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Wahlkampf

Herr: es ist Zeit. Der Wahlkampf war sehr klein.
Leg deinen Schatten auf die Wahlplakate
Und würg den Parteien eine rein.

Im Original bei Kitschmeister Rilke heißt es:
Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
und auf den Fluren laß die Winde los.

Rilke dichtete immer einen grandiosen Schmarren vor sich hin aber als Anregung ist er immer gut für höheren Blödsinn. Die ganze Republik im Wahl“kampf“ scheint mir postcoital ermattet, wobei der Akt als solcher auch eher auf ejaculatio praecox hindeutet. Es ist alles so fade, so öde, so unendlich laaaangweilig, wie der Zauberberg oder Filme von Wim Wenders. Man hat ja überhaupt keine Lust, sich die Analysefeder an derartigem Nullum schmutzig zu machen. Ein schwacher aber brillanter Trost waren die Wahlplakate des Kollegen Sievers
fdp
Die allerniederträchtigste Partei von allen. Plakat H. Sievers.
Das ist nicht die AfD, die macht aus ihrem steinernen Herzen nicht nur keine Mördergrube sondern eine dunkelbraune Güllegrube und ist in ihrer Offenheit durchaus weniger niederträchtig.
Ganz famos zum Ende des Wahlkampfs der bundesweite Aktionstag Reichtum umverteilen, Details hier
Ein riesiges Bündnis von Verbänden, Gewerkschaften, zivilgesellschaftlichen Organisationen kriegte keine 20 Aktionen im ganzen Bundesgebiet hin.
Forderung-560 Euro Hartz IV
Die offensichtlich größte und kreativste fand in Hannover statt, ausschließlich getragen von der Landesarmutskonferenz und der Betroffeneninitiative Gnadenlos Gerecht. (Rechts Thomas Schremmer, sozialpolitischer Specher der Landtagsfraktion Bündnis 90/Grüne, zuverlässiger Unterstützer. Von der Linken waren auch Genossen da.)
Reichtumsverteilung-40-Proz
Umverteilen ist weder mehrheitsfähig noch diskursträchtig. Da kann man mit einer Kampagne schon mal verlieren. Das ist keine Schande. Aber vorauseilenden Selbstmord zu begehen aus Angst vor dem Kampagnen-Tod, das ist …
Ach scheiss drauf. Ich mach Urlaub. Tschüss.

15.09.2017 – Der Goldene Neger in den Medien

170915NeuePresse-Goldener NegerNeue Presse 15.09.2017. (Hier als lesbareres pdf Neue Presse Goldener Neger)
Demeter will also die Gärtner in die Umbenennung der Sonnenblume „Goldener Neger“ einbeziehen. Auf den Shitstorm freue ich mich jetzt schon, wenn Deutschlands Gartenmob über mich herfällt. Dann weiß ich auch endgültig, dass die Aktion richtig war.
Das hat mir gut gefallen, dass der Reporter gleich nach der Aktion bei Demeter nachgefragt hat. Deshalb hab ich sie auch um 12 Uhr mittags gemacht, damit noch Zeit zur Recherche bleibt. Zur Aktion gab es einen Weissburgunder Sekt Extra brut aus der Pfalz. Die Aktion fand auf einer Brücke statt, wegen des Symbolcharakters. Brücken verbinden …
Zufälligerweise war die Brücke ca. 100 Meter von meiner Homebase entfernt. Was meine Arbeit nach dem Weissburgunder erleichterte.
Ein bedauernswerter Mangel an Bildung ist dem sonst sehr lobenswerten Artikel dann doch unterlaufen: Das ist kein ordinärer schwarzer Anzug, den ich da trage, sondern ein Smoking. Schwarzer Anzug 12 Uhr mittags = Snob. Smoking 12 Uhr mittags = Dandy. Das ist ein kleiner Unterschied, der Welten ausmacht. Dazu demnächst mehr an dieser Stelle.
Ein Vorteil von sozialen Medien: man kriegt sofort ungefiltert mit, wie das Publikum reagiert. Für professionelle Künstler unabdingbar. Schaun mer mal und zwar hier beim Stadtkind facebook.
Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit, so Karl Valentin. Hinter dieser Aktion stecken zum Beispiel Monate der Aufzucht der Goldenen Neger, die jetzt Goldhelm heißen. Und das Design einer solchen Kunst-Intervention zu erstellen, das ist die eigentliche Kernarbeit. So eine Aktion darf nicht in Satire ausarten, sie darf nicht plump agitatorisch rüberkommen, sie muss medial, also bildmächtig, inszeniert sein, sollte das Publikum ansprechen etc. pp.
Und dann noch die ganzen Interviews und Fototermine!

