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31.08.2017 – Meine pathologische Dämlichkeit in Kiffhorn

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Gestern, 35 Grad deutscher Celsius. In Gifhorn. Entsprechen 96 Grad jamaikanische Fahrenheit. 96 degrees in the shade. Inna Kiffhorn. Dieser flache Drogenwitz schoss mir gestern durch meinen Brummschädel auf dem Weg durch die Fußgängerzone in Gifhorn zu einem Workshop. Mit Migräne einen Workshop zu veranstalten am letzten Hochsommertag des Jahres, wenn im wahren Leben Badeteich, Grill, Exzess und Illegalität laut rufen: Nimm mich!
Da kommt schon mal die Frage auf: Wie blöd kann man (man = ich!) eigentlich sein?! Ich kann morgen, ach was, heute, tot umfallen und das Letzte, was ich in meinem Leben von mir gegeben habe, sind Sätze wie: „Guten Tag, meine Damen und Herren, ich freue mich, dass Sie so zahlreich erschienen sind und hoffe, dass wir gemeinsam blablabla“?
Ich verfalle sowieso grundsätzlich und anlasslos in klaftertiefe Depressionen, wenn ich auf Bahnhöfen in kleineren Städten ankomme. Das sind fast ausnahmslos austauschbare, gesichtslose, funktionale, öde Plätze, die sich von den Bahnhöfen fast ausnahmslos in ein Meer von austauschbaren, gesichtslosen, funktionalen, öden Fußgängerzonen ergießen. Wenn man Glück hat. Wenn man Pech hat, ist der Bahnhof in irgendeinem Industriegebiet und man muss kilometerweit durch ein Meer von usw. usf, das kennen Sie jetzt schon, von Industriebrachen fahren, bis man am Veranstaltungsort ist.
Was wäre dabei gewesen, beim Veranstalter abzusagen? Die Welt hätte sich weitergedreht und ich will in diesem Leben nichts mehr werden, bin von niemandem abhängig. Auch die Sache der Armutsbekämpfung bei Kindern, um die es in dem Fall ging, hätte bei meinem Ausfall keinen gravierenden Schaden genommen. Warum also das Ganze? Preußische Tugenden wie Pünktlichkeit, Disziplin, Pflichterfüllung besitze ich sicher im Übermaß, aber selbst ich erkenne dabei schon die Grenze, wo so ein Verhalten in pathologische Dämlichkeit umschlägt. Jetzt, wo kühlender Regen die vernebelnden Hitzeschwaden vertrieben hat, und ich klarer sehe, kommt mir ein Verdacht: Könnte es Eitelkeit gewesen sein, die mich umtrieb? Workshops, Seminare, Reden, alles, was Öffentlichkeit beinhaltet, und sei es auch noch so themenzentriert wie Sonderaspekte der Sanktionspraxis des SGB II oder so Zeug halt, ist für mich immer auch Showtime. Das Leben ist eine Bühne, hat schon Oscar Wilde gesagt. Und alle Darsteller sind eitel. Am meisten die, die das leugnen.
Es geht immer darum, das Publikum zu kriegen. Spürbare Emotionen, der Weg zur Erkenntnis ist mit einem Lachen gepflastert.
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Großes Theater? Nein, sicher nicht. Aber es war ok.
Trotzdem tue ich mir sowas nie wieder an. Wer hat schon gerne am nächsten Morgen eine flammende Inschrift über seinem Antlitz im Spiegel: HORNOCHSE.
Was bleibt, ist der Versuch, die Frage zu klären, warum tut man im richtigen Leben so oft das Falsche.
Und ein unfassbar genialer Song von „Third World“ im Hinterkopf, der jede schlechte Laune vertreibt: 96 degrees in the shade.

