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29.10.2023 – Alles so schön bunt hier.

Maina-Miriam Munski . Narkose.

Aus der Ausstellung: If the Berlin Wind Blows My Flag. Kunst und Internationalisierung vor dem Mauerfall. Neuer Berliner Kunstverein. .Munski gehörte der Berliner Sektion der Kritischen Realisten an, einer Stilrichtung, die sich in den 70ern mit Problemen in Staat und Gesellschaft auseinandersetzte. Munskis zentrales Thema war der patriarchale Zugriff auf den weiblichen Körper und dessen Zurichtung.

Interessanterweise war die radikale Kritik an der kapitalistischen Gesellschaft zu dem Zeitpunkt am ausgeprägtesten, als die Möglichkeitsräume für gesellschaftlichen Fortschritt am größten waren und eine Faschisierung der Gesellschaft trotz aller gegenteiliger Behauptungen von linken Revolutionssimulanten Lichtjahre entfernt . Eben in jenen 70ern, die trotz erster Krisenphänome wie Ölkrise oder Deutscher Herbst 77  doch das Goldene Zeitalter des Kapitalismus genannt werden, mit dem Ausbau des Sozialstaats, enormen Lohnzuwächsen, der Entstehung von alternativen Zusammenhängen und Gegenöffentlichkeiten und mit gesellschaftlicher Liberalisierung, auch im Rahmen diverser Strafrechtsreformen. Ab 1977 brauchte z. B. die Ehefrau ihren Mann nicht mehr zu fragen, ob sie berufstätig werden wollte. Noch 1966 hatte der Bundesgerichtshof Ehefrauen verboten, im Rahmen der ehelichen Beiwohnung Gleichgültigkeit oder gar Widerwillen zur Schau zu stellen.

Heute dagegen leben wir in herrlichen Zeiten. Alles so schön bunt hier. Und liberal, und divers. Blöd nur, dass der Sog des Faschismus immer unaufhaltsamer wird und ein wie nie notwendiger Widerstand dagegen ungefähr so weit weg ist wie ich vom Literaturnobelpreis.

Wenn es überhaupt noch nennenswerte Reste einer radikalen Linken als Nukleus von antifaschistischem Widerstand gegeben hat, so haben die sich auf parlamentarischer Ebene durch die Wagenknechte ins Abseits katapultiert und auf außerparlamentarischer Ebene durch ihr Verhalten im Falle Hamas endgültig aus dem Lager des Fortschritts verabschiedet. Entweder heißen sie den Terror der Hamas gut, wie die Fraktion der Antiimperialisten oder sie lullern mit Einerseits/Andererseits Relativierungen rum. Ok, ein paar Aufrechte gibt es noch, die überlegen aber vermutlich mittlerweile frustriert, ob sie sich überhaupt noch links nennen sollen. Wer will schon mit Anti-Imperialisten-Pack, das faschistischen Terror als Befreiungskrieg bezeichnet,   in einen Topf geworfen werden.

Ich bezeichne hier durchgehend die Hamas als faschistisch. Dazu ein paar Fakten. Es gibt diverse Theorien über Faschismus als politische Ausrichtung und individuelle psychische Disposition. Beides muss massenhaft zur Deckung kommen, damit Faschismus sich als allgemein gesellschaftlich akzeptierte Herrschaftsform durchsetzen kann. Hier im Zitat Parameter, nach denen ich die Kategorisierung der Hamas als faschistisch für angemessen halte. Die Zitate beziehen sich auf einen Artikel zum Begriff „Islamfaschismus“ :

„Die beiden augenscheinlichsten Vergleichspunkte (in unserem Zusammenhang zwischen Faschismus und Hamas, d. A,) wären die folgenden:

  • Beide Ideologien basieren auf einem Kult mörderischer Gewalt, der Tod und Zerstörung verherrlicht und Geistesleben verachtet .
  • Beide stehen der Moderne feindlich gegenüber – außer, wenn es sich um die Entwicklung von Waffen handelt ….
  • Beide sind besessen von realen und imaginären [erlittenen] ‚Erniedrigungen‘ und [als Konsequenz] rachsüchtig.
  • Beide sind chronisch infiziert mit dem Gift antisemitischer Paranoia – …..
  • Beide neigen zu ….. Hervorhebung eines einzig wahren Buches. (Hier: Mein Kampf und Koran, d. A.)
  • Beide haben sich der sexuellen Unterdrückung verschrieben – insbesondere der Unterdrückung jeglicher sexueller ‚Abweichung‘ – und, in Bezug auf ihr Gegenüber, der Unterwerfung der Frau und der Verachtung alles Weiblichen.
  • Beide verabscheuen Kunst und Literatur und betrachten diese als Symptome von Entartung und  Dekadenz. ….“

Einer Malerin wie Maina-Miriam Munski wäre im Herrschaftsgebiet der Hamas das Gleiche widerfahren wie der tapferen 16jährigen Armita Garawand im Iran, die totgeschlagen wurde von Sittenwächtern, weil sie kein Kopftuch trug .

