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24.03.2020 – Draußen. Alles. Sauber.


Draußen. Alles. Sauber.
Heute hatte ich kurz das Gefühl, es könnte besser werden: Der Dax deutet mit einem Plus von fast 10 Prozent so etwas wie eine Bodenbildung an, der niedersächsische MP macht Hoffnung, dass es nach Ostern normaler werden könnte und die Wissenschaft arbeitet emsig am Transfer der Grundlagenforschung in die klinische Praxis, Impfstoff ante portas?
Und meine Stadtverwaltung lässt mich auch nicht im Stich. Das Erste Reinigungs-Bataillon unter Führung von Generalmajor Kampmann zog vor dem Fenster meines Arbeitszimmers in die Schlacht, siehe oben, und intonierte dabei die Divisionshymne: Draußen. Alles. Sauber.
Wie’s drinnen aussieht, geht keinen etwas an.
Wie im richtigen Leben und damit sind wir wieder bei meinem Lieblingsthema, dem Kapitalismus, in dem auch alles unter den Bürgerteppich gekehrt wird, was die äußere Ordnung stört. Was aber schlecht weg ist, kommt niemals gut wieder und zwar hoch und so erbrach sich der Gouverneur des Mörderstaates Texas, in dem mit Abstand die meisten Hinrichtungen in den USA stattfinden, alles Schwarze, Latinos und Weiße, die zu arm für Anwälte sind, wie folgt in die Mikrophone, dass nämlich Ältere für die Wirtschaft ihr Leben opfern sollten. Du bist Nichts, das Kapital ist Alles.
Selbstverständlich ist unser Killer-Gouverneur strikter Gegner von Abtreibungen. Wenn es gegen Frauenselbstbestimmung geht und für mehr Kanonenfutter, zählt natürlich die absolute Unverletzlichkeit jeden Lebens, vom Sperma bis zur Eizelle.
Was sich für Europäer nach einen Ausbruch von Hirn-Corona anhört, dürfte in Texas für eine Wiederwahl mit absoluter Mehrheit sorgen. Und sooo weit weg ist das Gedankengut ja nicht. Kriege funktionieren nur so, bis auf den heutigen Tag, auch in Europa, dass alte weiße Männer in sicheren Bunkern in der Etappe dem Mob auf der Straße und an der Front von den Wonnen des Todes predigen. Mit Aussicht auf Beute alleine, ein bisschen Töten und Vergewaltigen, lockt man keinen Mob mehr hinter dem TV vor. Da bedarf es schon eines, Phrasenmäher weghören, Narratives. Wie: Die Nation ist bedroht und Dein Volk in Gefahr.
Und sooo weit weg ist Texas gedanklich auch nicht. Nach dem Sterbehilfe Urteil des Verfassungsgerichts stellten Dignitas und die Gesellschaft für Humanes Sterben schnell ein Beratungstelefon für Sterbewillige vor. Was meinen Sie, wie viele Angehörige den Alten, die das Erbteil im Pflegeheim verfrühstücken, mit dieser Nummer die Hölle heiß machen, endlich mal abzutreten. „Dann musst Du Dich doch nicht mehr so quälen..“
Das ist der gleiche texanische Geist, nur dass der Killer-Gouverneur ehrlicher ist und das jetzt schon offen ausspricht, was bei uns erst in ein paar Jahren comme il faut ist. Ungefähr dann, wenn den Richterinnen des Sterbehilfe-Urteils die eigenen Erben im Genick sitzen….

23.03.2020 – Woher kommt eigentlich unser Geld? Oder: Von Mythen und Märchen.


