
Ein Sauvignon Blanc mit leicht holziger Note sowie einer ausgewogenen Kombination aus belebender Säure und feinfruchtigen Aromen nach Stachel-, Johannisbeeren und etwas Limette. Kommt ungefähr hin. Früher hätte ich solche Etiketten etwas peinlich gefunden, in Zeiten wie diesen tätige ich bei sowas einen Soli-Kauf. Wenn das Zeug obendrein noch schmeckt, was es definitiv tut, umso erfreulicher. Das Gleiche gilt für Yarden Chardonnay, Wein aus Israel, von den Golan Höhen. Und hier werden unsere linken „Genossinnen“, die aber wegen ihres notorischen Antisemitismus schon lange keine mehr sind, aufheulend mit dem Palästinenser-Tuch wedeln und zetern, dass sei syrisches Gebiet und von den Zionisten besetzt.
Fakt ist: Von den Golanhöhen aus hatte syrische Artillerie früher auch in Friedenszeiten immer wieder Israel beschossen. Das Ziel der Araber war die Vernichtung Israels, so der große Vorsitzende Nasser kurz vor dem Sechstagekrieg, Zitat: „Unser grundlegendes Ziel ist die Vernichtung Israels.“
Israel wollte das verständlicherweise nicht abwarten, was ihm Antisemiten aller Welt ebenso übelnehmen wie den Holocaust, zerstörte innerhalb weniger Tage die gesamte arabische Militärmacht im Sechstage-Krieg und besetzte Teile der gegnerischen Territoriums wie die Golanhöhen. Die Syrer hatten ihre Rechnung ohne den Wirt gemacht und waren die Golanhöhen los. So ist das halt, wenn man anderen droht und dann einen auf die Fresse kriegt. Schlesien war auch mal deutsch, auch da ging die Geschichte drüber hinweg, und mich würde das Ganze nur noch interessieren, wenn da Wein angebaut würde.
Summa summarum, bei aller tiefen Abneigung gegen den Reaktionär Netanyahu, mit dem ich nicht sehr viel gemein habe, hebe ich nach wie vor das erste Glas Yarden immer auf das Wohl Israels und neben köstlich-kühlem Geschmack durchrieselt mich dann ein warmes Gefühl der Solidarität mit dem Staat Israel. Soli-Saufen ist echt ne geile Sache und um mein Links-Sein wegen proisraelischer Gesinnung muss ich mir schon lange keine Gedanken mehr machen. Links von mir ist nur noch die Wand und ich stehe mittlerweile unter Kommunismus Verdacht: Nach einer Talkrunde, in der ich aufzählte, was es für Instrumente zur Lösung der Wohnungsnot gibt, so u. a. die Möglichkeit der Enteignung von großen Wohnungskonzernen nach § 14 und 15 Grundgesetz, fragte ein Besorgter einen Freund von mir im Publikum: „Ist der Mann Kommunist?“
Wer heutzutage auf dem Grundgesetz insistiert, ist verdächtig. Kommunist oder so.
Es gibt üblere Nachreden. Aber ein Grund zum Saufen sind solche Geschichten allemal. Sie wissen ja jetzt, welche Tropfen da in Frage kommen, liebe Leserinnen. Prost!
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04.09.2019 – Alles Wurst?

Gesehen am Kindl Museum in Neukölln.
Neulich beim zappen landete ich in einer jener Sendungen, in denen es ausschließlich darum geht Menschen im wahren Sinne in den Dreck zu ziehen. Sendungen, die das herrschende Bewusstsein, welches immer das der Herrschenden ist, ebenso exakt wie niederträchtig widerspiegeln. Es handelte sich um D-Prominenz, wobei D für die Korbgröße der agierenden Damen steht. Der Begriff „Körbchen“ verbietet sich hier angesichts der monströsen Monstermöpse, die Silikongeschwängert jeder Schwerkraft und jeder harmonischen Körperrelation Hohn sprechen. Es gab offensichtlich Paare, den Herren der Schöpfung, die bei weiterer Entwicklung genauso aussehen wird, wie ihre Herren, nämlich schwerst desaströs daneben, wurden Fragen gestellt und bei Falschbeantwortung wurden die dazugehörigen Doppel-D Implantate in Schlamm getunkt. Beispiele: Frage „Wer hat die Mona Lisa gemalt? Antwort, nicht, wie von mir erhofft „Leonardo di Caprio“, sondern „Leonardo di Angelo“. Frage: „Wie nennt man eine Puppe, die an Fäden hängt und damit bewegt wird?“
Antwort: „Luftpumpe.“
Das ist wahr, so wahr mir Gott helfe. Ich hab’s mitgeschrieben und sowas kann man sich nicht ausdenken.
