
Impfschwurblerdemo Februar 2022. In diesem Foto liegt für mich eine angespannte Orientierungslosigkeit, ein schwebender Moment zwischen Verharren und Aktion. Der antizivilisatorische Steinzeitler in mir hatte sich da gewünscht, dass die Kavallerie einfach mal losgaloppiert, immer rein das Schwurbler-Wir-sind-ein-Volk.
Wir haben alle unsere dunklen Seiten. Nur wer ohne Fehl ist, werfe den ersten Stein. Aber nicht, wenn er im Grashaus sitzt.
Das Bild spiegelt ein bisschen meine Verfassung wider angesichts der Tatsache, dass wir ab heute wieder offiziell Krieg in Europa haben: Angespannte Orientierungslosigkeit, mit einem surrealen Beigeschmack. Krieg als Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln in Europa im 21. Jahrhundert? Wenn ich nicht eh der Meinung wäre, dass sich die Zivilisation in unseren Breitengraden seit Jahren im Rückwärtsgang bewegt, nicht erst durch antizivilisatorisch agierendes Impfverweigerungsvolk, jetzt hätte ich Gewissheit dafür.
Ich hab’s eigentlich bis zur ersten Kriegsmeldung nicht geglaubt, dass Putin so agiert. Natürlich muss abseits der politischen Gemengelage, die seit Wochen in einschlägigen Medien breitgekaut wird, die von mir schon erwähnte Macht- und Virilitätsinszenierung von Putin mit nacktem, stählernem Oberkörper, Waffen, beherrschten Tieren tief verstören. Ein Männerbild, wie ich es in einem Witzfilm ins Bild setzen würde. Was um Göttins Willen geht in den Phantasien eines Mannes vor, der sich derart öffentlich inszeniert? Und der, anders als ich, siehe Pferdchen oben, die Macht hat, seine Phantasien in die Realität zu verlängern.
Dennoch scheint mir Krieg, wo ein Staat den anderen überfällt, in Europa im 21. Jahrhundert surreal. Die Jugoslawienkriege waren als völkisch grundierte Bürgerkriege wahnhafte Hass-Ausgeburten der Hölle. Hier aber, im Ukrainefall, geht es um mit kaltem Herzen inszenierte Macht- und Interessenpolitik, also Neunzehntes Jahrhundert.
Wie schlimm wird es werden? Für die Betroffenen eine Katastrophe, die vor Augen führt, auf welcher Insel der Glückseligen „wir“ hierzulande leben. Sieht man von der wachsenden Zahl von Millionen ab, die sich bei „uns“ zunehmend fragen müssen, ob sie sich am Ende des Monats Heizen oder Essen leisten können.
Und was kommt nach Krieg? Frieden sicher nicht.
Manchmal wünschte ich in Zeiten wie diesen, ich wär ein Hippie und würde in Matala oder am Mirtiotissa-Strand den ganzen Tag abhängen, morgens ne Tüte rauchen, mittags zum Vino übergehen und abends richtig den Kopp zudröhnen.
Phantasien halt. Siehe oben.
Kategorie-Archiv: Schuppen aktuell
23.02.2022 – Das Sandmännchen ist da …

Anti-Impfpflicht Demo, Februar 2022. Dass Impfschwurbler ethisch und intellektuell normalerweise nicht mehr erreichbar sind, ist mittlerweile Allgemeingut. Diese Erkenntnis ist, so sie sich nicht aus direkten, aber schnell versandenden, Gesprächen und Konfrontationen speist, eine abstrakte Kopfgeburt, aus Zeitung, TV, mitunter Büchern. Kopfgeburten setzen eher keine, für politische Bildung und Aktionsfähigkeit notwendige, nachhaltige Emotionen frei. Überzeugung entsteht aus Praxis.
Das ist, neben ästhetischer Erfahrung, einer der Gründe, warum ich mich ab und zu auch auf Schwurblerdemos, siehe oben, rumtreibe und Impressionen sammle. Neben Sensationslust und Freude am Theater, an der schrägen Live-Inszenierung. Das reale Kulturleben darbt ja immer noch.
