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22.12.2016 – SCHUPPEN 68 Prozent Rabatt.

Gleich dem Sixshooter des Gunman im wilden Westen ist mein Fotoapparat immer schussbereit. Ich brauche Bilder als visuelles Tagebuch, als optischen Notizzettel, zur Anregung, zum dokumentieren, so wie ich die Buchstaben zum Schreiben brauche. Das Leben ist auch wie ein Film und ein guter Film ist es wert, mehr als einmal betrachtet zu werden. Fotos sind der Grundbestandteil eines jeden Films. Früher bestand die kleinste Einheit des Films aus 24 Bildern in der Sekunde. Godard hat mal sinngemäß gesagt, man macht einen Film, indem man ein Foto macht, dann noch eins und noch eins und am Ende hat man einen Film.
Und jetzt ist meine Lumix immer noch in der Reparatur und ich bin immer noch auf die reduzierte Smartphone Knipserei angewiesen. Manche Fotos, gerade im Dunkeln, mache ich da erst gar nicht. Aber diesen Kommentar zur gesellschaftlichen Entwicklung habe ich dann doch festgehalten.
Die Zahl „68“ übt offensichtlich auch auf Schnäppchenjäger eine magische Faszination aus.
schuppen 68 prozent rabatt
Auslauf Modell. Was läuft denn im Moment so alles aus?
Das „soziale“ aus der Marktwirtschaft, das „offene“ aus der Gesellschaft, das „freiheitliche“ aus der Demokratie?
Eins nach dem Anderen? Ich möchte nicht wissen, wie unsere Gesellschaft reagiert nach zwei, drei weiteren Anschlägen wie in Berlin oder gar Nizza.
Soll ich beruhigt darüber sein, dass bei den Wahlen im Bund im September oder in Niedersachsen im Januar 2018 „nur“ 10 Prozent AfD wählen werden? Das rassistische und antisemitische Potential liegt wohl eher bei 30 Prozent, ohne Rabatt, und wenn man die Volksgenossen nicht länger mit sozialen Leckerlis bei Laune hält, braucht’s jede Menge Sündenböcke, um abzulenken.
SCHUPPEN 68 Logo
Der SCHUPPEN 68 hat ein schönes Logo,eine Homepage, eine Parteien-Satzung, einen Auftrag, etc. pp, alles, was man in Deutschland so braucht, nur eins fehlt noch:
ein Maskottchen, ein Wappentier. Wie in der Bundesliga. Eintracht Frankfurt hat einen Adler, Wolfsburg einen … (raten Sie mal, es ist kein Luchs!) und Köln einen Geißbock.
Wie wäre es mit einem Sündenbock?
Ich hatte mal eine Patenschaft in hannöverschen Zoo für eine INSR (Indische Nackt Sohlen Rennmaus). Das wär doch mal ne Maßnahme, eine Patenschaft im Zoo für einen Sündenbock zu übernehmen, der dann, je nachdem woher der Wind gerade weht, ein Mäntelchen umgehängt kriegt, auf dem die jeweilige gesellschaftliche Gruppierung vermerkt ist, die gerade dran ist.
Aber da hat man sofort die Tierschützer auf dem Hals.

21.12.2016 – Toast Hawaii in Zeiten des Verfalls.

