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31.03.2017 – Monika und Gerd Wüstefeld aus Bilshausen

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Monika und Gerd Wüstefeld aus Bilshausen verbringen ihren März Urlaub auf Mallorca seit 23 Jahren immer unter derselben Palme. Jeden Morgen um 6.45 Uhr geht Gerd Wüstefeld vom Hotel Playa Esperanza mit einem Badehandtuch zur Palme, breitet es in einem Geviert aus, dass er zu Beginn des Urlaubs mit vier je 25 cm langen Bambusstöcken absteckt, und geht dann zurück ins Hotel, wo er Gerda zum gemeinsamen Frühstück abholt, welches ab 7.30 Uhr eingenommen werden kann. Nach dem Frühstück packen beide ihr Strandzeug ein, gehen zu ihrer Palme und richten ihre Liege nach Süden. Wenn es regnet, legt Gerd Wüstefeld eine gefaltete Plastikplane aus und beschwert sie je nach Wind mit vier bis sechs circa 1,5 Kilo schweren Steinen, die er zu Beginn des Urlaubs am Strand zusammensucht und am Fuß der Palme deponiert. Mit Regenmänteln bekleidet sitzt Gerd Wüstefeld dann auf einem kleinen rotweiß gestreiften Klapphocker, während Gerda Wüstefeld sich auf der Plastikfolie niederlässt.
Einmal, am 23. März 2002, war das Badetuch verschwunden, als Monika und Gerd Wüstefeld vom Frühstück zu ihrer Palme kamen. Es konnte bis heute nicht geklärt werden, wie das Handtuch verschwand. Es war windstill gewesen, ein plötzlicher Windstoß konnte nicht die Ursache gewesen sein. Monika Wüstefeld hatte einen streunenden Hund im Verdacht, Gerd Wüstefeld vermutete Holländer hinter der Tat, die im benachbarten Hotel Sun Village wohnten. Gerd Wüstefeld blieb die folgenden zwei Tage auf seinem Hotelzimmer. Er fühlte sich unwohl.
Ich beneidete die Wüstefelds. Sie hatten eine Struktur, ein Ziel, eine Bestimmung. Hatte ich anfangs über sie gelächelt, wurde mir später klar, dass man sich die Wüstefelds als glückliche Menschen vorstellen muss.
Wie anders ich dagegen. Ich hatte ein Rad gemietet und auf die fragende Auskunft des Verleihers: „Es ist aber nur ein Damenrad…?“ nonchalant hingeworfen: „Das ist egal.“
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Egal ist auf dieser Welt nichts und mir gerann der Urlaub zur Hölle. Ich bin gewohnt auf Radtouren innezuhalten, sei es, um einen Schluck Wasser zu nehmen, ein Foto oder Video zu machen, Google Maps zu Rate zu ziehen oder einfach nur zu schauen. Wenn ich nicht das Rad komplett an die Seite stelle, bleibe ich im Rad stehen und lasse die Stange des Rades an einen Oberschenkel lehnen. Was aber passiert, wenn da keine Stange ist, weil es sich um ein Damenrad handelt? Das Rad fällt um. Jedes Mal, weil mir diese Handlung wie ein Pawlowscher Reflex eingeschrieben ist, seit Jahrzehnten. Das Rad fällt also mit allen Gerätschaften im Rucksack um, oft in Richtung Straßenmitte und nicht selten auch auf den Fuß oder ans Schienbein. Den ganzen Urlaub lang. An einen sicheren 360 Grad Schwenk mit dem Camcorder ist so nicht zu denken. Jedes Mal züngelte Zorn wie eine rote Stichflamme durch meine Adern. Es geschah sogar, dass ich von einem nahen Haselnuss-Strauch einen Stecken riss und wie von Sinnen auf ein Vorfahrtsschild einhieb.
Ich beneidete die Wüstefelds, wenn ich auf dem Weg ins Hotel an ihrer Palme vorbeiradelte.
An dieser Geschichte stimmt so gut wie gar nichts. Bis auf die Tatsache, dass ich mir das abgebildete Rad ausgeliehen habe. Aber das Foto vom Strand hat mich so fasziniert, dass ich irgendwas damit machen wollte. Obwohl es ein Schnappschuss ist, hat es den Charakter einer ironischen Inszenierung gleich einem Bühnenbild aus einer zeitgenössischen Oper.
Und außerdem wollte ich schon immer mal meiner Heimat Bilshausen ein literarisches Denkmal setzen.

