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14.04.2019 – Immer nur Jesus, Maria und Joseph


Bildnis einer jungen Frau mit entblößter Brust. Um 1525. Berliner Gemäldegalerie.
Unlängst weilte ich in der dortigen Ausstellung „Bellini und Mantegna“, italienische Maler der Renaissance. In Feinheiten sicher interessant, die Beiden gelten als Meister der inventione, der malerischen Erfindungen. So war bei einem Portrait der Hintergrund komplett schwarz, das hatte es wohl bis dato noch nicht gegeben. Aber die Motive waren komplett sakral, biblisch und ein begleitender Freund seufzte irgendwann zu Recht:“Immer nur Jesus, Maria und Joseph, irgendwann reicht’s.“ Ausserdem lungerte da nur Bildungsbürgerrentnervolk rum, es war vormittags. Dieses Volk kann ich echt nicht leiden, mit wichtiger Miene kenntnislos die im Feuilleton gefeierten Blockbuster abklappern und mir die freie Sicht auf die Bilder nehmen, das schätze ich überhaupt nicht. Ich kann ja nicht alle beiseite rempeln.
Aber offensichtlich waren Bellini und Mantegna Wegbereiter, denn ihre Innovationen brachen auch motivischen Neuerungen Bahn. Keine 30 Jahre später ist das obige Bild, das in einem Nebenraum hing, entstanden und da ist von der Bibel keine Rede mehr.
Ein paar Schritte weiter, hinter der Potsdamer Brücke, wurde es sofort wieder weniger erbaulich. Nach meiner Wahrnehmung nimmt nicht nur die Zahl der Bettelnden zu (die alle immer sofort mich ansteuern,mir scheint das Wohlfahrtsgen ins Gesicht geschrieben), sondern auch die der psychisch Auffälligen. In Berlin scheint mir das extrem auffällig,quasi exponentiell gesteigert. Liegt das an dieser Ballung auf engem Raum, wo man den Glücksversprechungen des Kapitalismus dauernd ausgesetzt ist, permanent von ihnen angeschrien wird, aber deren Erfüllung weiter weg als der Mond ist, unerreichbar für immer mehr Menschen? Ist sowas zum verrückt werden?
Ich weiss es nicht, aber die Fallhöhe aus den Tempeln des Bildungsbürgervolkes ist mitunter hoch und wenn die Inszenierung dort wie im vorliegenden Fall mal nicht so erbaulich ist, hat der Lärm, der Dreck, das Chaos des Molochs Berlin einen schnell wieder im Griff.
Und das ist auch gut so.

13.04.2019 – Pizza im Haus


Werbeschild vom Imbiss bei mir im Haus. Dort verkehren Menschen, die nicht zur urbanen, digitalen, hippen Kreuzberger Avantgarde gehören. Es gibt Bier, Kümmerling und Chips, natürlich wird geraucht, und neuerdings gibt es auch Pizza. Ich war da öfter zum TV gucken bei der letzten Fussball-WM und habe mich sehr wohl gefühlt. Das mit dem peinlichen Fussball hat sich ja nun für Besitzer eines Niveau-Passes erledigt, aber auf die Pizza freu ich mich schon. Ich frage mich beim Anblick des Schildes allerdings des öfteren….na ja, und mit der Beendigung dieses in den Raum gestellten Satzfragmentes lasse ich Sie, liebe Leserinnen, für einen Moment alleine.
Wir kommen damit von den Kümmerlingen meines Imbiss zu den sich abzeichnenden Entwicklungen für prekär Lebende im Lande, insbesondere Hartz-IV Bezieherinnen.

