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03.01.2017 – Überzeugend, aber weitgehend faktenfrei

grabschmuck
Grabschmuck auf dem Wochenmarkt – im Sonderangebot. Und zwar nicht vor Allerseelen. Das hat was skurriles. Ich hab zugeschlagen, man weiß ja nie und Nelken sind eh meine Lieblingsblumen. Arbeiterbewegungsromantik. Außerdem wird es wieder kalt und es fehlt noch Abdeckmaterial für die Rosen auf meiner Veranda. Das ist bei mir immer ein Pokerspiel, welche Pflanzen den Winter überleben. Ich bin nicht so der Kleingärtner, dass das Grünzeug jedes Jahr bei mir Garten und Veranda zu einem locus amoenus, einem Ort des Wohlgefallens, macht, liegt eher an der Natur als an mir. Diesen Frühjahr versuche ich mal Rollrasen, mein Rasen sieht selbst in meinen Augen trostlos aus. Ich hab mal welchen gesät und damit die verdammten Amseln nicht die ganzen Samen wegpicken, hab ich ein Vogelschutz-Netz drüber gespannt. Als der Rasen höher war, hab ich das Netz abgezogen. Leider war der Rasen in das Netz reingewachsen und die ganze Rasenfläche klebte am Netz.
Ich hasse Arbeiten an und in der Natur. Bin ich Robinson? Oder Adam? Oder Gärtner? Die Natur hat dem Menschen per se und a priori untertan zu sein. Das nennt man Zivilisation.
Der liebe Gott hat den Hausgarten zum Grillen gemacht und nicht zum Rasenmähen. Wenn er Rasenmähen gewollt hätte, hätte ich Rasenmäher-Messerbalken an den Füßen.
Integraler, ja regelrecht konstituierender Bestandteil von Zivilisation ist Kunst. Der Mensch muss sich entscheiden: Kunst oder Kleingarten. Esprit oder Mulch. Geist oder Gülle.
konnektor
Kunst – mitunter muss man genauer hinschauen – Galerie konnektor, zwei autonome Steinwürfe von meiner Homebase entfernt.
konnektor 2
Rauminstallation, charmant. Auch wenn hier das Prinzip waltet „Eigentlich kann das weg, aber wir machen mal Kunst draus“: Es kommt immer darauf an, wie man es macht. Die Kunst der Komposition ist Komposition der Kunst. Umgekehrt gilt das Gleiche.
Zu meinem Job gehört Öffentlichkeitsarbeit, PMs mit trostlosen Tenor wie: „Die Spaltung der Gesellschaft zwischen Arm und Reich nimmt immer mehr zu“ und dazu Interviews mit den Medien. Natürlich auch mit dem nichtkommerziellen Bürgerfunk, den es in Niedersachsen in jeder Region gibt. Neulich bedankte sich einer bei mir, dass es mit einem Interview spontan und ohne Vorbereitung geklappt hätte (wofür ich nach meinem Verständnis auch bezahlt werde).
Aber nett fand ich das schon und als Kind von Gegenöffentlichkeit bin ich dem Bürgerfunk ohnehin zugetan, also erwiderte ich fröhlich:
„Kein Problem, und wenn Ihr wieder mal Interviews braucht, meldet Euch. Egal, zu welchem Thema.“
Es war als Scherz gemeint, aber tief innen meinte ich es auch so. Außer zur Quantenmechanik und zur Funktion eines Automotors kann ich in beliebiger Länge zu jedem Thema spontan, anregend und überzeugend, aber gerne auch weitgehend faktenfrei, ein Interview geben.

