Der Wasserfall in Kreuzberg, ohnehin eine Art Weltwunder der Moderne, konnte. Hier nach dem letzten Unwetter, bei dem die Temperaturen binnen einer Stunde um 12 Grad absackten und Berlin mal wieder nach dem folgenden Gewitter Land unter war. Lebensmüde wurden dabei gesichtet, wie sie in Kanalschächten badeten. Die Wassermassen hatten die Gullideckel weggesprengt.
So sieht der normalerweise aus. Von der Spitze des Kreuzberges haben die Eingeborenen früher Schlachten beobachtet, die vor den Toren der Stadt stattfanden. Heute kann man im Schatten des Denkmals, das an die Befreiungskriege gegen Napoleon erinnert, über die Metropole blicken. Sieht nicht so beeindruckend aus, da macht Frankfurt mehr her. Der Wert Berlins spielt sich in den Straßen ab, spiegelt sich nicht in prunkender Silhouette wider.
Die Urgewalten der Natur hatten den Menschen kurz, das Unwetter dauerte keine Stunde, ihre Begrenztheit vorgeführt. Das beeindruckende Schauspiel sollte einen nicht dazu verführen, politische Prozesse mit Naturmetaphern zu belegen. Wie ich es angesichts des AfD-Landratswahldebakel mit „Faschismus “ tat, den ich als Seuche bezeichnete. Faschismus ist das Produkt eines politischen, also menschengemachten, Prozesses, und muss ebenso politisch bekämpft werden. Seuchenprävention wie Masken, Impfungen und Isolierungen (Internierungslager…) hilft da nicht weiter. Insofern ist hier Naturmetaphorik nicht nur unwissenschaftlich sondern kontraproduktiv. Aber doch schön plakativ und bei meiner Idee mit dem Wiederaufbau der Mauer am 13. August, Betonung auf der ersten Silbe, bleibe ich. Das hat ja auch einen ästhetischen Eigenwert und Ästhetik und Politik sind dialektisch untrennbar verknüpft.
Fazit: So sicher wie das nächste Unwetter kommt auch der nächste Wahlerfolg der Faschisten hierzulande. Das kann ja heiter werden…
Ein Mittel, sich auf die Klima-Katastrophe einzustellen, ist Begrünung. Im Stadtraum, aber auch individuell, wo möglich. Grün, wo immer möglich. Spendet Schatten, hält Feuchtigkeit, ist Isolierung, Refugium für Insekten, Tiere grundsätzlich, ist aber natürlich auch ästhetischer Gegenpol zur Unwirtlichkeit der Städte, Raum für Inszenierung, Gestaltung, Erholung usw. usf. Grün war immer schon in der Moderne und wird immer mehr Distinktionsmittel. Nichts ist mittlerweile peinlicher als die Anschaffung eines Mercedes oder die Erwähnung eines Fluges in die Ferne, sozial geadelt hingegen wird man durch die locker hingeworfene Bemerkung, man besitze jetzt ein mit Grün bewachsenes Dach, in dem schon Meisen brüten. Da ist zwar der Dachschaden nicht fern, aber jeder Photosynthesemotor hilft. Mein Nachbar im ersten Stock ist absolute Avantgarde. Er lässt seine Wohnung völlig zuwachsen, siehe oben. Ein beliebtes Topos der Kunst ist Metamorphose, in der Postmoderne speziell die von Menschen in andere Spezies, siehe der Horrorklassiker „Die Fliege“, aber auch in Pflanzen. Vielleicht kommt mir mein Nachbar demnächst als Sonnenblume entgegen oder ist er gar schon ein Baum? Hab ihn länger nicht gesehen. Empfinden wir Mauern also in Zeiten der Klimakatastrophe als bedrohlich, müssen wir doch akzeptieren, dass Mauern Grundbedingung der Entwicklung von Zivilisation sind. Ohne Mauern keine Häuser, keine Burgen, kein Schutz, keine Fabriken, Krankenhäuser, Schulen etc. pp. Ohne Mauer hätte es die DDR schon viel früher nicht gegeben; Wenn sie nicht in einem Akt der Notwehr am 13. August 1961 den von ihr so genannten „Antifaschistischen Schutzwall“ errichtet hätte, um ihre Bürger*innen am Verlassen ihres Staatsgebietes, vulgo Flucht, zu hindern. Prävention, Gefahrenabwehr. Das, und vor allem den mörderischen Schießbefehl, kann man ethisch verurteilen, es ist aber das völkerrechtlich verbriefte Privileg eines souveränen Staates. So wie