Die Jagdsaison ist wieder eröffnet. Die Hauptstadt-Presse vom gestrigen Tag hetzt hier – noch niedrigschwellig – gegen „Drückeberger und Faulpelze“. In der Eskalationsstufe 2 wird es dann gegen „Sozialschmarotzer“ gehen und bei der allgemeinen Verrottung der Zustände in unserer Gesellschaft ist Stufe 3 nicht fern, wo es dann gegen „Volksschädlinge“ gehen wird. Diese sich hier abzeichnende Hetzjagd ist der sichere, letzte Beweis dafür: wir sind in einer beginnenden Rezession.
In ökonomischen Krisenzeit tritt der Boulevard sofort aufs niederträchtigste nach unten, gegen jede Minderheit, gegen alles, was ohnmächtig und wehrlos ist. Dem schliesst sich alsbald die Bürgerpresse an, die Politik greift das gerne auf, so sie es nicht schon instrumentalisiert hat.
Es braucht immer Sündenböcke. Bei Strafe des Untergangs des Systems dürfen die wahren Verantwortlichen für Krisen, Rezessionen niemals benannt werden. Das alles wiederholt sich mit so tödlicher Sicherheit zu den zyklischen Krisen des Kapitalismus wie Ebbe und Flut. Ein Blick auf die Aufsteller der Dreckspresse genügt.
Aber der Mob wird’s nie kapieren, was da passiert. Irgendwie ermüdend.
Solange es jedoch die Museen, Theater und Opern dieser Welt, dieser Stadt gibt, ist das Leben trotz allem eine feine Erfindung. Und die Imbisse nicht zu vergessen.
Ich wünsche Ihnen, liebe Leserinnen, ein charmantes Wochenende.

05.04.2019 – Bombenstimmung


Blick aus Hotel-Fenster auf der Insel.
Ein paar Tage Sonne, Meerluft und Stille, abseits vom zuhäusigen Gestank und Lärm von 25.000 Autos am Tag, direkt vor meiner Nase und meinen Ohren,nur noch getoppt von den ca.50.000 Autos am Tag in meiner Berliner Wahlheimat, wär nicht das Verkehrteste, um bei Verkehr zu bleiben. Gesagt, geflogen. Und ja, Asche auf mein sündiges Haupt, Fliegen ist eine Öko Sauerei sondergleichen, Pater peccavi! Aber allein der Blick aus dem Hotel Fenster ist eine Sünde wert. Und wer frei von Schuld ist, der werfe den ersten Stein. Ausserdem, wo findet man heute noch Stille, ausser in der Vorsaison an einsamen Stränden am Mittelmeer? Überall wird man von Tönen gepiesackt, selbst auf öffentlichen Scheisshäusern läuft Hintergrund-Musik, um den Mob sogar bei intimen Verrichtungen nicht für eine Sekunde zu sich kommem zu lassen. Wieviel Entfremdung geht noch?
Und Reisen bildet ja auch. Ich lernte, dass in meinem Hotel Agatha Christie abgestiegen war, und Joan Miro und zahlreiche andere Berühmtheiten. Die Gäste waren überwiegend very british,hatten teilweise mit Agatha Christie noch den five o’clock tea genommen, kurz, es war überaus angenehm.
Bis ich mitkriegte, dass 1937 ganz spezielle Landsleute hier zu Gast waren, die Legion Condor. Die hat dann im spanischen Bürgerkrieg die unbefestigte und wehrlose Stadt Guernica bombardiert,mit Hunderten Toten, viele Kinder darunter, um für den 2. Weltkrieg zu üben. Feige und hinterhältig, wie des Deutschen 2. Natur nun mal ist. Die Legion Condor zahlte den Angestellte hier statt der üblichen 2 Peseta Lohn am Tag 25.
Schon damals herrschte also ein günstiger Wechselkurs. Und mit Sicherheit eine Bombenstimmung .
Da zeichnen sich Entwicklungslinien ab, nahtlos in die 70er ff. Terrorismus und Tourismus; die Fortsetzung der Legion Condor mit anderen Mitteln. Der Ballermann als Wehrertüchtigungscamp für Afghanistan. Niedere Gesinnung ist für das Kriegshandwerk Grundvoraussetzung.
Reisen bildet? Manchmal wünschte man sich zwecks Erhaltung der Stimmung etwas weniger Bildung.
Aber schön isses trotzdem hier.