making-of-...
Making of …
making-of-2...
Presse, Funk und leider kein Fernsehen … (Fotos: BRV)
Wenn Sie, liebe Leserinnen, es nicht weitersagen, gestehe ich Ihnen ein intimes Geheimnis: Bei solchen Presseterminen blühe ich auf wie eine Sonnenblume nach einer Woche Dürre.
Sows könnte ich den ganzen Tag machen.
Aber nein, ich muss mir die Tage ja mit Arbeit versauen.

SCHUPPEN 68 Aktion „Umbenennung der Sonnenblume Goldener Neger“

Klaus-Dieter Gleitze- Einweihungsperformance Goldener Neger
Spektakuläre Eröffnungs-Performance der Aktion. Zahlreiche „Goldene Neger“ auf Rekordhöhe, bis zu 300 Zentimeter.
Am 14.09.2017, 12 Uhr, findet auf der Brücke Nieschlagstr. in Hannover eine Aktion des Künstlerkollektivs SCHUPPEN 68 statt: „Umbenennung der Sonnenblume Goldener Neger“.
Nach wie vor gibt es Sonnenblumen mit dem diskriminierenden Namen „Goldener Neger“. Bemerkenswert: Die Samen der Blumen, die für diese Aktion angepflanzt wurden, tragen das Öko-Siegel des „Demeter“ Verbandes.
Klaus-Dieter Gleitze vom Künstler-Netzwerk SCHUPPEN 68 unterstreicht:
„Bei unserer Aktion „Umbenennung der Sonnenblume Goldener Neger“ stellen sich Fragen: Ist das nicht übertriebene Political Correctness? Lassen wir uns unsere Sprache nicht zu sehr von Tugendwächtern der Political Correctness verbiegen? Neger – das wird man ja wohl noch sagen dürfen?
Unsere Antwort lautet: Nein.
Sprache prägt unser alltägliches Bewusstsein. Rassismus fängt im Kopf an, wächst im Alltag und endet in Gewalt. In Zeiten von wachsendem Rassismus, Hass auf andersartige Menschen und Ausgrenzung hat es nichts mit übertriebener Political Correctness zu tun, wenn man auf Änderung von diskriminierender Sprache besteht. Sprache ändert sich dauernd: Der Begriff „Nigger“ oder „Bimbo“ ist mittlerweile zu Recht gesellschaftlich geächtet, der Sarotti „Mohr“ heißt nicht mehr so, Negerküsse gibt es nicht mehr. Und das ist auch gut so.“
Im Rahmen der Aktion wird eine Sonnenblume „Goldener Neger“ feierlich von ihrem Namen entwidmet und mit einer Flasche Sekt neu getauft auf den Namen „Goldhelm“, in Anlehnung an das berühmte Gemälde aus der Rembrandt-Schule „Der Mann mit dem Goldhelm“. Für Teilnehmerinnen und Passantinnen gibt es neben einem Glas Sekt ehemalige „Negerküsse“, heute Schaumküsse. Sie beweisen, dass Sprachwandlungen etwas Normales sind und bringen eine heitere Note in die Aktion. Den Abschluss der Performance bildet eine Lesung, unter anderem mit dem Gedicht „10 kleine Negerknaben“ Gedicht Zehn kleine Negerknaben, der Ur-Version des früheren Kinderlied-Klassikers „10 kleine Negerlein“
…..

Die komplette PM gibt’s hier PM SCHUPPEN 68 – Aktion Goldener Neger
Unterstützerinnen aus der ganzen BRD tragen ihren Teil zum Erfolg der Aktion bei. Ein Kunst-Netzwerk der besonderen Art. Allen ein herzliches Dankeschön!
Die Bilder-Galerie wird fortgesetzt.