rackebrandt
Speisekarte Gastwirtschaft Rackebrandt, Hannover-Linden. Inmitten eines Haufen austauschbarer alternativer Szene-Sauf-Schuppen eine von drei übriggebliebenen Schänken in diesem ehemaligen Arbeiterviertel, die eine Tradition haben.
Vegetarier aller Länder, das peinigt Euch. Und wo gibt es noch Toast Hawaii!? Die Speisekarte wurde in den frühen Siebzigern des vorigen Jahrhunderts da reingehängt und nie wieder aktualisiert. Eine Oase des Innehaltens und Durchatmens, aber erst seit Rauchverbot da ist. Vorher konnten man in solchen Läden keine 5 Meter weit gucken.
Ach ja, das waren noch Zeiten. Seufz.
Und was für welche: Die Siebziger werden in der Soziologie als das „Goldene Zeitalter des Kapitalismus“ bezeichnet, hohe Lohnzuwächse, massiver Ausbau des Sozialstaats, Frauen und Schwule erhielten langsam einen zumindest Menschenrechtsähnlichen Status – offiziell. Vorher gab es die Phasen „Wiederaufbau“ „und „Wirtschaftswunder“. Danach, ab Mitte Achtziger „Stagnation“, gefolgt von „Spaltungen“. Da sind wir im Moment drin. Die dystopischen Varianten einer zukünftigen Entwicklung sind „Verfall“ und letztlich „Chaos“ oder auch „Barbarei“. Was man im Weltmaßstab bereits jetzt vielfach „bewundern“ kann.
Angesichts der aktuellen Entwicklung, Brennglasgleich zu beobachten nach dem Anschlag von Berlin, kommen die üblichen hilflosen Reaktionen: Pure Niedertracht vom Mob, egal ob mit weißem oder gar keinem Kragen, vom Mainstream der Schrei nach mehr Sicherheit, Abschiebung, Überwachung und vom Rest des aufgeklärten Bürgertums der Ruf nach „Ausgewogenheit“.
Da kann man nur dankbar sein, dass es keine nennenswerte Linke mehr gibt, die einen mit geballter Faust zum Klassenkampf nervt. Dafür wäre eine rote Pappnase das passende Dekor.
Wir halten was aus. Kein Problem, auch unsere dem Freiheitsideal anhängenden wohlhabenden Gesellschaften westlichen Zuschnitts halten viel aus, siehe Israel, das seit Jahrzehnten vom wachsenden Vernichtungsfuror durchgeknallter faschistoider Hamas- und anderer Banden bedroht wird.
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Aber irgendwann sehe ich mich schon als Opa im Schaukelstuhl sitzen und der staunend lauschenden Schar meiner Neffen (nein, nicht Tick, Trick und Track, sondern Chris und Matze)) von sanftmütigen Zeiten was vorschwadronieren, als sich der Chor Teutonia und der Lindener Männer Gesang Verein (keine Frauen und Schwule) von 1866 im Gründungslokal des Bundes Deutscher Philatelisten zur Ausübung des Gesangshandwerks bei Toast Hawaii und Cordon Bleu trafen. Und so sicher wie das Amen in der Kirche kommt dann von mir zur Ergötzung der Jugend mein Klassiker:
Deutsche Philatelisten
Mörder und Faschisten.

20.12.2016 – Der 3. Weltkrieg kommt nach Europa – Bist du bereit?

