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10.06.2017 – Kunst & Ökonomie

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Ohne Untertitel geht in der Kunst gar nichts. Videoinstallation in der Kindl Brauerei in Neukölln, ein Zentrum für zeitgenössische Kunst. Ich liefere Ihnen hier mal die Phrase des Monats für den nächsten Small Talk: „Waas?! Du kennst das Kindl in Neukölln nicht?! Das ist ein absolutes Must-have, wenn Du bei Avantgarde mitreden willst.“ Das Kindl kennt garantiert keine Sau, ich hab’s auch nur per Zufall beim Cruisen durch Neukölln entdeckt. Besuch lohnt sich.
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Kindl – altes Brauhaus, jetzt Cafeteria.
Überhaupt naht ein Sommer mit einem phänomenalen Angebot an Kunst: Documenta in Kassel, Skulpturenprojekt in Münster, Maden in Germany in Hangover, und das ist nur der Mainstream. Bei aller Verrohung der Sitten und des Niedergangs der res publica: „Wir“ sind nach wie vor eine Kulturnation. Auch in der Kultur wie in der Bildung, im Wohnen, in der Gesundheit und im Geld eine tief gespaltene Gesellschaft, die immer mehr Menschen von der Teilhabe am gesellschaftlichen Reichtum ausschließt, aber die BRD, um das ideologische „Wir“ mal außen vor zu lassen, hat genug von allem für alle. Es gibt eine einfache Formel für eine bessere Gesellschaft: Umverteilung + mehr Teilhabe = mehr Gerechtigkeit.
Und für Künstler_innen angemessene Produktionsbedingungen schaffen. Abseits vom Ethik-Gesumse und Kultur-Blabla ist Kunst ein knallharter Wirtschaftsfaktor, es geht im Kampf um die High Potentials für jede Region darum, Kultur als Standortfaktor anzubieten.
Aus aktuellem Anlass drucke (?) ich hier den Artikel „Sonderfall Kunstmarkt“ ab aus dem Katalog des Kunstprojektes „Armut? Das ist doch keine Kunst!“ das 2013 begann. Den Materialband gibt es hier: Materialband – Armut – Das ist doch keine Kunst!
„Armut? Das ist doch keine Kunst!“ ist das umfangreichste und nachhaltigste Projekt, das ich bisher organisiert habe. Es thematisiert den Zusammenhang von Kunst und Ökonomie.

Sonderfall Kunstmarkt
(aus: Katalog „Armut? Das ist doch keine Kunst!“, Hannover, 2013, Seite 18 – 20)
Je mehr Wertschätzung sich die Kunst in Deutschland erfreut, desto prekärer wird die Situation der Künstler. Der Kunstmarkt spiegelt die allgemeine Situation in Deutschland wider, größere Spaltung in „oben“ und „unten“. Der Maler Gerhard Richter ist mit einem Vermögen von ca. 200 Mio. Euro einer der 500 reichsten Deutschen. Auf der anderen Seite verdienen mit künstlerischer Arbeit 68 % aller Befragten weniger als 5.000 Euro im Jahr, der Mittelwert liegt bei 1.362 Euro, laut einer Umfrage des Bundesverbandes Bildender Künstler und Künstlerinnen (BBK) von 2011.
Dabei besitzt Kunst einen hohen gesellschaftlichen Stellenwert: 2007 hatten Museen und Ausstellungshäuser 133 Mio. Besucher. Im Vergleich: Die Bundesliga hatte gerade mal 17,5 Mio.
Abseits von Wertschätzung generiert der sogenannte Kreativsektor enorme Wertschöpfung. Seine elf Branchen von Architektur über Musik, Kunst, Film bis zu Software erzielten im gleichen Jahr 140 Mrd. Euro Umsatz mit 763.400 sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten. Die Landwirtschaft schaffte mit 42 Mrd. Euro noch nicht einmal ein Drittel.
164.555 sozialversicherte Künstler gab es 2009 in Deutschland mit einem jährlichen Durchschnittsverdienst von 12.000 Euro . Davon waren ca. 75.000 bildende Künstler, was für Hannover rechnerisch ca. 450 bedeutet. In die Künstlersozialversicherung wird aber nur aufgenommen, wer mehr als 3.900 Euro im Jahr mit künstlerischer Arbeit verdient. Diese Hürde ist für viele zu hoch. Bei einem Highlight der hannöverschen Kunstszene, dem jährlichen Zinnober Kunstvolkslauf, werden Künstler, die abseits der dort handelsüblichen Postkarten und Poster ein „richtiges“ Werk verkaufen, von Kollegen bestaunt wie weiße Raben. Die teilnehmenden Galerien und Ateliers müssen vielmehr noch Teilnahmegebühren bezahlen. Angesichts des Marketingeffektes für die Stadt durch diesen Event eine eher irritierende Maßnahme. Kunst und Kultur sind zunehmend wichtige Standortfaktoren im immer härterer werdenden Kampf um die eigene Attraktivität als Wirtschaftsstandort.
Zitat: „Die Beliebtheit einer Stadt hängt nicht von ihrem Konsumangebot ab, sondern von ihren kulturellen Einrichtungen. Ein Unternehmen, so wenig ihm auch an Kultur gelegen sein mag, schätzt ihre Angebote als Standortfaktor und rechnet sich die Anerkennung, die die Stadt durch ihre Ausstrahlung genießt, als eigene Leistung an. Die Kultur macht die gute Adresse des Standorts, und die ist umso besser, je mehr die Stadt von sich reden macht.“
aus: Hannelore Schlaffer: „Die City. Straßenleben in der geplanten Stadt“, zu Klampen Verlag.
Das Buch sollte Pflichtlektüre bei kommunalen Entscheidern und in den Führungsetagen von Unternehmen werden.
Ein Hund kostet bei Film und TV pro Drehtag 350 Euro, ein ausgebildeter Tänzer ist für 221 Euro zu haben. Da würde sich mancher gerne zum Affen machen. Die bringen es auf 1.500 Euro pro Drehtag.