30.08.2017 – VLC Player auf zwei Beinen

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Junggesellen Abschied.
Der VLC media player ist eine portable, freie Mediaplayer-Software für fast alle Video- und Audio Formate. Sein Icon ist ein Begrenzungshütchen und dürfte bei allen PC Besitzerinnen, die auch nur einmal irgendwas mit Bild oder Ton auf ihrem Rechner gemacht haben, bekannt respektive installiert sein. Für mich ein unverzichtbares Handwerkszeug und deshalb brach ich beim Anblick dieser Junggesellen in den durchaus wohlwollenden Ruf aus: „Ein VLC Player auf zwei Beinen, whow!“ Normalerweise hege ich solchen Horden gegenüber kein Wohlwollen und ich halte es für ein grässliches Missverständnis von Emanzipation, wenn sich flächendeckend auch Frauen dieser Unsitte annehmen und mir ungefragt Flutschi oder ähnliche ungesunde Paraphenalia zum Kauf anbieten. Aber diesen, auch sehr sauber gearbeiteten (das sind vermutlich Techniker, Ingenieure o. ä. gewesen, der mangelhafte Attraktivitätsfaktor der Herren spricht ebenfalls eher für naturwissenschaftliche Ausrichtung), VLC Player fand ich so gut, dass ich im gleichen Atemzug um ein Foto bat. Der Effekt bei der Horde war verblüffend. Sie brachen in homerische Gelächter aus: „Ein VLC Player! Das ist ja cool. Da wären wir doch nie draufgekommen. Hohoho etc. pp“. So die Richtung. Es ging also tatsächlich nur um das klassische materielle Begrenzungshütchen. Vielleicht weil nach der Hochzeit die Freiheit begrenzt ist, keine Ahnung. Auf die Idee, auch das für ihren Humor, ihre Inszenierung zu verwenden, was ihren Alltag viel mehr bestimmt, ihnen viel näher liegt, nämlich die gesamte immaterielle Welt virtueller Daten, sind sie nicht gekommen. Wann begegnet man mal einem Junggesellen, der als Facebook verkleidet ist?
Aber vielleicht passiert das schon andauernd und ich wende mich immer nur mit Grausen, wenn ich Junggesellinnen von Ferne sehe. Mich würde eine Untersuchung interessieren, inwieweit die Lebensdauer von Ehen mit Junggesellinnenabschied signifikant die von Ehen ohne unterschreitet. Ich vermute, beträchtlich. Die Ehen von Leuten, die ihr Hochzeitsdatum verzweifelt auf ein „lustiges“ Datum wie den 10.10.10 oder 09.09.09 legen, halten nachgewiesenermaßen deutlich kürzer.
Phantasie geht anders. Mir fällt ein Vergleich ein, den ich Rahmen eines Konfliktes in einem meiner Projekte an Mitarbeitende gemailt habe: „Projekte sind wie Ehen: Voller Emotionen, Konflikte, von begrenzter Dauer und jede/r hat eine andere Sichtweise drauf.“
Ich hätte Laienprediger werden sollen.
Oder Unternehmensberater. Mit so einem Verbalkitsch überzeugt man 99 % und verdient ein Schweinegeld.

28.08.2017 – Zweierlei Dienstkleidung

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Dienstkleidung Badehose. Bei der Aktion „Leine-Schwimmen – Damit die soziale Gerechtigkeit nicht Baden geht“. Mit Aktivistinnen der Landesarmutskonferenz in der hiesigen Leine. Details hier.
Die Symbolik „Für mehr Gerechtigkeit – Schwimmen gegen den Strom“ konnten wir vergessen. Die Leine hat eine der stärksten Fließgeschwindigkeiten aller deutschen Flüsse. Da kann man dankbar sein, wenn man den Ausstiegspunkt erwischt und nicht abgetrieben wird. Was eher nicht wünschenswert ist. Hinter der nächsten Flussbiegung liegt ein Wehr von beträchtlichem Ausmaß.
Wir leben in einem freien Land, in dem freie Bürgerinnen in freien Flüssen frei schwimmen können? Genau, und die SPD gewinnt die nächste Wahl. Richtig ist vielmehr, dass das Schwimmen 100 Meter vor und hinter Brücken verboten ist, laut § blablabla. Sowas weiß kein Mensch, auch die Zulassungserteilende Polizeidienststelle nicht. (Aus dem Alter bin ich raus, wo ich noch ohne jegliche behördliche Anmeldung z. B. mit einer Horde Durchgeknallter auf den hiesigen Wochenmarkt marschiert bin und im laufenden Betreib Lenindenkmäler eingeweiht habe – 1991…) Aber irgendwann kriegt das dann mit den 100 Metern doch jemand mit.
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Und prompt lauern Hundertschaften von Ordnungshüterinnen (links im Bild) auf der nächsten Brücke, ob wir auch nicht erst 95 Meter vor der Brücke rauskrabbeln. Und der einzige TV Sender, der vor Ort ist, ist das hiesige Fahrgast TV. Nichts gegen ein paar Hunderttausend ÖPNVlerinnen, die jetzt wissen, wie ich in Badehose aussehe. Aber Ziel einer solchen Aktion sind Übertragungen im NDR, rtl oder SAT 1 regional. Es war für alle Beteiligten eine tolle Aktion, ein Riesenspaß, eines der letzten Abenteuer der Großstadt. Aber rein funktional-jobmässig gesehen eine Enttäuschung
Keine Enttäuschung, aber anstrengend wie eine Doppelschicht im Bergwerk: Stand Up Comedy rund um die Mauer zwischen Arm und Reich auf der 500 Jahre Reformationsfeier am Wochenende in der hiesigen City.
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Dienstkleidung Smoking (Foto: ADD-DWH). Allein das unverstärkte Sprechen bei solchen Riesen Open-Air Veranstaltungen raubt einem nach einer gewissen Zeit regelrecht den Atem. Obwohl ich fit bin, ich schwimme ziemlich viel 😉 .
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Ich war hinterher völlig platt. Und bin immer noch neben der Kappe. Ich habe mich bei der Projekt-Steuerung für das laufende Jahr völlig verpeilt. Im August, wo normalerweise easy going mit Grill und Badeteich angesagt ist, habe ich eine öffentliche Intervention nach der anderen, muss Workshops veranstalten, etc. pp.
In welch abgetakeltem Zustand ich bin, zeigt ein Detail: Zum Smoking gehört zwingend eine schwarze Fliege. Kein Dandy dieser Welt würde sich jemals mit Smoking in der Öffentlichkeit ohne Fliege zeigen. Das macht vielleicht der Snob. Der Dandy niemals. Und sehen Sie, liebe Leserinnen, auf dem Bild irgendwo eine Fliege?
Ich bin komplett urlaubsreif.

