Archiv für den Autor: admin

17.09.2018 – Neulich in der Scheinbar


Scheinbar, Berliner Kleinkunst-Bühne.
Es gibt Momente, da schwappt eine Jahre zurückliegende Entscheidung ins Bewusstsein hoch und lässt einen erleichtert seufzen:“Gut gemacht. Göttin sei Dank.“
So neulich in der Scheinbar,bei mir umme Ecke. Von hier ging vor ca. 30 Jahren der deutsche Comedy Boom aus, hier fragten unter anderem Kurt Krömer und Mario Barth bescheiden an, ob sie mal auftreten dürften. Bei meinem Besuch waren 5 Comedians und ein Moderator des Abends auf der Bühne. Manches war platt,manches einfach nicht mein Ding,bei zwei Leuten, Heino Blu und Mark Addams, habe ich Tränen gelacht. Eins einte alle: herausragendes Handwerk.
Die Scheinbar bietet Platz für allerhöchstens 50 Zuschauerinnen, sie war an dem Abend knapp zur Hälfte gefüllt, von denen hat erfahrungsgemäß knapp die Hälfte nur den vollen Eintritt bezahlt von 8 Euro. Wenn sich Veranstalter und Comedians die Abendkasse geteilt haben, blieben für letztere pro Kopf weniger als 10 Euro Gage. Und das bei dem excellenten Niveau, das im Fall Heino Blu und Mark Addams TV- kompatibel war. Wenn etwas die prekäre Situation der Branche der Kulturproduzenten in unserer Gesellschaft beschreibt, dann das.
Ich habe mich vor Jahren entschieden, kein Kabarett mehr zu machen. Zum Schluss hatte ich eh nur noch was für Verbände und Gewerkschaften gemacht, was um ein vielhundertfaches besser bezahlt war als der letzte Auftritt auf einer alternativen Kleinkunst-Bühne, wo nach Abzug der Reisekosten 2 Euro Abendkasse übriggeblieben waren. Und trotzdem war mir das irgendwann zu anstrengend in dem Wissen, das weder Talent noch Handwerk für Hollywood reichen würden. Ich beschloss also, mal wieder echtes Geld zu verdienen und in Würde zu altern.
Eine Entscheidung, über die ich angesichts der Situation in der Scheinbar einfach nur noch erleichtert war. Denn manchmal hatte ich ihn schon vermisst, den letzten Auftritt im alternativen 2raum in Neutramm, 4 Stunden auf der Bühne, die beiden letzten im Vollsuff, fast alle Zuschauerinnen zum Schluss mit auf der Bühne, nachdem der Bürgermeister des Ortes während der Vorstellung eingeschlafen war. Und dann noch 2 Euro Gage!
In welchem Job gibt es schon sowas…

16.09.2018 – Ich wohne in der lautesten, dreckigsten und hässlichsten Strasse des Universums


Hausbesetzung Berlin Grossbeerenstr. 17a, September 2018.
Der Teaser in der Überschrift ist etwas übertrieben, es handelt sich nicht um das Universum, sondern nur um Hannover. Der Dreck und Lärm von über 20.000 Autos am Tag kostet mich wahrscheinlich das Lebenszeit-Äquivalent von 10 Zigaretten pro Tag Dauerqualmen. Andererseits habe ich nach hinten raus mit Garten, Veranda,Teich, Obst und allerlei Getier ein lebensverlängerndes Paradies. Es ist wie die bürgerliche Gesellschaft, nur umgekehrt: vorne pfui, hinten hui.
Ausserdem muss ich mir um Miete keine Sorgen machen, das sind nochmal zwei Jahre länger leben, so dass ich vermutlich mindestens ewig leben werde.
Bezahlbares Wohnen treibt Menschen so oder so um. Das Thema ist mittlerweile sogar in der Politik angekommen. Bei mir in Berlin umme Ecke ist nach längerer Zeit wieder ein leerstehendes Haus besetzt worden, siehe oben.

