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21.12.2017 – In Puschen zur Pizza

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Früher: Blick aus meinem Fenster in den Achtzigern.
Bei mir nebenan ist ein Italiener, den ich manchmal frequentiere, wenn der Kühlschrank leer ist und ich keine Lust auf Styling und Maske wegen Essen gehen habe. Dann schlappe ich in Puschen dahin, zieh mir ne Pizza rein, trinke ein Glas Weißen, halte Schwätzchen mit Wirtsleuten oder eventuell ebenfalls dort abhängenden Nachbarn. In Puschen zur Pizza, das ist ein Bild, das geografische Nähe verdeutlicht. Zeitgemäß wäre eher die Aussage: Mein Italiener liegt so nahe, dass ich da noch in meinem WLAN bin. Technologische Veränderung prägt Bewusstsein und Sprache bis in den Alltag hinein. Beim Italiener selber ist die Zeit stehen geblieben. Chianti Flaschen im Korb und mit diesem gewundenen Hals stehen da noch. Die Dinger heißen, glaube ich, Fiasco und schmeckten auch so. Heute würde ich mit sowas noch nicht mal mein Klo desinfizieren, aber Früher …Dann spielt da immer dieselbe Cassette aus den Achtzigern, mit Toto und so Zeug. Ich kann mittlerweile die Gleichlaufschwankungen der Cassette mitsingen. Ich höre auch nur noch Cassetten Zuhause, aber aus Gründen der Avantgarde, Cassette kommt vor Schallplatte! Mein Italiener dagegen ist konsequenter Modernisierungsverweigerer, käme ich mit dem Ansinnen, er solle doch einen CD-Player installieren, würde er sicher einen Exorzismus veranstalten: Apage Satanas.
In dem Laden wird mir immer ganz romantisch ums Gemüt und ich denke an Früher.
Dann trinke ich einen Schluck vom Weißen und die ganze Romantik ist im Arsch. Heiliger Bimbam, was für ein Gesöff! Immer noch die gleiche Qualität wie in den Achtzigern. Ich kippe dann immer heimlich, damit niemand beleidigt ist, Aceto in den Wein. Dann geht er besser runter. Von wegen Früher war alles besser. Aber die Pizza ist toll und ich liebe meinen Italiener.
Und ist Heute denn alles besser?
Die dauernde Konfrontation mit Unwissenheit, Ressentiments und schlichtem reaktionären Dumpfbackentum macht urlaubsreif vom Morgen bis zum Abend. Zumal man weiß, dass Aufklärung, Argument und Ratio da gar nichts bewirken. Kleiner Exkurs: Wie wird Antisemitismus produziert? Der gemeine Doitsche weiß: Der Jude ist ein Kriegstreiber, Israel der permanente Aggressor „da unten“ und der Palästinenser und der Araber will doch nur Frieden und Freiheit. Woher weiß der Doitsche das? Aus dem hiesigen Fachblatt für Leute mit mittlerer Reife, der HAZ, zum Beispiel. Überschrift vom 19.12.2017:
„Israel fliegt Angriffe auf Gaza-Streifen“
Aha. Der Jude wieder, weiß unser gemeiner Doitscher. Und geht beruhigt seinen Alltagsgeschäften nach.
Der Text in der HAZ geht dann so weiter:
„Nach neuen Raketenangriffen militanter Palästinenser auf den Süden Israels haben israelische Kampfflugzeuge in der Nacht zum Montag Ziele im Gazastreifen beschossen.“
Ich erlaube mir, das, was die HAZ da macht, einen Schweinejournalismus zu nennen. Entweder ist es pure Dummheit, die Opfer der palästinensischen Aggression in der Überschrift zu Tätern zu machen, oder es ist ressentimentgeladene Niedertracht.
Und so geht das seit Jahren. Ich stelle mir gerade vor, von polnischem Staatsgebiet aus würde seit Jahren ein Hagel von Raketen auf die Häupter der gemeinen Doitschen regnen.
Nein, das stelle ich mir lieber nicht vor….
Ich bin es zwar leid mit Antisemiten zu argumentieren. Aber es gibt eine Menge Sachen, die Heute auch noch toll sind. Mein Italiener zum Beispiel. Und das hier
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Heute: der gleiche Blick aus meinem Fenster. Jedenfalls im Sommer.

