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SCHUPPEN 68 Intervention zum 250. Geburtstag von Friedrich Hölderlin

Am 20. März 2020 jährt sich zum 250. Mal der Geburtstag des Dichters Friedrich Hölderlin. Aus diesem Anlass findet in Hannover den März über die Intervention „Im Winde klirren die Fahnen“ des Künstlernetzwerks SCHUPPEN 68 statt. Sie ist ein Beitrag zur Würdigung und Verbreitung des Werks von Friedrich Hölderlin. Im Zentrum der Intervention steht sein bekanntestes Gedicht „Hälfte des Lebens“ mit der elegisch-trostlosen Klage am Schluss:
„ ….
Die Mauern stehn,
Sprachlos und kalt, im Winde
Klirren die Fahnen.“

Zur Intervention:
– Plakate mit dem Gedicht werden im Stadtgebiet auf Mauern geklebt, die „sprachlos und kalt“ anmuten. (Gestaltung Plakat und Postkarte: design@in-fluenz.de)


Ihme-Zentrum, eine der größten deutschen Bauruinen.

Hölderlinstr., wo ein städtisches Beschäftigungsprojekt für Ein-Euro-Jobs für Langzeiterwerbslose beheimatet ist.

– Postkarten mit dem Gedicht werden in Bürgerämtern, Freizeitheimen, Kultureinrichtungen, aber auch Kneipen, auf Parkbänken und anderen öffentlichen Orten verteilt.
– Eisblöcke mit dem Gedicht im Inneren werden vor öffentlichen Orten wie Rathaus, Krankenhaus, Schule deponiert.

Gedicht Eisblock vor Rathaus Hannover.

Klaus-Dieter Gleitze, SCHUPPEN 68, betont in seiner PM:
„Friedrich Hölderlins Lyrik ist einzigartig im deutschen Sprachraum: Rauschhaft, hymnisch, empfindsam, voll überwältigender Bilder, mitunter rätselhaft, suchend. Anders als seine Zeitgenossen, der gravitätische Großreime-Macher Johann Wolfgang von Goethe oder der spießige Schlichtvers-Schmieder Friedrich „Fest gemauert in der Erden“ Schiller, fand er zu Lebzeiten nicht die Anerkennung, die er verdient hätte. Verzweifelt an den Umständen und psychisch erkrankt verbrachte er die zweite Hälfte seines Lebens im später nach ihm benannten „Hölderlin-Turm“ in Tübingen unter der Betreuung des Schreinermeister Zimmer.
Wie zeitgemäß ist Hölderlin noch, jenseits der Magie und Faszination seiner Sprache? Seine Philosophie der Einheit von Mensch und Natur ist im Zeitalter ökologischer Katastrophen aktueller denn je. Und angesichts von wachsendem Faschismus, Rechtsterrorismus und alltäglicher dialogferner Verrohung ist das Ende von „Hälfte des Lebens“ eine poetische Vision:

„ ….
Die Mauern stehn,
Sprachlos und kalt, im Winde
Klirren die Fahnen.“

Ob Gedichte Trost in trüben Tagen sind, ermuntern, aufheitern, liegt in den Augen der Leser*innen. Sich darauf einzulassen, lohnt allemal. Dazu soll die kleine Intervention beitragen.
Folgen Sie den Spuren der Partisanen der Poesie!“

Die volle PM gibt’s hier PM SCHUPPEN 68 Aktion zu 250 Jahre Friedrich Hölderlin

03.03.2020 – Hölderlin, der blaue Faden und Impfpflicht gegen Dummheit


Aktion von 2008 zur Rettung der lokalen Brauerei, bei der ich nach dem Abi ein paar Monate gearbeitet hatte. Die Arbeit war nur im Vollrausch zu ertragen, aber als Flaschenabfüllanlagenbediener war ich ja an der Quelle. Den Artikel habe ich rausgekramt, weil ich zur Zeit mit einer Intervention zum 250. Geburtstag des größten Dichters deutscher Zunge Friedrich Hölderlin beschäftigt bin und nachgesehen habe, was ich selber denn schon mal zum Meister fabrizierte. Wir wollen zu meinen Gunsten annehmen, dass ich die damalige Aktion im Bild oben im Drogenrausch oder Vollsuff geplant habe. Aber meine Hölderlin Nachdichtung des anrührend-grandiosen Poems „Hälfte des Lebens“ in obigem Artikel hat was. Das Original wollen Sie bitte hier nachlesen. Meine Intervention trägt übrigens als Titel den klagenden Ausklang des Gedichtes „Im Winde klirren die Fahnen“. Mehr dazu demnächst. Bleiben Sie drin!
Brauereien ziehen sich also wie ein roter, besser blauer Faden durch mein Leben und so nahm es nicht Wunder, dass ich bei der Solidemo am 29.02 für die hiesige Gildebrauerei dabei war.