Die letzte Antwort transzendiert in mir unbekannte Sphären. Das kann man nicht verbalisieren. Bei der ersten Antwort habe ich gelacht. Typisches Bildungsbürgerdünkellachen. Wozu muss jemand eigentlich wissen, wer die Mona Lisa gepinselt hat? Was für ein Begriff von Kultur steckt dahinter? Und was hat es überhaupt mit dem Begriff Kultur auf sich? Ist der nicht ein Kampfbegriff, den eine Klasse, die der Sieger, gegen die andere, die der Verlierer, wendet, als Herrschaftsmittel? Ist es nicht wesentlich sinnvoller zu wissen, wie soziale Netzwerke funktionieren, um zu begreifen, was heute, im 21. Jahrhundert, die Welt im Inneren zusammenhält?
Um diese zentrale Frage werden sich die nächsten Blogeinträge drehen. Es ist eben nicht alles Wurst. Bis dahin, liebe Leserinnen.
28.08.2019 – Ich bin ein Kind des Schweinezyklus

Dorf der Alternativen – August-Aktion der Landesarmutskonferenz in der City von Hannover mit dem Ziel, unsere Forderungen zur Wohnungsnot publik zu machen: z. B. eine gemeinnützige Landeswohnungsbaugesellschaft als starkes, nicht Profitorientiertes, preisdämpfendes Gegengewicht am Wohnungsmarkt zu den börsennotierten Vonovia, Deutsche Wohnen, etc. Der Wohnungsmarkt ist ein klassisches Beispiel für den Schweinezyklus (heißt aber nicht so, weil die Konzernchefs von Vonovia und Deutsche Wohnen alle Schweine wären): zu wenige Wohnungen am Markt, Nachfrage übersteigt Angebot, der Preis steigt, in Erwartung von noch mehr Rendite hektische Bautätigkeit, solange bis Überangebot am Markt ist und der Preis wieder sinkt. Das Typische an diesem Zyklus ist seine relativ ausgeprägte Zeitverzögerung in der Reaktion der Märkte und seine relativ schlechte Planbarkeit, z. B. mangelhafte demographische Planbarkeit. (Wie überhaupt fast alle relevanten Prognosen der Vergangenheit dummes Zeug, Lügen oder reine Kaffeesatzleserei waren, eben das übliche Geschwätz von Hohepriestern und Schamanen, die sich heute bloss Nationalökonomen nennen. Was wurde damals dem Volk z. B. bewusst die Hucke vollgelogen über angeblich explodierenden Strombedarf, um die Atomkraft durchzusetzen. Explodiert sind später nur Tschernobyl und Fukushima). Bei Schweinen war der Zyklus ganz offensichtlich: es dauert halt eine Weile, bis die alle groß sind und in der Zwischenzeit züchten alle Schweine.
Ich bin ein Kind des Lehrer-Schweinezyklus. Als ich auf Lehrer studierte, war es fast aussichtlos, da einen Job zu kriegen. Deshalb hab ich’s ja auch studiert. Also landete ich erstmal in der Deutschen Industrie, wofür ich heute noch dankbar bin. Ich möchte mir nicht ausmalen, was aus mir geworden wäre als Lehrer. Bei meinem Rochus auf das Verhalten von Blagen fern jeder Erziehung, Lichtjahre jenseits eines auch nur in Ansätzen akzeptablen Sozialverhaltens wäre ich in kurzer Zeit im Zuchthaus gelandet wegen Kindesmisshandlung und Körperverletzungen bei den Elternabenden.
Wer den Umkehrpunkt am Wohnungsmarkt voraussagen könnte, wann also das Wohnungs-Angebot wieder die Nachfrage durch Mieterinnen oder Käuferinnen übersteigt, wäre eine gemachte Frau, weil sie den Investoren Milliarden an Fehlinvestitionen in langfristige Projekte ersparen würde. Aus Mietersicht und der von Wohnungslosen ist nichts intensiver zu wünschen als ein zeitnaher Umkehrpunkt in diese Richtung.
