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09.10.2019 – Gott vergibt. Das Internet nie

Hinweisschild im Ost-Berliner Grenzgebiet vor dem Fall der Mauer. Aus der Ausstellung „Ost-Berlin, die halbe Hauptstadt“ im Berliner Ephraim Palast, Zitat: „Ost-Berlin hatte viele Gesichter: Machtzentrum und Schaufenster der DDR, zugleich Rückzugsraum und Ort vielfältiger Kultur. Wie prägten diese Widersprüche den Alltag?“ Empfehlenswerte Ausstellung für alle, die an einem differenzierten Blick auf die ehemalige Hauptstadt der Ostzone interessiert sind. Ca. 90 Prozent aller BRD-Insassen sind trotz aller Vorbehalte und Kritik grundsätzlich für die sogenannte Wiedervereinigung. Ich gehöre zum 10 %-Rest.

SCHUPPEN 68-Dichterlesung Februar 1991, Schmähgedicht gegen Großdoitschland (Mit Geschäftsführer bin im Zweifel immer ich gemeint), Stadtmagazin Schädelspalter Februar 1991. Ich war in Sachen Einheit von Anfang dagegen und bin dagegen, aus dezidiert politischen Gründen, deren nicht geringster das kommende Wahlergebnis der AfD-Faschisten bei der Thüringen Wahl am 27. Oktober ist. Wenn ich überhaupt noch eine Utopie habe, dann die, dass dereinst wieder solche Schilder wie oben aufgehängt werden, mit Warnhinweisen wie früher: „Sie verlassen den demokratischen Sektor.“
Ansonsten prägen Dystopien mein politisches Denken, was mich nicht daran hindert, ein überaus drolliges Kerlchen zu sein, immer putzig und mit einem Scherz auf den Lippen. Das mit der Ostzone ist keine Mainstream-Haltung. Sonst würde ich sie auch nicht pflegen. Da diesen Blog ca. 20.000 Leserinnen pro Monat besuchen (für Blogschreiberinnen: damit sind Visits gemeint, die – werberelevanten – Page-Impressions liegen bei ca. 60.000), werde ich mitunter darauf angesprochen, auch in dienstlichen Zusammenhängen. Anderes zu erwarten wäre naiv. Insofern stellt sich abstrakt die Frage, was sollte man in einen Blog schreiben und wo eher den Ball flach halten. Da sich für mich die Frage nach einer wie auch immer gearteten Karriere erledigt hat, ist (und war) mir das in politischen Belangen Wurst, hier wird Nichts flach gehalten.
Aber natürlich gilt: Gott vergibt. Das Internet nie.
04.10.2019 – Deutschland den Deutschen

Nazi-Demo am Tag der Einheit, Berlin Friedrichstr. Es war mir nicht ersichtlich, was der Mob wollte. Merkel Regime stürzen? Die nationale Revolution? Deutschland den Deutschen? Aber welchen? Doch nicht etwa solch kosmopolitischen, vaterlandslosen Gesellen wie mir, auch wenn ich Biodeutscher bin. Wenn ich König von Deutschland wäre, würde ich solche Nazis als erstes zum Arbeitsdienst verpflichten, sowas lieben die ja. Auslandseinsatz, zwecks Horizont Erweiterung, als Minensucher in Syrien, Irak, Jemen…die Liste ließe sich lange fortsetzen. Böse Mine zum guten Spiel machen.
Die Friedrichstr. war ein symbolhafter Ort für die Demo. Sie ist der Berliner Inbegriff für mondänes Shoppen, alle Nobelmarken sind da vertreten, von Versace über Etro bis Ermengildo Zegna. Kapitalismus in seiner höchsten Konsumvollendung. Und dieser Ort wird nun von innen heraus bedroht, Faschismus in seiner höchsten Vollendung bedeutet immer Krieg, Vernichtung von Systemen, Ordnung und Werten. Deshalb verhält sich ja unser Kapital so militant antifaschistisch und wettert gegen die AfD, weil das Pack so massiv den Gang der Geschäfte bedroht.
Ich skandierte noch kurz mit dem Rest der Gutwilligen „Nazis verpisst euch, keiner vermisst euch“ und trollte mich ein paar Meter weiter in den Gropius Bau, wo die hervorragende Ausstellung „Durch Mauern gehen“ läuft, in der es um grundsätzliche Ausgrenzungen und Exklusionen geht. Einen schöneren Event zum Tag der doitschen Einheit konnte es nicht geben.