09.06.2017 – Luxus pur

Ab und an fasst mir der Menschheit ganzer Jammer mit eiskaltem Händchen ins Gemüt. Müde und schwächelnd schob ich unlängst mein Rad nach einem Termin voll nichtiger Ödnis und klaftertiefer Bedeutungslosigkeit über das Trottoir. Lieber Gott, wer gibt mir diese verlorene Zeit wieder? Jetzt einen Frustkauf tätigen, irgendetwas abgefeimt Luxuriöses, ins Dekadente gar lappend, etwas, worüber man besser schwiege, weil beim Bekanntwerden ein Raunen durch die Peergroup ginge: Jetzt ist der völlig durchgeknallt. Oder so ähnlich. Es sollte also Luxus pur sein…
Ich kaufte bei Rossmann vierlagiges Toilettenpapier.
Dabei hasse ich diesen Laden. Dirk Rossmann, mein alter Kneipenkumpel aus der Kneipe „Maulwurf“, das linksradikale Maul in den Zeiten, als das en vogue war, gerne bis über beide Ohren so weit aufgerissen, dass darin sogar zwei Joseph Fischer Platz gefunden hätten, und jetzt bescheißt er Lohnabhängige um ihren ohnehin schon kärglichen Lohn. Er ist der zweitreichste Niedersachse mit einem Vermögen von fast 3 Mrd. Euro. Und dann da kaufen?!
Ich sei ja nur sozialneidisch, höre ich da jemanden rufen? I bitt Sie, gehn’s, samma fesch.
Ich verkehre dauernd in purem Luxus, Neid hab ich echt nicht nötig.
landesvertretung brüssel
Vertretung des Landes Niedersachsen in Brüssel, mit Lüstern behangen. Toilettendeckel sind aus Gold. Stündlich wird Kaviar von livrierten Lakaien serviert. Luxus pur. Ich verkehre andauernd dort, das bringt meine Rolle als vom Staat eingekaufter ehemaliger Rebell so mit sich. Was dem Kapital sein Rossman, ist dem Land Niedersachsen sein Gleitze.
Und die Politiker erst, wie die im Luxus schwelgen. Die kriegen es vorne und hinten reingeblasen. Diese Diäten, unglaublich!
Wenn ich sowas höre, gerne auch in linkspopulistischen Kreisen, krieg ich die Krise. Das ist eine derartig groteske Vernebelung wahrer Finanz-Skandale in unserem Land, dass dieses populistische Gekeife vom Kapital erfunden worden sein muss. Fakt ist: Ein Landtagsabgeordneter in Niedersachsen kriegt um die 6.000 Euro im Monat Diäten. Da kriegt jeder Meister bei VW oder Schuldirektor mehr. Zum Vergleich: mit sogenannten cum ex Geschäften wurde der Staat in den letzten Jahren von Anlegern um ca. 30 Milliarden Euro beschissen.
Durch EU Umsatzsteuerbetrug gehen EU-weit jedes Jahr mindestens 50 Milliarden Euro flöten.
Steuerhinterziehung in der BRD dürfte per anno eher mehr als 100 Milliarden Euro ausmachen.
Das sind Skandale. Aber das ist ja mühselig, diese Mechanismen zu verstehen. Auf armselige Politikerwürstchen einzudreschen, ist da viel einfacher. Den Politiker-Job würd ich mir niemals antun, aus fast allen Gründen. Es gibt allerdings einen Grund, der mich reizen würde (neben der Altersversorgung, die es zugebenermaßen in sich hat): das Gefühl von Wichtigkeit und vermeintlicher Macht.
Macht aber nix.
Die Partei, die mich aufstellen würde, die würd ich nicht wählen. Aus Mangel an Respekt.
In dem Sinne, liebe Leserinnen, genießen Sie den Sommer. Der schönste Luxus pur ist der, den man nicht kaufen kann ….
brüssel
Parlament in Brüssel, natürlich mit Mauerteilstück. Alle real existierenden Mauerteilstücke dieser Welt aneinandergereiht, ergibt eine Strecke zum Mond und wieder zurück.
Was ich allerdings ernsthaft etwas bedenklich finde, ist die undemokratische Architektur dieses Baus. Das ist eine Demonstration: Macht pur.