Beim Kauf von Eigentumswohnungen scheint in Ballungsräumen ein Sättigungspreis erreicht, so unlängst Fachleuten in einem Hintergrundgespräch. Na denn …
Soweit unsere Ökonomie-Vorlesung für heute. Interessant daran, wie an politischen und ökonomischen Entwicklungen entlang sich die eigene Lebensgeschichte entfaltet und an bestimmten Kulminationspunkten ab und an die Frage auftaucht:
Was wäre gewesen, wenn …? Fragen Sie, liebe Leserinnen, sich das auch ab und an? Dann wünsche ich einen entspannten und sonnigen Tag.
27.08.2019 – Der Goldene Neger oder: Die ewige Wiederkunft des Gleichen

Sonnenblume Goldener Neger in meinem Garten. Seit Jahren ziehe ich den Goldenen Neger groß, jahrelang habe ich unbeirrt im antifaschistischen Kampf meine Kunst als Waffe eingesetzt, um diesem Anachronismus ein Ende zu setzen.
Und nachdem mich heute Morgen beim Spaziergang im Garten ein Glücksgefühl durchströmte, als ich des frisch erblühten Goldenen Negers ansichtig wurde, recherchierte ich sofort den aktuellen Stand der Dinge. Und siehe, ein zweiter Glücksstrom, mächtiger und intensiver als der Erste, ließ mein Glieder, jedenfalls die meisten, erbeben. Der Goldene Neger heißt jetzt Henry Wilde, (Bruder von Oscar?) im Kleingedruckten weiter unten steht: Ehemaliger Sortenname: Goldener Neger. Was für mich wie Fanfarenstoß in meinem Inneren klang.
Sommer und Herbst ohne Goldener Neger sind machbar aber nicht wünschenswert. Das gehört zu meinen festen Ritualen im Rhythmus des Jahres. Ich brauche Dinge, die in den ständigen Malströmen und Springfluten der Veränderungen meiner Existenz Ordnung, Ruhe und Überschaubarkeit als Korsettstangen einziehen. Dinge, die sich im kosmologischen Seinsgeschehen ständig wiederholen, als Urgrund menschlicher Existenz, sind ja auch der zentrale Anker in Nietzsches Postulat der ewigen Wiederkunft des Gleichen. Ich kann daher auch Konservative verstehen, die ständigen Veränderungen widerstreben. Wahrer Konservatismus, so er denn kein ideologischer verbrämter Reaktionärismus ist, wehrt sich deshalb gegen die Veränderungen, den Fortschritt, nicht, weil er grundsätzlich dagegen ist, sondern weil er im Aufbewahren der Dinge, im Festhalten daran, ihre Werthaltigkeit geprüft sehen will. Nicht alles was neu auf den Markt der Waren und Gedanken kommt, ist auch Fortschritt.
Ich persönlich bin da allerdings anders. Mehr so in Richtung Avantgarde, natürlich entkleidet ihres mitunter faschistischem Gehalt.
Der Rest ist Sommer.
26.08.2019 – Aufstand oder Aussterben?

Ich bin für Aussterben. Aber bitte erst nach meinem Ableben. Und Berlin bitte nicht blockieren, wenn ich auf An- oder Abreise bin. Früher hiess das übrigens: Sozialismus oder Barbarei. In Rosa Luxemburgs Aufsatz über die Krise der Sozialdemokratie. Von 1915. Draussen ruft der Sommer, und Termine rufen, sonder Zahl. Wichtige Termine mit wichtigen Leuten. Ich bin auch wichtig. Genauer gesagt bin ich eigentlich unersetzlich. Ich wüßte gar nicht, wie es ohne mich gehen sollte. Da würde doch alles zusammenbrechen, mal ehrlich.
Statt mich vorzubereiten, habe ich aber habe die Blumen begossen und kritzele diesen Blog voll.
Man wird doch weiser im Alter. Sonnige Woche, liebe Leserinnen. Jetzt muss ich aber langsam los. Pünktlich will ich wenigstens sein…
25.08.2019 – Logo für mehr Inklusion, barrierefreies Bauen und Toleranz gegenüber Menschen mit multiplen Behinderungen?

