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03.08.2024 – Ihr könnt sagen, ihr seid dabei gewesen.

Am 31.07.2024 hatte das Kaufhaus Lafayette in der Berliner Friedrichstr. seinen letzten Tag.

Jetzt schließen sogar schon die Luxuskaufhäuser in der City, das KaDeWe hat ebenfalls nicht erst seit der Benko Pleite Schlagseite. Eigentlich heißt es, Luxus ginge immer, aber selbst das gilt angesichts des Strukturwandels der Innenstädte nicht mehr. Die Innenstädte sind tot und es gibt kein derzeitiges Konzept, was sie wiederbeleben kann. In ein paar Jahren sind auch die letzten Kaufhöfe und Karstädter dicht und dann breitet sich ein Leichentuch über die Cities. Handelsüblich hilflose Vorschläge von den üblichen Verdächtigen aus der linksalternativen Öko-Ecke, die Kaufhäuser mit Kultur zu bespielen, sind naiv angesichts der Milliarden Spekulationssummen, die da im leeren Raume stehen. Da lassen Investoren die Gebäude lieber jahrelang leer stehen. Die seit Jahrzehnten bis auf die Knochen korrumpierten lokallkommunalen Betonmafiosi verhindern zuverlässig rechtlich möglich Eingriffe bis hin zu Enteignungen nach den Paragrafen 14 und 15 Grundgesetz. Möglich wäre ein Umbau zu Wohnungen, das wäre aber ein jahrzehntelanger Umstrukturierungsprozess, weil für menschenwürdiges Wohnen in den Cities erst die Infrastrukturen (wieder) geschaffen werden müssen, von Schulen über Pflegeeinrichtungen bis hin zu Spielplätzen, Parks, ÖPNV etc.
Das kostet Geld. Das wird aber für Kriege gebraucht. Und eine Schuldenbremse wird von der neoliberalen Finanzmafia um Lindner und demnächst Merz so zuverlässig verhindert wie eine Kindergrundsicherung, Klimaschutz, sozial gerechte Bildung und Gesundheit … Wie irrsinnig diese weltweit bis auf die ohnehin unappetitliche Schweiz fast einmalige Schuldenbremse ist, sieht man daran, dass Deutschland im Vergleich eine der niedrigsten Verschuldungsquoten weltweit hat, die seit Jahren in Relation zur Staatsquote insgesamt auf ähnlichem Level ist. Als ob die Verschuldung unser Probem wäre, im Vergleich zu Klimakrise, Inflat üionen, Seuchen, Armut, Migration etc…
Und ist es auch Wahnsinn, so hat es doch Methode und ich finde es erschreckend, aber auch faszinierend, Zeuge der Konsequenzen dieses Wahnsinns zu sein. Ein Gefühl für die psychopolitischen Auswirkungen der Zerstörung unserer Lebensgrundlagen von der Natur über die Kultur bis zu den Städten kann nur der wirklich und tiefgreifend erlangen, der sich jenseits der theoretischen Ebene, jenseits seiner individuellen Wohlfühlzonen, mit der Realität konfrontiert. Hautnah, mit allen Sinnen


Und so stand ich am 31.07 im Lafayette. Dem Spruch des Geheimrats folgend, den er real nie gemacht hat: „„Von hier und heute geht eine neue Epoche der Weltgeschichte aus, und ihr könnt sagen, ihr seid dabei gewesen.“ Kleiner mach ich’s nicht.
Ein Gefühlscocktail von Wehmut, Melancholie, Ärger, Trauer durchwob mich, schon gar angesichts der Tatsache, dass die kleine Bar, mit Restaurant, im Basement schon geschlossen hatte. Ab und zu hatte ich in einem Anfall von Luxus dort einen Crémant getrunken, in diesem eigentümlich-veralteten Ambiente von französischer Lebensart, savoir-vivre. Wenn es einen Ort von demokratischem Luxus gegeben hat, dann das Lafayette.

Wo auch die niederen Schichten mal durchflanieren konnten, an Versace, Dior und Chanel schnuppernd, und – wie ich – teilhaben am Ganzen mittels eines Gläschens. Wir kamen mit einer Frau, offensichtlich den gehobenen Ständen zugehörig, ins Gespräch. Für sie war das Ende des Lafayette ein Verlust an Kommunikation und Teilhabe, kam sie doch regelmäßig ein-, zweimal die Woche für Gläschen dorthin, zum Schwätzchen, und fluchte – dezent – nun auf das Internet, dass den Einzelhandel und überhaupt alles Stilvolle kaputt macht.

Es gibt tragischere Schicksale, draußen vor der Tür, Obdachlose auf Bänken, aber auch dieses gehört dazu, zum Verfall von bewährten kulturellen, sozialen Standards. Und es gehört zur Produktion einer Stimmung in der Gesellschaft, die definitiv nicht Demokratie erhaltend wirkt.
Ein paar Jacken und drei, vier Flaschen Rotwein standen noch zum Verkauf, für 50 Prozent. Zwei Haut-Brion und ein Mouton-Rothschild, je um die 1.300 als Altpreis. Ich äugte in mein Nordsee-Portemonnaie. Das würde nichts werden, mit mir und dem Rothschild. War mal wieder Ebbe.

31.07.2024 – Recht auf Faulheit!

NP, 08.10.1991. Wie wir einmal den Sieg der Linken verhinderten. Wenn schon Blick in den Rückspiegel, dann aber richtig. Einer meiner absoluten Lieblings-Medienskurrilitäten, die über mich erzählt wurden. Die Linken glaubten diesen Unsinn auch und boten uns eine proletarische Tracht Prügel an. Da wär ich gerne dabei gewesen. Dieser Artikel ist aber insofern von unschätzbarer Dokumentationsqualität, ist hier doch nachgewiesen, dass SCHUPPEN 68 die erste Satirepartei in Deutschland war, die zu einer Wahl antrat. Die Parte „Die Partei“ wurde erst 2004 gegründet.