07.06.2017 – Natur wird überschätzt

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Weiße Stadt, Berlin-Reinickendorf, Weltkulturerbe. Zwanziger Jahre, moderner sozialer Wohnungsbau. Brückenhaus über die Aroser Allee.
Mir ist die Natur suspekt. Voller Zecken, stinkt nach Gülle und verbaut einem oft den Blick in die Landschaft. Soweit so drollig. Ernsthaft bin ich ein durch und durch urbaner Typ, je Metropole, desto besser. Aufs Land würde ich nur unter einer Bedingung ziehen, wenn es sich um den Friedhof und um meinen finalen Umzug handelte. Nur über meine Leiche.
Sicher ist die Luft auf dem Lande besser, sieht man von Gülle ab, ich wohne an einer Straße, durch die täglich 20.000 Autos brettern, ich weiß, wovon ich rede. Gestern hatten wir Redaktionssitzung für die nächste NETZ Nr. 5, sowas startet immer mit einem Grill bei mir im Garten. Der Tisch war heute Morgen, beim Säubern, mit einer schwarzen Feinstaubschicht überzogen, keine 12 Stunden später. Natürlich ist das ungesund, so wie Fleisch, Alkohol, Drogen und das Leben grundsätzlich. Aber deswegen muss ich doch nicht in der Pampa, fernab von Kultur und Zivilisation, verbauern. Also Ruß vom Tisch gekratzt, tief Luft geholt, Würfelhusten abgeröchelt und frisch, fromm, fröhlich, frei (Das Land ist reaktionär, die Stadt ist der Fortschritt. Sieht man mal von der AfD ab. Und den Stadtbewohnern) ans Tagwerk.
Wobei mir gestern meine Installation von 1998 wieder unter die Augen kam, die länger von wildem Wein verrankt war (Natur!)
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Installation „Privatbesitz“, Schild mit Sichel und Orden, 1998. Zu sehen unter anderem in der Ausstellung „Perspektiven 2030“ des Kunsthauses Bilshausen.
Das Haus, in dem ich wohne, hat die nicht seltene Entwicklung vom Hausbesetzer zum Hausbesitzer mitgemacht. Nachdem die Hausgemeinschaft die Hütte gekauft hatte, bestand meine vorrangige Aufgabe darin, dem notorisch linken Rest klarzumachen, dass eine notarielle Teilungserklärung durchaus so etwas wie langfristig verbindliche (!) Konsequenzen hat und es Sinn macht, von der bis dahin gültigen Allmende-Wirtschaft im Garten zu einer erkennbaren Form des Privateigentums überzugehen. Als ich das geschafft hatte, wusste ich 1. dass ich das Zeug zu einem Volkstribun in der Tradition des Tiberius Gracchus hatte und 2. dass das eine ziemlich brachiale und reaktionäre Zäsur war. Das hätte man auch anders lösen können. Mein schlechtes Gewissen kleisterte ich wie üblich mit Kunst zu, siehe oben. Mit welcher Art von Natur hätte ich das wohl hinkriegen sollen? Hanf? Hopfen? H-Milch?
Sehen Sie.

06.06.2017 – Karneval der Kulturen und die uniformierte Möblierung des öffentlichen Raumes