28.03.2017 – Das erste Frühlingsahnen liegt in der Luft

Das macht es mir leicht, Urlaubsfotos zu betrachten, anders als bei minus 10 Grad und Eis und Schnee.
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Bucht bei Cala Rajada, Mallorca. Eine größere touristische Agglomeration, aber wenige Meter jenseits der normalen Touristen-Routen jede Menge kleinere Buchten. Die hat man zu dieser Jahreszeit komplett für sich alleine und kann ungestört dem diamantenen Funkeln der Lichtreflexe auf den sinnlich glucksenden und tanzenden Wellen nachspüren. Da ich ausgebildeter Nato-Kampfschwimmer bin, schwimme ich natürlich auch, trotz eher niedrigschwelliger Temperaturen. Das Anschwimmen startete ich heuer in einer Bucht, wo ein paar Leute lagen, und die in einer kalten Strömung liegt, was ich nicht wusste. Ich tapste in Badehose ans – natürlich menschenleere Wasser – und erstarrte. Die Temperatur war selbst für einen Kampfschwimmer gewöhnungsbedürftig. Aber ein Zurück gab es nicht.
Es waren Frauen am Strand. Völlig egal, welchen Alters oder Aussehens, da bricht sofort der alte Adam durch den dünnen Lack der antrainierten Pseudo-Emanzipation a la „Steh zu Deinen Schwächen“. Blablabla. Frauen wollen Sieger mit Waschbrettbäuchen und keine Kuschellooser. That’s the fact. Chakka.
Das Einzige, was mich in diesen qualvollen Momenten im eiskalten Wasser Mallorcas am Leben hielt, war der wärmende Gedanke daran, dass 99 % aller Männer in meiner Alterskohorte hier schon den raschen Herztod gestorben wären. Ich kam als Held aus dem Wasser.
Und besuchte die Bucht nie wieder. Alle Frauen in der Bucht sonnten sich entweder mit geschlossenen Augen oder lasen in ihren Kindles. Der Wasser-Held stieß auf ungefähr so viel Interesse wie ein umgefallenes Verkehrsschild in Schrobenhausen. Mein Verdacht bestätigte sich mal wieder: Frauen sind die vernünftigeren Wesen. Am Nachmittag mit dem Rad in die Burg von Cap der Pera. Eher ein ganzes Wehrdorf, gegen Korsaren, Piraten, Muslims, eine riesige faszinierende Anlage. Die Insel wurde permanent belagert und erobert. Endgültig ab ca. 1960 von den Ostgoten.
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Burg von Cap de Pera. Wie soll man das verstehen?
Zuhause herrscht wieder der Klassenkampf. Gentrifizierung dräut an allen Ecken in der Hood (Hannover-Linden), in der ich wohne. An allen Ecken? Nicht an allen.
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In Linden-Süd gibt es noch freie Wohnungen. Wenn die FDP das mitkriegt, wird sie wieder sagen: Alles nicht so schlimm. Der Markt regelt das.
Zynismus. Zweifellos. Aber mich treibt die Frage um: wie gehe ich offen und angstfrei mit dem Geschehen aus der eiskalten Bucht um? Welche Konsequenzen hat das für mein Rollenverständnis?
Und wieso fallen in Schrobenhausen einfach so Verkehrsschilder um?!