02.01.2017 – Krebs am Kiosk

Hannover ist eine Hochburg des Kiosk. Seit Jahren schon will ich diesem regionalen Kulturerbe ein Denkmal setzen mit einer Intervention, einem Kioskprojekt. Na ja, ich will auch eine eigene TV Show. Das Leben ist eben kein Ponyhof. Aber Kioske unterliegen immer meinem besonderen Blick.
Wie der hier auf dem lokalen Boulevard, bei dem sich der halbwegs Sprachkundige fragt, was es da wohl im Angebot gibt.
canzer krebs
Krebs (lat. Cancer, türkisch Kanzer, andere Sprachen ähnlich)?
Duplizität der Ereignisse, kurz vorher hatte ich einen Kumpel auf dem Boulevard getroffen, der zu den wenigen noch lebenden Alkis gehört, die ich kenne. Für die Alkoholiker, und es gab einige, unter meinen Freunde und Kumpels war normalerweise zwischen 50 und 60 das Theken-Ende erreicht. Wer Pech hatte, legte den letzten Drink nach langem Siechtum wie Krebs aus der Hand. Die Glücklichen traf der Hirnschlag.
Besagter Kumpel auf dem Boulevard eröffnete mir nun, sein Vorsatz für 2017 laute: „Weniger Saufen.“
Ich: „Das kannst du nicht machen. Du wirst noch gebraucht.“
Er guckte irritiert, weil ich ihm früher ab und an gut zugeredet hatte, weniger zu saufen. Ebenso gut hätte ich einem Atheisten einen Rosenkranz schenken können.
Ich vollendete:„Als abschreckendes Beispiel.“
Meine Vorsätze für 2017: „Kein Zureden mehr. Keine Pointe auslassen. Zahl der Kumpels auf das Notwendige reduzieren.“
Wenn das konsequent umgesetzt wird könnte da eine Nulllösung draus werden.
Nachdem ich lange nichts mehr von den Horrorclowns gehört hatte, sichtete ich neulich einen.
clown
Horrorclown, vergreift sich an Kindern.
Und schlimmer noch: Das Outfit ist eine Ästhetik des Grauens. Das nächste Mal streckte ich einen derartigen Vorboten des Geschmacks-Armageddon wenn schon nicht mit einem Shatterhandschen Fausthieb so doch mit gezielter Verachtung zu Boden.

31.12.2016 – 2017? Das kann ja Eiter werden!

conti
Das Jahr geht unter und die Sonne auch. Blick auf das Gelände der Reifenfabrik Continental in Hannover.
2016 war ein annus horribilis, ein schreckliches Jahr, jedenfalls was das Aufscheinen von Zerfallstendenzen am Horizont der Geschichte angeht. Real war die Kacke noch nicht wirklich am Dampfen. Annus horribilis heißt „schreckliches Jahr“ und welch drollige Bedeutungsverschiebung sich auf Grund des Auslassens von einem Buchstaben ergeben kann, sieht man daran, wenn aus dem „Annus“ ein „Anus“ wird. Anus horribilis ist aber, wie ich finde, ein zauberhaftes Schimpfwort, es vereint Bildung, Wohlklang, Rhythmik und Abscheu in einer soignierten Ausgewogenheit.
Außerdem versteht es keine Sau. Es kommt in Sitzungen, Veranstaltungen, etc. vor, dass ich bei irgendeinem Schwallkopf (fast immer männlich) denke: „Was’n Arschloch.“ Ich könnte hinterher gefahrlos zu dem Betreffenden hingehen und sagen: „Heda, guter Mann, mich dünkt, Sie sind ein veritables anus horribilis.“ Das würde ich aber vorab von einem Fachkundigen mit großem Latrinum auf korrekte Deklamation prüfen lassen.
Ende des Flachwitz-Teils für Leute mit Abitur.
Wir werden dieses beschissene 2016 vermutlich noch vermissen.
Persönlich bin ich allerdings bester Dinge, ich gehe unter anderem davon aus, dass 2017 mir noch jede Menge zauberhafter Berlin Reisen beschert und dass ich endlich im Lotto gewinne. Und ich werde noch spontaner werden.
Das lernt einen auch was. Neulich bin ich einfach spontan, ohne Anlass durch ein angrenzendes Stadtviertel geradelt. Dabei habe ich das Foto oben von Continental gemacht. Und direkt daneben einen Neubau entdeckt:
hafven
Hafven. Sieht man von dem  Zeitgeistwort ab, das in drei Jahren keinen Heinz mehr von der Apfelsinenkiste kegelt, kein schlechtes Bauwerk. Zuhause checkte ich, was da so abgeht. Mir schwirrte der Schädel, es geht da irgendwie um People, Co Working, Community, Education, Edutainment und dass nicht nur verschiedene, sondern sogar verschiedenste Desks frei wählbar sind.
So sieht also die Zukunft der Arbeit aus, während sich die Reifenbäckerei Continental im Hintergrund in der untergehenden Sonne verabschiedet. Wenn Sie mich fragen: Das ist platter Symbolismus. Aber eingängig. Im Hafven kann man übrigens auch Sägen. Das heißt dann: Wood Basics. Für mich als Arbeiter der Stirn kann ich im Fall „Wood Basics“ nur sagen:
Das kann ja Eiter werden.
Als Service hier noch eine Postkarte von Hermann Sievers, für den Urlaubsversand aus den USA, der Türkei oder Russland: PetShockBoys
Und nun: Ave, 2017, morituri te salutant!