So erhaben der Blick zurück sein mag, so trostlos ist der in die politische Gegenwart. Ganz zu schweigen von dem in die Zukunft. In den letzten beiden Blogs ging es um Fakten und Einordnung der aktuellen Hetzkampagnen gegen Bürgergeld-Empfänger*innen, Populisten aller Art können sich der breiten Unterstützung des Mobs dabei sicher sein. Die sind ja alle faul und wollen nicht arbeiten.

Ach, wenn es doch nur so wäre. Alle, die trostlose, schlecht bezahlte, krankmachende, sinnlose Arbeit verweigern, haben das moralische Recht auf ihrer Seite und verdienen das Bürgergeld allein als Schmerzensgeld für all die Kränkungen, die sie erfahren. Das Bürgergeld muss verdoppelt werden, allein für die Funktion des gesellschaftlichen Sündenbocks, die allen Stütze-Bezieherinnen angehängt wird.

Teile der Begründung für das Recht auf Faulheit liefert der Schweigersohn von Karl Marx, Paul Lafargue, in der gleichnamigen Schrift  von 1880!

Eine Argumentation, die man heutzutage in der Öffentlichkeit nicht verwenden kann. Wer den Fetisch, die Religion „Arbeit“ antastet, begeht einen Tabubruch und wird für verrückt und asozial erklärt. Dabei ließe es der Stand der Produktivkräfte längst zu, alle entfremdete, zerstörende Arbeit zu automatisieren. Was immer häufiger passiert, siehe Gastronomie- und Pflegeroboter. Das könnte den Menschen Freiheit von entfremdeter Arbeit bringen, würde aber die Axt an die Wurzeln des Kapitalismus legen. Daher kommen die Profite der Automatisierung weiter den Konzernen und Monopolen zugute, deren Reichtümer unfassbare Ausmaße annehmen. Die Risiken und Kosten werden der Gesellschaft, dem Staat überlassen. Der daraufhin eine Hetzjagd gegen die Opfer dieser Entwicklung lostritt. Was für eine verrückte Welt.

Und niemand, noch nicht einmal die Filosofen, Denker und Kulturschaffenden denken mal radikal dagegen an, weil sie sich erschöpft in die Verhältnisse ergeben haben. Alle. Bis auf einen.

30.07.2024 – Der Himmel aber verfluche die Heuchelei und das Pharisäertum der Selbstgerechten in der BRD, sie wird der Zorn des Gerechten treffen.

Linden-Limmer Buch. Hannover 1998. Den zornigen Blick in die Gegenwart mildert der in die Vergangenheit. Früher war alles besser, früher war alles SCHUPPEN.

 Blick in die Gegenwart. Nachdem gestern die Abteilung Polemik & Attacke in Sachen gesellschaftliches Mobbing gegen Bürgergeld-Bezieher*innen bedient wurde, wenden wir uns heute der Abteilung Fakten & Zahlen zu.

Zitat Bundesministerium für Arbeit & Soziales, 24.07.2024:

„ …. Falsch: „Bürgergeld-Bezieher sind faul.“

Richtig: „Die Lebensumstände der Bürgergeld-Beziehenden sind vielfältig. Viele pflegen Angehörige, besuchen Sprachkurse, holen eine Ausbildung nach, sind alleinerziehend oder chronisch erkrankt. Von rund 5,6 Millionen Bürgergeld-Beziehenden sind zudem nur rund 4 Millionen überhaupt erwerbsfähig. Von diesen sind mehr als die Hälfte in ungeförderter Erwerbstätigkeit, in einer arbeitsmarktpolitischen Maßnahme, gehen zur Schule, studieren, pflegen Angehörige, erziehen Kinder oder stehen aus anderen, triftigen Gründen dem Arbeitsmarkt nicht oder nur sehr eingeschränkt zur Verfügung. Weniger als die Hälfte der erwerbsfähigen Bürgergeldbeziehenden sind überhaupt arbeitslos und hiervon wiederum verweigern nur einige wenige nachhaltig die Aufnahme einer Arbeit …. “

Wie viele verweigern die Arbeit, verstoßen gegen die Regeln?

Zitat Statistisches Bundesamt, 22.03.2024:

„ … Die CDU hat ein Konzept zur Veränderung des Bürgergelds vorgestellt, in dem es auch darum geht, Menschen die Arbeit verweigern, die Leistungen zu streichen. Wie die Statista-Grafik mit Daten der Bundesagentur für Arbeit zeigt, betrifft dies nur eine sehr kleine Gruppe der Hilfebedürftigen. So waren im Jahr 2021 nur 1,4 Prozent bzw. rund 52.000 Menschen von Leistungsminderungen betroffen, die aufgrund von Verweigerung der Aufnahme oder Fortführung einer Arbeit gegen sie verhängt worden sind. In den Jahren davor bewegte sich dieser Anteil auf einem ähnlich niedrigen Niveau.“

Hintergrund-Info: Die Hälfte der Bürgergeld-Bescheide sind falsch. Ca. ein Drittel der Widersprüche gegen Entscheidungen der Jobcenter sind erfolgreich. Ursache: Die Jobcenter sind zu einem unkontrollierbaren, willkürlich vorgehenden kafkaesken Bürokratie-Monster geworden. Es ist also davon auszugehen, dass sich die Zahl von 52.000 Sanktionierten im Nachgang noch erheblich reduziert.

Wie sieht es mit Regelverstößen beim Rest der Bevölkerung aus?

 Allein im Verkehrsbereich letztes Jahr 240.000 Straftaten und 4 Millionen Ordnungswidrigkeiten. (Die 52.000 Verstöße im obigen Sinne bei Jobcentern sind Ordnungswidrigkeiten.) Der Schaden von Regelverstößen nur im Verkehrsbereich mit Hunderten von Toten geht in die Milliarden.

