
Irgendwie hatte ich mir das in Sachen „Arbeit“ anders vorgestellt, mit meiner Zweit-Homebase in Berlin. Ich würde in nächster Zeit mal die hunderte Überstunden der letzten Jahre abbummeln, reduziere die Schlagzahl im Job und den Rest erledigt man mit dem Smartphone von unterwegs, schlimmstenfalls mit dem Schlepptop. (Eine Verballhornung, die vor 10 Jahren schon so peinlich war, dass man sie jetzt als Avantgarde wieder hervorkramen kann, zumal der klassische Laptop angesichts diverser Hybridformen so am Aussterben ist, dass bereits die nächste Generation einen erstaunt fragen wird: „Plattenspieler? CD? Laptop? Wovon redest Du andauernd, Opa?!“) Stattdessen …. Siehe oben. Ich bin eben unverzichtbar, unersetzlich, überaus wichtig und werde dauernd überall gebraucht, egal wo.
Glaub ich zumindest.
Ich komm ja kaum zum Einkaufen vor lauter Arbeit. Und wenn, fasst einen das nackte Grauen an. Wie hier im Kaufhof:

Die Fußball WM steht vor der Tür. Wolle mer se noilasse?! Narhalla Arsch.
Manche Topoi durchziehen diesen Blog wie ein roter Faden und da ich hier, wie im realen Leben, mitunter zu Geschwätzigkeit neige, einer Art Sprechdurchfall (Töröö! Schechzalarm), dürfte ich mich des Öfteren wiederholen. Weil ich für diesen Blog aber nicht bezahlt werde, ist mir das egal.
Also: Das Leben ist ein steter Fluss von Veränderungen, Panta rhei, wie der Grieche sagt, und recht hat er. Früher war es cool, Fußball gut zu finden. In Linken-, Künstler- und Intellektuellenkreisen war man damit ziemlich out. Out sein heißt aber: Alleinstellungsmerkmal besitzen und die sind der erste Schritt vom Durchschnittstypen zum Mann von Welt, wovon es nur noch ein kleiner Hüpfer zu dessen Vollendung ist, dem Dandy, der nur noch aus Alleinstellungsmerkmalen besteht, weil er sich niemals gemein tut.
Also war, wer auf sich hielt, in den Siebzigern ein Fussball-Afficionado. Dann kamen linke und alternative Spießer dahinter, dass Fußball irgendwie mal proletarisch gewesen war, sich auf die Region bezogen hatte, etc. pp. Und ruck-zuck war Fußball Mainstream. Wenn ich etwas hasse wie die Pest, ist es Mainstream, denn vom Mainstream zum Mob ist es nur ein kleiner Schritt. Und da sind wir heute, beim Mob. Fußball ist eine reine Mobveranstaltung, deren Nähe der Mann von Welt verachtungsvoll von seinen gut sitzenden, vollkommen unsichtbaren Schulterpolstern schnipst.
Ein Bild sagt mehr als 1.000 Worte, siehe oben.
Mittlerweile aber, siehe panta rhei, bewundere ich die alten Recken von früher, die jeder Veränderung und Einsicht trotzen, am Fußball hängen und zum Fußball drängen, sei es in Stadien oder Kneipen. Sie sind die wahren Romantiker, die von einer Zeit träumen, als es noch hieß: „Drölf (hahaha!) Freunde müsst Ihr sein.“
Aber wie das so ist mit der Romantik, als Romantiker erntet man vielleicht ein Leuchten in den Augen der Damenwelt, aber ideengeschichtlich weise ich als marxistischer Dialektiker auf gewisse Verbindungslinien von der Romantik zur späteren Übeln der Irrationalität hin.
Nicht teilen tue ich hingegen die Verurteilung des ansonsten hochgeschätzten Genossen Peter Hacks, der gegen die Romantiker nachtrat, sie seien allesamt opiumsüchtig, sexuell abhängig und gewohnheitsmäßig auf unbegründeten Reisen gewesen.
Also arbeitssüchtig, finanziell abhängig und gewohnheitsmäßig auf Dienstreisen finde ich wesentlich schlimmer.
Aber Zement mal, Agamemnon, ich hätte Specht. (Heißt: „Aber Moment mal, angenommen, ich hätte recht.“ Bürohumor. Mein Fagott, wie ich den vermisse, siehe auch hier)
Was bedeutet das denn für das richtige Leben im Falschen?
Da fragen Sie den Flaschen, liebe Leserinnen.
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02.06.2018 – Die beste aller möglichen Welten