Beim Anblick des oben abgebildeten Zeitgenossen hat mich irgendwie ein eiskaltes Horror-Händchen berührt. Wir sehen eine sehnsuchtsvoll-affirmativ inszenierte DDR-Fahne mit zwei selbstgebastelten Woll-Virusmodellen und über allem thront ein ebenfalls selbstgebasteltes Woll-DDR-Sandmännchen. Kuschelige Wolle, niedliche Modelle, süße Kindheitserinnerungen, ein Virus, dessen Schrecken auf Wollknäuel reduziert ist, eine Fahne aus vermeintlich besseren Zeiten, das alles von einem erwachsenen Mann offensichtlich stolz präsentiert: Bei dieser Mischung aus politischer und individueller Regression auf einer Bühne von Antidemokraten hat’s mich echt gegruselt. Ein nicht zu Ende geborener Mann, in einer Endlos-Schleife aus sehnsuchtsvollen Kindheitserinnerungen, die mit dem nicht aushaltbaren Schrecken der Moderne konfrontiert werden. Wenn das keine Polarität ist, aus der Ungeheuer geboren werden …
Zusätzlich noch die perfekte Ausleuchtung eines Horror-Films – das ist der Stoff, aus dem der aus dem Alltag geborene Stephen King-Schrecken geboren wird, wenn der Bürger von nebenan zur mörderischen Bestie wird. Eine Bestie, die aus dem Untergrund der Stadt, aus realen Gossen und Abwasserkanälen, und aus dem Untergrund ihrer verwüsteten Seele nach uns greift, den Normalen, der Mitte, dem Durchschnitt.
Der Schrecken, der unter dieser vermeintlich niedlichen Inszenierung oben lauerte, war für mich auf der Demo mit Händen zu greifen. Für einen Moment hatte ich die Vision, dass der Mann sich entblößte, sein gequältes Inneres nach außen stülpte, mit einem Bombengürtel, und sich und uns in die Luft jagte. Bumm.
Und es gibt so viele von ihm.
Ich trollte mich nach Hause. Bestimmt war meine üppige Phantasie mit mir durchgegangen. Ich sollte lieber Drehbücher schreiben oder Horrorstories statt mein Talent kostenfrei in diesem Blog über die Welt zu gießen.
Auf einmal ein unfassbar lauter Knall, direkt an meinem Ohr. Ich starb einen jähen Herztod.
Beinahe. War aber nur auf der lautesten Straße des Universums, meiner Homebase, eine Fehlzündung.
Dieses Mal noch …
22.2.22 – Grenze überschritten

Am Ende des Regenbogens liegt ein Schatz. Hoffnung. Wie kommt man da hin?
Mit der offensichtlichen militärischen Überschreitung der völkerrechtlich anerkannten Grenze zur Ukraine dürfte der Pseudozar Putin nicht nur bei mir den letzten Rest Verständnis für die Wahrung seiner Interessen verspielt haben. So wenig ich Europa jenseits der Elbe schätze, abgesehen von der kulturell selbstständigen Einheit Berlin, so sehr habe ich mich bei der Einschätzung der Lage in Russland immer verständnisvoll leiten lassen von der zentralen Frage, die sich jede in jeder Situation stellen sollte: Cui bono? Wem zum Vorteil, wessen Interesse? Und es ist niemandem zu verübeln, sein Interesse zu wahren. Aber es gibt Grenzen. Abartiger Nebeneffekt der Putinschen Niedertracht ist die Anerkennung der sogenannten Volksrepubliken Luhansk und Donezk.
Zwei weitere Pseudonationen in Europa, die kein Schwein braucht. Und kein Schwein, zumindest ich nicht, blickt da noch durch, wie viele Nationen sich im völkischen Wahn und ethnischen Reinheitsrausch nach dem Fall der Mauer in Europa noch „selbstständig“ gemacht haben. Oder haben Sie schon mal was von Transnistrien gehört? Oder Südossetien, das völkerrechtlich immerhin von Nauru anerkannt wird? Jahrzehntelang lebte das eine Völkchen in Frieden, wenn auch nicht immer in Freiheit, neben oder mit dem anderen zusammen. In Jugoslawien z. B. Kroaten, Serben, Bosniaken etc., die dann nach dem Fall des Eisernen Vorhangs innerhalb kürzester Zeit in barbarischen Bürgerkriegen mit zehntausenden Toten übereinander herfielen. Wahrscheinlich ist das bei Süd- und Nordosseten und in Transnistrien und Cisnistrien ähnlich, ich hab keine Lust, das im Einzelnen zu recherchieren, da krieg ich nur das Kotzen. Das Muster ist überall ähnlich: Völkischer Wahn. Die Nation über alles.
Im Osten geht die Sonne auf? Von wegen. Im Osten geht die Zivilisation baden. Hier die aktuellen Seuchen-Zahlen dazu:
Coronatote pro 100.000 Einwohner (in Klammern doppelt geimpft in %):
Sachsen: 352 (63,7 %)
Niedersachsen: 92 (76,7 %)
Quelle Destatis und NDR.
Länderbeispiele:
Irland: 114 (77 %)
Ungarn: 363 (60 %)
Bulgarien: 417 (27 %)
„An“ oder „mit“ Corona gestorben? 86 Prozent aller Corona-Toten in Deutschland sind direkt am Virus gestorben, die meisten innerhalb von zwei Wochen nach Auftreten der ersten Symptome. Bei lediglich 14 Prozent der Toten war Covid-19 nur Begleiterscheinung.