20.12.2017 – Skepsis, Pessimismus, Zynismus

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Das ist ein Teil der größten innerstädtischen Baustelle der BRD, das Ihme-Zentrum. Wenn ich aus meiner Haustür trete, blicke ich direkt drauf und bete, dass dieser monströs-marode Klotz nicht in dem Moment umfällt, wenn ich vorbei radle. Mich erinnert sein Anblick an unsere spätbürgerliche Gesellschaft: von außen und von weitem noch einigermaßen hui, aber je näher man kommt, desto pfui und ist man erst mal drin, Heiliger Bimbam! Was für ein Verfall! Das Ding ist unrettbar verloren, komplett marode, mittlerweile bemüht man sich noch nicht mal um einen Eimer Farbe, um den Verfall zu übertünchen. Die Ex-Eigentümer haben den Komplex der Reihe nach abgezockt, dann das Weite gesucht und seine Insassen ihrem Schicksal überlassen. Ab und zu wird ein riesiges Werbeplakat für irgendwelchen Müll an die schäbigste Außenseite gespannt.
Das Politisieren, zu dem ich früher eher nicht neigte, nimmt zu. Wichtige Gespräche bei Fachtagen, Kongressen etc. pp. finden ja meist in den Pausen, bei einer Tass Kaff und auf den Gängen statt. Früher habe ich das Fachlich-dienstliche dann in präziser Kürze verhandelt und mich ansonsten lieber um „Menschliches Allzumenschliches“ gekümmert. Mittlerweile bin ich beim Politisieren dabei, ein finsteres Zeichen.
Es gibt eine klare Tendenz bei den meisten Gesprächspartnerinnen – und es geht hier nicht um Angehörige der Linken, sondern um seriöse Leute, wie Leiter von interdisziplinären Forschungsinstituten und so Zeug – was die gesellschaftliche Entwicklung angeht: Skepsis, Pessimismus, Zynismus. Was sie in dieser ausgeprägten Form in ihren Veranstaltungs-Impulsen oder auf dem Podium in dieser Form kaum je formulieren. Tendenz: Der Neoliberalismus hat auf ganzer Front gesiegt, die letzte rotgrüne Regierung trägt massive Verantwortung dafür, der Rechtsruck in unserer Gesellschaft wird dem Muster anderer westlicher Demokratien und postdemokratisch verformter Osteuropa-Staaten folgen. Gerne auch: Solange in der SPD die Riege der Agenda 2010 Apologet*innen noch das Sagen, ist ihr Niedergang nicht aufzuhalten.
Da bin ich dann immer grundsätzlich anderer Meinung: Die SPD kann machen, was sie will – sie hat fertig. Da nützt auch der aktuelle Versuch von Siggi Pop nichts, die SPD rechts von der AfD zu positionieren. Da ist schon die FDP. Und an die wanzen sich die Grünen gerade ran, mit ihrem wirtschaftsliberalen Green New Deal. Dabei ist die AfD ist noch keine 100 Tage im Bundestag. Pantha rei, wie der Grieche sagt, alles fließt. Aber leider den Bach runter….
Aber toll finde ich, wie einzelne Akteure sich immer wieder auch auf der Mikro-Ebene bemühen, dem Marsch von der spätbürgerlichen in die postbürgerliche Gesellschaft, dem Verfall etwas entgegenzusetzen.
Mit Unterstützung des hiesigen Kulturbüros und des Kulturdezernats finden zum Beispiel im Ihme-Zentrum immer wieder kleine Events statt, die versuchen, Leben in diesen postmortalen Kadaver zu hauchen, wie der alternative Weihnachtsmarkt am letzten Wochenende.
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Mit einer Lichtinstallation, die ich einfach schön fand. In diese unwirtliche Atmosphäre wurde für flüchtige Momente ein Hauch von Poesie gezaubert, ein Moment zum Innehalten und Staunen. Kunst.
Aber kaum ist man draußen, setzt der Verstand wieder ein. Oje.

19.12.2017 – Prima Idee für ein Noppenkondom.