Das ist nicht das Logo zu einer Kampagne für mehr Inklusion, barrierefreies Bauen und Toleranz gegenüber Menschen mit multiplen Behinderungen, sondern das Logo namens Twipsy der EXPO 2000 in Hannover. Gesehen vor der Ausstellung im hannöverschen Kunstverein zur EXPO. Anders als in Lissabon, wo es ein grandioses Gelände von der dortigen EXPO 1998 gibt, hat die EXPO hier keine nachhaltigen Spuren hinterlassen, außer einem neuen Stadtteil und einem gut ausgebauten ÖPNV System. Immerhin. Weder hat die Armut durch die EXPO zugenommen, noch ist der Wohnraum knapp geworden, noch ist der Mensch in einer völlig neuen Qualität den Interessen des Kapitals unterworfen worden. Das ist alles geschehen, allerdings hat die EXPO dazu ungefähr so viel zu beigetragen wie das Oktoberfest in München. Es war eine einzige große Party, die nicht einmal besonders gut besucht war. Ich bin, was die EXPO angeht, komplett vom Saulus zum Paulus geworden. Vorher war ich strikt dagegen, mit jenem klassischen Reflex vieler Altlinker bei jeder Großveranstaltung (Olympia! Komischerweise Fußball nicht) nach Art des Hauses Marx: Whatever it is, I am against it. Da ich damals bei einem EXPO Projekt arbeitete, musste ich zwangsweise auf dem Gelände abhängen. Und ward fortan bekehrt. Das Einzige, was ich bereue, ist, dass ich nicht jeden Tag auf dem Gelände war. Eine EXPO, bei der sich so friedfertig Menschen aus aller Welt zu einer Dauerparty treffen unter einmaligen äußeren Bedingungen jenseits allen Alltags, werde ich vermutlich in Hannover nicht mehr erleben.
Ob ich irgendwas durch die EXPO gelernt habe? Mit einem uralt Siemens Handy, das vermutlich noch mit Kurbel betrieben wurde, mit Kopfhörer zu telefonieren. Lohnenswert ist allerdings schon ein Blick in die Geschichte der zahlreichen Anti-Expo Zeitungen von damals.

Antifa Donald. Als Donaldisten alter Schule erfreut mich sowas ja, wenn auch die arme, behinderte Twipsy echt keine Gegnerin war. Aber die Themen, die dort angesprochen wurden, sind auch heute noch, und mehr denn je, nach 20 Jahren aktuell. Wenn man es präzise betrachtet, virulenter denn je. Die Atomdiskussion hat angesichts der grassierenden Nachrüstung eine völlig neue und nicht mehr erwartete Dimension bekommen. Und bei der Frage: wann hat es eigentlich die letzte Antifa-Demo hier gegeben, die in einen so breiten gesellschaftlichen Diskurs eingebettet war wie den Anti-Expo damals (ungefähr die Hälfte der Bewohnerinnen war gegen die Expo), komme ich ins Grübeln.
Ich bin hier vor Ort an einer Diskussion zu einer Wohn-Demo im Herbst beteiligt, dringender notwendig denn je, die Wohnungslosigkeit steigt rapide. Aber bei der Frage, wer da alles mitmacht und welche Bedeutung das haben wird, beschleicht mich Beklemmung.
Angst, Verdrängung, Resignation liegt wie Mehltau über allem, angesichts des um sich greifenden Mobs. Bei allem Respekt gegenüber der Demo am Wochenende in der Nazi-Hochburg Dresden und gegenüber Fridays for Future: da muss sich noch beweisen, inwieweit das mehr als Eventcharakter und Partystimmung hat. Das ist nur der erste Schritt auf einem sehr langen Marsch in eine zivilisiertere Welt als die derzeitige.
Aber lassen wir’s uns nicht verdrießen. Die Sonne scheint ja.
Noch.
20.08.2019 – Meine Männer-Selbsthilfegruppe hat mich rausgeschmissen

WG-interne Kommunikationsstrategien.
Wenn man mit mehr als sich selbst zusammenwohnt, ist das so ähnlich wie mit Reisen: man erlebt und lernt was. Im Normalfall wird sowas im Himmel geschmiedet und in der Hölle geschieden, aber der Weg zwischen diesen beiden Punkten ist das Entscheidende, vermittelt er zwar nicht schmerz- aber kostenfrei mitunter Konfliktlösungs-Kompetenzen und Überlebensstrategien, die sonst in teuren Seminaren erworben werden müssten. Was glauben Sie wohl, liebe Leserinnen, warum so ein geistiger Dünnbrettbohrer wie Joseph Fischer eine derartige Karriere hinlegen konnte? Noch nicht mal Notabitur, Null Manieren, ein Parvenü, wie er im Buche steht und dann Außenminister? Die Fähigkeiten dazu erwirbt man sich in jahrelangen zähen, elenden Kleinkriegen in WGs, gepaart mit noch zäheren, elenderen Konflikt- und Beziehungsgesprächen an dortigen Küchentischen. Wer sowas ohne Klappsmühle überlebt, den kann im späteren Berufsleben und selbst in der Politik nichts mehr erschüttern, siehe Joseph. Gegenbeispiel ist das Muttersöhnchen Friedrich März, der noch nicht mal ein Vormärz war (Vormärz! Ein Witz für Schwerintellektuelle), dessen herausragendes rebellisches Merkmal bei Wikipedia die Tatsache ist, dass er das Schuljahr 1969/70 wegen zwei Fünfen wiederholen musste.
