
Fest für die Sinne.
Nachdem ich die morgendlichen Schlagzeilen gecheckt habe, strebt meine ohnehin geringe Wertschätzung der menschlichen Spezies regelmäßig gegen Null. Zur Erlangung der für den Spaß am Leben unerlässlichen Gleichgültigkeit gegenüber den Niederungen des Alltags trete ich dann gerne kurz auf die Veranda, was im Moment ein Fest für die Sinne ist. Gelbe Edelrosen sind so in voller Pracht erblüht, dass sie fast surreal blenden und wenn die Morgensonne auf den Blättertau scheint, strömt einem ein betörender Duft entgegen. Wer wollte danach niedere Gefühle hegen? Wie etwa Karl Lagerfeld, der unlängst Hass gegenüber Angela Merkel äußerte, weil sie durch ihre Flüchtlingspolitik den Einzug von „fast 100 Neonazis in den Bundestag“ ermöglicht habe. Lagerfeld bezieht sich auch auf die deutsche Verantwortung für migrantischen Antisemitismus in unserer Gesellschaft, vor dem Hintergrund des Holocaust. In vielen arabischen Ländern ist Antisemitismus eine identitäre Klammer und den legen Migrant*innen nicht einfach ab mit Erlangung einer Duldungserlaubnis.
Ich hasse niemanden und schon gar nicht Angela Merkel, deren Flüchtlingspolitik ich im Gegensatz zu Lagerfeld richtig fand. Ich finde zwar ihre Restpolitik ziemlich bescheuert und ihre Partei zu Teilen gruselig, aber im Vergleich zu ihrem Vorgänger Schröder ist sie für mich eine Sympathie-Riesin. SPD-Schröder rangiert, was das angeht, bei mir nur knapp vor Saddam Hussein und wenn er so weiter macht, geht’s in meinem internen Sympathieranking mit ihm noch weiter nach unten. Diese Existenz hat schon rein äußerlich etwas derartig Zuhälterhaftes an sich, dass es mich beim Anblick schier ekelt. Apropos: eben gerade las ich, dass der ehemalige SPD Pop-Beauftragte Sigmar Gabriel nach dem Ende seiner Politik-Karriere in den Verwaltungsrat von Siemens/Alstom wechselt. Als Bundeswirtschaftsminister hatte er sich für diese Fusion starkgemacht.
Also kein Hass à la Lagerfeld. Aber verstehen kann ich seine Position schon. Migrantischer Antisemitismus ist ein Riesenproblem, das mit aller rechtsstaatlichen Härte bekämpft werden muss und das heißt in letzter Konsequenz auch mit Abschiebung von straffällig gewordenen Antisemiten. Wenn’s nach mir geht, können sie die ganze AFD Besatzung im Bundestag dann gleich mitnehmen. Göttinseidank geht es nicht mach mir. In einem Staat, in dem es nach mir geht, möchte ich keine 5 Minuten leben.
Zur Kritik am Vorgehen Israels in Gaza, an der sich die ganze Palette des hiesigen rechten und erst recht linken Antisemitismus ablesen lässt:
Der israelische Staat kann es ebenso wenig wie jeder andere Staat zulassen, dass Gewalttäter und Terroristen wie die Hamas mit unfriedlicher Absicht auf sein Territorium gelangen. Man stelle sich analog vor, zehntausende Schlesier würden militant die polnische Westgrenze bedrohen mit der Forderung „Schlesien ist unser! Wir kommen um zu bleiben!“
Wie würden sich deutsches und polnisches Militär dann wohl gemeinsam verhalten?
Also teile ich den Kern der Bedenken von Lagerfeld, seine Kritik an Angela Merkel jedoch nicht und schätze ansonsten seine pointierten Formulierungen als da sind:
„Sehe ich aus wie jemand der kochen kann! Ich kann eine Dose Cola Light aufmachen und damit hat sich das.“
„Die Gleichgültigkeit ist an mir hochgewachsen wie Efeu. Nur gewöhnliche Leute ärgern sich.“
„Ich bin eigentlich sehr bodenständig. Ich stehe bloß nicht auf dem Boden dieser Welt.“
„Ich halte mich wirklich nicht für ein Genie. Ich finde sogar, unter uns gesagt, ich hätte viel mehr aus mir machen können.“
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15.05.2018 – Schuld sind immer die Weiber