Fazit: Nieder mit Sachsen! Hoch Niedersachsen!! Her mit dem Eisernen Vorhang!!!
Und was sagen die Märkte? Der Dax ist seit Jahresbeginn um ca. 10 Prozent abgekackt. Warten Sie, liebe Freundinnen des Börsenwesens, mit dem Einstieg noch, bis russische Panzer und Flugzeuge die Ukraine direkt angreifen. Dann geht’s weiter bergab mit dem Dax und dann: Kaufen, meine Damen! Sie wissen doch: Kaufen, wenn die Kanonen donnern, verkaufen, wenn die Veilchen blühen.
Wär doch gelacht, wenn wir im Westen denen im Osten nicht zeigen, wie Zivilisation aussieht.
20.02.2022 – Vernunft ohne Gedächtnis ist wie Arsch ohne Eimer.

Erinnerungen? Gerne, aber nur solange sie nicht der Vergangenheit angehören.
»Wir haben in den Zwei-plus-vier Verhandlungen deutlich gemacht, dass wir die Nato nicht über die Elbe (!!, d. A.) hinaus ausdehnen. Wir können daher Polen und den anderen keine Nato-Mitgliedschaft anbieten.«
So 1991 BRD-Vertreter Jürgen Chrobog laut Vermerk aus dem britischen Nationalarchiv. Der US-Politikwissenschaftler Joshua Shifrinson hat das ursprünglich als »secret« eingestufte Dokument entdeckt. Es handelt von einem Treffen der politischen Direktoren der Außenministerien der USA, Großbritanniens, Frankreichs und Deutschlands in Bonn am 6. März 1991. In den Zwei-plus-vier-Verhandlungen hatten Bundesrepublik und DDR mit den Siegermächten des Zweiten Weltkriegs USA, Großbritannien, Sowjetunion und Frankreich die deutsche Einheit verhandelt.
Wer älter als Jahrgang 1970 ist, am Zeitgeschehen interessiert und ein funktionierendes Gedächtnis hat, das nicht von der Ideologie der Bürgermedien zugekleistert wurde in den letzten Jahrzehnten, sollte sich auch ohne diesen „sensationellen“ Dokumenten Fund erinnern: Ein zentrales Thema in den Medien nach dem Fall der Mauer war die Rolle eines wiedervereinigten Deutschlands in der Welt. Ein Modell: Neutral, ohne Bündniszugehörigkeit. Also raus aus der Nato. Das wollte die Sowjetunion. Zwei Argumente überwanden deren Widerstand: Milliarden Bimbes und die oben zitierte Zusicherung. Jede Osterweiterung seitdem, angefangen bei Polen, war ein aggressiver, wortbrüchiger Akt der Nato.
Wer wollte, nur vor dem Hintergrund dieser Entwicklung, die ja noch nicht zu Ende ist, dem russischen Bären verübeln, dass er aufjault, wenn sich die Nato anschickte, ihm an der ukrainischen Grenze über eine Länge von 2.000 km Nato-Militär nach gehabtem Muster an den Pelz zu setzen. Vielleicht nicht heute, aber übermorgen, siehe (sukzessive ab 1999) Polen, Tschechien, Ungarn, Bulgarien, Estland, Lettland, Litauen, Rumänien, Slowakei, Slowenien etc. pp.
Was mich wundert in dieser Causa (rhetorische Floskel. Mich wundert nichts mehr) ist nicht so sehr das aggressive Agieren der Nato. Irritierend ist der kollektive hiesige Gedächtnisverlust. Um den Geist des obigen Vermerks zu rekapitulieren, wenn man schon selber Flasche leer im Kopf ist, würde ein Gang in die öffentlich zugänglichen Medienarchive aus dieser Zeit genügen, alle Leitmedien waren voll davon. Ein einziger Klick z. B. im Internet genügt, um in Sachen 2. Nato-Osterweiterung 2004 folgenden Fundstelle zu erhalten:
„… Putin wird also versuchen, den Beitrittsprozess zu verzögern. Er wird einen hohen Preis für seine Zustimmung fordern. …“
Zustimmung Putin. Das war, noch nach 2000!, allgemeiner Konsens.
Und heute steht der Krieg vor der Tür. Ich sach et mal volkstümlich: Vernunft ohne Gedächtnis ist wie Arsch ohne Eimer. Beide können unabhängig voneinander existieren, aber mitunter liegt die Scheiße, die dabei rauskommt, auf dem eigenen Wohnzimmerteppich und stinkt zum Himmel.
Vox populi ruft mir gerade gefühlt entgegen: Geh doch nach drüben, wenn es Dir hier nicht passt!