Das Bild zeigt ein Boot mit Flüchtlingen vor einem Urlauber-Strand, ein Flüchtling kämpft mit der Brandung und die Urlauber…das Ölbild ist ca. 4 x 10 Meter groß und erschlägt einen mit seiner Sogwirkung fast.
Doch, ja, ein erfahrungsgesättigter, erkenntnisreicher und gelungener Tag der Einheit, da kannnste nich meckern.
02.10.2019 – Erkältungen hatte jeder, aber wer ist schon mal mit der Titanic untergegangen?!

Sommerabend-Stimmung am Meer, keine zwei Wochen her. Hier dagegen morgens im Garten war mein weißer Atem zu sehen. Das sind diese kleinen Zäsuren im Jahr, die nicht für gute Laune sorgen. Außerdem bin ich verschnupft, äußerlich, und hier gilt: Wenn Männer auf eine Erkältung stoßen, ist das ein ähnlich episches Ereignis, als wenn die Titanic auf einen Eisberg trifft. Episch zumindest für die Männer und die Titanic. Mit dem Unterschied, dass noch niemand auf die Idee gekommen ist, meine Erkältungen zu verfilmen. Was ich für eine grobe Ungerechtigkeit halte, schließlich wäre ein Dreistunden-Epos über meine Erkältung ein Griff mitten ins Leben, mit dem sich jeder identifizieren kann. Erkältungen hatte jeder, aber wer ist schon mal mit der Titanic untergegangen?!
Innerlich bin ich natürlich auch verschnupft, wie jedes Mal, wenn sich der Jahrestag der Annexion der Ostzone nähert. Ich freu mich schon auf meinen Blutdruck, wenn ich Morgen bei den Annexionsfeierlichkeiten in Berlin abhänge. Normal ist mein Blutdruck morgens im Keller und um auf Betrieb zu kommen, bräuchte ich eigentlich immer ein Glas Crémant zum Frühstück. Das erledigt leider immer die Zeitungslektüre, danach bin ich meist so in Brast, dass ich ein Glas Portwein in der Morgensonne brauche, um wieder ins Lot zu kommen. Morgen brauche ich das alles nicht, wenn ich durch Berlin flaniere, immer mit dem Gedanken im Kopf: Ihr seid vielleicht ein Volk.
Ich lese gerade das Buch „Der deutsche Goldrausch – Die wahre Geschichte der Treuhand“ des mehrfach ausgezeichneten Journalisten Dirk Laabs. Dort wird minutiös und Faktenorientiert geschildert, wie innerhalb weniger Monate das westdeutsche Kapital die Ostzone bis aufs Hemd ausgeplündert und deindustrialisiert hat, während Runde Tische, Sozis und evangelische Pastoren voll guten Willens noch über eine glorreiche, gerechte Zukunft Kaffeekränzchen abhielten. Nicht, dass ich Zonen Gabi und dem Rest den Kladderadatsch nicht gönnen würde. Mich ärgert unter anderem nur, wie dreist die Öffentlichkeit auch nach 30 Jahren belogen wird über die realen Prozesse. Es bricht zwar an den Rändern auf. Wenn Politiker weise das Haupt wägen und jetzt sagen, es ist nicht alles glücklich gelaufen damals, was immer öfter zu hören ist, heisst das decodiert nichts anderes als: Die Einheit war eine komplette Katastrophe, deren Konsequenzen ähnlich wie bei der Klimakatastrophe uns jetzt beginnen um die Ohren zu fliegen, aber wenn wir dem Volk – der Begriff „Volk“ allein bringt mich schon auf 180, von da bis völkisch ist es nur ein Wimpernschlag – reinen Wein einschenken, können wir uns gleich die nächste Laterne aussuchen.
Dann lieber so, wie mit der heroischen Aufarbeitung des Faschismus, wo man nach 70 Jahren anfing, mit Löwenmut den letzten lebenden KZ-Kapos Prozesse zu machen.
Ich freue mich also auf einen Bundestag-Untersuchungsausschuss, der die wahre Geschichte der Treuhand und der Annexion der Ostzone (das wird dann offiziell so genannt werden, glauben Sie’s mir, liebe Leserinnen) schonungslos aufdeckt – im Jahre 2060.
Bis dahin mit freundlichen Grüßen und den besten Wünschen für einen verhagelten 3. Oktober, ergebenst stets der Ihre.