Rubens. Aus der Ausstellung im Frankfurter Städel. Titel hab‘ ich vergessen und zum Googeln keine Lust. Womit wir mitten im Bildthema sind. Der Kuttenträger in der Mitte ist offensichtlich hin- und hergerissen zwischen Weib und Jesus, zwischen Sünde und Glauben, zwischen Lust und Kreuz. Nichts gegen Sado-Maso Praktiken, aber sollte sich der Kuttenträger für den Mann mit dem Kreuz entscheiden, dürfte er schwer einen an der Waffel (hohoho) haben. Immerhin fließt da offensichtlich heftig Blut und die Tatsache, dass sich jemand an ein Holzkreuz nageln (hohoho) lassen will, ohne Aussicht auf Abhängung, also ob das noch im Rahmen klassischer Bondage Techniken ist, scheint fraglich. Es steht auf Grund männlicher Durchschnittsveranlagung eher zu befürchten, dass der Mann mit der Tonsur sich für das Weib entscheidet. Und das geht – unabhängig vom Vergnügen einzelner Beteiligter -für die Sache der Frauen nicht gut aus. Für die Verfehlung, die Sünde des Mannes wird nach schlechter Väter Sitte nicht dieser verantwortlich gemacht, sondern das Weib, als Verführung, sowohl als Individuum als auch Prinzip. Schuld sind immer die Weiber.
Und so könnte man durch die Oberfläche des Rubensschen Werkes die lodernden Scheiterhaufen der Hexenverbrennung scheinen sehen, die zur Zeit von Rubens auf dem Höhepunkt war. Denn natürlich war Hexenverbrennung immer auch ein Akt der mörderischen Aggression gegen weibliche Lust.
Könnte man sehen. Denn wenn man sich die Licht- und Schattengebung des Bildes genauer anschaut, fragt man sich, ob den Rubens da nicht ein kleines Teufelchen geritten hat. Der Sado-Maso Hippie ist schwer in vernichtende Dunkelheit getaucht, während die Maid mit dem kecken Mops in erlösendem Licht scheint. Love and Peace.
Rubens, der alte Schwerenöter als Hippie-Vorfahre. Die Kunstgeschichte muss neu geschrieben werden.
Aber nicht von mir. Keine Zeit. Und – siehe oben – keine Lust auf Schwafel. Außerdem ist die Bildsymbolik wahrscheinlich eine völlig andere. Durch dieses damalige Mittelalter Symbolik-Gedöns steigt doch kein Schwein durch. Wie erfrischend dagegen doch unser heutiges Mittelalter.

Unsere schwerstbehämmert- und besichelten Genossen von der Fraktion der Gehirnamputierten hantieren in diesem Bild frisch, fromm, fröhlich, frei mit dem Begriff des Volkskriegs in Indien, den sie offensichtlich herbeidelirieren. Hätten sie geschrieben „Klassenkrieg“ hätte ich gesagt: „Ihr habt einen an der Waffel, seid aber zumindest begrifflich nicht völlig in der Hölle der Beschränktheit gelandet.“
Aber in Zeiten des allgemeinen Niedergangs offensiv und militant mit den Kategorien des Völkischen zu arbeiten, das ist … ja, da fehlen mir die Worte. Und das kommt nicht sehr häufig vor. Mit diesem Euphemismus des Jahrzehnts beende ich die heutige Sitzung
12.05.2018 – Monokultur ist schädlich