30.03.2019 – Der Rest ist Schweigen


Ich erkläre dem niedersächsischen Bauminister Olaf Lies, dem Volk und den Medien die Welt. Für einen Moment sieht es so aus, als ob ich die 10 Gebote verkünde und ich überlege kurzfristig, vor laufenden Kameras über das Wasser des nahegelegenen Flusses zu wandeln, lasse es aber bleiben, weil die Geschichte schon damals nicht gut ausging.
Die Aktion der symbolischen Gründung einer Landeswohnungsbaugesellschaft vor dem Landtag war aus medialer Sicht ein Erfolg. Wenn dpa das meldet, übernimmt das der Rest. Was politisch aus unserer Forderung nach einer realen Landeswohnungsbaugesellschaft in Niedersachsen wird, bleibt abzuwarten. Andere Länder sind da weiter und die SPD in Berlin wird am 30.03 darüber diskutieren, ob sie das Volksbegehren zur Vergesellschaftung großer Wohnkonzerne unterstützt. So weit so sozialistisch.
Jenseits aller politischen Kategorien geht es bei solchen Aktionen immer auch um Anerkennung, Aufbau von Hierarchien, Befriedigung von Eitelkeiten. Der Erfolg der Aktion, die Anerkennung dadurch schmeichelte mir in den ersten Momenten eher als die Genugtuung darüber, dem politischen Ziel ein Stück näher gekommen zu sein. Normal. Normal?
Der beste Zeitpunkt, was anderes zu machen, den Job zu wechseln, ist vermutlich der, wenn man glaubt, man wäre wichtig.
Wichtig war ich für meine Katzen, die kriegten morgens Futter von mir. Aber wenn es mich nicht gegeben hätte, hätten sie sich an den Karnickeln im Garten gelabt.
Wichtig ist also relativ, wie wir an dem Beispiel sehen.
Allerdings werde ich in diesem Leben vermutlich keinen anderen Job mehr machen. Insofern schwebt über diesem ganzen Setting hier ein Hauch von Melancholie. Was bleibt, um sich nicht zu wichtig zu nehmen, sind die Stilmittel von Scherz, Satire, (Selbst-)Ironie und tiefere Bedeutung. Der Rest ist Schweigen.
So zumindest der sterbende Hamlet:
„Oh, ich sterbe, Horatio!
Das starke Gift bewältigt meinen Geist;
Ich kann von England nicht die Kunde hören,
Doch prophezei ich: die Erwählung fällt
Auf Fortinbras; er hat mein sterbend Wort;
Das sagt ihm, samt den Fügungen des Zufalls,
Die es dahin gebracht – Der Rest ist Schweigen.“

Schönes Wochenende, liebe Leserinnen.