Power to the Brauer. Einer der seltenen Fälle, wo die hiesige Presse ausführlich und wohlwollend über Gewerkschaftsaktivitäten berichtete. Die Brauerei hat halt einen hohen lokalen Symbolwert. Die Zeitungen übernahmen sogar die Teilnehmerinnen-Zahl der Veranstalter von 750. Real waren es halb so viel. In meinen Augen ein Desaster und Vorbote einer Niederlage. Ich hoffe sehr, ich habe Unrecht. Aber die zuständige Gewerkschaft hat gestern eine Streikpause angekündigt und Gespräche mit der Geschäftsleitung der Gegenseite gesucht, ohne Signale von denen oder gar Vorleistungen. Das ist kein gutes Zeichen.
Meine Laune ging vollends in den Keller, als ich am gleichen Samstag in der City unverhofft mit einem Ausbruch von Irrationalität und Infamie konfrontiert wurde: Eine Demo von Gegner*innen der Impfpflicht

Impfzwang Faschismus. Die Gleichsetzung von Impfzwang mit Faschismus ist eine niederträchtige Verhöhnung der realen Opfer von Faschismus und zeugt von völliger Gemüts-Verrohung bis weit in alternative Kreise. Auf der Demo waren gefühlte 110 Prozent der TN vegane, Homöopathiekügelchen schluckende Anti-AKWlerinnen.
Vor weniger als hundert Jahren starben in Deutschland Tausende an Kinderkrankheiten wie Diphtherie, Masern oder Kinderlähmung. Das ist durch Hygiene-Fortschritt, wachsenden Wohlstand und vor allem Impfungen gegen Null gegangen. Bereits jetzt aber ist die Impfquote bei Schulanfänger*innen zu niedrig und wenn sich der wachsende Irrationalismus, siehe Bild, durchsetzt, kehren diese Krankheiten wieder.
Da passt ein Schild auf der Demo ins Bild, das ich leider nicht dokumentiert habe: „Nicht die Starken schwächen!“ (Angeblich schwächen Impfungen die „Starken“ Alternativ-Kinder so sehr, dass sie sofort ins Gras beißen). Von hier bis zum Schild auf der nächsten Demo: „Die Schwachen ausmerzen“ ist es nur noch ein kleiner Schritt. Hier ist die Grenze vom Irrationalismus zu faschistoidem Gedankengut überschritten.
Wann wird eine Impfpflicht gegen Dummheit eingeführt?
Ach, Hölderlin, nimm mich in die tröstenden Arme Deiner Hymnen.

29.02.2020 – Realität, Metapher und Mythos: Vom Virus, vom Gift und vom Volkskörper.


Stecker rein, Stecker raus. Screenshot von meinem PC. Information ist alles. Aber man kann’s auch übertreiben. Zumal mir sowieso jedes Verständnis vom Innenleben eines Betriebssystems fehlt und mich diese Dinge eigentlich alltäglich überfordern. Dass es mit der wachsenden Flut an Informationen vielen Menschen ähnlich geht, ist eine Binsenweisheit, trägt aber aktuell in Zeiten von Pest und Cholera zum zunehmend nervösen Vibrieren des „Volkskörpers“ bei. Der Begriff „Volkskörper“ ist ein genuin faschistischer:
Er wurde (Zitat):
“ … im politischen Sprachgebrauch als Metapher (benutzt), die ein organizistisches und biologistisches Verständnis von „Volk“ und Gesellschaft ausdrückte. Sie wurde in Deutschland während des 19. und 20. Jahrhunderts vor allem in antisemitischen und rassenhygienischen Texten benutzt, um das als biologische und rassische Einheit konzipierte „Volk“ semantisch gegenüber sogenannten „Parasiten“, „Schädlingen“ und „Krankheiten“ abzugrenzen. … Die Metapher des Volkskörpers stand deshalb während des Nationalsozialismus in einem engen Zusammenhang mit der nationalsozialistischen Rassen- und Euthanasiepolitik.“
Grundlage für den Wikipedia-Artikel ist u. a. ein Artikel von Thomas Bryant in „Virus. Beiträge zur Sozialgeschichte der Medizin,“ 9, 2010, Hg. Verein für Sozialgeschichte der Medizin, Wien.“
AfD-Nazis wie Höcke delirieren von „brandigen Gliedern am Volkskörper, die nicht mit Lavendelwasser kuriert“ werden könnten.
Der „Volkskörper“ wird in der Sicht der Faschisten durch alles Fremde bedroht, was gerne mit Mikroorganismus-Metaphorik als naturgegebene Schädlings-Bedrohung diffamiert wird, siehe auch Bazillus und Parasit.
In diese Kategorie des Schädlings fällt auch „Virus“ (lat. „Gift“), zuerst 1935 als solcher benannt in Abgrenzung zum Bakterium, insofern eine modernere Schädlingsvariante.
Es ist eine Realität, dass das Corona-Virus nicht nur die Börse in Panik versetzt, sondern die Gesellschaft nervös macht. Noch nur nervös. Anstatt sich auf Informationen des Robert-Koch-Institutes zu fokussieren, wird in abendlicher Runde gerne schon mal verlautbar, dass das Corona-Virus aus einem CIA-Labor entlaufen ist. Diese alltäglichen Kleinigkeiten machen vor dem Hintergrund des eingangs Skizzierten nachvollziehbar, welche irrationalen Unterströmungen in unserer Gesellschaft um sich greifen.
Insofern hat es mich auch unangenehm berührt, als nach den faschistischen Morden von Hanau unisono im politischen Sprachgebrauch für diesen gesellschaftlichen Zusammenhang dauernd von „Gift“, einer biologistischen Metapher, die Rede war, siehe Merkel: „Rassismus ist Gift, etc.. „
Gift zersetzt den Körper. Und da ist über die Hintertür der Metaphorik dem Mythos vom „Volkskörper“ mit allen seinen semantischen und politischen Konsequenzen Tür und Tor geöffnet. Ohne es zu wollen. Ich unterstelle Angela Merkel und anderen gutmeinenden Bürgerlichen keine Nähe zu faschistoider Terminologie. Es ist einfach wieder mal „nur“ bürgerlicher und damit überforderter Antifaschismus.
Ich halte diese Form der hier in Ansätzen beschriebenen gesellschaftlichen Kontamination mit Metaphern und Mythen in letzter Konsequenz für gefährlicher als die Corona-Seuche. Die läuft sich irgendwann tot wie jede Seuche bisher. Bis zur nächsten.
Bis dahin: Händewaschen, Grippeimpfen, desinfizieren, Sport treiben und Finger weg von Verschwörungstheorien.