Orangen in Weinberg im Douro Tal.
Die wachsen einfach so da. Keiner pflückt die. Solche Einstreuungen sind aber selten in der Reben Monokultur, ab und zu ein Feigenbaum, einige Obstbäume,selten ein paar Blumenwiesenanteile zwischen den Rebstöcken. Und die dortige Naturlandschaft wird rasant mit Baggern für Weinbau terrassiert. Portwein expandiert. Da Weinbau anders als Landwirtschaft keine Wechselfruchtfolge praktiziert, frage ich als agrarisch Grossgewordener ob das nicht mal böse ins Auge gehen kann . Monokultur senkt Resilienz. Eine böse Reblaus Plage und die Region hatein echtes Problem. Beispiele gibt es genug in der Geschichte des Weinanbaus. Als Alternative Weizen?
Auf Terrassen von Steigungen jenseits von 45 Grad?
Mich plagen im Zug von Lissabon nach Porto irdischere Probleme. Wie treffe ich bei dem Geruckel die Tasten vom Smartphone und wann komme ich in ein NETZ , um den Blog Eintrag online zu stellen und vor allem: wie kann ich mich vor dem Karneval der Kulturen in Berlin von diesem zauberhaften aber mörderisch anstrengenden Urlaub erholen?
Am besten mit Arbeit. Das mir sowas mal über die Tasten gehen würde, hätte ich auch nicht für möglich gehalten. Ihnen, liebe Leserinnen,ein sonniges und entspanntes Wochenende!?
10.05.2018 – Ruck Zuck , ist die Kunst fertig

Marx bringt verbrauchte revolutionäre Energie sofort zurück. Europa Tournee in Lissabon angekommen,vor dem Seefahrer Denkmal in Belem. Ein grunzhässlicher imperialer Klotz, der die kolonialen Eroberungen Portugals feiert. Lauter Krieger, Eroberer und Pfaffen, genau die richtige Mischung. Aber mein drittes Foto von der Serie. Serielle Kunst. Ruck Zuck ist die Kunst fertig. So einfach ist das.

Von mir aus kann das weg,denn Kunst ist das nicht und ich bin mitten drin. Lissabon im Eurovision Song Contest Fieber. Ich bin sonst nur im Winter im Lissabon, wenn es eher leer ist. Diese Fülle heuer macht mich etwas fuggelig und Idioten in Nationalflaggen gehüllt bringen mich gleich ganz auf die Palme. Als ob die Flagge je einen leeren Magen gefüllt hätte. Aber trotz allem ist diese Stadt überwältigend.
09.05.2018 – Ein Gläschen in Ehren

Gestern war ich in Porto in einem Restaurant, in dem es Portwein offen gab in Qualitäten, die ich mir vielleicht Fall eines Sechser im Lotto leisten würde. 50 Jahre alte Colheitas für ebensoviel Taler. Ich hab keine Lust colheita erklärend zu verlinken, das müssen Sie selber googlen.
Jetzt bin ich in Lissabon im Barrio Alto in einer kleinen Gasse und das gesamte Essen vor mir kostet mit normal Port, vinho Verde, Wasser, Bica und Maciera ein Viertel des obigen Glas Port. Macht auch glücklich. Und breit. Ehrlich gesagt bin ich von dem Zeug so breit – der Weinbrand war dreifach wohl – dass ich mit meinen Wurstfingern dir Tasten kaum noch treffe. Hicks, würde Donald sagen.
08.05.2018 – Grape & Shape

