Kategorie-Archiv: Schuppen aktuell

07.04.2023 – Betrachten Sie Ihre Eier mal mit etwas anderen Augen

Himbär-Staude in der Morgensonne, verspricht süße Ernte. Nebenan prangte wieder mal Vogelkot auf dem Gartentisch . Völlig normal. Ich erfreue mich am schmelzenden Belcanto von Zilpzalp, Braunelle, Zaunkönig, dem artistischen Geturne der Blaumeise am schlanken Halm und dem majestätischen Anblick des Bussards. Da bleiben Hinterlassenschaften nicht aus. Routine also. Heuer war das etwas anders.

Der dunkle Klacks lachte mich für einen Moment höhnisch, ja fast bedrohlich an. Und das lag nicht nur an der einem Grinsen ähnlichen Form, die Dinger sehen ja oft aus wie Rorschach Testfiguren. Mir spukte die Entwicklung der Vogelgrippe der letzten Zeit durch den Kopf. 2022 war ein Ausbruch mitten in der Brutzeit Im Wattenmeer und an der Nordsee völlig neu und das wiederholt sich jetzt .

Wer sich Vögeln nur in Form von Grillhähnchen nähert, dürfte davon erstmal unberührt sein. Und grundsätzlich gilt, Zitat Robert-Koch-Institut: „Insgesamt besteht also für die Übertragung von aviärer Influenza sowohl von Vögeln auf Menschen als auch von Mensch zu Mensch eine erhebliche Barriere.“ Es gilt allerdings auch, und die Tendenz nimmt zu, Zitat RKI: „Generell ist es möglich, dass sich Influenzaviren über verschiedene Zwischenwirte (Säugetiere) besser an den Menschen anpassen.“ Wir können also eine Coronaähnliche Entwicklung nicht ausschließen. Noch ist die Wahrscheinlichkeit sehr gering.

Noch.

Was würde das für den schlimmsten Fall, eine Pandemie, bedeuten und zwar für die finale Konsequenz, die Todesrate pro Ansteckungsfälle? Zitat RKI: „Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) wurden seit 2003 weltweit über 2.600 humane Erkrankungen und 1.100 Todesfälle mit aviärer Influenza nachgewiesen.“

Also nahe 50 Prozent. Zumindest bei den diagnostizierten Fällen, wenn man die symptomreduzierten Unauffäligen dazu nimmt, sieht das natürlich anders aus. Das ist trotzdem eine völlig andere Kategorie als Corona, wo wir auch schon eine erhebliche Übersterblichkeit (=Mortalität, bezogen auf die Gesamtbevölkerung. Letalität ist die Todesrate bezogen auf die Erkrankungen) gerade in vulnerablen Gruppen hatten.

Für einen winzigen Moment wurde da in der strahlenden, schon wärmenden Morgensonne mein fröhliches Gemüt und Herz durch einen kleinen, eiskalten Finger erschreckt.

Ach was. Ich hob der Sonne meinen im Glas funkelnden Port entgegen. Ich vertraue auf die Wissenschaft, die Entwicklung von passgenauen mRNA-Impfstoffen, ausgefeilte Notfallpläne, bei denen auch mal allzu renitente Impfgegner*innen gekeult werden und nicht immer nur die armen Hähnchen (Grill!), und darauf, dass die nächste Seuche keine Vogelgrippe wird. Wie sieht es eigentlich mit einer Kreuzung von Vogelgrippe und Influenza aus, hat da jemand mal die Wahrscheinlichkeit ausgerechnet?

Ihnen fröhliche Ostern. Und betrachten Sie Ihre Eier für einen Moment mal mit etwas anderen Augen.

06.04.2023 – Kühnes Leben, kühne Gedanken?