27.02.2020 – Episches Drama mit Friedrich Merz in der Rolle des Schurken


Streik der Gilde-Brauer, Soli-Demo am 29.02.2020. Eigentlich ein kleiner, regionaler Streik von einer Handvoll Beschäftigten, der aber mit erbitterter Härte geführt wird und weit über die Brauerei hinaus Bedeutung hat. Wenn die Beschäftigten den verlieren, hat das Signalwirkung. Es geht darum, ob die Arbeitgeber Erfolg haben mit Tarifflucht, Lohndrückerei und Spaltung von Belegschaften. Wenn sie damit an dieser Stelle Erfolg haben, ist das ein Signal an alle Arbeitgeber, im Zweifel auch so zu verfahren, vor allem bei zukünftigen Rezessionen. Corona, ick hör Dir trapsen.
Profitmaximierung und gleichzeitige Domestizierung der ohnehin schon handzahmen hiesigen Gewerkschaften, was für Bier auf die Mühlen von Gestalten wie Friedrich Merz, Lindner und dem AfD-Gesindel.
Das Arbeitgeber-Muster des Streiks ist klassisch und hat das Zeug zu einem epischen Drama im Kleinen: Tarifflucht, Aufspaltung des Betriebs in kleine Einheiten, dadurch Behinderung der Betriebsratsarbeit und Entsolidarisierung der Belegschaften, Aussperrungen, Einsatz von Streikbrechern, mit allen Emotionen des Lebens und des Theaters wie Wut, Hass, Trauer, Liebe, Wahnsinn… . Wer wissen will, wie sich sowas in groß abspielt, möge die Geschichte des Bergarbeiterstreiks in Großbritannien 1984/85 nachlesen. Diese Niederlage der Arbeiterbewegung ist von ihrer Bedeutung für den weltweiten Sieg des Neoliberalismus gar nicht hoch genug zu veranschlagen.
So trägt also dieses kleine, regionale Ereignis in sich den Kern des Epischen Dramas und gebar in mir den Entwurf eines dergestalten Bühnenstücks im Shakespeareschen Gewand. In der Rolle des Schurken: Friedrich Merz. Sein Gegenpart ist die Flaschenabfüllanlagenbedienerin (das Wort weist daraufhin: Es ist ein urdeutsches Drama) Henrike May. Sie ist Streikposten bei der Gilde, beider Lebenswege kreuzen sich einmal. Friedrich Merz wird in einer schwarzen Limousine von seinem Luxushotel zu einem Vortrag des hiesigen CDU-Wirtschaftsflügels gefahren, seine Fahrt wird kurzfristig aufgehalten durch Streikende auf der Straße. Er flucht in seinem Wagen in einem Monolog über die Streikenden und allgemein die Gewerkschaften als Bremser, Modernisierungsverweigerer und Minderleister. Indessen prügelt sich Henrike May draußen auf der Straße mit Streikbrechern, denen von Polizisten eine Gasse zur Arbeit freigesperrt wird.
Mittel der Inszenierung sind Videoeinspielungen, mit Splitscreen, u. a. von der Straßenszene, die sich in einem zweigeteilten Bühnenbild fortsetzen, ein „Oben“ mit Merz, ein „Unten“ mit May. Platt? Klar, das Leben ist mitunter platt. Höhepunkte sind jeweils Monologe der Beiden in der Tradition von Shakespeares Hamlet. Der letzte Monolog gehört Merz, der als größenwahnsinnig, arrogant und dumm charakterisiert wird. Er ist als Königsmörder in der Tradition des Claudius gescheitert, Königin Angela Merkel hat ihn dreimal hintereinander in höfischen Intrigen gedemütigt. Das erträgt er nicht länger, steht am Abgrund des Selbstmordes und wendet Hamlets Monolog gegen die Frauen („Schwachheit, dein Name ist Weib!“) gegen sich selbst:
O dass dies sture, sture Fleisch zerginge
Auftaute, liefe als ein Wasser weg,
O dass der Ewige nicht sein Gebot
Gestellt hätt gegen Selbstmord!
Großer Gott, Wie lästig, schal, platt und ergebnislos
Erscheint mir das Getriebe dieser Welt.