Das wird von den Anwohnerinnen ausnahmslos begrüßt. Am Haus hängt auch ein Schild: „Kirchen enteignen.“ Ich hab mich mit den Besetzerinnen unterhalten und darauf hingewiesen, dass Kirchen eventuelle Unterstützerinnen sein können bei solchen Aktionen und es taktisch kontraproduktiv ist, potentielle Bündnispartner zu verprellen. Antwort: „Eigentümer hier ist eine katholische Wohnungsbaugesellschaft.“
Da ich in einem meiner diversen Brotjobs auch Zeitungsmacher bin, glaub ich grundsätzlich erstmal gar nichts und hab das mal kurz recherchiert.
Der Fakt als solcher stimmt. Allerdings hat diese Gesellschaft schon Häuser für wohnungslose Roma gebaut und plant für die Grossbeeren 17a Unterkünfte für obdachlose Frauen. Also da stellen sich mir schon ein paar Fragen. Grundsätzlich sind Hausbesetzungen natürlich legitim unter bestimmten Voraussetzungen. Aber wie verhält es sich mit der Forderung nach solidarischen Gemeinschaften im Bild oben, im Fall der Grossbeeren 17a? Gäbe es da nicht wesentlich tauglichere Objekte? Und was wird aus dem auch angekündigten „heissen Herbst der Haus Besetzungen“, der meine volle Sympathie hätte, wenn es in ganz Berlin nur knapp 70 leerstehende Häuser noch gibt? Die Spekulationswelle ist offensichtlich auf ihrem Peak, es wird nicht mehr spekulierend gewartet, sondern gebaut und saniert auf Teufel komm raus.
Sind so viele Fragen, musst Du tüchtig grübeln.
Ich muss jetzt Schluss machen und mit meinem Klappstühlchen vors Haus, da kommt gleich der Berlin Marathon vorbei. Hier ist dauernd was los. So wird das nie was mit dem Projekt Buchschreiben.
Gibt schlimmeres.

15.09.2018 – Einer der zahlreichen ungekrönten Tiefpunkte meines Lebens


Linken-Demo in Berlin für bezahlbare Mieten am 14.09.
Das Wohnungsproblem ist existentiell. Nach Wohnen kommt die Strasse. Dieses Problem betrifft direkt allein in Berlin Hunderttausende, die Angst haben müssen, mit den Mieten nicht mehr Schritt halten zu können. Bei der Linken Demo, mit den Parteioberen Riexinger (Bild oben am Transpi), Katja Kipping und der Berliner Bausenatorin Lompscher waren keine 300 Teilnehmerinnen. Ich wollte eigentlich auf dem Absatz kehrt machen, so frustriert war ich, so grotesk fand ich diese Unfähigkeit nicht nur von Berlinerinnen, für eigene existentielle Interessen Flagge zu zeigen.
Wenn in der Ostzone zur Menschenjagd geblasen wird, sind jederzeit Tausende auf der Strasse. Das reale Problem, das dieser Mob hat, ist auf einer ganz anderen Ebene existenziell. Es ist der Hass auf sich selbst, auf ein erbärmliches, verpfuschtes Leben, das lebendige Selbstäusserung nur zulässt in der Bedrohung und Vernichtung allen Fremdens.
Was für ein Volk.
Dieser so von mir wahrgenommene Zustand des Menschengeschlechts, bei dem die Betonung auf der letzten Silbe liegt, verursachte mir bei der Demo, wo ich dann doch mitlatschte,erste Depressionen. Die sich zu dunklen Wolken am Seelenhimmel auswuchsen, als ich realisierte, dass ich da niemandem kannte. Nicht überraschend, in einer doch immer noch ziemlich fremden Millionen-Stadt. Aber auf einer Demo allein abzuhängen, ohne lästern zu können, ist ein Gefühl, das eher nicht Vergnügungssteuerpflichtig ist. Meinen Rucksack mit der Notfallration erlesenen Schlehenbrand im Flachmann aus Silber hatte ich auch nicht am Mann. Das Ganze drohte zu einem der zahlreichen ungekrönten Tiefpunkte meines Lebens zu werden, durch Beobachtungen am Rande keineswegs erhellt, wie dieser hier