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Polizeipräsenz beim Karneval der Kulturen Pfingsten in Berlin. Am Tag vorher war der Anschlag in London.
Im Vergleich zu Brüssel ist die Polizeipräsenz in Berlin im öffentlichen Raum noch gering und wenig martialisch. In Brüssel steht an jeder zweiten Ecke (Para-?) Militär, junge Burschen mit langläufigen Maschinenpistolen, an jedem dritten Häuserblock ein Militär-MKW. Was bewirkt die uniformierte Möblierung des öffentlichen Raumes bei mir? Ich kann eher sagen, was es nicht bewirkt: Distanz und Abwehr gegenüber Mitgliedern des Repressionsapparates, bei ex-rebellischen Angehörigen meiner Alterskohorte ein nicht seltenes Phänomen. Wer damals nicht in jedem zweiten Satz „Bullenterror“ unterbrachte, war für höhere Kaderaufgaben ungeeignet. Wenn ich für jedes „Bullenterror“, dass der vormalig autonome Ex-Außenminister Joseph Fischer in seinem Leben hinter sich fallen ließ, einen Euro kriegen würde, bräuchte ich mir um die Finanzierung der Resturlaube während meines Daseins in diesem irdischen Jammertal keine Gedanken zu machen.
Ich habe also keine Abwehrreflexe gegenüber der Polizei. Froh bin ich natürlich auch nicht, wenn ich die in solchen Zusammenhängen sehe. Verhindern tut deren Anwesenheit nichts. Anschläge gehören absehbar zu unserem Alltag, so wie Fahrradunfälle, 17 Tote allein in Berlin letztes Jahr, viele bei rechtsabbiegenden LKWs, die keine Blickhilfen wie Kameras für tote Winkel haben. Zu teuer. Scheißkapitalismus. Alle ÖPNV Busse in Berlin haben solche Kameras. Würde der ÖPNV privatisiert, stünden solche lebensrettenden Maßnahmen als erstes auf der Streichliste. Und dann plärren irgendwelche Hirnreduzierten Troglodyten was von „Privatisieren, deregulieren, Effizienzoptimierung, blablabla,“. Und die FDP feiert Wiederauferstehung.
Sowas ruft bei mir Distanz und Abwehr hervor. Diese Formulierung ist der Euphemismus des Monats.
Wir brauchen einen deutlich ausgebauten und ausreichend finanzierten öffentlichen Sektor, ein Privatisierungsmoratorium und das Verbot von Public-Private-Partnership PPP, also einer Veranstaltung, bei der die Kapitalisten gemeinsam mit dem Staat ein Unternehmen aufmachen, wobei sie letzteren gnadenlos über den Tisch ziehen. Die Risiken bleiben öffentlich, der Gewinn bleibt privat, das nennt der Komiker dann „burden-sharing“. Der Bundesverband PPP sitzt in Hamburg am Neuen Wall, der exklusivsten Einkaufsstraße des Universums, und wer glaubt, da sitzt man, weil man gemeinwohlorientiert auf Maximal-Rendite verzichtet, der glaubt auch daran, dass wir grundsätzlich so weiterwirtschaften können wie bisher.
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Schmetterlings-Flieder. Vor ca. 30 Jahren in unserem Garten. Wenn man an dem vorbeiging, flatterten Wolken von Pfauenaugen und Admirälen hoch.
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Jetzt steht in meinem Garten nicht nur Schmetterlingsflieder, sondern blühender Lavendel, Clematis und Rosen sonder Zahl. Und trotzdem: Ich habe im letzten Jahr nicht einen Admiral, nicht ein Pfauenauge dort gehabt, ab und zu mal ein Kohlweißling und wenn ein Zitronenfalter auftauchte, war schon Euphorie angesagt. In diesem Jahr ist bisher noch nicht ein einziger Schmetterling hier aufgetaucht.
Da könnt man echt zum Öko werden. Aber Öko ist nur ein Nebenwiderspruch. Wer wissen will, was ein Nebenwiderspruch ist, möge das bitte googeln.
Mir reicht’s für heute.

02.06.2017 – Das Leben lockt. Die Arbeit ruft.