Bei Mama großgeworden und dann gleich mit dem nächsten Mama-Ersatz zusammengezogen, Kinder gemacht, etc. pp. Wo soll denn da Lebensweisheit und Konfliktkompetenz herkommen. Kein Wunder, dass er von Frau Dr. Merkel so nach Strich und Faden in den Erdboden gepflügt wurde, dass ich mich beim Gedanken daran immer noch vor Freude wie ein Apotheker im Sand kugele.
Der überwiegend erfolgreiche Phänotyp „Muttersöhnchen“ nach Ausprägung Merz ist geprägt durch Brutalität und Arroganz und kennt nur Unterwerfung, was aber keine Strategie ist, sondern ein Mangel an Sozialkompetenz, der letztlich zum Scheitern führt, erkennbar an mehrfacher Demütigung (in solchen Kategorien denkt der Charaktertyp „Muttersöhnchen“) in Merz‘ politischer Karriere.
Der überwiegend erfolglose Muttersohn, numerisch weitaus häufiger anzutreffen, ist gekennzeichnet durch Konfliktscheu, exzessive Sucht nach Anerkennung. Der grundsätzliche Charaktertyp „Muttersöhnchen“ ist von seiner Triebstruktur her oral fixiert, mit Neigung zu oraler sprich verbaler Aggressivität, siehe Merz, aber auch exzessiver oraler Triebbefriedigung wie Rauchen, Essen, Alkohol. Sexuell ist der erfolgreiche Phänotyp Muttersöhnchen vermutlich eher in Dominastudios anzutreffen, was allerdings eine zwar drollige, aber vollkommen haltlose Spekulation von mir ist. Dass es noch kein psychoanalytisches Standardwerk über Entstehung, Ausprägung und Verhaltensweisen des Muttersöhnchen-Charakters gibt, anders als z. B. zum autoritären Charakter, ist ein beklagenswerter Mangel.
Wir wissen jetzt also, wo Kompetenzen in Sachen Kommunikation, Konfliktlösung, Kreativität lebensnah und günstig erworben werden können, wobei diesbezügl. Kollateralschäden wie Traumata, Drogensucht und lebenslange Feindschaften nicht verschwiegen werden sollten. C‘est la vie.
Mein Rat in Sachen Kommunikation, Konfliktlösung und Kreativität ist, Botschaften wie die Obige nicht an die interne WG-Pinnwand zu schreiben, in der Art: „Hier könnte mal wieder jemand in Sachen Hygiene aktiv werden. Ich hab’s die letzten 6 Monate gemacht!!“. Das sieht nach Korinthenkacker und Kleingeist aus und damit ist man sofort in der Defensive. Ritzt man es – siehe oben – in den Staub von Äonen, mit einem Smiley und dem metaironischen „Wasch mich!“, verrät das: Hier waltet ein souveräner Geist, der mit einem Friedensstiftenden Augenzwinkern unangreifbar über allen Wassern schwebt. Und wenn der Topf 4 Jahre später noch so aussieht, dann kann man immer noch die Hasskappe aufsetzen. Und später Außenminister werden.
Warum ich diese Geschichte erzähle?
Mein Frisör ist im Urlaub und meine Männer-Selbsthilfegruppe hat mich rausgeschmissen. Sonnigen Spätsommer, liebe Leserinnen.
18.08.2019 – Zum Paradies fehlen 30 cm

Trauben auf meiner Veranda.
Das Land, in dem einen die Trauben in den Mund wachsen, ist eine archaische Vorstellung vom Schlaraffenland, einem Paradies ohne Not, ohne Arbeit, mit freier Entfaltung der Bedürfnisse – eine der zahlreichen Ideen über Utopia. In diesem Fall aus einer Zeit, wo Arbeit Plage war, Unterdrückung herrschte und eine einzige Missernte den Tod bedeuten konnte.