Bei uns dagegen ist alles schön bunt, divers und liberal. Da braucht es keinen Widerstand. Mittlerweile (seit 1997) ist sogar Vergewaltigung in der Ehe strafbar.

Wenn das kein Fortschritt ist.

28.10.2023 – Tanzende Welt

Tanzendes Paar. Berlin Lichtenberg, im Hintergrund die erste Plattenbausiedlung in Ostberlin von Anfang der 70er, der Anton-Saewkow-Platz.

Plattenbausiedlungen und Großwohnsiedlungen in Berlin sind ein Kosmos für sich. Der Flaneur taucht dort, gerne in Zeiten des Wochenmarktes, in eine völlig andere Welt ein. Der Kontrast zu meinem Kreuzberger Kiez mit seiner Mischung aus internationalem Hipstertum und, weiter östlich in SO36, alternativem Revoluzzergestus, könnte gar nicht größer sein. Nichts ist langweiliger und vor allem bildungsferner als chronisch in seinem eigenen Kiezmief zu versumpfen, und so sind solche Ausflüge in andere Welten nicht nur politische und ästhetische Erziehung par excellence, sondern lassen die Eigene für Momente vergessen. Was in Zeiten eines weltweit grassierenden und wachsenden Antisemitismus nicht das Schlechteste ist. Die aktuelle Krönung dieses Unrats, die Spitze des Scheißberges, ist die letzte UN-Resolution, die einen Waffenstillstand in Nahost fordert, ohne die faschistische Terrororganisation Hamas mit einem Wort zu erwähnen. Das ist nichts anderes als die Aufforderung der überwältigenden Mehrheit der Weltgemeinschaft an Israel, sich mit seinem Untergang abzufinden und die Rechtfertigung, denn Schweigen bedeutet Zustimmung, des Hamasterrors.  

Als ob sich Terroristen jemals an Verträge, Vereinbarungen, an Völkerrecht oder auch nur minimale zivilisatorische Grundsätze gehalten hätten. Hitler hat z. B ein paar Monate nach dem Münchener Abkommen, in dem er den Bestand der Resttschechoslowakei garantiert hatte, den Staat überfallen, annektiert, seine Bevölkerung einem Terrorregime unterworfen und die dort lebenden Juden vernichtet. Und nach genau dem gleichen Muster verfährt die Hamas.

Mit dieser Resolution der Schande hat sich die UN aus der Zivilgesellschaft verabschiedet. Es ist übrigens nicht nur die Entscheidung der Staatenlenker gewesen. Die wird vom hunderttausendfachen Mob weltweit in den Staaten, auch in Palästina, aber auch bei „uns“, auf der Straße mitgetragen. Ein Mob, der oft nicht genug zu fressen hat, aber anstatt für die Verbesserung seiner Lebensverhältnisse zu kämpfen, für den Untergang des Staates Israel auf die Straße geht. Ich kann gar nicht so viel kotzen, wie mir übel wird.

Das Einzige, was mich tröstet, ist die Tatsache, dass die Menschheit einen Schritt vorangekommen ist. Es lebe der Fortschritt! Und zwar bei dem Marsch in die selbstverschuldete Barbarei. Eine derartige Menschheit braucht kein Globus. Aber bitte erst nach meinem Ableben. Ich sach Bescheid, wenn es soweit ist.

Was Klimakrise, Kriege, Inflation, Spaltung der Gesellschaften, Seuchen, Migration, Hunger nicht schaffen, dem gibt der globale Antisemitismus den Rest. Denn, und das weiß auch der dümmste Intellektuelle, Künstler, Linke, Klimakleber etc. hierzulande, festeingereiht in die Einheitsfront der weltweiten Antisemiten: Hinter jeder hässlichen Maske des Antisemiten lugt ein Faschist hervor.

14 Länder stimmten gegen die Resolution der Schande. Das sind sogar noch weniger als es vollständige Demokratien weltweit gibt laut Demokratieindex: 24. , Deutschland dabei auf Platz 14. Israel auf 29 als unvollständige Demokratie auf Grund der rechtsradikalen Netanyahu-Regierung, einen Platz vor USA. Palästina liegt als lupenrein autoritäres Regime auf Platz 110, Tendenz in den letzten Jahren neben Mali die dramatischste Verschlechterung weltweit.