Lichtblick an einem düsteren Haus. Bei mir umme Ecke, ich weiß bis heute nicht, ob das leer steht oder bewohnt wird. Irgendein Genie hat das Kunstwerk über die Tür gehängt und so das Haus in einen völlig neuen Kontext katapultiert, von Trostlosigkeit zur Installation, Hoffnungsschimmer.
Es gibt Menschen, die ähnlich fungieren. Lichtblicke in einem Meer von Finsternis. Schimmer von Hoffnung in düsteren Zeiten. Wie kommen solche Leute zu ihren Ideen, Gedanken, zu ihrem Leben?
Und, in Konsequenz, damit das nicht luftleer im Theorieraum schwebt: Was hat das mit meinem, mit Ihrem Leben zu tun?
Mein Verdacht ist: Kühnes Leben, kühne Gedanken.
Nehmen wir den Fall Wilhelm Reich. Einer von maximal vier, fünf Autor*innen, die bei mir bleibenden theoriebildenden Eindruck hinterlassen haben.
Wilhelm Reich war ein austroamerikanischer Arzt, Psychiater, Psychoanalytiker, Sexualforscher und Soziologe. Als Kind erzeugte er ungewollt eine Ehekrise, als deren Folge Reichs Mutter Suizid verübte und sein Vater depressiv erkrankte und 1914 starb. Der siebzehnjährige Reich musste als Vollwaise diese Tragödien verarbeiten und zugleich die Leitung des elterlichen Gutsbetriebs übernehmen. Kurz nach Beginn des Weltkrieges wurde Reich, säkularer Jude, wegen einrückender russischer Truppen zur Aufgabe des Guts und zur Flucht gezwungen Er wurde Mitglied der KPD, fand in den Zwanzigern Zusammenhänge zwischen psychischen und muskulären Panzerungen, gründete mit anderen kommunistischen oder sozialdemokratischen Ärzten in verschiedenen Stadtteilen Wiens Sexualberatungsstellen. Für seine aufklärerische und praxisorientierte Verknüpfung von Marxismus und Psychoanalyse wurde er aus der KPD ausgeschlossen, seine Bücher wurden von den Nazis verbrannt. Die Freudianer (Freuds Tochter) schlossen ihn nach einer Hetzkampagne aus ihren Reihen aus wegen Politisierung. Er emigrierte in die USA. Dort driftete er mit seiner Orgontheorie ins esoterische ab und wurde im Verlauf der McCarthy Verfolgungen in den Knast gesteckt, was er nicht überlebte. Er starb 60jährig an gebrochenem Herzen. Auch in den USA wurden seine Bücher verbrannt.
Seine „Massenpsychologie des Faschismus“ war eine bahnbrechende, fach-übergreifende Analyse des Faschismus. Für „Die sexuelle Revolution“ wurde er in den Sechzigern in der BRD wiederentdeckt. Reich ist Begründer der körperorientierten Psychotherapie und gehörte sowohl für die radikale Linke 68ff. als auch für die New Age Bewegung zu unverzichtbaren Gründungsikonen.
Die befreite Individualität des Einzelnen, in einer befreiten Gesellschaft – das trug ihm Hass und Verfolgung aller Dogmatiker und Fanatiker ein. Wer kann schon von sich behaupten, sowohl von den Nazis als auch den Amis verbrannt worden zu sein?

Ein kühnes Leben, kühne Gedanken (natürlich ohne Zustände herbei zu wünschen, die Reichs Leben bestimmt haben!). Hätte er sein ganzes Leben Klimmzüge an der eigenen Stadtmauer gemacht und seine Nase nur in Bücher gesteckt, wäre sicher nicht das dabei heraus gekommen, was wurde. Und die Moral von der Geschicht? Friedrich Hölderlin gibt einen Hinweis: „Komm! ins Offene …. !“

Reich ist heutzutage weitgehend vergessen. Radikaler, Ex-Kommunist, Esoteriker, das ist ein bisschen viel für unseren an Konsens, Harmonie und Wohlklang orientierten Mainstream. Fazit zu Reich: Wer zwischen allen Stühlen sitzt, liegt meistens richtig.

Demnächst in loser Folge mehr zu: Kühnes Leben, kühne Gedanken.

05.04.2023 – Allmächtiger

Das Plakat wurde mir bei meiner Verpflichtung als IM beim MfS überreicht. Schöne Erinnerungen. Damals war Marx der beste Fußball-Verteidiger. An ihm kam keiner vorbei.

Die ökonomischen Verhältnisse bestimmen unser Bewusstsein, diese fundamentale Marx-Binse gilt selbstverständlich nach wie vor. Aber natürlich bestimmen sie auch unser Unbewusstes mit, all das, was unserer Kontrolle entzogen ist. Unsere Reflexe, unser Fühlen, ist wie Denken und Handeln gesellschaftlich produziert. Der Homo Heidelbergensis z. B. vor 250.000 Jahren dürfte etwas anders getickt haben als wir. Waffen hatte der allerdings auch schon.

Alles ändert sich im Lauf der Zeit. Der anale, autoritätsfixierte, geizgetriebene Zwangscharakter früherer Jahre ist längst dem mehr oral geprägten, herrschaftsskeptischen Hedonisten gewichen. Ob dadurch die Welt besser geworden ist, sei mal dahingestellt.

Und so wie sich unser Blick auf die ökonomischen Verhältnisse und damit die res pubica, die Sache der Republik, ändert, so ändert er sich auch auf das Funktionieren des Unbewussten.

Freuds fundamentale Leistung bestand in Erkenntnissen über die Wirkmächtigkeit des Unbewussten, aber natürlich war er Kind seiner Zeit, phallo- und eurozentrisch geprägt. Er sah die Welt durch die Brille seines Schwanzes, als weißer Europäer. Auf die Idee, dass Ödipus Schwestern gehabt haben könnte, die zu ihren Müttern und Vätern in ähnlich fundamentalen Konflikten stehen könnten, wie Ödipus zu seinem Vater Laois, kam er nicht. Und Freuds Vergleiche zwischen Wilden und zivilisierten Neurotikern sind auch eher Ethnokitsch. So wie seine Sicht der Kultur- und Zivilisationsgeschichte als aufsteigendem Prozess, mit ihrem Höhepunkt in „unserer“ europäischen Kultur, auch schon zu seinen Zeiten als eher daneben galt.

Insofern muss die Anmerkung aus dem letzten Blog über die Väter, die aus mörderischer Konkurrenz im Sinne Ödipus/Laios ihre Söhne immer wieder in die Kriege schicken, erweitert werden. Grundsätzlich steht die Generation der Alten zu den Jungen über alle Geschlechter in einem nicht nur ökonomisch (und somit auch ökologisch, siehe Last Generation) bedingtem Konflikt. Da sind auch Motive von Eltern/Kind Konflikten, von Neid auf die Jugend, Wut auf die Alten, Summertime Blues, drin.