Da kommt Mensch schon mal auf solche Gedanken. Immer nur auf den Kniebänken des Aberglaubens rumrutschen ist auf die Dauer nicht so prickelnd, wenn für alles, was in so einem irdischen Jammertal noch ein bisschen Spaß macht, das ewige Höllenfeuer droht. Ganz zu schweigen von der Tatsache, dass alle, die sich auf Erden für mehr Gerechtigkeit einsetzten, was die Not gelindert hätte, gerne schon mal aufs Rad geflochten oder verbrannt wurden.
Bei mir herrscht kein Paradies, kein Schlaraffenland, kein Utopia. Auf meiner Veranda wachsen Trauben, die bereits jetzt vollreif sind (Südlage, sonnendurchglühte Backsteinwand). Ein paar davon hängen auf cirka 150 Zentimeter Höhe. Ich bin über 180 Zentimeter groß, ich muss mich zum Direkt-in-den-Mund-Verzehr also etwas bücken. Da fehlen zum Paradies 30 cm.
Utopien sind nicht nur bei mir auf der Veranda 30 cm fern, sondern grundsätzlich etwas aus der Mode gekommen. Was maximal möglich scheint, ist Fridays for Future. Immerhin soll ja die Generation Greta anfangen, Adorno zu lesen. Für die Ausbildung eines allgemeinen Diskurses über Utopien wäre eine minimale theoretische Fundierung ebenso nicht das Schlechteste wie für das Entstehen einer neuen sozialen Bewegung, meinetwegen Klima…
Solange aber allenthalben in Gleichstellungsbüros, Stadtteilinitiativen, Selbsthilfeblablas über Identität statt über Klasse diskutiert wird, können wir damit warten, bis die SPD den nächsten Bundeskanzler stellt. Da der Begriff „Utopie“ in sich den Kern der Realität trägt, anders als der Begriff „Vision“, der eher was mit kiffen zu tun hat, ist die Wirklichkeit des Alltags mit entscheidend als Lackmustest für den Stand der Hoffnung. Und da sieht es ganz schlecht aus, folgt frau jedenfalls der Antwort von einem, der es wissen muss, nämlich von mir, auf die Frage des geschätzten Dr. Carlson vom web-Radio Flora in einem Interview anlässlich einer Aktion der Landesarmutskonferenz zur wachsenden Wohnungsnot.

Aktion Hannover City, Landesarmutskonferenz „Dorf der Alternativen“, 16.08.2019, siehe auch NDR .
Dr. Carlson frug zum Schluss, wie ich denn die Chancen zur Umsetzung unserer Forderungen einschätze, u. a. brauchen wir allein in Niedersachsen 100.000 zusätzliche Sozialwohnungen und natürlich eine gemeinnützige Landeswohnungsbaugesellschaft (Details hier PM Landesarmutskonferenz Aktion Wohnungsnot – Dorf der Alternativen). Ich habe selber jahrelang eine eigene Sendung bei Radio Flora gemacht, kenne den Interviewer seit Jahren, was soll ich da groß rumeiern. Ich beschloss das Interview mit einem Wort:
„Schlecht“.
Ich wünsche allen einen sonnigen Start in die Woche.
What’s left? Das Foto der Inschrift zum Gedenken an den auf der Strasse gestorbenen Jürgen Bauer, die Aktivistinnen bei mir umme Ecke angebracht haben

14.08.2019 – Schlucken oder Spucken?

Muntaner Wermut, der einzige mallorquinische Wermut. „Der Wermut gegen Schwermut! Unser absoluter Favorit – er hat das Zeug, den Wermut wieder populär zu machen!“ (aus: 3. Ausgabe SCHLUCK, das anstößige Weinmagazin) Das ist leider eingetreten, denn am Wochenende stand im hiesigen Zentralorgan für Tranfunzeln, der HAZ, die Einschätzung, dass Wermut „in“ sei. Das Trüffelschweinpotential der HAZ liegt ungefähr auf dem Niveau von „Das Internet ist der aktuelle heiße Scheiss“, es liegt also unter Null. Und wenn in der HAZ (=Hannoversche Allgemeine Zerebrallähmung) steht, dass Wermut angesagt ist, gibt es diesen wundervollen Tropfen wahrscheinlich schon seit Äonen an jeder Pommes Bude statt Oettinger-Pils .