26.08.2017 – Ich da oben, Ich da unten.

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24.08.2017: Ich da oben. Als Gast bei der Media Night 2017 im Schloss Herrenhausen, einer Party mit hoher Promi Dichte laut Bild.
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23.08.2017: Ich da unten (Foto: Christof Meyer-Gerlt) . Mit der Gruppe Gnadenlos Gerecht bei der Aktion „560“ auf dem Wochenmarkt im sozialen Brennpunkt Hannover-Mühlenberg. Kernforderung der Gruppe: Erhöhung der Hartz IV Regelsätze von 409 auf 560 Euro, siehe auch Diakonie Gutachten.
In Mühlenberg sind bis zu 80 % der Alleinerziehenden von Armut bedroht und bei der letzten Kommunalwahl wählten bis zu 30 % AfD. Es ging in Diskussionen mit Marktbesucherinnen auch darum, dass die AfD keine Alternative bietet, siehe Flugblatt Gruppe Gnadenlos Gerecht Aktion Hartrz IV in sozialem Brennpunkt.
Hier sollte einiges erklärt werden: Der Header „Ich da oben, Ich da unten“ ist eine Anspielung auf den Buchklassiker von Wallraff und Engelmann „Ihr da oben, Wir da unten“ von 1973. Das muss man heutzutage wohl dazu sagen.
Inhaltlich ist das in der Konnotation abwertende „Unten“ und das aufwertende „Oben“ ebenso falsch wie z. B. der Begriff „sozial Schwache“, den neulich sogar der Deutschlandfunk verwendete. Leute mit geringem Einkommen sind mitnichten „sozial schwach“ oder „unten“, sie sind „einkommensschwach“ und genauso normal wie jede andere.
„Sozial schwach“ respektive asozial und – explizit abwertend gemeint – „unten“ sind die einkommensstarken Millionäre und Milliardäre, die jedes Jahr den Staat um zig Milliarden Euro betrügen, indem sie Steuern hinterziehen.
Bei der Aktion 560 habe ich mich wohl gefühlt, ein warmes Gefühl von Solidarität. Der Spruch „Solidarität ist die Zärtlichkeit der Völker“ weist ja daraufhin, dass Solidarität auch etwas Körperliches sein kann.
Wenn nun allerdings prinzipientreue Genossinnen glauben, dass ich mich im Schloss Herrenhausen unwohl gefühlt hätte, fehl am Platze, whatsoever, dann muss ich sie enttäuschen. Im Gegenteil, ich habe es in vollen Prosecco-Zügen genossen, das köstliche Büffet, hervorragende Bands, zauberhaftes Ambiente (im Schloss. Von außen ist das eine grauenhafte Micky Maus Architektur. Wie das Berliner Schloss, zum Kotzen, diese Retro Kacke), jede Menge unwichtige Gespräche und den Anblick von unfassbaren Mengen von Botox und Silikon auf jedem Quadratmeter. Ich finde es einen Mangel, dort kaum Gewerkschaftsbosse, Wohlfahrtschefinnen oder Leute von der Linken zu sehen (sofern ich die überhaupt kenne). Glaubt die Restlinke denn allen Ernstes, den Fortschritt zu erkämpfen, indem man nur Klimmzüge an der Kante des eigenen Bewusstseins-Horizontes macht und 367 Tage im Jahr im eigenen Ideologiesaft der sich selbst abnickenden Fachtage, Kongresse, Sitzungen, Broschüren etc. pp vor sich hin schmort? Das Leben findet draußen statt, im Mühlenberg, im Schloss Herrenhausen, in der Dialektik des Genusses und der Erkenntnis.
Und während sich jetzt langsam die Schwaden der hier zelebrierten Selbstbeweihräucherung verziehen, plane ich weiter Urlaub. Der Sommer reicht mir. So eine Unverschämtheit. Ab in den Süden.
Was bleibt, ist Kapitalismuskritik. Zwischen Burger King und Beate Uhse.
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Original nur mit Marx und Lenin. Ob auf der Rückseite unserer Sektenspinnerinnen von der MLPD Stalin hervorlugte, entzieht sich meiner Kenntnis.