Wieso „vergessen“ die Alten eigentlich immer die Ängste und Emotionen ihrer Jugend, also auch der von Heute, wenn sie an der Macht sind? Lehrjahre sind keine Herrenjahre und ich musste mich auch durchbeißen etc. pp. Die Tatsache, dass einem großen Teil der jetzigen „Alten“ es scheißegal ist, in welchem Zustand sie den Jungen die Welt hinterlassen, trotz besserem Wissen, hat nicht nur mit Egoismus, Besitzstandswahrung, Wohlstandsverwahrlosung zu tun. Da ist auch jede Menge unbewusster aggressiver, mörderischer Impuls gegen die Konkurrenz der schönen Jugend drin. Das ist die Fortführung von „Die Jungen (Männer) in die Kriege schicken“, nur umfassender und geschlechterübergreifend. Wir machen die Welt kaputt, damit ihr sie nicht kriegt.

Ich gehe jede Wette ein, dass diese Gedanken nicht neu sind, so spekulativ sie auch sein mögen. Ich bin in solchen Themen nicht mehr up to date. Mir ist die nächste Urlaubsplanung wichtiger. Flugreise natürlich ….

Die ganze Psychoanalyse ist ja letztlich spekulativ wie eine Verschwörungstheorie, in der Argumentation fliegenbeinschwach und im Moment der Formulierung schon Schnee von gestern. Apropos Schnee: Freud kokste, was die Nase hielt und gab sich mit Sister Morphin den goldenen Schuss, als der Nikotinkrebs seinen Gaumen zerfressen hatte. Freuds Koksbedingte Allmachtsphantasien sollte man (!) bei seiner Rezeption nicht vergessen.

03.04.2023 – Sadomasochismus, Sohnesmord, Kannibalismus und

Mein Totem-Hügel. Totem sind mythologische, mit Bedeutung und Verehrung belegte Kultgegenstände. Totem existieren Kultur- und Zeitübergreifend, siehe Totempfähle, aber auch das Kreuz in der christlichen Mythologie. Das hat in seiner klaren Struktur und Aussage mit zum Erfolg des Christentums beigetragen. Verstärkt durch die sadomasochistische Komponente des am Kreuz hängenden Jesus. Kein Dominastudio ohne Kreuz. Das finden Sie eklig, pervers? Klarer Fall von Angstlust. Ertappt.

Im Fall des Kreuzes kommen weitere archaische und umso wirksamere Aspekte hinzu: Im Zeichen des Kreuzes werden durch magische Beschwörungsformeln in der Wandlung während der Messe aus Brot und Wein Fleisch und Blut von Jesus und in Form von Hostien und Wein den Gläubigen zum Verzehr gereicht. In diesem Kult-Akt, Transsubstantiation genannt, wird das Ritual des Kannibalismus der Ur-Horden zelebriert.

Und: Im Tod von Jesus spiegelt sich der klassische Sohnesmord (Filizid oder auch Infantizid) wider. Gott opfert seinen einzigen Sohn, vermeintlich zur Errettung der Ur-Horde, der Menschheit. In Wahrheit klingt hier aber das Ödipus-Motiv auf, das ist nichts weiter als der präventiv abgewehrte Vatermord von Laios, der damit seinem Sohn Ödipus zuvorkommt. Vater und Sohn in mörderischer Konkurrenz. Aus diesem Grund auch schicken die Väter, die Alten, die Eliten, ihre Söhne, die Jungen, in den Krieg. Es ist nicht nur Nationalismus, Imperialismus, Wiederherstellung der Ehre des Vater(!)landes und ähnliches Gedöns, es sind auch tiefergehende Motive, die die ewig wiederkehrende Kriegsbegeisterung begründen.

Säkulare Totem sind Kunstwerke. Keine Wohnung ohne ein wie auch immer qualitativ geartetes Kunstwerk. In ihm tritt der Besitzer in eine exklusive, intime Beziehung zum abgebildeten Gegenstand und zur Künstlerin.

Eine Welt ohne Totem ist weder vorstellbar noch wünschenswert. Selbst der aufgeklärteste Atheist hat ein inniges Verlangen nach Transzendenz, nach einer anderen Welt jenseits von Vernunft und Verstand.

Meine Totem stehen unter anderem für Gesundheit, Fröhlichkeit, Anmut, Melancholie. Ich würde gerne behaupten, dass ich den Totemhügel mühsam für mythologische Zwecke aufgehäuft und die Totem in kultischem Weiheritual dort ihrem Sinn zugeführt hätte.

Es ist aber nur der Aushub von meinem Teich und die Figuren sind dem Ritual der Ausmistung zum Opfer gefallen. Wegschmeißen wollte ich aber nicht, jede hat eine Geschichte. Und einen Garten kann man im 21. Jahrhundert unmöglich in einem (Pseudo-)Naturzustand belassen, das muss ironisch kommentiert, gebrochen werden, alles andere wäre Romantik oder Kitsch, also gruselig. So kommt eins zum andern. Wir sind eben im Prozess der Zivilisation unwiederbringlich von der Natur, der Ur-Horde, dem mythologischen Totem entfremdet. Ob das ein Fortschritt ist, muss jede selbst beantworten.