Ich bin schwerhörig.
Zumindest ab 1. Juli. Bis dahin drohen mir Arbeit und Termine sonder Zahl. Wie konnte ich überhaupt in diese Falle tappen?! Früher bin ich doch auch ohne viel Arbeit glänzend durch den Tag gekommen und hatte trotzdem die Taschen voller Geld. Gut, es waren keine besonders großen Taschen, aber ich hab ja auch keine großen Ansprüche gestellt. Ab und an einen Puligny Montrachet, hier und da ein Fläschchen Vosne-Romanée und zwischendurch einen Bollinger Vintage (den 85er. Der 83er ist eine Katastrophe!) – es brauchte nicht viel, um mich glücklich zu machen. Wobei ein ehemaliges Arbeitsumfeld von mir auch gute Bedingungen dafür bot, die frühere Maschinenbau- Anstalt Hermann Berstorff, bei der ich lange Jahre ein unbeschwertes Leben als kleiner Angestellter genoss.
Solange ich da arbeitete, trug Hermann Berstorff den Namen Anstalt völlig zu Recht. Auf Grund meiner eher Performance denn Arbeit zu nennenden Anwesenheit dort ging es mitunter zu wie in einer Irrenanstalt.
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Foto von meiner Entlassungsparty.
Bei der letzten von mehreren Massenentlassungen war auch ich fällig. Dass ich nicht schon Jahre vorher bei der ersten rausgeschmissen wurde, ist ein überwältigender Beweis dafür, wie man es bei minimaler Kompetenz mit maximalem Blendertum sehr weit bringen kann. Ich war dort technischer Angestellter, inmitten lauter Ingenieure. Studiert habe ich mal Germanistik. Oder sowas ähnliches.
Ich bin auf vieles in meinem Leben stolz, aber auf die Zeit bei der Anstalt Hermann Berstorff ganz besonders. Meine Entlassungsparty war eine rauschende Feier.
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Entlassungs-Party Büffet, achten Sie auf den Zwerg mit der IG Metall Fahne, der ist immer im Bild. Das Foto mit den Alkoholika schenke ich mir. Ich hab keine Ahnung mehr, wie ich damals nach Hause gekommen bin, so breit war ich. Ich versuche jetzt verzweifelt, die Ikonografie des ersten Fotos zu decodieren, der Tisch biegt sich ja vor Abschieds-Geschenken von Kolleginnen. Was ich in der Hand halte, soll wohl sagen: Du bist ein Arsch mit Ohren. Und das T-Shirt weist auf mein inhärentes Wesen als Alpha-Tier hin. Aber was soll uns der Backstein sagen? Der SED Orden am Revers meines Smokings? Die bunten Knalltüten?
Sind so viele Fragen. Bin auf die restlichen Fotos von damals gespannt. Das Archiv ist mir gerade wieder in die Hände gefallen.
Und heute? Komme ich vor lauter Ackern überhaupt nicht dazu, zwischendurch mal einen Vintage Bollinger weg zu schlabbern und aus meiner Kompetenz könnte ich Bände von Fachliteratur backen. Und was hab ich davon? Keine Kolleginnen und keine Zeit. Irgendwas ist da gewaltig schiefgelaufen. Da muss sich was ändern.
Ab morgen.

27.05.2017 – Rock’n Roll und Rollrasen. Terror in der Metropole.

Rockn Rollrasen
Mein Rollrasen. Früher Rock’n Roll, heute Rollrasen. So ändern sich die Zeiten. Als Gärtner bin ich für meinen Garten ein ähnlicher Glücksfall wie Stalin für die SBZ. (Für Spätgeborene: SBZ – Sowjetisch Besetzte Zone. Was die DDR de facto bis zum Ende der Mauer war. Wir hatten in der BRD den Ami am Hals. Und das war auch gut so. Ich wage mir die Entwicklung eines geeinten neutralen Deutschlands ohne Besatzungsmächte nicht vorzustellen, wenn die Westmächte Stalins Angebot von 1952 angenommen hätten. Keine 10 Jahre und die Ostgoten hätten den nächsten Krieg angezettelt, Furor teutonicus ).
Na ja laber, laber, lange Rede, kurzer Unsinn,
als Gärtner bin ich ein Desaster,
In diesem Blog bin ich der Master.
Heuer hatte ich einfach keinen Bock mehr, Samen auszusäen und im Sommer festzustellen, haben alles die Meisen weggepickt, ist vergammelt oder wegen Tschernobyl verstrahlt. Öko Öko, Rhabarber, Rhabarber. Also hab ich Rollrasen bestellt. Als die erste Bahn lag, hat mich fast der Schlag getroffen. Das sah so natürlich aus wie Donald Trumps Frisur. Mein Nachbar meinte kurz und trocken, nach Art des Hauses Leberhaken:
„Das ist kein Rollrasen, das ist ein Prollrasen.“
Ich verfiel in abgrundtiefe Depressionen. Mein Konsum an Psychopharmaka nahm derartige Ausmaße an, dass sich der Aktienkurs der Firmen Merck und Novartis verdoppelte. Dann aber lagen alle Bahnen, der Rasen wuchs an, erstrahlte in sattem pastellem Grün und wenn man darauf geht, dann geht man nicht einfach, man schreitet auf einem weichen zarten Teppich, geht man barfuß, streichelt das üppige Grün die Fusssohlen dergestalt, dass man in sexuelle Raserei versetzt wird. Es ist die pure Wonne. Und das allerschönste ist: Alle bewundern ihn. Der Rollrasen als Statussymbol. Ich überlege mir einen in der Küche auszulegen. Oder im Schlafzimmer. Wegen der Raserei.
Die Frisur verschandelt im Moment das Amphitheater in Taormina, beim Gipfel der G 7.
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Das Teatro Greco dort ist atemberaubend. Ich wurde dortselbst vor Jahren vom genius loci ergriffen und zitierte Oden von Friedrich Hölderlin, den ich immer im Tornister mit mir führe.
teatro greco
Innerhalb einiger Momente hatte ich das komplette Amphitheater leerdeklamiert. Mich erinnerte das an das Amphitheater von Kos, wo ich ebenfalls den Hölderlin gab. Ich war mit meinem Bruder dort. Er wälzte sich vor Lachen im Staub der alten Trümmer.
Ich aber beschloss, Satiriker zu werden.
Pfingsten ist Karneval der Kulturen in Berlin. Seit Jahren treffe ich mich mit uralten Freunden aus Schulzeiten dort und wir verfallen in Sambagesteuerte Raserei, altersgemäß natürlich. Mittlerweile haben wir uns auch halbiert, von der Anzahl her. So ein Karneval vertritt all das, was die das Leben so verachtenden IS Faschisten hassen. Ein ideales Ziel. Solche Gedanken hatte ich früher nicht. Der Terror verändert den Alltag. Es wäre aber auch naiv zu glauben, dass das mit dem Kapitalismus, der jeden dem anderen den Wolf sein lässt, jederzeit bereit, ihm an die Gurgel zu gehen, lange gut gehen könnte. Der Terror ist von der Peripherie zurückgekehrt in seinen Ursprung, in die Metropole.
Tanzen am Abgrund.