Ich bedauere das ein wenig, nimmt es meiner Leidenschaft für Wermut doch jenen Hauch von Exclusivität, derer es bedarf, um sich postkonsumistischer Dandy zu nennen. Postkonsumistisch insofern, als die Anschaffung eines excellenten Wermuts keine exorbitante Ausgabe sein muss, im Gegensatz zum von mir ebenfalls hochgeschätzten Portwein, wo Jahrgangs-Ports schnell mal in die Hunderte Euronen gehen können. Ein Glas Wermut, als Aperitif z. B. am heimischen Grill, kostet ca. einen Euro, was im Vergleich zu dem Wein-Mist, den man mitunter sogar in renommierten Restaurants für ein Mehrfaches vorgesetzt kriegt, geschenkt ist.
Die Begeisterung für Wermut wurde bei mir vor ein paar Jahren auf Mallorca geweckt und nachdem ich eine profunde Reise durch die Welt des Wermuts absolviert hatte, steht für mich fest: die Krone gebührt Muntaner. Um es im lebhaft süßen Sprachtänzeln des Sommelier-Blabla zu sagen:
„Seinen frischen Schliff erhält er durch die Beigabe von süßen Orangen- und Zitronenschalen. Er tänzelt lebhaft süß auf der Zungenspitze, zeigt sich am Gaumen spritzig fruchtig und endet in einem sanften, erfrischend bitteren Abgang.“!
Zusammen mit einem Monkey 47 Gin ergibt der Muntaner einen perfekten Martini, geschüttelt, nicht gerührt. So wollte ihn James Bond, der allerdings ein veritabler Banause war. Er verwendete für seinen Martini einen Lillet statt eines Wermuts und das ist ein absolutes No-Go. Da werden Grenzen überschritten! Es gibt einfach Regeln, an die sich ein Gentleman zu halten hat und wer einen Lillet für den Martini nimmt, bleibt trotz Smoking ein Prolet. Und lassen Sie um Himmels Willen die Olive weg, die in jedem Martini Rezept steht. Oliven sind in Salzlake eingelegt und wer einen Cocktail aus guten Zutaten mit Salzlake verschandelt, der klebt der Venus von Milo auch Arme an. Eine weitere ins Niederträchtige lappende Unsitte sind für mich auch diese affigen Martini-Cocktailgläser, die auf jedem diesbezüglichen Buchcover abgebildet sind, weil die Kreativabteilung mal wieder bekifft unter dem Mac lag bei der Gestaltung und ihr nichts einfiel. Aus diesen Gläsern weichen in Nanosekundenbruchteilen vollständig sowohl Aroma als auch Kälte des Drinks. Was für ein Verfall von Sitte, Stil und Niveau!

Hier nehmen wir natürlich die offiziellen I.N.A.O Degustationsgläser. Ist denn das so schwierig… ?! Ich habe mitunter das Gefühl, die Welt ist eine Konstruktion, eigens geschaffen, mich jeden Tag in Verzweiflung, Depression, Zorn, Ekel und Raserei zu versetzen.
Wermut ist außerdem ein uraltes Heilmittel und wird aufgrund der antiseptischen, antibakteriellen, krampflösenden und durchblutungsfördernden Wirkung bei Kopfschmerzen, Entzündungen und Menstruationsschmerzen verwendet sowie bei Magenverstimmungen, Verdauungsstörungen, Appetitlosigkeit oder Blähungen. Zusammenfassend können wir sagen:
1. A bottle of Wermut a day keeps the doctor away.
2. Hände weg von inferioren Wermut-Marken wie Cinzano. Kauft Muntaner.
3. Auch bei einer Wermut-Probe gilt die alte Weinverkostungsfrage: Schlucken oder Spucken? Das ist wie vieles im Leben eine Geschmacksfrage und ändert am Wermut nichts.
Prost, liebe Leserinnen.
10.08.2019 – Vom Job in den Blog oder: Tödliche Probleme und andere Problemchen

Installation vor dem Berliner Hauptbahnhof. Die kleinen Aufkleber überall sind Preisschilder. Es geht um die Situation von Sexarbeiter*innen, oft mit migrantischem Hintergrund, oft unter lebensgefährlichen Bedingungen, weil „Lovemobils“ (Love?) z. B. an einsamen Plätzen stehen, was Raub, Vergewaltigung und Mord begünstigt.
Wenn ich aus dem Berliner Bahnhof komme, bin ich ohne Ausnahme guter Dinge. Ist es dienstlich, so ist es nie mit Stress oder Überforderung verbunden, ist es privat, ist es immer ein Wechsel in spannende Zeiten, fern der Ebenen des Alltags. Diese fröhliche Grundstimmung wurde mir unlängst getrübt, durch diese Installation, und das hat mir gefallen. Kunst muss auch verstören, einen für Momente aus der Komfortzone kicken, und vor Augen führen, wie pillepalle doch mitunter die eigenen Gedanken, gar Problemchen sind. Und wenn das optisch so verstörend und expressiv ist, wie in dem Fall, dann: Chapeau.