Marx bringt verbrauchte revolutionäre Energie sofort zurück. Auf Europa Tournee in Pinhao. Im Douro Tal. Dem Paradies für Portwein Trinker. Am jeder Ecke gibt es herausragende Qualitäten für sparsames Geld. Und mein inniges Verhältnis zum Portwein transzendiert in metaphysische Höhen. Nicht nur durch Besuche in den alten Quintas , vergleichbar mit den Weingütern im Bordeaux, sondern durch Wanderungen in den Weinbergen , die die steilsten der Welt sind. Steigungen unter 45 Prozent gibt’s da gar nicht. Wer da in praller Sonne ohne Schatten auf 600 Meter hoch will, muss seinen Body geshapt haben. Traube & Fitness sorgen für ein langes Leben.
Hoff ich mal. Im Moment bin ich aber einfach nur platt, alle und tot.
Und außerdem hab ich mit meinem verfickten Smartphone eine Funktion in diesem WordPress basierten Blog hier zerschossen und Null Ahnung wie ich die wieder herstellen kann.
Oh Morpheus, hülle zärtlich deine Arme um mich, auf das mein irdisch Leiden hier ende.
Erstmal.
06.05.2018 – Genug Porto?
04.05.2018 – Genug politisiert

Selbstbespiegelung. Bild aus der Frankfurter Rubens-Ausstellung im Städel
Der 1. Mai ist für Traditionalisten immer wieder Anlass zum Politisieren und sollte auch einer zur Selbstreflexion der eigenen Verortung als zoon politikon sein. Aber spätestens am 4. Mai ist dann auch mal gut und ich wende mich den angenehmen, denn das Räsonieren über Politik ist in Zeiten des allgemeinen Verfalls eine unangenehme Beschäftigung, Seiten des Lebens zu. Zum Beispiel den nahenden Sommertagen, in denen der bunte Kiez in dem ich wohne, zu noch prallerem Leben sich aufschwingt als ohnehin. Zur Freude und zum Entzücken meiner Kumpels, die hier in den Einflugschneisen der hiesigen Clubs wohnen. Unvergessen die Szene, die mir ein geplagter Kumpel schilderte, unter dessen geöffnetem Fenster ein Testosteronentflammter Romeo auf eine vermutlich gerade kennengelernte Julia vernehmlich und hartnäckig einwirkte in Richtung Vollzug des gemeinsamen Coitus. Irgendwann platzte meinem Kumpel der Kragen und er brüllte nach unten:
„Herrgott, jetzt lass ihn doch endlich mal ran, damit ich pennen kann!“
Oh, Du praller Kiez, welche Geschichten schreibst Du in diesem Sommer!?

Diese hier zum Beispiel, einen Steinwurf von mir entfernt.
Ich weiß, es sind die Verhältnisse, die den Menschen zum Dreckspatz machen. Das Schwein bestimmt das Bewusstsein. Aber zu der Erkenntnis muss sich das Hirn bei diesem Anblick erstmal durchringen, wenn das Ästhetikzentrum sich gerade übergibt. Und schon sind wir wieder mitten drin im Politisieren.
Ich bin kein Kunsthistoriker, ich weiß noch nicht mal, wie das Rubensbild oben heißt und hab auch keinen Bock das jetzt zu googeln. Aber die Tatsache, dass Rubens in dem Bild oben zentral mit dem Moment der Selbstbespiegelung also der Selbstreflexion arbeitet, und zwar so, dass der Betrachter auch das Spiegelbild erkennt, scheint mir ein Paradigmenwechsel in der bildenden Kunst. Schließlich wird mit dem Moment der Selbstreflexion das moderne „Ich“ konstituiert, was zu Rubens Zeiten, wo alle Existenz noch auf Gott gerichtet war, eine Sünde gewesen sein dürfte. Wenn die Zensoren überhaupt gemerkt haben, was da abgeht.
Das Ich wurde eigentlich erst später Thema der Reflexion und der Kunst. Bis es dann in unseren Zeiten ein epidemisches Ausmaß annahm, das kein Vernunftbegabtes Wesen länger aushält. Genug lamentiert. Der Garten will bewässert, die Koffer gepackt werden, das Bewusstsein reduziert. S’ist Reisezeit.
02.05.2018 – Ein Desaster

