Kategorie-Archiv: Schuppen aktuell

29.07.2023 – Schleichender Faschismus

Simulation von Wildnis. Selbst der alternativste Garten hat mit der Natur im Rohzustand nichts mehr zu tun, daher inszeniere ich meinen, inklusive Veranda, bewusst. Seit meiner Aktion zur Umbenennung der Sonnenblume „Goldener Neger“ zieren ein paar von denen, die jetzt Henry Wilde heißen, meine Veranda , und zwar so, dass sie ein Spalier, ein Dickicht bilden; zusammen mit anderen überwiegend legalen Pflanzen und Tieren simulierte Wildnis. Morgens, wenn ich zur Zen-Meditation hinaustrete und nach Regen die Pflanzen ihre Köpfe neigen, muss ich mir einen Weg bahnen, werde naß, und der Anblick versetzt ich in eine andere Welt. In eine jenseits der wachsenden Rohheit der Zivilisation, jenseits von regulativer Zurichtung und normativer Dressur. Dann kann es schon mal vorkommen, dass ich mit den Fäusten auf meine Brust trommele, laut Uaah brülle und „Ich Tarzan! Wo Jane?“.

Blödsinn. Mach ich natürlich nicht. Wildniskitsch, dem irgendwelche armseligen weißen, alten Männer bei esoterischen Schwitzhütten-Ritualen anheimfallen mögen und so mit einem archaischen, vorzivilisatorischen Männer/Frauenbild der schleichenden Faschisierung unserer Gesellschaft die vom Bäumefällen schwielige Faust reichen. Andere Schlichthirne füllen in ihrer Sehnsucht nach präpotenter, viriler Männlichkeit bei Rammsteins Leni Riefenstahl-Ästhetik die Stadien. Auch das auf der Ebene der Bilder, Projektionen, Phantasien ein ästhetischer Faschisierungsprozess, der sofort an tagesaktuelles Geschehen andockbar ist. Über die Hälfte aller Ostgoten schließt eine Zusammenarbeit anderer demokratischer Parteien mit der AfD nicht aus und es mehren sich reihenweise Stimmen aus der CDU, nicht nur in der Ostzone, die dem „gemeinsamen Gestalten“ – vorerst auf kommunaler Ebene, später gerne überall und auch in Koalitionen – im Sinne des großen Vorsitzenden Mao tse Merz das Wort reden. Bei den nächsten Landtagswahlen in der Ostzone wird es vermutlich noch keine CDU/AfD Koalition geben, aber wie sagt der Italiener: Zeit ist eine langsame Feile.

In der Bürgerpresse fängt schon das Pfeifen im Walde an angesichts der rapide steigenden Umfragewerte der AfD: Das sei nur eine Momentaufnahme, die AfD habe ja jetzt ihr Wählerpotential ausgeschöpft. Als ob Wählerpotential eine festgemauerte Konstante sei. Früher hatte die SPD auch ein Wählerpotential von 40 Prozent und die AfD in ihren harmlosen Gründungsjahren von 5 Prozent. The times they are a changing.

Dass sich die AfD entzaubern würde, säße sie in Verantwortung, hört man übrigens kaum noch, dieses hanebüchen naive Argument der Bürgerpresse hat sich selbst entzaubert.

Als ob dem Wahlmob der AfD irgendwas an mühevoller, konstruktiver, parlamentarischer Arbeit liegen würde. Und die Protagonisten der AfD sind zunehmend seriösere Wölfe im Schafspelz, können schon mal unfallfrei zwei Sätze in die Kamera stammeln, und die gröbsten Verbrecher in der Partei werden langsam aussortiert, wenn sie nicht schon im Knast sitzen.

Aber unsere Zivilgesellschaft bildet doch eine Brandmauer gegen Faschismus? Genau, und der liebe Gott lässt jeden Morgen die Sonne aufgehen ….