27.03.2019 – Marxismus und Donaldismus


Gips-Donald, weiß, und Gips-Donald, Rasta.
Ich lasse mir lieber einen Backenzahn ohne Betäubung ziehen als dass ich einen Baumarkt aufsuche. Ein Dandy – und diesen Archetyp in der Tradition eines Oscar Wilde zeitgenössisch zu revitalisieren sollte das Streben eines vernunftbegabten Mannes des 21. Jahrhunderts sein – beschäftigt sich niemals mit inferioren Tätigkeiten wie hämmern, bohren, sägen sondern widmet sich entweder dem Ordnen seines Äußeren vor dem Spiegel oder der Lektüre des „Tractatus logico-philosophicus“ von Ludwig Wittgenstein, dem „Kapital“ von Karl Marx oder den 529 Ausgaben der Donald Duck Taschenbücher. Letzteres ist keineswegs als Witz gemeint. Der Autor dieser Zeilen hat zwar die aktive Phase seines Donaldismus hinter sich, als er – jenseits der 40, also keineswegs im unreflektierten Wahn der Jugend! – die Welt mit eigenhändig gegossenen Donalden flutete (siehe oben), in der Hoffnung, sie im Sinne der Ente zu einem besseren Ort zu machen. Nämlich zu einem Ort, an dem Männer allein aus handwerklichem Ungeschick, schierer Tölpelhaftigkeit und überwältigendem Pech unfähig sind, Kriege zu führen. Oder können Sie sich Donald Duck als Feldwebel vorstellen, als islamistischen Terroristen oder auch nur als durchgeknallten Gelb-Westen-Chaoten? Das Chaos richtete die Ente nur bei sich und in der Familie an, immer cholerisch, immer vom Pech verfolgt, aber immer wieder widerstehend den Bürzel aufrichtend, den Wutschaum vom Schnabel putzend und sich den Imponderabilien des Lebens wappnend, nur überlebend durch die Hilfe seiner drei Neffen Tick, Trick und Track. Was für ein warmherziger Utopie-Entwurf, viel menschlicher als Karl Marx. Mich unterscheidet von Donald nur, dass ich wesentlich mehr Glück habe und nur zwei Neffen. Ansonsten bleibe ich bis zum Ende aller Tage Donaldist. Und Marxist.
Manchmal ist ein Baumarkt Besuch aber unumgänglich und das Bild, das sich neulich meinen Augen dort bot, war schwerst verstörend, brannte aber in dieser einen Sekunde der Wahrnehmung alle Schrecken des aktuellen Zustandes der Gesellschaft in mein Hirn und mein Herz. Ich sah einen Mann vor dem Werkzeug-Regal den Schaft eines Hammers, , reale (!) 30cm lang, streicheln mit einer Inbrunst und Zärtlichkeit, als ob es sein bestes Stück wäre. Also sein Auto.
Auf der Flucht aus dem Baumarkt räsonierte ich über die Welt, sowas hilft aus Verstörung. Baumärkte sind, wie die Welten des Fußballs, der Bundeswehr, der katholischen Kirche, Refugien schierer Männerbündelei, nur selten und zaghaft angekratzt durch das Prinzip „Frau“. Hier sind sie unter sich, die Herren der Schöpfung, fernab der Zumutungen der Anderen, der Weichen, Feuchten, Fließenden, die obendrein immer alles wissen wollen, über Gefühle. Als ob da viel wäre in diesen Männerbündischen Hohlköpfen außer Wut und Angst. Und dampfendes, unterdrücktes homoerotisches Begehren, das aber auf keinen Fall zugelassen werden darf, weswegen es mit maximaler Aggression abgetötet werden muss. Über dieser Welt der Männerbünde schwebt immer eine angsteinflößend dunkle Wolke von Gewalt, Zerstörung, Zorn.
Und weil das alles zutiefst pathologisch ist, fließt der Alkohol als Fluchtmittel in Strömen. Die klerikalen Kinderficker dürften zu ebenso hohen Prozentsätzen Alkoholiker sein wie Bundeswehrangehörige und Fußball-Schwachköpfe. Von den Schnapsdrosseln in Baumärkten ganz zu schweigen.
Da ist alles nicht neu, sollte aber im Hinterkopf behalten werden angesichts der Tatsache, dass diese Welt, die alles Andersartige, Lebendige, Bunte verabscheut, diejenige ist, die zur Zeit gewinnt.
Aber auf meinen nächsten Baumarkt Besuch freue ich mich jetzt. Dann nehme ich mir vor dem Regal für Werkzeuge eine Stunde Zeit und mache schwer verstörende Fotos von Männern mit Hämmern. Demnächst hier im Blog!

22.03.2019 – Runter vom Sofa, rein ins Vergnügen.