Zur Zeit haben wir einen Bärenmarkt. Die Börsenkurse kennen nur eine Richtung: Den freien Fall. Wer sein Geld in einem Dax-Fond angelegt hat, der die 30 größten Unternehmen Deutschlands abbildet, verzeichnet Stand heute vor Börsenöffnung einen Verlust von 35 Prozent für die letzten vier Wochen. Da Geld der zentrale Schmierstoff unseres Systems ist, die Antriebskraft allen ökonomischen Handelns und aus Sicht der Ideologiekritik die mörderischste Droge überhaupt, stellt sich gerade in Krisenzeiten die Frage:
„Also, wat is en Jeld? Da stelle mehr uns janz dumm. Und da sage mer so: en Jeld is …
Und hier wird es im Gegensatz zur Feuerzangenbowle mit der legendären Dampfmaschin komplex. Gehen Sie spaßeshalber mal in die nächste Bürgerin-Sprechstunde ihrer Bundestagsabgeordneten mit der Frage:
„Wo kommt eigentlich unser Geld her? Wie entsteht Geld?“
Sie werden entweder satirischen Blödsinn zu hören bekommen, wie: „Durch harte Arbeit.“ Scheinwissenschaftliches wie: „Die Geldmenge bildet unser Bruttoinlandsprodukt ab.“ Oder vorherrschende Meinung wie: „Die Banken kriegen von den Sparenden Geld, das sie als Kredite weitergeben.“
Sie werden nur in seltenen Ausnahmen die richtige Antwort erhalten:
Geld entsteht aus dem Nichts.
Die 750 Mrd. Euro, die die EZB z. B. zur Krisenintervention locker machen will, hat sie nicht im Tresor liegen oder als Guthaben bei anderen Banken, dieses Geld ist eine fiktive Buchungsgröße, eine Frage von Nullen und Einsen. Das EZB-Geld wird beim Kauf von Anleihen dem Verkäufer virtuell gutgeschrieben, aus Null = kein Geld wird 1 = Geld. Es kommt aus dem Nichts.
Das deutet sich hier im versteckten, aber zentralen Satz in der Süddeutschen an, die das dann leider nicht weiter ausführt:
„ …Eine Notenbank kann grenzenlos Geld schaffen..“
Wer den Hintergrund verstehen will: Hier ist ein sehr lesenswerter taz-Artikel von 2017, in dem mit Mythen und Märchen aufgeräumt wird. Zitat, nach der Deutschen Bundesbank:
„ … Erst sagt die Bank einen Kredit zu – und dann bucht sie dieses Geld einfach auf das Konto ihres Kunden. Das Geld gab es vorher nicht, sondern es entsteht erst durch diese Kreditvergabe…“
Geld wird also durch einen Buchungsakt geschaffen, aus dem Nichts.
Das hat weitreichende Folgen, die sich im Krisen-Moment mit atemberaubender Geschwindigkeit in Politik umsetzen. Waren vor Corona Schulden Teufelszeug, die Schuldenbremse sogar im Grundgesetz festgeschrieben und die am häufigsten zitierte Nervensäge die schwäbische Hausfrau, die auch nicht mehr ausgeben könne als sie einnähme, ist es innerhalb von wenigen Tagen völlig egal, ob „wir“ zwei oder drei Billionen Schulden haben, wie ein Wirtschaftsweiser (!) in einem seltenen Anfall von Erkenntnis verlautbart.
Das Schlimme an Mythen und Märchen über Geld ist, dass sie viel wirksamer haften als die Realität der Fakten. Es ist eben wesentlich einfacher, kenntnisfrei über eine schwäbische Hausfrau zu faseln als sich mit einer relativ komplexen ökomischen Realität wie Geld auseinanderzusetzen. Wenn es nicht so brandgefährlich wäre, könnte man es putzig finden, wie wenig Kenntnis über den zentralen Schmierstoff unseres Systems besteht: Geld, das uns bis in jede Faser des Denken und Handelns verfolgt, Alpträume und Glück produziert und lebendige Beziehungen von Menschen zu Menschen zu Stein erstarren lässt.
Putzigen Tag noch, liebe Leserinnen, und stecken Sie sich beim Geldausgeben nicht an.

22.03.2020 – Virenfreie Erzählung, Teil 1.