Obdachloser, der sein Quartier auf dem „Grün“streifen einer viel befahrenen Hauptstraße bezogen hat. Vermutlich, weil er da vor Gewalt gegen Obdachlose besser geschützt ist.
Was für eine Welt.
Der folgende Blick auf ein Werbebanner an einer Zugbrücke hatte dann schon etwas erheiternd-surreales

Sie sind am Ziel.
Und als ich dann doch dieses wärmende Gefühl in der Magengegend verspürte namens Solidarität, das links unten verortet ist, wo die Schmetterlinge im Bauch ihren Platz haben, wusste ich: es war kein glänzender Tag, aber zumindest ein lebendiger. Und angesichts der Tatsache, dass ich heute auf einem Weinfest in Berlin-Britz abhänge, wo ich Pate von 10 Berliner Weinreben bin zwecks Förderung des Berliner Weinanbaus,besteht Aussicht auf Licht am Tunnel. Ihnen, liebe Leserinnen, ein lebendiges Wochenende. Denken Sie dran: Tot sind Sie noch lange genug.

09.09.2018 – Dem Gesang der Sirenen lauschen


Korfu.
Wenn ich im Zug von Hannover nach Berlin sitze, freue ich mich auf Berlin, und wenn ich im Zug von Berlin nach Hannover sitze, freue ich mich auf Hannover. Das Experiment, sich mal auf diese zwei Hoods für eine Zeit einzulassen, ist offensichtlich geglückt. Als ich aber neulich in Frankfurt inmitten von Stahl, Beton, Glas, Autos, Lärm, inmitten der Bright lights oft the Cities stand, hatte ich auf einmal Sehnsucht nach blauem Meer, Strand, untergehender Kitschsonne, Stille, Geruch nach wildem Thymian und Kiefernharz. Kein Gesang der Metropole mehr. Ich werde meinen Ranzen schnüren, mich an Odysseus‘ Gestade begeben und dem Gesang der Sirenen lauschen. Der Grieche braucht meine Taler bitter nötig und wohlan, ich will sie ihm reichlich in den Rachen werfen. Berlin wird demnächst mal Pause haben. Aber das ist noch nicht zu Ende! Ich habe noch zwei Wünsche im Leben: Ich will einmal mit einer Luftmatratze einen kleinen Bach bei mir in der Nähe runterrauschen, der fast wie ein Wildbach plätschert, und einmal einen echten revolutionären 1. Mai in Berlin erleben. Da muss man wahrscheinlich zwischen drei, vier Veranstaltungen hin- und herpendeln, weil jede versteht unter Revolution was vollkommen anderes und man kann nur beten, dass keine von denen auch nur annährend in die Nähe gesellschaftlichen Einflusses kommt. So richtig die Ansätze mitunter sein mögen: das sind ganz schrecklich verpeilte Menschen, die niemals zuhören können, vollkommen kompromissunfähig sind und meist auch kulturlos wie eine Packung Dosenbrot. Die Geschichte des 1. Mai in Hannover ist für mich jedenfalls auserzählt nach dem absolut desaströsen letzten, wo deprimierende 2.000 schwankende Gestalten einen Zug des Elends bildeten, ganz anders als es mein Frankfurter Kumpel Johann Wolfgang im Faust recht ordentlich formulierte:
Ihr naht euch wieder, schwankende Gestalten,
Die früh sich einst dem trüben Blick gezeigt.
Versuch ich wohl, euch diesmal festzuhalten?
Fühl ich mein Herz noch jenem Wahn geneigt?
Ihr drängt euch zu! nun gut, so mögt ihr walten,
Wie ihr aus Dunst und Nebel um mich steigt;
Mein Busen fühlt sich jugendlich erschüttert
Vom Zauberhauch, der euren Zug umwittert.