Hier mein Lieblings-Karfreitagwitz (Hintergrund zu INRI: INRI ist die Inschrift, die man an Jesuskreuzen findet. Sie steht für Iesus Nazarenus Rex Iudaeorum, also „Jesus von Nazareth, König der Juden“):

„Steht der kurzsichtige Spieß vor dem Kreuz und brüllt: Gefreiter Inri, kommen Sie vom Hochreck runter!“

01.04.2023 – Warum ticken da draußen nicht viel mehr Menschen aus angesichts der multiplen Krisen?

Die bildgewordene Depression. Hauptstraße in Barsinghausen, ein Ort der Vorhölle in der Nähe von Hannover. Was auch nur unwesentlich besser ist. Mitunter verschlägt es mich zu Veranstaltungen, Podiumsdiskussionen etc. in solche Orte. Ich mache sowas sehr gerne, live, nach Zeiten der Seuche, das ist für mich ein Fest. Und die Menschen dort sind fast immer angenehm, zugewandt und engagiert. Aber die Unwirtlichkeit der Städte, überhaupt der Orte im Spätkapitalismus, schlägt nirgendwo unerbittlicher zu als auf deren Bahnhöfen und Ortskernen nach 18 Uhr. Ich bin für Stimmungen sehr empfänglich und das Ambiente solcher Orte versetzt mich umgehend in so tiefe Depressionen, dass ich mich sofort schwerst betrinken oder bekiffen würde, müsste ich nicht ein paar Minuten später auf einem Podium sitzen.

Und nicht darunter liegen. Oder das Ganze mit einer Performance im legendären SCHUPPEN 68 verwechseln. Lange her, es waren die Siebziger, die Drogen …

Jetzt sind wir im gesunden Zeitalter der Prä-Apokalypse. Wobei ich mich wundere, dass da draußen nicht viel mehr Menschen austicken angesichts der multiplen Krisen, sowohl individuell-psychisch, wie im Amiland, wo jeden Tag ein religiös-fanatischer, frauenhassender Waffenfreak ein Blutbad anrichtet, als auch kollektiv-politisch, siehe Frankreich Widerstand gegen Rentenreform. Ersteres ist krank, zweites wünschenswert. Aber bei „uns“ fressen die Leute wohl alles in sich hinein. Inklusive Psychopharmaka, deren Umsätze Rekordhöhen erreichen, wie psychische Erkrankungen.

Interessant: die Selbstmordrate, äußerster Ausdruck innerer Verzweiflung, hat sich seit den Achtzigern fast halbiert. Männer begehen dreimal so oft Selbstmord wie Frauen, das gleiche Verhältnis gilt für den schleichenden Selbstmord auf Raten, Alkoholmissbrauch. Ursachen: Frauen müssen Kinder zur Welt bringen und erziehen, sind resilienter, leben gesünder und agieren Emotionen eher aus. Männer fressen in sich hinein, schweigen, verdrängen, bis es nicht mehr geht und dann bumm.

Eigentlich für die Leser*innen hier so selbstverständlich, wie die Erde rund ist. Vermute ich mal. Aber in letzter Zeit sickern sozialpolitische Positionen, für die ich stehe und in den Medien zitiert werde, zunehmend in rechte und  verschwörungstheoretische Medien wie die schräge Pravda.tv. Und woher weiß ich, ob solche Klientel dann in Folge hier nicht kleben bleibt. Von irgendwoher müssen 30.000 Besucher*innen im Monat ja kommen.

Was soll’s. Also hier auch zum Mitschreiben ab und zu mal Selbstverständlichkeiten.

Ich schrieb oben was von verdrängen. Das ist populärwissenschaftlicher Humbug.

Verdrängung bezeichnet in der psychoanalytischen Theorie einen Abwehrmechanismus, der innerseelische oder zwischenmenschliche Konflikte reguliert, indem tabuierte oder bedrohliche Sachverhalte oder Vorstellungen von der bewussten Wahrnehmung ferngehalten werden.

Das Konzept der Verdrängung geht auf Sigmund Freud zurück und gilt als zentraler Bestandteil der psychoanalytischen Theorie. Dieses zusammengezimmerte Psychoanalyse-Konstrukt hat sich aber wie so vieles von Freud zwischenzeitlich als Humbug entpuppt, damit arbeitet kaum noch jemand. Nur in der Küchenpsychologie wird es gerne inflationär verwendet.

Was es natürlich gibt, sind Abwehrmechanismen  gegen die Zumutungen der Welt, gegen überwältigende Emotionalität, wie Regression, Verleugnung von Tatbeständen, Projektion, etc. ppp. Die Liste ist endlos, allein deshalb, weil sich damit, mit der Heilung und Vermeidung, jede Menge Schotter verdienen lässt. Klassisches Männerding ist die Intellektualisierung. Durch Generalisieren und Universalisieren sorgt man dafür, dass die Kategorien so weit und abstrakt gefasst sind, dass man den Kontakt zur konkreten, sinnlich erfahrbaren Wirklichkeit verliert. Gerne mit der Sonderform der Ironisierung. Schauen Sie sich mal in der Welt um, nie war soviel Ironie wie heute.

Tragen die hier kurz skizzierten Konstrukte wirklich so weit, dass die Poly-Krisen sich noch (!) nicht in wachsender Destruktion manifestieren? Hm. Keine Ahnung.

Und das ist nicht ironisch gemeint.