15.08.2017 – Wasserbüffel in meinem Garten

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Ein prachtvolles Bild, wenn die Wasserbüffel mit Urgewalt durch einen Graben pflügen. Neulich in Berlin auf der Pfaueninsel brach direkt vor mir die dort ansässige Herde mit Schnauben und Prusten durchs Unterholz. Ich sinnierte gerade vor mich hin und erschrak demzufolge zu Tode. Fast, sonst könnte ich den Blogeintrag ja nicht schreiben. So eine Horde tue ich meinem Gartenteich doch lieber nicht an. Die Tatsache, dass ich in dem angesagten Viertel Hannovers, in Linden-Nord, einen Garten mit Teich mit direktem Zugang über eine eigene Veranda besitze, dürfte den Wert der Wohnung ins – fast – Unermessliche gesteigert haben. Stichwort Gentrifizierung. Wes Geistes Kind in gentrifizierten Gegenden herrscht, mag eine kleine Episode schildern: Hier findet einmal im Jahr ein Straßenfest statt, das sogenannte Limmerstr.-Fest. Charmante Veranstaltung, der SCHUPPEN 68 wird seit Jahren angefragt, da auch „was“ zu machen. Das denn doch nicht, aber nett ist es da wie gesagt schon. Natürlich machen die Kneipen und Geschäfte da einen Mörder-Umsatz und die Sogkraft des Kiezes als coole Gegend (mit entsprechendem weiteren Umsatz) wird erhöht. Dieses Jahr scheitert die Organisation eventuell deshalb, weil viele Kneipen und Geschäfte sich weigern, den absolut läppischen Unkosten-Beitrag von 85 Euro dafür abzulatzen. Ich formuliere es mal mit der mir inhärenten Contenance und Courtoisie (das verlink ich mal, wegen des Hinweises auf Norbert Elias): Was für Arschlöcher und was für ein Scheißviertel. Gottseidank gibt es hier auch schon graue langweilige Bars, vor denen graue langweilige Menschen mit grauem langweiligen dicken Portemonnaie sitzen. Möge also dieser Kiez genannte Misthaufen so enden wie Prenzlauer Berg, wo wirklich nur noch Zombietouristen durchtorkeln. Das Sein bestimmt das Bewusstsein. Oder auch: Das Schwein bestimmt das Bewusstsein. („Es ist nicht das Bewusstsein der Menschen, das ihr Sein, sondern umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewusstsein bestimmt.“ K. Marx, Kritik der politischen Ökonomie, MEW 13, 9.) In manchen Dingen bin ich beinhart konservativ: Ich halte Frauen die Tür auf, helfe ihnen aus dem Mantel und in ökonomischen Dingen bleibe ich Marxist. Ansonsten liebe ich die Moderne:
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Lichtdurchfluteter Neubau des Deutschen Historischen Museums in Berlin.
Was bleibt? Coole Gegenden sind wie der Fußball, wo weiterhin dumpfer Mob in die Stadien pilgert oder stumpf in Kneipen sich diesen Schwachsinn anglotzt: Jeder Einzelne trägt durch sein Handeln die Verantwortung dafür, dass einstmals charmante, amüsante Dinge durch Massen-Konsum zu Tode gekreuzigt werden. Der Mob macht mir Ennui, man möge ihn entfernen.
Mit diesem Dünkel bin ich wieder nah bei Marx. Der fand die damalige Arbeiterklasse auch nicht besonders prickelnd.