Der materielle Schaden durch Arbeitsverweigerung durch eventuell unrechtmäßig bezogene Leistungen dürfte sich im knapp zweistelligen Millionenbereich bewegen. Der Schaden, den allein die Straftäter im Cum ex-Steuerbetrug angerichtet haben und weiter anrichten, ist mehr als tausendmal so hoch. Schätzungen gehen mittlerweile von 150 Milliarden Euro weltweit aus.

Nachtrag: Eine Steuer auf Milliardäre wurde bei einem Treffen von 20 Finanzministern aus aller Welt von zwei Ministern abgelehnt: USA. Und Deutschland.

Der Himmel aber verfluche die Heuchelei und das Pharisäertum der Selbstgerechten in der BRD, wird sie doch der Zorn des Gerechten treffen. Heißt es doch bei Matthäus 7,3  „Warum siehst du den Splitter im Auge deiner Schwester, aber den Balken in deinem Auge bemerkst du nicht?“

29.07.2024 – Ick kann janich so viel fressen, wie ick kotzen möchte!

Spiegel online, 29.07.2024, 7.31 Uhr, screenshot. Bei den abgebildeten Herren(menschen) neben dem Bürgergeld-Artikel handelt es sich um das CDU-Duo Gru & Selig. Links Carsten Nilleman, rechts Friedrich SchMerz. Oder umgekehrt. Beide sind nicht zu unterscheiden, sobald sie den Mund auftun. Bei den Beiden wurden erstmals Klonversuche von Menschen durchgeführt. Noch erfolglos, außer einer humanoiden Hülle haben beide im Verlauf des Experimentes menschliche Eigenschaften weitgehend verloren. CDU-Generalsekretär Carsten Linnemann kann sich für eine sechsstellige Zahl von Personen vorstellen, das Bürgergeld komplett zu streichen. Sechs Stellen geht bis 999.999.

Der Chef des CDU-Arbeitnehmerflügels Bäumler erinnert ihn daran, Menschen in Deutschland dem Hunger auszusetzen, sei mit dem christlichen Menschenbild nicht vereinbar.

Klaus-Dieter Gleitze, Chef des SCHUPPEN 68, ex Geschäftsführer der Landesarmutskonferenz Niedersachsen und führender Sozialexperte Norddeutschlands, erinnerte daraufhin Bäumler an die Bibel, in der es in 2.Thessalonicher 3,10 heißt: „Denn als wir bei euch waren, geboten wir euch dies: Wenn jemand nicht arbeiten will, so soll er auch nicht essen!“ Und weiter, 3.11: „Wir hören nämlich, dass etliche von euch unordentlich wandeln und nicht arbeiten, sondern unnütze Dinge treiben.“ Es gehört also sehr wohl zum christlichen Menschenbild, Menschen verhungern zu lassen, und zwar jene, die unordentlich wandeln und unnütze Dinge treiben.

Besser kann man die erfolgreichste Ideologie der Menschheitsgeschichte, die Kombination von Kapitalismus und ihn legitimierende christliche Ideologie, nicht in zwei Sätze fassen. Wohin eine derartige Ideologie führen kann, zeigt sich im zynischen Spruch „Arbeit macht frei“, der am Eingang der Konzentrationslager der Nazis stand und am Abgrund der Zivilisation, an dem zu Auschwitz. Der Philosoph und Theologe Kierkegaard dekretierte im 19. Jahrhundert einen Vorläufer dieses Spruchs: „Gerade durch die Arbeit macht der Mensch sich frei, durch die Arbeit wird er ein Herr der Erde, durch die Arbeit endlich beweist er es, dass er über der Natur steht.“

Das ist übrigens auch Marx pur, diese Vergötzung des Fetischs Arbeit, in der Auseinandersetzung mit der und Herrschaft über die Natur.

Wahrlich, wahrlich, ich aber sage Euch: „Was gibt es herrlicheres, als unordentlich zu wandeln und unnütze Dinge zu treiben.“

 Gerne würde ich das Schreiben des heutigen Blogs unter unnütze Dinge treiben subsummieren und hinterher unordentlich, nämlich nackt, im Garten in der Sonne wandeln. Es ist aber ein Akt der Aufklärung, den ich hier vollziehe, und insofern nützliche Arbeit.

Was ich besonders widerlich an Linnemann finde: Er drischt auf die Schwächsten ein, denen mittlerweile jede Kraft zur Gegenwehr fehlt.

Die Landesarmutskonferenz wird im ‘Au gust eine Satire-Aktion in der City von Hannover durchführen, bei der alle auf Bürgergeldempfänger*innen eindreschen können, so wie es zur Zeit in der Gesellschaft stattfindet. Sündenbock für alle Krisen dieser Zeit gesucht und gefunden. Siehe Altes Testament: „ .. So wird aus dem „Bock für Asasel“, der mit den Sünden des Volkes beladen in die Wüste geschickt wird, der „Sündenbock… “.

Die Realmontage oben im Screenshot „Bürgergeld streichen vs. Milliardensubventionen von DAX-Konzernen“ ist selbsterklärend.

Enden möchte ich mit einem Zitat des Berliner Malers Max Liebermann: „Ick kann janich so viel fressen, wie ick kotzen möchte!“

28.07.2024 – Das Leben ist ein schlechter Film

26.07.24: Die einzige Sonnenblume Goldener Neger, die bisher bei mir aufgeblüht ist. Normalerweise wölbt sich immer um diese Jahreszeit eine Kuppel von zahlreichen blühenden Goldenen Negern über meinem Haupt, wenn ich auf die Veranda trete.

Das Gras ist in einem desolaten Zustand. Der Dauerregen, mit teils extremen Niederschlägen in kürzester Zeit wie nie zuvor, lässt die Ernte auf dem Stängel verfaulen, verkümmert den Goldenen Neger und verhindert eine angemessene Reifung von Zucchini und anderem Gemüse.