Die Geschichte, die einige der eigenen Irritationen relativiert, fiel mir bei der Sichtung der aktuellen Schlagzeilen ein. Es gibt sie ja doch noch: die anderen Problemchen. Eigentlich hatte ich z. B. für mich die Themen Fußball und SPD abgehakt, im Schreiben darüber war mir das Elend Beider hinreichend klar geworden. Beim Fall Olaf Lies, der als niedersächsischer SPD-Bau-Minister ein Angebot der Energiewirtschaft abgelehnt hatte, obwohl er da ein Mehrfaches seines Ministergehaltes bekommen hätte, wurde mir klar, dass die SPD bald auch Karrieristen keine Gewähr mehr für Aufstieg bieten wird. Sogenannte Parteibuchkarrieren in Ministerien, Verbänden, semistaatlichen Organisationen wie Bahn, Post, Stadtwerken, Polizei werden immer seltener, logisch bei einer Partei, die demnächst unter die 5 Prozent Hürde abkackt. Also treten Karrieristinnen zukünftig lieber in die AfD ein. Die SPD wird auch um Entlassungen im hauptamtlichen Apparat nicht umhin kommen, ihr ganzes organisatorisches Vorfeld, wie die AWO, eine SPD Bastion, und diverse NGOs (in dem Geschäft kenne ich mich aus, ich arbeite für eine) kommt ins Rutschen, der finale Zerfallsprozess der SPD wird einer Lawine gleichen. Eine bürgerliche Tragödie und das meine ich ohne Häme, denn die Alternative – nicht nur „… für Deutschland“ – ist weiterer Schritt zu mehr Barbarei.
Was den Fußball angeht, frug mich unlängst jemand, die ihn aktuell zu Recht zum Kotzen findet, sich aber nicht so wie ich auskennt: „Wäre es nicht eine Lösung, wenn die, die noch An- und Verstand besitzen, die Stadien und Fußball-Kneipen boykottieren und auch im TV nichts in der Richtung gucken? Würde diese Attacke auf sein Geschäftsmodell ihn nicht back to the roots bringen?“ Ich machte Jemand die Situation an einem Gleichnis deutlich, ich bin biblisch geschult:
„Denn siehe, spricht der Herr (also ich), das ist so, als würde man an SUV-Trottel appellieren, angesichts der sich anbahnenden Klimakatastrophe auf den ÖPNV umzusteigen. Denn wahrlich, wahrlich, ich sage Euch, eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr als dass im Fußball oder in einem SUV An- und Verstand vorkommen.“
Wir lachten. Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch und so freute mich über eine Schlagzeile uneingeschränkt, nach der die EU rigoros gegen Mikroplastik vorgehen will. Dabei geraten auch Kunstrasenplätze in den Fokus. Viele deutsche Fussball-Amateurklubs fürchten um ihre Existenz. Das wäre ein folgenreicher Angriff auf das Geschäftsmodell, denn dann bräche die Basis weg. Morgen werde ich eine Open Petition in Gang setzen: „Weg mit dem Mikroplastik – überall!“
Aber was wäre, wenn es SPD und Fußball nicht mehr gäbe? Die SPD wird durch die AfD ersetzt, so weit, so gruselig. Aber der Fußball, der ja auch eine Triebabfuhr-Funktion unter kontrollierten Bedingungen besitzt, was Gewalt, Aggression, Emotion angeht, durch was würde der ersetzt? Die Hooligan-Horden, die im Fußball-Kontext noch einigermaßen auf dem Schirm der staatlichen Repression sind, wo gehen die dann hin? Was die machen Millionen armer Seelen mit ihrem inhaltsarmen Leben zwischen Familie, Job und Eigenheim, wenn man ihnen das Stadion, das TV, die Kneipe nimmt? Wo und wie lassen Rassisten wie Schalke-Tönnies ihre Wut- und Hassgeschwängerten Ressentiments sonst ab?
Panem et circensis, das Jahrtausende alte Spiel.
Aber das, liebe Leserinnen, sind zugegeben Problemchen, die nur deshalb ihre wertvolle Zeit gestohlen haben, weil ich gerade mal wieder aus Arbeit in das Schreiben flüchte: Vom Job in den Blog.
Sonniges Wochenende.