25.05.2017 – Männlicher Größenwahn erleichtert die Arbeit.

LAK bei Miethaie zu Fischstäbchen
Demo gegen Miethaie in meinem Kiez. Meinen Rede-Beitrag absolvierte ich im Smoking. Als Dandy bin ich froh über jede Gelegenheit, einen Smoking tragen zu können. Der ist leichter, angenehmer, stilvoller und vor allem origineller als das notorisch-autonome Schwarzleder vor Ort. Abgesehen davon ist er Bestandteil einer meiner künstlerischen Identitäten und soll dem jeweiligen Locus meiner Performance und mir, dem Publikum und dem Gegenstand, nämlich der Kunst, die angemessene Würde, Eleganz und den notwendigen Respekt mit vermitteln. Die Dialektik von Form und Inhalt halt.
Ob das bei der Demo und meinem Beitrag hinreichend gelang, daran hege ich leichte Zweifel. Ich musste einen jungen Revoluzzer-Heißsporn über die Funktion von Öffentlichkeit bei Demonstrationen belehren, ein Betrunkener krakeelte mich dauernd voll mit „Ich bin auch Akademiker“, die Linken kriegten sich coram publico mit den Autonomen in die Wolle, wer wohl den größeren Verrat an der gemeinsamen Sache begangen habe. Es hätte nach derlei Stimmungssenkern eine geballte Ladung Uppers gebraucht, um die volle Power über das krächzende Megafon zu bringen, und ob mein satirischer Redebeitrag, bei dem ich in die Rolle eines Miethais schlüpfte, für den Einzug in die Hall of Fame der politischen Satire reichte? Hm.
Trotzdem weigere ich mich nach wie vor, die Welt mit der 68. Broschüre zu diesen Themen zu beglücken. Das überzeugt niemanden, interessiert keinen und vermüllt nur die Umwelt. Wer die Verhältnisse zum Tanzen bringen will, der braucht Bewegung. Eingreifen, Bilder produzieren, Erzählungen inszenieren. Und beim Tanzen kann man sich auch schon mal auf die Schnauze legen. Was übrigens die Resilienzkräfte enorm fördert. Ich kann mir mittlerweile ehrlich gesagt in meinem Bereich keinen Job, keinen Auftritt vorstellen, der mich überfordern würde. Größenwahn? Sicher, ich bin eben ein Mann. Eine Frau würde öffentlich niemals so argumentieren. Sehen Sie es mal funktional, liebe Leserinnen: Größenwahn erleichtert die Arbeit.
Smoking Teil 2 – einen Tag später:
170524Neue Presse-LAG FW -LAK
Ein diametral anderes Setting. Die notorische Mauer mit ihrem Schöpfer beim Einsatz zur Pressepräsentation des „Hauses der Wohlfahrt“, was auch meine Geschäftsstelle ist.
Die Mauer muss weg bei der LAG FW
(Foto: syno kommunikation) Wenn man heutzutage den Medien keine Bilder, Erzählungen liefert, kann man seine Arbeit auch gleich in der tibetischen Hochebene organisieren. Der Effekt ist ähnlich.
Hinterher Pressekonferenz, danach Empfang mit Schnittchen, Prominenz aus Politik und Verbänden bis hin zur Sozialministerin Cornelia Rundt. Von da aus zum Treff der Gruppe Gnadenlos Gerecht, Aktionen, Veranstaltungen planen und die gemeinsame Reise zum Armutskongress in Berlin. Spät um 23 Uhr war ich tot. Zumindest wünschte ich mir das, denn dann würde ich fitter sein als in dem Moment.
Das einzig Ärgerliche an der Causa war: ich kann niemandem die Verantwortung für solche Zustände geben, was ja mitunter erleichtert: Der blöde Chef, die blöde Firma, der blöde Staat, die blöde Gesellschaft, das blöde Universum. Alle blöde, nur ich nicht? Nein. Meine Entscheidung. Ich muss das nicht machen. Ich könnte genauso gut auf Malle durch die Tramuntana wandern und später am Strand, mit einem Gläschen Son Ramon Weißwein von der Insel, die liebe Göttin eine gute Frau sein lassen.
Später.
Erstmal Autonomie.