28.07.2023 – Räuberischer Kapitalismus im Spiegel zeitgenössischer Kunst

HAZ, 14.02.2009. Zähmung der Heuschrecke. Das Ihmezentrum  ist eine der größten deutschen innerstädtischen bewohnten Bauruinen, seit vielen Jahren Spekulationsobjekt halb- und vollkrimineller Investoren. Das Muster ist immer ähnlich: Kauf, Mieten einkassieren, große Versprechungen machen, nichts investieren, Weiterverkauf, mitunter nach Insolvenz der Trägergesellschaft. Zurzeit in Händen von Lars Windhorst, der idealtypisch für räuberischen Kapitalismus steht, immer an der Grenze zur Kriminalität, oft darüber, aber nie im Knast, Dank teurer Anwälte, Großspender für CDU und FDP. Der Klotz verfällt rapide. Wenn er umfällt, kommt er wenige Meter vor meinem Garten zu liegen. Das wird ein zig Millionengrab für den Steuerzahler (nicht mein Garten, der Klotz). Ich habe auf Grund meiner Aktionen zum Thema da mittlerweile Hausverbot.

Lindenspiegel, 03/2009. Irgendwann wollte ich den Klotz selber kaufen und für die zu erwartenden innerstädtischen Unruhen bei uns einen Bundeswehr-Truppenübungsplatz draus machen. Das brachte mir einen Shitstorm seitens der Bewohner*innen ein. Was ich verstehen kann. Interessanterweise gibt es da praktisch keinen Leerstand und abgesehen vom baulichen Zustand und der ungewissen Perspektive fühlen sich die Bewohner*innen dort durchaus wohl. Man sollte sich also vor einem arroganten Blick auf die Situation hüten, ähnliches gilt für soziale Brennpunkte. Was die Menschen da oft mit am meisten nervt, sind die respektlosen und kenntnisarmen Zuschreibungen von außen.

Es gibt übrigens durchaus funktionierende Modelle von Großsiedlungen wie das Ihmezentrum. Die „Schlange“ in Berlin, räumlich die Größte in Deutschland, ist so eins . Früher problematisch, zurzeit auf Grund zahlreicher sozialplanerischer und baulicher Maßnahmen kein „Sozialer Brennpunkt“ mehr.

„Heuschrecke“ und „sozial Schwache“ würde ich heute anders formulieren. Heuschrecke ist antisemitisch konnotiert und sozial schwach sind Gangster wie Windhorst, aber nicht zwingend Menschen, die einkommensschwach sind.

Was mich nach wie vor auf die Palme bringt bei Medienberichten, ist deren fundamentale Unkenntnis von stilvollen Kleidungselementen : Das ist kein Anzug, den ich da trage bei Aktionen, sondern ein Smoking. Anzüge werden von Bankangestellten getragen. Smoking ist nach wie vor ein Attribut und Privileg des postmodernen Dandys. Der Klassenkampf hat in jeder Beziehung auf höchstem Niveau stattzufinden.

27.07.2023 – Wenn alle Stricke reißen, hänge ich mich auf

Politik & Kommunikation, Dezember 2008. Das Blatt aus Berlin für politische Entscheider*innen wurde natürlich auch auf den SCHUPPEN 68 aufmerksam. Das mit der Verstaatlichung während der Finanzkrise 2008 hat leider nicht geklappt.

Neue Presse, 15.12.2008, über die „Bürger helfen Banken“-Aktion des, Zitat „merkwürdigen SCHUPPEN 68“. Die Bürgerpresse war mitunter schlicht überfordert mit unseren Aktionen. Ein gutes Zeichen. Alles richtig gemacht. Es waltet der Geist nicht immer da, wo Druckerschwärze den Ton angibt.

Ein Ziel der ganzen Aktionen war und ist Schärfung der Wahrnehmung, was ist wie gemeint? Was Ironie, Satire, in welchem Verhältnis stehen Stil und Ziel zueinander? Ziel ist immer Aufklärung, der mündige Bürger. Da ist man bei der Bürgerpresse nicht immer an der richtigen Adresse. Die beste Aktion ist die, bei ich selber hinterher nicht weiß, wie ich das gemeint habe. Ganz zu schweigen von der Frage, warum ich das gemacht habe.

Mit Ironie ist das sowieso ein ganz eigenes Ding. Bei der Ironie (griech.: eironeía, Vortäuschung) sagt der Sprecher das Gegenteil dessen, was er meint, vertraut aber darauf, dass die Hörerin die geistige Reife besitzt, über das Gesagte nachzudenken, sich in ihn einzufühlen und so das Gemeinte zu erfassen. Das heißt, die Hörerin muss grundsätzlich die Möglichkeit haben, Ironie als solche zu erkennen, sonst verpufft der Effekt.  

