

Die Fahrt vom Flughafen BER mit der S 45 und dem 140er Bus nach Kreuzberg dauerte fast so lange wie der Flug von Korfu. Am nächsten Tag wollte ich eigentlich nur chillen. Der geschätzte WG-Genosse TB durchkreuzte den Plan: „Wir müssen das Klima retten, die Jugend unterstützen und machen auf dem Platz der Luftbrücke das Klebertraining der Letzten Generation mit.“ Ich verschwieg um des lieben Friedens willen, was das Klima und vor allem die Jugend mich mal können und dackelte mit. Außerdem gilt einem zentralen Interesse von mir Theorie, Praxis und Ideologiekritik Sozialer Bewegungen. Nichts ist da langweiliger als bedrucktes Papier, Erkenntnis liefert die revolutionäre Praxis. Also hockte ich eine Viertelstunde später im Sitzkreis mit einer Handvoll ähnlicher Gesinnter, durchaus auch Ältere dabei.
Vorstellungsrunde, wer wir sind und was uns bewegt. Danach wurden wir von zwei Teamerinnen auf die Ziele und Grundlagen des Klimaklebens eingenordet. Oberstes Gebot: Keine Gewalt. Und: Wir lügen nicht, auch der Polizei gegenüber. Unser Hauptkapital ist Vertrauenswürdigkeit. Außerdem gehen wir extrem achtsam mit uns, den anderen TN, der Umwelt um. Taktisch clever: Mit der Klebeaktion warten wir, bis die Polizei da ist. Sonst würde es mit Sicherheit aus meiner Sicht auch schon Tote gegeben haben. Im ideellen doitschen Gesamtautofahrer schlummert ein Killer. Sie brauchen sich nur mal ein paar Minuten im Regen auf eine Autobahnbrücke zu stellen, dann wissen Sie, was ich meine. Dann gab es noch ein paar Verhaltensregeln für Polizeigewahrsam und Haft, wie da unter anderem mit nichtbinären Personen umgegangen wird und dass es auch schon veganes Essen gibt. Beruhigend: Bei Leibesvisitationen wurden bisher noch keine Körperöffnungen durchsucht.
Dann folgte eine Einstimmung auf das eigentliche Training. Sowas kennen alle, die schon mal Kurse in Meditation, Rückenschule und sonstigem Achtsamkeitsgedöns gemacht haben. Wir legten uns auf den Rücken, sollten auf unserem Atem achten, den Kontakt zum Boden, die Kraft in uns und das Universum spüren. Es unterschied sich im Habitus sehr von der stalinistischen Militanz früherer linksradikaler Sekten.
Nicht jedoch in der Entschlossenheit. Da hat sich ein harter Kern Letzte-Generation-Bewegungsprofis herausgebildet, deren Lebensmittelpunkt und Glaubenskern das ist. Und wenn sich die Politik nicht bewegt, also einfach die selbst gesteckten Klimaziele umsetzt, denn mehr fordern die Kleber*innen nicht, dann ist die Letzte Generation die letzte nach meiner Einschätzung, die Gewaltlosigkeit als Prinzip vertritt. Blick in den Rückspiegel, was Eskalationsentwicklungen angeht, Ulrike Meinhoff vor 50 Jahren: „ …. natürlich kann geschossen werden“.
Geschichte wiederholt sich nicht, es sei denn als Tragödie und Farce. Für welches von Beiden sich auf der Klima- und damit der Weltbühne als nächstes der Vorhang hebt, wissen wir nicht. Für die Meisten von uns gilt, als Publikum: „Und wieder sehen wir betroffen, den Vorhang zu und alle Fragen offen.“ (Ist nicht von mir, ist von Brecht.)
Für mich aber galt für einen Moment der Geschichte auf dem lärmumtosten Platz der Luftbrücke am Tempelhofer Feld, umrahmt von ein paar Polizisten und einem ZDF-Team: Ich bin ein Klimakleber.
Nach einer Stunde allerdings wurde mir auf dem feuchten Rasen kalt. Wir flanierten den Columbia Damm runter, kauften uns auf dem Kreuzberger Kiezboulevard Bergmannstr. eine gute Flasche Crémant und leerten die in der milden Abendsonne auf einer der Ruheinseln dieses Referenzmodells von Verkehrsberuhigung.

Viva la revolución