Bei mir umme. Natürlich ist der dazugehörige ca. 4 qm große Hafen eher ein Witz, so wie dieses Schild, dessen Humor irgendwie ins Transzendente lappt. Er schwebt über allen Wassern, ist aber nicht direkt greifbar. Kleidete ich ihn in Worte, raubte ich ihm die Wirkung. Insofern ist auch Wittgensteins Diktum „Die Grenzen meiner Sprache sind die Grenzen meiner Welt“ von der Erkenntnis her: begrenzt. Es gibt noch eine Welt jenseits der Begriffe. Aber ich will hier kein Proseminar zu Zech-Buddhismus für Anfänger machen, hier geht’s um meinen Hafen, zwei autonome Steinwürfe von meiner Homebase entfernt. Den querte ich unlängst auf der Suche nach leeren Grundstücken. Hintergrund: Das Land Niedersachsen ist zur Zeit noch störrisch, was die Gründung einer von der Landesarmutskonferenz, dem DGB und Anderen geforderten Landeswohnungsbaugesellschaft angeht: Gemeinnützig, nicht profitorientiert, bezahlbarer Wohnraum für alle, ab 5 Euro pro qm, Größenordnung 40.000 Wohnungen über die Jahre. Die Argumente der Gegenseite: Reine Symbolpolitik, dauert zu lange, kostet zu viel, braucht Personal etc. pp. Das ist natürlich kompletter Unsinn, die Bayern haben es ruckzuck vorgemacht, und eine aus dem Boden gestampft. Waren ja auch Wahlen.
Es geht, man muss nur politisch wollen. Aber die hiesigen Akteure sind entweder träge oder wollen den Profitkuchen nicht mit Gemeinnützigen teilen. Es ist also seeehr sämig, dagegen anzukämpfen, und ich bin’s manchmal auch einfach leid. Ich will meine Ruhe, meinen Urlaub, meinen Sommer, Ende im Gelände. Dann sagt aber der Restrebell in mir: Runter vom Sofa, rein ins Vergnügen. Also gibt’s am 27.03 eine Aktion mit Aktivist*innen vor dem hiesigen Landtag. Der zuständige Bauminister Olaf Lies hat sein Kommen zugesagt, sinnigerweise für High Noon, was aber eine andere Bedeutung besitzt als ich sie gerne hätte, und wir werden ihm das erste Haus der dann zu gründenden symbolischen Landeswohnungsbaugesellschaft überreichen, siehe Medieneinladung Landesarmutskonferenz Einladung Medien Aktion Landtag 27.03.2019.
Runter vom Sofa musste ich auch wegen des Argumentes der Gegenseite: Keine Grundstücke. Auch das ist ausgemachter Blödsinn. Ich setzte mich auf mein Rad und fand nach 5 Minuten in direkter Hafennachbarschaft sofort eins, ca. 20.000 qm groß, früher mit Gartencenter, steht seit über 10 Jahren leer. Citynähe, perfekt erschlossen, braucht die Stadt (oder eine Landeswohnungsbaugesellschaft) nur zu kaufen und los geht’s.
Wenn der Eigentümer sich aus Spekulationsgründen renitent zeigt, wird enteignet, siehe § 15 Grundgesetz. Kein Problem, wenn man es politisch will. Das wird beim Bau von Autobahnen oder Stromtrassen ruckzuck angewendet.
Für Hannover, immerhin über 500.000 Einwohnerinnen, gibt es übrigens kein Leerstandskataster, wir haben also keinerlei Überblick, wie viele Wohnungen und Häuser leer stehen. In anderen niedersächsischen Großstädten das Gleiche.
Es ist aber alles sooo sämig. Zu dieser Grundstimmung passte meine Hafentour.

Ein paar hundert Meter Kaimauern, zwei Kräne und ein halbes Schiff, das im trüben Hafenbecken vor sich hindümpelte und trotzdem löste der Anblick diese typische Hafenstimmung in mir aus: eine Prise Fröhlichkeit ob des Freiheits- und Glücksversprechens, das Häfen innewohnt, mit einem Schuss Melancholie ob des Wissens, dass es hier und heute nicht eingelöst wird.
Dann eben woanders.
Schönes Wochenende, liebe Leserinnen.

20.03.2019 – Anleitung zum Glück!


Quizfrage: Was ist hier abgebildet?
1. Ein erdähnlicher, aber nicht bewohnbarer Planet im Sternsystem Alpha Centauri? 2. Die sibirische Tundra nach Abtauen des Permafrostes? 3. Die Erde am 2. Tag der Schöpfungsgeschichte, denn siehe, es steht geschrieben in 1. Moses 1: „…
„… Die Erde war wüst und wirr ….. Dann sprach Göttin: Es werde ein Gewölbe mitten im Wasser ….“
Richtig ist, dass es sich bei obigem Bild um das Grundstück eines Freundes in den Weiten der niedersächsischen Tiefebene handelt. Besagter Freund & Kollege ist einer jener Menschen,
die Walt Whitman in seinem grandiosen Poem „Pioneers, oh Pioneers!“ besingt:
Come my tan-faced children,
Follow well in order, get your weapons ready,
Have you your pistols? have you your sharp-edged axes?
Pioneers! O pioneers!