30.12.2016 – Geld Macht Sex

Das sind die drei Haupt-Triebfedern, die unsere Gesellschaft antreiben. Wobei Triebfedern in Uhren zum Beispiel nicht sehr groß sind. Das war die Ausgangsüberlegung bei meinem Check, was die Einblendung von Werbe Pop-Ups bei mir angeht. Ich habe also versuchsweise mal „Strapse“ gegoogelt und bin danach auf eine Seite gegangen, die sich mit Anlagemöglichkeiten auseinandersetzt. Sofort blinkte mir jede Menge Erotik-Wäsche entgegen.
strapse
Strapse – Screenshot vom Pop-Up. Mischung zwischen Karneval und Schornsteinfegerdienstkleidung. Die Körbchen sehen teilweise irritierend aus, wie Tragetaschen für Sportgeräte, und sind Taillen jetzt nicht mehr Mode? Aber wie bei so vielem liegt die Erotik im Auge des Betrachters.
Wenn man die zugrunde legenden Algorithmen zur Einblendung von Werbung auf bestimmten Seiten ins Platt-Deutsch übersetzt, heißt das:
Wer sich für eine bestimmte Form von Kleidung interessiert, der interessiert sich auch für Geld-Anlage.
Man kann sein Geld auch flüssig anlegen. Seit Jahrhunderten wird als Geheimtipp in allen Presseorganen zu Silvester statt Champagner Winzersekt gepriesen, für 10 – 15 Euro. Es gibt sehr viele Menschen, denen das viel zu viel ist, und ich bin allein deshalb für eine schlagartige Erhöhung der Hartz IV Regelsätze auf 600 Euro, damit ein paar Bezieher_innen diese immerhin 50 Prozent Erhöhung zur Feier des Tages mal mit einem Winzersekt begießen würden.
weissburgunder
Für, alle die sich das jetzt schon leisten können und wollen, hier als Appetizer ein Bild des Doll Weißburgunder Sekt extra brut, aufgenomen heute um ca. 11 Uhr – wegen der Lichtreflexe der tiefstehenden Sonne.
Kost 8 Ocken, schmeckt um Längen besser als diese Taittingers oder Bollingers für das Fünffache. Knochentrocken, feine Perlung, goldgelb, mit Honigaromen, langer Abgang.
Mein Silvester Sixpack von Doll steht auf der Veranda, bei minus drei Grad.
Sekt sollte wie Alan Delon sein: eiskalt.
Guten Rutsch