Mit diesen Worten fällt der Vorhang und mir ist der deutsche Theaterpreis sicher.
Das Stück geht sonst nicht gut aus. Die Brauer*innen verlieren den Streik und Henrike May verflucht in einem großen letzten Monolog im Streiklokal ihren Liebhaber, der zu den Streikbrechern übergelaufen ist, die zahmen Gewerkschaften, die desinteressierten, entpolitisierten Massen und mich, den Autor, dass ich so einen Striemel zusammengedichtet habe.

25.02.2020 – Härteprüfung mit dem Poldihammer


Lange hart. Gesehen auf dem Markt für regionale Erzeugerinnen bei mir umme Ecke.
Süß und saftig kann ich als Qualitätsbeschreibung für Birnen nachvollziehen, aber lange hart?
Ist das nicht eine Qualität für ganz andere Zusammenhänge als Birnen?
Stahl zum Beispiel. Als langjährig Beschäftigter im Maschinenbau weiß ich um die Tücken der Härteprüfungen für Stahl. Härte ist per definitionem nicht nur der Widerstand gegen härtere Körper, sondern auch gegen weichere und gleich harte Körper und für die jeweiligen Härtegrade gibt es normgerechte Prüfungen, die mit der Eindringtiefe bestimmter Prüfkörper zu tun haben, siehe auch Vickers-Härteprüfung. Dann gibt es u. a. noch die Härteprüfung mit dem Poldihammer.
Selbst für Laien dürfte jetzt nachvollziehbar sein, was es mit idiomatischen Ausdrücken wie „Hart wie Kruppstahl“ auf sich hat. Dieser Ausdruck basiert nicht auf literarisch-gefühliger Subjektivität, sondern auf naturwissenschaftlichen Mess- und Prüfmethoden, wie ich überhaupt und grundsätzlich finde, dass naturwissenschaftliche Parameter und Personen mehr Einfluss auf die Gestaltung unserer Gesellschaft haben sollten. Vergleichen Sie, liebe Leserinnen, nur mal Angela Merkel mit Gerhard Schröder. Sie war als Physikerin am Zentralinstitut für Physikalische Chemie der DDR tätig, er war Anwalt. Für ihre überaus nüchterne Art des Regierens ist sie sogar bei mir beliebt (natürlich nicht für ihre Politik) und wie sie reihenweise stilvoll und auf höchstem Niveau Arschlöcher wie Friedrich Merz in den Staub der Geschichte geduckt hat, das hat mein Herz sogar in Minne entflammen lassen. Kurzfristig, für eine langfristige Beziehung ist sie mir doch zu evangelisch.
Gerhard Schröder dagegen … ab hier schweigt des Sängers Höflichkeit. Contenance. Ich stamme aus gutem Hause.
Soviel zu Birnen, stählerner Härte und dem Poldihammer. Jenseits naturwissenschaftlicher Messmethoden bewegen wir uns jetzt auch auf dem Feld von Sprache und Ideologiekritik. Wofür es allerdings ebenfalls Qualitätsprüfungen gibt, deren Maßstab ich jetzt mal vorgebe. In offiziellen Reden bei Empfängen etc. höre ich in letzter Zeit regelmäßig in Bezug auf die rassistischen Morde von Hanau, den antisemitischen Terroranschlag von Halle und den Mord eines Faschisten an Walter Lübcke: „Die zurückliegenden Ereignisse ….“ und ähnlich wolkig verschwiemelt geht es dann weiter.
Gut gemeint, schlecht geredet. Es geht um Rassismus, Antisemitismus, Faschismus und das muss auch so benannt werden. Wem die Begriffe fehlen, dem geht die Erkenntnis aus. Und wo keine Erkenntnis, da ist Lösung fern.
Und wo bleibt das Positive? Im Kleinen, Alltäglichen. Beim Einkauf auf dem Markt für regionale Erzeugerinnen zum Beispiel.