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10.09.2017 – Wenn gehobenes Bürgertum politisch wird, geht das meistens in die Hose

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Kuppelsaal, Hannover, Last night of the proms, 09.09.2017. Last Night of the Proms ist ein Spektakel, das seit über 100 Jahren in London stattfindet, meist in der Royal Albert, klassische Musik für alle mit Partycharakter. Wird seit Jahren auch in Hannover veranstaltet und im TV übertragen, hier ein eher steifes Fest für das gehobene Bürgertum.
Ein Freund hatte Karten für 5 Euro ergattert. Man war etwas sichteingeschränkt, ich konnte den Dirigenten nicht sehen. Kein Verlust, Dirigenten werden maßlos überschätzt. Ich hab mal einen Crashkurs in Sachen Dirigieren gemacht. Mit 5 verschiedenen Schlägen, so bezeichnet man das Gehampel der Pinguine auf dem Pult, kommt man locker durch die meisten Dirigate. Der hiesige Hampelmann, der Engländer Andrew Manze vom NDR Symphonieorchester, zeichnet sich dadurch aus, dass er immer noch kein Wort Deutsch spricht, obwohl er seit Jahren hier arbeitet. Zum Vergleich: der Engländer John Cryan ist seit 2015 Chef der Deutschen Bank und spricht mittlerweile akzentfrei und besser Deutsch als 95 % der Ostgoten. Soviel zum Unterscheid von Kultur und Kapital.
Es war ein außerordentlich unterhaltsamer und angenehmer Abend, mit einer herausragenden Sopranistin, deren stimmliche Strahlkraft den Raum selbst in zarten Pianophasen füllte. Der Tenor kackte dagegen ziemlich ab. Es gab auch entsetzliche Scheußlichkeiten wie ein Duett aus der Operette „Der Vogelhändler“, wo mir vor lauter Kitsch die Ohren bluteten. Geschenkt. Für 5 Ocken kannste nich mekka.
Leider gab es auch einen Abschluss und Höhepunkt. Edward Elgar, Pomp and Circumstance, mit dem Text von “Land of Hope and Glory” von 1902. Der Text ist ein schwülstiges Abfeiern der imperialen Größe der Kolonialmacht Großbritannien, genau der nationalistische Müll, der überall in Europa damals gefeiert wurde und folgerichtig in den ersten Weltkrieg führte.
Gott, der dich mächtig gemacht hat,
Möge dich noch mächtiger machen.

Nun hatte sich für gestern der NDR ein politisches Zeichen ausgedacht für die höheren Stände. Überall lagen EU Wink-Elemente herum, die dann bei Land of Hope and Glory geschwenkt werden sollten (TV Übertragung!). Sie wissen schon, Brexit und so (vielleicht auch Anti-EU AfD!?), da muss man doch mal Flagge zeigen!
Was die gehobenen Stände auch wie närrisch taten, das sieht man an den hellen Stäben oben im Bild, wenn man es sehen kann.
Ich aber war ergriffen ob so viel politischer Grunzdämlichkeit. Wenn man was Positives über die EU sagen kann, dann ist es ihr Ansatz, den Nationalcharakter von Staaten zu überwinden und in ein Friedenstiftendes Moment zu überführen (Na gut, „wir“ haben die Kriege externalisiert, exportiert, aber intern ist erstmal Ruhe im Karton. Ein erster Schritt.).
Das in direkte Verbindung zu bringen mit einem imperialistischen Lobgesang wie Land of Hope and Glory, soviel unfassbare Blödheit trieb mich sofort aus dem Kuppelsaal und auf die Toilette. Wie gesagt: Wenn gehobenes Bürgertum politisch wird, geht das meistens in die Hose.
Da bin ich mal auf das Feuilleton von morgen in der hiesigen Bürgerpresse gespannt.
Ich wünsche Ihnen, geschätzte Leserinnen, einen charmanten Start in die Woche.

09.09.2017 – Rotrotgrün ist möglicher.