Judith und Holofernes, Gemälde von Artemisia Gentileschi, einer Malerin (!) aus dem 17. Jahrhundert. Es wird vermutet, dass sie mit der Geschichte der Enthauptung des Holofernes durch Judith in dem Bild ihre eigene Vergewaltigung verarbeitet hat und insofern ist von Biografie und Sujet her verständlich, dass wir es hier mit einer Ikone des Feminismus zu tun haben. Ich bin ja ganz bei Euch, Schwestern, was das mit dem Patriarchat angeht, es sollte zu Phall gebracht werden. Ich könnte mich auch damit anfreunden, die Unterdrückung der Frauen nicht als Nebenwiderspruch der kapitalistischen Produktionsweise zu sehen, vielmehr funktioniert Kapitalismus nur durch das Patriarchat. Darüber gibt es Millionen von Abhandlungen. Hier ist nicht der Platz für Vertiefung.
Mir geht es um den flüchtigen Moment der Wahrnehmung, als ich an dem Plakat vorbeiflanierte, in vorcoronösen Zeiten. Das Bild verbindet den weiblichen Körper und Lust mit Tod, mit Mord.
Das ist eine brandgefährliche Ikonografie, und was dabei am anderen Ende der Kopf-ab-Geschichten herauskommt, sieht man an der perfiden Salome Darstellung von Lovis Corinth (Salome brachte mit einem verführerischen Tanz Herodes dazu, ihr den Wunsch der Enthauptung Johannes des Täufers zu erfüllen.) Was das für ein Frauenbild produziert, das bis heute nachwirkt, kann man und frau sich ausmalen.
Außerdem wollte ich zu obigem Plakat anmerken: Judith war Kapitalistin, sie beging den Mord mit ihrer Magd, also einer Lohnabhängigen, und sie war radikale Nationalistin, sie stellte das Wohl ihres Volkes mit mörderischer Konsequenz über ihr eigenes Leben. Ich gehe davon aus, Schwestern, dass ihr diese von mir hier skizzierten Nebenwidersprüche, wenn es denn nicht sogar Hauptwidersprüche sind, offen und angstfrei diskutiert habt.
Wieso ich gerade bei meinem Versuch einer Erzählung frei vom Virentopos ausgerechnet auf diese Geschichte gekommen bin? Es war das erste Bild im aktuellen Foto-Download meines Smartphones.
Was lernt uns das?
Kreative Arbeit orientiert sich nicht immer nur an stundenlangen Grübeleien beim Flanieren oder vor dem Einschlafen, sondern an pragmatischen Verrichtungen des Alltags. Sonniges Restwochenende, liebe Leser, und arbeiten Sie an Ihrem Frauenbild.

21.03.2020 – Man kann ja nicht 24 Stunden am Tag hypnotisiert wie die Zelle vor dem Virus hocken und auf den Angriff warten.


Aus der HAZ vom 20.03.2020 zum 250. Geburtstag von Friedrich Hölderlin. Im Original heißt es: „Mit gelben Birnen ….“
Richtig ist allerdings der Satz, der auf das Gedicht folgt: „In der Rezeption dieses Poeten spielte der Wahnsinn lange die entscheidende Rolle.“
Wie man sieht, tut er das immer noch, und es ist ein Wahnsinn, der Methode hat. Nicht nur in Tageszeitungen findet flächendeckend eine Endredaktion, ein Lektorat, ein Korrektorat, wenigstens eine Überprüfung auf Plausibilität aus Kostengründen nicht mehr statt. Jede Ausgabe wimmelt nur so von sinnentstellenden Fehlern. Das tut dieser Blog hier auch des Öfteren. Der ist allerdings kostenlos, findet oft in Zeitbedrängnis statt und hat monatlich maximal 30.000 Leserinnen (visits). Das ist privates Hobby, und nicht wie eine Tageszeitung res publica.
Daher schrieb ich der HAZ:
„Sehr geehrte Damen, Herren, Korrekturverlesende und Lektoratsvolontierende,
im HAZ-Artikel „Aus Welt und Zeit gefallen“ vom 20.03.2020 zum 250. Geburtstag von Friedrich Hölderlin ist Ihnen ein schwerer Fehler beim Abschreiben des Gedichtes „Hälfte des Lebens“ unterlaufen. Dort heißt es: „Mit gelben Bienen hänget …“
Richtig muss es heißen „Mit rosaroten Hummeln hänget …“.
Ersatzweise: „… Mit gelben Besen hänget …“.