der 3. Weltkrieg kommt nach Europa
Der 3. Weltkrieg kommt nach Europa – Bist du bereit? Aus meinem Spamordner. Ich wünsche nicht von Creti und Pleti geduzt zu werden, ich kann mich nicht erinnern, mit dem Spam-Absender mal zusammen Schweine gehütet zu haben oder dergleichen. Abgesehen von der Impertinenz dieses „Du“ geht das halluzinierte Schreckensszenario auch am wahren Horror vorbei. Der besteht darin, dass der Krieg schon lange in den Köpfen angekommen ist.
Russischer Botschafter in Ankara erschossen, Verletzte und Toter nach Schiesserei in Zürich, 12 Tote nach LKW Anschlag auf den Weihnachtsmarkt in Berlin, das sind die Schlagzeilen eines Tages. Die nächsten Tage werden zeigen, ob die Motive in jedem Fall islamistisch grundiert sind.
Tatsache bleibt, dass der Islam anders als die monotheistischen jüdischen und christlichen Religionen keine Phase der Aufklärung durchgemacht hat und bis in den Mainstream hinein von einem missionarischen Alleinvertretungsanspruch dominiert wird. (Komisch, dass die Missionarsstellung sich auch unter Atheistinnen noch so großer Beliebtheit erfreuen soll.) Das hat Konsequenzen. Auf den globalen ökonomischen Terror des Kapitalismus als Ursache von Elend und Verzweiflung gehe ich hier nicht ein. Der Blog ist kein Politik-Oberseminar. Der Krieg ist also schon lange hier. Wir in den westlichen Metropolen haben nur das Glück der zufälligen Geburt, dass er bei uns nicht so aussieht wie in Aleppo. Wenn ich bedenke, was für ein Schwein ich habe, zufällig als nichtbehinderter weißer Mann in Mitteleuropa geboren zu sein, dazu noch in einer Familie, die mir eine excellente Ausbildung ermöglicht hat, da kann ich nur sagen:
„Lieber Gott, ich danke Dir, und nimm es mir bitte nicht übel, dass ich Atheist bin.“
weihnachtsmarkt cannabis
Ich hatte mit Weihnachtsmärkten meinen Frieden gemacht. Hier der auf dem Küchengarten im alternativen Linden (Hannover). Ich hänge mittlerweile sogar ganz gerne da ab, es riecht ganz anders als sonst, die Menschen sind meist gut gelaunt und nüchtern, und es gibt jede Menge komische Impressionen.
weihnachtsmarkt met
Wir trinken viel Met, bis keiner mehr steht. Mit Eierpunsch und Sahne.
Liebe Leserinnen, ich wünsche Ihnen ein friedliches und entspanntes Weihnachtsfest und falls Sie Besuch erwarten, stellen Sie Met beiseite und lieber Sekt kalt.
Aber ich schreib bestimmt noch was in diesem Jahr in diesem Blog. Schauen Sie also ruhig mal wieder rein. 110.000 Leserinnen („Visits“ heißt das in der Sprache der Klicks) im zurückliegenden Jahr können nicht irren. Schönen Dank noch mal an dieser Stelle fürs Lesen.
Ich würde den Blog auch für mich alleine schreiben. Aber bei so vielen Leserinnen geb ich mir schon mehr Mühe.

15.12.2016 – Panzer für den Strassenverkehr

Den Schädel hat die Evolution geschaffen, um das Hirn vor Außeneinwirkung zu schützen. Früher zum Beispiel vor dem Biss des Säbelzahntigers. Heute offensichtlich vor Gedanken.
Dass die Menschheit offensichtlich eine Bande von hirnreduzierten Höhlenbewohnern ist, zeigt ein Blick vor die Haustür und zur Not in die Zeitung. In der Zeitung steht, dass die PS-Größe der Autos in den letzten Jahren drastisch zugenommen hat und die SUVs enorme Zuwachszahlen haben.
suv
Blick vor die Haustür. Wer braucht Autos in der Innenstadt und wer braucht solche SUVs?
Vorzugsweise Männer und vermutlich solche, die keinen mehr hochkriegen. Mir ist das egal. Nein, nicht das mit dem Hochkriegen, das war nur eine billige Pointe unter jene Linie, die das Nullniveau von Satire kennzeichnet, nämlich die Gürtellinie. Egal ist mir die Tatsache, dass durch die Existenz solcher durchgeknallten ressourcenverbratenden Schlitten sich das Ende der Zivilisation, wie wir sie kennen, beschleunigt. Ich erlebe das nicht mehr, nach mir die Sinnflut (Achtung! Pointe!! Geistreich!!!). Die Existenz solcher Autos zeigt nur, wie minimal Fakten und Aufklärung auf das Bewusstsein und auf den Stand der Ethik Einfluss haben. Viele dieser SUV Besitzer haben Kinder und werden diesen durch ihr Handeln den Planeten in einem noch erbärmlicheren Zustand überlassen, als er eh schon ist. Die Generation der Erben, das kriegt dann einen ganz anderen Beigeschmack. Und dann beklagen sich solche Troglodyten, dass die Strassen und Parkhäuser zu klein sind. Schöner Witz für mein nächstes Kabarettprogramm: „Fahren zwei SUVs aneinander vorbei …“ Hat da jemand gesagt, diese Autos sind sicherer? Dann mein Vorschlag: Panzer für den Straßenverkehr zulassen.
Der Schädel ist bekanntlich rund, damit die Gedanken auch mal die Richtung ändern können. Aber wenn in den letzten 300 Jahren keine neuen Gedanken dazugekommen sind, wozu braucht’s dann noch den Schädel?
Gut, dass wenigstens ich die Weisheit mit Schöpfkellen gefressen habe und das hier Beschriebene ist ja mehr zum Schulterzucken im Vergleich zu dem Fundstück hier, dass wirklich traurig macht und real bedrohlich ist.
karre
Deutschland, Deutschland über alles.
Der Besitzer dieses Karren dürfte mit irdischen Gütern nicht reich gesegnet sein und verdient seinen Lebensunterhalt vermutlich mit dem Sammeln von Flaschen, Buntmetall und ähnlichem. Eine prekäre Existenz. Die ihr Heil in der Nation sucht.
Na dann: Heil.