Wir sind mitten drin.

Am 26.07.24 wurden zur Eröffnung der Olympischen Spiele durch Anschläge auf das Eisenbahnnetz in Frankreich die Hauptverkehrsadern stillgelegt. (Wenn Sie mich fragen: Linksextreme Handschrift, Gewalt gegen Exponenten und Strukturen des Systems. Faschisten wie Islamisten praktizieren immer Terror gegen die Massen). In Neapel gab es ein schweres Erdbeben auf den Phlegräischen Feldern. Donald Trump behauptete, würde er nicht gewählt, gäbe es einen dritten Weltkrieg. In Bayreuth gibt man zur Eröffnung der Wagner Festspiele „Tristan und Isolde“.

Wäre ich ein schlechter Regisseur, sähe mein Pitch für einen Blockbuster-Film ungefähr so aus:  

Intro: Schnell montierte Sequenzen von der Eröffnung in Bayreuth, wo sich die Elite der Republik mit Champagner zuprostend in edler Abendgarderobe ein fröhliches Stelldichein gibt. Tanzende bei einem Ball. Musik: Walzer. An der schönen blauen Donau.

Schnitt: Der Held des Filmes, er wird K. genannt, tritt auf seine Veranda und prüft mit düsterem Blick die Sonnenblumen- und Marihuana-Ernte. Es regnet ohne Unterlass. Musik: Die langsam anschwellende, düstere Ouvertüre von Tristan und Isolde. K. setzt sich an seinen Schreibtisch und notiert in sein Tagebuch, mit einem Montblanc Masters of Art-Füller, damit auch der letzte Blödmann merkt, K. ist was besonderes:
„26.07.2024: Das Leben ist ein schlechter Film. Überall bebt die Erde. Terroranschläge auf der ganzen Welt, der dritte Weltkrieg steht vor der Tür. Und nun steht es fest: Die Sonnenblumen-Ernte ist eine Katastrophe. Marihuana noch schlimmer. Durch den nie dagewesenen Regen verfault die Ernte auf dem Stängel. Hätte ich nicht noch 40 kg Gras aus früheren Ernten in der Scheuer, wäre ich erledigt. Nun muss ich in der Kita nebenan dealen, sonst komme ich nicht durch den Winter. Göttin helfe mir. …. „

Schnitt: Neapel. Kamerafahrt fängt buntes Leben in den engen Gassen ein. Dicke, fröhlich singende neapolitanische Mamas schrubben Wäsche in Bottichen und hängen sie zwischen den Häusern den engen Gassen auf, während dicke, fröhliche, schnauzbärtige Neapolitaner Lieder wie „La donna è mobile“ singen, Pasta und Pizza essen und sich fröhlich mit Rotwein zuprosten. Wie der Italiener halt so ist. Auf einmal ein schweres Erdbeben, Dachziegel fallen in die Pasta, die Neapolitanerinnen kreischen: Mamma mia und die Neapolitaner rufen lauthals: Pronto. Barolo. Ravioli. Mussolini. Dann wälzt sich ein gigantischer pyroklastischer Strom vom Vesuv herab und begräbt Teile Italiens unter sich.

Schnitt, in schneller Folge:

Explodierende Eisenbahnen, Bahnhöfe, Flughäfen, etc. Dunkle Gestalten mit Molotow Cocktails in der Hand und Corona-Masken eilen durch die Nacht

Schnitt:

Donald Trump, Mund in Großaufnahme:
„Heute um 5.45 Uhr hat der Dritte Weltkrieg begonnen“. Atompilze überall.

Am nächsten Tag landen Aliens im Garten unseres Helden und implementieren in seinem Hirn neuronale Netze, die es ihm ermöglichen, binnen Sekundenbruchteilen Lösungen für alle Probleme dieser Welt zu identifizieren und in die Praxis umzusetzen, mit einfachsten Mitteln: Impfstoffe gegen Seuchen, Resistenzen gegen Strahlungen, Krebsheilungen und vor allem mit der Genschere  CRISPR/Cas  derartige Eingriffe in das menschliche Genom vorzunehmen, dass Menschen z. B. eine Allergie gegen den Kapitalismus entwickeln.

Das ruft natürlich alle Bösewichter des Planeten auf den Plan und endlose Hetzjagden auf K. beginnen. Filmisch hat das Ganze kafkaesken Charakter, was in Verbindung mit den Action Szenen neue ästhetische Maßstäbe setzt, eine neue Ära des postmodernen kapitalismuskritischen Filmes beginnt.

Roland Emmerich, übernehmen Sie.

So weit, so lustig. Der Auslöser für diese Flucht in filmische Phantasiewelten ist ein sehr prosaischer. Der nächtliche Wolkenbruch hat Wasser durch die Verandatür gedrückt. Nicht viel, die Fußmatte ist nass.  Aber sowas hatte ich noch nie.

Wir sind mitten drin.

24.07.2024 – Über die Funktion von Pop und Fußball als kulturelle Massenphänomene in Zeiten demokratischen Verfalls. Teil 2: Der Übergang.

Langspielplatte. Themenzentriert. Die Vinyl-Langspielplatte setzte sich nach dem Zweiten Weltkrieg deshalb als Medium durch, weil sie, industriell massengefertigt, kostengünstig Pop-Künstler*innen die Möglichkeit gab, Konzeptalben zu produzieren, sich detaillierter und intensiver mit Themen auseinanderzusetzen. Beispiel von 1969: Die Rockoper „Tommy“ von The Who . Technologische Veränderungen erweiterten also die künstlerischen Möglichkeiten und diese Dialektik trug mit dazu bei, den Pop aus seiner subkulturellen Nischenfunktion in den Mainstream und damit in eine globale, grenzenlose Kapitalverwertung zu integrieren, so wie sie sich heute darstellt. Aus emanzipatorischer Sicht ist die Frage: Wo, ab wann und wie schlägt der zeitgenössische, fast völlig entpolitisierte Pop vor allem in seiner Version als Stadion-Rock von einer reinen Kapitalverwertungsmaschinerie in ein Instrument um, das die kulturelle Hegemonie im Sinne einer Faschisierung der Gesellschaft befördert?