Der Feuilletonchef verlautbarte, der Autor sei zerknirscht.
Wir haben im Moment sicher andere Probleme, aber man kann ja nicht 24 Stunden am Tag hypnotisiert wie die Zelle vor dem Virus hocken und auf den Angriff warten.
Es werden allerdings flächendeckend immer mehr Schrauben locker, der eingangs erwähnte „Wahnsinn“ macht sich breit. So delirierte der diabolische Söder in alle Mikrofone und die Bild übernahm das willig in ihre Headline: „Gott schütze unsere Heimat!“ Stehen die Bolschewisten schon an der Oder was? Nun Volk, steh auf und Sturm brich los? Gott & Heimat in einem Satz, wenn das wieder Mode wird, wird es Zeit zum Kofferpacken. Geht aber nicht, wg. Reiseverbot.
Ich will den Ernst der Lage nicht kleinreden, allein schon deshalb nicht, weil er alles Unschöne im Menschen aus dem Semibewussten nach oben, ins Öffentliche, spült. Mich packt Grimm, wenn ich Nachrichten kriege wie: „Gestern beim Italiener, war echt leer da“. Wenn ich Leute geklumpt in Straßencafés sitzen sehe, usw. usf., ich muss hier nicht alles runterbeten, was eh in allen Gazetten steht.
Keine Reisen, keine Restaurants, social distancing etc. pp. ist selbstverständlich auch für mich oberstes Gebot. Und ausnahmsweise schätze ich das alternative Weicheier-Getue in meinem Kiez mal, wo die Globulischluckerinnen auf dem Erzeugermarkt und im Bioladen lieber 3 Meter Abstand statt 1,50 Meter halten. Aber bitte sine ira et studio (heißt: Ball flachen halten, Vernunft einschalten). Ich geniesse Faulheit und die Möglichkeit zur Reflexion. Ich bin mir aber nicht sicher, ob da immer und bei Allen Gutes rauskommt, bei der Selbstbesinnung. Was erblickt ein von Frauenverachtung, Antisemitismus, Homophobie getriebener Faschist, wenn er in sich geht, einsam, zu Hause bei Mutti wohnend, vor dem PC sitzend? Vermutlich einen Abgrund von Hass, Todeswahn, Aggression … Und von denen laufen immer mehr da draußen rum, die unter den aktuellen Zuständen vermutlich gedeihen wie Pilze nach dem warmen Regen. Vielleicht hat der diabolische Söder doch recht: Gott schütze unsere Highmat?
Halten Sie Distanz, liebe Leserinnen, in jeder Beziehung. Und schönes Wochenende.

19.03.2020 -Kulturspezifisches Hortungsverhalten in Krisenzeiten oder: Exkursion über das Arschabwischen.


Wir zeigen dem Virus den Mittelfinger. Was ihn sicher zu Tode erschrecken wird.
Der Franzose hortet Rotwein und Kondome, der Österreicher Nagellack, der Niederländer Marihuana, der Ami Waffen und der Doitsche Klopapier. Rätselhaftes Österreich, bist Du doch Heimat von mehr Conchita-Würsten als gedacht? Der Rest an Differenz von kulturspezifischem Hortungsverhalten ist nachvollziehbar und mir wird beim Gedanken an das Vaterland und sein Klopapier warm ums Herz, bestätigt dieses Hortungsverhalten doch aufs Schönste meine Ressentiments dem gemeinen Ostgoten gegenüber: Die BRD ist eine Ansammlung analfixierter Zwangsneurotiker.
Ich kann ja wirklich alle Hamsterkäufe irgendwie verstehen, Nudeln, Südfrüchte, Eier, etc. – aber Klopapier? Wie tief kann man auf der nach unten offenen Dämlichkeits-Skala noch sinken? Ich kann mich noch an Jugendzeiten auf Eichsfelder Plumpsklos erinnern, in denen geachtelte Seiten des Eichsfelder Tageblatts lagen, zum Behufe der Reinigung. Was bei der ideologischen Ausrichtung des Käseblatts auch ein treffender politischer Kommentar war, aber soweit war ich als Waldbauernbub natürlich noch nicht. Interkulturell Viertelgebildete wissen, dass es Regionen gibt, in denen die linke Hand Tabu ist, weil sich damit der Arsch abgewischt wird. Ohne Eichsfelder Tageblatt. Sollte es also so dicke kommen, dass hier sogar der Nachschub an Hakle-Feucht zusammenbricht, besorgen Sie sich zum Arschabwischen einfach ein paar Gummihandschuhe, siehe oben. Wenn die Lage sich zu derartigen Engpässen entwickelt, werden Sie ganz andere Probleme haben als Ihre analen Zwangsneurosen zu überwinden. Bitte, gern geschehen.
Meine ersten Ansätze von interkultureller Bildung erhielt ich auf frühen Reisen, wie sonst. Mein erstes Bidet hielt ich für ein Fuß-Waschbecken und das erste arabische Stehklo im geliebten Lusitanien stellte mich besoffen vor unlösbare Probleme. Die Jüngeren mögen bedenken: Damals gab es kein Internet und wer trampte, hat sein Gepäck mit ganz anderem belastet als mit einem Bildungshubernden Reiseführer (Aus Hochglanz-Papier. Das ist eher ungeeignet zur rückwärtigen Reinigung.). Das war Erwerb von interkultureller Kompetenz im Crashkurs und der erste Schritt zur einzigen Position, die ich heute noch an mir akzeptiere: die des Weltbürgers.
Reisen bildet also Kompetenzen, Mentalitäten, Bildung, Erfahrung wie Nichts anderes. Was das Fehlen von Reisen in Zeiten der Krise an gesellschaftlichen Folgen hat, neben einem komplexen Bündel von anderen Mängeln, Verlusten, Ängsten etc., wird sich in den postviralen Jahren zeigen. Wobei: Nach dem Virus ist vor dem Virus. Besonders optimistisch bin ich nicht, aber ich lerne gerne dazu. Ich wünsche allen Leserinnen eine gesunde Zeit.