30.03.2023 – Wir bereiten uns auf den Atomkrieg vor – Teil 3

Himbeeren, 500 Gramm, mit Vodka, 0,7 Liter, und Karotten und Rote Beete in Fermentation. Ich werde hier in loser Folge Tipps zur Vorbereitung auf einen Atomkrieg geben. Nicht dass ich glaube, dass der bevorsteht. Aber glauben heißt nicht wissen. Sie glauben ja auch nicht, liebe Leserinnen, dass Sie einen Autounfall haben werden oder einen Dachschaden kriegen, trotzdem versichern Sie sich gegen solche Fälle. Also hier sicherheitshalber weitere Tipps, nachdem ich vor einem Jahr schon mal Vorbereitungskurse auf einen Atomkrieg angeboten hatte. Duck and Cover, Aktentasche über den Kopf, wenn der Atomblitz leuchtet, und anderes mehr .
Heute geht es um haltbar gemachte gesunde Ernährung, was ja nicht schlecht ist, wenn der nahe Supermarkt nur noch aus rauchenden Trümmern besteht. Der Vodka z. B. macht die Himbeeren fast ewig haltbar. Fermentation das gleiche mit dem Gemüse, sie bezeichnet die mikrobielle Umwandlung organischer Stoffe durch Bakterien und Pilze. Bei diesem natürlichen Prozess der gesunden und ressourcenschonenden Haltbarmachung entstehen Säure, Gase oder Alkohol. In unserem Fall von Gemüse auf der Basis von 3 % Salzlake (30 gr Salz auf 1 Liter Wasser) entstehen Gase, deshalb sollte das Gefäß leicht geöffnet sein und das Gemüse komplett bedeckt, sonst setzt Schimmel an. Einfach einen Gefrierbeutel voll Wasser aufs Gemüse, das reicht. Und nehmen Sie Jodsalz für die Lake. Hilft zwar kaum gegen Atom, gibt Ihnen aber das gute Gefühl, etwas getan zu haben. In der gehobenen Gastronomie ist Fermentation seit einiger Zeit ein must have, gerne versetzt mit allerlei Köstlichkeiten wie Holunder, Chili oder Tannennadeln. Die Salzlake können Sie später trinken, sie hat bereits nach wenigen Tagen ein dichtes, intensives Gemüse-Aroma. Es gibt nichts gesünderes.
Um das Ganze hier nicht zu trostlos stehen zu lassen, Atomkrieg ist ja echt kein Stimmungsaufheller, ein paar Worte zur wechselhaften Geschichte meines Gefäßes für den Himbär-Vodka Ansatz. Das Glasurinal habe ich vor vielen Jahren in einem Sanitätshaus gekauft, um eine stilvolle Blumenvase zu besitzen. Die Verkäuferin: „Ich habe noch eins hinten im Lager, aber man nimmt nur noch Kunststoff, Glas ist für den Benutzer doch eine unhandliche und quälende Angelegenheit.“ Ich wollte meinen Einsatzzweck nicht preisgeben, hätte sich doch irgendwie komisch angehört in diesem Tempel voller Morbidität:“ Das ist ok so, ich kann den Mann eh nicht leiden.“
Zuhause stellte ich fest, dass ich Schnittblumen nicht leiden kann. Ein barbarischer Brauch, lebenden Organismen den Kopf abzuschneiden zur eigenen Ergötzung. Also nutzte ich das formschöne Gefäß als Decanter für Rotweine, wenn Gäste kommen. Ein guter Tropfen wie ein Romanée-Conti oder Petrus sollte ein paar Stunden vor Genuss atmen und dafür ist ein formschöner Decanter genau das Richtige. Leider vertrage ich seit einiger Zeit keinen Rotwein mehr und daher bin ich froh, die jetzige Funktion für das Gefäß gefunden zu haben. Wär doch schade drum.
Und lassen Sie den Himbär-Ansatz mindestens vier Monate ziehen, dann ist jede Alkohol-Spritigkeit verflogen und nur noch das köstliche fruchtig-säuerliche Fruchtaroma da.
In der nächsten Atomkriegslektion schneidern wir uns aus natürlichen, nachhaltigen Materialien eine maximal strahlenschützende und trotzdem ästhetisch ansprechende Schutzkleidung. Es muss nicht immer Aluhut sein!

27.03.2023 – Stullen für die Bullen

Park Gleisdreieck, Berlin. Direkt vor meiner Haustür, riesiger innerstädtischer Park, über 30 Hektar groß. Immer wenn ich in diesem Wildnisteil flaniere, denke ich, hier ist ein ideales Terrain für innerstädtische Wölfe, vielleicht ist da schon einer …

Hier sollen bis zu 7 Hochhäuser, 90 Meter hoch, entstehen. Ausschließlich für Gewerbe und Büros. Das Vorhaben ist völlig grotesk in Zeiten von Homeoffice, Klimawandel und sozialökologischem Umbau der Städte. Außerdem zerstört es sämtliche Sichtachsen im Park und entwertet das Panorama der alten Gleisanlagen und Brücken, städtebaulich einmalige Denkmäler, komplett. Die Brutalität, mit der an diesem Projekt festgehalten und das notfalls mit maximaler staatlicher Gewalt gegen Widerstände durchgeknüppelt wird, macht die Mentalität in Teilen unserer Profitgesellschaft deutlich: Wir gehen über Leichen. Das nämlich ist das Produkt solcher kranken Planungen, der innerstädtische Klimawandel kostet Menschenleben. Gerade in Berlin, wo in grünlosen Betonwüsten Temperaturen von über 40 Grad keine Seltenheit mehr sein werden. Dieses Projekt wird von der Betonmafia CDUSPD in Berlin durchgezogen, gnadenlos, selbst der rotgrünrote Vorgänger-Senat hatte keinen Planungsstopp durchgesetzt. Als Kompromiss kommt später dann: ein Hochhaus weniger, zwei Stockwerke niedriger und zwei Räume für Klimainitiativen, mit hauptamtlichen Geschäftsführerinnen, die von den Bauträgern bezahlt werden. Das pazifiziert noch jeden Widerstand.