In Russland leben? Um Gottes Willen. Ein von Popen geprägtes kulturfernes Geistes-Klima, antisemitisch, frauenfeindlich, homophob, das allgemeine Kunstlevel bewegt sich auf der Höhe von Ikonenmalerei, die selbst von der in der Renaissance wiederentdeckten Zentralperspektive nichts wusste. Mittelalter eben.
Dann lieber in den Metropolen des verfluchten Nato-Kapitalismus dem Untergang entgegentanzen. Babylon Berlin, ich komme.
17.02.2022 – Nichts wird im Moment so sehr missbraucht, gekreuzigt und in den Staub getreten wie der Name der Freiheit

Impfschwurbler-Demo 16.02.22, Hannover.
Es ermattet: Das Wetter, die Umstände, das Leben. Für mich stellte sich gestern am Abend nur eine Frage: Erst aufs Sofa oder gleich in die Bubumaschine. Die Impfschwurbler-Demo, die mir ungeahnt ins Auge fiel, weckte meine müden Geister. Die Chronistenpflicht trieb mich durch die trübe Hundertschaft der versammelten Spinner, Klappsköpfe und Vollidioten. Auf der Suche nach neuen Abartigkeiten wurde ich fündig. Das versammelte, zweiköpfige ZK des Politbüros der Freien Linken präsentierte mir stolz ihr in den Wind gehängtes Fähnlein, siehe Foto. Zumindest solange, bis sie mein Fluchen vernahmen: „Ihr gehört doch in die Psychiatrie.“ Wie gesagt, ein Leben ohne Ärger und Konflikte ist vielleicht möglich, aber für mich keineswegs wünschenswert.
Nichts wird im Moment so sehr missbraucht, gekreuzigt und in den Staub getreten wie der Name der Freiheit. Freedom day ist nichts weiter als ein Synonym für Verantwortungslosigkeit und wer jetzt dauernd, chronischem Durchfall gleich, diesen Begriff wegen sich abzeichnender Lockerungen im Munde führt, gehört oft der Gilde der asozialen Seuchenverharmloser*innen an. Natürlich wünsche auch ich mir Freiheit und das alte Leben zurück. Aber ich wünsche mir auch eine eigene TV-Show. Das Leben ist nun mal kein Ponyhof.
Ich echauffiere mich deshalb so, weil die „Freien Linken“, von denen ich bis dato noch nie was gehört hatte, paradigmatisch stehen für den Verfall der Begriffe, und leider nicht nur der Begriffe, „links“ und „frei“. Wer den Namen der Freiheit explizit in seinem Banner führt, wie Freie Linke, hat mit ihr nichts am Hut. Dieses beschwörende Insinuieren auf einem bestimmten Inhalt ist nichts weiter als der Nachweis der eigenen Unfähigkeit in einem offenen, kritischen Umgang damit („Ich bin ja kein Antisemit, aber das, was die Juden in Israel da machen….“), siehe auch:
Die Freiheitliche Partei Österreichs ist eine rassistische Ansammlung von Alt- und Jungnazis, die mit Freiheit nichts am Stahlhelm hat. Die hiesige FPD hat nur die radikale, zerstörerische Freiheit der Märkte im Sinn, die Freien Sachsen sind Faschisten reinsten Wassers, usw. usf. , bis wir bei den Freien Linken landen, die eine rechtsoffene, antisemitische Impfschwurblertruppe ist, wie „Die Basis“, nur kapitalismuskritisch. Kapitalismuskritisch war die NSDAP auch.
Was heißt das überhaupt: Links sein? In einer Zeit, in der Frontlinien der Pandemie mitten durch die Linien einer verbliebenen Restlinken gehen und ihr endgültig den Garaus machen.
Links sein bedeutet nach wie vor: Antikapitalistisch, antinationalistisch, antirassistisch und antichauvinistisch. Das ist die Grundlage. Also SPD und Grüne als Linke zu bezeichnen, ist so gesehen ein Witz, da wo doitsche Nationalfahnen wehen, wie auf der Schwurbler-Demo gestern, sind keine Linken zu treffen, und wer kein definiert kritisches Verhältnis zu Geschlechterbeziehungen und Diversität hat, dessen Linkssein besteht aus dünnem, rotem Lack, unter dem beim Kratzen der alte Adam lugt.
Ein Linker behauptet nicht, dass er für Freiheit steht. Er macht es oder er ist keiner.
Dass das in der Praxis, z. B. im ostzonalen Staatssozialismus, nicht ganz hinhaute, ist Thema der morgigen Vorlesung. Lesen Sie bis dahin bitte die gesammelten Volkskammer-Reden von Erich Honecker und Walter Ulbricht
15.02.2022 – Lockerungen

Auch die Natur macht sich locker. Erste grüne Rosentriebe im Garten. Hätte ich das mit meiner alten Handycamera aufgenommen, hätte das gesamte Bild ausgesehen wie von Gerhard Richter gemalt, nur verschwommen. Wenn dieses Bild dann auch den Preis eines Gepinsels von Richter erzielen würde, geschätzte 20 Millionen, würde ich mein altes Handy feiern und pflegen bis in alle Ewigkeit. So aber: Es lebe der Fortschritt.