18.03.2020 – Crémant in Morgensonne


Nicht, dass Sie mich jetzt für einen Alki halten, aber in manchen Situationen braucht es einfach etwas Luxuriöses. Mit manchen Situationen meine ich: jeden Morgen. Zumindest als antizyklisches Ritual in Krisenzeiten wie diesen.
Die Corona-Krise lässt sich jenseits von alltäglichen Belastungen und Bedrohlichkeiten natürlich auch als kulturelles Phänomen lesen. Sie gleicht wie Macbeth, Schillers Räuber, die Wiedervereinigung, das Internet, das Smartphone einem Drama, mit tragödienhaften Zügen.
Im Falle Corona ist die Drama-„Exposition“ der Patient Null. Das „erregende Moment“ ist z. B. der Lock-Down, wenn alles dicht macht. Die „Peripetie“, also der Umschwung, entspricht dem Kippen der Infektionsrate.
Ob das Corona-Drama im trägodenhaften Untergang wie bei Macbeth endet und wie beim Internet überwiegend in einem Haufen gequirlter Scheiße, oder eher komödienhaft sich auflöst im Sinne eines „Siehste, alles halb so wild“, wird der Gang der Geschichte zeigen. Eins unterscheidet das Corona Drama, einem 24-Stunden-Echtzeit Drama mit 80 Millionen Mitwirkenden und 80 Millionen Zuschauenden, von allen anderen: Niemand kann sich ihm entziehen, weder körperlich noch emotional. Dem postmodernen Smartphone- oder Internet-Drama kann man sich durch Abstinenz entziehen, womit man sich zwar von der Erkenntnis über die Welt, wie sie ist und wird, abkoppelt, aber man ist wech von. Geht.
Die Wiedervereinigung, ein bürgerliches Trauerspiel, konnte man ignorieren. Aber Corona?
Mein Terminkalender ähnelte bis vor kurzem einem Schweizer Käse, jetzt der Wüste Gobi, was etwas anderes ist als die wüste Gabi. Eine Sinnkrise hat sich bisher noch nicht eingestellt. Aber natürlich ändert sich die Richtung des Denkens unter dem Druck der Verhältnisse. Vermehrte Selbstreflexion und Veränderung des Alltags. Kleinigkeiten wie die vermutlich Virenübersäte Oberfläche eines Bankterminals. Sie lässt die Sehnsucht nach früher verschmähtem Online-Banking aufkeimen (sic!). Oder die Einsicht, dass in Zeiten bedrohlicher Körpernähe in Supermärkten mit x Virenherden, nicht nur an den notorischen Einkaufswagen, die früher geschmähte Variante der Online-Lieferungen von Waren des täglichen Bedarfs wie Portweine et. al. eine sowohl sinnvoll-gesundheitsförderliche („Stellen Sie’s vor der Tür ab. Das Trinkgeld liegt im Klingelbeutel neben der Klingel“) als auch solidarische Maßnahme ist, erhält sie doch den Kollegen von Amazon und Bringdiensten die Arbeit. So beschissen und schlecht bezahlt die ist, ist sie doch vermutlich 90 Prozent der Beschäftigten lieber als der Gang zum Jobcenter.