08.12.2016 – Belinda, lass mich auf Dein Lustfeld.

belinda lustfeld
Belinda Lustfeld, Elite Nageldesign. Das Design des Firmenlogos erinnert mich eher an Mord und Totschlag oder an Twipsy, das Logo der EXPO 2000 in Hannover
twipsy
Twipsy, Urinfleck eines nierenkranken Hundes im Schnee oder Werbung für mehr Inklusion?
Ich bin mit meiner Kompaktkamera auch als Ethnologe unterwegs. Ich dokumentiere Veränderungen bei den Eingeborenen in meinem Umfeld, im Belinda-Lustfeld-Fall im Nachbarviertel Limmer, in dem auch schon das grässliche Medusenhaupt der Gentrifizierung seine Fratze zeigt. Aktuell besitze ich eine Lumix, in deren Zoomgewinde leider Sand vom letzten Strandurlaub geraten ist. Smartphones können Kompaktkameras nicht ersetzen, die haben nur einen digitalen Zoom und der ist eine rein rechnerische Größe, das hat nichts mit dem klassischen „Näher-ran-holen“ zu tun. Im Moment fühle ich mich regelrecht nackt, wenn ich unterwegs bin, nur mit so einer dämlichen Smartphone Kamera bewaffnet.
Abgesehen von Twipsy denke ich manches Mal gerne an die EXPO. Ich war da für ein Projekt verantwortlich, bei dem ich schon vor der Eröffnung auf das streng abgeschirmte Gelände durfte.
expo baustelle
EXPO Gelände – vor der Eröffnung
Einzigartige Einblicke, hab ich auch auf Video. Analog. Was für Koffer die Camcorder damals waren. Das Material archiviert auf Band-Kassetten. Wenn man keinen Kassettenrekorder mehr hat, ist das Zeug für die Tonne. Ich hab einen Double Player, zum umkopieren. Ist aber auch für die Tonne, weil ich für so was gar keine Zeit habe. Später mal, im Altersheim.
Ob meine Kohle dann dafür reicht, mir Belinda Lustfeld zu bestellen, um meine Elite Nägel zu designen?
Die EXPO hat der Region hier einen excellenten ÖPNV gebracht, Druck aus der Wohnsituation genommen durch ein komplett neues Viertel am Kronsberg und sechs Monate lang Party. Nicht für alle.
spd
Die arme SPD kriegte wieder ihr Fett weg von meinen linksradikalen Genoss_innen. Von Beiden ist nicht mehr viel übrig geblieben.
Schade. In Zeiten des grassierenden Mobs wäre jeder Widerstand sinnvoll. Ob ich nun diesen Blog hier vollkritzele oder sich Belinda im Lustfeld vernagelt, das kümmert den Gang der Weltgeschichte nur peripher.