Der sich an diesem Bild aus dem Sommer, als ich an meinem Arbeitsplatz zu kollabieren drohte, weil mein Deo nicht durchhielt, die kalten Füße wärmt.
01.10.2019 – Riesiger Appetit auf Kalbsköpfe, Bier und Frauen

Rauf auf den Baum kommen Katzen immer, mit dem Runterkommen ist das mitunter so eine Sache. Das hab ich mit Katzen gemein, ich bin auch manchmal schnell auf dem Baum. Mitunter sogar bei so etwas Läppischem wie der Lektüre der Hannoverschen Allgemeinen HAZ, einer soliden Mischung aus Langeweile, Dummheit, ideologischer Borniertheit, sprachlichen Katastrophen, Rechtschreibentgleisungen, na ja, das reicht erstmal. Dass so ein Käseblatt 70 Jahre alt werden konnte, spricht Bände über die Qualität des ostgotischen Zeitungsmarktes. Dinge wie Lektorat oder Endredaktion sind da überflüssiger Luxus, die Leserinnen werden für das gehalten, was sie tatsächlich leider in der Mehrzahl auch sind: blöd. Unlängst legte ein Vertreter der Großbourgeoisie die Löffel weg, Jacques Chirac, ehemaliger Chef der Westgoten, korrupt bis auf Knochen, nur wegen Demenz am Knast vorbeigeschrammt. Über den schrieb die HAZ unter anderem folgenden Satz, der in die Walhalla der Grunzdämlichkeit eingeht: „Heute bewahren die Franzosen überwiegend ein verklärtes Andenken an den Mann, der für seinen riesigen Appetit bekannt war – auf sein Lieblingsgericht Kalbskopf, auf Bier und auch auf die Frauen.“
Geschrieben hat das eine Frau, Birgit Holzer, was vermutlich der Komparativ zu Holzkopf sein soll. Diesen riesigen Appetit auf Frauen lasse ich mir dann mal auf der Zunge zergehen und vernasche nach zwei Kalbsköpfen, womit sicher die Chefredakteure des Quarkblattes gemeint sind, und 16 Bieren, die es braucht, um so ein Geschreibsel ohne Würgreiz zu ertragen, zum Nachtisch drei Frauen, in der Annahme, dass heutige Präsidenten ihren Heisshunger mit „Frauen to go“ stillen, in der umweltfreundlichen Take-away-box.
Riesiger Appetit auf Kalbsköpfe, Bier und Frauen … was will uns so ein Satz sagen über den Inhalt des Kopfes von Frau Holzer, den Zustand der HAZ und unserer Gesellschaft grundsätzlich?
Je näher ich die Menschen kenne, desto mehr werde ich zum Katzenfreund, hier zwei korfiotische Exemplare.