es das völkerrechtlich verbriefte Privileg souveräner Staaten ist, Menschen anderer Staatszugehörigkeit am Betreten des eigenen Territoriums zu hindern. Wie es die EU zurzeit flächendeckend in Europa und darüber hinaus praktiziert, um Migration zu verhindern. Mit dem Ergebnis, dass binnen kürzester Zeit ein Vielhundertfaches an Toten zu beklagen ist, als es in den knapp 30 Jahren Existenz der Mauer zu beklagen war. Auch das kann man ethisch verurteilen. Aus struktureller, nämlich völkerrechtlicher Sicht, gibt’s da nix dran zu rütteln. Prävention, Gefahrenabwehr. Justitiabel sind höchstens die Mittel, nicht aber das Prinzip. Es wird Sie, liebe Leserinnen, also sicher nicht überraschen, dass ich auf Grundlage meiner Ausführungen nach der ersten Wahl gestern eines Faschisten zum Landrat im Landkreis Sonneberg, der eher Finsterwalde heißen sollte, also auf dem Gebiet der ehemaligen Ostzone, beabsichtige, die Mauer wieder aufzubauen, höher als je zuvor. Gefahrenabwehr, Prävention. Mit einem Sonderstatus für Berlin und freiem Zugang dort für Westbürger, zumindest für mich. Baubeginn ist am 13. August. Über Unterstützung freue ich mich. Bitte bringen Sie Mörtel und Steine mit. Wir haben gegenüber den Insassen der ehemaligen Ostzone nach der Annexion der DDR mit allen Mitteln versucht, Demokratieähnliche Wesen aus ihnen zu machen, mit Bananen, Mallorca-Reisen, unglaublich viel Bimbes und viel zu viel guten Worten. Es hat nichts genützt. Du kriegst aus dem Mob den Nazi nicht raus. Es wird immer schlimmer. Die Politik, die Gesellschaft ist völlig hilflos, überfordert mit der Gefahrenabwehr. Nur Phrasen, Gestammel. Und die Seuche breitet sich auch bei uns immer weiter aus. Daher darf keiner von drüben das Virus des Faschismus bei uns verbreiten.
Ovid hatte recht: Principiis obsta, sero medicina paratur. Tritt den Anfängen entgegen sonst kommt das Heilmittel zu spät.
Ohne Mauern keine Zivilisation. Wir sehen uns am 13. August.
Wann wir parken Seit’ an Seit’ und die alten Lieder singen und die Wälder widerklingen fühlen wir, es muß gelingen: Mit uns zieht die neue Zeit, Mit uns zieht die neue Zeit.
Wenn Sie den Fehler im Vergleich zum Original finden, können Sie ihn gerne behalten. Das Foto habe ich auf dem Parkplatz des niedersächsischen Landtags gemacht und die von mir damit und mit dem Gedicht insinuierte Zusammenarbeit von CDU und AfD ist eine bösartige Unterstellung. Die „Brandmauer“ (Friedrich Merz) zwischen CDU und AfD steht. Im Westen. Noch. Ich komme in fünf Jahren auf diesen Eintrag zurück.
Wenn dann überhaupt noch ein paar Mauern stehen. Der Russe zieht laut dem ukrainischen Präsidenten Selenskyi einen Terrorangriff auf das Atomkraftwerk Saporischschja in Erwägung und in Russland selber bricht anscheinend zunehmend Chaos aus, mit der Möglichkeit interner bewaffneter Konflikte. . Das steigert die Wahrscheinlichkeit begrenzter russischer Atomschläge im Ukrainekrieg. Darauf würden die USA und ihre Verbündeten Russlands Truppen in der Ukraine vernichten und die russische Schwarzmeerflotte versenken, so ein pensionierte Vier-Sterne-General laut westlichen Medien . Was das zur Konsequenz hätte, kann sich jede selbst ausmalen.
Mir war schon immer ein Fünf-Sterne-Metaxa lieber als jeder besternte General, es sei denn, der wäre Sternhagelvoll. Fakt bleibt aber: Der Krieg nährt den Krieg. All die Talkshow Experten und Strategen mit ihren Pseudo-Berechenbarkeits-Szenarien können eins nicht verschleiern: Ein Krieg, je länger er dauert, entwickelt eine Eigendynamik, bei der am Ende eine Konsequenz stehen kann, die vielleicht keiner der Akteure gewollt hat. Muss nicht. Aber kann. Schaun mer mal. Ich komme, wie gesagt, in fünf Jahren auf diesen Eintrag zurück. Und hoffe sehr, dass dann noch jemand da ist, der ihn lesen kann.