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Tiefrot – Originalausgaben auf der Documenta von Walter Benjamin, undogmatischer Linker, der die ästhetische Diskussion der klassischen Moderne wie kein Zweiter geprägt hat. Benjamin ist ein schöner Beweis dafür, wie sich Lebenswelt-Erfahrungen in der Tendenz des Werkes widerspiegeln. Er reiste in den Dreißigern schon nach Ibiza, verliebte sich in eine Künstlerin, und war ein großer Kiffer vor dem Herrn. Ein anderer großer Denker der Linken, Adorno, hingegen war vom Lebenswelt-Ansatz her eher großbürgerlicher Spießer. Konsequenterweise kam Adorno mit der Moderne nicht zu Recht, Popmusik der Nachkriegszeit (höre auch der unvergessene Walter Ulbricht und die „Monotonie des yeah, yeah, yeah“) war ihm ein Graus.
Adorno sah die Tatsache sehr kritisch, dass das Kunstwerk seine Aura, den Glanz der Einmaligkeit, verlor im Zeitalter von technischen Reproduzierbarkeiten. Er hing halt lieber in der Oper ab, mit der Aura der Einzigartigkeit einer Aufführung, statt Schallplatten zu hören. Benjamin, Hippie, Freak und Kosmopolit, sah im Verlust der Aura hingegen einen Gewinn an Demokratie. Die Kunst stand potentiell den Massen zur Verfügung, ein enormer emanzipatorischer Fortschritt (das ist jetzt sehr verkürzt! Wir sind hier in keinem Oberseminar). Benjamin wäre heute in den sozialen Netzwerken unterwegs, Adorno würde die „Zeit“ lesen und das Internet für Teufelswerk halten. Womit er nicht ganz Unrecht hat. Mehr Medien mit offenen Kanälen für alle = mehr Fortschritt? Das hat sich als Irrtum erwiesen. Tendenziell wird der Dreck in den Köpfen eher nur vervielfältigt. Aber wir arbeiten dran. Am Dreck in den Köpfen.
Was der bewirkt, sieht man an den Umfragen. Die AfD im Aufwind, im Bund drittstärkste Partei und in Niedersachsen ziemlich sicher im Landtag. In Niedersachsen ist rotrotgrün möglich bei der Landtagswahl am 15.10, auf Basis der letzten Umfrage und wenn der Trend anhält.
So eine Koalition fände ich einen Fortschritt. Aber da wetzen sicher schon die ersten Verräterinnen bei der SPD und bei den Grünen ihre Dolche wie weiland bei Heide Simonis. Die regionalen Medien werden das madig schreiben und bei den Linken laufen so viele Spinnerinnen rum, die torpedieren das lässig. Außerdem gibt es keine wie auch immer geartete „linke“ – wobei ich SPD und Grüne nur schwer als „links“ verorten kann – Mehrheit in der Gesellschaft.
Was politische Konstellationen im Land bewirken, sieht man an einem kleinen Beispiel: als schwarzgelb unter Christian Wulf hier ans Ruder kam, kürzten sie mit als erste Maßnahme die Fördermittel für unabhängige Erwerbslosen-Beratungsstellen. Auf Null. Mit der Folge, dass die Hälfte der Beratungsstellen über den Jordan ging. Im aktuellen Haushalt stehen dafür 600.000 Euro im Etat.
Und nach der Wahl?
Also wählen gehen. So nervig der Spruch vom kleineren Übel auch ist.
Wenn sich die neoliberal grundierte, völkische Anti-Moderne weiter durchsetzt, sieht das Modell für die Zukunft eventuell so aus wie der Blick in die Vergangenheit auf der Documenta zeigt:
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Mühle des Blutes. Mit Werbe-Einblendung LAK Logo.

