Karossen besteigen.
Was will uns der Dichter damit sagen? Das Stadtbild gibt es nicht. Was es gibt, ist ein so unterschiedlicher Kanon von Stadtbildern, wie es Gruppen, Schichten, Spaltungen, Bruchkanten in der Gesellschaft gibt, jenseits der notorischen Klassen. Eine Stadtbild-Diskussion kann rassistisch verlaufen. Sie kann aber auch naiv verlaufen, wo sie nicht wahrnimmt, dass es zum Beispiel im Stadtbild um die Neuköllner Sonnenallee herum lebensgefährlich wäre mit einer Kippa herumzulaufen oder sich bunt und divers als queere Person zu inszenieren.
Tal irgendwo im Nordwesten von Korfu. Über dem sonnigen Setting wabert eine unsichtbare Wolke von Esoterik, Selbstachtsamkeit und Humbug. Am oberen Bildrand befindet sich ein ehemaliger Ashram der Bagwahnsekte, heute Hotel für die älter gewordene Klientel. In der Bildmitte ein Festivalgelände für die Hippies der ganzen Welt. Zumindest den Teil, der sich bis zu 5.555 Euro für ein paar Tage, Zitat aus der Homepage „ … tägliche Feiern, Opfergaben, Meeresrituale, Bewegung, Atem, Tanz, heilige Nahrung, Heilungssitzungen, Konzerte, Vorträge, Workshops, Zeremonien und vieles mehr…“ leisten kann. Hier tummelt sich also mein Archetyp Nr. 2: Der Hippie. Ich orientiere mich bei dem Begriff „Archetyp“ an C. G. Jung, auch wenn ich dessen unwissenschaftliche und antiaufklärerische, in Teilen antisemitische Ideologie in keiner Weise teile. Mir geht es darum, zu gucken, in welche Gruppen gliedert sich unsere heutige Gesellschaft jenseits des Klassenbegriffs. Der natürlich nach wie vor die Grundlage aller Analysen sein muss, aber für eine notwendige Feinjustierung nicht ausreicht.
Der Klassenbegriff orientiert sich am Antagonismus Kapital vs. Arbeit. Es gibt die, die Produktionsmittel, Kapital und Macht besitzen und vom Profit leben, und es gibt die, die ihre Arbeitskraft zu Markte tragen müssen, um zu überleben. Die Unterteilung in Klassen, auch die in Untergruppen der Klassen, orientiert sich an Vermögen, Bildung, Beruf, Einkommen – ökonomische Kategorien eben.
Wenn man eine Ebene tiefer in der Oberschicht strukturiert, gibt es Superreiche mit einem Vermögen von mehr als 100 Mio. Dollar, normale Reiche wären dann die, die von den Einkünften ihres Vermögens gut leben können, also das Fußvolk der einfachen Millionäre.
In der Mittelschicht gibt es Wohlhabende, mit hohem Einkommen, ordentlichem Vermögen (wir reden hier über mehrere Hunderttausend Euro), oft geerbt, mit akademischer Ausbildung, Führungsverantwortung, das ist die obere Mittelschicht.
Die Unterschicht besteht aus dem Prekariat der Geringverdienenden, Minijobberinnen, Scheinselbstständigen (Kurierfahrer etc.) mit Hungerexistenzen. Da, wo die wachsende untere Mittelschicht der kleinen Routinearbeit-Angestellten und niederen Facharbeiter*innen ständig vom Absturz bedroht ist, hat das Prekariat, die Unterschicht, keine Aussicht auf Aufstieg, Verbesserung der elenden Situation. Innerhalb der Unterschicht kann man natürlich auch weiter differenzieren, schlimmer geht immer. Es gibt Menschen in der unteren Unterschicht, in extremer Armut, Obdachlose, Menschen im Knast, in Psychiatrien, in Abschiebelagern, Illegale etc. pp. Darüber hinaus gibt es auch sowas wie eine hedonistische Unterschicht, Menschen mit wenig Einkommen, ungesicherter Existenz etc., ökonomisch abgehängt, aber psychosozial oft integriert und nicht nach Aufstieg gierend, z. B. Schriftsteller, freie Kulturarbeiter*innen, Lebenskünstler, Blogschreiber etc. pp.
Über diese Ausdifferenzierung der Klassengesellschaft und welche Konsequenzen in unserer Gesellschaft das hat, hier ein Überblick von Klaus Dörre , einer der wenigen Soziologen hierzulande, die noch bei Verstand und Begriff sind.