Zum Erkennen von Ironie braucht es nicht nur Geist, sondern auch Empathie. Sehr schön sur le point gebracht ist das hier von Sven Michael Walter von der Uni Osnabrück.

Ironie ist die letzte kognitive (cognoscere = erkennen, wissen) Fähigkeit, die wir entwickeln, und bei vielen, den Meisten, klappt das gar nicht. Mit Ironie und Sarkasmus kann man bei 27 Prozent der Männer und nur 17 Prozent der Frauen punkten. 10 Prozent der Männer stehen auf schwarzem Humor – 4 Prozent Frauen. Witzeerzählen kommt nur bei 5 Prozent gut an. Deshalb wurde mein Witze-Verleih kein Erfolg, obwohl er der Einzige der Welt ist. Kein Problem, wie sagte Nestroy so richtig: Wenn alle Stricke reißen, hänge ich mich auf.

Ein Tipp zum Schluss: Sollten Sie jemals für ein Anliegen, beruflich oder privat, in der Öffentlichkeit, in den Medien werben, aufmerksam machen (müssen), mittels PM, Presseinfo, Flyer, was auch immer: NIEMALS Ironie. Grundkurs 1 PR: Keine Ironie.

Glauben Sie mir. Ich mein’s nur gut.

25.07.2023 – Mir ist alles Wurstbanane.

Plakat Performance 07.09.2008, Atelier Kunstbüro. Freibier und Erbsensuppe auf dem Marsch durch die Kulturinstitutionen. Daraus entwickelte sich die Zusammenarbeit mit dem Freund und Kollegen Hermann Sievers, Kunstbüro-Mitglied.

Hommage an Marcel Duchamps. HAZ, 04.10.2008. Wurstbanane. 10 Jahre später wurde eine mit Gaffa an die Wand geklebte Banane für 120.000 Dollar verkauft ….

Seit 2008 ist dieser Blog online (Dank an Mediamaster an dieser Stelle), für das digitale Zeitalter ist das eine Ewigkeit. 2008 kulminierten die vorangegangenen Einzelkrisen, wie Dotcom und 9/11, langsam in einen Dauerzustand, und erreichten in der Finanzkrise mit der Lehman-Pleite 2008 ihren ersten Höhepunkt. Weiters: Osterweiterung der EU mit 10 neuen Mitgliedern, als Höhepunkt die als Staaten getarnte organisierte Kriminalität in Form von Rumänien und Bulgarien, der rotgrüne Sozialraub Agenda 2010, die Bankenkrise 2010, jahrelange EU-Krise, Griechenland-Pleite, Flüchtlingskrise 2015, Brexit, Corona, Inflation, Kriege, Klima, wachsender Rechtspopulismus und Faschismus mit weltweitem Demokratieverlust, wieder Flüchtlinge … to be continued. Das Karussell dreht sich immer rasender und immer mehr Insassen fliegen runter.

Irgendwann beginnt für jedes gesellschaftliche System nach seinem Höhepunkt der Abstieg, es zerbröselt, oder implodiert, je nach Dynamik, an seinen Widersprüchen. Der Kapitalismus hatte in den 90ern weltweit gesiegt, ohne Konkurrenz. Und jetzt haben wir den Salat. Respektive die Wurstbanane. Freibier und Erbsensuppe für Alle? Isch over.

Wer gehofft hatte, seinen Kindern die Suppe zum Auslöffeln hinterlassen zu können, sieht sich getäuscht. Die meisten Menschen auf unserer Insel der Glückseligen leben nach dem Motto: Nach mir die Sintflut. Tempo 130? Autofreie Innenstädte? Verbot innerdeutscher Flüge? Alles ohne mich, ich bin der Ohnemichel. Nur kommt die Sintflut nicht nach Dir oder mir, sondern heute, rauscht heute oder morgen wieder durch das Ahrtal oder sonstwo durch. Oder verbrennt Südeuropa. Morgen Mitteleuropa.

Rhodos brennt? Dann flieg ich halt auf die Malediven. Wie? Die saufen gerade ab? Also Urlaub an der Ostsee? Die stirbt aber leider gerade . (Und mich persönlich kriegen freiwillig keine 10 Pferde in den Fascho-Osten.)