21.05.2017 – Ist das Kunst oder kann das weg?

rad ihme
Besser als dieses Bild kann man das Wesen zeitgenössischer Kunst nicht erklären: Unterschiedliche Ebenen werden in einen irritierenden Zusammenhang montiert, das Produkt erzeugt Einsicht, Emotion, Erkenntnis. Dabei ist es nachrangig, ob derjenige, der das Rad aus dem Fluss gezogen und dahin gestellt hat, das so beabsichtigt hat. Entscheidend ist die Tatsache, dass das Bild ein öffentliches ist. Kunst ist unter anderem nur dann Kunst, wenn sie konsumiert werden kann, also öffentlich ist. Und wenn sie als solche deklariert wird, sei es von der Öffentlichkeit, den Medien oder dem Künstler.
Oder von mir. Was hiermit geschah.
Welche Emotionen erweckt das Bild bei Ihnen, liebe Leserinnen (der Bildausschnitt mit dem gelben Löwenzahn am unteren Bildrand ist absichtlich so gewählt)? Oje, die arme Umwelt? Ah, die bizarre Schönheit alltäglicher Gegenstände? Alles ist vergänglich, ich sollte das Leben nutzen? Ich muss morgen unbedingt Brot, Zahnpasta und Abschminkpads kaufen, aber nur ImseVimse? (Gibt’s wirklich, Öko Dinger. Denen hab ich es zu verdanken, dass ich 5 Jahre jünger aussehe. Im Halbdunkeln.)
Mir ging bei dem Bild tatsächlich die Begrenztheit des Lebens und die Nichtigkeit von Hader, Zank und Groll durch den Kopf. Das Rad alleine oder das Hochhaus für sich hätten bei mir das eher nicht ausgelöst. Da hätt ich vermutlich nur gedacht: Sieht das Scheiße aus. So aber ist alles vergänglich.
„Es ist alles eitel
Du siehst, wohin du siehst, nur Eitelkeit auf Erden!
Was dieser heute baut, reißt jener morgen ein;…..“

(Andreas Gryphius)
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Pieter Claesz, Wikipedia commons gemeinfrei Ich weiß nicht, seit wann ich diesen Blog führe, aber eins weiß ich sicher: Ich habe hier nicht einmal das Urheberrecht auch nur angekratzt. Wussten Sie übrigens, dass in den letzten Jahren über 60 Prozent aller Werbeeinnahmen der Druckpresse in den USA bei facebook und Google gelandet sind? Und dass sich facebook und Google einen Dreck um die gesellschaftlichen Kosten scheren, die ihre Oligopol-Stellung verursacht? Obwohl facebook und Google eindeutig redaktionell arbeiten und keine reinen Provider sind, fallen sie unter die E-Commerce Richtlinie der EU, die sie zwar verpflichtet, strafbare Inhalte zu löschen, aber nicht dazu verpflichtet, ihr Angebot zu moderieren. Sie sind letztlich Haftungsbefreit.
Ein Angebot zu moderieren kostet Geld. Die Moderation von Spiegel online beträgt 3 – 5 Prozent der Gesamtkosten. Weil das richtig ins Geld geht, kann man bei den meisten redaktionellen Betreibern auch nachts nicht posten.
Fuck facebook! Fuckbook. Wobei die ja noch viel löschen im Vergleich zu Twitter. Also Tötet Twitter?
Keine Verbalmilitanz. Nicht in meinem Alter.