27.03.2017 – Immer wenn ich die Kloschüssel sauber mache, denke ich an Salat

Wer jetzt Einblicke in Abgründe sexueller Devianz erwartet, wird enttäuscht. 99 Prozent aller Säuberungsaktionen im Haushalt nehme ich mit normalem Essig vor, 29 Cent der Liter. Billiger und nachhaltiger geht’s nicht und riechen tut das Zeug eben nach Salat.
Zum Salat selbst nehme ich dann allerdings eigens angesetzten Himbeeressig. Wenn ich in manchen Bäder Sagrotan sehe, schüttele ich mein weises Haupt. Wie soll da die notwendige Resilienz entstehen. In Krankenhäusern und Altenheimen bin ich allerdings vorsichtig. Türen unauffällig mit Ellenbogen auf und die Desinfektionsflaschen nutze ich da immer. Als ich neulich eine ältere Dame im Seniorinnenheim, wie wir es korrekt nennen wollen, besuchte, fiel mir nach dem Verlassen auf: Ooops, desinfizieren vergessen.
Bevor der böse Noro Virus mich atttackieren konnte, desinfizierte ich mir die Hände mit meinem Ouzo Flachmann, der immer in meinem Rucksack ist.
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Ouzo Flachmann und Tagebuch am Strand.
Ich sass im Zug, das Heim war auswärts. Der Zug war warm, der Ouzo kräftig. Ein intensiver Anis Geruch machte sich breit. Ich war guten Gefühls, der Besuch der alten Dame war mein gutes Werk für heute gewesen. Ich nahm einen kräftigen Schluck und Wohlbehagen breitete sich über Gemüt und Körper aus.
Wohlbehagen breitet sich morgens nicht bei mir aus, eher nackter Hass, wenn ich meine Zahnbürste auf das Zahnputzglas legen will. Früher gab es abgeflachte, regelrecht quaderförmige Zahnbürsten, die konnte man ohne weiteres auf dem Becher ablegen. Heute sind alle Zahnbürsten abgerundet. Wenn man die auf dem Becher ablegt, rollt sie automatisch auf die Unterseite und die Zahnpasta kleckert runter. Wer denkt sich so eine Scheisse aus? Lobbyisten des militärisch-industriellen Zahnpastakomplexes? Dass da die Friedensbewegung mal auf die Strasse geht. Aber nein. Da wird munter für Vietnam und Nicaragua demoliert, Bürger runter vom Balkon, Solidarität mit Vietcong und so weiter und so fort.
Neulich brachte es ein Intellektuellen-Darsteller in einem DLF Interview fertig innerhalb von drei Sätzen viermal den Begriff „Narrativ“ unterzubringen. Auch da quillt Hass in mir empor. Wie ich überhaupt der Meinung bin, dass der liebe Gott die Welt nur geschaffen hat, um mich ständigen Demütigungen, Zumutungen und Mentalpestilenzen auszusetzen. Rex Gildo, ein Schlagerzombie aus Vietcong-Zeiten, beklagte sich am Ende seines Lebens: „Immer nur Hossa, die Leute wollten immer nur mein Hossa. (Sein größter Hit, hier. Bewegen konnte sich der Mann, chapeau).“
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Einer meiner Standards ist die Mauer zwischen Arm und Reich, die gerne von Besuchern, Passanten, Teilnehmern etc. eingerissen wird. Wenn es darum geht, Veranstaltungen kreativ etwas aufzumöbeln, steht die Mauer immer in der ersten Reihe. Ich beklage mich nicht. Der Wurm soll dem Fisch schmecken, nicht dem Angler. Aber es ist schon so, wie ein Freund und Kollege neulich bei der Vorbereitung einer Veranstaltung sagte:
Die Mauer ist dein Hossa.
Das sass wie ein Leberhaken, kurz und schmerzhaft. Im Sommer der Höhepunkt meines Daseins als Mauer-Meister: Die Mauer in dreifacher Version beim Luther Jubiläum in der City von Hannover. Da das Einreissen der Mauer mittels Stand-Up moderiert werden muss, hab ich ein Problem. Wenn ich an den drei Stellen gleichzeitig auftauche, krieg ich Ärger mit der evangelischen Kirche. Die haben es mit Wundern nicht so. Andererseits würde das bei den Katholen meine Chancen auf Seligsprechung erhöhen.
Was mir ganz klar zusteht. Amen.