In die sauren Äpfel müssen wir also selbst beißen und unsere Nachkommen werden vielleicht mal froh sein, wenn es überhaupt noch saure Äpfel gibt.

Diese ewigen Kassandrarufe machen mich irgendwie fertig. Ich müsste mal raus, Urlaub machen. Flüge nach Korfu in der Nachsaison für 150 Euro, grad gecheckt. Super.

Da brennt’s? Nicht in meiner Gegend. Brennen tut es nebenan, bei den Touris …..

24.07.2023 – Burning down the house oder: Friedrich Merz, der Biedermann als Brandstifter.

SCHUPPEN 68 in den Medien: NP, 30.05.2008, Öffentliches Nachdenken über das Nichts.

Das Nichts ist das, wodurch sich das Sein offenbart. Laut Heidegger, Sartre und mir. Der Veranstalter des im Artikel erwähnten Philosophie-Festivals meldete sich nach den Medienberichten über die Aktion bei mir zwecks Zusammenarbeit. Ich hielt und halte es mit Marx und seinen Thesen zu Feuerbach , deren 11. lautet: „Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kommt aber darauf an sie zu verändern“ und unterbreitete dem guten Mann ein paar Vorschläge auf dieser Basis. Der meldete sich sofort, regelrecht panisch, am Telefon, weil er Angst um die Reputation seines Festivals gekriegt hatte, und insistierte darauf, dass doch jeder von uns in seinen Sphären bleiben möge.

SCHUPPEN 68 in den Medien: IG Metall-Zeitung, 08/2003. Satirekünstler zwischen Karl und Groucho Marx. Also mit der Zuschreibung kann ich leben. Damals fingen die Medien an, sich von sich aus bei mir zu melden, so auch die Metallzeitung (ich bin als Arbeiter der Faust Mitglied bei der IGM, aber nicht mehr lange, wenn die so weiter machen). Ich hatte mir schnell angewöhnt, allen halbwegs erträglichen Medien das zu erzählen, was sie hören wollten, siehe oben. Eine gute Geschichte ist immer mehr wert als die Realität und wird selber irgendwann Realität. Das kleine Foto in der Metallzeitung zeigt übrigens Teile des Kollektivs, leider ohne Frau Dr. Anna-Maria Kötnerholz, auf dem Höhepunkt unseres Schaffens Ende der 80er. Vor dem Hintergrund des gerade abgerissenen SCHUPPEN 68, siehe Graffiti-Schriftzug. Ein rares Zeitdokument.

Ein Song aus den 80ern ging mir heute durch den Kopf angesichts der Nachrichtenlage: Burning down the house, von den Talking Heads , extrem tanzbarer Stoff:

Here’s your ticket, pack your bags

Time for jumpin‘ overboard

Transportation is here

Close enough but not too far

Maybe you know where you are

Fightin‘ fire with fire

Wer denkt da nicht an die griechischen Inseln, die gerade brennen. In Verbindung mit der Aussage des Sauerlandrockers Friedrich Merz über eine Zusammenarbeit mit der AfD . Der Mann ist eine loose cannon, eine aus der Verankerung gerissene Kanone, die unkontrolliert über das Schiff donnert, ein wandelndes Pulverfass. Es brennt, an allen Ecken. Was man für platte Natur-Symbolik auf gesellschaftliche Zustände halten könnte, die brennenden Inseln, ist ein gesellschaftlicher Zustand, denn diese Situation ist menschengemacht. Und der vergesellschaftete CDU-Friedrich Merz ist auch in seinem rohen Naturzustand, er hat sich nicht unter Kontrolle. Nur geil auf Macht, koste es, was wolle, selbst mit Faschisten.

Passend daher auch die Frage der Talking Heads am Anfang des Videos ans Publikum: „Who’s got a match?“ Wer hat ein Streichholz?

Friedrich Merz. Und der hat auch gleich den Benzinkanister dabei. Wenn der Biedermann der Brandstifter ist, steht zu befürchten, dass die Mitglieder der Feuerwehr seine Spießgesellen sind.

23.07.2023 – Wer die Wahl hat, hat die Qual?