(Vordergründig geht es dabei um die Besiedelung des „Wilden“ Westens, es geht aber auch grundsätzlich um Aufbrüche, Veränderungen, auf zu neuen Ufern halt)
Menschen also voller Wagemut, Tatkraft, Ideenreichtum und praktischem Geschick, die mal eben losziehen, sich ein Fachwerkhaus aus dem 3. Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung kaufen und das Ganze in jahrhunderterlanger Arbeit in allen Gewerken bewohnbar machen. Und nebenbei noch hochkompetente Experten in allem sind, was auch nur nach PC riecht.
Ich muss mein Licht nicht unter den Scheffel stellen und habe von mir eine eher ausgeprägt positive Meinung. Aber der Anblick dieses Bildes erdete mich umgehend und machte mir klar, wo meine Grenzen sind. Ich bin mehr der Typ, der morgens seinen PC anmacht, der Bildschirm bleibt dunkel und ich rufe in aufsteigender Panik Fachmann, siehe oben, an: „Hilfe! Meine Festplatte ist kaputt!“ Um die Antwort zu kriegen: „Hast Du den Bildschirm schon angemacht?“
Der aktuelle Anblick meines Gartens, keine 50 qm!, versetzt mich in furchtbarste Laune, dort müssen ein paar Äste entfernt werden, damit meine Rosen mehr Licht kriegen. Allein der Anblick derjenigen Fachkraft, die das erledigen wird, verursacht mir tiefe Depressionen. Die Aussicht auf ein, zwei notwendige Umbauten in meiner Wohnung machen mich Sanatoriumsreif und lassen mich mit dem Gedanken spielen, auszuwandern.
Bestünde die Welt nur aus Figuren wie mir, wir würden garantiert noch auf den Bäumen leben. In einer postatomaren Apokalypse, wo alle staatlichen Strukturen hinfällig sind, und nur rudimentäre zivilisatorische Verhältnisse herrschen, hätte ich gerade drei Überlebenschancen: 1. Handel mit Selbstangebautem. 2. TV-Quiz als Einnahmequelle. 3. Fußball Wetten. Ich kann also echt nur hoffen, dass die „da oben“ keinen Blödsinn machen und die Finger vom Drücker lassen, sonst seh ich duster für meine Zukunft. Aber in diesem Moment, es ist 8.06 Uhr, lacht mich die Sonne über der Veranda an,

ja, sie blendet mich so, dass ich die besagten Äste gar nicht sehe. Die Äste einfach nicht sehen, das ist das Rezept für den Weg zum Glück!
Alles wird gut.
Was ich Ihnen, liebe Leserinnen, auch wünsche.

19.03.2019 – Börsentipp der Woche


Frühling läßt sein blaues Band
Wieder flattern durch die Lüfte;
Süße, wohlbekannte Düfte
Streifen ahnungsvoll das Land.

Im Frühling bei Westwind streift in der Straße, in der ich wohne, der Gülleduft so ahnungsvoll das Land, dass er den Gestank der täglichen 25.000 Autos verdrängt. Dann werden bei mir Erinnerungen an meine Heimat Eichsfeld wach, wo ich in meiner Jugendblüte noch ein Plumpsklo auf dem Hof goutieren durfte, was im Winter ein reduziertes Vergnügen ist. Dieser infrastrukturell eher archaische Zustand ließ Heimatdichter sich zu ungeahnten Höhen aufschwingen, wie folgt:
Wenn es stinkt auf den Aborten
Wird es Frühling allerorten.