21.09.2019 –Sisyphus am Strand. Fridays for Future. Mein Klimazertifikat

Tücke der Objekte: Wie handhabt eine Person zwei Sonnenschirme am Strand bei Wind, die Beide im Begriff sind wegzufliegen?
Gestern demonstrierten wieder in jeder Großstadt Tausende für mehr Klimaschutz. Mit dabei in Hannover: die Interventionistische Linke IL, ein außerparlamentarischer Zusammenschluss radikaler Linker, in der Nachfolge der Autonomen. Ein paar Hanseln und Greteln, nette, adrette junge Leute, die ihren Weg machen werden, wie die Ex-Kommunisten und Ex-Steinewerfer Jürgen Trittin, Wilfried Kretschmann und Joseph Fischer.
Die Bürgerpresse stand ja bisher den netten jungen Leuten um St. Greta wohlwollend gegenüber, aber sobald sich ein Schimmer der Systemfrage in dieser Bewegung bemerkbar macht, spitzt die Bürgerpresse die ansonsten im Tran befindlichen Lauscher und wetzt die eher von Stilblüten, Grammatikunfällen und Rechtschreibkatastrophen schwer gezeichneten Griffel. Unser niedersächsischer Umweltminister Olaf Lies hat an der gestrigen Friday Demo in Hannover teilgenommen und die Bürgerpresse flippte aus- Lies + IL = Volksfront? Man kennt ja seine
seine Sozis. Die HAZ sah das Ende der Demokratie am Horizont und pisste Lies kräftig ans Bein. So lächerlich auch dieses Geschreibsel wieder ist, hat es doch Methode: Die Systemfrage, die Frage nach dem Grund des Klimaübels, das auch im Wesen des Kapitalismus begründet liegt, darf unter keinen Umständen diskutiert werden. Wehret den Anfängern.
Nach dem gestrigen Klimagipfel sollten sich die Demos ja erübrigt haben, denn das Klima ist gerettet. Ab 2619 sind Ölheizungen verboten. Bravo!
Auch ich leiste im Stillen meinen Beitrag. Ich trenne Müll. Meine Flugreisen kompensiere ich bei Atmosfair. Für meine letzte Korfu Flugreise habe ich 710 kg CO2 kompensiert. 17 Euro.

Dafür habe ich ein Zertifikat bekommen, auf dem steht, was mit meinen 17 Euro Sinnvolles gemacht wird, Biogasanlagen in Kenia z. B. Tolle Sache. Ich freu mich schon auf meinen nächsten Flug. Ich sollte viel häufiger fliegen, dann kann ich mittels Ablasshandels jede Menge Gutes tun.
Der ursprüngliche Ablasshandel war ja der Auslöser für Martin Luthers Reformation. Wofür die katholische Kirche ihm 2017 Recht gab, also keine 600 Jahre später. Diese ziemlich kurze Lern- und Reaktionszeit gibt Anlass zur Hoffnung für die heutige Klimapolitik. Alles wird gut. In 600 Jahren.
Vorher könnte es allerdings ein paar Problemchen geben, wenn man die Analogie zu Luther aufgreift. In der Folge der Reformation des Ablasshandels, der Kompensation, kam es zum 30jährigen Krieg („Neumann! Wie lange dauerte der 30jährige Krieg?“) mit Seuchen im Gepäck, die die Bevölkerung hierzulande um 30 – 40 Prozent dezimierten.
Und wo wir schon mitten im Religiösen sind, dem Terrain des Glaubens, Hoffens und der Gleichnisse, kommt jetzt die Erkenntnis-Frage zum Abschluss unseres heutigen Besinnungsaufsatzes: Welchen Aspekt der aktuellen Klimapolitik wollte der Fotograf und Autor dieses Blogeintrages mit dem obigen Bildgleichnis versinnbildlichen?
Ernstgemeinte Antworten, liebe Leserinnen, schicken Sie bitte an Ihre eigene Emailadresse.
19.09.2019 – Disco Pam Pam.

Was für ein schöner Name. Gesehen auf Korfu. Über dem Bild liegt ein Schleier von Elegie, nicht nur wegen der Wolke, die ich in dem Moment genoss auf einer Wanderung, die ansonsten von leuchtender Sonne geprägt war. Das Licht produzierte Bilder voller gleißender Intensität.