Nein, tut mein Busen nicht. Und es war kein Zauberhauch, der diesen Zug umwitterte, sondern Verwesungsodem.
Außerdem lockt im Frühjahr wieder der Karneval der Kulturen und überhaupt. Aber Winter in Berlin? Eher nicht.

Winter eher so. Strand am Mittelmeer, bei 18 Grad. Das reicht mir schon. Hauptsache Licht, Sonne, Stille. Es ist jetzt nächtens schon kühl, man braucht schon mal ein Jäckchen. Und gerne auch ein Cognäkchen. Es liegt schon ein Ahnen von grauen, kalten Tagen in der klaren Luft.
Prost, liebe Leserinnen.

08.09.2018 – Ich, Johann Wolfgang und im Hintergrund die Commerzbank


Firmensitz von PricewaterhouseCoopers PwC in Frankfurt.
PwC ist eine, Steuerberatungsgesellschaft genannte, verbrecherische Vereinigung, die im Verein mit anderen Unternehmensberatungen und Beteiligungsgesellschaften für wesentlich mehr Not und Elend in der Welt verantwortlich sind als alle Mafiaclans zusammen. Was für groteske Ausmaße die kriminellen Aktivitäten solcher Gangs annehmen, zeigt allein der Skandal um einen „Buchungsfehler“ in Höhe von 55 Mrd. Euro bei PwC, ein Skandal, den keiner kennt, bei dem es zu keinem Urteil kommt und kein Verantwortlicher jemals zur Rechenschaft gezogen wird. Für solche „Fehler“ kommt der Steuerzahler auf, das Geld fehlt dann in Schulen, Krankenhäusern, Obdachlosenunterkünften. Während danach keine Henne kräht, wird exzessiv in Medien breitgetreten, wenn ein Hartz IV Bezieher schwarz nebenbei ein paar Euro verdient.
Zu den oben genannten Gangs gehören natürlich auch Banken wie JP Morgans, die durch betrügerische Machenschaften in Griechenland mit verantwortlich dafür sind, dass dort für Jahrzehnte Massenarmut und Elend herrschen, solche Gangs treiben komplette Volkswirtschaften wie Argentinien oder in Südostasien in den Ruin. Das lässt sich elend lange fortführen, interessiert aber kaum eine Sau. Der Mob hierzulande ist bis in die letzte Zelle und Hirnwindung infiziert mit neoliberalem Ökonomiewahnsinn, jeder seine eigene Ich AG, die nach permanenter Selbstoptimierung schreit: „Chakka, ich bin gut. Ich liebe mich. Ich bin gierig. Ich kann alles schaffen und viel Geld ist mein Gott.“
Wer sollte da PwC seine kleinen kollaterativen Schweinerein verübeln.
Und so stand ich also gestern in Frankfurt staunend vor diesen Himmelsstürmern, fast wurde mir schwindelig und ich kam mir klein und hilflos vor. Ich finde dieses für Europa nahezu einzigartige Wolkenkratzerensemble faszinierend und wann immer ich in Frankfurt bin, spaziere ich da durch. Natürlich ist es eine Faszination des Grusels, aber auch des Staunens vor dem, was Menschen und der Kapitalismus schaffen können. Toll. Und tödlich. Natürlich wird einem auch die Sinnlosigkeit von Widerstand in der jetzigen Situation klar, die Machtverhältnisse sind bis ins Groteske, siehe oben, verzerrt. Oder glaubt jemand, eine Unterschriftsbewegung wie „Aufstehen“ kann etwas bewegen? Hiesige Gewerkschaften? Attac? Occupy? Ich glaube, das reicht an faulen Witzen.
Wenn bei mir ab und zu der Rebell, der Widerständige, zuckt, dann aus zwei Gründen: 1. Ich könnte ja unrecht haben und es geht doch was (unwahrscheinlich. Ich habe fast nie unrecht.) und 2. Ich pisse in Diskussionen gerne Leuten ans Bein mit Bemerkungen wie „Es gibt zwei Möglichkeiten und Du kannst Dich entscheiden, die Aufklärung hat uns das Geschenk des freien Willens und der Verantwortung gemacht: Bist Du Teil des Problems oder Teil der Lösung?“
Aber wenn ich ehrlich bin, geht es mir hauptsächlich um Spaß, Action und Inszenierung, selbst wenn es mit so etwas Erbärmlichem wie ein Selfie ist