Und wo bleibt das Positive?

Die Plastik oben hatte ich auf den ersten Blick für eine körperliche Übergriffigkeit des Mannes gehalten. Google belehrte mich eines Besseren.

 Ist doch schön, wenn nicht immer alles gleich so negativ ist wie es scheint. Schönes Wochenende, liebe Leserinnen.

26.10.2023 – Regelsatz rauf auf 813 Euro

Thomas, mit Plakat und Hoodie beim jährlichen Treffen von Menschen mit Armutserfahrung, dieses Mal bei der Diakonie in Berlin.

Die Diakonie ist politisch korrekt bis zum WC. Den Ausdruck „politisch korrekt“ meine ich positiv, im Gegensatz zu reaktionären Positionen, die ihn als abwertendes framing gegen alles benutzen, was auch nur nach gesellschaftlichem Fortschritt riecht. Um auch sprachlich auf der WC-Ebene zu bleiben. Es ist überhaupt nicht einsichtig ,warum ich politisch unkorrekt handeln und reden sollte, gerade angesichts des unfassbaren antisemitischen Unrats, der zur Zeit von der ganzen Welt über sie gekübelt wird. Angefangen von diesem Kotzbrocken an der Spitze der UN, Guterres, der ein leuchtendes Warnsignal dafür ist, wie tief der Antisemitismus auch in den Köpfen der Eliten verwurzelt ist. Entgegen den Annahmen von Faschisten und Verschwörungsphantasten, die delirieren, die Eliten seien verjudet. Eine vollkommen geisteskranke Fantasie.

Die Kämpfe der Zeit finden in den Köpfen statt, auf der Straße, auf den Schlachtfeldern . Und mitunter auch bei Wohlfahrtsindustrie und Gewerkschaften. Aber da eher im Saal und nach Geschäftsordnung.

Die Forderung nach 813 Euro Bürgergeld und Grundsicherung basiert auf Berechnungen von Expert*innen von Wohlfahrtsverbänden. Bei den Berechnungen der Bundesregierung werden regelmäßig gesetzeswidrig Bedarfe zum Existenzminimum kleingerechnet oder garnicht erst berücksichtigt. Klassenkampf von oben. Der in letzter Konsequenz dafür verantwortlich ist, dass Arme zwischen fünf und acht Jahre, je nach Geschlecht, früher sterben.

Ich habe früher Workshops und Aktionen bei den Treffen gemacht.

Echtes Geld verbrannt, an der Hamburger Alster, Treffpunkt der Schönen und Reichen. Zeitungen und Passanten erklärten mich für verrückt. Schöneres Lob bekam ich selten…

Ich kenne viele Betroffene der Treffen seit Jahren und war mitunter erschrocken, wie sehr manche nach der langen Coronapause gealtert waren. Die hat bei Menschen mit wenig Geld oft ganz andere, tiefere Spuren hinterlassen.

Und schließlich gab es noch die, die nicht dabei waren, die ich nicht gesehen habe ….

25.10.2023 – Symphonie einer Großstadt

Ausstellungsplakat mit frauenfeindlichem Graffiti. Berlin, unter den Yorckbrücken.

Skulptur, Hotel nähe Potsdamer Platz.

Die beiden Fotos habe ich unbeabsichtigt direkt nacheinander gemacht. Die Verbindung fiel mir erst beim nachträglichen Anschauen ins Auge. Sie stellen in ihrer Montage einen sinnfälligen Zusammenhang dar, die Skulptur bekommt hier einen konkreteren Bedeutungsgehalt, als ihr Schöpfer ihn ihr zugemessen hat.

Die Großstadt ist eine Montage aus Poesie, Musik und Kunst. Der ständige Strom der Bilder, Geräusche, Worte, Gerüche, Menschen, Autos kann für den Flaneur Genuss, Bildung, Erkenntnis, sinnliche Erfahrung sein, für die Ruhesuchende eine ständige Quelle der Überforderung, Anspannung, letztlich krankmachend. In jedem Fall hinterlässt die Großstadt permanente Spuren in unserem Gedächtnis, unserem Unterbewusstsein, unserer Sprache, sie macht etwas mit uns und im Zweifel etwas ständig Neues, Veränderung. Sie ist eine gigantische Symphonie. Symphonie einer Großstadt, wie Walter Ruttmann seinen bahnbrechenden Montage-Dokumentarfilm über Berlin von 1927 nannte.

In der Natur hingegen ist man tendenziell der Verwesung nahe und in der Kleinstadt wünscht man sich, man hinge lieber tot über dem Friedhofszaun, als gerade da zu sein. Zumindest ich fühle mich mitunter so, wenn ich in solchen Verklumpungen menschlicher Existenz zu tun habe.