Lichtinstallation der Kunstfestspiele Herrenhausen.
Die Kunstfestspiele Herrenhausen sind eine Veranstaltung zur Ergötzung und Erbauung der höheren Stände. Einträchtig sitzen dort MP & OB (nein, das ist nicht das Kürzel der Kabarettgruppe „Maschinenpistolen & Tampons“, das steht für Ministerpräsident & Oberbürgermeister) in der ersten Reihe und demonstrieren Einigkeit nach außen im Rahmen eines hiesigen Skandal-Possenspiels, das mindestens einen von ihnen, wenn nicht gar beide, den Job-Kopf kosten kann. Es geht dabei um Gier, Eitelkeit, Niedertracht, Ehrgeiz und fast natürlich sind nur Macker involviert.
Ich guck mir beides, Kunstfestspiele und Possenspiel, mitunter an, genieße es und mach mir Gedanken, mitunter sogar eigene.
Die Kunstfestspiele haben einen Etat von 2,17 Millionen Euro per anno, ca. 14.000 Besucherinnen, macht 150 Euro pro Kopf. Es gab in früheren Jahren Festspiele, wo jede Künstlerin durchschnittlich weniger als 10 Zuschauerinnen hatte. Trotzdem war ich immer vehement für deren Erhalt, der gerade bei der Proll-Fraktion der SPD mitunter umstritten war.
Es braucht immer beides: Brot & Rosen, Kultur & Soziales. Die Frage ist nur, inwieweit die höheren Stände dazu ihr Scherflein beitragen. Per Umverteilung. Das geht in Richtung meines früheren Kneipenkumpels Dirk Rossmann, seinerzeit MSB Spartakus Sympathisant, heute drittreichster Niedersachse, mit einem Vermögen von ca. 3 Milliarden Euro einer der 100 reichsten Deutschen. Auch er kasperte bei den Kunstfestspielen rum. Hatte wahrscheinlich ‚ne Freikarte.
„Wir leben in der besten aller möglichen Welten“, das Motto der obigen Lichtinstallation stammt vom hannöverschen Leib- und Magenphilosophen Leibniz, eine mangels regionaler Alternativen vom hiesigen Bürgertum maßlos überschätzte Wurst, zu der ich auch schon meinen Senf gegeben habe

HAZ. Fachblatt für Wurst.
Zu Leibniz‘ Erkenntnis „es ist alles gut“, weil es Gottes Wille sei, die noch nicht mal von ihm ist, sagte der jüdische Aufklärer Moses Mendelsohn, der schon zu seiner Zeit massiv antisemitisch angefeindet wurde, das sei die „Weltweisheit der Faulen; denn was ist fauler, als sich bei einer jeden Naturbegebenheit auf den Willen Gottes zu berufen..“.
Heute haben wir keinen Mendelsohn mehr. Wir haben das Holocaust-Denkmal in Erinnerung daran, dass wir seine Nachkommen ermordet haben.

Jugendliche tollen auf dem Holocaust Denkmal herum.
Ich finde es natürlich gut, dass dieses Denkmal unserer Schande mitten im Herzen Berlins einen kleinen Stachel setzt. Sonderlich anrühren tut es mich nicht. Es ist mir zu abstrakt.

Anders das Mahnmal „Gleis 17“ . Es erinnert an die tausende Juden, die von diesem Gleis im Bahnhof Grunewald mit Zügen der Deutschen Bahn aus Berlin deportiert wurden.