Ich, Johann Wolfgang und im Hintergrund die Commerzbank

07.09.2018 – Offensichtlicher Mist


Hauptbahnhof Berlin, Tiefebene.
Ich bin kein guter Fotograf und zu allem Übel habe ich mir auch noch angewöhnt, mein visuelles Tagebuch mit der Smartphone Kamera zu führen. War meine Kompaktkamera schon mäßig, ist die Qualität der Smartphone Kamera eigentlich inakzeptabel. Der Zoom ist natürlich kein optischer, da wird also nur gerechnet, und das sieht man sofort, abgesehen davon, dass die bei prekären Lichtverhältnissen sofort überfordert ist. Aber wer ist das nicht in heutigen Zeiten. Das Foto oben von der Tiefebene des Berliner Hauptbahnhofs, wo mein ICE meist einläuft, ist aber von der Stimmung, die ich einfangen wollte, gelungen. Einsamkeit, Distanz, Fremde, Unwirtlichkeit, wenn ich nach solchen Stimmungsanflügen nicht sofort in das oben brodelnde Leben der Symphonie einer Großstadt eintauche, wären eigentlich ruckzuck Mother’s little Helper fällig. Wenn Sie die Gelegenheit haben, sich den Film „Symphonie einer Großstadt“ aus den Zwanzigern von Walter Ruttmann anzusehen, machen Sie es. Faszinierend. Das Gegenstück zu Döblins Berlin Alexanderplatz, beides Dekonstruktionen einer linearen Erzählweise und die konsequente Anwendung des Montageprinzips auf die Kunst. Anders kann man die Komplexität einer Metropole auch nicht mehr einfangen. Kein Montageprinzip sondern sehr linear ist die Kameraarbeit bei meinem Interview im hiesigen Lokal TV h1 zum Thema „aktuelle Armutsentwicklung“. Ich gehe da gerne hin, einer Kamera sieht man nicht an, ob „dahinter“ ein paar tausend oder Hundertausende Zuschauerinnen zugucken. Also übt h1 durchaus. Beim Angucken dachte ich: Da stimmt doch was nicht. Ich musste aber dreimal gucken, ehe ich die zwei sinnentstellenden Wortdreher von mir mitgekriegt habe. Offensichtlich wirkt mein Rededuktus zumindest für mich so überzeugend, dass ich gar nicht realisiere, wenn da offensichtlicher Mist rüberkommt. Ich sollte in die Politik gehen. Mit dieser Drohung wünsche ich Ihnen ein aufregendes Wochenende, liebe Leserinnen.

05.09.2018 – Disneyland. Tote Hose. Prenzlauer Berg.

Am allerpeinlichsten aber ist die Berliner Spielbank. Ich liebe die Spielbank-Aura von Glanz, Glamour, Roulette, Black Jack (niemals: Poker. Das ist hardcore Proll!). Als ich da vorbeiradelte und zwecks abendlichen Besuchs fragte: „Wie ist hier der Dresscode?“ erhielt ich die Antwort:
“Es gibt keinen.“ – „Was heißt, es gibt keinen? Kann man hier etwa auch mit kurzen Hosen rein?“ – „Ja.“
Was ist das für eine Welt, in der man in einer Spielbank kurze Hosen tragen kann.
Abends stellte ich mich im Smoking vor den Spiegel und prostete mir mit einem Glas Taittinger zu. Ich war in bester Gesellschaft.