Ähnliches gilt auch für den Stadion-Fußball. Der ebenfalls aus einer Nischenkultur als Arbeitersport zu einem globalen Massenphänomen im Spätkapitalismus geworden ist und mit seinen kommerziellen Sumpfblüten und Korruptionen dessen neoliberale Auswüchse auf neue Höhen treibt.

Wer hätte nicht schon bei derartigen Stadion-Massenaufmärschen, den Rock-Dramaturgien mit ihren Lichtdomen, rauschhaften Fussball-Chorgesängen der Zehntausenden und ikonisch inszenierten Idolen auf der Bühne, auf dem Platz, an die Nürnberger Reichsparteitage auf dem (Led) Zeppelinfeld gedacht . Wo nach dem Krieg Rockkonzerte stattfanden.

Der Faschismus verfolgt im Wesentlichen drei Strategien, die sich parallel ergänzen und überlagern, zur Machtübernahme: Beteiligung an demokratischen Wahlen, die Ausübung von Gewalt und Terror, die Erlangung kultureller Hegemonie. Den aktuellen Stand der Machtbeteiligung mittels Wahlen werden wir im September beobachten, wenn die AfD in drei ostdeutschen Bundesländern die stärkste Partei wird. Flankierend haben jetzt die Nazis in Sachsen den einzigen parteilosen Landrat der nicht von der CDU gestellt wird, mit Gewaltandrohungen zum Rücktritt getrieben. Immer mehr Antifaschist*innen stellen drüben ihre Arbeit ein, aus Angst um ihr Leben. Unabhängige Jugendzentren machen „drüben“, aber nicht nur da, dicht. Sie fallen als wesentliche Träger diverser, bunter Kultur aus. Was bleibt, ist Stadionrock, Tekknofeste, Mainstreammüll. Und Rechtsrock. Die personellen Identitäten zwischen Rechtsrock, der Hoolszene im Fußball und faschistischen Parteien sind flächendeckend, tiefgreifend und verschaffen einer faschistischen Legitimation in der gesamten Alltagskultur eine schlagkräftige Durchsetzung.

Auch in Thüringen wird im September gewählt. Thüringen war das erste Land, in dem die NSDAP in der Weimarer Republik an der Regierung beteiligt wurde, 1930. Sofort wurde dort die Schul-Lektüre von „Im Westen nichts Neues“ von Erich Maria Remarque verboten und 70 Kunstwerke aus dem Weimarer Schlossmuseum als entartet entfernt.

Kulturelle Hegemonie, als Zangenbewegung, in diesem Fall von oben durchgesetzt.

Wenn man vor diesen Hintergründen die offensichtlichen psychischen Bedürfnisse der Konsumentinnen berücksichtigt, die im Stadion-Rock und Fußball befriedigt werden und die politisch funktionalisiert werden können, kann einem nur gruseln: Die Verschmelzungs-Sehnsucht, in der Masse aufzugehen, eins zu werden mit Zehntausenden, am Ende Millionen, Teil zu werden einer großen Erlösergemeinschaft. Und die bedingungslose Identifikation mit dem Führer-Idol, oben auf der Bühne. Oder auf dem Rednerpult.

Skurrile Randnotiz: Die Träger der früheren Nischenkulturen Pop und Fußball, Subkulturen und Arbeiter, sind vom Konsum „ihrer“ früheren Kultur in den Stadien mittlerweile durch den Preis ausgeschlossen. Subkultur-Angehörige, prekäre Existenzen wie Bürgergeldbezieher*innen, können noch nicht mal davon träumen, hunderte von Euro Eintritt, bei Schwarzmarktpreisen bis zu 5.000 Euro, für Taylor Swift oder ähnliche Konzerte zu bezahlen. Ähnliches gilt für einen Facharbeiter, der Familie hat. EM-Finale in Berlin? Eher nicht.

Demokratie im Übergang.  Quo vadis, Germania?

22.07.2024 – Über die Funktion von Pop und Fußball als kulturelle Massenphänomene in Zeiten demokratischen Verfalls. Teil 1: Die Geburt.

Bild, 22.06.2017. Warum uns die Welt beneidet. Kultur … Und Fussbal sowieso. Politische Stabilität nicht zu vergessen

Pop und Fußball sind global die herausragenden kulturellen Massenphänomene mit wachsender Bedeutung, auch ökonomisch. Beide sind die letzten Großerzählungen, die noch eine Klammer zwischen den disparaten gesellschaftlichen Gruppen herstellen können. Das letzte Lagerfeuer, an dem sich alle versammeln. Wenn einem nichts mehr einfällt, redet man über Taylor Swift und den gestohlenen Elfer bei Deutschland-Spanien. Da kann jede was zu sagen.  

Die Frage ist: Was richten diese Massenphänomene aus (oder: an?) in Zeiten demokratischen Verfalls, beschleunigen sie ihn, haben sie friedensstiftendes Potential? Neutraler, und grundlegender: Welche Funktion haben sie überhaupt?

Beide kommen ursprünglich aus Nischen: Fußball war jahrzehntelang Arbeitersport, abzulesen unter anderem an der immer noch quasi religiös beschworenen Einheit von Fußball und Kohlekumpels im Ruhrpott, siehe Dortmund und Schalke. Ein mit nichts mehr gefüllter Mythos. Pop, hier verstanden als alle populäre moderne Massenmusik wie Rock, Schlager, Jazz, Rap etc., war früher mit allen sonstigen Ausprägungen wie Mode, Sprache, Habitus eine Erscheinung der Subkultur. Sex and Drugs and Rock‘n Roll.