08.09.2017 – Die Kneipe als Uterus

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Bücher, die irgendwann irgendwo der Zensur unterlagen, aus dem Parthenon of books auf der Documenta. Ein Foto von einem Uterus habe ich nicht im Angebot. Und die Tatsache, dass der Raum mit den Werken von Annie Sprinkle einer der besuchtesten war, finde ich auch eher irritierend.
Sie ließ unter anderem das Publikum bei Performances des Anblicks ihrer Gebärmutter mittels Spekulum teilhaftig werden. Ein Akt der Befreiung? Bei dem Geschwalle von Frau Sprinkle über Öko und Eso habe ich da große Zweifel und wenn ich lese, dass sich jemand auf Guattari, einen der größten Schwallhanseln der zeitgenössischen Laberei bezieht, suche ich sowieso intellektuell das Weite. Ich hab auch nie kapieren können, was Männer treibt, Gynäkologen oder Hebammeriche zu werden. Der unselige Drang von Männern, Kontinente zu erforschen und erobern, macht auch vor dem weiblichen Körper nicht halt. Diese und andere Gedanken eher profaner Natur beim Anblick der zahlreichen Kunstschönen durchfluteten meinen Schädel, als ich fürbass die Agora der Documenta durchmaß und siehe, auf einmal durchzuckte ein Geistesblitz mein Hirn und Heureka! Ich hatte es! Ich weiß jetzt, warum Männer so häufig und auch noch in fortgeschrittenem Alter Kneipen besuchen.
Was zeichnet eine Kneipe aus? Sie ist ein abgeschlossener Raum, schützt, ist meist dunkel, bietet unbegrenzt Nährstoffe, wenn Mann breit ist, breitet sich in ihm ein ozeanisches Glücksgefühl voller Geborgenheit und Zuversicht aus und das zwangsweise Verlassen der Kneipe, wenn die Zeit um ist, wird als traumatischer Einschnitt erfahren, mitunter von Erbrechen, Desorientierung und Torkeln begleitet. Wenn das keine Analogie auf Gebärmutter und Geburt ist, was dann?
Psychoanalytisch habe ich endlich den Schlüssel gefunden, warum es Männer auch jenseits der 40 in Kneipen zieht. Natürlich ist die Kneipe auch der Ort, wo man gesellschaftlich legitimiert und sanktionsfrei Alkoholismus ausleben kann. Wer in der Kneipe regelmäßig 5 Bier verklappt, gilt in regredienten Kreisen sogar als cool. Wer das Zuhause macht, muss sich unter Umständen eingestehen, dass er ein echtes Problem hat. Frauen aufreißen in Kneipen? Da hab ich angesichts der weiblichen Sortierung in der Alterskohorte gleich oder größer 40 erhebliche Zweifel. Nein, es bleibt nur der Uterus als tiefer Urgrund.
Das korrespondiert auch mit dem Ansatz der „Nicht-zu-Ende-geborenen-Männer“ von Klaus Theweleit.
grimmswelt
Grimm Welt in Kassel, zauberhaft. Kein Uterus.
Ich hab wahrscheinlich das Geld für einen Neuwagen in Kneipen durchgebracht, aber irgendwann Mitte 30 ist normalerweise damit Schluss. Fammillje, Beruf, Gesundheit, Geldmangel, Einsicht in die Tatsache, dass es noch ein Leben jenseits der Theke gibt, diese Gründe für das Auslaufen der oralen Kneipenphase im Leben eines Mannes lassen Männer in Kneipen jenseits der 40 als skurrilen Problemfall erscheinen, der durch den Ansatz „Kneipe als Uterus“ aber erklärbarer scheint. Ging mir neulich auch durch den Kopf als ich einen rotbenasten und augengeränderten Kumpel aus besagter Alterskohorte traf, der sich in extenso darüber ausließ, wieviel er am Wochenende wieder getrunken hatte, in welchem Zustand er war etc. pp. Ich war unangenehm berührt, diese postpubertären Bukowski Prahlereien sind doch auch eher was für Mittzwanziger. Aber besagter Kumpel, der spielend jeden „Rudolf-the-Red-Nose-Reindeer look alike“ Wettbewerb gewonnen hätte, ist ansonsten ein feiner, hochsensibler, liebenswerter Mensch und das unterstreicht aufs Nachdrücklichste die Uterus Theorie mit den nicht zu Ende geborenen Männern. Gleich heute werde ich einen Aufsatz für die „Zeitschrift für psychoanalytische Theorie und Praxis“ verfassen und dann werde ich der Theweleit des 21. Jahrhunderts und wenn das klappt, lade ich alle Kumpels ein. Bei mir um die Ecke gibt es so viele tolle Kneipen ….