07.12.2016 – Mit Hugh Grant in Neusehland

neusehland
Neusehland.
Das nenn ich mal einen gelungenen Namen für einen Optikerladen. Gesehen in Marburg. Auf der Heimreise im Zug fiel mir siedendheiss (!) meine Dipladenia auf der Veranda ein, die Dinger vertragen absolut keinen Frost. Im Keller gehen sie ein, in der Wohnung will ich so was nicht rumstehen haben.
duipladenie
Also Versuch der Überwinterung auf der Veranda mittels eines ausgeklügelten Isolationssystems: Styropor auf der Unterseite, Folien und Jute Ummantelung, oben drüber Folie und Decken und der Clou: innen drin Wärmflasche, in dickes Tuch gehüllt. Funktioniert auch bei minus sieben Grad. Hab das Ganze natürlich messtechnisch evaluiert. Über 12 Stunden gesehen beträgt die positive Temperaturabweichung gegenüber der Außentemperatur über 10 Grad, Aber natürlich nur, wenn der Versuchsaufbau mit der Wärmflasche jeden Abend erneuert wird! Nach der Nacht in Marburg dürfte das Ding final abgekackt sein, Innentemperatur im Versuchsaufbau: minus 2,3 Grad. Die ganze Arbeit umsonst, ganz abgesehen davon, dass die Versuchskosten den Anschaffungswert einer neuen Dipladenia weit übersteigen.
Schlechte Laune, schon am Morgen. Flucht ins Netz, stoße auf Video mit meinem Lieblingsschauspieler Hugh Grant, die legendäre Tanzszene aus „Love actually“, wo er einen britischen Premierminister spielt. Kommt jedes Jahr vor Weihnachten im TV. Wenn Sie, liebe Leserinnen, auch nur ein bisschen romantisch veranlagt sind, dabei aber keinesfalls heulen, sondern lachen wollen: Angucken!
Deutsches Autorenkino war nie so mein Ding. Ich steh mehr auf leichtes Entertainment, wie bei Hugh Grant, gute Laune garantiert, fast immer sauberes Handwerk und Grant weiß offensichtlich um seine begrenzten Fähigkeiten als Mime, versucht nie größer zu scheinen als er kann. Irgendwie lausbübisch. Dass der Mann mal wegen eines Blow Jobs in der Öffentlichkeit verurteilt wurde, fand ich irritierend. Wenn Lausbuben unbedingt Sex haben müssen, dann doch nicht so.
Meine Lieblingsschauspielerin kommt vom ganz anderen Ende der Bandbreite: Meryl Streep. Dass die Beiden mal zusammen in einem Film auftreten wie bei „Florence Foster Jenkins“, fand ich auch irritierend. Ich dachte, dass Hugh Grant neben dieser grandiosen Schauspielerin eingeht wie ein Dipladenia auf meiner Veranda. Ist er aber wohl nicht. Ich guck’s mir auf jeden Fall an.
Meine Laune ist nach dem Tanz Video jedenfalls deutlich besser.