 Beide wurden vom bürgerlichen Mainstream verachtet, ja regelrecht gehasst, und von den Medien gemieden. Fußball wurde noch in den 70ern in der Sportschau gleichberechtigt übertragen neben Radball, Galopprennen und Rhönradfahren. Pop fand weder im TV noch im Radio statt bis in die 60er, da musste man schon amerikanische Soldatensender hören.

Das änderte sich mit dem gesellschaftlichen, technischen und ökonomischen Wandel im Rahmen und als Folge des Wirtschaftswunders. Wachsender Wohlstand, Aufkommen der Konsumgesellschaft, gesellschaftliche Schranken zwischen Klassen und Schichten wurden abgebaut, Liberalisierung, mehr Toleranz, kulturelle Neugier auf der einen und das Aufkommen neuer Medien wie das Fernsehen, Cassettenrekorder, Vinyl auf der anderenSeite, um nur ein paar Bedingungen für Wandel zu nennen: Die Trüffelschweine des Kapitals erkannten sofort zwei gigantische Goldgruben. In den 60ern wurde mit der Bundesliga der Profifußball in Deutschland eingeführt und dem Rock mit dem Aufkommen von Supergroups die rebellische, unkommerzielle Attitüde ausgetrieben. Love and Peace wurden zu Konsumartikeln. Ein Millionengeschäft, das sich im Laufe der folgenden Jahre in ein Milliardengeschäft ausweitete und seine Heimat im Stadion fand. Vergötterte Idole im Pop und im Fußball. Das Stadion ist die neue Kathedrale der Postmoderne, wo die Gläubigen in ekstatische Verzückung verfallen, wenn Christus an Drahtseilen vom Himmel schwebt. Eine beliebte Inszenierung bei Popkonzerten.

Das Analogon im Fußball ist die magische Berührung von und das Selfie von Flitzern mit dem Halbgott Ronaldo, vergleichbar mit der Heilung durch Handauflegen von Christus. Dessen Vater Zimmermann war. Zimmermann, da war doch was. Bob Dylan, teilweise der religiösen Rechten zugehörig , heißt eigentlich Robert Zimmermann. Halleluja.

Über die Bedeutung von Kulturindustrie im Spätkapitalismus gibt es in der Nachfolge von Adorno und Horkheimer, besser noch Walter Benjamin, massenhaft Literatur, von größeren Schlaubergern als ich es bin . Da es aber keine nennenswerte Linke mehr gibt, kein Schwein mehr Frankfurter Schule liest und kritisches Gedankengut auf dem Markt der Beliebigkeiten für ein Appel und Ei zu haben ist, kann man ja ab und zu an Grundlegendes erinnern. Vor allem dann, wenn der Spätkapitalismus in eine neue Phase eintritt. Niemand weiß, was dabei herauskommt und welche Funktionen Kultur dabei hat. Man kann daher gar nicht oft genug daran erinnern, dass Hauptstrategie faschistischer Machtübernahme die Herstellung von kultureller Hegemonie in der Gesellschaft ist. Der Spätkapitalismus ist aktuell offensichtlich dabei, sich von seiner lästigen Hülle Demokratie zu befreien, ohne den eigenen Untergang befürchten zu müssen. Wie wunderbar Spätkapitalismus ohne Demokratie funktioniert, kann man ja in China bewundern. Warum nicht auch bei uns?

Nachdem wir heute kurz die Geburt von Pop und Fußball als kulturelle Massenphänomene angerissen haben, gucken wir den beiden Kindern beim nächsten Mal zu, was für Schaden sie beim Erwachsenwerden anrichten können.

20.07.2024 – Once in a Lifetime. Oder: Im Paradies für eine Saison.

Veranda Pergola aus Wein

Es gibt archaische, biblische Vorstellungen vom Paradies, wo einem gebratene Tauben ins Maul fliegen und Weintrauben in den Mund wachsen. Wenn das mit dem Paradies auf Erden schon immer schwieriger wird, so wollte ich diese Utopie wenigstens einmal verwirklichen. Ich ließ also auf meiner Veranda Wein für eine Pergola so wachsen, dass mir morgens beim Raustreten die reifen Trauben ins Maul fallen. Zwar muss ich mich mit den Amseln um die Trauben prügeln, aber sie sind jetzt schon nahezu reif, obwohl der Sommer bisher dafür schrecklich war. Wenn das so weitergeht, sollte das ein gruseliger Wein-Jahrgang werden.

Das Konstrukt ist wenig durchdacht, die reifen Trauben ziehen den Befestigungsdraht nach unten. Und immer wenn es regnet – und es regnet in diesem Jahr immer, das Jahr mit dem höchsten Niederschlag seit Beginn der Aufzeichnungen – wird das Laub schwer. Der Regen hängt im Wein und zieht ihn zusätzlich runter, so dass ich dauernd nass werde, weil ich daran stoße. Und ich stoße immer daran. Aber in den lichten Momenten wie heute, wenn die Sonne warm die Haut streichelt, ein Gefühl von Stillstand der Zeit über dem ruhigen Garten schwebt und ich mit den Zähnen die reifen Trauben aus der Rebe beiße, in diesen kurzen Momenten ist das Paradies nahe. Und nur für diese paar Momente hat der Aufwand und die Inszenierung gelohnt. Außerdem kann ich jetzt auf der Veranda sitzen, auch wenn die Sonne drauf scheint. Und ich verspüre in mir dann ein griechisches Gefühl. Der Grieche an und für sich hat einen starken Hang zur Pergola, wegen Schatten. Und schon im Barbier von Sevilla heißt es ja: Pergola hier, Pergola da.

Sitzen geht da sonst nicht. Die Rekordtemperatur dieses Jahr in der Sonne liegt bei 53,4 Grad und da kocht das Eiweiß im Körper.