Auf Stahlplatten stehen in endloser Reihe Datum und Anzahl der Juden, die von dort aus in die Vernichtungslager deportiert wurden.
Nach dem Besuch des Mahnmals brauchte ich lange, um in meinen üblichen Berlin-Rhythmus zu finden, heiter, beschwingt, neugierig auf Neues, mit dem Gefühl im Gemüt, dieses sei die beste meiner möglichen Welten.
Nein, wir leben nicht in der besten aller möglichen Welten. Wir entfernen uns immer mehr selbst von einer vorstellbar guten.
Ihnen, liebe Leserinnen, ein heiteres und entspanntes Wochenende.
31.05.2018 – Wenn wir so weiter machen wie bisher, machen wir nicht mehr lange so weiter wie bisher.

SCHUPPEN 68 Performance „Ihmezentrum raus aus Linden“ (Wochenblatt 02/2009). Das Ihmezentrum ist eine Grosswohnanlage in Hannover und nach bisherigem Stand der öffentlichen Diskussion muss das Ihmezentrum im Besonderen und das Prinzip „Grosswohnanlage“ grundsätzlich als gescheitert angesehen werden. Ich habe das bis vor ein paar Jahren ähnlich gesehen und dazu auch mehrere Performances und öffentliche Interventionen gemacht. Für die ich von Bewohnerinnen des Ihmezentrums Shitstorms im Netz erntete, als der Begriff noch weitgehend unbekannt war. Heute wird Shitstorm für jeden öffentlich diskutierten Furz verwendet, inflationärer Internetdurchfall.
Dass die Bewohnerinnen das nicht so lustig und distanziert sahen, ist völlig verständlich, strebte doch der Wiederverkaufswert ihrer Eigentumswohnungen, und damit ein Teil ihrer Altersvorsorge, tendenziell gegen Null auf Grund des Rufes des Ihmezentrums, der noch hinter dem des Südsudans angesiedelt sein dürfte.
Da die verheerende Wohnungsmarktsituation gerade in Grossstädten seit Jahren dramatische Konsequenzen für die ohnehin skandalöse Entwicklung der Armut in unserer Gesellschaft hat, habe ich meine Meinung, was Grosswohnsiedlungen angeht, geändert. Die Zahl der Wohnungslosen wird in den nächsten Jahren um bis zu 50 Prozent zunehmen, sie liegt derzeit schon bei 800.000. In so einer Situation auf ästhetische Befindlichkeiten des zumeist in Eigenheimen im Speckgürteln wohnenden Ex-alternativen Großbürgertums zu nehmen „Huch, das sieht aber scheusslich aus!“ ist unangemessen. Weder können wir zur Lösung der Wohnungsnot komplett unsere Restflächen versiegeln mit kleinteiligen dreigeschossigen Häuschen etc., noch können wir grenzenlos leerstehenden Fabrikraum umnutzen in Wohnungen, von solchen skurrilen Lösungen ganz zu schweigen, wie 95jährige Beamtenwitwen zu animieren, in ihre 100 qm Wohnungen Studierende und Migranten im WG Modell einzuquartieren. Eher kriegen wir den Sozialismus in der Ostzone wieder auf die Beine.
Wir kommen als eine Variante um eine Revitalisierung der Grosswohnanlagen nicht herum. Ich gucke mir seit Jahren aus diesem Erkenntnisinteresse andere Grossanlagen als das Ihmezentrum an, das hab ich ja direkt vor der Nase.