26.03.2017 – Meine revolutionäre Woche

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Bühnenbild von der Premiere der Revolutionsrevue „1917“ am 25.03 von Tom Kühnel im Schauspielhaus Hannover. Ich fand’s schwach, der erste Teil endlos ausgewalztes Familiendrama um die Zarenfamilie, am Ende öder Videostremel um Lenins Tod, davor paar starke Bilder und Momente um das wesentliche Thema: Revolution. Das hat mir gefallen. Und dass Gedichte des von mir hochverehrten Wladimir Majakowski vertont zum Vortrag kamen, das war einfach schön.
Auf die Kritik der Bürgerpresse bin ich gespannt, bei keinem Thema hängt ein ästhetisches Werturteil so stark von der ideologischen Disposition des Urteilenden ab wie beim Thema „Revolution“ in der Kunst. Ein paar Gewerkschafter und Linke hingen auch da ab. Mit Einem hatte ich ein paar Tage vorher zu tun, den pflaumte ich in der Pause an: „Bist Du aus Neigung oder Pflicht hier?“ Er: „Ich hatte gehofft, wir kommen hier etwas besser weg.“ Gute Antwort.
Der Sekt bei der Premierenfeier war schrecklich, klebrig-süße Plörre. Ein echter Revolutionär trinkt nur extra-brut! Revolution, Stil, Niveau und Distinktion schliessen sich nicht aus. Das sollte sich auch beim politischen Theater mal rumsprechen. Ich hing mit meiner Gang bis zum Schluss bei der Feier ab, und bin jetzt hundemüde, müßte eigentlich Osnabrück vorbereiten.
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Osnabrück. Ein weiterer revolutionärer Akt von Basisarbeit. Schön der Magnet, der das Plakat an meinem Kühlschrank fixiert. Geschenk einer früheren Bekannten zum Thema „Alle Männer sind Radfahrer.“
Vorhin zum Aufmuntern im Deutschlandfunk Feature zum „Kapital“: Wert und Anti-Wert – Krisen sind immer überall möglich. Wem sagen die das. Ich krieg dauernd ne Krise, wenn ich den Berg Arbeit vor mir sehe und den in Relation zur verbleibenden Lebenszeit setze, die ich besser mit Exzessen und Gelagen nutzen sollte. Der Wert-Begriff ist allerdings zentral. An dem ist die Ostzone und der Rest -Osten letztlich abgekackt, weil die vom Wert keinen Begriff hatten. Die hatten für ihre Heizungen z. B. keine Thermostaten, die haben die Zimmertemperaturen mit den Fenstern geregelt, auf und zu. Meistens auf. Aber wegen Mallorca Reisen eine Konterrevolution starten … so wird das nichts mit der Emanzipation des Menschen.
Nach dem Feature dröhnt mein Kopf noch mehr. Grau, teurer Freund, ist alle Theorie, grün ist des Lebens Baum. Oder so ähnlich.
Angefangen hat meine revolutionäre Woche mit der Veranstaltung „Wie viel braucht der Mesnch zum Leben?“ In der Nacht aus dem Urlaub zurück und dann Moderation bei einer Veranstaltung, bei der im Vorfeld jede zweite Tretmine hochging, die bei Organisation irgendwo schlummert.
Die Veranstaltung war der Auftakt zum Versuch, prekäre Menschen via Infotainment und Aufklärung zur Selbstorganisation und zum Widerstand zu motivieren. Martin Schulz alleine wird’s eher nicht richten. Die Veranstaltung war ein toller Erfolg, ein excellenter Bericht der Kollegen von der Freistätter Online Zeitung (Danke, Jungs) ist hier.
Das Fazit meiner revolutionären Woche: Ich bin schon wieder urlaubsreif.
Und meine weiter bestehende Einsicht, dass beim aktuellen Kopf- und Gemütszustand der hiesigen Revolutionäre der liebe Gott uns vor revolutionären Umtrieben schützen möge.
Ganz schlechter Zeitpunkt!
Aber wir Arbeitern dran.

19.03.2017 – Test

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Ich sitze gerade bei einem Glas Wein am Meer und habe nichts besseres zu tun, als zu testen, ob ich diesen Blog auch mit meinem smartphone pflegen kann. Klappt offensichtlich und ganz so von der Sonne hirnverbrannt ist der Testlauf nicht. Wenn wir erst mit dem Urinal von duchamps zu Fuß zur documenta pilgern, muss das sitzen. Ich schlepp doch nicht zusätzlich ein Netbook da mit!
Aber musste der Testlauf ausgerechnet am letzten Urlaubstag sein. …
Doch zuviel Sonne
Und ab morgen wieder Regen und Stress. Seufz. Hoffentlich hab ich im Lotto gewonnen.
Andererseits : würde ich mit 500.000 Ocken Gewinn irgendwas anderes machen? Das wäre die Attitüde des Spießers. Das denn doch nicht. Jetzt noch Blog speichern und dannen noch einen Wein. 20170318_131008