Fortschritt und Lockerungen auf allen Ebenen. Der Russe blufft wohl nur, um den Preis nach oben zu treiben. Also kein Krieg. Und ab 20. März fallen alle Hemmungen, respektive „tiefgreifende Seuchen-Schutzmaßnahmen“. Das bedeutet, wir können jetzt schon für die sechste (?, ich komm mit zählen nicht mehr ganz nach) Welle ab November planen, wenn keine flächendeckende Impfpflicht für alle (ab 18 und gesundheitlich nicht dadurch gefährdet) eingeführt wird. Die Botschaft, die bei den Gebeutelten im Lande ankommt, ist: Alles wird gut. Und so werden sich viele auch verhalten. Eigenverantwortung Fehlanzeige. Die Impfbereitschaft hat bereits nachgelassen, die Impfquote ist nach wie vor zu niedrig, gerade in sozialen Brennpunkten rührt sich viel zu wenig, und der Mob auf den Spaziergängen gewinnt Oberhand.
In diesem Jahr finden vier Landtagswahlen statt, weit mehr als ein Drittel aller Deutschen ist wahlberechtigt. Das Risiko, bei den Wahlen als Corona-Beschränkungs-Hardliner auf den Pinsel zu fliegen, geht keine Verantwortliche ein. Also planen wir die wiedergewonnene Freiheit. Reisen, Reisen, über alles, die TUI Aktie hat in der letzten Woche um 8 Prozent zugelegt.
Wenn die allgemeine Impfpflicht nicht beschlossen wird, geplant ist vor Ostern, würde ich für den kommenden Winter erstmal keine Reisepläne machen, weil sich die Situation dann wahrscheinlich (!) ähnlich darstellen wird wie bisher. Die Alternative: Urlaub im eigenen Land.
Nein Danke. Nicht auch noch im Urlaub unter die Deutschen. Und im Januar bei eiskaltem Nordwind an der Nordsee spazieren? Nach Ihnen.
Abgesehen von meinen individuell anders gelagerten Bedürfnissen würde ich eine Tendenz zu Urlaub im eigenen Land auch für kontraproduktiv halten. Reisen ins Ausland bildet, politisch, ästhetisch, es trägt zur Völkerverständigung bei, erweitert Horizonte. Bliebe der gemeine Deutsche nun auch noch im Urlaub vor der eigenen Hütte, würde er noch vernagelter, beschränkter und mit Scheuklappen behaftet als eh schon.
Ich schätze die Funktion von Mobilität ähnlich wie die der Globalisierung ein, beide verbinden, machen voneinander abhängig. Ein viel diskutierter Trend, Fertigung und Lieferketten ins eigene Land zurück zu verlagern, würde das Leben hierzulande für den deutschen Proleten nicht nur maßlos verteuern und für noch mehr Verelendung in den bisherigen Produktionsstandorten sorgen, sondern den ohnehin immer unsäglicher werdenden Hang zum Nationalismus verstärken. Gäbe es wirtschaftliche Verflechtungen und Abhängigkeiten nicht, wären wir viel eher geneigt, unserem Nachbarn aufs Haupt zu schlagen.
Einer meiner ersten Rechner war ein zu Teilen in Deutschland gefertigter Siemens-Nixdorf. Sowas würde unter aktuellen Bedingungen wahrscheinlich über 10.000 Euro pro Exemplar kosten, eine Art Handgefertigtes Unikat. Wohl dem, der dann so wie ich einen geschätzten Bruder hat, der sowas kann. Der Rest wieder zurück an die Schreibmaschine und den Rechenschieber.
Ja, aber die böse, böse Ökobilanz von Globalisierung und Mobilität? Da geb Ihnen recht, liebe Leserinnen, sieht finster aus. Wir dürfen wählen, zwischen Teufel und Beelzebub, zwischen Scylla und Charybdis, zwischen Furz und Feuerstein.
Und nun zum Wetter für Morgen
13.02.2022 – Krieg

Restaurant Chat noir Chat blanc, irgendwo in der Altstadt von Nizza. Man kann dem Koch zugucken, zwei, drei Gerichte, alles frisch, Kombination französischer und italienischer Küche, herausragende Weine, ich rieche im Schreiben wieder den satten Duft der Küche und die Mittelmeerluft beim leicht angesäuselten Raustreten, über der Erinnerung liegt ein milder Hauch von Frieden, Ruhe, eine Prise Glück. Ein paar Kilometer weiter findet jetzt das Mimosenfest in Menton statt, 12 Tonnen blühende Blumen in einem Corso. Während hier die Eisblumen blühen, ist da unten schon Frühling. Jetzt in den Flieger und in zwei Stunden da sein, am Meer, in gleißender Sonne, mit einem Crémant alle Nachrichten dieser Welt ignorieren.