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Der Abend, der Wein und das Niveau waren zur Neige gegangen.
Ich muss mir überlegen, was für Projekte ich 2018 überhaupt noch machen will. Das muss jetzt eingetütet werden, Konzept, Zeitplan, Finanzierung, Verantwortlichkeiten etc. pp. So was mach ich nicht alleine, sondern mit kompetenten Kumpels. Die diesbezüglichen Planungen finden in geselliger Atmosphäre statt, hochkonzentriert, konstruktiv und Alkoholbasiert. Gen Ende solcher Sitzungen mäandern die Themen. Angesichts des oben abgebildeten Überziehers für Weinflaschenverschlüsse sinnierte ich: „Das ist doch eine prima Idee für ein Noppenkondom.“ – Antwort: „Für Dich viel zu groß. Da verläufst Du Dich doch drin.“ Ich werde diese Projektsitzungen vermissen.
Am nächsten Morgen graute erst derselbe und dann mir. Beim Blick aus dem Fenster dachte ich zuerst, ich hätte Grauen Star, so trübe, verschwommen, konturlos grinste mich die winterliche Realität jenseits der Fensterscheibe an. Das konnte aber auch an meinem mangelnden Einsatz von Sidolin gelegen haben, das ja bekanntlich für saubere, gepflegte und streifenfreie Fenster sorgt.
Drauf geschissen. An meinem Arbeitszimmer fahren jeden Tag 22.000 Autos vorbei, die Gigatonnen von Feinstaub hinter sich her schleudern. Sobald ich den Wischlappen weggelegt habe und aus dem vermeintlich kristallklaren Fenster schaue, denke ich jedes Mal: „Oops, schon wieder eine Sonnenfinsternis.“ Und da soll ich den täglichen Sidolinisten machen? Ich wohne in einem Paradies, aus dem ich nur noch mit den Füßen voran ausziehen werde, Garten Südseite nach hinten, mit Teich, Olivenbäumen, Rosen sonder Zahl etc. pp. Aber das Dasein an dieser PKW-umtosten Strada di Bronchiale kostet mich locker 5 Jahre meines Lungenlebens, ich röchele jeden Morgen wie der Althippie, der am Tag drei Tüten durchzieht und einen Pack Schwarzer Krauser inhaliert, obwohl ich seit Jahren nur ab und an mal eine Genusszigarette rauche.
Und in Berlin hänge ich dann demnächst an der Yorckstr. ab, getreu dem Motto: Man kann sich ja immer noch steigern im Leben. No fun no risk.
Auf der Suche nach Friedhofsruhe am eingangs zitierten grauen Morgen sondierte ich den hiesigen Szene-Boulevard Limmerstr., wo Tag und Nacht Millionen partywütige Zugereiste den Anwohnern einen Lärmpegel produzieren, bei dem ich meinen häuslichen mit den 22.000 Autos vergleichsweise als Luftkurort empfinde. AC/DC würden zur Szene-Boulevard Situation sagen: Hell ain’t no bad place to be (und das mit 60.000 Watt).
Mir fiel dieses Plakat ins Auge (aua):
limmerstr.
Der Ablauf des Kapitalismus soll also nicht mehr durch menschliche Bedürfnisse ausgebremst werden?
Ach, liebe Genossinnen, das verkennt das Wesen des Kapitalismus leider vollständig. Der weckt und befriedigt nämlich auf das Perfideste sooo viele menschliche Bedürfnisse, dass wir mit dem Konsumieren kaum nachkommen. Deshalb ist er nämlich so erfolgreich.
Setzen, 5, liebe Genossinnen. Den Grundkurs Kapitalismus müsst Ihr leider wiederholen.
Und wenn jetzt noch eine kommt und anfängt zu diskutieren über die falschen und die wahren Bedürfnisse, gibt’s ne Kopfnuss dazu!

18.12.2017 – Friedenstaube, panisch das Weite suchend.