13.03.2020 – Was uns noch alles blüht


Pastellfarbene Blüten in der Morgensonne. Sonst sieht’s zappenduster aus, sieht man von der Mail von Sheema Khawaja von heute Nacht ab, laut der ich als Erbe des verstorbenen Goldhändlers 30 Millionen geerbt habe. Damit käme ich erstmal über die Runden. Aber irgendwann wird sich herausstellen, dass Geld nicht essbar ist. Auf den rauchenden Trümmern unserer Zivilisation wird sich ein neues Gesellschaftsmodell erheben, in dem die wenigen Überlebenden der Seuche Subsistenzwirtschaft betreiben. Die Produzent*innen sind dann autonom und betreiben Naturaltausch. Bei meinen handwerklichen Gärtnerfähigkeiten sehe ich ganz duster in die Zukunft. Außer Marihuana-Anbau sehe ich da keine Chancen für mich. Am besten, ich fange morgen gleich an. Eigentlich müsste ich mich jetzt, wo ich den Blog schreibe, auf die Landespressekonferenz vorbereiten, in der ich die drei Botschafter*innen der Landesarmutskonferenz der Weltpresse präsentiere. Die drei renommierten sozialpolitischen Frontleute von SDP, Grünen und CDU der letzten Legislaturperiode stellen uns ihre Fähigkeiten und Erfahrungen zur Verfügung und das wäre unter normalen Umständen eine feine Berichterstattung geworden. Ein Termin, der einiger Vorarbeit bedurfte.
Aber ach, angesichts der viralen Umstände rauscht nachher der Ministerpräsident mitsamt Kabinett da ein bei der Landespressekonferenz (das ist auf Länderebene das, wo im Bund immer Steffen Seibert mit sonorer Stimme Nichts verlautbart) und verkündet die Maßnahmen des Landes zum Seuchen-Containment, Schulschließungen etc. pp. Und sofort im Anschluss daran werden sämtliche Medienleute in alle Windrichtungen zerstieben und Berichte produzieren und für uns wird sich kein Schwein auch nur eine Sekunde interessieren.
Zu Recht.
Früher hätte noch Gram mein Haupt gebeugt. Erst hat man kein Glück und dann kommt auch noch Pech dazu. Mittlerweile umwölkt heitere Altersgelassenheit mein Gemüt. Was soll’s. Es bleibt das Gefühl, dass gestern ein Zäsurtag war, was die Seuche angeht. Was vorher irgendwie wattig-surreal war, ein Geschehen, das eigentlich nur wenig mit einem selbst zu tun hat, bis auf Händewaschen, rückt nun fühlbar in den Alltag, und das nicht nur wegen einer vermutlich verkackten Pressekonferenz. Und keine weiß, was uns noch alles blüht. Aber Kopf hoch, liebe Leserinnen, was uns unter anderem vom Tier unterscheidet, ist das Prinzip Hoffnung.
Zum Beispiel darauf, dass im April der Flugverkehr noch läuft.

11.03.2020 – Mit Friede, Freude, Eierkuchen rotten wir die Seuchen aus und singen Bumsfallera


Starker Trieb. Es ist unübersehbar: Demnächst lässt Frühling sein blaues Band wieder flattern durch die Lüfte, im Gepäck viele bunte Eier. Und Viren. Es ist wohl nicht so, dass Wärme die Corona -Ausbreitung behindert, vielmehr laufen wir direkt in eine Virus-Welle, so Obervirologe Drosten. Es stellt sich im Alltag langsam nicht nur die Frage der Urlaubsplanung, sondern wie lange ist man noch ein Zoon politikon, ein öffentliches Wesen. Konzerte, Theater? Gestrichen. Museum? Geht grade noch. Essen gehen? Diese Woche vielleicht noch.
Dienstliche Termine? Uäh. Wie die Präsentation der drei Botschafter*innen der Landesarmutskonferenz bei der Landespressekonferenz? Ein Termin, über den ich früher stolz wie Bolle gewesen wäre. Heute sage ich mir: Muss das sein? Den noch und dann ist Ende. Gut, dass ich nicht abergläubisch bin. Freitag, der 13. Da sagt doch jede rechtschaffene Esoterikerin: Wenn da noch Merkur mit Mars oder Bounty in Konjugation steht, erlebst Du den 14. nicht mehr. Ich möchte nicht wissen, was zur Zeit an irrationalem Verschwörungs-Hirnmüll und Aberglauben das Internet verpestet. Die gesellschaftlichen Folgen der aktuellen Pandemie sind nicht abzusehen, aber man ahnt nichts Gutes. Vor allem, wenn frau sich die Liste der bisher bekannten Epidemien und Pandemien anschaut. Anders als in den fortschrittsgläubigen 70ern noch, wo vorherrschende Meinung war, mit medizinischem Fortschritt, wachsender Bildung, Hygiene und Friede, Freude, Eierkuchen rotten wir die Seuchen aus und singen Bumsfallera, müssen wir konstatieren: Die Seuchen sind auf dem Vormarsch – Bevölkerungswachstum, Urbanisierung und Globalisierung, zunehmende Zoonosen und zivilisatorische Idiotie wie Impfgegnerschaft nicht zu vergessen, etc. pp..
Da kommt was auf uns zu. Noch zwei, drei Pandemien vom Kaliber Corona oder Spanische Grippe in den nächsten Jahren und wir können unsere Demokratie erstmal an den Nagel hängen, um den Kapitalismus zu retten. Seuchen-Prävention und Bekämpfung dürfte in autoritären Staaten leichter durchzusetzen sein. Da wird im Zweifel auch mal zwangsgeimpft. Fänd ich prima, im Gegensatz zur Humankeulung.
Erst geht der Demokratie die Luft aus und dann?
Dabei dreht unsere Gesellschaft doch jetzt schon durch. In völlig normalen Zeiten läuft der Mob zunehmend Amok und bedroht flächendeckend Amtsträgerinnen auf allen Ebenen.
Mich erinnert dieser Massenausbruch von Hass, Aggression und Gewalt an das Hysterie-Phänomen vor dem 1. Weltkrieg, nur dass das aktuelle Phänomen männlich konnotiert ist, während Hysterie (= Gebärmutter) Frauen zugeschrieben wurde. Was ebenso blödsinnig war wie nachhaltig wirkte. Zeigt ein Mann heute Emotionen, heißt es, sieh an, wie offen er ist. Zeigt eine Frau das Gleiche, heißt es gerne mal, sieh an, hysterisches Frauenzimmer.
Falls Sie, liebe Leserinnen, jetzt sagen, das hätten Sie alles schon mal irgendwo anders gelesen, bedenken Sie bitte, dass das Schreiben eines Blogs auch dazu dient, sich selbst beim Präzisieren der Gedanken über die Schulter zu schauen. Und klarer Verstand ist immer noch der beste Seuchenschutz. Bis es ein Impfmittel gibt.