06.09.2017 – Die Kunst ist keineswegs verhunzt

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Documenta 14 – Parthenon of books von Marta Minujín, eine überwältigende Installation gegen Zensur und Unterdrückung am Friedrichsplatz in Kassel, bestehend aus ca. 25.000 Büchern, die irgendwann irgendwo mal verboten waren oder immer noch sind. Mehr dazu hier.
Was man so hört, ist die Documenta im Kritikerurteil überwiegend negativ beurteilt. Zu intellektuell, zu politisch, etc. pp. Ich war gestern da, ich weiß es besser.
Es stimmt, manche Sachen waren ohne Hintergrundkenntnisse nicht verständlich. Für mich kein Problem, geh ich halt einfach weiter. Die Documenta ist eh so riesig, dass man nicht alles an einem Tag mitkriegt, es ist also legitim, sich einfach treiben zu lassen, mitunter nur Eindrücke genießt, sammelt, und sich nur auf das näher einlässt, was einem gefällt oder des Nachhakens wert erscheint. Perfektes Abarbeiten ist Sache der VHS Kurse, die dort zu Myriaden rummäandern.
Es stimmt, vieles war bei der Documenta politisch aufgeladen, bezog sich auf linke Historie, ist antikolonialistisch, anti-patriarchal. Damit kommt der gemeine Kritikaster des Zentralorgans deutscher Stupidienräte, der Süddeutschen (ersatzweise Zeit oder FAZ, das ist wumpe und austauschbar), natürlich nicht klar. Der hätte es lieber ausgewogen, der Kolonialismus hatte aus deren Sicht ja auch seine positiven Seiten und die Weiber sollen sich mal nicht so anstellen.
Dazu kann man, und Kritiker sind meistens Männer, stehen wie man will. Fakt ist aber, dass diese Documenta in ihrem Kern, als Kunstveranstaltung, also in der ästhetischen Wirkung, die ein Werk erst zur Kunst macht, eine herausragende ist. Sie stellt immer wieder die Fragen nach Form und Material, nach Struktur und Medium von Kunst und zieht bildmächtig in ihren Bann. Was da nur in der Neuen Galerie zu sehen war, reicht allein für den Besuch in Kassel.
marmorzelt
Marmorzelt von Rebecca Belmore. Zelte wie diese stehen in Großstädten zu Dutzenden unter Brücken, in Grünanlagen, Wohnungslose suchen dort Zuflucht, Flüchtlinge. Der schiere Kontrast zwischen Assoziation und Materialität des in klassischer Art bearbeiteten Marmors verschiebt sofort die Wahrnehmung, verstört. Und das Spiel mit Wahrnehmung ist das Primat der Kunst gegenüber, na sagen wir mal, der Politik. Die verstört zwar mitunter, aber das war’s dann auch.
Solche Werke gibt es zuhauf bei der Documenta. (Natürlich gibt es da auch Geisteskrankheiten wie „Auschwitz on the beach“. Bei sowas zweifle ich auch am Geisteszustand der Kuratoren und setze mir umgehend die Hasskappe auf.)
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Ich, vor Parthenon of books, aber ohne Hasskappe.
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Aus Dankbarkeit mein Abschiedsgeschenk an die Documenta: Alle Leihräder dort haben jetzt einen Sattelschoner mit dem Logo der Landesarmutskonferenz. Ästhetisch zauberhaft und als Mäzenatentum von unvergleichbarer Großzügigkeit. Da stinken selbst die Borgias gegen ab.
Schade, dass sich viele Interessierte einen Besuch der Documenta schlicht nicht leisten können. Zugfahrt von ausserhalb Hessen und Eintritt unter 50 Euro ist nicht zu machen, von Katalogkauf oder mal kurz beim Italiener Essen gehen ganz zu schweigen. Die Grenze von kultureller Teilhabe für Menschen mit geringem Einkommen verläuft direkt durch die Documenta.