1. Mai Feier, eine Genossin (in Gewerkschaftszusammenhängen heißt es eher: Kollegin) mit Geschmack: Lederhandschuhe, farblich passend zum Event. So etwas schätze ich ausserordentlich.
Der 1. Mai war aus gewerkschaftlicher Sicht ein Desaster. Wo in den letzten Jahren um die 10.000 Besucher*innen DGBseitig vermeldet wurden (real waren es immer 5.000), waren es heuer 2.000. Eiskalter Wind und der Brückentag legten das schonungslos an den Tag, was ich im Rahmen meiner Bildungsarbeit für Gewerkschaften schon vor Jahren wahrgenommen habe:
Die Basis bricht weg, entweder legt sie die Löffel weg, kriegt den Rollator nicht mehr in Gang oder sie passt sich dem individualistischen Zeitgeist-Geplärre des klassischen Trittbrettfahrer „Ohnemichel“ an.
Ich friere mir nächstes Jahr bestimmt nicht noch mal den Arsch hier ab. Den nächsten 1. Mai verbringe ich mit den Arbeiter*innen der Lisnave Werft in Lissabon, nachdem ich vorher am Jahrestag der portugiesischen Nelkenrevolution am 25. April in Grandola das Lied „Grândola, Vila Morena“ intoniert habe. Bei meinen Sangeskünsten steht allerdings zu erwarten, dass ich danach des Landes verwiesen werde und der Feiertag verboten wird.
40 Prozent der Bevölkerung hierzulande haben nichts oder Schulden, 20 Millionen sind arm, daran wird auch die alberne und hilflose derzeitige Diskussion vor allem in der SPD, getragen von nackter Panik vor dem Untergang, nichts ändern. Das Kapital, und angesichts des bevorstehenden 200. Geburtstages von Karl Marx darf man mal derart kategorial argumentieren, geht über Leichen, wenn es um Profit geht. Daran ändert die Tatsache nichts, dass „wir“ hier in der BRD im Moment auf einer Insel der Glückseligen leben, wo der Klassenkampf moderat gestellt ist.
Wir haben ihn halt externalisiert. Die mörderische Variante findet zum Beispiel in Bangla Desh statt, wo unsere billigen T-Shirts produziert werden und aus Profitgründen Arbeitssicherheit einen Dreck beachtet wird. Mit der Konsequenz, dass mal eben eine Fabrik einstürzt und über 1.000 Arbeiterinnen den Tod finden.
Also wenn der Mob hierzulande noch nicht mal am 1. Mai den Arsch hochkriegt, dann soll er sich nicht beschweren. Ohne Druck passiert gar nichts. Und über solche Kaspervereine wie attac oder occupy lacht sich doch der ideelle Gesamtkapitalist einen Ast ab. Das sind feuilletongepufferte Modeerscheinungen von adretten Mittelschichtsjünglingen in der Phase vor der Familiengründung. Wenn selbst eine mitunter durchaus in Blut getränkte soziale Kraft wie die Arbeiterbewegung, mit einem millionenfachen Jahrhundertgepäck von Organisationserfahrung bewehrt, letztlich mit einem matten Seufzer der Geschichte alle Viere von sich streckt, werden ein paar wohlmeinende online-Petitionen den Marsch des Kapitalismus in den kollektiven Untergang genauso wenig aufhalten wie Ochs und Esel.
Bis es aber soweit ist, halten wir ein paar Traditionen aufrecht, wie den formgerechten Gruß zum 1. Mai

Faust I oder II – das ist hier die Frage… (Foto: Dirk)
Und die korrekte Länge revolutionärer Ansprachen. Auf die Bitte des hiesigen Versammlungsleiters beim Maifest, ich möge mich bitte kurz fassen mit meinem Beitrag, erwiderte ich dynamisch: „Ich orientiere mich da an den Reden des Genossen Fidel Castro.“