09.03.2020 – Der Hitlergruß als Seuchenprävention


Wo aber Gefahr ist, wächst das Blühende auch. Blutpflaumenblüten, Anfang März.
Im Originalgedicht „Patmos“ von Hölderlin heißt es:
„….
Wo aber Gefahr ist, wächst
Das Rettende auch.
Im Finstern wohnen
Die Adler und furchtlos gehn
Die Söhne der Alpen über den Abgrund weg
Auf leichtgebaueten Brücken. …“

Wohlan, Söhne und Töchter der norddeutschen Tiefebene, des Mittelgebirgsraumes, von Ioniens Gestaden, der Äolischen Ufer und der Pontinischen Sümpfe, folgt den Bildern des Meisters und seid furchtlos. Angesichts des Abgrunds, der sich gerade an den Börsen auftut, die mit Minus 7 Prozent eröffnen, eine weise Sicht der Dinge. Das Öl ist in der Nacht um 30 Prozent abgekackt und dabei handelt es nicht um kaltgepresstes Olivenöl. Keine weiß, wo angesichts der Seuche die Reise hingeht und das nehmen wir durchaus wörtlich. Urlaubsplanungen sind volatil wie die Tesla-Aktie. Italienreisen? Haken dran. Wieso sind eigentlich in Italien so viele infiziert? Die Medien sind bisher reichlich hilflos in der Analyse. Weil angeblich soviel getestet wird. Hm.
Nirgendwo – nach meiner Kenntnis – wurde die Existenz des sogenannten „Pronto Moda“ Systems als mögliche Mitursache diskutiert. Zehntausende Chinesen arbeiten in Norditalien illegal in Sweatshops der Modeindustrie – ohne Papiere, ohne Versicherung, ohne Gesundheitsversorgung. Unter verheerenden hygienischen Bedingungen, sicher auch in direkten Kontakten mit dem Heimatland. Das 1. Gebot des Kapitalismus wird hier idealiter verwirklicht: Ich bin der Herr, Dein Profit. Du sollst keine anderen Gefühle neben mir haben außer Gier.
Billig, schnell. Und mit dem Stempel, der für Mode der Goldstandard ist: Made in Italy.
Könnte man ja mal in Erwägung ziehen als möglichen Seuchenbeschleuniger. Wer von Seuchen redet, darf vom Kapitalismus nicht schweigen.
Meine flapsige Empfehlung von unlängst, zur Begrüßung die Ghettofaust zu nehmen, ziehe ich hiermit zurück. Grundsätzlich keinen Handkontakt, maximal die Heinsberg-Begrüßung: Ellbogen an Ellbogen. Am Wochenende habe ich ein paar einführende Worte zur Vernissage eines Künstler-Kollegen verloren. Es waren doch einige Leute da und ich wunderte mich nur über die Unbefangenheit, mit der Hände geschüttelt wurden und Umarmungen ausgetauscht. Ich bin nicht Seuchenparanoid, aber in ein paar Dingen versuche ich schon, peu à peu mein Alltagsverhalten zu ändern, zumal niemand weiß, wohin die Reise noch …. siehe oben.
Ich veranstaltete eine kleine Perfomance, die erste Corona-Performance der Welt, bei der ich unter anderem verkündete, dass die Bundesregierung per Erlass vor 10 Minuten die Heinsberg-Begrüßung für alle Insassen der BRD zwingend vorgeschrieben habe und verloste Corona unter das Publikum. Corona Bier. Alles verbunden mit wohlfeilen Appellen an Verstand und Vernunft der Anwesenden. Für einen Moment hatte ich erwogen, den Hitlergruß als Seuchenprävention zu propagieren. Null Hautkontakt und idealer Abstandshalter, wenn sich zwei so begrüßen, weit über den empfohlenen einen Meter hinaus.
Ich habe es gelassen. Es waren Jugendliche im Publikum. Ironie versteht der Mensch, wenn überhaupt, als letztes sozialkognitives Verhaltensmuster und ich hatte keinen Bock auf keifende Gesamtschullehrer*innen, die am Montag bei mir anrufen und sich beschweren, dass ich ihren Blagen den Hitlergruß beigebracht hätte.
Ich wünsche Ihnen eine ansteckungsfreie Woche, liebe Leser*innen