05.09.2017 – Jetzt gibt’s was auf die Wa(h)lnüsse

wahlnuss
Die Wahlrunden mit den Parteien im TV habe ich mir nicht angeschaut. Grundsätzlich schreibe ich in diesem Blog auch eher wenig über die „große“ tagesaktuelle Politik. Dieser Blog nennt sich „Mein intimes Tagebuch“ und er ist der Tradition der Aufklärung verpflichtet. Das heißt, er verhandelt das Politische im Privaten. Was mir halt so tagsüber über den Weg und die Leber läuft, sei es real oder erfunden, ist politisch aufgeladen und wird als solches grundsätzlich betrachtet, erwogen und im Normalfall für zu leicht befunden. Der Grieche nannte diejenigen, die sich nicht um die öffentlichen Angelegenheiten kümmerten „Idiotes“.
Angesichts bevorstehender Wahlen im Bund und im Land Niedersachsen lässt es sich aber nicht umgehen, ab und zu was dazu zu sagen. Im Infoteil hier der gebündelte Überblick des Wahl-O-Mat über wesentliche Positionen der zugelassen Parteien zu Bundestagswahl PositionsvergleichBundestagswahl2017.
Im unterhaltsamen Teil hier ein Rückblick auf meine Aktion „Wa(h)lnüsse knacken“, bei der ich an Wahlständen den Parteien die Wa(h)lnüsse der Landesarmutskonferenz, sprich unsere Forderungen zur Kommunalwahl, zu knacken gab. Wer aus den Bildern eine Koalitionspräferenz ablesen will, der möge das tun. Ich bin natürlich Mitglied keiner Partei, ein Dandy tut sich niemals gemein. Ich kann aber mit vielen gut. In einem anderen Leben wäre ich ein gnadenloser Opportunist geworden und hätte eine noch steilere Kariere gemacht. Es reicht auch so schon.
wahlnüsse b90 grüne
wahlnüsse spd
wahlnüsse die linke

03.09.2017 – Blau, so blau

blau
Gesehen bei der zeitgenössischen Kunstschau „Made in Germany“ im hannöverschen Kunstverein.
Auch wenn ich ein Vertreter der eingreifenden und damit politischen Kunstrichtung bin, steht für mich die Notwendigkeit ästhetischer Opulenz und Strahlkraft im autonomen Kunstwerk außer Frage. Sie erst, und nicht die „richtige“ politische Tendenz, macht das Werk zur Kunst.
So gesehen war der Teil von „Made in Germany“ im Kunstverein überwältigend. Ich hab den Besuch erst auf den letzten Drücker geschafft, bei der Documenta und der Skulpturale in Münster war ich noch nicht ein einziges Mal. Irgendetwas in meinem Leben ist in letzter Zeit falsch gelaufen, was Prioritäten angeht, und leider gibt es außer mir mal wieder keinen Verantwortlichen, den ich verbal dafür ans Kreuz nageln könnte. Und das, wo ich so eine hohe Meinung von mir habe, siehe hier:
ich-weiss-es-wirklich-esser
Entwurf für meine Grabinschrift. Ich kriege mittlerweile vermehrt Spam mit Anfragen, ob ich meine letzten Dinge geregelt hätte. Eben eine mit „Im Trauerfall alles gut geregelt mit Monutal“. Das Leben ist eine nicht enden wollende Kette von Tiefschlägen, Niederlagen und Enttäuschungen. Sich wappnen gegen eine See von Plagen. Gäbe es nicht ständig auf irgendeinem Schrottsender die xte Wiederholung von Two and a half men, (natürlich nur die Folgen mit Charlie Sheen) wäre mein Leben vollends zwar voller Verstand, aber ohne Sinn. Mittlerweile kann ich jede einzelne Dialogzeile mitrezitieren und muss trotzdem andauernd hyperventilierend-anbetend Tränen lachen. Inzwischen glotze ich sogar „The Big Bang Theory“, obwohl das Leben von Nerds nun wirklich nicht unter meinen Lebenswelt-Schirm passt. Diese Sitcom entstammt aber der Schule von Chuck Lorre, dem geistigen Schöpfer von „2 und ½ men“, und das merkt man auch.
Der Rest ist Poesie. Den Gedanken an blau nachhängen. An eine bessere Welt in der schlechten glauben.
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Kleine Fluchten im Alltag: Kinderkarussell vor dem hannöverschen Betonmoloch Ihme-Zentrum.
Wussten Sie übrigens, dass „Moloch“ alte Beschwörungsriten sind, bei denen Kinder dem Feuer geopfert wurden? Ich bin kein Klugscheisser, ich weiß es wirklich besser.
Ich wünsche Ihnen, liebe Leserinnen, einen poetischen Start in die neue Woche.