15.08.2017 – Frisch verliebt im Wahlkampf

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Eines Morgen stand sie da, in meiner Küche, und eroberte mein Herz im Sturm. Im Nachhinein betrachtet war sie schon ein Luder, die wusste, wie man Männer um den Finger wickelt. Eine Mischung aus Lulu und Carmen, nur ohne deren mörderische Konsequenzen (warum müssen Männer, wie Wedekind und Bizet, in ihren Werken die Frauenheldinnen eigentlich dauernd ermorden?). Sie schmiegte sich bei jedem Schritt von mir derartig an meine Beine, dass ich kaum gehen konnte, brummte und schnurrte, dass es eine Wonne war. Und dieser Blick und dieses klägliche Miauen. Wer könnte da widerstehen? Ich überhäufte sie in den ersten Tagen unserer jungen Liebe mit Leckerlis, die ein Vermögen kosteten Die Geschichte ging nicht gut aus. Sie hat einen Chip mit Besitzerangaben. Es brach mir das Herz. Nie werde ich sie vergessen. Meine Liebe wird ewig währen.
Aber vielleicht kommt ja mal wieder eine Neue. Der Garten ist groß und die Wege des Herrn resp. der Frau sind unergründlich.
Ich aber beschloss, mich der Politik zuzuwenden. Was nicht schwierig ist, schließlich ist Wahlkampf. Bundestagswahl am 24.09 und Landtagswahl Niedersachsen am 15.10, vorgezogen auf Grund des schnöden Verrats einer grünen Abgeordneten. Ich hörte am Tag nach ihrem Verrat ein Interview mit ihr im Deutschlandfunk, ich habe selten ein derartiges Gestammel, dauernd unterbrochen von nervösem Hüsteln, gehört. Mich erinnerte sie an Lady Macbeth, die mit ihrem Verrat nicht glücklich wurde. Um genau zu sein, sie wurde wahnsinnig. Vermutlich aber wird der Judaslohn hoch genug sein, um die Wunden bei Frau Twesten zu heilen.
Ich werde in beide Wahlkämpfe intervenieren, mit öffentlichen Aktionen, Videos, Kunst, Medienarbeit. Das gehört zu meinem Job, ich würde das aber auch so machen. Die Zeiten, in denen sich ein undogmatischer Linker genervt aus den Niederungen der Alltagspolitik, wie Wahlen, heraushalten konnte, sind vorbei. In den goldenen Zeiten des Kapitalismus, in den 60ern und 70ern mit Ausbau des Sozialstaats und Anwachsen der Lohnquote, spielten verwöhnte Bürgerkinder noch Revolution mit Ringelpietz und Anfassen, da konnte man noch ohne schlechtes Gewissen am Wahltag mit Kater-Kopf im Bett verbringen. Kaum wurde der Gegenwind damals etwas heftiger, war Schluss mit Kindergartenlustig. Der Gang der Geschichte ist bekannt.
Mittlerweile erodiert die Gesellschaft von der Mitte her. Das ständige Getröte „Uns geht es so gut wie nie, weiter so“ erinnert an das Pfeifen im Walde. Das ist keine Zustandsbeschreibung, das ist Angstsymptom. Die Bürgerkinder von früher, die heute Bürgereltern sind, wissen, dass ihre Bürger-Brut auf dem absteigenden Ast sitzt, einem absteigenden Ast, an dem alle kräftig sägen. Die von Psychopharmaka nur notdürftig gedämmte Wut kommt aus der Mitte und richtet sich gegen das Außen. Sach ich mal als Kassandro (für alle mit Abitur vom zweiten Bildungsweg: männliche Form von Kassandra).
Und was soll man da machen? Dazu demnächst mehr. Ich muss jetzt ackern. Der Wahlkampf ruft. Aber bleiben Sie drin, liebe Leserinnen!
Und was bleibt, wenn alle Stricke reißen? Entertainment:
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The bright lights of the cities.
Potsdamer Platz Berlin, bei Nacht.