06.12.2016 – Der Schmarotzer ist wieder da

hartz iv schmarotzer
Er ist wieder da – der Schmarotzer.
Jedes Jahr gehen unserer Gesellschaft cirka 100 Milliarden Euro an Steuerhinterziehung flöten. Davon könnte man cirka 30.000 Kitas bauen. Steuerhinterzieher in der Dimension von Özil, Hoeness, Alice Schwarzer, etc. pp. sind Gauner, Lumpen, Kriminelle, alles mögliche, aber ich würde sie niemals Schmarotzer nennen. „Schmarotzer“ ist eine Kategorie der Verunglimpfung, mit diesem Begriff spricht der so Redende dem gemeinten Subjekt den Mensch-Charakter ab. Analog dem „Parasiten“ muss der Schmarotzer in der Vorstellung dieser Begriffsverwender vom (Volks-)Körper entfernt werden. Der Begriff hat in Deutschland Dauerkonjunktur, siehe Hitler „Mein Kampf“:
„Der Jude ist und bleibt der typische Parasit, ein Schmarotzer, der wie ein schädlicher Bazillus sich immer mehr ausbreitet, sowie nur ein günstiger Nährboden dazu einlädt.“,
aber auch später gegenüber Arbeitslosen. In letzter Zeit war Ruhe an der Schmarotzer Front, aber seit die „Flüchtlingswelle“, auch so ein Unwort, abgeebbt ist und der „Scheinasylant“ als Hassfigur und Sündenbock mangels Masse wieder weniger taugt, feiert der Schmarotzer wieder unfröhliche Urständ. Nicht so sehr von der AfD, deren Klientel besteht zu nicht geringen Teil aus Arbeitslosen, die mitunter froh waren, dass sie für eine Zeitlang aus dem Feuer genommen wurden, und da hält sich die AfD aus taktischen Gründen noch bedeckt. Der Mob wird noch gebraucht.
Die CSU muss sich da weniger Zurückhaltung auflegen, von deren facebook Seite ist der Screenshot nämlich, aus einem Video unter dem 14.11.
Die Hatz auf einheimisches Sozial-Nieder-Wild ist wieder eröffnet.
high heels
Kick in the ass. Und zwar mit der Spitze. Das würde ich mitunter gerne machen, aber ich bin kein Unmensch. Meine Waffe ist die Satire, das Argument, die Dokumentation.
Der obige Screenshot von einer CSU-Fremdseite ist in diesem Blog eine absolute Ausnahme. Über 99,9 Prozent aller Bilder hier sind eigene Aufnahmen. Eine unzulässige Verbreitung von Fremdmaterial kann teuer werden. Zitate von Fremdmaterial sind erlaubt, wenn.. laut § 51 UrhG :
„Zulässig ist die … öffentliche Wiedergabe eines veröffentlichten Werkes zum Zweck des Zitats, sofern die Nutzung in ihrem Umfang durch den besonderen Zweck gerechtfertigt ist. Zulässig ist dies insbesondere, wenn
1. einzelne Werke nach der Veröffentlichung in ein selbständiges wissenschaftliches Werk zur Erläuterung des Inhalts aufgenommen werden,
2. Stellen eines Werkes nach der Veröffentlichung in einem selbständigen Sprachwerk angeführt werden.“

Extra-Service für Sie, liebe Leserinnen, falls Sie einen eigenen Blog machen wollen. Es lohnt sich. Als Archiv und auch als Schreibübung: Spontan in kurzer Zeit Dinge auf den Punkt bringen, Zusammenhänge herstellen, für einen Moment jenseits der Alltagsperspektive denken, das alles sind Fähigkeiten, die man/frau auch gut bei anderen Gelegenheiten braucht. Schlimmstenfalls im Job.

03.12.2016 – „HALT! DICH! EINFACH! AN! DIE! REGELN!“

Manchmal werde ich zur Wildsau. Respektive zum Keiler.
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Gestern kam mir auf dem Radweg in der Dunkelheit eine Geisterradlerin entgegen, das Licht blendete mich komplett, ich klingelte, rief, sie hielt Zentimeter vor mir an und:
„Ich hab doch meinen Arm rausgehalten, dass ich hier abbiegen will.“