Die geneigte Leserin wird sich den Zusammenhang scharfsinnig konstruieren.
So weit so drollig. Weniger drollig wird es allerdings bei der Ursache der Gülle, der Tierhaltung. Da werden in wachsendem Maß die Reserveantibiotika eingesetzt, die eigentlich als letzte Brandmauer gegen schwerste Infektionen dienen sollen. Wenn wir gegen die auch noch resistent werden, dann gute Nacht, Marie, da fault einem schnell mal ein Bein ab. Und wie sachte Oppa aussen Eichsfeld immer, wenn ich ihn aus dem Wirtshaus abholte und er bei jedem verklappten Klaren von sich gab:
„Prost! Auf einem Bein kann man nicht stehen.“
Danach gab er im Kotzbecken auf dem Klo den Rest von sich. Kotzbecken mit zwei Haltegriffen gibt es in der Stadt eher selten, sondern überwiegend in ländlichen Regionen, wo der Bauer auf Wirkungstrinken in kurzen Zeitintervallen trainiert ist, weil er früh mit den Hühnern aus den Federn (!, sic!) muss.
Irgendwann treten also die multiresistenten Keime ihren Siegeszug an und sind die Sieger der Evolution.
Bevor es aber soweit ist, greift der Kapitalismus in seiner segensreichen Variante ein, mit der schöpferischen Kreativität, dem Erfindungsreichtum. Man kann es auch Gier nennen. Es gibt Alternativen zu Antibiotika, z. B. die Bakteriophagen, Viren, die die bösen Bakterien letztlich killen.
Wer sowas zur Marktreife bringt, hat einen Blockbuster in der Pipeline. Das kann dauern oder scheitern, aber die klinische Erprobung des Prinzips findet flächendeckend schon in Osteuropa statt. Zu irgendwas muss der Osten ja auch mal gut sein, warum nicht als Versuchskarnickel. Es kann also auch relativ schnell gehen, zumindest mit einer ad hoc Mitteilung des Unternehmens, das im Verbund mit der Forschung, siehe oben, intensiv an der Keim-Front arbeitet, und dann geht der Kurs durch die Decke.
Zwei Klicks und schwupps, haben wir diesbezügl. die Evotec, die gerade mitteilt, dass sie eine neue, strategische öffentlich-private Partnerschaft zur Entwicklung neuartiger Antibiotika eingeht, wobei die Evotec auch an der Entwicklung von Bakteriophagenbasierten Mitteln arbeitet. Mein Börsentipp also: Evotec.
Zauberhafte Frühlingsgefühle, liebe Leserinnen. Es gibt wichtigeres als Börsentipps. Ich wollte nur vom Scheißhaus meiner Jugend weg.

17.03.2019 – Scheiß aufs Klima, Hauptsache schönes Wetter


Wenn die Blutpflaume im Garten anfängt zu blühen, ist das Gröbste überstanden in Sachen feuchter Düsternis, matschbrauner Schneepampe und frostigem Eishauch. Dann kriegt der mürrische Wintergesell einen ersten blühenden Tritt in den Arsch. Sieht man davon ab, dass das alles sowieso nicht mehr gilt wegen Klimachaos, im Februar hatten wir ja schon Frühling. Aber scheiß aufs Klima, Hauptsache schönes Wetter. Um das Klima kümmern sich ja die sympathischen jungen Leute, die sich mit sympathischen netten Demonstrationen immer wieder freitags für ein sympathisches Ziel einsetzen, den Erhalt unseres blauen Planeten. Bei dieser Formulierung fällt mir immer eine Textzeile aus einem Film mit Heinz Erhardt und Trude Herr ein: Blauer als die Adria war Willy als er Lilly sah.
Die sympathischen jungen Leute werden sich noch eine Zeit für dieses Ziel engagieren. Und z. B. sicher gegen das böse Töff Töff wettern, weil Autos so viel Dreck machen. Aber sobald sie in den Dunstkreis der 30er kommen, prügelt ihnen das Leben mit eiserner Faust derartige kontrakonsumistische Flausen aus dem Kopf. Dann wird geheiratet, umweltverpestende Brut in die Welt gesetzt und für deren Aufzucht braucht’s dann eben doch ein SUV, mit dem die Umwelt vor den Schulen und Kitas terrorisiert wird etc. pp. Ich lese seit Jahren, dass das Auto als Statussymbol bei den Jugendlichen an Wert verliert, keine Rolle mehr spielt, die Jugend sei auf Postkonsumwerte orientiert. Liest man im Feuilleton.
Aber ach, das Leben spielt nicht im Feuilleton, sondern im Wirtschaftsteil, und nicht in der Kinder-FAZ, der taz, sondern in der Ausgabe für Erwachsene. Und da steht in Blechgehärteten Lettern für 2018: „Mit einer (mal wieder) gewaltigen Steigerungsrate übernehmen die SUV und Geländewagen die Marktführerschaft in Deutschland.„
Der nächste heiße Scheiß in der Wintersaison 2021 werden übrigens zulassungstaugliche PKW-Panzer sein.
Ich bin weder Pessimist noch Zyniker, sondern Realist. Ein Blick auf die neuen sozialen Bewegungen der Vergangenheit und dem derzeitigen gesellschaftlichen Zustand beweist, dass ich Recht habe. Die 68er? Ich sage nur: Joseph Fischer, Horst Mahler und Kunzelmann. Umweltbewegung? Siehe SUV. Frauenbewegung? Siehe Gender Pay Gap, Besetzung Vorstandsposten, Armutsquote Alleinerziehende. Internationalismus-Bewegung? Siehe Europa. Etc. pp. Es gibt sicher auch Gegentendenzen, aber die allgemeine Entwicklung läuft eher linear absteigend.
Und wo bleibt das Positive? Nächste Woche ist Frühling und in der Berliner Gemäldegalerie die Ausstellung „MANTEGNA und BELLINI – Meister der Renaissance“.
Wer verstehen will, warum die Bilder, die wir uns von der Welt machen und die uns machen, so sind, wie sie sind, kann daran kaum vorbei. Bei den Beiden ist die Einführung der Zentralperspektive, des Hintergrundes und der Dreidimensionalität in die Malerei auf einem ersten grandiosen Höhepunkt. Bleibt nur zu hoffen, dass das nicht so ein Blockbuster ist, wo man sich mit Milliarden Touris vor den Bildern drängeln muss.
Charmanten Start in die Woche, liebe Leserinnen.