Medien über SCHUPPEN 68:  Aktion „Freibier und Erbsensuppe“, HAZ, 10.11.2007. Ich hab keine Ahnung mehr, was in den ganzen Berichten geschrieben wurde, der Gang ins Archiv ist eine feine Reise in die Vergangenheit mit jeder Menge Wiederentdeckungen. Und einem hohen Grinsfaktor. Ich bin gespannt, ob in einem der zahlreichen Berichte irgendwo mal steht, dass die ganzen Aktionen, Interventionen, Performances neben ihrem ästhetischen Eigenwert auch eine hochgradige Verarschung des zeitgenössischen Kunstbetriebes waren.

Medien über SCHUPPEN 68: Neue Presse, 03.03.2008. Aktion zur Produktions-Einstellung des lokalen Lindener Bieres. Kein Verlust, eine eklige Plörre. 11 Zuschauer*innen, immerhin. Ich hab Helge Schneider im hiesigen Veranstaltungsort „BAD“ vor vielen Jahren mal per Zufall gesehen, 5 Zuschauer*innen. Schaun mer mal ….

Aber hier bin ich einer Sternstunde meines dichterischen Schaffens wiederbegegnet: Der Umdichtung von „Hälfte des Lebens“ des Dichtergottes Friedrich Hölderlin:

„ …..

Und trunken von Küssen

Tunkt Ihr das Haupt

Ins heilignüchterne Bier.“

Also das in Verbindung mit dem profanen Prollgesöff Lindener Bier, das hat was. Heilnüchtern kann man angesichts der Perspektiven im Lande nicht werden, eher höllischbesoffen. Uns stehen Wahlen ins Haus und die werfen düstere Schatten voraus. 2023/24 Landtagswahlen in Bayern, Hessen, Sachsen, Thüringen, Brandenburg und die Europawahl, jede Menge Kommunalwahlen und die Bundestagswahl in 2025, wofür sich die Kontrahenten jetzt schon in Stellung bringen. Der hessische MP Boris Rhein, CDU, gibt den Wahlkampf-Grundton vor: Grenzen dicht, die Nation muss sauber bleiben. Was von oben als ausgewogener Beitrag zur Migrationsdebatte verstanden werden will, kommt unten als Appell zum Heime-Anzünden an. Irgendwas gegen Ausländer*innen, das zieht immer. Der Rhein Vorgänger Roland Koch hatte schon vor 25 Jahren mit der Rassismuskarte Wahlen in Hessen gewonnen. „Wo kann ich hier gegen Ausländer unterschreiben?“ Fragten damals die Einen. Während die Anderen nicht lange fackelten und Flüchtlingsheime abfackelten.  

Wenn das nicht reicht, wird eine Kampagne gegen Sozialschmarotzer via Bild losgetreten, antisemitisch sind „wir“ sowieso schon, Gewalt gegen Frauen nimmt zu, Toleranz gegen LGBTQ nimmt proportional ab. Minderheiten sollten sich warm anziehen, alles, was rechts ist und egal wie heiß die Sommer noch werden.

Die Einen haben die Wahl, die Anderen die Qual.

22.07.2023 – Auf dem Weg in die Räterepublik

Performance „Mitleid mit der SPD“ 2007, Neue Presse, 04.08.2007.

Angeregt durch das Sommerloch, stelle ich hier in loser Folge Medienberichte online über das verdiente „Polit-Satire-Anarcho-Netzwerk SCHUPPEN 68“ (Zitat Artikel NP).

Performance „Kopfnüsse gegen Wahlverdrossenheit“. Neue Presse, 26.01.2008.

Manches würde ich heute anders machen und auf jeden Fall anders formulieren, einiges ist schlicht gelogen, anderes falsch wiedergegeben, die grobe Richtung aber stimmt. Bis auf die Tatsache, dass ich heutzutage bestimmt nicht mehr für höhere Wahlbeteiligung mobilisieren würde. Die Wahlbeteiligung hat in den letzten Jahren oft zumindest nicht mehr abgenommen oder ist sogar wieder gestiegen und das ging zu wesentlichen Teilen auf das Konto der AfD. Große Wähler*innenströme gingen von den Nichtwählenden zur AfD und wenn das bei mehr Wahlbeteiligung rauskommt, bin ich strikt dagegen. Es kann nicht sein, dass die Demokratie ihren Henkern selber den Strick in die Hand gibt. Also hätte die nächste Intervention das Ziel, die Wahlbeteiligung zu reduzieren, vor allem da wo die AfD regelmäßig die größten Stimmenanteile einfährt, in den sozialen Brennpunkten. Man müsste über soziale Medien das Gerücht verbreiten, dass in den Wahllokalen in den Brennpunkten die Leute heimlich verstrahlt werden, von „denen da oben“, mit Zwangsimpfung, Gehirnwäsche und Unfruchtbarkeitsstrahlen.