23.02.2020 – Dies war einmal mein Zimmer!


Dies war einmal mein Zimmer! Nach Bombenangriffen auf Hannover Dezember 1944. Aus einem privaten Fotoalbum.
Am 8. Mai 1945 jährt sich zum 75. Mal der Tag der Befreiung vom Faschismus. Mir fehlt die Phantasie, wie seine nächste Ausprägung als Herrschaftsform in unserer Gesellschaft aussehen könnte. Früher, in den goldenen Zeiten des Kapitalismus, in den 70ern, habe ich den an jeder linken Ecke geäußerten Faschismus-Verdacht für analytisch eher unscharf gehalten, milde formuliert. Jedes Mal, wenn ein Angehöriger des Repressionsapparates vorschnell sein Gewaltpräventionsinstrument vulgo Gummiknüppel auf das Haupt eines Genossen niedersinken ließ, hieß es sofort im gängigen subkulturellen Diskurs: Faschistische Bullenschweine (Slime, 1980). Das relativierte in meinen Augen dann doch die mörderischen Qualitäten beispielsweise einer Gestapo deutlich.
Angesichts der heutigen Verhältnisse muss ich den Genoss*innen von damals allerdings fast seherische Qualitäten zusprechen. Eingebettet in einen allgemeinen Trend zur Faschisierung der Gesellschaft tun sich Angehörige des Repressionsapparates durch besonders intensive und aktive Tätigkeiten in dem Bereich hervor. Der Deutschlandfunk fragt z. B.: Gibt es ein rechtsextremes Netzwerk bei der Polizei?
Sollte sich demnächst herausstellen: Die Polizei – mitsamt Bundeswehr, Verfassungsschutz etc. – ist ein rechtsextremes Netzwerk, wäre ich nicht sehr überrascht.
Wenn also meine Fantasie nicht ausreicht, mir vorzustellen, wie die Renaissance des Faschismus als Herrschaftsform aussieht, um wieviel mehr reicht sie dann nicht aus, mir vorzustellen, wie eine zweite Befreiung davon aussehen möge? Britische Bomber, siehe Bild oben? Amerikanische Panzer? Sowjetische Rotarmisten? Ooops, die fallen schon mal aus. Aber das Boris Johnson oder Donald Trump nennenswerten Einsatz zeigen würden, um die Doitschen mal wieder auf demokratische Vorderfrau zu bringen, dafür fehlt mir die … siehe oben.
Andererseits: Geschichte wiederholt sich nicht und angesichts der Tatsache, dass die Atomkriegsuhr zur Zeit (24.01.2020) auf einem neuen Höchststand (besser: Tiefstand) steht, nämlich 100 Sekunden vor 12, muss ich mir vielleicht keinen großen Kopp mehr machen. Es laufen nicht nur in unserer Alltags-Gesellschaft so viele durchgeknallte Viertel-, Halb- und Vollfaschisten rum, sie sitzen auch in Regierungsämtern in Ost und West, Nord und Süd, da kriegen wir die 100 Sekunden auch noch rum. Ob ich dann meinen Nachkommen ein privates Fotoalbum mit Bildern hinterlassen kann, wo drinsteht: Dies war mal mein Zimmer! also dafür fehlt mir die …. siehe oben.
Zwei Sachen sind sicher:
1. Hätte ich so einen Text vor 10 Jahren geschrieben, hätte ich mich auf meinen Geisteszustand untersuchen lassen.
2. Urlaube müssen her, so schnell, so viele und so lange wie möglich.
Ich wünsche Ihnen, liebe Leserinnen, einen entspannten und fröhlichen Start in die neue Woche.