Leider ist das Leben komplexer als die Wirklichkeit, und jene Betonmafia, die ich eben noch in die Hölle gewünscht habe, plant Wohnungsbau auf dem Tempelhofer Feld, wofür ich sie lobe und preise in hohen Tönen. Diese riesige innerstädtische Freifläche, das Areal des alten Flughafens, von mir aus in 15 Minuten zu Fuß zu erreichen, ist 355 Hektar groß und ein traumhaftes Erholungs- und Freizeitareal für ganz Berlin, vorrangig natürlich für das anliegende Neukölln und Kreuzberg, Hochburgen der Alternativszene.

Dieses asoziale Pack hatte mit einem Volksbegehren 2014 eine Bebauung komplett verhindert, auch keine Wohnungen, und das in dem aus den Fugen geratenen Wohnungsmarkt Berlin. Die Initiatoren wollte die Spielwiese für ihr alternatives Kaspertum (wenn ich diese Schrottkunst da nur sehe, entsichere ich regelmäßig die Pistole in meinem Halfter) komplett ungestört erhalten, was ihnen auch gelang. In Berlin herrschen Zustände von Obdachlosigkeit wie in den Peripherien des Südens, ganze Zeltstädte. Zustände, von denen sich Kiezhipster keine Vorstellung machen. Zustände, die Leben kosten.

Und so ist es durchaus möglich, dass ich am Park Gleisdreieck den Widerstand gegen mögliche Polizeigewalt im Falle von Räumungen unterstützen werde, wohingegen ich im Falle von polizeilicher Räumung auf dem Tempelhofer Feld den Repressionsapparat anfeuern und mit Erfrischungen versorgen werde. Ich habe auch schon einen Claim, für Flugis und Transpis. Sowas ist wichtig für öffentliche Akzeptanz und mediale Kommunikation. Er lautet: Stullen für die Bullen.

Solche Geschichten kann nur das Leben schreiben.

26.03.2023 – Demnächst wird hier übrigens der Flyer für meine Angebote veröffentlicht

Das Ampel-Chaos hat derartige Ausmaße angenommen, dass die sogar bei mir um die Ecke schon Personal suchen. Ich überlegte kurz, ob ich mich als Bildungsministerin bewerben soll, Bildung hab ich reichlich. Ich lasse es lieber. Meine Zukunft liegt eindeutig in der Personalberatung, Coaching, Prozessentwicklung. Neulich eine von zahlreichen Schlüsselszenen: Fünf Männer analog in einem Raum, wir mussten uns bei kontroversen Vorstellungen innerhalb einer Stunde auf die Präsentation eines Kompromisses in größerem Rahmen einigen. Ich dachte zwischenzeitlich, ich sei in einem Satiretheater.

 Göttinseidank habe ich mir Laufe der Jahrzehnte aus Neigung und Selbstschutz, in Theorie und eigener Praxis, die wunderbare Shakespearesche Sicht zu eigen gemacht: Die ganze Welt ist Bühne und alle Frauen und Männer bloße Spieler, sie treten auf und gehen wieder ab.  

Allerdings würde ich die Sicht des Kollegen Shakespeare um eine feine, aber beträchtliche Nuance erweitern. Frauen und Männer agieren auf dieser Bühne seeehr unterschiedlich. Aus der Arbeitssoziologie ist bekannt, dass Frauen erheblich mehr zu Selbstkritik und Selbstzweifeln neigen als Männer, was unter anderem eine Ursache für Genderpaygap ist. Frau geht eben nicht mit breiter Brust in Gehaltsverhandlungen und Karriereplanungen. Männern mangelt es, nicht nur bei der Arbeit, in ganz erheblichem Umfang an Distanz zum eigenen Tun. Selbstwahrnehmung und Fremdwahrnehmung, letzteres die realistische Variante, scheinen bei Männern mitunter auf verschiedenen Planeten zu spielen. Vereinfacht ausgedrückt: Männer leiden nicht selten an Größenwahn. Oder besser: Sie genießen ihn. Und ziehen aus dieser Mangelerscheinung nicht selten und nicht nur beruflich beträchtliche Vorteile.

Nun ist aber unsere Sprache, auch die der Körper, Fenster zu unserer Seele. Alles, ohne jede Ausnahme, was wir sagen, wie wir es sagen oder auch wie wir es verschweigen, lässt für kundige Leserinnen tiefe Einblicke in unsere Dispositionen, Bedürfnisse, Wünsche, Sehnsüchte, Phantasien zu. Mitunter wird das Fenster regelrecht zum Brennglas und fokussiert in einer Äußerung die ganze Person. Das ist jetzt ein bisschen sehr prononciert, entspricht aber dem Stand von Erkenntnis und menschlicher Erfahrung und ist genau der Sprech, der in entsprechenden Seminaren die TN anrührt, ob man das selber schätzt oder nicht.