01.09.2017 – Mit dem Bolzenschussgerät

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Aufmarsch Fans von Schalke 04 vor dem Spiel gegen Hannover 96 vor ein paar Tagen. Mich hat’s gegruselt. Endzeit-Assoziationen von Kolonnen mit Soldaten oder KZ Gefangenen, als ob ein Spielfilm-Regisseur die Inszenierung des Faschismus in eine neuzeitliche Dramaturgie überführen wollte. Ich wartete nur auf das Megafon-Brüllen: „Klappe. Faschismus 7 die vierte im Kasten“. Oder gestorben. Oder fertig. Keine Ahnung, was man an Filmsets so für Sprachregelungen hat, wenn eine Einstellung durch ist.
Alle politischen Systeme im 20. Jahrhundert bedienten und bedienen sich des Ornaments der Masse, sprich einer Inszenierung vom Aufgehen, vom Verschmelzen des individuellen Körpers in der überwältigenden Ästhetik einer Masse wie bei 1. Mai Aufmärschen, Reichsparteitagen, Love-Paraden, Sommerschlussverkäufen, Fußballstadien, etc. pp. Das Prinzip hat Siegfried Kracauer zuerst in den 1920ern beschrieben, kurz und gut zusammengefasst hier im Blog cafe-deutschland.
Die industrielle Massenproduktion findet ihre gesellschaftliche Entsprechung in der öffentlichen Inszenierung der Körper. Das fängt im und am eigenen Körper an: Dem Qualitätsmanagement mit Null-Fehler-Toleranz (bei solchen Zielvorgaben kriege ich immer Lachkrämpfe) in den Betrieben entspricht die wahnhafte Selbstoptimierung in Mucki-Buden mit Unterstützung von Powerdrinks und Steroiden, das Corporate-Identity-Geschwafel spiegelt sich mit Tattoos, Brandings und Piercings auf den Körpern wieder. Das Resultat: die Gesellschaft mutiert zu einer Horde von subintelligenten Lemmingen, auch daran erinnern die beiden Bilder oben, von denen jeder einzelne glaubt, wer weiß wie individuell er sei, bloß weil sein Golf eine andere Lackierung hat, das Tattoo auf der rechten statt auf der linken Arschbacke sitzt und das Piercing direkt ins Auge getackert wurde. Am schlimmsten sind jene Hohlkörper, die in die Fußballstadien rennen oder bei denen in Kneipen vor Pay-TV Bildschirmen nur deshalb nicht das Gefühl hochkommt, dass sie gnadenlos verarscht werden, weil sie zur Halbzeitpause von Bundesliga-Übertragungen schon halb im Delirium tremens liegen. Früher galt es unter Linken als subversiv, sich für Fußball zu interessieren, das gehörte nicht zum linken Mainstream, heute ist Interesse für Fußball nur noch peinlich. Mainstreamige Mobkultur. Ich weiß, wovon ich rede. Ich habe lange Zeit alle Fussball-Großevents und auch kleinere vor den Bildschirmen dieser Republik verbracht und mir vor über 40 Jahren einen Ohrring stechen lassen. Den hab ich mir vor 30 Jahren sofort rausgenommen, als ich merkte, dass hier vor Ort eine mehr als zweistellige Zahl von Individuen das Gleiche pflegte und Fußball nutze ich nur noch, um bei Wetten damit Geld zu verdienen. Jetzt warte ich nur noch darauf, dass alle Tattoo- und Fußballfans auf einen ganz speziellen Mode-Tick abfahren:
statt Piercing in die Eichel sich einen Nagel mit einem Bolzenschussgerät ins …. nein, das ist jetzt zu gemein, an dieser Stelle bricht mein Humanismus durch, der mich sogar die morgenstarre Hummel von der nachtkalten Veranda in die Sonne setzen lässt. Außerdem, wenn ich mir vorstelle, alle wären so wie ich…das wäre keine Welt, in der ich gerne leben möchte.
Dann lieber so wie oben.