Überall Handlungsbedarf. Jetzt sind wir langsam aber sicher auf dem Marsch in die Räterepublik: Bezirksräte, Betriebsräte, Studienräte und jetzt auch noch Bürgerräte als Instrument für mehr Bürgernähe oder gar Beteiligung. Was zum Teufel soll dabei herauskommen, bei der derzeitig rapiden Verrohung der Gesellschaft? Laut letzter Wahlumfrage haben zunehmend rechte, reaktionäre, faschistische, neoliberale Parteipositionen die deutliche absolute Mehrheit, CDU und AfD zusammen mit 48 Prozent die Mehrheit der Mandate, FDP 7 Prozent und von den 10 Prozent für die kleineren Parteien ist die Mehrzahl entweder faschistisch, wie der 3. Weg, oder die Basis, oder völlig durchgeknallt. Da sind wir schon bei über 60 Prozent Rohheitspotential. Und von denen, die nicht wählen gehen, würde wahrscheinlich die Mehrzahl ohne mit der Wimper zu zucken die AHP wählen, die Adolf Hitler Partei. Ein bisschen überpointiert vielleicht, aber trifft im Kern den derzeitigen gesellschaftliche Zustand und Prozess.

Auf dem Weg in die Räterepublik? Die hätte dann vermutlich das Motto: Für ein nationales und soziales Sowjetdeutschland.

21.07.2023 – Der Löwe in Berlin ist ein Fake

Bisher war ich der ungekrönte König aller Sommerlöcher. Hier eine – in aller Bescheidenheit -geniale Aktion von 2009, über die auch der Rolls-Royce-Standard der Medien, der Deutschlandfunk, berichtete, hörst Du hier . Genial deshalb, weil ich nicht irgendein dusseliges Plastikkrokodil in einen Tümpel geworfen und das Foto den Medien angedient habe, sondern das Sommerloch als solches in seiner dialektisch-medialen Beziehung auf einer Metaebene thematisiert habe.

Hier sind Sie nochmal über das Krokodil 2012 im Bild, dem Scheiße-Standard der Medien. Natürlich gelogen mit dem Satz, dass ich mit der Aktion niemanden erschrecken wollte. Im Gegenteil hätte ich mich königlich amüsiert, wenn der Mob in Panik geflüchtet wäre, schreiende Kinder vorweg.

Der Löwe in Berlin ist übrigens ein Fake, ursprünglich war es ein in einen Flokati gewickelter Bernhardiner, auf den die Polizei reinfiel. Da sie das nicht auf sich sitzen lassen wollte, lieh sie sich von einem privaten Löwenflüsterer ein perfekt dressiertes Exemplar aus, das sie jetzt ab und zu durch die undurchdringlichen Dschungel Südberlins scheucht, begleitet von Löwengebrüll vom Band. Clever gemacht, Metropolenpolizei eben. Ich aber ziehe in Anerkennung und Hochachtung vor dem Urheber des Fakes meinen Hut und muss mir keinen Kopf mehr machen, was aus der Werkstatt des SCHUPPEN 68 als nächstes Sommerloch kommt. Der Löwe ist nicht mehr zu toppen und die Offiziellen haben sich ja auch proaktiv drauf eingestellt.

Ich konnte mich nie über die Medienberichterstattung beklagen, was mein Schaffen angeht. Durchaus wohlwollend, doch, doch. Mir fehlten nur ab und zu Zuschreibungen wie „Perfomance-Papst, Gott der Aktionskunst oder auch nur mal „genial“.“ Deshalb hole ich das hier selber nach, siehe oben.