12.03.2017 – Polaroid und die Arbeitslosen von Marienthal

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Bild vom Bild vom Bild.
Das auf dem Tisch ist ein Polaroid von dem Moment, wo das famose Kollektiv der verdienten Kulturschaffenden die zündende Idee für die fünfte Ausgabe der NETZ – Niedersächsische Teilhabe-Zeitung hatte. Von diesem Polaroid mache ich gerade, wie man im Bild sieht , ein Foto mit meinem Smartphone. Diesen Moment wiederum halte ich, wie man im Bild sieht, mit meiner Lumix Kamera fest. Das ist ein metamedientheoretischer Geniestreich und sieht auch praktisch drollig bis verwirrend aus. Das Bild stellt die grundlegende Frage: Wie nehmen wir unsere Wahrnehmung wahr?
Der Fortschritt ist eine Schnecke, die mit Vornamen Sysiphos heisst. Die Landesarmutskonferenz unterstützt eine neugegründete Initiative von Menschen in unterschiedlich prekären Lebenssituationen: Die Gruppe Gnadenlos Gerecht. Die Gruppe hat in wenigen Wochen eine Veranstaltungsreihe ins Leben gerufen unter dem Motto: Wie viel braucht der Mensch zum Leben?
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Auftakt ist am 21.03.2017. Details hier.
Die Gruppe hat extrem viel Potential, früher, noch vor der Zeit des Polaroid, also quasi in der Steinzeit, hätte man gesagt: eine Kaderorganisation. Die Hälfte der Mitglieder sitzt für verschiedene Parteien in kommunalen Parlamenten, hat hohe Organisationskompetenz, kennt sich in Sozialgesetzbüchern aus, produziert excellente Ideen für Öffentlichkeitsarbeit und geht auch dahin, wo es schmutzig ist, mit Flyern zur Werbung in Kneipen, Geschäften, etc. Wenn diese Gruppe ein Massstab für den Organisationsgrad und das politische Potential der Prekären in der BRD wäre, dann: Revolution ante portas. Es gibt 13 Millionen Arme, 25 Prozent aller Beschäftigten arbeiten im Niedriglohnsektor mit weniger als 9,50 Euro Stundenlohn, die Ausnutzung der Beschäftigten in der Fleischindustrie in Niedersachsen ist nichts weniger als flächendeckend organisierte Kriminalität. Ich schätze, dass ca. 20 Millionen nicht zur „Mitte“ der Gesellschaft gehören. Also genügend Potential für emanzipatorische Veränderungen, jenseits von Schulz und Agneda 2010 revisited?
Die Studie „Die Arbeitslosen von Marienthal“ von 1933 ist ein Klassiker der soziologischen Empirie und jeder, der den Begriff „soziale Bewegungen“ nur richtig buchstabieren will, sollte davon gehört haben. Die Studie weist nach, dass Arbeitslosigkeit nicht revolutionären Geist produziert, sondern Resignation, Frustration, Isolation. Was immer sich damals die KPD, später Marcuse und danach die Philosophie-Protagonisten der Prekariats erhofften, es wird keine soziale Bewegung davon und damit geben, im Sinne der Arbeiter-, Frauen – oder Ökobewegung. Auch heute und erst recht nach über 10 Jahren Hartz IV sind nur wenige Ausgegrenzte für Selbstorgansiation mobilisierbar und auch die sind mitunter kaum noch kommunikations- und kooperationsfähig, mit einer minimalen Frustrationstoleranz.
Die Wut richtet sich im Zweifel nicht gegen „die da oben“, sondern gegen noch Ausgegrenztere wie Flüchtlinge und richtet als Kollateralschaden im günstigsten Fall mitunter Chaos und Konfrotation in den eigenen Reihe an.
In summa bin ich mal wieder urlausreif und setze mich für eine Woche in den Süden ab und mein Wunsch wird immer stärker, alles mal für ein Jahr hinzuschmeissen und ein Sabbatical in Berlin einzulegen.
Alles eine Frage der Wahrnehmung, von Polaroid bis Marienthal.

08.03.2017 – Armut hat ein Gesicht und das ist weiblich, und ich mache mich nicht lächerlich.