14.08.2017 – 12 Stunden bei 79 Grad gegart

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Der Kundige weiß sofort, dass es sich hierbei um die Sous-Vide Gartechnik handelt.
Dandys und Connaisseurs nehmen das augenzwinkernd zur Kenntnis und garen ihren Braten auch schon mal bei 80 Grad, damit demonstrierend, dass sie sich lässig und radikal über alle Regeln hinwegsetzen. Interessant fand ich bei dem Foto, dass das so zubereitete Gericht öffentlich via Aufsteller dem breiten Publikum vulgo dem Plebs feilgeboten wurde. Gesehen beim 200 Jahre alten Traditionshaus Lutter & Wegner in Berlin am Gendarmenmarkt.
Ich finde das nicht degoutant oder dekadent. Die Erziehung – und Öffentlichkeit ist immer auch Schule, Erziehung, indem wir uns in die Öffentlichkeit begeben, lernen wir – zu Genuss und Ästhetik sollte immer auch ein Anliegen von Linken sein. Einer der bedauernswertesten Irrtümer vor allem männlicher Genossen früherer Zeiten, als es noch nennenswert Linke gab, war, dass Linke proletarisch, ungehobelt, kulturarm und schlecht riechend mit schwarzen Fingernägeln den Weg zur Revolution beschreiten sollten. Gottseidank hat das ja dann mit einer Revolution im Sinne dieser Hohlköpfe nicht geklappt. Nur ein allumfassend gebildetes Individuum ist annähernd davor gefeit, den Terror der Gerechtigkeit und Tugend zu verbreiten. Terror wie ihn in der französischen Revolution zum Beispiel die Unbestechlichen um Robespierre und St. Just verbreitet haben. Louis Antoine de Saint-Just muss ein fulminanter Redner gewesen sein, sowas fasziniert mich immer.
Unbestechlichkeit finde ich allerdings eher bedrohlich. Jeder Mensch hat seinen Preis. Keine Mauer ist so hoch, als dass sie nicht ein mit Gold beladener Esel übersteigen könnte, altes persisches Sprichwort. Da hat er mal recht, der alte Perser. Es geht nicht nur um materielle Dinge wie Geld. Es geht auch um Ruhm, Anerkennung, Liebe, Macht. Auch damit kann man vom Pfad der Tugend gelockt werden. Ich bin für Geld, Jobs, Aufträge etc. kaum zu haben, in dem Sinne bin ich eher nicht käuflich (mich will ja auch kaum jemand kaufen). Aber für den Jahrmarkt der Wichtig- und Eitelkeiten bin ich durchaus empfänglich:
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Persönliche Einladung. Ich steh auf sowas. Ich bin auf das Büffet und den Wein gespannt.
Und nun zum Wochenstart, liebe Leserinnen, an Sie die Frage: Wie hoch ist Ihr Preis?
Und lassen Sie sich bei dieser Gewissenserforschung durch den derzeitig öffentlich wallenden Diskurs von Tugendhaftigkeit, der Notwendigkeit von korrekter Ernährung, gestählten Körpern, Alkohol- und Nikotinabstinenz und ökologischem Furor nicht verwirren: je intensiver öffentlich die Tugend gepredigt wird, desto verrotteter sind die Verhältnisse.
Prost! Ich zünd mir dann mal ‘ne Tüte an.