22.02.2020 – Jede Menge Links


Poetry Slam beim Empfang eines Verbandes. Ich gehe gerne zu Empfängen. Ich gehe nicht dorthin wegen des Fingerfoods oder der Weine, alles in der Regel von überaus inferiorer Qualität. Auch nicht wegen Netzwerken, Lobbyarbeit, Projekte anschieben, wichtige Miene und dicke Hose machen etc. Da bin ich jenseits von.
Ich treffe bei solchen Gelegenheiten immer zwei, drei Kumpel, die trotz des Ernstes aller Lagen ähnlich freigeistig drauf sind wie ich. Man muss sich die Stimmung in der Gegend wo ich sitze, ähnlich vorstellen wie in einer Unterprima während des Kunstunterrichtes: gelöst bis albern (Was das spätere gemeinsame Arbeiten übrigens überaus erfolgreich macht). Dass dabei manchmal Pannen wie die Folgende passieren, liegt in der Natur meiner Sache:
Der Poetry Slammer klärte das geneigte und eher kenntnisarme Publikum über Poetry Slam auf (aus meiner Sicht ein vollkommen überschätztes Mainstream Phänomen; ich steh mehr auf Friedrich Hölderlin und Wladimir Majakowski):
„ … und so breitet sich Poetry Slam seit einiger Zeit rasant aus.“
Darauf ich, halblaut zu meinen Kumpels:
„Das tut das Corona Virus auch.“
Aber ach, was ich als halblaut verstehe, ist auf Grund meiner Schwerhörigkeitsbedingt lauten Stimme eher Saalfüllend, und so drehte sich – wieder mal – der halbe Saal ruckartig nach mir um. In einigen Augen meinte ich sowas wie Missbilligung zu erkennen. Meine Kumpels bissen vor Lachen in die Jackenärmel.
Wie gesagt, ich gehe gerne auf Empfänge…
Erfreulich war auch der Neujahrsempfang der hiesigen Linken. Überaus kurz, weil alle zur Mahnwache wegen der Morde von Hanau wollten und endlich mal eine Rede, der ich gerne zuhörte.

Der Bundestagsabgeordnete Jan Korte vermittelte mir das Gefühl, warum es sinnvoll sein kann, Links zu sein, unter anderem mit der deutlichen Ansage gegen die Positionierung der Linken als zweite Grünenpartei, also einer Partei, die Schwerpunkte ihrer Arbeit in den Genderdiskursen eines urban-alternativen Großstadt-Milieus sucht. Nix gegen Gender, aber die gesellschaftliche braune Kacke ist in den Milieus der sozialen Brennpunkte am Dampfen. Der Kampf muss um höhere Mindestlöhne gehen, um armutssichere Grundrenten und die Abschaffung von Hartz IV, und bestimmt nicht um das auch von mir gerne mal breitgetretene Gender „*“ oder den Austritt aus der Nato. In den Brennpunkten erzielen die Faschisten die besten Wahlergebnisse, orchestriert vom Weiße-Kargen-Elitenmob. Was hilft dagegen? Links?
Links, Links, Links, so heißt es jedenfalls im famosen „Linken Marsch“, der Eisler Vertonung des Hymnus von Majakowski. Nicht unbedingt tanzbar, aber hörens- und vor allem lesenswerte Lyrik.
Auf jeden Fall Links war auch mein Interview mit der Linkszeitung „junge Welt“, das frau hier nachlesen könnte, verbürge es sich nicht hinter einer Bezahlschranke.
Wesentlich lesenswerter und nicht hinter einer Bezahlschrank war allerdings die Rezension der Neuauflage des Klassikers von Wilhelm Reich „Massenpsychologie des Faschismus“. Eines der ganz wenigen Bücher, die ich während meines Studiums mit Erkenntnis und Freude gelesen habe. Auch, weil Reich jenseits seiner bahnbrechenden frühen Erkenntnisse in späteren Jahren ein sehr durchgeknallter Vogel war, der jede Menge hanebüchenen Unfug wie die Orgontherapie oder die Mär vom Primat des vaginalen Orgasmus (siehe auch Freud) verbraten hat.
In der Rezension heißt es über den Gegenstand der Untersuchungen von Reich: „Während die Linke sich an einen idealen Menschen wendet, den es in der Realität kaum gibt, holt die Rechte die Massen in ihren autoritär-destruktiven Charakterstrukturen ab – und gewinnt.“ So isses.
Jede Menge Links heute, liebe Leserinnen. Zwingen Sie sich trotzdem zum Tanzen. Und die Verhältnisse dazu.

18.02.2020 – Lauter Neger


Der lange Neger Phil Edwards, eine prächtige Sportfigur.
Aus der Chronik Olympia 1932 Los Angeles der Firma Reemtsma, in der ich gerade stöbere, bei ebay immerhin fast 300 Euro wert. Zigarettenschachteln der Fa. Reemtsma waren diese bunten Bildchen beigefügt und die eifrige Raucherin sammelte mit der Chronik der Olympischen Spiele auch jede Menge Bonuspunkte für Lungenkrebs und Rassismus in Reinkultur, bei den Olympischen Spielen 1936 in Berlin auch Nazi-Ideologie pur. Die Fa. Reemtsma profitierte von Zwangsarbeit. Das berührte den Erben Jan Phillip Reemtsma offensichtlich so peinlich, dass er gläubiger Trotzkist wurde, was Wikipedia unterschlägt, die Kinder-FAZ aber petzte. Und nicht nur das, Jan Phillip verkloppte sogar den ganzen Laden.
Das dürfte ihm ein paar 100 Millionen eingebracht haben. Mittlerweile ist er natürlich wie fast alle anderen vom linken Weg auf den Pfad der Tugend zurückgekehrt und wurde danach mit Ehrungen und Preisen überhäuft. Über nichts freut sich das Bürgertum so sehr wie über reumütige Sünder, die in den Schoss der Familie zurückkehren. Ihrer sind Legion.
Wir aber erfreuen uns an den bunten Sammelbildchen.