Ich war fast sprachlos, aber nicht wehrlos, ob soviel Dreistigkeit:
„Ach, und das berechtigt uns (!), auf der falschen Seite zu bleiben, wohl wissend, dass das Gegenüber nichts sehen kann!?“
Ich wählte zugegebenermaßen das Forte, wäre ich nämlich auf die andere Seite in die Gegenfahrbahn ausgewichen, wäre ich dort in korrekt fahrende Radler reingerauscht. Ich war also erregt, aber nicht auf die angenehme Art. Sie, in diesem grauenhaft katzenfreundlichen Selbsthilfe-Betroffenheitssingsang:
„Du, ich find das nicht in Ordnung, dass Du jetzt so laut wirst.“
Hass quoll in mir auf. Ein innerer Film lief in Millisekunden ab, ich sah sie in ihrer Selbsthilfegruppe, im Stuhlkreis sitzend, um sie herum jede Menge verständnisvolle, nickende, strickende Männer, die nur eins im Sinn hatten: Wie konnten sie dieser Frau an den Pullover gehen? O-Ton aus meinem Film:
„Also dieser Typ war so was von verbal gewaltförmig-patriarchal drauf, der hat mir total Angst gemacht. Wo ich doch seit meiner Trennung von Wulf-Bernhard total allergisch gegen Verbalgewalt bin.“ Und alle nickenden, strickenden, möchte-gern-fickenden Männer unisono im Chor:
„Ich verstehe. Wie fühlst Du Dich jetzt? Möchtest Du in den Arm?“
Resultat des Films: ich, jetzt wirklich sehr laut ins Fortissimo wechselnd:
„HALT! DICH! EINFACH! AN! DIE! REGELN!“
Nun geschah es aber, dass alle Katzenfreundlichkeit von ihr abfiel und sie keifte und zeterte wie ein Waschweib, wobei ich noch nie ein Waschweib real keifen und zetern gehört habe. Ich würde sagen, wir waren weit jenseits des Stadiums der Argumente, an uns wurde das „Oi dialogoi“ von Plato zuschanden.
Sie lief bei mir als altem Straßentheaterfuchs natürlich gegen einen Sherman Panzer. Regel Nr. 6 beim Straßentheater (und in der Politik):
„Nicht auf Dein Gegenüber eingehen. Bei Deiner Methode bleiben!“
Ich also weiter, Allegro und Presto:
„HALT! DICH! EINFACH! AN! DIE! REGELN!“
Nun hatte ich den kriegsentscheidenden strategischen Vorteil: Für mich was das Ganze eine Performance geworden. Ich genoss es. Schamlos.
Ich werde nachher wieder an die Stelle radln. Wahrscheinlich steht sie immer noch da und keift.
Bin ich ein schlechter Mensch? Sagen wir mal so: Ein Heiliger wird aus mir nicht mehr.
Aber ich habe oft auch in stressigen Situationen jede Menge Spaß.
Allen Leserinnen ein charmantes Wochenende.

02.12.2016 – Das ist dann wohl leider sexistisch zu nennen

Gestern fand im alten Rathaus von Hannover die Verleihung des niedersächsischen Medienpreises der niedersächsischen Landesmedienanstalt NLM statt. Alle waren da
MP
Ich & Stephan. Ich habe das Foto gemacht und Stephan heißt hinten Weil er der niedersächsische MP ist. Das Foto habe ich nur gemacht, um mich wichtig zu machen, in der Hoffnung, dass vom Glanz des niedersächsischen Sonnenkönigs auch etwas auf mich abfällt. Fiel aber nicht. War zu dunkel.
Als Mitglied der Versammlung der NLM hatte ich mich über die Benennung von Tanja Tischewitsch als Laudatorin mokiert unter der Überschrift „Titten & Thesen“. Das hat sich im Nachhinein als Sexismus herausgestellt. An der prinzipiellen Kritik halte ich fest: Durch die Benennung von Tanja Tischewitsch als Laudatorin wird ohne Not ein fragwürdiges Frauenbild und Role Model im Mainstream nobiliert, zumal bei einer Veranstaltung eines öffentlichen Organs, das auf Basis des Grundgesetzes verfasst ist und zu dessen Auftrag die Erziehung zu Medienkompetenz gehört. Dann sich die Jugend ja freuen… Meine implizite Unterstellung, die Silikonimplantate von Frau Tischewitsch würden sich auf die Qualität ihrer Laudatio negativ auswirken, hat sich als falsch herausgestellt und das ist dann wohl leider sexistisch zu nennen. Richtig war hingegen, dass Frau Tischewitsch die lebendigste Laudatio von allen gehalten hat.
tanaj tischewitsch
Tanja Tischewitsch – Laudatio beim Medienpreis.
Sie hatte sichtlich Spaß auf der Bühne, und hat damit den Preis als das gekennzeichnet, was er in Wirklichkeit ist: eine nicht ganz ernstzunehmende Werbeveranstaltung, mit dem angenehmen Nebeneffekt, Journalistinnen zu Qualität zu motivieren.
jägermeister
Jägermeister für alle am Ausgang.
Mir gefiel der Party. Ich muss auch nicht immer kritisch unterwegs sein. Das Büffet war gut und mein Highlight: Ich probierte einen Wein und brach spontan in den Ruf aus: Sylvaner. Was soll ich sagen?
Es war Sylvaner.
Mein Tiefpunkt: ich hatte mich auf Alexander Kluge als Laudator gefreut. Nun kann man in 3:30 Minuten schwerlich eine tiefgründige Laudatio entfalten. Kluge versuchte sein Bestes, mit Hinweis auf die Antigone, aber man merkte, dass er 85 ist. Irgendwann ist halt gut mit Öffentlichkeit.
Ich fand das ähnlich deprimierend, wie Musiklegenden der Jugend nach Jahrzehnten wieder zu begutachten. Das geht fast nie gut. Aufgüsse von Erinnerungen dekonstruieren den Mythos.
Heute Nacht hatte ich einen Traum: Bei der Medienpreisverleihung 2017 kommt Stephan (!) auf mich zu, schüttelt mir die Hand und sagt: „Super, dass Du auch da bist!“
Ich sollte darüber offen und angstfrei mit meiner Therapeutin reden. Bis dahin bitte ich Sie liebe Leserinnen, diesen Traum nicht weiter zu erzählen.