Berlin, Schlangenbader Str. (die „Schlange“), eine der größten öffentlich zugänglichen Grosswohnanlagen in Europa, wie das Ihmezentrum auch aus den Siebzigern. Ich machte mit einem SCHUPPEN 68 Kollegen dort unlängst eine intensive Begehung und unser einhelliges Urteil: Gelungen.
Nach allem, was man prima facie sagen kann. Der Komplex beherbergt anders als das Ihmezentrum mehrere Restaurants und Kneipen, ein kleines Einkaufszentrum, Beratungsstellen, Bildungseinrichtungen und im Zentrum eine sehr hübsche großflächige Grünanlage. Die Schlange befindet sich im Kerngebiet von Berlin, also nicht an den Rand gedrängt, und ist in direkter Nachbarschaft zum gut situierten „Rheingauer Viertel“, wo es auch mal höherpreisige französische Restaurants gibt. Ich weiß natürlich nicht, ob es da soziale Durchmischungen gibt. Und ich würde auch lieber im Rheingau Viertel wohnen, allein deshalb, weil es da ein Weinfest gibt, das bis Oktober jeden Tag ab 15 Uhr geöffnet hat. Aber wenn wir so weiter machen wie bisher, machen wir nicht mehr lange so weiter wie bisher. (Toller Satz. Lass ich mir patentieren).
Schön an dem obigen Zeitungsartikel finde ich meinen nur dezent ironisch verbrämten Größenwahn, der dem der geschilderten Wohnanlage ähnelt. Zum Vortrag kommen Werke von Trakl, Hölderlin und … Gleitze. Gut, dass viele Mitbürgerinnen Trakl und Hölderlin eher für Mitglieder der deutschen WM-Auswahl halten…
29.05.2018 – Ein Gespinst geht um in Europa

Baum mit Seidenraupengespinst am hiesigen Badeteich.
Die Überschrift ist geklaut, eine korrespondierende Sympathisantin schickte mir ein ähnliches Bild mit dieser überaus gelungenen Formulierung, die an die „Ein Gespenst geht um in Europa-Tournee“ gemahnt. Ich kann mir ja nicht alles immerzu selbst ausdenken.
Wobei es nicht stimmt, zumindest nicht für mich, dass der kreative Höhepunkt im Leben vor 30 stattfindet (siehe Einstein und seine Relativitätstheorie, danach kam nix mehr, nur noch die Einheitliche Feldtheorie und die war Murks). Kreativität liegt aus meiner Sicht im Schnittpunkt zwischen schöpferischen Geistesblitzen und Erfahrung, wenn auch nicht ganz so krass gewichtet wie beim alten Kalenderspruch: Genie ist eine Mischung aus 1 Prozent Inspiration und 99 Prozent Transpiration.
Ich bin bereits jenseits der 30, aber manchmal fällt mir doch noch was Putziges ein. Unlängst kam jemand freudestrahlend auf mich zu und sagte: „Hallo, wie geht’s Dir? Du hast Dich ja in den letzten 30 Jahren überhaupt nicht verändert!“ Ich weiß bis heute nicht, welches Gespenst aus alten Zeiten das war, war aber, wie sich das für einen Eitelkeitsapostel hohen Grades geziemt, über alle Maßen erfreut, ja regelrecht enthusiasmiert. Bis mir meine Bildung mit einer Erinnerung an Brechts Geschichten von Herrn K. dazwischen grätschte:
„Ein Mann, der Herrn K. lange nicht gesehen hatte, begrüßte ihn mit den Worten: „Sie haben sich gar nicht verändert.“ – „Oh!“ sagte Herr K. und erbleichte.“
(Bertolt Brecht, Das Wiedersehen).
Und ich erbleichte. Bis der Dialektiker in mir die Verhältnisse zwischen Wesen und Erscheinung wieder vom Kopf auf die Füße stellte. (Ich wiege 6 Kilo mehr als vor 30 Jahren, besitze allerdings einen excellenten Schneider).
Sich nicht zu ändern, was den eigenen Blick auf die Welt und deren Veränderungen angeht, das stelle ich mir als Hölle auf Erden vor. Das dürfte auf der einen Seite permanente Angst produzieren auf Grund von ständiger Überforderung und Erschöpfung. Eine Hauptursache für Realitätsflüchte wie Drogen, Alkohol, Pillen, Esoterik, etc. (nix gegen Drogen, Alkohol und Pillen!) Auf der anderen Seite reduziert das die oben erwähnte Kreativität und raubt Lebenschancen, Perspektiven, neue Erfahrungen.
Soweit das Wort zum Dienstag. Veränderungen spielen sich ja oft hinter dem eigenen Rücken, ungeplant und ungewollt, ab, mikroskopisch mitunter und oft erst spät realisierbar, sie walten quasi subkutan.
Kleines Beispiel: Ich liebe Parks in Großstädten. In Lissabon lasse ich mich gerne mit den alten Trams treiben und wenn ich unterwegs einen Park sehe, steige ich aus und guck mir den an. Die Faszination basiert auf einer Mischung aus Exotik, Ästhetik, Geschichtsinteresse, reiner Schaulust.