20.07.2023 – Es muss ein Rechtsruck durch Deutschland gehen

Sommerfrische im Allgäu? Berlin, Marzahn, Seilbahn in den „Gärten der Welt“. Es gibt nichts, was es in Berlin nicht gibt. Jetzt laufen da auch noch Löwen frei rum. Auf nach Teltow, wenn ich das Vieh im Video kriege, explodieren meine Klickzahlen.

Irgendwie tut das Tier mir jetzt schon leid. Wenn es denn überhaupt existiert. Erst wird es von Millionen Idioten verrückt gemacht, die auf der Jagd nach einem Video die arme Natur da platttrampeln, und zum Schluss sicher abgeknallt. Das Wilde in der Natur muss abgetötet werden, unsere Gesellschaft wird ja schon mit ihrer eigenen Wildheit immer weniger fertig. Mich erinnert die Geschichte an meine Sichtung eines Krokodils im hiesigen Stadttümpel Maschsee, 2012, über die natürlich auch die Bild berichtetet.

Ich beschränke mich hier auf den Wunstorfer Anzeiger, der immerhin meine Lobeshymne auf meine Heimatstadt abdruckte: „Hannover, die Heimat von Lena und Fritz Haarmann, ist eine sehr lebenswerte Stadt.“ Aber statt dass mir hier mal die Ehrenwürgerbürde verliehen wird als genialer Imagepfleger, bezichtigte mich im Wunstorfer Anzeiger einer der dortigen Großwildjäger des Fakes, weil Krokodile niemals so hoch im Wasser liegen, da würde man nur die Augen und das große Maul sehen. Ein stabiles Genie, der Mann, fürwahr.

Wenden wir uns den hiesigen eingeborenen Wilden und Großmäulern zu, wie Carsten Nillemann, designierter CDU-Generalsekretär, Merz-Klon und Rechtsscheitelträger. Motto: Ab durch die Mitte und Kompanie, rechts um. Er fordert: Schnellverfahren gegen Gewalttäter (sind schon lange möglich), wer arbeiten kann und Bürgergeld bezieht, müsse auch eine Arbeit annehmen (ist schon immer so gewesen oder geht an der Realität so vorbei wie ein Krokodil am Sommerloch), Renteneintrittsalter von 72 (also flächendeckende Einführung von Altersarmut wegen Rentenkürzung, nichts anderes kommt bei dieser Forderung heraus).

Ich bin im Besitz des Redemanuskriptes für den nächsten CDU-Parteitag, vom Mofarocker aus dem Sauerland Friedrich Merz . Titel: Es muss ein Rechtsruck durch Deutschland gehen. Das greift auf die Ruck-Rede unter dem Motto „Es muss ein Rucksack durch Deutschland gehen“   des ehemaligen Bundespräsidenten und Schwatzhansel Roman Herzog zurück. Der bereitete 1997 inmitten einer der zyklischen Krisen des hiesigen Kapitalismus mit allerlei neoliberalem Geschwalle à la „Wir alle müssen den Gürtel enger schnallen“ den rotgrünen Sozialraubzug genannt Agenda 2010 vor.

Jetzt, 2023, haben wir Multikrise und da lässt der reaktionäre Teil des Bürgertums schon mal die Charaktermaske fallen. Rechts um. Siehe auch die völkerrechtswidrige Forderung vom CDU-Geschäfts-Führer nach Abschaffung des individuellen Asylrechts .

Das kann der offen faschistische Teil des Bürgertums locker toppen. Da wurde ja schon über den Schusswaffengebrauch gegen Migrant*innen diskutiert. Von denen kommt auf jeden groben CDU-Klotz ein dreifach gröberer AfD-Keil. Original-Faschismus – nur bei uns!

Die Verrohung des Bürgertums schreitet voran. Dagegen sind temporäre Gewaltexzesse in Freibädern Peanuts und die wahren, wilden Löwen laufen frei rechtsdrehend in den Medien-Manegen rum.

18.07.2023 – Man überlässt den Arschlöchern nicht kampflos das Feld.