Beim Anblick des Plakates über die Menstruation habe ich mich gefragt, wie dieses jahrhundertelange Tabuthema wohl künstlerisch visualisiert ist. Eine dringend notwendige auch ästhetische Aufarbeitung angesichts von neu, endlich auch öffentlich diskutierten Phänomenen wie Periodenarmut und Menstruationsurlaub. Und angesichts solcher Sprüche wie unter dem Plakat von offensichtlich völlig überforderten X-Chromosomträgern.

Und damit hätten wir auch den Titel der Skulptur: Der überforderte Mann 🚹.

23.10.2023 – Zum Tönnchen

Berlin, Sonnenallee. So eine Kneipe hatte ich da nicht erwartet. Ich war dort per pedes zu einem Lokaltermin unterwegs. Wollte den Neuköllner Ort der Riots der letzten Tage in Augenschein nehmen, die Atmosphäre spüren. Vor den Shishabars junge Männer, es war milde, süsslich-blumige Wasserpfeifenwolken kitzelten mir in der Nase. An strategischen Ecken parkten Polizeiwagen, früher Bullenwannen genannt.

Im Tönnchen vertrieben sich vier Kampftrinker den Nachmittag mit der Inhalation diverser Biere, die Wirtin hatte ondulierte Haare wie in den Sechzigern, aus einem Kassettenrekorder liefen mit dem eiernden Sound eines ausgeleierten Tapes die schrecklichsten Hits der 80er und über allem wehte eine weissgraue Tabaksqualmwolke. Ob es in Berlin Rauchverbot in Kneipen gibt, weiss kein Mensch, weil es niemanden interessiert. Ich war müde, die Israel Solidemo, mit den Textbausteinen des Bundesgrüssaugust Steinmeier , fand ich anstrengend. irgendwann hinterlässt dieser Dauerkrisenmodus Müdigkeit.

Im Tönnchen fühlte ich mich wohl. So komisch es klingt, für einen Moment des Durchatmens.

Breaking News: ein neuer, hochpathogener Subtyp H7N6 der Vogelgrippe grassiert. An ihm sterben praktisch alle erkrankten Vögel. Mittlerweile setzt die Wissenschaft auf zwei Strategien, um die Vogelwelt überhaupt zu retten: Impfung oder Genmanipulation. Impfung wird bei ca. 150 Mrd. Individuen schwierig…. Vogelgrippe als Zoonose, also viraler oder bakterieller Übersprung von Tier zu Mensch und wieder zurück, tötet ungefähr die Hälfte aller infizierten Menschen, bisher weltweit um die 1.000. Zur Erinnerung: Jede Form der Grippe, also auch die Allerweltstypen bei den jährlichen Wellen, ist eine Zoonose.

Frau Wirtin, für mich noch ein Großes und einen Doppelten.

21.10.2023 – Installation & Inspiration, wo sind sie geblieben? Installation & Inspiration, beide wurden sie zerrieben!

Israelfahne auf Sonnenblume. Ein paar halbverrottete Sonnenblumen „Goldener Neger“ spenden noch den einen oder anderen gelben Farbklecks im zusehends entlaubten herbsttrüben Garten.  Ein aus mehreren Gründen schönes Ensemble. Ideologiekritische Feinschmecker wissen, dass die schwarze Community in den USA, und nicht nur da, starke antisemitische Züge hat. Eine ihrer Ikonen neben Malcolm X und Martin Luther King, Louis Farrakahn, ist ein völlig durchgeknallter Antisemit. Er ist eine Art Säulenheiliger der Gangsta-Rap Szene in den USA, Zitat Ice Cube: „ … you can’t be the Nigga 4 Life crew, with a White Jew telling you what to do… „

Also ein  schönes Bild im Morgengrauen, wie die Fahne auf dem Goldenen Neger prangt. Ich möchte dieses Meisterwerk der zeitgenössischen Installationskunst als Appell an alle Minderheitern verstanden wissen: Only united you stand! Ich werde einen Rap darauf machen, und damit ein neues Rap-Genre gründen, den Old-White-Man-Senior-Rap.

Auch auf der poetologischen Ebene ist die Installation zielführend, schafft sie doch mit ihrer in düsteren Tagen im kalten, trüben Herbstwind wehenden Fahne begreifende Klarheit in Hölderlins schwer verrätselnden Zeilen, die nur versteht, wer sich auf das Mysterium der Transzendenz einlassen kann:

Die Mauern stehn

sprachlos und kalt, im Winde

klirren die Fahnen.