04.09.2018 – Politischer Handstand oder so ähnlich


Bunt statt Braun Demo, Hannover, 03.09.
In einer liberalen Großstadt wie Hannover, die seit Jahrzehnten rotgrün geprägt ist und in der es keine nennenswerte rechte Szene gibt, gehört kein persönlicher Mut dazu, demokratische Gesinnung zu zeigen. Anders als in der Ostzone, wo das ein lebensgefährliches Risiko sein kann. Es war also sehr nett, das Wetter war angenehm, ich schwätzte mit Bekannten und machte mit dem geschätzten Freund und Kollegen Hermann Pläne für eine vollkompatibles Schild, das man auf Grund seiner umfassenden Abgeklärtheit und Stringenz auf allen Demos hochhalten kann. Bemerkenswert, was die Tante HAZ, das Zentralorgan des hiesigen Schnarchbürgertums, heute über die Demo schreibt:
„ … Doch an diesem Tag war nicht nur die linke Szene auf der Straße, sondern auch eher bürgerliche Konservative. Die Zivilgesellschaft hat gezeigt, wie vielfältig sie ist – und wie geeint sie auftreten kann, wenn jemand die Axt an ihre Wurzeln legen will….“
Die Autor*innen der HAZ sind, bis auf ein, zwei Ausnahmen, nicht die hellsten Lichter auf dem Leuchter und neigen bei Berichterstattungen über rechte Gewalt gerne zum üblichen Totalitarismusrempler gegen Links à la: „rechte und linke Chaoten gleichermaßen…“, damit ihre Klientel von jeglichem Anflug von Sozialismus-Kontamination gefeit ist. Daher kann man obige Formulierung durchaus mal anerkennend zur Kenntnis nehmen, in der bei Gefahr von Rechts auch schon mal Bürgertum und Linke subsummiert werden. Ist doch mal ein Anfang.
Kein Anfang, sondern ein Rückschritt beim aktuellen Widerstand gegen Faschismus sind Formulierungen wie „Es geht nicht um links oder rechts, sondern um politischen Anstand“ (Campino, Sänger der Toten Hosen). Anstand ist eine Kategorie der bürgerlichen Umgangsform, man hat den Anstand, einer Dame aus dem Mantel oder aus der Bluse zu helfen. Anstand ist keine politische Kategorie. Anstand kann jede für sich reklamieren, auch Nazis wollen anständige Deutsche sein. Der Widerstand gegen den Faschismus muss nicht rechts oder links sein, aber er muss eine Form der politischen Haltung sein.
Diese schrägen und falschen Begrifflichkeiten haben durchaus Konsequenzen im politischen Handeln. Siehe auch „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“. Diese Übersetzung von „crime against humanity“ ist entweder Dummheit oder Ideologie. Es muss natürlich „Menschheit“ heißen.
Menschlichkeit zeige ich, wenn ich einer Oma über die Straße helfe.
Da steckt System dahinter, die Identifikation von bürgerlichen Tugenden und Umgangsformen mit Kategorien des Politischen. Aber gut, dass wir mal drüber geredet haben.
Mein Lieblingsbild von der Demo ist das hier

Fahrzeuge für Angehörige des Repressionsapparates vor dem Fackelträger. (Nein, wir sagen nicht mehr „Bullenwannen“). Der Fackelträger ist eine Ikone faschistischer Skulptur Kunst und wurde mittels Info-Tafeln entnazifiziert.