In meiner neuen Hood in Berlin habe ich keinen eigenen Garten oder Balkon, also muss ich mir für den Sommer zum Outdoor-Abhängen was suchen. Als ich anfangs die naheliegenden Viktoriapark und Gleisdreieck durchstreifte, war mein Parkblick ein radikal veränderter. Ich scannte die Parks auf Funktionalität: Wo kann ich mit angenehmem Blick relativ ungestört von plärrender Brut und bolzenden Halbstarken der Muße nachgehen, für ein, zwei Stunden kreativer Pause?
Und so schleicht die von mir nicht immer hochgeschätzte Perspektive der „Funktionalität“ in mein Gemüt. Und wer weiß, was die da noch anrichtet?!
Wird schon nicht so schlimm werden. Ich hatte schon ganz andere Krisen in meinem Leben.
28.05.2018 – Totenmesse

Aufführung des Requiem von Berlioz im Kuppelsaal von Hannover. Das Stück wird wegen des gewaltigen Aufwands nur selten aufgeführt: 300 Chorsängerinnen, mehrere Orchester und im gesamten Rund des Kuppelsaals verteilte Bläsersektionen. Als Angehöriger der Generation Rock’n Roll bin ich mit Riesen Marshall-Türmen groß geworden, mit denen 10.000e Watt von der Bühne geblasen wurden, dass einem mitunter das Bauchfell vibrierte. Daher ist mir bei klassischer Musik selbst in den lautesten Lagen der Schalldruck, der über die Rampe kommt, nicht beeindruckend genug. Da stößt dieses Medium im Zeitalter der Verstärkertechnologie bei mir an seine Grenzen. Die Aufführung vom Requiem war hier allerdings überwältigend, das Hörerlebnis kippte bei mir regelrecht ins Körperliche, als im Fortissimo von allen Seiten die Bläser volles Brett nach vorne ihr Gebläse in Gang setzten. Bei der Uraufführung sollen Leute in Ohnmacht gefallen sein.
In Ohnmacht gefallen wäre ich beinahe aus ganz anderen Gründen bei diesem Symbol-Bild vor der SPD Parteizentrale, dem Willy-Brandt-Haus, in Berlin.