Allein die verschiedenen Blautöne des Meeres lohnten die Reise. Was braucht’s den großen Blaumacher Yves Klein, wenn es so ein Meer gibt. Aus obiger Disco dringen schon lange keine Pam Pam Geräusche mehr, wofür ich dankbar war. Auf den Wanderungen hielt ich oft inne allein wegen der Stille. Mitunter hörte man nur ab und an das Zirpen einer Grille, Zwitschern eines Vogels oder Geschnarre von Zikaden, und dann minutenlang wieder Nichts. Ein ganz seltenes Erleben, bei dem ich tief genießend durchatmete. Sonst hat der Gott des Lärms überall seine Folterinstrumente inszeniert, kommt man in eine Taverne, tönt Bouzouki-Geplärre von der Konserve, liegt man Strand, dröhnt aus einer Bar Disco Pam Pam, es ist wie Kaufhaus mitunter, nur mit besserer Luft, Sonne, Meer und Licht. Es ist, als ob das Universum des Konsums uns im Dauerwürgegriff an den Ohren hätte, um uns niemals zur Besinnung kommen zu lassen. Das ist altbekannt, wird allerdings immer schlimmer. Ich will aber mitunter einfach mal nur die schönste vorstellbare Symphonie hören mit dem Titel: Nichts. Stille. Hier eine 4:33 Version davon.
Ich wohne an einer Straße mit zigtausenden durchbrausenden Autos pro Tag, hab mich dran gewöhnt, aber das ist auf jeden Fall gesundheitsschädlich, auch was Lärm angeht. Dürfte mich 1,3 Jahre meines Lebens kosten. Das ist eben der Preis, wenn man Großstadt will. Also lag ich mitunter eine Stunde auf meinen Wanderungen in einem Olivenhain und genoss Nichts. Eine spektakulär meditative Erfahrung.
War aber genauso froh und dankbar über solch skurrile Bilder wie Disco Pam Pam am Wegesrand. Die Summe dieser wie ermattet in einem Grauschleier selbst in Sonne sich addierenden Bilder führte mir deutlich vor Augen, was für eine andere Struktur in Griechenland herrscht, mitunter „Drittwelt“-Anmutungen, anders als in Spanien oder Italien, um mal am Mittelmeer zu bleiben. Durch das Authentische, Pittoreske schimmert in Griechenland immer auch der Kern der Überforderung durch. Dieses Land hätte niemals in die EU aufgenommen dürfen. Den Konkurrenzdruck konnte es, ähnlich wie die vormalige Ostzone nach der Annexion, niemals unbeschadet durchstehen. Wie denn konkurrieren gegen Aldi, Lidl, Siemens, VW? Das alles ist bekannt. Wenn man es als in Bilder geronnene Erfahrung lebensecht vor Augen geführt bekommt, hat es aber eine andere Wirkung als ein noch so schlaues Buch. Es setzt sich viel tiefer ab, als quasi politisches Sediment im Bewusstsein.
Und hier gibt’s erste Bodenfröste. Ich lass den Trolley am besten gleich draußen. Vorab aber sonniges Wochenende, liebe Leserinnen.
17.09.2019 – Flanierende Geschlechtsteile