30.11.2016 – Ich habe einen schrecklichen Verdacht

herbstlaub
Wenn die Blätter von den Bäumen fallen, neigt der Mensch dazu, individuelle Jahres-Bilanz zu ziehen: besondere Ereignisse, Höhe- und Tiefpunkte, Geld, Gefühle, Job, etc. pp. Als erstes fragt sich die sprachmächtige Zeitgenossin: Wo sollen die Blätter sonst von wech fallen als von den Bäumen? Vom Kirchturm der St. Michaelis Gemeinde, der den Sonntag einläutet? Vom Notenständer?
Jenseits dieses Schlenkers in die Abteilung „Wer bringt den Sprachmüll runter?“ war für mich die Bilanz beim Geld immer am einfachsten: entweder hatte ich weniger als ich brauchte oder mehr. Genauer wollte ich es eigentlich nie wissen.
Ein Gradmesser für meine Rückschau ist in gewisser Weise auch dieser Blog, jedenfalls insofern er sich einigermaßen an der Realität entlang hangelt. Ich versuchte mich zu erinnern, worüber ich im letzten Jahr hier geschrieben hatte, und ein schrecklicher Verdacht keimte in mir auf: Es ging wohl ziemlich oft um Arbeit. Oh Gott, wie einfallslos, spießig und langweilig.
Ich bin zwar in der außerordentlich privilegierten Situation, dass Erwerbsarbeit, Kulturproduktion und das, was ich als zoon politikon vermutlich eh machen würde, bei mir oft zusammenfallen. Ich kann das nicht immer voneinander trennen – sieht man mal von sowas wie der Leibniz Wurst ab – und obendrein redet mir kaum jemand drein, außer Mitglieder von Projekten, die die Inhalte natürlich mitbestimmen. Aber wenn man nichts voneinander trennen kann, wo bleibt da die Differenz? Das ist nicht so platt, wie es sich anhört. Spannung, das Elixier des Lebens, resultiert aus Differenz. Mangelnde Differenz gleich mangelnde Distanz. Mangelnde Distanz gleich mangelnde Selbstreflexion. Ooops.
Also Vorsatz für das neue Jahr: Mehr Distanz, mehr Sinnfreiheit, mehr Absurdes, mehr Lustiges, Satire, Kunst pur etc. pp …
hacke
Vorsätze für das neue Jahr: Mehr Sport treiben? Ich hab doch keinen an der Hacke.
Vorsätze fürs neue Jahr, so weit kommt’s noch.
Als nächstes dann Fünfjahresplan erstellen?! Wo will ich 2021 stehen? Einen Schritt weiter als jetzt?
Super Idee, wo ich eh schon mit einem Bein über der Kiste schwebe und mit dem Anderen am Abgrund nage.