Wohnungslose warten vor der SPD Parteizentrale auf die Räumung der Baracke. „Baracke“ war der Spitzname der früheren SPD Parteizentrale, dem alten Erich-Ollenhauer-Haus). Heute ist Baracke die Zustandsbeschreibung für die SPD, deren Agenda 2010 mitverantwortlich ist für wachsende Armut und Wohnungslosigkeit. Insofern wäre der Bezug der SPD-Parteizentrale durch Wohnungslose nach dem Abriss der SPD ein symbolischer Akt von Gerechtigkeit, wäre die Causa SPD nicht ein derartiges Trauerspiel. Bei aller Genugtuung darüber, recht behalten zu haben, dass die Agenda 2010 ein katastrophaler strategischer Fehler für die SPD war – abgesehen davon, dass die Agenda eine moralische Niedertracht sondergleichen war – darf eines nicht vergessen werden: was ist die Alternative zur SPD? Die Alternative für Deutschland. Und das lässt mir jedes Triumphgeheul über die „gerechte“ Strafe der Geschichte für die SPD im Halse stecken. Was wir erleben, ist die Komposition einer gesellschaftlichen Totenmesse für eine Partei, in Echtzeit.
Bei der Berlioz Aufführung gab es Standing Ovations. Bei der SPD steht der geneigte Zeitzeuge trauernd am Grab und zieht den Hut.
Ich habe das Einverständnis der Abgebildeten eingeholt für die Veröffentlichung des Fotos eingeholt, wenn ich sie als nicht erkennbar veröffentliche. Gerade in Zeiten der DSGVO stellt sich die Frage nach dem Recht auf das eigene Bild wieder. Grundsätzlich gilt:
Das Recht am eigenen Bild des Abgebildeten findet seine Schranken dort, wo andere Grundrechte wie die Pressefreiheit oder die Kunstfreiheit gleichberechtigt Platz beanspruchen.
Ein weites Feld.
24.05.2018 – Es ist etwas faul im Staate

Berliner Stadtreinigung nach dem Karneval der Kulturen. Bereits am Abend dieses Events mit ca. 600.000 Besucherinnen war fast der gesamte Kiez wieder Besenrein. Eine tolle Leistung. Und der Karneval mag bezaubernd sein, er ist aber auch eine Orgie aus Lärm, Dreck und Gestank. Allein das Gesindel, das an jeder Ecke und in jedem Hauseingang uriniert, als ob es für Schamlosigkeit Preise geben würde, raubt mitunter den Atem und das ist auch wörtlich gemeint. Ich hab das jahrelang in Kauf genommen, das ist die dreckige Kehrseite einer glänzenden Großstadt-Medaille. Wollte ich es beschaulich, zöge es mich aufs Land. Tut es auch mal, aber nie länger als drei Tage. Sonst würd ich ein Gehirn-Verödem kriegen.
Für mich ist die Geschichte „Karneval der Kulturen “ auserzählt. Thrill is gone, Babe. Jede Geschichte hat einmal ein Ende. Nur die Wurst hat zwei.
Aber das Berlin dreckiger als andere Metropolen ist, stimmmt nicht. Ich kenne München nicht und nach Stuttgart bringt mam mich nur mit einem Revolver an der Schläfe, aber das öffentliche Maul soll mal bezüglich Berlin den Dreck-Ball flach halten. Über die Kippe auf dem Bürgersteig regen sich meist solche Lohnschreiber auf , die mit ihrer Lebensunart dafür sorgen, dass ein ganzer Planet über den Jordan geht. Die holen mit ihren SUVs den Joghurt aus dem Bioladen, aber zetern über Dreck und Verwahrlosung.
Wobei „Verwahrlosung “ in Berlin tatsächlich ins Auge springt (komisches Sprachbild). Nach meiner Wahrnehmung gibt es immer mehr desorientierte und psychisch auffällige Menschen hier. Der Vorwurf einer zunehmenden Verwahrlosung richtet sich dann aber gegen eine Gesellschaft, die so etwas zulässt. Es ist etwas faul im Staate Dänemark und zwar grundsätzlich. Aber für durch und durch korrumpierte Lohnschreiber ist es natürlich leichter, eine einzelne Senatsverwaltung wie in Berlin als Versager hinzustellen oder gar die Opfer zu Verantwortlichen zu stempeln.
Ich muss aufpassen, dass das hier kein Berlin Blog wird. Einen Berlin Blog zu schreiben ist genau so originell wie einen Reisebericht über die Toskana.
Es ist eher peinlich.
21.05.2018 – Karneval und Clash der Kulturen