friedenstaube
Palästinenser Demo 16.12.17 in Hannover.
Ich bin kein guter Fotograf, allein schon mangels technischer Ausrüstung, die über eine kleine Kompaktkamera, die ich immer am Mann habe, nicht hinausgeht. Aber manchmal gelingen mir Bilder, über die ich mich jahrelang freue, wie das mit der Friedenstaube.
Die Geschichte geht so: Am Samstag wollte ich es mir endlich mal ohne Arbeit behaglich bequem machen mit einem Stück Torte und einem Schluck 10 Jahre alten weißen Port von Nieeport, es würden wohl auch zwei werden. Das verfickte Smartphone brummt in meiner Hose und teilt mir mit, dass heute noch eine Solidaritätsdemo für Israel stattfinden soll als Gegenveranstaltung zu den derzeit bundesweiten Palästinenserdemos.
Selten habe ich das Smartphone so gehasst wie in diesem Moment. Fluchend krabbelte ich auf mein Fahrrad.
israeldemo
Und versammelte mich mit einer Handvoll Juden, SPD, Linken und Antifa in der City, hinter Israelfahnen, während einen Steinwurf (oje) entfernt Palästinenser ihre handelsüblichen Parolen krähten: Freiheit für Palästina, etc. pp.
Freiheit ist ne feine Sache, nur muss man wissen, dass Parolen auf derartigen Demos Codierungen sind, hinter denen die Forderung nach der Vernichtung Israels und der Auslöschung der jüdischen Bevölkerung steht (siehe auch al Quds Demos, gerne mit Neonazis und Leuten von der Linken, auf denen die Codierung explizit wird, Zitat: „Zionisten ins Gas, Israel vergasen, Sieg Heil“) Wahrscheinlich wird die faschistische Hamas von solchen Leuten demnächst für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen.
Teil des Rechtsrucks in Deutschland ist wachsender Antisemitismus, es gibt keine jüdische Einrichtung, die nicht massiv unter Polizeischutz steht, das Bild der Polizisten mit Kugelwesten und MPs vor den gegen Sprengstoff-LKWs abgepollerten Synagogen in Berlin sagt mehr als 1.000 Blogeinträge. Juden haben immer mehr Angst in der Öffentlichkeit und ziehen vermehrt aus „Szenevierteln“ wie Kreuzberg und Neukölln weg, weil sie dort angesichts des arabischen, türkischen und hiesig-völkisch-nationalen (hab ich wen vergessen?) Antisemitismus ihres Lebens nicht mehr sicher sind in dieser ach so bunten MultiKulti Vielfalt.
Ich steh auf Neukölln und werde nächstes Jahr in eine WG in Kreuzberg ziehen, aber wenn die Zivilgesellschaft (oje), die Restlinke (heiliger Bimbam) und der eherne Rechtsstaat (die letzte Hoffnung) da nicht massiv intervenieren und das unterbinden, dann Gute Nacht. Dann, oh Herr, oh Frau, öffne die Pforten der Hölle, lass Pech und Schwefel regnen und tilge Kreuzkölln vom Angesicht der Erde! Aber bitte, oh Herr, oh Frau, denk dran, ich bin einer von den Guten! Und leite das in die Wege, wenn ich gerade auf Korfu bin.
Fazit: Tolles Foto, siehe oben. Schon wieder den Arsch abgefroren auf ner Demo. Dankbar über die Anwesenheit von Angehörigen des Repressionsapparates vulgo Polizisten (Die Bösen waren ca. 5x so viel). Und die Forderung nach Anwendung des Rechtsstaates bis hin zur Ausweisung von kriminellen migrantischen Antisemiten. Sie sind hier nicht willkommen.
Und von mir aus, man wird ja noch mal Utopien haben dürfen, die gesamte AfD Spitze auch raus und die Wähler hinterher. Alle ab nach Gaza, mit einer Bewährungsauflage: Wenn sie in Gaza erfolgreich eine Demo für das Existenzrecht Israels durchführen, dürfen sie wieder zurück. Göttin, kann ich gemein sein.
Allen Leserinnen eine entspannte Jahresendzeit. Und Frieden. Ich geh auf Klo. Smartphone runterspülen.

17.12.2017 – Die böse Politik

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Rose im Dezember.
Allenthalben Trübnis, Kälte, Vergänglichkeit, der Blick in den Garten gleicht dem auf eine Schwarzweiß-Fotografie. Aber irgendwie schafft es eine Rose immer wieder, dem natürlichen Kreislauf vom Werden und Vergehen ein Schnippchen zu schlagen. Hartnäckig insistiert sie auf ewiger Jugend, zarter Blüte, köstlichem Glücksversprechen und lacht mich an, wenn ich muffelig und unrasiert mit meinem Biomülleimer zur Tonne stapfe an einem dieser zahllosen Wintermorgen, die sich kaum entscheiden können, ob sie nicht lieber gleich wieder ins dunkelste Nachtkoma fallen wollen. Die Rose lacht mich an, als wolle sie sagen: „Ey, Digga, geht ab! Komm ma runter und mach Dich locka, Du bist ja echt krass mies drauf.“
Ich bölke meistens zurück: „Halt ja die Schnauze, sonst kommst Du in den Biomüll!“
Sie lacht, sie weiß, dass ich blöffe (sieht schöner aus als: bluffe). Wenn ich dann zurück am PC bin, kann ich nach so einer Szene einigermaßen aufgeheitert die Arbeit fortsetzen und finde sogar inneren Antrieb, diesen Blog hier fortzusetzen. Ich schreibe diesen Blog seit cirka 10 Jahren. Früher war er Kulturorientiert, satirisch, vieles erfunden, meist auf der Ebene eines Metablogs, der sich über die Blogschreiberei vieler Zeitgenossinnen, die vor Seelenpein die Tinte nicht halten konnten, lustig machte, oft wurden eigene Kunstprojekte in dem Blog gefeatured. Meine Erwerbsarbeit, meine Jobs spielten kaum eine Rolle.
Duktus und Ausrichtung des Blogs haben sich offensichtlich geändert, dem Lauf der Dinge folgend. Er ist politischer geworden, weniger fiktiv, glatt erfunden respektive gelogen ist kaum noch was, Teile meiner Erwerbsarbeit spielen da, wo sie politische Funktion haben, eine Rolle. Die böse Politik! Vertreibt die gute Laune?
Nee, soweit ist es dann doch noch nicht. Noch erhebt der dräuende Faschismus nicht sein Gorgonzolahaupt (ein Witz für Leute mit ausgeprägter humanistischer Bildung, für den Rest zum Einstieg dieser Link) hinter jeder Ecke.
Gesellschaft und Politik haben aber einen deutlichen Rechtsruck vollzogen.
Und man wacht in der Regel nicht eines Morgens auf, sagt sich: „Ooops, Gesellschaft und Politik haben einen deutlichen Rechtsruck vollzogen, wie verhalte ich mich denn jetzt?“ Den meisten Leuten ist das eh scheißegal, respektive begrüßen sie diese Entwicklung oder profitieren von ihr. Wahrnehmung und Verhalten sind Produkte eines langen Prozesses, der sich oft hinter dem eigenen Rücken respektive unter dem eigenen Bewusstsein abspielt. Zur Einschätzung solcher Prozesse, individueller Entwicklungen, ist das Führen von Blogs oder echten Tagebüchern (da empfehle ich die Papiervariante, das ist intimer, präziser, verpflichtender) ideal. Also befindet sich dieser Blog im Schnittpunkt von individueller und politischer Entwicklung. Wobei jeder Schreiberling sich jederzeit im Klaren sein muss, dass das Führen eines Blogs Konsequenzen haben kann.
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Daher hier ein unpolitisches Foto aus einem meiner früheren Leben, als ich noch stellvertretender Leiter der Stempelbeschaffungsabteilung einer Maschinenbaufirma war.
Ich besitze eine gigantische Stempelsammlung, wundervoll archaische Artefakte aus einer entschleunigten analogen Zeit, in der technische Zeichnungen noch mit der Hand gefertigt wurden! Außerdem ist das Teil meiner Altersvorsorge. Die Sammlung dürfte jetzt schon mehrere Milliarden wert sein.