Stattdessen also Krieg. Glaubt man der CIA, ab Mittwoch, da marschiert der Russe los. Putin ist ein lupenreiner Un-Demokrat, zynischer Despot und für seine Virilitätsinszenierungen mit nacktem Oberkörper, Waffen und Leoparden bräuchte es einen neuen Begriff noch jenseits von peinlich. Man muss ihn nicht mögen, an seinen Händen klebt Blut.
Aber das peinliche Unisono-Gezeter, mit dem die Bürgerpresse hierzulande auf den Satan Putin eindrischt und in einer Art Angstlust den Krieg regelrecht herbeisehnt, ohne sowas wie „Interessen“ zu berücksichtigen, kann man bei kritischer Würdigung der Interessen aller und der Vergangenheit Russlands durchaus schwerst bescheuert finden.
Blick zurück: Nach dem Fall der Mauer hat die Nato Russland für den Preis der Integration Deutschlands in die Nato in Absprachen zugesichert, die Grenzen dieses westlichen Bündnis nicht weiter nach Osten zu verschieben. Diese Zusage wurde umgehend gebrochen, ein paar Jahre später war die Nato-Osterweiterung komplett, was selbst ein Blinder mit einem Blick auf die Karte sehen kann. Der damalige Außenminister Genscher hat Jahre später öffentlich zugegeben, dass die Nato damit den Geist der Absprachen von 1990 gebrochen hat
Fast alle Beitrittskandidaten sind fest integriert, Nato-Truppen stehen seit Jahren hochgerüstet direkt an Russlands Grenze oder mitten in der ehemaligen Interessesphäre der Sowjetunion. Um die Gefühle zu verstehen, die das bei russischen Akteuren auslösen könnte, sollte man den Überfall Deutschlands auf die Sowjetunion 1942 mit über 20 Millionen toten Sowjetbürger*innen im Hinterkopf haben.
Im umgekehrten Fall der Verletzung einer Interessensphäre übrigens hatte eine Intervention der Sowjetunion in Kuba 1962, dem Hinterhof der USA, fast den dritten Weltkrieg zur Folge.
Not in my backyard, nicht in meiner Interessensphäre, als Mahnung an Konkurrenten, das ist ein ehernes Gesetz von Realpolitik. Es geht immer um Interessen. Man kann anderes wünschen, es ist aber Realität. Ein deutscher Verteidigungsminister hat mal gesagt „Die Sicherheit Deutschlands wird auch am Hindukusch verteidigt“.
Inwieweit die USA und die CIA glaub- und vertrauenswürdiger Akteur sind, überlasse ich Ihnen bei der Lektüre der bekannten CIA Operationen, siehe auch darunter: Kontroversen, Menschenrechtsverstöße, Drogenhandel, Geldwäsche.
Immer gerne in der Bürgerpresse wird das Selbstbestimmungsrecht der Völker zitiert. Wollen eben alle in die Nato.
Was aus dem „Selbstbestimmungsrecht der Völker“ werden kann, war wunderbar im ehemaligen Jugoslawien zu beobachten, wo jede Ethnie, jedes Skipetarenvölkchen im völkischen Wahn einen eigenen Staat für sich reklamierte, mit der Folge von zehntausenden Toten, Millionen Vertriebenen und auf Generationen vergifteten Klima „da unten“, wo schon wieder der nächste Krieg vor der Tür steht.
Das Selbstbestimmungsrecht der Völker ist eine funktionalisierbare völkische Brandfackel, die bei Bedarf in offene Konflikt-Pulverfässer geschleudert werden kann.
Ist ein bisschen länger geworden heute, aber es steht ja auch nicht jeden Mittwoch Krieg vor der Tür
08.02.2022 – Arsch und Titter

Mandelblüte, Mittelmeer und Masochismus. Der gehört jedenfalls dazu, wenn man sich bei den Aussichten hierzulande, die zwischen trostlos grau, trübdüster und nieselnass changieren, orchestriert von eiskaltem Ostwind und Temperaturen nahe Kelvin, solche mediterranen Urlaubsfotos anguckt.
Würden Physiker*innen ihren Sohn Kelvin nennen? Als Doppelnamen? Kelvin-Fahrenheit? Und wenn das Ehepaar hinten schon einen Doppelnamen hat? Kelvin-Fahrenheit Noelle-Neumann? .
Ich bin bekannt für die Missachtung des Individuums, für die schleichende Ableitung von Imperativen aus vermeintlichen Fakten, bei mir ballt sich das intellektuelle Elend des zeitgenössischen linken Mainstreams und ich tue alles dafür, die Linke als bedeutende politische Kraft zu beseitigen.