Interessant aber und nun wechseln wir von der Abteilung Lyrik in die Naturwissenschaft, ist folgende Tatsache: Der Wein oben rankt über ca. 2,50 Meter. Diese Strecke reicht schon aus, die Trauben unterschiedlich üppig und früh reifen zu lassen. Je näher an der Wärme speichernden und reflektierenden Hauswand, desto üppiger und früher reif

Nahe an der Hauswand

Am weitesten entfernt

Im Herbst kommt das Ding wieder weg, wird kurz geschnitten. Mir bleibt die Genugtuung, einmal im Leben eine Utopie von Paradies verwirklicht zu haben. Once in a lifetime. Die Musik dazu zum Sommertanz gibt es hier hier: Once in a Lifetime .

Eine schöne Geschichte ist das für einen Lebensratgeber: „In 14 Kapiteln zum Glück oder: Wie ich mich selbst authentisch verwirkliche.“ Ich schreibe sowas gerade und Sie, liebe Leserinnen, kommen live und direkt in den Genuss meiner gesammelten Weisheiten, bevor das Werk die Bestsellerlisten erstürmt.

19.07.2024 – Ich hab’s ja gleich gesagt

So liebe ich Massenveranstaltungen, außer mir keiner da. Fanmeile Brandenburger Tor, zwei Tage vor Endspiel. Gestern gab es bei einer Massenveranstaltung, einem AC/DC Konzert mit 90.000 Besuchern in Stuttgart, zahlreiche Verletzte und Panikattacken, weil auf den Anzeigetafeln fälschlicherweise stand, die Leute sollten an den Notausgängen rausgehen.

Ich habe ja eine blühende Phantasie und mir vorgestellt, wie bei einer Massenveranstaltung von Faschisten mit einem charismatischen Führer auf den Anzeigentafeln „fälschlicherweise“ angezeigt wird, dass jetzt alle in ein linkes Zeckenviertel, wo auch viele Migrationshintergründlinge leben, marschieren und für Ordnung sorgen sollen. Gut, dass es in Deutschland keine Faschistenführer mit Charisma gibt. Noch nicht. Nur Krampfhennen wie Weidel, Bäckerburschen wie Chrupalla und Witzfiguren wie der Goebbelsimitator Höcke. Wobei der kreischende Hitler mit Schaum vor dem Maul ja schon in der Weimarer Republik vielen eher wie eine Witzfigur vorkam. Ein grausiger Witz, bei dessen Massenveranstaltungen und Reden später Frauen vor Entzücken über diesen messianischen Erlöser ähnlich ekstatisch reagierten wie später bei Beatles Konzerten, wo der Saal hinterher gerüchtweise heftig nach Urin gerochen haben soll. Männer zerlegten bei sowas schon mal ganze Konzertsäle.

AC/DC, Bruce Springsteen, Roland Kaiser, Marius Müller-Gesternhagen etc. pp., jetzt sind sie alle wieder unterwegs, die Stadion-Dinosaurier, die seit Jahrzehnten den immer gleichen Quark breittreten und mit dafür sorgen, dass es im Pop keine Innovation mehr gibt. Ein Phänomen, dass auch in anderen Kulturbereichen zu beobachten ist. In der Malerei gibt es Blockbuster-Ausstellungen von Megastars wie van Gogh, Rembrandt, aktuell Caspar David Friedrich, für deren Besuch Sie Zeitfenster buchen müssen. Innovationen, neue Trends in der Bildenden Kunst finden nicht statt. Street Art ist mittlerweile alter Käse und der Hype um digitale Kunst ist längst geplatzt. Da ging es auch nur um das Medium der Digitalität, nicht um Inhalte.

Über Geschmack lässt sich nicht streiten. Ebenso wenig über die Breitschaft der Massen, für Stadionkonzerte Irrsinnspreise zu bezahlen. (Das hier Geschilderte gilt auch für Stadionfussball, siehe EM). Da kostet eine Karte schon mal das, was ein Bürgergeldbezieher im Monat kriegt und auf dem Schwarzmarkt das Vielfache. Zum Taylor Swift Konzert in Grellsenkichern fliegen Besucherinnen aus Kanada an, weil das billiger ist als das Konzert im Heimatland. Grotesk, aber in seiner Dekadenz ein weiterer Beleg dafür, dass wir uns in einer Phase von Fin de Siècle befinden. Auf Grund der Irrsinnspreise für seine Konzerte löste sich das von Springsteen-Fans betriebene Magazin »Backstreets« auf, das seit 43 Jahren über den Sänger berichtet hatte. Die Redaktion sei »entmutigt, niedergeschlagen und, ja, desillusioniert« . Springsteen machte früher ausgeprägt auf dicke Hose eines „Ich bin einer von Euch, working class hero.“ Solche Attitüden von millionenschweren Popstars waren in den 70ern schon lächerlich. Heute sind sie grotesk und spiegeln die komplette Kommerzialisierung auf Basis von medialen Inszenierungen eines aus den Fugen geratenen neoliberalen Marktes und seiner Jünger wider.

Das aber ist wie gesagt alles Geschmackssache und über den lässt sich nicht streiten. Streiten sollte man allerdings schon über die psychischen und damit politisch funktionalisierbaren Dispositionen, die der Faszination an Massenveranstaltungen wie Stadionkonzerten zugrunde liegen. Warum finden Menschen ihr Glück dort? Neben dem Genuss der ewig gleichen Akkorde, was ihnen Beständigkeit in einer aus den Fugen geratenen Welt vorgaukelt? Zwei Erklärungen fallen mir spontan ein, bei denen mich angesichts der gesellschaftlichen Entwicklung gruselt: Die Verschmelzungs-Sehnsucht, in der Masse aufzugehen, eins zu werden mit Zehntausenden, am Ende Millionen, Teil zu werden einer großen Erlösergemeinschaft. Und die bedingungslose Identifikation mit dem Führer-Idol, oben auf der Bühne. Oder auf dem Rednerpult.