13.12.2017 – Muss ich mir das antun?

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Aktion und Mahnwache vor der Marktkirche auf dem Weihnachtsmarkt in Hannover
rathaus
Feierlicher Empfang im Rathaus Hannover anlässlich der Verabschiedung eines Verbandsoberen.
Die Aktion auf dem Weihnachtsmarkt fand mit der Gruppe Gnadenlos Gerecht bei eisigem Wind, Schneetreiben und dummen Sprüchen von saturierten Spiesser*innen statt. Details hier.
Der Empfang im Rathaus kurze Zeit später mit lauter Prominenz wie Sozialministerin, Bürgermeistern, Abgeordneten, Verbandschefs etc. pp., inklusive feinstem Fingerfood und edler Getränke, bei jeder Menge Smalltalk und Netzwerkarbeit (vulgo: Strippenziehen).
Bei beiden Anlässen würde manch Zeitgenossin, aus unterschiedlichen Gründen, abwehrend die Hände heben und sagen: „Das muss ich mir nicht antun. Da würde ich mich unwohl fühlen.“
Ich könnte nun argumentieren: Beides gehört zu meinem Job, da musste ich zähneknirschend durch, wenn man den Job politisch auffasst und politisch was bewegen will, muss man da notgedrungen mitmachen. Stimmt irgendwie. Ist aber nur die halbe Wahrheit. Auch wenn ich mir bei der Aktion derartig den Arsch abgefroren habe, dass ich den Rest des Tages nur noch auf der Wärmflasche zubrachte, und während des Empfangs mir mitunter während selbstgefälliger, elend langweiliger Reden von alten Säcken die Ohren vor Pein geblutet haben: Ich hab Beides genossen. Beide Veranstaltungen waren auf ihre Art ideale Inszenierungen einer spätbürgerlichen Gesellschaft, auf dem Höhepunkt ihrer Selbstvergewisserung. Was aber auch heißt: Im Abstieg begriffen. Von nun an geht’s bergab.
Und ich liebe nicht nur gute Weine, leichte Gespräche und Kungeleien, ich liebe auch das Adrenalin, das dazugehört, wenn man Teil einer dramatischen Inszenierung ist. Mitten drin im Leben. In der Kiste liege ich noch lange genug. Für mich ist die achte der Todsünden: Langeweile. Insofern: geile Show.
Die von der realen Lage natürlich ablenkt. Immer mehr Menschen werden obdachlos. Neulich fanden an einem Abend in Hannover vor tausenden Zuschauern Veranstaltungen mit einem homophoben Antisemiten namens Xavier Naidoo, und Blut und Boden-Rammstein Epigonen namens Völker(!)ball statt. Neofaschistische Ästhetik im Mainstream der Jugendkultur.
Und in Berlin wütet palästinensischer Mob mit „Tod den Juden“ Parolen ungestört auf den Straßen. Wieso bildet die Polizei da keinen Kessel? Wieso wird da keine Anklage erhoben gegen die Täter*innen? Und wieso werden die dann im Zweifel nicht ausgewiesen? Antisemitismus ist inakzeptabel, bei aller Konsequenz und Härte des Rechtsstaates.
Der Blick auf die Realität ist so frustrierend, dass ich mich schon wieder auf die nächste Inszenierung freue. Ideal fände ich eine Hybridveranstaltung:
eine Stunde draußen „Spießer ärgern“ Action bei eisiger Kälte, dann alle rein in den warmen Festsaal und ordentlich Schampus abpumpen. Ohne Ansprachen.