Ein Gespenst geht um in Europa – das Gespenst des Kommunismus.
In diesem Fall vor der alten Nationalgalerie in Berlin und diese Performance des SCHUPPEN 68 (es handelt sich um unsere Europa-Tournee, siehe hier) ist deshalb ein absoluter Brüller, über den ausnahmsweise auch Menschen ohne Hochshulabschluss lachen können, weil dort gerade die famose Ausstellung „Wanderlust“
gezeigt wird. Das Gespenst kriegt Wanderlust! Verstehste, Männeken?!??
Auch hier gab es Ärger mit dem Wachpersonal, das sich sofort urdeutsch aufblies: Verboten! Meint: fotografieren der Performance. Normalerweise bin ich eher freundlich zu im Zweifel prekär Arbeitenden, was soll ich denen ihr Leben zusätzlich schwer machen, aber wenn mir einer gar zu bescheuert kasernenhofmässig kommt, nehme ich ihn – und sowas sind immer Männer- adäquat Maß. Nach einem kurzen rhetorisch überlegenen Exkurs über die Freiheit der Kunst und die Funktion von Bauten im öffentlichen Raum in Bezug auf das Medium Fotografie war unser Preusse blutdruckmässig auf 260 , fing an zu keifen, mich zu duzen und Kasper zu titulieren.
Als ich ihm daraufhin eine Strafanzeige avisierte, dachte ich für einen Moment, unser Feldwebel würde platzen und seinen roten Lebenssaft über das Marxsche Gespenster-Tuch verteilen. Er zog sich aber nur tobend und zeternd in die Nationalgalerie zurück.
Mein geschätzter Freund und SCHUPPEN 68 Kollege, der legendäre Videonaut, und ich aber hatten einen Heidenspass. Es war halt ein Clash der Kulturen: Autoritätsskeptiker treffen auf Lagerkommandant. Man möchte sich nicht vorstellen, was passiert, wenn letzterer reale Macht über erstere hat.
So aber blieb es bei einem überlegenen Sieg der Macht des Wortes.
Und ich bin ein weiteres Stück heimisch, ist doch nun auch das Revier Berlin markiert.

Die Marx Riegel hatten sich in der Sonne schnell verflüssigt und das taten wir dann auch.
Nach dem Clash der Kulturen gab es ja noch den Karneval der Kulturen.

Und der startete in diesem Jahr direkt vor meiner Homebase! Bei manchen Tagen hat man das Gefühl, die hat ein Engel an das azurne Firmament gezeichnet.
20.05.2018 – Der * soll in den Duden

Soviel Spaß muss sein – Polonaise beim Fest des Karnevals der Kulturen.
Das Gender * zur Berücksichtigung verschiedener Geschlechterorientierungen soll also in den Duden. Ach, was haben die weissen alten Wölfe da wieder den Mond wehklagend angeheult, als sie das vernahmen. Sie hätten besser die Sonne angeheult, die ist nämlich weiblich. Ich kann es ja verstehen , wenn in Unehren ergraute Männer es davor graut, nun auch ihre Machtposition in der Sprache preisgeben zu müssen und sie von den ständigen Veränderungen draußen in der Welt überfordert sind. Demnächst sollen sie dann noch den Müll runterbringen!
Kopf hoch, Kumpels! Geht mir doch manchmal genauso. Mir wird doch auch manches zu viel. Jetzt gibt es dieses neue Dings da, dieses Internet. Ging doch früher auch ohne. Was das bloss immer soll….
Ich benutze seit langem im öffentlichen Verkehr das *. Vorher habe ich den / wie in „Mitarbeiter/innen“ benutzt, habe aber irgenwann realisiert , dass die Entwicklung zum * geht. Sprache entwickelt sich eben, sie lebt. War schon immer so. Das ist wie mit dem Dings da.
Regelrecht depressiv vor lauter Dumpfmeisterei werde ich, wenn ich als Argument gegen sprachlichen Fortschritt höre, das stünde so nicht im Duden. Genau und wir gehen bei Rot auch niemals über die Ampel. Oh, ihr deutschesten aller Spießer, warum verfinstert ihr dauernd meinen Horizont? Einfach mal Händchen falten , Köpfchen senken und Füsschen stillhalten. In 10 Jahren kräht über diese Diskussion keine Henne mehr. Das ist wie mit dem Rauchen in Kneipen.
Ich für meinen Teil benutze im inoffiziellen Verkehr so wie in diesem Blog hier weiter konsequent (relativ. MAN soll`s mit nix übertreiben) die weibliche Form. Aus Spass am Experiment und weil es für einen Bruchteil die Perspektive verschiebt beim Schreiben. Und darauf kommt es an: auf die Veränderung der Perspektive, auf den anderen Blick.
Das lässt sogar der Duden zu!!
Ob ich dadurch zu einem besseren Menschen werde …?
Eher nicht. Viel Erfolg bei allem, was sie in dieser Woche anfassen, liebe Leserinnen.
19.05.2018 – Es lebe der Rote Wedding! Nieder mit Royal Wedding !