Drangvolle Enge am ehemaligen Hippie-Strand Mirtiotissa auf Korfu. In den 70ern und 80ern Zufluchtsort von Hippies der ganzen Welt – siehe auch Valle Gran Grey auf Gomera, San Carlos auf Ibiza oder Goa in Indien. Eine Liste bekannter ehemaliger Hippiespots ist beim Reiseführer Marco Prolo einzusehen. Und mehr muss man dazu nicht sagen. Wenn in allen Reiseführern der Welt steht: Mirtiotissa Beach Geheimtipp! drängeln sich natürlich sofort Milliarden von Frieda und Otto Normalverbraucherin da.
Besagter Mirtiotissa ist klein und hat wie viele Strände der Welt erheblich an Sand verloren. Da ich normalerweise nur in der Zeit von Spätoktober bis Frühapril im Süden bin, um Hitze und Fülle zu entgehen, hatte ich die Fülle dort völlig unterschätzt. Hat man im Spätherbst dort Platz und Ruhe, war es heuer im Frühseptember so drangvoll eng, dass es für einen Witzfilm gereicht hätte, wäre ich nicht für einen Nachmittag mitten drin gewesen. Unglücklicherweise ist das einer der wenigen Strände auf Korfu, wo Nacktbaden möglich ist und sobald ich, auf dem Rücken liegend, die Augen geöffnet hatte, wurde ich Anblicken von flanierenden Geschlechtsteilen direkt über, neben, vor oder hinter mir ausgesetzt, die ich so niemals haben wollte und bei denen ich nur beten kann, dass sie mich niemals in Alpträumen einholen. Von dem haut(!)nah vorbeiwogenden Meer von Ärschen, Titten und Bäuchen schweigt des Sängers Höflichkeit. Es war alles so distanzlos, wie das die ganze Welt heute ist. Ich wurde binnen kurzem unruhig, aggressiv und Misanthrop und wünschte den Hippies post mortem Pest und Cholera an den Hals, hatten sie doch durch ihre Trüffelschweinfunktion diesen an sich zauberhaften Ort der Welt erschnüffelt, umgegraben und konsumfähig gemacht.
Bevor ich ein Kettensägemassaker an diesem an Gemälde von Francis Bacon (dem es wie mir immer um die innere Natur des Menschen und nicht den äußeren Körper geht) gemahnendem Vorort der Hölle anrichten konnte, riss ich mich am Riemen und entfloh. In der Nähe gibt es einen ehrlichen Touristenstrand mit Viersternehotel, Strandbars, ordentlich besucht, aber jede Menge Platz und Distanz. Da ich mich ein bisschen auskenne, tapste ich 50 Meter weiter und fand hinter einer Felsnase eine namenlose Bucht, in der niemand lag.

Niemand da, nur mein Rucksack und ich.
Nun bin ich nicht so naiv, den Herdendrang des Menschen zu unterschätzen. Obwohl der Mensch des Menschen Wolf ist, seinen Nächsten hasst wie die Pest, vor allem Nachbarn, Verwandte und Kollegen, sucht er doch ständig die Nähe des Anderen in Massen, sei es im Stau, im Sommerschlussverkauf oder im Urlaub. Ob das ein angeborener genetischer Defekt ist, der die Spezies Mensch letztlich leider Darwins zur „Krönung“ der Evolution gemacht hat, weiß ich nicht. Interessant wird die Geschichte allerdings bei der Frage, warum der Mensch auch heute, im Zeitalter vorgeblicher Individualisierung und Selbstinszenierung des vermeintlich einzigartigen „Ich“, immer wieder das Verschmelzen mit der Masse sucht.
Die Bindungskräfte von Kollektiven wie Gewerkschaften, Parteien, Kirchen, Verbänden hat der Neoliberalismus erfolgreich zertrümmert, um das „Ich“ dem grenzenlosen Konsum (oder dem Untergang) zuzuführen. Und auch wenn der Mensch sich zusehends asozial verhält (das allgemeine Blabla der bösen sozialen Medien und des Internet wollen wir hier erst gar nicht anfangen) ist er doch noch ein soziales Wesen. Blöd nur, dass er in der ausgesuchten Masse nicht das Kollektiv seiner Klasse vorfindet, also „Klassenbewusstsein“ entwickeln könnte, sondern eine wie auch immer geartete „Identität“. Und das in zusehends fragmentierten diversen Gemeinschaften dutzender benachteiligter Minoritäten, von sexuell Diskriminierten über Abgas-Geschädigte hin zu Kleingärtnerinnen.
Jeder eine benachteiligte Minderheit. Mit sowas kann man keine Revolution machen. Nur Urlaub.
13.09.2019 – Salz der Erde