06.12.2017 – Letztlich ist doch eh alles Sackkarre.

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SCHUPPEN 68 Performance No pasaran = „Sie werden nicht durchkommen“, ein Appell von Dolores Ibárruri angesichts des Vormarsches der Franco-Faschisten im spanischen Bürgerkrieg. Der Ausspruch gehörte später, post 68, zur linken Folklore. Wann immer sich irgendwo „Bullenschweine“ (O-Ton 70er ff.) formierten, fand sich so sicher wie das spätere Amen der Geläuterten in der Kirche ein Hygienereduziertes Mitglied des Kommunistischen Bundes Westdeutschland (siehe Winfried Kretschmann, Grüne, MP. MP ist aber nicht die Waffe im revolutionären Volkstanz, sondern der MinisterPräsidenten-Job nach dem gaaaanz langen Marsch durch die Institutionen) oder ein KPD-AO Mitglied (siehe Antje Vollmer, Grüne), das diesen Spruch Mantramässig vor sich hinröchelte wie der Tibeter sein „O nani padme hum.“
Das Foto oben ist von einer Performance aus den 80ern. Auslöser für die Performance: Einerseits habe ich einen unstillbaren Hang zur Rechthaberei, aus dem heraus ich noch Jahrzehnte später gegen derartig geläuterte Biederbacken wie Kretschmann oder Vollmer nachtrete, indem ich sie durch den Kakao oder Schneematsch ziehe, also Existenzen, die ich eigentlich post 68 schon für nichtsatisfaktionsfähig gehalten habe.
Andererseits kann ich mich erinnern, dass wir den Schneemann mit einer Sackkarre vor das hiesige SPD Parteibüro gekarrt haben und ihn dort dem Tauwetter anheimgaben. Symbolgehalt der Aktion: Sobald ein warmer Gegenwind aufkommt, schmilzt der Widerstand der SPD dahin wie Schneemann im Föhn. Egal, worum es geht.
Jaja, wenn der Opa von seinen wilden Jahren erzählt.
Damals konnte man noch wütend auf die SPD sein. Heute aber ist die Tragödie des Arbeiterverrats zur Farce der Hanswurste verkommen.
Das dicke Ende kommt immer zuletzt und es trägt den Namen Lars Klingbeil. Lars Klingbeil Jahrgang 1978, Generalsekretär der SPD. Das neue Gesicht der SPD. Lars Klingbeil ist ungefähr so taufrisch wie das Mesozoikum und redet, dass selbst August Bebel mitten im August in Winterschlaf gefallen wäre. Wäre die SPD eine Sitcom, wäre Lars Klingbeil der running gag, der, der immer gegen verschlossene Türen rennt. Es ist aber die Geschichte einer griechischen Farce.
Die SPD kann machen was sie will, den freien Fall in Richtung 5 Prozent hält weder Ochs noch Esel auf. Die Zukunft der SPD sind ihre ehemaligen MPs Torsten Albig, jetzt DHL Lobbyist in Brüssel, und Hannelore Kraft, jetzt Aufsichtsratsmitglied des Steinkohlekonzerns RAG: Nichts wie weg vom sinkenden Schiff und ran an die Silberlinge, es werden mehr als 30 sein.
Von dem Schlag ist die gesamte Führungscrew. Wo wäre da jemand von der moralischen Integrität eines sagen wir mal Rudolf Dreßler? Ich sehe nur Grottenolme und Schachtelhalme. Deshalb wird die SPD den Weg der Partei BHE – Bund der Heimatvertriebenen und Entrechteten gehen, in den Orkus der Geschichte.
Andererseits: wer bin ich, soviel Steine aus dem Grasshaus zu werfen. Zu derartiger Peinlichkeit wie bei rotgrün reicht es bei mir allemal. Ich war damals, also post 68, undogmatisch linker Sponti (Google-Tipps zur Vertiefung für die Nachgeburt: „Mescalero und Stadtindianer“. Wir Spontis trafen uns im Hauptgebäude der Uni, was schon mal nicht soo verwegen revolutionär war wie unsere Ansichten, eine Gruppe gleichgesinnter „Stadtindianer“. Und diskutierten allen Ernstes, mit Pfeil und Bogen durch die Stadt zu vagabundieren und für Aufruhr zu sorgen. GOTT, wie peinlich war das denn?! Kein Wunder, dass die eine Hälfte von uns in der Psychiatrie landete und die andere Hälfte …. Schwamm drüber. Heute, mit fundierterer Kenntnis – und Praxis – von Dada, der Situationistischen Internationalen und der Kommunikationsguerilla sehe ich das mit dem Pfeil und Bogen etwas positiver. Und falls sich ein paar Kumpels (es war nur eine Frau dabei) von damals, gerne auch Psychiatrie-erfahren, melden: ich wär dabei. Letztlich ist doch eh alles Sackkarre.
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03.12.2017 – Mein AfD Parteitag