Sarajevo inn Grunewald. Ich dachte immer das liegt in Jugoslawien (Ex, aber ich werde mich nie an diesen völkischen Irrsinn bei den Balkanesen gewöhnen). Grunewald ist ein Stadtteil in Westberlin (meine automatische Rechtschreibkorrektur kennt nur Ostberlin…), in dem früher die Reichen und Schönen wohnten. Da ich zwar nicht reich aber sehr schön bin, müsste ich da jetzt auch wohnen, aber in so einer Villen Gegend möchte ich noch nicht mal zum Trocknen auf der Wäscheleine hängen. Zum Durchfahren und Wandern auf dem Teufelsberg ist es aber ganz ok.
Am liebsten wohnte ich im roten Wedding. Ernst Busch, der alte Arbeiterlieder Sänger, hat diese ehemalige kommunistische Hochburg besungen. Wedding ist das nächste große Ding nach Neukölln. Aber noch sehr dezent und nicht so abgenudelt wie Neukölln. Das bleibt von kommunistischen Hochburgen : Gentrifizierung. Vae victis.
Also kriege ich natürlich einen gesunden Klassenhass wenn ich jetzt andauernd in der bürgerlichen Hetzpresse lese; Royal Wedding.
Schrecken denn diese Aasgeier des Kapitals vor nichts zurück?!
Der Wedding bleibt Rot! Oder wenigstens rosa. Oder Grün?
Das Leben ist eine Kette von Zumutungen, Demütigungen und Niederlagen ?
Ich freu mich auf den Karneval der Kulturen Morgen. Der startet bei mir an der Ecke. In Kreuzberg. Kreuzberg ist ein Stadtteil in Berlin und war nie Rot. Ich wünsche allen Leserinnen sonnige Pfingsten und melde mich live vom Karneval!
18.05.2018 – Mein Maultrommelstammtisch

In meiner neuen Stammkneipe.
Was tut der Mensch als erstes in der Fremde? Er macht es sich heimatlich, damit es nicht mehr die Fremde ist. Der Mensch mag weder die Fremde noch den Fremden. Aber das ist nur ein Wortspiel inferiorer Qualität, denn wir wollen heute mal nicht politisieren. Seit ich in Berlin eine zweite Homebase habe,will ich es mir natürlich nett machen. Ganz fremd bin ich hier nicht und Kumpels hab ich hier auch . Aber irgendwie ist es doch anders und anders mochte ich noch nie so richtig. Jedenfalls Peter Anders. Der war grauenhaft. Aber lieber grauenhaft als Einzelhaft. Oops. Das kommt davon, wenn der Alkohol billig ist, wie in meiner neuen Stammkneipe, in der ich gerade sitze.

Echt schräg die Preise hier und wo um alles in der Welt gibt es sonst noch Perversico!? Das war vor dem Krieg mal Kultgetränk und wurde mit studentischem Humor so benannt. Hör mir auf mit Studenten. Da hinten kommt gerade der Kellner. Ich geb ma ne Lokalrunde aus, ich liebe alle hier in meinem neuen Maultrommelstammtischlokal.