29.12.2016 – Zwischen den Jahren

Dämliche Formulierung, die immer häufiger benutzt wird. Sicher irgendwas historisch gewachsenes, das Zusammenhänge auf einen Punkt brachte, die heute keiner mehr kennt, niemandem etwas nutzen und erst recht keinen interessieren. Aber alle plappern es mit wichtiger Miene nach.
Diesen Zeitraum gibt es physikalisch nicht. Wir haben jetzt den Zeitpunkt t = 2016 und wenn die Sekunde gekommen ist, haben wir den Zeitpunkt t = 2017. Wir haben auch keine Gegenwart, sondern immer nur Vergangenheit und Zukunft. In dem Moment, wo ich behaupte „Jetzt“, war „Jetzt“. Richtiger liegt da schon der Volksmund, wenn er behauptet: „Jetzt geht’s los.“ Was meint: „Demnächst geht’s los.“ Der häufige Gebrauch von „Zwischen den Jahren“ deutet psychologisch gesehen auf zunehmende Erschöpfung hin und daraus folgende Regression auf sprachlicher Ebene. Zusammengefasst kann man es auf einen Nenner bringen:
Alles Idioten, außer ich.
zwerg
Zwischen den Jahren werfen Zwerge selbst in der Mittagssonne riesenhafte Schatten.
Liefert man sich den Datenkraken aus, wenn man so einen Blog wie den hier schreibt? Natürlich kriege ich dauernd Pop-ups eingeblendet, mit irgendeinem Werbescheiß, der unter Umständen auf Begriffe dieses Blogs zurückgeführt werden könnte.
So what. Ich mache niemals Spontan- oder Frustkäufe. Wenn ich einkaufen gehe, habe ich eine Liste. Die wird abgearbeitet. Ende. Neulich bin ich in dem Bewusstsein durch einen Supermarkt geschoben:
„Mein Gott, ich habe noch nie einen Spontankauf getätigt! Soll ich sterben, ohne jemals einen Spontankauf getätigt zu haben?“
Und ich habe verzweifelt nach einem Spontankauf gesucht. Diese Lücke auf der „Liste der ungetanen Dinge in meinem Leben“ wollte ich abarbeiten. Und was ist dabei herausgekommen?
Ein Glas Himbeeren. Das hat so eklig geschmeckt. Ich liebe Himbeeren, frische, und schlimmstenfalls tiefgefrorene. Aber Obst oder Gemüse aus dem Glas? Fade, purer Zuckergeschmack, pappig, künstlich. NIE WIEDER SPONTANKAUF! Das hab ich ganz oben auf die „Liste der wirklich wichtigen Dinge in meinem Leben“ geschrieben.
Neben Pop-ups gibt es noch Spams, die sich an Spuren im Netz orientieren. Ich kriege dauernd welche mit „Treppenlift“ und „Seniorenhandy“ und kaum noch welche mit freizügigen Angeboten 25jähriger Carmens oder Svetlanas.
Und da soll ich mir Gedanken über die virtuellen Spuren dieses Blogs machen….
Außerdem ist ein, vielleicht der, Meilenstein in der Geschichte der Aufklärung das Entstehen von bürgerlicher Öffentlichkeit (Wer zwischen den Jahren wenig zu tun hat, möge hier nachlesen).
Mit all ihren Teilsegmenten wie Internet.
Das lass ich mir doch nicht von NSA, CIA, BKA, Google, DFB oder LMAA nehmen.

28.12.2016 – Wie werde ich Millionär?

Es liegt nur an Ihnen! Und geht in fünf Schritten. Wenn man David Asen in seinem Internet Blog folgt. Unter Tipp 3 rät David Asen, groß zu träumen, Autosuggestion nennt der Flachmann so was.
Die Autosuggestion geht laut David Asen so, man sage sich:
„Ich bin selbstbewusst und weiß, dass ich wirklich Ahnung vom Internet-Marketing habe. Ich habe eine wunderbare Frau, zwei Kinder und lebe in einem 200 qm großen Haus mit einem herrlich großen Garten rundherum. Ich betreibe eine Website mit 10.000 Besuchern im Monat…“
Davon trifft (fast) alles auf mich zu, vor allem das Intro.
statistik schuppen 68 homepage
Als Beweis hier die Statistik dieses Blogs vom 28.12, die relevante Statistik ist die gelbe Spalte „Visits“ unter „Monthly Totals“. Da bin ich also mit 104.011 Besucherinnen für 2016 nicht weit weg von der Zielvorgabe. Millionär bin ich allerdings nicht. Niemand, der sich auf die Seite von David Asen verirrt und einen Satz aus dessen armseligen Geschwafel für bare Münze nimmt, wird in seinem ganzen Leben auch nur für einen Tag aus seiner frustrierenden Existenz als Tagelöhner, Erwerbsloser, Minijobber entfliehen. Den Zynismus, mit dem hier ein Loser versucht, tausenden anderen Losern den letzten Cent aus der Tasche zu ziehen, kriegt unsere Gesellschaft zunehmend um die Ohren geschlagen.
Man kann einen Teil der Unterdrückten die ganze Zeit verarschen und alle Unterdrückten einen Teil der Zeit. Aber man kann nicht alle Unterdrückten die ganze Zeit verarschen.
In Anlehnung an Abraham Lincoln.
Das Schlimme ist nur: Wenn es soweit ist, suchen die Unterdrückten ihr Heil nicht darin, den Unterdrückern in den Arsch zu treten, sondern nach alter Heil-Manier suchen sie jemanden, den sie selber noch unterdrücken können.
Die Frage für unseren zukünftigen Alltag ist, wie sich die Form dieser Unterdrückung gestaltet. Relativ harmlos wie im Moment noch, wo sich die Übergriffe auf Asylunterkünfte in den letzten Jahren nur verzehnfacht haben oder geht es demnächst richtig zur Sache, wenn der zum Riot neigende Mob flächendeckend einen parlamentarischen Arm besitzt.
What’s left? Tröstungen wie gestern, Dialog aus der grandiosen Serie „Two and a half men“:
Der dauerbetrunkene Protagonist Charlie zu seinem Bruder:
“Alan, ich bin Künstler und male mit Worten!“
„Du bist Trinker und malst mit Erbrochenem.“