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Sieht das nicht zauberhaft aus? Verwunschen und romantisch?
NEIN, tut es nicht. Das sieht beschissen aus! Nach Winter, Kälte, Glätte, Oberschenkelhalsbruch, Tod. Ich hasse den Winter. Wer braucht den und welchen volkswirtschaftlichen Nutzen hat er? Ich kann einer Winterlandschaft nicht den geringsten ästhetischen Reiz abgewinnen, weil ich es gewohnt bin, durch die Oberfläche der Dinge zu schauen und ihren Kern zu erblicken. Die Erscheinung der Dinge von ihrem Wesen trennen zu können, das macht letztlich Zivilisation aus. Also ich hege bei diesem Anblick nur den sehnlichen Wunsch: Tau wech den Scheiss. Und ansonsten Rucksack packen, ab in Flieger, Ökobilanz versauen und paar Tage an der Algarve abhängen. Da scheint gerade die Sonne bei 20 Grad, Wasser dürfte auch noch so viel haben, jetzt ist es da leer, die Orangen sind reif, die Störche klappern, der Portwein ist günstig …. Also es braucht nicht viel, um mich glücklich zu machen.
Bei diesem deprimierenden Blick aus meinem Fenster fielen mir alle meine Sünden wieder ein. Gestern an der Öffi-Haltestelle im Kiez treffe ich einen Freund.
Er: „Schön, dann können wir ja zusammen zur Anti AfD Demo fahren.“ Hier ist ja gerade der Parteitag dieser Bande.
Ich: „Äh, nee, ich fahr da nicht hin.“
Er: „Wieso das denn?“
Ich: „Ich fahr nach Lüneburg, zum Weihnachtsmarkt.“
Ein paar nicht druckreife Schmähungen später versuchte ich, ihn mit sachdienlichen Hinweise aus meiner jahrelangen Demo-Praxis milder zu stimmen: „Es gibt da mehrere Demo-Blöcke. Wenn Du Wasserwerfer vermeiden willst, geh zum DGB Block.“
Er: „Da ist immer so langweilig.“
Ich: „Vielleicht singt der DGB Chor ja da.“
Er. „Dann verklage ich die Veranstalter wegen Körperverletzung.“
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Lüneburg war dann doch noch sehr nett. Es war ein Ritualtreff mit Uralt-Freund*innen, man ist ja froh über jede, die noch laufen kann. Aber ein bisschen gefuchst hat mich das doch mit dem Treffen an der Haltestelle. Wozu hat man eigentlich Freunde, wenn sie selbst dann da sind, wenn man sie mal nicht braucht?