04.08.2017 – Breitbeinige Männer mit verseuchten Eiern

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Hannoversche Allgemeine, 02.08.2017
Damit Zivilisation und Kapitalismus funktionieren, muss unsere ursprüngliche Natur gezähmt werden. In uns allen lagert daher eine dicke Schlacke von Pflichterfüllung, Ordnung, Disziplin, Triebverzicht, Ratio über einem Rest glimmender Glut von anarchischem Begehren nach wilder Freiheit und schierem Wahnsinn. Bei den meisten dürfte die Glut völlig erloschen sein, aber bei ganz Wenigen in seltenen Momenten bricht sie durch, züngelt wild und lustvoll für Zeit-Bruchteile durch den Alltag, oft hinter dem Rücken aller Beteiligter, unbewusst.
Ich merk sowas aber sofort. Als ich obige HAZ aufschlug, wusste ich: Diese Überschriften-Montage ist einer jener seltenen Momente, dieses Mal beim Allgemeine-Säzzer (so nannte man das früher, als noch in Bleilettern gesetzt wurde. Deswegen kriegten Drucker und Setzer, die intellektuellen Speerspitzen der früheren Arbeiterbewegung, auch immer kostenlos Milch am Arbeitsplatz zur Bleiabsorption). Jaaa, Genosse Säzzer, knall der kapitalistischen Fratze die Montage-Faust der verseuchten Eier in die breiten Männerbeine. Auf der Titelseite! Nur die Montage bringt die nackte Wahrheit ans Licht! Wie hieß es doch anno 68 bei den MC 5: Kick out the jams! (Hier in der gezähmten 69er Version)
Was die heutige Jugend, die, wie wir wissen, nichts taugt, übersetzen würde mit: „Tretet die Marmelade wech!“ Wobei ich meine Neffen und Patenkinder da ausnehme. Mit diesem überaus gelungenen Teil der Jugend werde ich das hiesige Fährmannsfest frequentieren, das nach Hochwasser-Überflutung aussieht wie eine Mischung aus Woodstock und Wacken, nämlich verschlammt ohne Ende.
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Wacken II.
Bin mal gespannt, ob sich die heutige nichts taugende Jugend nachher da wie weiland die Hippies in Woodstock nackt im Schlamm wälzt. Ich hab meine Kamera dabei und halte Sie, liebe Leserinnen, auf dem Laufenden. Bleiben Sie drin, stay on tune!
Ungerecht finde ich diese dauernden Jahrhundert-Unwetter insofern, als ich zunehmend direkt davon betroffen werde. Dabei bin ich einerseits kein Öko, hab andererseits aber auch einen für BRD Verhältnisse minimalen Öko-Fußabdruck. Ich hab also mit diesem ganzen Klima Kram nichts zu schaffen, ich halte mich da raus. Und trotzdem fliegen in meinem Lieblingspark, dem Körnerpark in Neukölln, so wie gestern dauernd die Bäume um. In Berlin ist der Ausnahmezustand die Regel. Falls Sie, liebe Leserinnen, nichts mehr von mir hören, ich bin nächste Woche in Berlin…. Behalten Sie mich & diesen Blog dann so in Erinnerung, wie ich es gerne hätte.

31.07.2017 – DAS nehme ich persönlich

Mein Stammplatz seit 20 Jahren
Mein Stammplatz am Kiesteich. Seit 20 Jahren.
Und nun macht sich das Hochwasser da breit. DAS nehme ich persönlich. Jetzt muss ich zum Schwimmen woanders hin. Ich hasse Änderungen meiner Alltagsroutine. Ansonsten geht mir das Hochwasser-Gejammere am Arsch lang. Das kommt bei unserer Produktionsweise eben raus, deren Fetisch immer noch das BIP ist, eine Wachstumsorientierte und Klimazerstörende Größe. Ich bin kein Öko, aber dass solche Standards eher an ein Kleinkind erinnern, das vor einem herannahenden Auto die Augen verschließt und glaubt, die Gefahr sei nicht da, leuchtet sogar mir ein. Klassischer Fall von gesamtgesellschaftlicher Regression. Dazu passt, dass die Betroffenen, deren Keller nass geworden sind, ein Gezeter anstimmen, als ob Mutti ihnen die Rassel weggenommen hätte. Und schlimmstenfalls beschimpfen und beklauen sie noch die Rettungskräfte, die ihnen helfen. Wie sagte doch Friedrich Hölderlin über die Deutschen so treffend: Barbaren von Alters her.
Ich will hier ja nicht dauernd den Oswald Spengler für Notabiturienten und Postmarxisten geben, daher wieder die Frage: Und wo bleibt das Positive? Hier: BIP erinnert an RIP und das ist doch mal ‚ne lustige Volte der Geschichte. Lustig ist immer positiv. Wie das hier:
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Jugendsünden: DDR Fahne, Marihuana ähnliche Pflanze, SCHUPPEN 68 Kassenhaus und ein Sonnenschirm aus dem Gruselkabinett.
Alles verjährt. Die Jugend darf ruhig mal über die Stränge schlagen. Dass aber die heutige Jugend nichts taugt ist seit Sokratischen Zeiten bekannt. Glauben immer, sie hätten das Rad und das Feuer erfunden. Lieblingsbeschäftigung von Hiphoppern und ähnlichem Diebesgesindel ist ja das Sampeln und weil ihnen sonst nichts weiter einfällt, packen sie die Samples in Loops. Und weil ihnen eigentlich überhaupt nichts einfällt, beklauen sie die Musikgeschichte von vorne bis hinten (= samplen) und erzählen ihren Kumpels dann: „Ey, geil, Digga, hör Dir ma die krassen Beats an, die ich erfunden habe.“
Es war aber alles schon mal da. Der bekannteste Break im Hiphop basiert auf dem der Band „Mountain“, vom Schlagzeuger Corky Laing, von 1969, den man hier in einem sauber geschnittenen Loop hören kann .
So hört sich das im Ganzen an, die Version ist aber nicht aus Woodstock, anders als bei Youtube behauptet. Arbeitet denn außer mir niemand mehr exakt? Wobei: ich habe eben noch mal den Jugendsünden-Bildnachweis verifiziert. Also die 20 resp. 30 hatte ich da schon deutlich überschritten. Sehr deutlich…. ooops.