03.09.2018 – Ich kann auch anders


Nichts – Präsentation der Familienpackung (Plakate, Packungen und sonstige Ausführungen Sievers & Kupas.)
Die Campagne zu Nichts nimmt immer mehr Gestalt an. Im Bild präsentiere ich einer ebenso breiten wie staunenden Öffentlichkeit Nichts in verschiedenen Varianten, so auch in der preisgünstigen Familienpackung. Später, im internen Kreis, ging es um die Vermarktung. Von Nichts kommt Nichts und die Kosten der Campagne, die Investitionen in Material und Personal, müssen sich amortisieren. Kunst ist Kunst, alles schön und gut, aber die findet nicht im luftleeren Raum statt: Die Veranstaltung heißt Kapitalismus. Ich wünschte mir eine andere, aber ich wünsche mir auch eine eigene TV-Show. Das Leben ist eben kein Wunschkonzert und so ist für Nichts ein Return on Investment definiert, der sogenannte RoI. Hier spielt das Weihnachtsgeschäft eine zentrale Rolle. Darauf habe ich dann nachdrücklich im internen Kreis hingewiesen. So charmant und gewinnend ich in der Außendarstellung sein kann, so beinhart bin ich nach drinnen, wenn es um die Erreichung der festgelegten Planziele geht.

Wenn die Weihnachtscampagne nicht läuft, dann rollen hier Köpfe.
Köpfe müssten auch ganz woanders rollen, die gesamte sächsische Landesregierung müßte zurücktreten wegen der Unterstützung terroristischer Vereinigungen, was übrigens nach § 129a Absatz 5 StGB strafbar ist. Was in Sachsen läuft, ist nicht nur systemisches Versagen im Sinne von gezieltem, flächendeckenden Wegschauen oder Dulden, sondern Förderung durch Unterlassung. Im zivilen bürgerlichen Umgang nennt man das, was die sächsische Landesregierung als staatliches Handeln zu verantworten hat, unterlassene Hilfeleistung und bei der Verwobenheit von staatlichen Organen und rechtsextremen Organisationen kann man durchaus von Unterstützung sprechen. Wahrscheinlich waren nur deshalb so wenige Polizisten bei den Pogromartigen Ausschreitungen in Chemnitz, weil die anderen alle Urlaub genommen hatten, um bei den Neonazis mitzumachen. Ein gewisser Zorn des Gerechten, der vielleicht in meinen Ausführungen mitschwingt, rührt nicht so sehr vom Verhalten des Mobs her. Mob handelt so, das ist sein Wesen, und das ist überraschungsfrei. Wütend macht mich dieses hilflose Geplärr vom Aufstand der Anständigen, der nun folgen müsse. Lichterketten, Konzerte, Gebete, Nazis mit Wattebällchen bewerfen und vielleicht sogar bekuscheln – ist es das, was die Zivilgesellschaft aus Weimar, Rostock, Hoyerswerda, Mölln und NSU gelernt hat? Dann gute Nacht, Marie und Michel. Das kommt eben dabei raus, wenn allein der Begriff Antifaschismus in der bürgerlichen Gesellschaft verpönt und regelrecht kontaminiert war und ist. Dann fehlen einem zur Bekämpfung von aufkommendem Faschismus nicht nur die Instrumente, sondern allein schon die intellektuelle Voraussetzung, nämlich die Begrifflichkeit.
Instrumente gäbe es ja, sie sind jahrzehntelang erprobt in der Bekämpfung linker und demokratischer Opposition, als da wären: Parteiverbot, Berufsverbote, Verfassungsschutzbeobachtung, Polizeikessel, konsequente Anwendung der oberen Grenzen des Strafrechtes, etc. pp.. Kann man alles gegen die AfD anwenden. Dann wird es sich der Bürgermob zweimal überlegen, ob er da mitmarschiert und seine bürgerliche Existenz aufs Spiel setzt. Das, was zur Zeit in Sachsen und später woanders stattfindet, ist keine Spielwiese für Kommunikationstrainerinnen und Mediatorinnen. Wir sind weit jenseits von „Wehret den Anfängen“. Hier hilft nur massive staatliche Repression. Allerdings immer unter dem Vorzeichen „Faschismus ist keine politische Meinung, sondern ein Verbrechen“. Sonst wendet sich alle repressive Gewalt nach gehabtem Muster auch immer wieder und vor allem gegen alles Linke und Demokratische.
Aber die größte Kränkung von allen ist und bleibt: Dass ich keine eigene TV-Show habe. Ergo wünsche ich Ihnen, liebe Leserinnen, einen Depressionsreduzierteren Start in die Woche als meinen.