Ich denke bei Gelegenheiten wie bei obiger Sitzung mitunter: Merkt Ihr eigentlich, was Ihr gerade über Euch preisgebt? Die Fähigkeit, bei Anderen lesen zu können, was sie im Inneren zusammenhält, und das gewissenlos instrumentalisieren zu können, zeichnet übrigens – unter anderem – Psychopathen aus.

Supervision und Coaching sind heutzutage gängige Instrumente und die Tagessätze, die derlei „Expert*innen“ liquidieren, sind beträchtlich. Mitunter frage ich mich allerdings, was treiben die da? Da, wo sich das auf rein verbale Interventionen beschränkt, ist das zum großen Teil zum Scheitern verurteilt. Blabla und rein kognitive Interventionen kannste in die Tonne treten.

Raus ins Leben, rein in die Praxis. In meinen Seminaren bilden die TN Gruppen, mit je zwei Handykameras, eine dramaturgische Vorgabe und werden auf einen Kinderspielplatz geschickt, um das Konzept zu erarbeiten, durchzuspielen und zu dokumentieren, wobei immer eine*r reihum den Gruppenprozess dokumentiert. Nach dem leckeren veganen Mittagsimbiss wird das im Plenum präsentiert und dann geht’s ans Eingemachte.

Kosten pro TN/Tag, mit Vollverpflegung, Materialien und Nachbetreuung: 1.200 Euro. Vorteil für mich: Vormittags Zeit zur Selbstreflexion da TN in Eigenarbeit, und nachmittags Praxisorientierte Anwendung der zwei therapeutischen Standardsätze:

1. Ich verstehe. 2. Wie geht es Dir jetzt dabei? 3. Was meint die Gruppe dazu?

Das Prinzip funktioniert, ich weiß, wovon ich rede. Hab’s vor Jahrzehnten in unserer, heute würde man sagen: diversen Uni-Videogruppe erfahren, deren Überlebende ich hier ganz herzlich grüße, falls sie das lesen. Was ich da im Agieren vor der Kamera über mich erfahren habe, hat mich eins gelernt: Einfach mal die Fresse halten.

Demnächst wird hier übrigens der Flyer für meine Angebote veröffentlicht. Bleiben Sie drin! Mein Dank gilt der Ampel für ihr obiges Personal Recruiting, ohne das wäre ich nicht auf diese Idee gekommen. Für irgendwas muss diese Gurkentruppe ja gut sein.

24.03.2023 – Alle, die gegen das Aufstehen sind, sollen aufstehen!

S A U.

N A waren zum Lüften geöffnet. Betrachtung ist immer eine Frage des Augenblicks. Betrachten wir uns Deutschland. Das Heilige Römische Reich Deutscher Nation umfasste im Jahr 1000 unter anderem Rom, Wien, Brünn, Marseille und Utrecht. Das deutsche Kaiserreich vor dem 1. Weltkrieg Elsass, Lothringen, Teile Dänemarks und das halbe Polen. Nach dem 2. Weltkrieg gab es zwei kleine deutsche Staaten, deren geografischen Umfang ich mal voraussetze, wir sind ja hier nicht in der Klippschule. Sowohl Geografie als auch Bezeichnung des Staatswesens, in dem wir aktuell leben, haben sich im Laufe der Zeit dramatisch geändert, meist durch Krieg, Gewalt, Tod, Unrecht, bejubelt oder verdammt, je nach Standpunkt und Betrachtung. Immer waren diese Veränderungen Anlass für neuen Nationalismus, Chauvinismus, Revanchismus, neue Kriege, Veränderungen usw. usf, ein elender Circulus Vitiosus. Der Frieden hatte fast nie eine Chance, um auch nur mal Luft zu holen. Allein aus diesem Grund ist mir schon der Begriff „Nation“ zutiefst zuwider und kaum etwas empfinde ich ästhetisch – und damit politisch – abstoßender als Nationalhymnen und Flaggen.

Das im Hinterkopf habend, empfand ich angesichts der aktuellen News einen der seltenen Momente von Zuversicht und Hoffnung. Im Ukrainekrieg zeichnet sich zumindest auf der Wording-Ebene erstmals Aussicht auf Waffenstillstand ab. Bis heuer galt mehr oder weniger explizit im Nato-Mainstream: Ukrainekrieg bis zur vollständigen Rückeroberung aller Gebiete, inklusive Krim.

Das ist illusorisch. Demzufolge hat sich heute erstmals ein US-Politiker vorsichtig in eine andere Richtung geäußert, was ich für einen Paradigmenwechsel halte: US-Außenminister Antony Blinken schließt langfristig Verhandlungen über die künftigen Grenzen der Ukraine nicht aus. Und er gibt der Ukraine die Marschrichtung vor: „ …. Ich glaube, dass es Gebiete in der Ukraine gibt, bei denen die Ukrainer entschlossen sind, am Boden darum zu kämpfen. Und eventuell gibt es Gebiete, bei denen sie beschließen, dass sie versuchen wollen, sie auf anderen Wegen wiederzuerlangen ….“

Die Krim z. B.