30.07.2017 – Koi oder koi Koi?

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Schwarm in meinem Teich, der unlängst anlässlich des Grillbesuchs eines Freundes fischtypisch in der Abenddämmerung an der Oberfläche rumlungerte. Der Freund war regelrecht enthusiasmiert: „Das sind doch Kois! Die sind doch teuer! Was kosten die denn?“
Ich ließ aus mehreren Gründen offen, ob das Kois oder wie der Schwabe sagen würde, koi Kois sind, sondern eher Shubunkin: „Über Geld redet man nicht, das hat man, werter Freund.“ Er kam aber immer wieder darauf zurück, so dass ich ihn final beschied: „Wenn bekannt würde, und ein Dementi liefe in diesem Fall auf sein ganzes Gegenteil hinaus, dass ich einen Schwarm Kois besitze, leidet meine Reputation, also lass uns das Thema beerdigen.“
Damit war das Thema endgültig in der Welt. Und meine Mail am nächsten Tag, in der ich darauf insistierte, dass ich weder einen Kohaku im Wert von 3.000 Euro besitze, noch dass meine Fische 70 cm lang sind, und dass Kois als Wert-Anlage auch sehr volatil sind, weil ständig der böse Reiher droht, schien ihn auch nicht zu beruhigen. Im Nachhinein wäre es besser gewesen, der Schwarm Gründlinge (Stückpreis 1,45 Euro) wäre an dem besagten Tag an der Oberfläche gewesen. Aber die hängen wie der Name schon sagt, am Grund ab, und sorgen da für Sauberkeit. Ich hab ehrlich gesagt gar keine Ahnung, ob es die überhaupt noch gibt.
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Geben tut es nach wie vor unsere palästinensischen Genossinnen, die mir mit einer Demo in der hiesigen City neulich das Shoppen vermiesten, wozu nicht viel gehört, weil Shoppen in der City zählt nicht zu meinen 15 Lieblingsbeschäftigungen. Es steht mir nicht zu, die Demonstrierenden zu kritisieren, die mitunter traumatische Erfahrungen hinter sich haben, von denen ein saturierter Mitteleuropäer noch nicht mal träumen muss. Aber ihre Positionen spiegelten den palästinensischen Katalog wider, der letzten Endes das Existenzrecht Israels in Frage stellt, und natürlich waren auch wieder einige Genossinnen von der hiesigen antisemitischen linken Fraktion dabei. Es hat keinen Sinn, mit wahnhaften Antisemiten zu diskutieren. Denen gibt selbst folgende einfache und fundamentale Logik nicht zu denken: Niemand hindert die Palästinenser hier an der Ausübung ihres Demonstrationsrechtes. Auch in Israel wird niemand daran gehindert, gegen die israelische Palästina-Politik zu demonstrieren oder zum Beispiel eine Christopher Street Parade zu veranstalten.
Wer im Herrschaftsgebiet der palästinensischen Terrororganisation Hamas, im Gaza Streifen, eine Demo veranstaltet, in der er den Terror der Hamas fundamental kritisiert oder für die Rechte von Schwulen eintritt, wäre ein toter Mann oder eine tote Frau. Im buchstäblichen Sinne.
Die Sonne kommt raus, ich hör auf zu schreiben, um mir die Laune nicht weiter zu vermiesen. Sonnigen Wochenstart, liebe Leserinnen.