07.03.2020 – Die Fußball EM 2020 wird abgesagt!


Prost. Die Marke Corona erleidet als Folge der Pandemie heftige Umsatzeinbußen. Ich halte das für pathologisch, aber nicht verwunderlich. Unsere Gesellschaft gerät seit Jahren rasend aus den Fugen, da reicht schon eine Grippewelle, um die Sofas der Seelenklempnerinnen mit lauter Bekloppten und Bescheuerten überquellen zu lassen. Angst essen Seele und Hirn auf.
Unlängst räsonierte ich in diesem Blog über eine Seuche mit einem Virus der Mortalitätsrate des HI-Virus, die unbehandelt bei 100 % liegt. Es muss ja nicht gleich so dicke kommen, aber weiß die Teufelin, was da noch alles im auftauenden Permafrostboden schlummert oder in den Dschungelgegenden, denen wir immer mehr auf den Pelz rücken, den Garaus machen und so immer mehr Zoonosen oder Wirtswechsel freien Globalisierungslauf lassen. Ob wir dann wieder Hexen verbrennen?
Mich schrecken solche Dystopien nicht, ich hab Vorräte angelegt: Port, Wermut, Rum, Sekt.. Außerdem mach ich Homeoffice, schon seit Jahren. Die Vor- und Nachteile dieser Art Erwerbsarbeit sind bekannt, muss ich hier nicht nachbeten. Aber auf den neuen Seuchenaspekt bin ich noch gar nicht gekommen, bis ich diesen lesenswerten Artikel las, der den erweiterten Klassenaspekt von verschiedenen Formen von Erwerbsarbeit beschreibt. Marx würde staunen.
Wo bleibt das Positive? Mein Herz würde eine Schlagzeile erfreuen wie:
Die Fußball EM 2020 wird abgesagt!
Der Fußball als Ersatzreligion ist mit all seinen folgerichtig gruseligen Erscheinungsformen ein Spiegelbild unserer Gesellschaft, ergo mit Apellen an Vernunft und Moral natürlich nicht einen Jota weit zu verändern. Die Wahrscheinlichkeit, dass eine nennenswerte Anzahl der anders begabten (= bekloppten und bescheuerten) Fußballanhänger zu Vernunft und Moral kommt, dem Stadion oder Pay-TV fernbleibt, so dieses Geschäftsmodell boykottiert und damit Veränderungen in Gang setzt, ist kleiner gleich Null. Das muss schon richtig reinhageln, siehe oben. Am besten die ganze Bundesligasaison wird gecancelt.
Ist denn das Loch und die Leere im Innern und im Leben so groß, dass man Fußball, Gott, Allah oder wem auch immer anhängen muss?
Fraugöttin, ich danke Dir zum wiederholten Mal, dass ich soviel besser bin als jene dort draußen. Aber wer zahlt mir da was für?
Und zur Finanzierung eines Urlaubs wäre eine gewonnene Wette gegen die Ostgoten bei der EM auch nicht schlecht. Das Vorrundenaus hat bei der letzten WM eine Quote von 20:1 gebracht … Schönes Wochenende, liebe Leserinnen, und bei Begrüßungen immer schön die Ghetto-Faust machen. Das hat Stil.
Und das zählt am Ende des Tages.
P.s.: Für alle, die bis hier durchgehalten haben, ein Schmankerl: Achten Sie im Bild oben auf die Uhr am oberen Bildrand. Das ist die Weltuntergangsuhr und sie steht auf fünf nach 12. Gruselig, oder?