Über 90 Prozent aller Alleinerziehenden sind weiblich und von denen sind fast 50 Prozent von Armut bedroht, in sozialen Brennpunkten über 80 Prozent. Frauen verdienen 23 Prozent weniger als Männer, in Führungspositionen der Wirtschaft sind sie grotesk unterrepräsentiert. Und in akademischen Genderzirkeln machen sich verbeamtete Gleichstellungsbeauftragte einen Kopf darüber, wie viele Geschlechter es nun gibt. Das ist ein Witz.
So ähnlich würde ich am heutigen Frauentag schreiben, wäre ich eine Frau. Bin ich aber nicht. Also schreibe ich obiges nicht. Nichts ist alberner als ein Mann, der sich zum Gralshüter eines politischen und damit ökonomisch grundierten Feminismus aufschwingt.
Die Causa wird aber dann zu einem Diskussionsgegenstand, wenn das verantwortliche Kollektiv der NETZ – Niedersächsische Teilhabe Zeitung eine neue Ausgabe herausgeben will, in der das Thema Frauen-Armut eine Rolle spielen soll – und das Kollektiv besteht aus drei Mackern. Im Herbst soll die NETZ Nr. 5 auf den Markt kommen und neulich war erste Redaktionssitzung. Die drei Macker-Herausgeber sind miteinander befreundet und insofern finden die Sitzungen immer abends statt, unter Zuhilfenahme stärkender Nahrung und geistiger Getränke, die Sitzungen sind immer extrem produktiv, aber selten rein themenzentriert und niemals scherzfrei.
Es ist eine komplett andere Arbeitsweise als in klassischen Jobzusammenhängen, in denen ich groß geworden bin.
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Klassische Jobzusammenhänge – mit Stempeluhr.
Die Sitzung plätscherte inhaltlich so vor sich hin, sieht man (!) mal von der Frauenfrage ab, die ja in Wahrheit eine Männerfrage ist. Ist aber auch kein Problem, wir holen eine Quotenfrau als Co-Herausgeberin ins Boot. Ansonsten ist die 5. Ausgabe einer Zeitung schon weitgehend Routine und die NETZ ist eine anerkannte sozialpolitische Stimme im Lande, die sowohl von Betroffenen akzeptiert wird als auch in Jobcentern ausliegt. Wohlfahrtsverbände und das Land sind jederzeit willig, das Projekt zu finanzieren, ohne das auch nur ansatzweise Einfluss genommen wird, bei uns kriegt jede Autorin Honorar und wenn wir Acquise betreiben würden, könnten wir via Anzeigen selbst ganz ordentlich was dran verdienen. Da wir alle aber genug Erwerbsarbeit am Hacken haben und nicht auf noch mehr Kohle angewiesen sind, lassen wir die NETZ so, wie sie ist: Ein bundesweit einmaliges Projekt. Auch die Tatsache, dass wir mit der Herbstausgabe direkt in den hiesigen Landtagswahlkampf intervenieren, riss uns emotional nicht vom Hocker. Klar, das Herz schlägt links und unser aller Verachtung gehört der AfD und allen Rassisten, aber man soll so eine Zeitung und unsere Einflussmöglichkeiten nicht hochsterilisieren, sooo wichtig sind wir nun auch nicht.
geht noch - nach 30 Jahren im Keller
Die Stimmung kippte in dem Moment, wo ich meine unlängst nach 30 Jahren im Keller wiedergefundene Polaroidkamera präsentierte, die auf Anhieb noch funktioniert. Es dauert eine geschlagene halbe Stunde, bis das Foto fixiert ist und man was erkennen kann, in gruseliger Qualität. Und jedes Foto kostet drei Euro. Aber dieses kollektive Warten darauf! Es war wie Kindergeburtstag und Karneval zusammen. Etwas war völlig aus der Welt gefallen und wir waren Teil davon. Am Morgen danach dachte ich nicht an das grandiose NETZ Projekt, ich dachte an diese alberne verstaubte Polaroid.

05.03.2017 – Seltene Aufnahmen vom Tod eines Betriebssystems.

Ich bin kein Technikfreak. Das Innenleben eines Computers interessiert mich nur unwesentlich mehr als die Funktionsweise des Otto-Motors. Gibt es den überhaupt noch? Beim Otto-Versand? Und sind Anhänger des Otto-Motors Ottomanen? Ich arbeite seit Jahrhunderten mit Windows XP. Ist halt so ähnlich wie ein VW Käfer: uralt, es gibt kaum noch Ersatzteile (?), aber es läuft und läuft …Also bin ich zufrieden gewesen. Bis neulich.
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Der Tag, an dem XP starb ….