Die bisher geschilderten Aspekte schildern eine sozioökomische Perspektive, also Einkommen, Vermögen, Beruf, Bildung, Status etc. Genauso wichtig für das Verständnis dafür, was in unserer Gesellschaft aktuell so verkehrt antizivilisatorisch läuft, ist aber eine Analyse und Kategorisierung jener Mentalitäten, psychischen Strukturen, Ideologien, kollektiven Verhaltensnormen, die eben nicht zwangsläufig synchron zur Klassenidentität, zur Schichtzugehörigkeit, zur Ökonomie verlaufen. Archetypen wie „Schrebergärtner“ oder „Hippie“ können durchaus Millionär, Studienrat, Prekariatsangehöriger sein, was sie eint, ist nicht zwangsläufig ihr ökonomischer Status, ihre Klassenzugehörigkeit, sondern ihr mitunter antidemokratisches Potential, strukturelle Deformationen wie Autoritätshörigkeit, gesellschaftliches Desinteresse, Empathielosigkeit, Unbildung, Egoismus.
Esoterik mit Hang zu Irrsinn & Schwurbelei, Kenntnislosigkeit, nackter Egoismus, Unbildung, Desinteresse, Kulturimperialismus, all das traf ich im wunderschönen Tal oben. Beim Hippie, der sich, in der Mehrzahl in der weiblichen Form, gleich mir dort am FKK-Strand tummelte. Im nahegelegenen ex-Ashram kann der Hippie nicht nur in die wunderbare Welt der Bachblüten, einer der Kronen des postmodernen Humbugs, eintauchen. Darüber hinaus geht es um, Zitate: „ … Alchemie der 4 Elemente – Entdecke deine eigene Magie. (Nein, nicht Maggie. D. A.) Meridianstreching (im Original so falsch geschrieben). Heartsinging. Wiedergeburt in die Liebe – Tanze deinen Weg zur Verbundenheit und Freude .. „
Und danach tanze ich meine Postleitzahl ….. Gelehrt von u. a. Naveen, Shivananda, Vadan. Im Normalleben vermutlich Karl Dall, Grete Tofu und Hans Wurst.
Kein Wunder, dass dort am Strand sich dutzende von Hippies aufgetürmte, vermeintlich niedliche Steintürmchen stapelten, eine Seuche, die sich immer mehr ausbreitet. Das ist an Dämlichkeit nicht zu überbieten. Steine erfüllen am Strand eine zentrale ökologische und geologische Funktion. Steine bilden am Strand Lebensraum und Schutz für Insekten, Krebse, Amphibien, sensible Pflanzen. Dieser Raum wird durch Verschieben der Steine zerstört. Außerdem stabilisieren die Steine den Strand, der zunehmend von Überschwemmung und Abspülung bedroht ist. Nicht umsonst steht die Ausfuhr von Steinen unter Strafe. Steht fett am Flughafen. Das alles ist dem Hippie in seinem egoistischen Selbstverwirklichungswahn Wurst.
Ganz schlimme neueste Unsitte: Flächendeckend werden unschuldige Steine bemalt, mit albernen Liebesbotschaften oder bunter Farbe. Ich dachte, mir bluten die Augen, als ich dieses ästhetische Schwerverbrechen das erste Mal gesehen habe. Was für eine dummdreiste Rücksichtslosigkeit gegen die Natur. Und vor allem gegen mich!
Krönung dieses Irrsinns: Das helle Kliff am Strand, in der Bildmitte, besteht auch aus Lehm. Mit dem beschmierten sich unsere hüllenlosen Intelligenzbestien nach Art des Hauses Woodstock ganzkörperlich, indem sie ihn aus dem Kliff rausbrachen. Das einzig Positive an dieser Orgie aus Schlamm und Schwachsinn war für mich die Vorstellung, wie tausende Festivalbesucherinnen nächstes Jahr das Gleiche praktizieren, tonnenweise, die Lehmmassen ein Einsehen haben, abbrechen, das ganze Elend unter sich begraben und das Festivalgelände mit ins Meer spülen. Ärgerlich nur, dass ich dann in der Nachsaison mir einen neuen Strand suchen muss.
Keine Randnotiz: Das komplette Festivalgelände ist blickdicht nach außen abgesperrt, überall Kameras, Zugang über elektronische Tastatur-Schlößer. An einem wie auch immer gearteten Austausch, Kontakt zur Region sind die Insassen dort Null interessiert, laut meinem Vermieter Nikos. Hauptsache Sonne, Meer und good vibrations. Kulturimperialismus pur.
Ich hoffe, Sie, liebe Leserinnen, verstehen jetzt, worauf ich mit meiner Archetypisierung hinaus will, im Aufstöbern antizivilisatorischer Reflexe und Verhaltensweisen auch bei mitunter harmlosen und eigentlich liebenswerten Mitgliedern der menschlichen Spezies in unseren Breitengraden.
Ich für meinen Teil werde mich nächstes Jahr wohl auf die nahegelegenen diapontischen Inseln zurückziehen, um meine Nerven in purer Einsamkeit zu schonen, auch wenn mich bei der letzten Überfahrt beinahe ein Brecher in stürmischer See vom Oberdeck gekegelt hätte. Eingeborene sitzen bei sowas immer unten. So blöd wie ich sind nur Touristen. Auch so ein Archetyp …..