Wohingegen beim biederen Bürger Zuhause nur alle Tassen klirren, die er nicht mehr im Schrank hat. Umgekehrt gilt allerdings das Gleiche. Obige Installation hat mich auf eine Idee gebracht. Das dialektische Duo Installation & Inspiration, getreu dem Motto:

Installation & Inspiration, wo sind sie geblieben?

Installation & Inspiration, beide wurden sie zerrieben!

(dedicated to Matthias Beltz )

Zur Idee: Es ist ja noch offen, wie wir Neukölln vom Erdboden kriegen, jenen Ort der Schande, an dem (aber nicht nur da) die Häuser jüdischer Mitbürger*innen wie zur Nazizeit mit Davidsternen beschmiert wurden. Mein biblischer Wunsch, die Erde möge sich auftun und dann hau wech die Scheiße, wird sich eher nicht erfüllen. Was also tun? Ich werde im Dunkeln durch die dortige Sonnenallee flanieren, verkleidet als Gangsta Rapper, und unerkannt im Gewühl in den Auslagen der Läden dort kleine Israelfahnen deponieren. Den Rest können sich Phantasiebegabte vorstellen.

Die Macht der Phantasie. Macht aber auch nix, wenn Sie keine haben. Phantasie ist keine Charaktereigenschaft, wie ich immer sach. Fahnen, Phantasie, Charakter, all das wird sich morgen auf der zentralen Israelsolidaritäts-Demo vor dem Brandenburger Tor zeigen. Der Ort ist ein kleiner, später Sieg über die Nazis, die ihn immer wieder für Aufmärsche instrumentalisierten. 10.000 werden erwartet. Viel zu wenig, finde ich. Aber wenigstens ein Anfang, den die Zivilgesellschaft für einen Prozess des Umdenkens nutzen muss. Weg von Lichterketten-Denken, Gutmensch-Geschwurbel und Toleranzbesoffenheit, hin zu radikalem Kampf gegen faschistische Strömungen und Antisemitismus jeglicher Art.

Ich habe mich hier im Blog öfter migrantischer Machokultur angenommen, eine Unkultur, die geprägt ist von Homophobie, Frauenverachtung und vor allem Antisemitismus, also das Milieu, was sich gerade in Neukölln austobt, aber nicht nur da. Berlin, zur Erinnerung, ist auch ein gesellschaftlicher Laborgroßversuch, an dem sich Entwicklungen der nächsten Jahre in der BRD jetzt schon realiter ablesen lassen. Mein früherer satirischer Vorschlag: Alle abkommandieren zum Minenräumen in Syrien, und die hiesigen Nazis gleich mitnehmen. Putziger Vorschlag, aber wir gehen wir real und pragmatisch mit der Situation um?

In Teilen der alternativen und linksliberalen Zivilgesellschaft herrschen immer noch Vorstellungen, die einem „No border, no limis“ nahekommen, was Migration angeht. Das würde unter den jetzigen Bedingungen auch den wachsenden Zuzug von migrantischem Antisemitismus bedeuten, und das in einer gesellschaftlichen Situation, die ohnehin von anschwellender Faschisierung gekennzeichnet ist.

Diese Situation muss bedacht und analysiert werden, ohne in die Nähe einer wachsenden rassistischen Grundströmung eines „Wir müssen viel radikaler abschieben“ zu geraten. Die auf der Straße ankommt als „Alle raus“ und als nächste politische Konsequenz die Demontage des Asylrechts hat.

Schönes Wochenende und bleiben Sie drin, liebe Leserinnen, demnächst hier live aus Berlin. …

20.10.2023 – Ein derartig breites Bündnisspektrum habe ich noch nie erlebt

Fröhlich sieht anders aus. Gestern in der City von Hannover am Stand des jüdischen Jungen Forum.

Es ist eine Sache, in der Zeitung zu lesen: „Juden fühlen sich zunehmend bedroht in Deutschland“, „Widerliche antisemitische Stimmung im Land“ oder „Propalästinensischer Mob mit wachsender Gewaltbereitschaft“. Eine andere ist es, am Stand einer jüdischen Organisation dabei zu sein und Ansätze des Geschilderten direkt mitzuerleben. Zeitungslektüre ist tendenziell Schall und Rauch, verfliegt im Gleichklang der Überschriften, hinterlässt wenig Spuren, verstärkt ohnehin Vorhandenes, Zeitungslektüre häuft eher nutzloses Wissen an, tut aber wenig für Bildung. Mit einem Blick in die Zeitung versperrt man die Aussicht auf die Welt. Mit der Lektüre einer Gazette hat der geneigte Bürger seine Pflicht erfüllt und widmet sich beruhigt seinen Geschäften.