27.12.2016 – Dann können Sie sich als Kampfpilot bewerben

weihnachtsmann
„Rutenträger versus Prima Ballerina – Part I“.
In meiner mittleren Phase setzte ich mich im skulpturalen Bereich stark mit patriarchalen Machtstrukturen auseinander. Welche Dominanzsignale auch ein Weihnachtsmann auf seiner Metaebene sendet, wird dann deutlich, wenn man ihn mit den Symbolen seiner Macht, Sack und Rute, in komplexe Zusammenhänge montiert, wie hier in meiner Installation von 1993: „Rutenträger versus Prima Ballerina – Part I“.
In meiner jetzigen Phase frage ich mich, wo sind eigentlich die evolutionsbiologischen Grenzen des Kapitalismus (die sozialen Demütigungen, die der Kapitalismus verteilt, sind grenzenlos, um Moral und Ethik schert der sich einen Scheißdreck).
Die Anforderungen an das Individuum steigen, parallel dazu der Drogengebrauch, psychische Erkrankungen und die Zentrifugalkräfte der Gesellschaft. Produktionszyklen werden immer kürzer, die Moden immer schneller, Lieferzeiten kürzer, heute bestellt, gestern geliefert, Hochfrequenzhandel an der Börse, dauernde Dienst- und Alarmbereitschaft. Irgendwann geht das an die Grenze der evolutionären Ausstattung, ein Mensch kann mit normaler Muskelausstattung und Hebelwirkung 100 Meter nicht in 5 Sekunden laufen, eine Kilometerzeit von 3 Minuten hält ein Spitzensportler über einen Marathonlauf aus, aber nicht eine Woche hintereinander. Die menschliche Reaktionszeit auf ein Ereignis wird nicht schneller sein als 0,1 Sekunden das gibt schon der Weg von den Rezeptoren zur Cortex nicht her. Testen Sie’s mal hier, wenn Sie dauerhaft im Bereich von 0,2 Sekunden landen, sind Sie gut, dann können Sie sich als Kampfpilot bewerben.
Also irgendwann ist Ende im kapitalistischen Gelände. Aber was passiert, wenn ein System über seine Grenzen kommt? Ein Luftball platzt, wenn man zuviel bläst.
Aber was passiert, wenn der Kapitalismus platzt? In den Peripherien der failed States geht’s dann zurück in die Stammesgesellschaft, mit Subsistenzwirtschaft, jeder baut an, was er braucht. Aber bei „uns“? Mit dem Anbau käme ich klar, ich würde meinen Garten mit Marihuana vollpflastern, der geht nach Süden raus, da hab ich drei Ernten im Jahr, und Handel mit meinen Kumpels im Wendland betreiben, Kartoffeln, Mais, etc. pp.
Aber Stammesgesellschaft? Igitt, mit irgendwelchen fellbehängten Troglodyten Met saufen, am Lagerfeuer dummes Zeug labern und Frauen welche mit der Keule über den Kopf hauen? Und was ist, wenn mein Router abkackt? Horrorvisionen ohne Ende.
Also Gott erhalte uns den Kapitalismus und möge er als selbstlernendes System irgendwann begreifen, dass er dabei ist, sich selbst abzuschaffen.
luci bei berstorff
Trost spendet der Anblick meiner Katze (1996) an meinen damaligen Arbeitsplatz bei der Maschinenbau-Firma Berstorff, immerhin 15 (!) Kilometer von meiner Home Base entfernt.
Ich habe nicht herausfinden können, wie sie damals dahin gelangte.
katze im schnee
Aber sie war ein verdammt zähes Biest, jeden Winter draußen, kein Weg war ihr zu weit und tote Raten sonder Zahl pflasterten ihren Weg. Vielleicht ist sie ja damals tatsächlich 15 Kilometer am Maschsee lang, durch den Stadtwald, an der Stempeluhr vorbei, direkt in mein Zimmer. Luci, wenn du mich da oben im Katzenhimmel hörst:
Du warst die Beste!