01.09.2018 – 100 Millionen gepiercte Ohren


Hannover Innenstadt.
Was ich an Berlin unter anderem schätze: es hat keine Mitte, kein Zentrum. Brandenburger Tor? Potsdamer Platz? Kurfürsten Damm? Alexanderplatz? Berlin-Mitte ist ein ganzer Bezirk und geht gar nicht, weil es das Zentrum der ehemaligen Ostzonen-Hauptstadt ist. Eingefleischte Westberlinerinnen sind nach der Annexion zweimal im Osten gewesen: einmal und nie wieder. Selbst in den Bezirken ist es mitunter schwer, eine Mitte, ein Zentrum zu finden, bei mir in Kreuzberg liegen ziemliche Welten zwischen dem proletarisch-anarchischen SO 36 (nach der alten, vierstelligen PLZ Zuordnung) um den Cottbusser Platz und dem eher künstlerisch-intellektuellen 61 (man darf auf keinen Fall SW 61 sagen, dann enttarnt man sich als Touri und das ist ein übles Schimpfwort im Berlin des 2018) um den Marheineke Platz.
Normale Großstädte, so auch Hannover, haben ein Zentrum und das ist im Zweifel gesichtslos, öde, unwirtlich, ein toter Ort des Konsums. Das Kapital reißt mit tödlicher Sicherheit immer die besten Filetstücke aus dem ehemals lebendigen, zuckenden Körper namens Stadt, verschlingt sie und spuckt sie vollkommen ausgelaugt und verdaut als einförmigen Brei wieder aus. In manchen der wenigen Straßen im Zentrum von Hannover bin ich seit Jahren nicht mehr gewesen, gestern war ich in einer und habe keinen Laden mehr wieder erkannt, da ist kein Inhabergeführter Einzelhandel mehr, nur Franchise, Ketten, mit einer Anmutung, die nur noch lächerlich ist.
Vor dem obigen Laden hielt ich inne und schaute und las, und musste lachen, ich stand und habe laut und lange gelacht, es war ein hilfloses Lachen. 100 Millionen gepiercte Ohren. Ich kann damit nichts anfangen. Wofür wirbt das, was will uns das sagen? Ist die Botschaft: Haltet ein, Ihr Schwachköpfe aller Länder, die Ihr in dem vermeintlichen Wahn der Originalität und Individualität Euch 100 Millionenfach schon Löcher in den Körper habt meißeln lassen und da irgendwelchen albernen Müll reingehängt habt?
Oder wie? Oder was?
Die Leute fingen an, mich im Vorübergehen zu mustern. Mein Lachen wurde verhaltensauffällig und dadurch nicht besser, dass ich eine Geschäftsidee hatte. Irgendwann ist Piercing ja out und muss getoppt werden, Branding hat sich nicht so ganz durchgesetzt. Und in diese Marktlücke stoße ich: Bei mir können sich die Leute Nägel in den Kopf hämmern lassen. Und in 20 Jahren habe ich dann jede Menge Läden namens „klaus’s“, wo überall drübersteht: „100 Millionen Nägel im Kopf“. Ich bin dann reich und berühmt und muss nie wieder arbeiten. Aber bis dahin gestehe ich, dass ich von Teilen der Moderne überfordert bin. Ich verstehe die Welt nicht mehr.
Ich wünsche Ihnen, liebe Leserinnen, ein charmantes und erkenntnisreiches Wochenende.