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Bei welcher Windows Installation möchten Sie sich anmelden? Gibt es eine mit Namen „Leck mich am Arsch, Computer, und mach Deinen Dreck alleine!“?
Früher konnte ich bei so was immer irgendeinen Technikhilfsknecht anrufen, vulgo „Firmen System-Administrator“ und sagen: „Mach das mal wech da, Nerd“. Aber bei Home-Office? Da kann man dankbar sein, wenn man so was wie den Freund und Kollegen Andreas hat, für den so was ähnlich leicht zu lösen ist wie für unsereinen ein paar gelungene Jamben und Daktylen über Eos. Die Morgenröte. Nicht zu verwechseln mit dem Gott Eros, der mir neulich durch den Kopf ging, als ich dem PC Stress entfleuchte und in der City fürbass wandelte. Das tue ich extrem selten, ich hasse die hiesige City, die so abwechslungsreich ist wie das Hotelfrühstück bei Ibis und so unterhaltsam wie das ZDF. Aber ich dachte mir halt, ich hab Frust, also kauf ich mal was. Mir fiel aber nichts ein, ich flanierte durch ein Kaufhaus und kam mir vor wie ein Vollidiot. Ich fiel in eine Art Trance, Tran trifft es wohl besser, und erwachte aus diesem somnambulen Zustand erst, als ich mich in der Miederwaren-Abteilung erwischte. Inmitten lauter zauberhafter Bustiers, Hüfthalter und Korselettes. Hossa, alter Schwerenöter, dachte ich, ist’s Eros, der Dich leitet, nicht Melpomene?
Um nervigen Diskussionen mit mir selbst aus dem Weg zu gehen, lenkte ich meine Schritte, präzise gesagt: war es eine Rolltreppe, die mich lenkte, in die Duftabteilung. Das mache ich gerne, wenn ich schon mal in der City bin, mich eindieseln, neue Aromawelten entdecken. Mein Auge fiel auf einen der ersten etwas kostspieligeren Düfte, die ich mir vor Jahrzehnten gönnte, jenseits von Pitralon und Sir.
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Lagerfeld classic, Eau de Toilette.
Potzdonner, dachte ich, gibt’s den immer noch? Ist irgendwie das XP unter den Düften, uralt, funktioniert aber noch. Nix Großes, etwas pudrig-aufdringlich, der Chardonnay unter den Duftwässern, ausgeprägte Kaffee- und Moschusnote, trotzdem androgyn. Auf keinen Fall vor 17 Uhr auftragen, passt zum Smoking, aber nicht zur Teatime. Wer das bei einem Rendezvous aufträgt, signalisiert: Ich will’s wissen.
Mein Lieblings-Duft im Moment ist Fahrenheit. Ich kaufte eine Pulle Lagerfeld, froh, meiner Pflicht als Konsument genügt zu haben und radelte nach Hause, Windows 7, 8, oder 10 oder 68 oder was auch immer entgegen.
Von XP über Hüfthalter zu Fahrenheit …. im Nachhinein war der Tag interessanter, als er sich während des Erlebens angefühlt hat. Auch solche Wahrnehmungen sprechen für die Existenz dieses Blogs, zumindest für mich.

25.02.2017 – Ich hab noch Sand in der Kamera aus Mallorca.

Ist da jetzt der Sand oder die Kamera aus Mallorca? Die Frage, was woher kommt, stellte sich schon beim Bata Illic Song „Ich hab noch Sand in den Schuhen aus Hawaii“.
Bei mir ist die Kompaktkamera von Panasonic, der Sand aus Mallorca, aus der Bucht von Cala Vicenc, letzter November, und er ist da, wo er nicht hingehört, im Zoomgewinde. Shit resp. Sand happens. Ich brauchte also eine neue Kompaktkamera, klein genug, dass sie in die Hosentasche passt, aber besser als die gruseligen in den Smartphones. Ich hab ein uraltes Android mit einer Kamera, mit der man vielleicht die Ergebnisse auf Flipcharts dokumentieren kann, die aber sofort über ihren Grenzbereich geht, wenn es halbdunkel wird oder man zoomen muss. Diese Dinger zoomen nur digital, dass heißt, sie rechnen das Bild einfach größer, holen das Objekt aber nicht näher ran.
Das brauch ich aber für meine Art der Fotografie. Die Ergebnisse meiner neuen Kamera bei Zoom in diffusem Licht können sich sehen lassen.
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Distanz