Diese offensichtlich massenhaft vorhandenen psychischen Bedürfnisse sind funktionalisierbar, können neben Pop auch an Politik andocken. Siehe oben. Und dann Gnade uns Göttin.

Diese Erkenntnisse sind nicht neu und schon gar nicht von mir. Das basiert vor allem auf der Arbeit von Wilhelm Reich wie „Massenpsychologie des Faschismus“, aber auch der Frankfurter Schule. Ich wollt’s aus aktuellem Anlass nur mal erwähnen, damit es nicht in Vergessenheit gerät. Und aus rechthaberischer Eitelkeit. Damit ich später behaupten kann: Ich hab’s ja gleich gesagt.

18.07.2024 – Da läuft es einem warm den Rücken runter

Passend zur Zeit: Sommerloch

Passend zum Thema: Documenta (Im Bild der geschätzte Kollege H. Sievers)

Passend zu mir: Geld verbrennen

Ich tue mich ja ungern dicke (Phrase! Gelogen). Aber um zu dokumentieren, wie sehr meine Behauptung den Tatsachen entspricht, ich sei seit Jahren als weltweit einer der renommiertesten Aktionskünstler Teil des Kulturbetriebes mit intimen Kenntnissen desselben, habe ich hier wahllos ein paar Beispiele veröffentlicht.

Kultur soll, so behaupten es zumindest die Agenten des Betriebes, existentiell sein für die menschliche Existenz und Dostojewski verstieg sich gar zur These: Kunst ist für den Menschen genauso ein Bedürfnis wie Essen und Trinken.

Was soll er auch anderes sagen, er lebte von der Kunst. Ich für meinen Teil komme auch mal eine Woche ohne Kunst aus und gegen den zeitgenössischen Kulturbetrieb habe ich im Laufe der Zeit eine regelrechte Aversion entwickelt. Der hiesige Kulturbetrieb zählt mit den ihn pampernden Parteien der grünrot lackierten „linken“ Mitte zum Juste Milieu einer – noch -semiliberalen Öffentlichkeit. Dieses – noch – wohlsaturierte Milieu interessierte sich in den letzten Jahren überwiegend für Fragen der Diversität, Rassengleichheit, Dekolonisation, von Körper und Identität, Postfeminismus, toxischen Männlichkeiten, Subjektivität und vor allem für Blablabla, Zitat : „ Alexandra Pirici schafft eine lebendige Landschaft, in der sich menschliche Körper der Performer*innen ebenso wie die der Besucher*innen inmitten chemischer Reaktionen, Mineralbildungen und anderen physikalischen Phänomenen bewegen.“

Abzulesen, zu sehen ist der geschilderte Trend in den aktuellen Kunst-Ausstellungen in Berlin, wie immer dem Rest der Republik um Jahre voraus, siehe Link. Die handelsüblichen Blockbuster wie Frans Hals oder SuppenKasper David Friedrich zur Erbauung des eher konservativen Milieus der rechten Mitte ergänzen das Bild eines nur in Berlin mit hunderten von Millionen geförderten, nimmersatten Betriebs, dem eine wachsende Mehrheit der Bevölkerung nicht nur fremd, sondern zunehmend aggressiv gegenübersteht  (Jeder Opernbesuch wird staatlich mit 220 Euro gefördert). Nicht dass die Mehrheit der Bevölkerung mit ihrer Ablehnung recht hätte, im Grunde ist das eine reaktionäre Haltung. Berechtigt ist hingegen die Aversion gegen den exkludierenden Charakter des Kultur- und Politikbetriebes und die Haltung des sie tragenden Milieus.

Diese Haltung ist gekennzeichnet von Desinteresse gegenüber den Interessen und Bedürfnissen der Mehrheit der Bevölkerung, von Ausgrenzung, ja Verachtung und Rohheit.

Wo in den ganzen Ausstellungen sind Fragen thematisiert nach den Bedingungen von prekären Arbeitswelten, nach Armut und Reichtum, Leben in sozialen Brennpunkten, Bürgergeld, Altersarmut, Kinderarmut, Ausschluss von prekären Existenzen bei Bildung, Gesundheit, Mobilität, Ernährung.

Bei den Parteien der linken Mitte wird das alles pflichtschuldig im Programm angesprochen und konsequenzlos abgehakt und ansonsten gilt die Parole: Mit Sozialpolitik gewinnt man keine Wahlen und ich muss jetzt zur nächsten Vernissage in den Kunstverein, da sitze ich im Beirat.

Wie viele Kunstorte befinden sich wohl in sozialen Brennpunkten wie dem Märkischen Viertel, in Teilen von Wedding, Reinickendorf, Neukölln etc. pp.? Wie viele dagegen in den Schicki-Micki Mitte, Prenzlau, von Kreuzberg ganz zu schweigen, das ist ein riesiges Freiluft-Kulturlabor mit 150.000 Dauerbesucherinnen plus dreimal so vielen Tagesgästen … .

Diese bürgerliche Ignoranz rächt sich gerade, bitter im Zerfall der Gesellschaft, und wird sich radikal und militant gegen deren Protagonisten wenden. Und ich merke, wie ich zusehends aggressiver gegen den Kulturbetrieb reagiere, wenn ich die zahlreichen kleinen Galerien und Kunsträume in Berlin erforsche, wo der Eintritt oft umsonst ist und ich ganz selten andere Besucherinnen antreffe.

Interessanterweise korreliert die hier geschilderte soziale und politische Ignoranz des Betriebes mit einem veritablen Antisemitismus. Aber dafür reicht der heutige Blog-Platz nicht mehr, Deutschlands renommiertester Aktionskünstler arbeitet an einem neuen Projekt und hat keine Zeit mehr. In einem sozialen Brennpunkt. Bleiben Sie drin, liebe Leserinnen.