Die beiden Negerstudenten.
Es ist einfach, anhand von Sprachmustern aus den 30ern Herrschaftsverhältnisse wie Rassismus zu dekonstruieren. Das hat für die aufgeklärte Citoyenne mehr Erheiterndes als Erhellendes. Spannend wird es, wenn wir das System Herrschaft durch Sprache im 21. Jahrhundert betrachten. Da laufen selbst aufgeklärte Post-68er Argumentations-Amok, wenn es um Gendersprache geht und wedeln allen Ernstes mit dem Duden, in dem das „*“ noch nicht drinsteht. Kein Wunder, dass es mit der Befreiung von Herrschaft des Menschen über den Menschen 68ff. nicht so recht geklappt hat, wenn der Duden das letzte Wort behält und zum Betreten des Bahnsteigs bei der Fahrt zur Revolution vorher beim zuständigen Beamten die Bahnsteigkarte gelöst wird.
Es lohnt sich immer und ist durchaus erheiternd, zu beobachten, wie durch die Maske des juvenilen Verbal-Radikalinskis das ranzige Antlitz des weißen alten Mannes durchschimmert.
Erfreulich ist das in heutigen Zeiten allerdings nicht.

17.02.2020 – Handsigniert, nummeriert, limitiert. Mit garantiertem Jahrgangsstempel zum Subskriptionspreis


Prinzip Rumtopf, hier mit Tullamore Dew Whiskey, 43 %.
Klassische hiesige Früchtemischung, von Kirsche bis Pflaume, inklusive Mango und Ananas, im Wechsel der Jahreszeiten. Letzter Ansatz November 2019. Anbruch 1. Mai 2020, zur Feier des revolutionären Kampftages der Arbeiterinnen- und Trinkerklasse. Im von mir entwickelten „Rumtopf-Kolben“, (siehe auch Erlenmeyer Kolben), einem Laborgerät zur Qualitätssicherung von Früchten in Alkohol. Einfach Alkohol auf Früchte gießen kann jede. Aber eine excellente Qualität lässt sich nur in jahrelangen vergleichenden Versuchsreihen erzielen, streng nach wissenschaftlichen Kriterien. Da auf dem Sektor Rumtopf wissenschaftliche Standards völlig fehlen, bin ich darauf angewiesen, in mühevollen Selbstversuchen (siehe auch erster Herzkatheder am eigenen Körper durch Forßmann) Messmethoden und Geräte zu entwickeln, die diesem beklagenswerten Mangel Abhilfe schaffen. Diesen Mangel kann ich mir nur dadurch erklären, dass der gemeine Rumtopf als solcher vollkommen nichtexistent ist auf dem Wahrnehmungsschirm der Connaisseure und Dandys dieser Welt. Die Herkunft des Rumtopfs ist ungewiss, er wird mit der unseriösen Existenz des 50/60er Jahre TV-Koch Clemens Wilmenrod assoziiert. Das riecht nach Hawaii-Toast, Mettigel und Konrad Adenauer. Insofern ist der Rumtopf mit massenhaftem Vergnügen niederer Stände in geschmacklosen Zeiten konnotiert und völlig unter den Tisch jedes Sterne-Restaurants gefallen. Oder haben Sie, liebe Leserinnen, jemals auf der Dessertkarte eines gehobenen Etablissements sowas gelesen wie: Pot au Rhum an achterlei Früchten, angerichtet an Santiago de Cuba Rum?
Lobpreisungen auf einen Taylor Port Vintage Port 2003 oder einen Puligny Montrachet kann jede verfassen, die mit einem goldenen Löffelchen in der Gourmet-Schnute groß geworden ist. Wer aber fasst das Loblied eines Rumtopfes, dieser wundervoll fruchtig-aromatischen Komposition, in ziselierte Jamben und Trochäen?
Muss ich wieder ran, als alternder Avantgardist.
Ich habe immer drei unterschiedliche Töpfe in Arbeit, je 5 Liter Volumen, einen frisch angesetzten, einen in der Reifung und einen im Anbruch, sowie zahlreiche Rumtopf-Kolben mit unterschiedlichsten Alkoholika und Fruchtzusammensetzungen. Beispiel und absolut nicht zu empfehlen: Doppelkorn, 38 %, mit Äpfeln und Birnen an Kandis. Ein schönes Beispiel dafür, dass nicht überall, wo „Regionales Erzeugnis“ draufsteht, auch kulinarisches Entzücken drin ist.
2030 wird mein Standardwerk zur Qualitätssicherung im Rumtopf erscheinen. Das wird mein Durchbruch. Sichern Sie sich bereits jetzt vom Meister (= mir) handsignierte, nummerierte, limitierte Rumtöpfe mit garantiertem Jahrgangsstempel zum Subskriptionspreis.
Und lassen Sie sich nicht dadurch irritieren, dass der Rumtopf-Kolben entfernt der Urin-Ente ähnelt. Gerade in der Wissenschaft gilt: Form follows function!