Wer sagt das? Rainer Fickbach sagt das, in „Pandemie der Eindimensionalität“ auf den früher kritischen und durchaus auch von mir geschätzten Nachdenkseiten, die mittlerweile, nach rechts weit offen, im Verschwörungserzähler-Lager angekommen sind.
Wenn Sie im Artikel weit nach unten scrollen, bis Landesarmutskonferenz, können Sie das nachlesen. Es geht um das Eintreten für die Impfpflicht, Fickbach bezieht sich dabei auf einen Artikel in der jungen Welt. Der Nachdenkseiten-Artikel besteht aus ellenlangem Geschwurbel nach dem Muster „Impfen blöd, Corona nicht schlimm, individuelle Freiheit, Freiheit über alles“. Ich hab spätestens bei der folgenden Stelle aufgehört, das auch nur halbernst zu nehmen: „ …. werden die Status ›geimpft‹ und ›genesen‹ einzig nach dem Antikörpertitter zugeteilt …“
Titer (!) sind Maßangaben für Verdünnungen von Antikörpern oder Antigenen, die gerade noch eine positive Antigen-Antikörper-Reaktion ergeben. Der Titer gibt also die Verdünnungsstufe an, bei der ein diagnostischer Test noch positiv ist.
Titter dagegen sind köstliche halbrunde, ach, lassen wir das. Mir gehen ja beim Abfassen komplexerer Texte auch manchmal Dinge durch den Kopf, die da in dem Zusammenhang nicht hingehören. Im Gegensatz zu Rainer Fickbach bin ich mir allerdings über eins im Klaren: Unsere Sprache verrät uns. Immer und überall. Mit jedem Wort und jedem Buchstaben. Denn alles, was wir sagen und schreiben, hat nicht nur einen Anlass, sondern einen tiefen Grund.
Apro Po Klaren: Prost und hau wech, den Klaren sieht die Leber nicht. Frostfreie Tage, liebe Leser, ich arbeite jetzt wieder an meinem Auftrag: Die Beseitigung der Linken als bedeutende politische Kraft.
Rein männlich, ach, was sag ich, sogar menschlich (!), gesehen kann ich den Autor aber gut verstehen: Sich vom Antikörper über den Körper hin zu den Titter vorzutasten, das hat was.
07.02.2022 – Freiheit ist die Einsicht in die Notwendigkeit

Meine ehemalige Kreuzberger Homebase Yorkstr., irgendwann vor dem Ersten Weltkrieg.
Neulich stand ich vor meiner Socken-Schublade und dachte: „Schon wieder leer!? Das kann doch nicht sein, ich hab die doch gestern erst frisch gefüllt“. Kurz danach, ich wollte die Biotonne rausstellen, Leerrhythmus im Winter alle zwei Wochen, das Gleiche: „Schon wieder raus? Das kann doch nicht sein. Ich hab die doch gestern erst rausgestellt.“ Die Zeit gerät in einer ereignisreduzierten Seuchenepoche, und zumindest vom Beginn einer Epoche, also einer längeren zeitgeschichtlich relevanten Periode, können wir durchaus reden, die Zeit also gerät in eine Art Kompression. Sie wird durch eine Düse von Ereignislosigkeit gepresst und lässt dergestalt alltägliche Banalitäten, die sonst im Strom des Lebens belanglos untergehen, als bemerkenswert erscheinen, erinnerungswürdig. Ein, bei allem Respekt vor meinen Socken und meiner Biotonne, tendenziell unwürdiger Zustand, besteht doch ein gelebtes Leben aus durchaus anderen Ingredienzien als dem täglichen Einerlei-Trott zwischen Arbeit, Sofa, TV, in der intellektuellen Variante Buch, Flasch Bier, Sockenschublade und Biotonne.
Daher kann ich die Schlagzeile der Blöd von heute, und viele andere diesbezügl. Stoßseufzer, ausnahmsweise verstehen: „Gebt uns unser normales Leben zurück!“ Wer wäre in Krisenzeiten nicht schon mit diesem Gedanken aufgewacht.
Der Blöd Gedanke, soweit das Zentralorgan von Blödheit und Infamie zu so etwas fähig ist, dahinter: Lockerungen sofort.
Das ist, und da bin ich wie fast immer bei den Experten, verrückt, Zitat: „Zum jetzigen Zeitpunkt ist Lauterbach strikt gegen Lockerungen: Er halte es „für verrückt“, wenn bei Höchstzahlen von Infizierten und einer funktionierenden Strategie die Maßnahmen gelockert würden. Der Minister fragte: „Was wäre in Deutschland, wenn wir vorgehen würden wie in England?“ Seine Antwort: „Dann hätten wir pro Tag über den Daumen gepeilt vielleicht 300 Tote. Wir haben aber deutlich weniger, nämlich 60 bis 80.“ Mit den Maßnahmen „retten wir jeden Tag Leben“, ….