26.12.2016 – Der Transport von Tontafeln und Pergamentrollen durch Brieftauben

handyfreie zone
Kirchen – die letzten handyfreien Zonen. St. Clemens, Weihnachten 2016.
Zeitgemäße professionelle Arbeit und Kommunikation ohne Smartphones ist kaum vorstellbar. Der Transport von Tontafeln und Pergamentrollen durch Brieftauben gestaltet sich bekanntlich schwierig. Aber nerven tun die Dinger schon mitunter, selbst im Theater oder in der Oper sieht man auch während der Aufführungen leuchtende Disaplayinseln aus dem dunklen Meer der Versunkenheit blinken. In Kirchen ist das anders, da herrscht noch Rest-Respekt. Nach dem Ende der Veranstaltung macht man schon mal Fotos, aber vorher ist Ruhe im Karton.
In St. Clemens, wo ich mit dem geschätzten Freund und Kollegen vom „Notizblättchen“ zu Ostern und Weihnachten abhänge, war ich mal Messdiener. Ich schätze Rituale, so auch die zwei jährlichen Besuche in der Wirkungsstätte meiner christlichen Vergangenheit. Selbst der sehr ausgeprägte und sich nicht immer auf der Höhe der Aufklärung befindliche Glauben des Freund und Kollegen vermiest mir die gute Weihnachtslaune nicht, zumal es hinterher immer ein paar Minuten hervorragende Orgelmusik gibt. Orgelmusik in solchen Resonanzräumen hat eine ähnlich körperliche Dimension wie die Vibrationen eines Bass bei einem Reggaekonzert.
Dem Glauben bringt mich das genauso wenig näher wie mein mangelndes Verständnis von Existenz und Beginn des Universums. Ich kapiere schon das Betriebssystem meines PC nicht, wie soll mich da so eine Petitesse wie das Universum in eschatologische Sphären katapultieren? Mir fehlt auch die strukturelle Veranlagung von zum Beispiel dogmatischen Ex-Linken, die felsenfest an die alleinseligmachende Wirkung in ferner utopischer Zukunft (= im Paradies) der Marx-Engels Werke, des Materialismus, des Klassenkampfes etc. pp. glaubten. Ich war und bin undogmatischer Linker, der das damals albern fand und wenn man auf solche Relikte heute stößt, nur noch deprimierend findet.
Wenn man in 40 Jahren nichts dazu gelernt hat, obwohl die Rundheit des Kopfes förmlich dazu einlädt, den Gedanken mal eine andere Richtung zu geben, ist das trauriger, als wenn sich solche Ex-Genossinnen auf den Marsch ins andere Paradies, in die Kirche begeben haben. Tragisch wird die Geschichte allerdings dann, wenn da Nazis draus werden, siehe Horst Mahler, Rabehl und andere.
Wo wir schon bei der Vergangenheitsüberwältigung durch die Kraft der Gegenwart sind, muss ich eins noch unbedingt klären:
luci bei berstorff2
Wie kam die große Liebe meines Lebens, meine Katze Luci, im Dezember 1996 an meinen damaligen Arbeitsplatz bei der Maschinenbau-Firma Berstorff, immerhin 15 (!) Kilometer von meiner Home Base entfernt?! Ich hab absolut keine Erinnerung mehr, aber man nimmt doch keine Katze mit an einen Arbeitsplatz in der deutschen Industrie, wo völlig andere Umgangsformen herrschen als etwa in der Werbebranche oder im öffentlichen Dienst?
Und was für eine Software ist das, die da auf diesem maximal 10 Zoll großen Bildschirm im Hintergrund läuft?
Muss vor dem Urknall programmiert worden sein ….

24.12.2016 – Stille Nacht: Natur Gans Esel.