Kontogialos Bucht auf Korfu.
Ich schätze Komfort im Urlaub, kann aber auch genauso gut in einer schlichteren Variante absteigen. Das Schöne an Luxusreduzierten Unterkünften ist, man merkt nachhaltig, was einem wirklich wichtig ist. Kofferträger am Empfang? 5-Gänge-Menü im hoteleigenen Restaurant? Feine Sache das, geht aber auch ohne. Dusche? Kühlschrank? W-Lan? Da freut man sich doch schon über den Fortschritt. Vor allem, wenn man sich morgens das erste Frühstück selber machen muss, und auch gerne will, und einem die Butter nicht in Rinnsalen davon fliesst, was bei den hier zur Zeit herrschenden über 30 Grad zweifellos der Fall wäre. Bei meinem ersten morgendlichen Rührei merkte ich sofort, was mir wirklich fehlt: Salz.
Ich hatte keins und Essen ohne eine Prise Salz schmeckt einfach nicht. Es heisst ja nicht umsonst bei Menschen, ohne die es nicht geht: Salz der Erde.
Das Aufkommen von Gewürzen war ein Meilenstein in der Entwicklung von Zivilisation. Pfeffer war, meine ich zu erinnern, früher wertvoller als Gold und der Handel mit Gewürzen war eines der Schwungräder, neben der Gier nach Land, Gold und Sklaven, für den Imperialismus. Dessen krönender Höhepunkt der erste Weltkrieg war, mit all seinen Konsequenzen, wie eben der Tatsache, in welcher Weltordnung wir heute leben.
Das alles und noch viel mehr ging mir durch den Kopf, als ich am nächsten Morgen zufrieden Salz auf meine Eier träufelte, vom Dorf-Laden um die Ecke. Enteneier übrigens. Um den Laden herum wuseln hier Hühner, Gänse und Enten und deren Eier gibt’s im Laden zu kaufen. An meinem Balkon wachsen Weintrauben,quasi zum Frühstück in den Mund, und gestern hat der Besitzer des Apartments mir einen Teller frischer Feigen aus seinem Garten reingereicht. Brauche ich sowas? Nein, aber schön und paradiesisch ist es doch. Und da kann ich dann gerne auch auf die tägliche Reinigung meines Etablissments verzichten. Brauch ich nicht.
Aber Salz, das ist schon ne feine Sache. Sonnige Grüße, liebe Leserinnen, ich geh wieder eine Runde schwitzen.
06.09.2019 – Der Rest ist Schweigen

Sonnenblume Goldener Neger, ca. 3 Meter hoch. Als ich heute Morgen Kleidungsreduziert wie Sommers üblich den Garten durchmaß, fasste mich ein Frösteln an. Einstellige Temperaturen ließen den eisigen Griff von Marschall Winter ahnen. Der Goldene Neger, der mittlerweile nicht mehr so heißt, lächelte aus luftiger Höhe auf das bibbernde Rührstück und schüttelte im Wind sachte sein goldiges Haupt. Vor ein paar Tagen war ich noch in Moabit von sengender Hitze gegrillt worden,

direktemang vor der „Traube“, aus der ein Bierbrodem schlug um 11 Uhr vormittags, dass man heftigst einen kühlen Wermut mit einem Dash Limette herbeisehnte. Die Zweizeiler erfreuten, denn ist es auch nicht Shakespeare, so hat es doch Klang. Alles, was jenseits von System-Gastronomie, Hipster-Läden und Szenegedöns-Schuppen liegt, erringt mein Wohlgefallen. Ist es auch ein anderer Begriff von ihr, so ist es doch Kultur. Und dann fiel mir noch dieses Bild von Subkultur in die Hände:

Bam Bam Club im hannöverschen Rotlichtviertel. Wäre ich Rassist, würde ich mir den Scherz erlauben: Ist das der Clubinhaber, der da abgebildet ist? Szene und Rotlicht hat sich schon lange vermischt. Ob das dem Niveau zuträglich ist, wage ich zu bezweifeln.
Bis hierher haben mich die Worte getragen. Der Rest ist Schweigen.
Oh, ich sterbe, Horatio!
Das starke Gift bewältigt meinen Geist;
Ich kann von England nicht die Kunde hören,
Doch prophezei ich: die Erwählung fällt
Auf Fortinbras; er hat mein sterbend Wort;
Das sagt ihm, samt den Fügungen des Zufalls,
Die es dahin gebracht –
Der Rest ist Schweigen.