Nach sechs Stunden kam ich zum Höhepunkt. Meiner Rede. (Foto: Annette Boll). Die Stimmung war gut. Zumindest bei mir. Auch, weil die hier abgebildete Aktion mit den Genossinnen und Kolleginnen mir das Herz erwärmte, was angesichts der Arschkälte auch bitter nötig war.
01.05.2018 – Mein Roter 1. Mai

Mit einem 1974er Petrus. Der Château Petrus ist einer der teuersten Rotweine der Welt. In Fachkreisen sagt man auch nicht Château, sondern wegen der Sonderstellung des Weines einfach: Petrus. Eine 0,7 Liter Pulle dieses Jahrgangs kostet um die 1.500 Euro. Die abgebildete Flasche, wäre eine sogenannte Sovereign mit 50 Liter Fassungsvermögen und würde mehr als das entsprechende Vielfache einer Normalflasche kosten, weil da die Regel gilt: Je mehr Volumen die Pulle, desto mehr Körper der Wein. Die abgebildete Flasche dürfte also den Gegenwert eines Eigenheimes haben. Ich habe in meinem Leben natürlich noch nie einen Petrus getrunken und werde auch nie einen trinken, aber ich dachte mir, als Korrektiv zum meinem normal roten 1. Mai passt das Foto ganz gut. Klassenkampf sollte immer auf höchstem Niveau stattfinden, intellektuell, kreativ und luxuriös.
Ich hab so viel Lust auf direkte Aktion heute wie ein Schwein zum Radfahren. Es ist unter 10 Grad, es nieselt und Gewerkschaften gehen mir eigentlich auf die Eier. Strukturkonservativer als der Vatikan, im Apparat so abgehoben vom normalen Leben wie das Bundeskanzleramt und kulturlos wie ein Sack Sülze. An die Entwicklung der Arbeitswelt der letzten 20 Jahre haben sie komplett den Anschluss verloren mit ihrer Konzentration auf festangestellte Kernbelegschaften. Dass sich die Arbeitswelt zunehmend in ein nomadisierendes und prekarisiertes Digital- und Kulturproletariat verwandelt hat, um nur einen Aspekt rauszugreifen, wird sich bis zu deren Pensionierung nicht in die Schlichthirne der Hauptamtlichen fräsen, die immer noch Sätze delirieren wie: „Wir müssen die Leute von der Straße holen und in Lohn und Brot bringen.“ Dem Nächsten, der solchen Sprachmüll absondert, schmeiße ich ein drei Monate altes Weißbrot an den Kopf.
Wie sonst wäre unter anderem die komplette Diskussionsverweigerung gegenüber dem Bedingungslosen Grundeinkommen zu verstehen, die der DGB und die IG Metall vor dem 1. Mai demonstrieren? Es gibt gute Gründe dagegen, aber einen auf bockig und pampig zu machen, verkennt komplett die ökonomische und damit von ständigen Existenzängsten getragene Lebenswelt des digitalen, kulturellen und Dienstleistungs-Prekariates. Das sind viele Millionen. Wenn die auf der Basis der aktuellen DGB Diskussion zukünftig nur das Wort Gewerkschaften hören, packen die ihren Mac zusammen und suchen das Weite.
Diese ganze Gewerkschaftskacke hat nur einen Haken:
Es geht nicht ohne sie.
Nach wie vor zählt der Klassengegner, der Arbeitgeber, der Unternehmerbonze, bei jedem Konflikt, egal ob Tarifauseinandersetzung oder was auch immer, die Truppen, die die andere Seite, also wir, auf die Straße bringt. Das zählt und sonst nichts. Soziale Medien, Online Petitionen – drauf geschissen. Das rührt die überhaupt nicht, weil sie wissen, da sitzen individualisierte Nomaden an ihrem Smartphone und kriegen sonst nix auf die kämpferischen Reihen. Außer vielleicht noch solche tollen Blogs vollkritzeln wie diesen hier.
So einfach wird der Drops gelutscht, compañeros.