Es bleibt also aus Vernunft und Erkenntnis die Einsicht in die Notwendigkeit (der Beibehaltung der bisherigen Strategie). Und genau das ist laut Engels Freiheit: „Freiheit ist die Einsicht in die Notwendigkeit“.
Was bleibt, sind kleine Fluchten in Bildwelten der Vergangenheit, siehe Yorkstr., und die Hoffnung auf baldige Besserung. Nicht bei der Blöd, sondern bei den Zuständen.
Ich muss los, die Papiertonne vor die Tür stellen. Freu mich drauf.
04.02.2022 – Nicht immer nur Seuche. Mal kurz beiseitetreten

Unlängst las ich nach der Anregung eines geschätzten und lesenden Freundes Wilhelm Genazinos Abschaffel-Trilogie von Ende der Siebziger wieder. Abschaffel, Flaneur und „Workaholic des Nichtstuns“, kompensiert mit innerer Phantasietätigkeit die Ereignisöde seines Angestellten-Daseins. Vorher hatte ich das zeitgenössische „Arbeit“ von Thorsten Nagelschmidt gelesen. Elf meist namenlose Protagonist*innen, fast alle prekär lebend, erledigen, unsichtbar für Flaneure, die Drecksarbeit in Berlin.
Zwischen beiden Werken liegen ca. 45 Jahre und wie es sich für gute Literatur ziemt, vermessen sie exakt die Entwicklung gesellschaftlicher Zustände im Schnittpunkt mit inneren Befindlichkeiten. 45 Jahre Entwicklungen, Perspektiven aus einer Republik, vormals – und von mir gerne immer noch so gescholten – BRD, jetzt Deutschland. Was für Welten liegen dazwischen.
Hier Abschaffel, Angestellter im Normalarbeitsverhältnis, damals die absolute Regel. Zustand Abschaffels und der Republik zu jenen Zeiten: Ökonomische Sorgen? Ebenso Fehlanzeige wie solche um eine grundsätzliche Zukunft. Abschaffel lebt im ausgehenden Goldenen Zeitalter des Kapitalismus, die Welt scheint immer besser zu werden. Es bleibt Zeit und Muße, sich – obsessiv im Falle Abschaffel – mit der eigenen Innenwelt zu beschäftigen. Im Mittelpunkt steht der später legendär gewordene „Subjektive Faktor“. Nicht umsonst wurde in jener Zeit, in Abkehr zum politischen Aufbruch von 68ff., das Volltrottelwesen der Bhagwan-Bewegung in der BRD populär, die in Berlin immer noch zu jedem Karneval der Kulturen einen eigenen Wagen mit Bimmel Bimmel und Harri Krischan Sing Sang begleiten. Genazino webt, als später Thomas Mann-Verwandter, in den Abschaffel einen ironisch-melancholischen Grundton, der, hat man ein Gespür dafür, zum Lachen reizt.
Das Lachen vergeht einem bei „Arbeit“ von der ersten bis zur letzten Seite. Namenlose, permanent vom Absturz bedroht, eilen, hasten, rasen in ständiger Sorge ums materielle und psychische Überleben durch die Nacht von Berlin, nichts ist ihnen ferner als Muße, Ruhe, Beschaulichkeit. Der Flaneur in den Straßen der Metropole ist ihnen ein Wesen aus einer anderen Galaxie. Die Literatur von Nagelschmidt, ehemaliges Mitglied einer Punkband, ist wie Herdplatte heiß, während das Genazino Instrument eher der Schaukelstuhl ist.
Als teilnehmender Zeitgenosse dieser gesellschaftlichen Entwicklung, dieser Verrohung, fragte ich mich beim vergleichenden Lesen, in einer Mischung aus angeekelt und wütend: In was für Zeiten leben wir eigentlich?!
Hier hilft, ohne die Entwicklung schön reden zu wollen, kurz beiseitetreten. Wenn Abschaffel 45 Jahre zurückblickt, schaut er der Fratze des siegreichen Faschismus in die Augen. Deutschland ab 1933 in Vorbereitung des Holocaust. Was für Welten liegen zwischen 78 und 33.
Und hätte Abschaffel 1933 zurückgeblickt, wäre er im Dreikaiserjahr 1888 gelandet, niemand ahnte etwas vom Grauen des ersten Weltkriegs. Elektrischer Strom und Autos? Fehlanzeige. Eine Postkartenwelt. Was für Welten liegen zwischen 33 und 88.
Wie auch immer Sie, liebe Leserinnen, die skizzierten Entwicklungen bewerten, für beide Bücher gilt: Lesenswert