Die Straße dagegen. Ich mache seit Jahrzehnten Straße, mit Aktionen, Performances, Demonstrationen, Infoständen etc. pp. Lieber eine Stunde Straße als 10 Stunden Schreibtisch oder Lehnstuhllektüre. Straße ist politische Bildung und ästhetische Erziehung par excellence, schafft mehr Einsichten in die menschliche Seele als 10 Ratgeber und 4 Semester Psychologie, Straße sorgt für Schärfung der Diskursfähigkeit, der Resilienz und gibt einem eine Konflikthärte mit, die in anderen Zusammenhängen durchaus nützlich ist.

Und die Straße sorgt für unvergessliche Bilder. Ich werden den Anblick des 150 kg Klopses nicht vergessen, der bei einer Straßen-Aktion im Rückwärtsgang in einen Kinderwagen plumpste und da hilflos klemmte, Beine und Arme in die Luft. Mein erster Gedanke, als Verantwortlicher für die Aktion: Mein Leben ist vorbei. Das Kind da drin ist platt wie Brei und ich bin verantwortlich. Mein zweiter: Was für ein Kinderwagen, der das aushält. Im dritten Gedanken flossen Tränen der Erleichterung, als ich das Baby ein paar Meter weiter in den Armen der jungen Mutter krähen hörte. Dutzende Bilder und Geschichten …

Auf der Straße sieht man den Spiegel der Gesellschaft. Mittlerweile erkenne ich bei Aktionen, Infoständen etc. auf 50 Meter, ob der sich Nähernde informationswillig, diskussionsfähig ist, oder einfach nur eine Labertasche, die einen nur zutexten will, gar ein Gestörter oder schlimmstenfalls ein gewaltbereiter Durchgeknallter. Man sieht es am Blick, am Gang, am Habitus.

So viele Gestörte wie gestern am Stand habe ich in so kurzer Zeit noch nie erlebt, unfähig zum Diskurs, sofort laut und aggressiv und bar jeder Empathie: „Israel Völkermord blablabla“ „Waren Sie überhaupt schon mal in Auschwitz blablabla“ … Ein durchgeknallter Finsterling, der mich volltextete, er wäre wichtig und wir sollten nach hinten verschwinden, in die hiesige Marktkirche. Hochaggressive junge Männer mit offensichtlichem Migrationshintergrund … Ich war noch nie so froh wie da über das massive Vorhandensein von Polizei, die ohnehin verstärkt im Stadtbild präsent ist angesichts drohender Ausschreitungen des Pro-Palästinamobs. Sie drängte die gewaltbereiten jungen Männer ab. Ich ertappte mich bei vorzivilisatorischen Gewaltphantasien.

Und letztlich, und bleibend bei der Frage: „Wie halten das die Juden in Deutschland bloß aus?“ Ich konnte da gestern jederzeit vom Stand weggehen und war dann wieder ein normaler Bürger, unbedroht, mit albernen Wehwehchen, dessen maximale Sorge das Gelingen der neuen Quittenmarmelade ist. Die jungen jüdischen Mitbürger nehmen ihre wachsenden Ängste auf jedem Schritt mit, um sich, ihre Familie, ihre Einrichtungen, den Staat Israel mit eventuellen Verwandten da.

Für einen Moment ging es mir wie dem von mir ansonsten nicht gerade geschätzten Verteidigungsminister Pistorius bei einem Israelbesuch im Gespräch mit einem Opfer des Hamasterrors: „Die Geschichte des jungen Manns hat mir die Tränen in die Augen getrieben, nicht nur vor Trauer, sondern vor allem vor Wut«,

Wo bleiben angesichts des Pro-Palästinamobs und der wachsenden antisemitischen Ausschreitungen die massenhaften Reaktionen der Zivilgesellschaft auf der Straße?

Ein erster Schritt findet am 22.10, 14 Uhr, in Berlin am Brandenburger Tor statt, bei einer Kundgebung. Ein derartig breites Bündnisspektrum habe ich noch nie erlebt: Neben den üblichen Verdächtigen von DGB und Wohlfahrt der BDI (Bundesverband der Deutschen Industrie), Seit an Seit mit campact, die CDU/CSU Seit an Seit mit der Linken, natürlich die Deutsch-Israelische Gesellschaft DIG, Seit an Seit mit Alhambra, der Gesellschaft Muslime für ein plurales Europa.  

Das ist schon mal ne Ansage.

Jetzt liegt es an jeder Einzelnen. Demokratie entscheidet sich immer auch auf der Straße. Wie viele werden kommen?

19.10.2023 – Wie Mario Barth und der Remmo-Clan beinahe mal eine Lesegruppe zu Theodor W. Adorno gegründet hätten.