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Zoom.
Das ist für eine Kamera ohne Tele für deutlich unter 300 Ocken ordentlich. Der Süden kann also kommen, egal ob Mallorca oder Algarve – Hauptsache Italien!
Das könnte mir eigentlich die Krankenkasse bezahlen, als Kur. Ich bin immerhin so angeschlagen und neben der Kappe, dass ich bei der Moderation der Release-Feier des Cameo Magazins Nr. 3 „Ankommen“ kein Gespür dafür hatte, ob ich den Job ordentlich mache. So was merke ich normalerweise nach drei Sätzen. Soll aber ok gewesen sein laut Feedback bei der Party hinterher im Lux. Erst fühlte ich mich da völlig deplaziert, Durchschnittsalter 25 – 30, und außer dem Reaktionskollektiv kannte ich da kein Schwein.
Aber dann war es doch ganz nett, ich lernte eine Location kennen, in die ich sonst nie gekommen wäre, es war eine sehr entspannte Atmo und die Band war mit Akkordeon, was mir als Cajun- und Zydeco Afficionado besonders gefiel. Ich blieb bis weit nach 22 Uhr. Und machte ein paar Fotos. Smartphone Kamera.
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Gruselige Qualität. Aussagekraft annähernd null, außer: ich war da.
Die DJs aus Berlin hatten laut Veranstalter Zeit bis 9 Uhr. Das fand ich nun wieder ärgerlich. Hätte ich das vorher gewusst, hätte ich mir den Abend geschenkt und wäre nach dem Frühstück da hin, gegen 6 Uhr. Ist ja nur zwei autonome Steinwürfe von mir weg, die Location.
Aber es war auch so sehr nett. Und das Cameo Projekt ist einfach der Hammer. Wir arbeiten
seit 2015 mit denen zusammen und ich bin gespannt, was daraus noch wird.

22.02.2017 – Eiter, Kot, Geschwüre

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Wer um Himmels Willen macht solche Fotos und wer nimmt die ab mit welchem Ziel?
Das Bild sehen, Rad rechts ran, und kotzen ist eins. Kotzen ist gelogen, aber Foto hab ich natürlich gemacht. Leben wir wirklich in einer Zeit, wo ein derartig ekliges Foto, das noch freien Raum zum Assoziieren in Richtung Sperma und faulige Hautlappen lässt, zum Essen animiert oder ist das einfach unfassbar unprofessionell? Lebensmittelfotografen sind hochspezialisierte Fachleute, ein gut fotografierter Weinkatalog z. B. ist Poesie in Bildern.
Wer am Wochenende zu späterer Stunde offenen Auges durch die Stadt radelt, sieht Millionen von Radkurieren von foodora, eine explosionsartig vermehrte Seuche. Und alle haben so was wie auf dem Foto im Gepäck. Das sind Zeichen für den nahenden Untergang des Abendlandes. Das stützt meine These der Dialektik zwischen ästhetischen Zeichen und politischem Verfall. Eine Gesellschaft, in der solche Zeichen offensichtlich auf flächendeckende Akzeptanz stoßen, ist natürlich auch anfällig für Trump und dessen Politikersatz „Mob der Mitte“.
Ich war bei der Entdeckung oben auf der Fahrt zu einem Termin und war in dem Fall dankbar, dass ich in Hannover wohne und nicht in Berlin. In Hannover sind fast alle Organisationen, mit denen ich zu tun habe, in einem Radius von zwei Kilometern beheimatet. Für Kulturorte gilt ähnliches. Wollte ich in Berlin z. B. von der Galerie Körnerpark in Neukölln zur Kunsthochschule Weißensee, weil da jeweils interessante Ausstellungen sind, würde ich mir einen Wolf radeln, mindestens eine Stunde entlang verkehrsgetränkter Magistralen. Auto in Berlin kannste vergessen, Männeken. Und ÖPNV muss auch nicht sein.
Gerade wenn man kränkelt, ist man für so überschaubare Dimensionen wie in Hannover dankbar. Das waren noch Zeiten, früher, wenn man da krank war als normaler Angestellter, griff man zum Hörer und meldete sich von der Arbeit ab, schlimmstenfalls per gelbem Schein. Zur Erinnerung für alle Nachgeborenen: Lohnfortzahlung im Krankheitsfall ist nicht vom Himmel gefallen, das haben Gewerkschaften erkämpft. Was aber bei den prekären Arbeitsverhältnissen heute immer weniger zum Tragen kommt. Bei meinem Home-Office kräht doch auch keine Henne danach, ob ich maladiere.
Wenn man dann noch solche Fotos wie oben sieht, wird man zum Misanthrop. Aber vielleicht bin ich auch einfach zu sensibel für diese Welt. (Das ist übrigens ein Stilmitel dieses Blogs: Jeden Eintrag mit einem Witz beenden.) Trotz allem bleibt Berlin die geilste Stadt der Welt und wenn ich wieder zurück sollte in ein Angestellten-Dasein, würde ich mir die Kugel geben.
Eis-Kugel, beim Blaumachen im Körnerpark.