14.03.2019 – Alles bleibt wie es war, alles wird wunderbar.


Sprengel Museum, Vernissage, neulich, die höheren Schichten waren vollzählig versammelt. In Erinnerung geblieben ist mir der indiskutable Pinot Grigio, ein inferiores Gesöff der allerinfamsten Kategorie mit eingebauter Katergarantie. Wenige Tage später Mahnwache für einen erfrorenen Obdachlosen, kurz davor Flanieren am Jungfernstieg in Hamburg, wo ein Gürtel schon mal soviel kostet, dass ich dachte, es ist der Kaufpreis für den Laden. Ich hab am Jungfernstieg mal öffentlich echtes Geld verbrannt, im Rahmen einer Performance. Solche Geschichten gingen mir durch den Kopf, als ich vorhin mein Smartphone entmüllte, unter anderem mit Bildern von der Vernissage. Der Versuch, sich auf divergente Lebenswelten einzulassen, ist mitunter anstrengend, enervierend, hinterlässt Spuren, macht aber natürlich auch Spaß (der sich bei Mahnwachen selbstverständlich in Grenzen hält!). Der Versuch folgt aber aus künstlerischer Sicht einer kohärenten Theorie, der des eingreifenden Schriftstellers, der sich mit seiner Kulturproduktion auf die gesellschaftliche Realität einlässt, sich – sie verändernd – in sie hineinbegibt, siehe Walter Benjamin und Sergej Tretjakov.
Aus individueller Sicht folgt der Versuch schlicht dem Hunger nach Erfahrung. Macht. Spaß.
Außerdem schlägt in Diskussionen der Satz: „Ich weiß aus Erfahrung, wovon ich rede…“ so ziemlich jedes Argument tot.
Was blödsinnig ist, denn Erfahrung aufeinandergehäuft ohne Reflexion ist per se erstmal nichts wert, außer Spaß. Nichts gegen Spaß, aber wenn daraus keine individuelle Entwicklung folgt, kein Reifeprozess, keine Veränderung, dann hält sich der zivilisatorische Mehrwert in Grenzen. Dann bleibt alles wie es war, alles wird wunderbar.
Vermeintlich.
Der Satz „Alles bleibt wie es war“ ging mir eben durch den Kopf, als ich die Meldung des Statistischen Bundesamtes las: „Verdienstunterschied zwischen Frauen und Männern 2018 unverändert bei 21 %.“
Ich hör sie morgen schon wieder jaulen, die weißen alten Männer, die unlängst zum Frauentag mit dem Duden in der erhobenen Lutherhand gegen das Gender * hyperventilierten, als sei der Untergang des Abendlandes ante portas.
Ich liebe das Statistische Bundesamt, unverzichtbares Handwerkszeug für meine Arbeit, Schneisen von Fakten sägend durch ein Unterholz von Raunen, Meinen, Beschwören, mit einer einzigen Meldung soviel heiße, weiße, alte Luft aus dem Pudding lassend.
Mir geht eine wundervolle Weise aus alten Zeiten durch den Kopf, der famose Hannes Wader mit „Dass nichts bleibt, wie es war …
Also auf in Getümmel.