Aktion symbolische Gründung einer Landeswohnungsbaugesellschaft (Scrabble Alarm bei dem Begriff) am Weltarmutstag 17.10 vor dem Landtag. Die Forderungen der Landesarmutskonferenz zu menschenwürdigem und bezahlbarem Wohnen für alle hat Meta Janssen-Kucz, MdL Grüne und Landtagsvizepräsidentin, in Empfang genommen, stilecht in einer Zeitkapsel, wie sie in Grundsteine eingemauert wird. Sie war die Einzige, die adäquat mit den Maurer-Gerätschaften umgehen konnte. Häuslebauerin. Sie hatte sich nachts noch mobilisieren lassen. Sowas kann man dann auch mal dankend anerkennen. Bewegte Bilder dazu gibt’s hier im NDR-TV, bei Hallo Niedersachsen, ab 10.05

Beim Anblick des Bildes musste ich lachen. Ich mit einem Maurerhammer, ein völlig grotesker, weil surrealer Anblick. Demzufolge ist meine Körperhaltung auch subdynamisch und mein Gesichtsausdruck höchstens mittelerfreut. Der Anblick ist, was mich als Nichthandwerker von der Pike auf angeht, ähnlich grotesk wie es der von Mario Barth in einer gemeinsamen Lesegruppe mit dem Neuköllner Remmo-Clan zu Theodor W. Adorno wäre.

Von Adorno stammt der Satz: Der Antisemitismus ist das Gerücht über die Juden. Der Antisemit weiß nichts über die Juden, das nimmt er ihnen übel, verbreitet daher Halbwahres, Lügen, Nebulöses, Verleumdungen über sie, eben Gerüchte. Wenn sich der Jude dann auch noch über Gerüchte und Lügen beschwert, wird der ertappte Antisemit richtig sauer und hat sofort jede Menge Buddies hinter sich, die sich mit ihm solidarisieren. Siehe David Precht mit seinen Lügen über Juden im Podcast mit seinem Buddy, dem Ex-„Wünsch Dir was“ Possenreißer Markus Lanz . Die halbgare Entschuldigung der Precht-Lanz-ZDF-Gang, zuerst hatten sie die Kritik an ihren Lügen kritisiert!,  für den verbreiteten Dreck und ihr ekelhaftes Verhalten hinterher hat schon kein Schwein mehr wahrgenommen. Ein weiteres Mal ist ein Gerücht über die Juden transportiert worden.

Wünsch Dir was? Gerne. Es soll sich der Boden auftun und das ganze Pack verschlingen, ebenso wie das komplette Neukölln, die Akademie der Künste, Claudia Roth, die Documenta etc. pp überhaupt die ganze Kulturschickeria….. Warum?

Neukölln ist klar, kann weg. Die Akademie der Künste, einer der Orte deutschen Geistes, hat sich zwar geäußert, aber man merkt der Pressemitteilung förmlich den Widerwillen an, dass das eine Zwangsübung bar jeder Überzeugung war, erbärmliche vier Zeilen, Phrasen ohne jede Empathie, in denen sich der latente, notorische oder gar offene Antisemitismus der hiesigen Kulturschickeria widerspiegelt.

Als der Präsidentin der Akademie die Kargheit der PM vom DLF in einem Interview vorgehalten wurde, log die Dame frech ins Mikrofon, die Kürze der PM würde die Wahrscheinlichkeit der Veröffentlichung erhöhen.  Eine regelrecht dummdreiste Lüge, die PM der Akademie zur Solidarität mit polnischen Kulturschaffende z. B. ein paar Tage vorher ist in warmen, einfühlsamen Worten achtmal so lang. Meine PMs, und von Öffentlichkeitsarbeit verstehe ich im Gegensatz zum Mauerhammer sehr viel, sind mitunter zwei Seiten lang und werden trotzdem – oder gerade deshalb, weil substantiell – regelmäßig von dpa, NDR und anderen Leitmedien veröffentlicht.

Die Lüge ficht die Präsidentin aber nicht an. Sie ist erstmal in der Welt und das Dementi oder die Widerlegung interessiert kein Schwein mehr.