20.05.2017 – Ein Raunen geht durch den Saal, wenn ich rede

who killed the world
Who killed the world? Vielleicht Intelligenzgeminderte, die solche Autos fahren?
Wobei ich vorsichtig mit solchen Anwürfen sein sollte. Ich fahre ja auch nicht mit dem Rad ans Mittelmeer. Man kann mir also jene Hoffart vorwerfen, die vor dem Fall kommt. Damit sind wir mitten im Laster, und Vanitas, die Eitelkeit, oder auch Superbia, Eitelkeit mit Stolz und Hochmut, ist eine meiner Lieblings-Todsünden.
Wenn ich in der Zeitung über mich lese, dass ob meiner Ausführungen ein Raunen durch den Saal geht, dann greift Vanitas mit warmer Hand nach meinem Gemüt. Wobei mich die Formulierung „… als er Vermögenszahlen Deutschlands reichster Bürger einwirft …“ etwas irritiert. Das Leder beim Fußball oder den LSD Trip wirft man ein, aber Vermögenszahlen, mögen sie auch noch so berauschend sein?
Offensichtlich war die Rezensentin von meinen „Einwürfen“ derartig enthusiasmiert, dass sie später aus dem einfachen „Gleitze“ gleich den gesteigerten „Gleitzer“ machte.
Aber wann endlich verfällt die Presse mal nach zahlreichen erfolgreichen weiten und rauschhaften Einwürfen von mir über mich in den angemessen doppelten Superlativ: „Der gleitzeste Gleitzer, den es je gab“? Und wäre dann meine Vanitas gestillt? Wie verhält sich das überhaupt mit der Befriedigung von Lastern? Wollust vulgo Begehren kann gestillt sein, Geiz kann Grenzen haben, Jähzorn ist nicht zu stillen, Neid, Eifersucht verzehren bis zum Ende aller Tage, ohne Pause, Völlerei siehe Wollust, Faulheit hat ein Maß, mehr als Nichtstun geht nicht. Aber was ist mit Eitelkeit?
Scheiß die Wand an, das sind doch mal Fragen, über die es zu denken lohnt, oder wie sehe ich das?!
Anstatt über sowas zu grübeln, sollte ich mir lieber ernsthaft Gedanken machen, wie ich auf der Demo am Montag gegen Wohnungsnot mit meinem Redebeitrag wenn schon nicht dafür sorge, dass ein Raunen durch die Menge (?) geht, sondern sie wenigstens unterhalten wird. Der beste Weg zum Denken führt ja laut Walter Benjamin über ein Lachen.
Wohlan.

18.05.2017 – Über den Gleichheitsbegriff in der neoliberalen Karussell-Doktrin

Der Begriff „neoliberale Karussell-Doktrin“ gefällt mir aus zwei Gründen sehr gut: Er ist anschaulich, er ist präzise und er stammt von mir. Hab ich mir eben ausgedacht. Auf dem Klo. Ohne Smartphone. Falls das jemand wissen wollte.
Eigentlich müsste ich das Protokoll einer Mitgliederversammlung von gestern schreiben. Dazu habe ich aber so viel Lust wie ein Biber zum Sandburgen bauen. Stattdessen hämmere ich hier irgendwas in diesen Blog und freue mich daran, wie mir glänzende Bibermetaphern und herausragende Karussell-Doktrinen aus dem Hirn sprudeln, als ob ich dafür bezahlt würde. Werde ich aber nicht. Im Gegensatz zur Planung, Organisation und Durchführung von Mitgliederversammlungen. Und die gestrige mit einem Virus im Leib, der mich in einen Zustand versetzt, dessen Umschreibung mit „toter als tot“ als Euphemismus des Jahrhunderts durchginge. Meine Fresse, waren das noch Zeiten, als ich als einfacher Angestellter den Notwehrparagrafen, vulgo den „gelben Schein“ der Putativ-Krankschreibung, schon zog, wenn ich nur einmal genossen hatte. Ein Witz für Juristen und höhere Stände. Hahaha.
Na ja, laber laber, blabla. Dass mit der neoliberalen Karussell-Doktrin zielt auf Jürgen Marcus, mit seinem Lied „Auf dem Karussell“, wo es heißt:
„Auf dem Karussell fahren alle gleich schnell,
darum wäre es schön
wär‘ man noch einmal zehn
da sind alle gleich
ob sie arm oder reich.“

Damit wird mit einem regressiven („wär man noch einmal zehn“!) und faktisch unkorrekten Sprachbild die real existierende Ungleichheit zwischen Arm und Reich eingeebnet.
Auf dem Karussell fahren mitnichten alle gleich schnell. Auf dem Karussell fahren die auf dem äußeren Radius natürlich schneller, weil sie in der gleichen Zeit den längeren Weg zurücklegen: v = pi · d · n. Physik Klippschule. Was man aber, glaube ich, aus Gründen der political correctness nicht mehr sagt. Draußen scheint gerade die Sonne. Auch so eine Sprachmüll-Formulierung. Wenn sie drinnen schiene, wäre ich verdampft. Was ich sagen will: Ich fahr jetzt mal mit dem Radl raus, nicht ohne eine Quizfrage zum Schluss:
Wo befindet sich diese Seilbahn? Im Walsertal oder in Hinterzarten?
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Richtige Antwort: Berlin, IGA. Aber Hinterzarten hört sich auch irgendwie faszinierend an ….