esel
Bei mir um die Ecke. 1991.
Die Natur beherrschen wir durch Kultur, Vernunft und vor allem durch Macht. Macht aber nix, weil: proportional mit dem Anwachsen von Kultur – abzulesen auch an den ständig steigenden staatlichen Ausgaben für Kultur – verschwindet Vernunft aus unserer Gesellschaft – abzulesen auch an der unfassbaren Menge von Ratgebern für Lebenshilfe. Platt gesagt: der Ostgote ist zusehends nicht in der Lage ist, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen. Und neigt in zunehmender Beschränkheit dazu, die ihm gegenübertretende Macht als Naturgewalt zu betrachten. Dass das nicht gut gehen kann, liegt auf der Hand.
Wenn unsere innere Natur gezähmt bleiben soll – die Äußere interessiert mich nicht, ich bin kein Öko – bedarf es vernunftgesteuerter Ausübung von Macht, um die Gesellschaft nicht zu einem Krieg aller gegen jeden ausarten zu lassen.
Da Macht aber interessengesteuert ist, was oft, aber eben nicht immer, vernünftig ist, ist die Welt so, wie sie ist, und die Zeiten von „Stille Nacht“ neigen sich dem Ende zu.
Ich bin daran nicht schuld, ich habe mein Bestes gegeben, unermüdlich war ich, wenn schon nicht im Namen des Herrn, so doch in dem der Aufklärung unterwegs. Was mitunter zu Anflügen von Größenwahn führte.
kalender 1992
Mein Kalender 1992. Das Zitat ist von Brecht.
Kampfzonen, wohin man blickt: innere Natur, äußere Natur, Weltausstellungen, Sanierungsgebiete.
sanierung linden nord
Unser Hausflur 1992. Damals war klar, dass die Expo nach Hannover kommt und für jeden aufrechten Linken galt auch hier das Motto von Groucho Marx: Whatever it is – I am against it.
Nicht ganz so against it waren Teile der Linken, was die Stadtteilsanierung von Linden anging. Unser Haus war im Besitz der Stadt und daher Teil der Sanierung, deren löbliches Ziel es war, Linden-Nord in seiner Funktion als innerstädtischen Wohnstandort zu sichern und zukunftsfähig zu machen. Die Stadtplaner hängten uns schöne handgepinselte Pläne der Verschönerung unseres Gartens in den Hausflur und boten uns im Zuge des Sanierungsabschlusses das Haus zum Kauf an, für wenig Taler.
Sehr wenig Taler. Dem Staat war die Befriedung seiner linksradikalen Elemente was wert. Der Erfolg war überwältigend. Hausbesitzer_innen sind in den seltenen Fällen noch linksradikal, die Modernisierung des Eigentums fordert den ganzen Mann und die ganze Frau. Nur eins hat auf lange Sicht nicht so ganz hingehauen, Zitat: „Es ist ein relativ harmonisches Mit- oder Nebeneinander sozialer Milieus festzustellen, wobei das Quartier aufgrund der verhältnismäßig preiswerten Mieten auch für kreative und innovative Milieus attraktiv ist.“
Das Quartier ist zwar nach wie vor für kreative und innovative Milieus attraktiv.
Aber nicht mehr bezahlbar.

23.12.2016 – Alles eine Frage der Perspektive

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Veranda von oben. Links Donald, rechts Kunstwerk (Tisch, von Knöterich durchflochten). Wird Ihnen leicht schwindelig, obwohl es nur ein Bild ist? Kann auch daran liegen, dass die Fluchtlinien des Fotos alle sehr exzessiv zentralperspektivisch zusammen laufen. Oder dass es Sommer ist auf dem Bild und das am Tag vor Weihnachten.
Ales eine Frage der Perspektive.
Habe vorhin vom Tod des vermutlichen Berlin-Attentäters gelesen. Die christliche Barmherzigkeit eines „Gott schenke seiner armen Seele die ewige Ruhe“ liegt mir nicht so, man muss sich im Leben mitunter entscheiden, ob jemand ein armes oder ein dummes Schwein ist und auch wenn es ein Euphemismus sein mag, der Täter von Berlin war ein dummes Schwein. Ich hege natürlich keinen Hass, aber eins wünsche ich ihm schon: Dass er im Paradies mit 72 oder wie viel auch immer Jungfrauen zusammen eingesperrt wird, wie es in irgendeiner Sure der Korans wohl versprochen ist. Um nicht gänzlich in Sakralkitsch abzugleiten, sollten das aber frauenbewegte Mädels sein, die ihm auch nur bei einem Anzeichen von Übergriffigkeit einer Sister gegenüber synchron und solidarisch aber so was von die Hammelbeine lang ziehen. Wobei ich mit den Hammelbeinen andere Körperteile meine. Die Mädels werden natürlich täglich ausgetauscht. Solche Gesellschaft will man niemandem länger zumuten. Und wenn sich unser Paradiesvogel nach ca. 68.000 Jahren bei der Geschäftsführung beschwert, kriegt er zur Antwort: „Was willst Du? Das ist das Paradies, so wie es im Buche steht. Alles eine Frage der Perspektive!“