Warum Claudia Roth und die Documenta in die Hölle? Mitglieder der letzten Documenta-Kuratoren Ruangrupa hatten mit ihrem antisemitischen Vorgehen die Reputation der Documenta nachhaltig beschädigt und ihr jetzt mit Likes für die Hamas den Rest gegeben, post mortem sozusagen. Von Claudia Roth, Sympathisantin des notorisch antisemitischen BDS– und der Mullahs im Iran, hört man dazu bisher nichts, nachdem sie sich im Documenta-Skandal schon bis auf die Knochen blamiert hatte. Mitglieder von Ruangrupa sind übrigens immer noch Gastprofessoren an der Hamburger HfbK. Roth gehört zum Flügel der Ungelernten bei den Grünen, die gerade noch rechtzeitig zwecks Karriere auf den Parteizug aufgesprungen sind, und ist als ex-Managerin von Ton, Steine, Scherben politisch im notorisch links-antisemitischen Autonomenumfeld der „Antiimperialisten“ sozialisiert worden

Mir ist schon wieder, immer noch, übel. Aber angesichts dessen, was die Opfer des Hamasterrors erleiden mussten und müssen, verbieten sich Klagen über den eigenen Seelenzustand und Befindlichkeits-Wasserstände.

Was bleibt angesichts der absolut widerlichen Stimmung in Deutschland, ist Solidarität:

16.10.2023 – Heiteres und Hoffnungsschimmer

Blick in die Archive, HAZ, 15.02.2013. Der Polit-Aktionskünstler. Medien brauchen Schubladen. Es gibt schlimmere als die des Polit-Aktionskünstler, aber sexy hört sich das nicht an. Nach Agitprop der Weimarer Republik und 68ff, nach Holzhammer und Klaus Staeck. Andererseits ist es in Zeiten wie diesen nichts ehrenrühriges und, bei Lichte betrachtet sogar notwendiges, in der Tradition beispielsweise einer Arbeiter-Illustrierte-Zeitung zu stehen , zu deren Stilmitteln im antifaschistischen Kampf der 20er und 30er Agitprop gehörte.  Und an der unter anderem George Grosz, Maxim Gorki, George Bernard Shaw, Käthe Kollwitz, John Heartfield und Kurt Tucholsky mitarbeiteten. Wenn man also bedenkt, auf was für Schultern ich stehe: Potzdonner. Morgen male ich mir ein T-Shirt mit der Aufschrift: Polit-Aktionskünstler.

Inhaltlich interessant und deprimierend, was bei der Aktion unter anderem an Themen verhandelt wurde: Kostenloses Essen für Schulkinder, Wohnungsbau-Förderung und öffentliche Beschäftigung. Alles notwendiger denn je, Kinderarmut ist zu einem zentralen Problem geworden, die Wohnungssituation katastrophal und die Langzeitarbeitslosigkeit wächst, auf ohnehin viel zu hohem Niveau.

Morgen ist Weltarmutstag. Da legt die Landesarmutskonferenz vor dem niedersächsischen Landtag mit einer Aktion (Polit-Aktionskunst!) den symbolischen Grundstein für eine gemeinnützige, nichtprofitorientierte Landeswohnungsbaugesellschaft. Jahrelang gefordert, vor der letzten Wahl endlich ins rotgrüne Programm aufgenommen. Aber man hört nix von der Umsetzung, konkreten Baumaßnahmen. Zu Politik gehört zwingend immer Kommunikation, wie verkaufe ich meine Arbeit, sende Signale an Menschen mit wenig Geld? Aber was ist? Still ruht der rotgrüne See. Also her mit der Polit-Aktionskunst.

Mittlerweile würde ich mich aber eher als Polit-Blogger bezeichnen. Das entspricht mehr der Realität, ich treibe mich zunehmend selten in Nacht und Nebel-Aktionen in den düsteren Häuserschluchten der Metropolen herum. Und Polit-Blogger hört sich mehr sexy an, fast wie Polit-Influencer. Das wäre die Krönung, ein T-Shirt mit dem Aufdruck: Polit-Influencer.

Wir haben den Liebling der Partei und der Massen, den Umarmungskönig Olaf Lies als zuständigen Minister eingeladen. Bei einer unserer letzten Aktion in Sachen Landeswohnungsbaugesellschaft war er noch dabei, zu Gesprächen, und letztlich hat sich die SPD auch überzeugen lassen, nachdem sie das Projekt jahrelang abgelehnt hatte.

Olaf Lies, der Herr mit dem Bart, ein im persönlichen Umgang überaus zugewandter und angenehmer Mensch. Aber politisch muss man die alle zum Jagen tragen. Und ob der heuer kommt, da hab ich so meine Zweifel ….

War das jetzt der Hoffnungsschimmer? Nein, der liegt in all dem Israel-Elend eher darin, dass sich der PLO-Chef Mahmud Abbas als Angehöriger der Fatah vom Terror der Hamas distanziert hat. Zu spät, zu wenig, aber ein Hoffnungsschimmer. Ich hatte mit so etwas nicht gerechnet. Vielleicht spricht er ja für eine nennenswerte Zahl der Bevölkerung von Palästina, in Gaza und Westjordan.