13.02.2020 – Die Kunst findet nicht im Saal statt


Die Kunst findet nicht im Saal statt. Armut erst recht nicht und schon gar nicht im Sitzungszimmer.
Manchmal aber doch, zumindest Diskussionen zu ihrer Bekämpfung. Wobei Armutsbekämpfung an den doppelten Sisyphos erinnert. Kaum hat man den einen Stein den Berg hochgerollt, rollen zwei andere ihn wieder runter. Der Stein auf dem Berg ist in diesem Bild eine Landeswohnungsbaugesellschaft, die in den nächsten Jahren zehntausende Wohnungen im mittleren und unteren Preissegment bauen soll, nichtprofitorientiert. Die Landesarmutskonferenz fordert das seit Jahren und die SPD hat das nach langem Widerstand endlich in ihr Programm zur Landtagswahl aufgenommen.
Endlich mal Licht am Tunnel, dachte ich.
Aber ach, schon purzelten die Erinnerungen an die Diskussion über teurere Lebensmittel, wachsende Energiekosten, Armut durch Pflegekosten durch mein Hirn, und damit diverse Steine den sisyphitischen Berg wieder runter. Die Erinnerungen endeten nicht beim Betrug bei Mindestlöhnen, wo Millionen von Menschen sogar um die paar kargen Cents beschissen werden, die ihnen gesetzlich mehr zugestanden wurden. Eine unglaubliche Verrohung, aber das ist ja nichts Neues an der Kapitalistenfront.
Derart gemütsgebeutelt wollte ich mir ein paar schöne Stunden machen und ging gestern ins Kino. Das war von allen dümmsten Entscheidungen der letzten Tage die allerdämlichste. Nach dem neuen Film von Ken Loach „Sorry we missed you“ war ich derartig frustriert und deprimiert, dass ich gleich eine Handvoll rosa Pillen gebraucht hätte, um mich mental auf Normalniveau zu bringen. Details über den Film kann die geneigte Leserin hier nachlesen, es geht um die Verwüstungen, die der Neoliberalismus an der Gesellschaft und in den Individuen anrichtet. Der Film hatte kein Hollywoodesken Kameraschwenks, Zooms und Schnitte, mit den neuesten Hits als Filmmusik, nötig, um in mir ein Maximum an Emotionen, und damit den Idealfall von Kunst, zu erzeugen. Gerade der sparsame, quasidokumentarische Einsatz filmischer Mittel im Sinne eines kritischen Realismus erzeugte derartig viel Wut und Trauer in mir, dass ich noch vor Abspannende raus musste, ins Freie, mehr Luft. Unterwegs stellte ich irritiert eine gewisse Erschöpfung fest. Die frische Luft des Sturmes hatte die Emotionen eigentlich weggepustet und soo überarbeitet bin ich eher nicht, dass mich eine zweistündige Sitzung an den Rand eines Burnout bringt.
Vermutlich war sie das Ergebnis der Message von Loach. Da war im Gegensatz zu früheren Filmen von ihm nichts tröstliches mehr, keine Hoffnung auf Solidarität im Kollektiv oder zumindest schlitzohrige Konterstrategien des Prekariats gegen die Überwältigung durch den Kapitalismus wie in „Angels‘ Share“ .
Das war so ungefähr das Letzte, was ich brauchte, eine Bestätigung meiner eigenen dystopischen Weltsicht durch einen realistischen Filmemacher.
Armut – das ist doch keine Kunst? Von wegen. Im Fall Ken Loach sogar hohe Kunst.
Und der Abend endete doch noch tröstlich. Es gab zum xten Mal alte Folgen (mit dem durchgeknallten Drogenbold Charlie Sheen) im TV der Sitcom „Two and a half men“. Da flossen bei mir doch noch Tränen. Lachtränen. Und das, obwohl ich die Dialoge mitsingen kann, so oft hab ich die Folgen schon gesehen.
Auch das ist Kunst.