Dazu wird die Lösung des Konfliktes in die nächste Geberation verschoben. Es gibt einen Waffenstillstand und Friedensverhandlungen, über Jahre, mit Auf und Ab und irgendwann, in Jahrzehnten, erscheint die Rückeroberung der Krim so wie eine heutige Forderung nach Rückeroberung Breslaus durch die Reichswehr. Sorry, Bundeswehr, respektive Bundesschrotthaufen.

Natürlich ist das nicht gerecht. Aber in der im ersten Moment moralisch vollkommen legitim erscheinenden Forderung nach „nationaler Integrität (der Ukraine)“ liegt bereits der Keim für weiteren Krieg, Gewalt, Vertreibung. Was dem einen z. B. 1933, Deutschland, die nationale Integrität in den Grenzen von 1914 war, war für den anderen, Frankreich, eine vollkommen zu Recht so empfundene Drohung mit Krieg. Womit ich den imperialistischen Angriffskrieg Putins in keiner Weise legitimieren will. Ich weise nur auf das Dilemma hin, das klassische Dilemma: Gerechtigkeit oder Frieden?

Da mir Leben das Höchste der Güter ist, tendiere ich zu Frieden. Mit der Gerechtigkeit ist das eh so eine Sache. Wir erinnern uns an die alte Geschichte: „ „Gerechtigkeit der Erden, o Herr, hat dich getötet … “.

Oder ist es zum Beispiel gerecht, dass ich wieder beim Büchnerpreis leer ausgegangen bin?

Also alle, die für den Frieden sind, sollen aufstehen.

Und danach sollen alle aufstehen, die gegen das Aufstehen sind.

22.03.2023 – Leben und Tod

Amsel, schimpft über Mäusebussard. Der Garten ist nicht nur Ort der Meditation, sondern auch einer von Jäger und Opfer, fressen und gefressen werden, Leben und Tod. Wie draußen vor der Tür, in der Kultur und Zivilisation, wobei es diese Dichotomie nur im Deutschen gibt. Draußen vor der Tür braust der Verkehr mit 25.000 Luftverpestern pro Tag und mit Anbruch des Frühlings kommen die ganzen Zahnwälte mit ihren kaputten Hüften und Harleys dazu, mit deren Geknatter und Gestinke sie ihren eigenen Verfall kaschieren wollen, nach dem Motto Forever young ein Easy Rider und bis zur Bahre I am a crossroader, was zugegeben heute noch ein Stück pure Musikenergie ist. Diese Musik setzt das Programm der italienischen Futuristen in Töne um und folgt damit deren ambivalenter Ideologie, die vom Fortschrittsglauben an Geschwindigkeit und Dynamik kommend direkt in der Vernichtungsdynamik des Faschismus landete.

Am schlimmsten sind Quads, wenn ich die sehe, gerne auch im Urlaub, wo sie als Naturfolger an einsamen Stränden rumdonnern, könnte ich zum Mörder werden. Womit wir wieder mitten in der Zivilisation wären.

Der Bussard, um von finsteren Phantasien wegzukommen, ist ein Kulturfolger, er ist in Städten heimisch geworden, wo das Nahrungsangebot überreichlich ist. Seit Jahren halten die im Grüngürtel hinter unserem Haus und zunehmend im Garten Tauben, Eichhörnchen, Kaninchen knapp. Um die Anwesenheit von Menschen schert der Bussard sich nicht groß, er sitzt schon mal auf Nachbars Balkon an, und meine Anwesenheit während der Fotopirsch, ein paar Meter weit entfernt, mehr gibt die Handycamera nicht her, juckt ihn nicht weiter. Er hat mich zu Recht im Laufe der Jahre als Nicht-Fressfeind identifiziert, evolutionär bin ich für den vermutlich ein Sonder-Bär, der den Gang auf allen Vieren verlernt hat, im Winter zum Winterschlaf in der großen Steinhöhle am Ende des Reviers verschwindet und in der warmen Jahreszeit, mit Sommerfell, ihm das Jagen erschwert, durch Daueranwesenheit die Beute vergrämt.

Mein Bussardkumpel scheint sich aus Energiespar-Gründen zunehmend auf die Bodenjagd zu verlegen, er hüpft im Garten um Baum und Strauch herum, äugt, was in Mauselöchern so anliegt und checkt das Nahrungsangebot an Amsel, Drossel, Fink und Star im Gehölz über ihm. Das dürfte kraftsparender sein als der Sturzflug aus Bäumen herab. Anpassung sichert das Überleben. Demnächst nimmt er noch den Bus vor der Tür für die Fahrt ins Nachbarrevier und lässt sich dann umtaufen: Von Bussard in Busfahrt.

Er hat das, was dem Menschen aktuell verloren geht: die Fähigkeit zur Anpassung. Schnell reagieren auf dramatisch sich ändernde Umstände.

Apropos: Haben Sie meinen Börsentipp in Sachen Deutsche Bank und Commerz befolgt, die in der Spitze in den letzten 48 Stunden um fast 14 Prozent zulegten?

War n Witz, lassen Sie bloß die Finger von sowas. Finger weg auch von der Panzer- und Waffenschmiede Rheinmetall, deren Kurs im letzten Jahr explodierte. Stellen Sie sich mal den Kursverlust vor, wenn es plötzlich Frieden gäbe. Katastrophe …