01.12.2017 – Es geht immer nur um die Sache

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Meine „Gerhard Schröder goes Cohiba“ Performance bei der 1.-Mai-Feier 2000.
Das war unter anderem eine Anspielung darauf, dass der Parvenü Gerhard Schröder sich mit Mitteln prahlerisch präsentierter Distinktion von der Herkunft aus seiner Klasse emporkömmlingte. Schröders Mittel waren, in medialer Inszenierung öffentlich vermittelt, unter anderem Barolo Rotweine (überschätzt), Brioni Anzüge (überteuert) und Cohibas (Schröders Solidarität mit Cuba)… Schröder heute im TV zu sehen, bereitet mir körperliche Pein. Der Mann sieht aus wie ein Lude (Sorry, liebe Zuhälter). Vollkommen degoutant. Da entwickle ich beim Anblick von Angela Merkel ja vergleichsweise libidinöse Gefühle.
Dinge wie Cohiba, Brioni und Barolo waren (und sind?) den Kolleg*innen meiner Gewerkschaft, der IG Metall, böhmische Dörfer mit sieben Siegeln. Das ist im Prinzip nicht tragisch, stünde es nicht symbolhaft für einen derartig bedauernswerten Mangel an innergewerkschaftlicher Lernfähigkeit und Lebenswelten-Tauglichkeit, dass ich irgendwann meine Mitarbeit da eingestellt habe, auch wenn ich in der Sache bis ans Ende aller Tage, derer noch nicht Abend ist, Gewerkschafter bin.
Ich kann mich noch an zauberhafte Konflikte mit der hiesigen Gewerkschaftsführung Anfang der 2000er erinnern. Die Grundkonstellation:
Auf der einen Seite war (ist?) die IGM eine stalinistisch geprägte Organisation, nicht wegen der Inhalte, sondern ihrer Verfasstheit wegen und der Umgangsformen miteinander:
Kaderförmig organisiert, Prozesse laufen top down und der innergewerkschaftliche Umgang mit dem internen Gegner war von teils hasserfülltem Vernichtungswillen geprägt.
Auf der anderen Seite ich, lasse mir von niemandem was erzählen, und gehe keinem dienstlichen oder projektmäßigen Verbal-Raufhandel aus dem Wege. Viel Feind, viel Ehr.
Im in Rede stehenden Fall, es ging um Projektmittel, meinte die damalige Geschäftsführung mir gegenüber einen übergriffigen Ton anschlagen zu können. Das klärte ich in wenigen Sekunden in deutlichen Worten, in tendenziell orkanartiger Lautstärke. Das war ungewöhnlich in einer derart autoritätsfixierten Organisation. Die folgenden Minuten erinnerten eher an eine Vollversammlung von Brüllaffen. Irgendwann trug ich meinen drei Kontrahenten den Götz von Berlichingen an und verließ den Sitzungssaal, der am Ende eines langen Ganges mit den Zimmern der Mitarbeiter*innen lag. Mir bot sich ein skurriler Anblick: Alle Mitarbeiter*innen standen mit halboffenen Mündern lauschend auf dem Gang. Dann huschten sie in die Zimmer, als ich die Tür aufriss und rausstampfte.
Bei der nächsten Sitzung stand als erstes der damalige Vorsitzende auf und schloss alle geöffneten Fenster, mich mit den Worten adressierend:
„Lieber Kollege, ich denke, wir sind uns alle hier einig: es geht doch immer nur um die Sache.“
Und die Erde ist eine Frisbee Scheibe und ich bin Immanuel Kant. Ich kriegte die Projektmittel, weil ich als damaliger Delegierter mit einer Kampfabstimmung über das Projekt in der nächsten Delegiertenversammlung drohte. Organisationen hassen demokratische Abstimmungen, deren Ausgang nicht vorher feststeht.
Es kommt mittlerweile kaum noch vor, dass jemand mit einem derartig surreal weltfremden Spruch hausieren geht: „Es geht mir nur um die Sache.“ Wenn doch, muss ich herzlich lachen oder mir sträuben sich die Nackenhaare. Wer sowas äußert, sagt auf der Meta-Ebenen etwas viel Wichtigeres: „Ich werde niemals über jenseits der Sachebene auftretende Konflikte reden“.
Da gibt es nur zwei Varianten: Projekt beerdigen oder zukünftig per ordre du Mufti vorgehen. Top down.
bsirske
Damals hab ich solche Performances noch für lau, auch für Promis (dieser hier trägt auch 2017 noch den Porno-Balken), gemacht. Ich war Überzeugungstäter. Bin ich heute auch noch.
Aber nicht unter 500 Euro.

28.11.2017 – Ich hoffe, Sie verzeihen mir

Nun, Leserinnen, gebt fein acht,
Ich hab‘ Euch etwas mitgebracht.
zwerg
Es ist eine Transgender-Zwergin aus meinem Garten,
er/sie/es mag es gerne hart, hält nichts von der sanften Tour, der zarten.
In beiden Fäusten Stangen, munter.
Oben die Volksbank, die SPD ist dann darunter.
Die SPD steht Kopf. Das ist famos.
Am Baumstumpf drunter klebt viel Moos.

Wenn Wind kommt, dreht die SPD sich rasend schnelle,
Dann klappert‘s laut. Doch kommt die SPD nicht von der Stelle.
Des Nächtens wird die Transgender-Zwergin dann vermöbelt.
Er/sie/es stöhnt laut und oft und mein Nachbar pöbelt
was von wegen Ruhestörung und so weiter.
Ich seh‘ das Ganze eher heiter.

Und wundere mich, was das Gedicht für eine Wendung kriegte.
Weil offensichtlich wieder mal der Schabernack bei mir obsiegte.
Es sollte dieses Bild nur in den Blog.
Und auf Verstand und Sinn hatt‘ ich grad heute keinen Bock.
Deshalb, und nur deshalb, steh‘n diese Zeilen hier.
Ich hoffe, Sie verzeihen mir.