Imbiss vor unserem Haus in Kreuzberg. Natürlich türkisch, ist ja Kreuzberg. WG-intern nennen wir ihn Hades, nach dem Ort der griechischen Unterwelt. Unser Hades ist ein sehr niedrigschwelliger, preisgünstiger Treffpunkt für die Mühseligen und Beladenen aus dem Haus und der nahen Umgebung, die sich in den mehr oder weniger schicken Straßencafés im gentrifizierten Bergmannkiez um die Ecke die teuren Latte Macchiato nicht leisten können. Und selbst wenn sie könnten, nicht leisten wollten, hegen sie doch eine instinktive und wohlbegründete Abneigung gegen die einheimischen Hipster dort oder gegen die Myriaden aufgeregt-aufgetakelter Touristinnen, sind jene doch äußere Erscheinung des Gentrifizierungsdrucks auf die ganze Gegend. Und auch sonst meistens nicht ganz dicht in der Birne. Latte Macchiato heißt übrigens „gefleckte Milch“, was irgendwie passt, kann ja mal passieren, wenn man in der Frühe verschlafen bei so einem Morgen-Latte nicht aufpasst.

Der Hades ist Ort der Kommunikation, der Information, der Nachbarschaftshilfe. Hier finden auch Menschen mit sehr wenig Geld, Bürgergeld, Grundsicherung, mies bezahlten Prekärjobs, das, was ihnen von der Gesellschaft verweigert wird, was aber den Kern ihrer Menschenwürde ausmacht: Gesellschaftliche Teilhabe.

Unser Haus wurde unlängst an einen Investor verkauft. Das bedeutet absehbar Unsicherheit für alle im Haus. Was passiert? Umwandlung in Eigentumswohnungen? Modernisierung und Umlegung der Kosten auf Mieter*innen? Wie hoch, wie unbezahlbar werden die Mieten? Das, ein möglicher Wohnungsverlust, kann zu einer existentiellen Katastrophe für manche werden. Aussage eines Anwohners: „Lebendig kriegen die mich hier nicht raus.“

Für Gewerberäume wie den Hades gelten andere Regeln als für Wohnungen. Dort kann das Ende schnell kommen. Das wäre ein soziales Desaster für die Mühseligen und Beladenen. Es gibt zwar jede Menge Spätis in der Gegend, aber die sind kein Ersatz. Mit einer Bierpulle und Chips vor einem Späti abzuhängen ist eine andere Nummer, als gepflegt vor dem Hades zu sitzen und als Krönung der Woche sogar auf eine Pizza für 8,50 Euro zu warten. Nach dem Späti kommt nur noch die Parkbank, der Hades lässt alle Optionen offen.

Jetzt hat der Hades erstmal zu. Der Besitzer fährt den Sommer über mit seiner Familie in das türkische Heimatdorf. Oje. Ein Leben ohne Hades ist machbar, aber nicht wünschenswert. Da meine zweite Natur die Inszenierung ist, hatte ich umgehend eine Eingebung. Eine soziale Plastik, ein sozioästhetischer Eingriff in die Stadtöffentlichkeit, Kunst am Bau, und zwar an unserem Haus: Zwei Bistrotische vor die Tür, ein paar Stühle, eine Kiste Bier und eine mit Cola als Starthilfe daneben, Wasser trinkt da niemand, eine Sammelbox für Kohle und einen Aufsteller, auf dem sinngemäß steht: „Der Hades hat zu. Wir machen unseren eigenen Hades. Jeder nimmt sich, was er will, jeder zahlt, was er kann und trägt sich in die Liste für das Organisationsteam ein, das saubermacht, die Sachen wegräumt und neu einkauft. Am Wochenende gibt es Kabarett und Performance aus Hannover (meint mich).“

Eigentlich eine von zehn Ideen am Tag, die mir bekifft schon mal durch die Birne vagabundieren und wo ich mir sage, nee, ich nicht mehr, sollen die Anderen mal machen. Aber diese hier materialisiert sich immer mehr. Das Eingreifen, die direkte Aktion habe ich immer für die zentrale politische Kategorie der Selbstorganisation gehalten; der Schreibtisch, die Bücher, Theorie, all das ist nützlich, aber Veränderung findet auf der Straße statt oder gar nicht. Ganz zu schweigen vom Adrenalin, das dabei frei wird.

Wenn der Hades endgültig schließt, mach ich das. Wie ich überhaupt und grundsätzlich dem Hades ein Denkmal setzen muss.

Es ist ja auch eine Frage des Stils: Man überlässt den Arschlöchern nicht kampflos das Feld.