Aber nicht enden wollen wir diesen Eintrag in apokalyptisch angehauchter Düsternis, sondern lieber in der Fröhlichkeit einer weiteren bösartigen Unterstellung. Das folgende Foto habe ich beim diesjährigen SPD-Sommerfest im hiesigen Wilhelm-Busch-Museum gemacht. Es zeigt unseren niedersächsischen MP Stephan Weil, den Temperamentsvulkan der norddeutschen Tiefebene, und den Landtags-Fraktionschef der hiesigen Vorhut der Arbeiterbewegung, Grant Hendrik Tonne, wie er die Begrüßungsformel vom Blatt abliest: „Ich heiße Sie, liebe Gäste, herzlich willkommen.“
Daneben die Gebärdendolmetscherin, die allerdings nicht den Wortlaut der Rede wiedergibt, wie die beiden Genossen neben ihr und der Rest der Gäste glauben, sondern die Politik der letzten Jahre kommentiert: “Den Armen steht das Wasser bis zum Hals und sie finden die Politik zunehmend zum Kotzen.“ Auch das ist natürlich eine bösartige Unterstellung.
Dieses Jahr hatte ich keine Einladung zum Sommerfest erhalten. Für einen Moment dachte ich: Aus politischen Gründen. Und fühlte mich geadelt, fast als Widerstandskämpfer. Das dürfte typisch männlicher Größenwahn gewesen sein, denn leider stehe ich auf der Liste der unbedeutendsten politischen Akteure im Lande ganz weit oben. Da ich aber keinesfalls die Gelegenheit zu einem kostenlosen, leckeren Büffet in charmantem Ambiente bei sommerlichem Wetter versäumen wollte, in Verbindung mit gnadenlosem Lästern mit einer Handvoll Gleichgesinnter über alle An- und Abwesenden, was man übrigens Netzwerken nennt, hab ich mich selber eingeladen. Hat geklappt. An Dickfelligkeit lass ich mich so schnell von niemandem übertrumpfen.
Nachtragend: Der Dichter von „Wann wir schreiten Seit‘ an Seit“, der 1914 noch Seit an Seit mit der Arbeiterbewegung marschierte, hat später, in Nazideutschland, Oden an Adolf Hitler gedichtet. Er wurde, noch später, in der antifaschistischen BRD, zu seinem 95. Geburtstag von Willy Brandt geehrt . Die SPD singt dieses Lied auf ihren Veranstaltungen nicht mehr, weil es auch von den Nazis verwendet wurde.
Boxkampf „Politik gegen Armut“ der Landesarmutskonferenz vor dem niedersächsischen Landtag. Hier unsere zwei Champs beim Sparring, kurz nach dem Aufbau. Wie beim Profiboxen war der Ausgang der Kämpfe vorher abgesprochen. Die Vertreterinnen der Politik, allesamt Landtagsabgeordnete, würden ihre Kämpfe gegen die Armut gewinnen. Anders als im Leben gewinnt die Politik den Kampf gegen die Armut und die geht k. o.. Details hier im Vorabbericht
Im Landtag sitzen nach der Wahl 2022 viele neue Abgeordnete, im Sozialausschuss ist fast alles neu. Das Boxspektakel diente dazu, in Kontakt zu kommen und sich auszutauschen. Boxen als Netzwerken. Wir hatten die Aussage der Bilder vorab eingegrenzt. Es durfte auf keinen Fall der Eindruck entstehen, dass Politiker*innen Arme zu Boden schlagen. Also druckten wir nicht „Armut“ auf die T-Shirts, sondern die Krisenmomente wie „Inflation“, Wohnungslosigkeit“, „Langzeitarbeitslosigkeit“ und die Kontrahenten gingen nicht zu Boden, sondern es wurde das Handtuch geworfen. Wenn sich da ein falsches Bild verselbstständigt, können Sie argumentieren so viel so wollen, das Bild wirkt. Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit. Auch im Kopf, in der Vorstellungskraft.
Swantje Schendel, sozialpolitische Sprecherin der Landtags-Grünen, erwies sich als Naturtalent.
Sie prügelte derart vehement und professionell auf unseren 2,05 Meter Superschwergewichtler Falk ein, dass mir fast angst und bange wurde. Und wir hatten in der Vorbesprechung noch die Marschroute ausgegeben: Besonders bei Frauen aufpassen. Von wegen.
Souveräner Linksausleger Oliver Lottke, SPD, Vorsitzender im Sozialausschuss. Ebenfalls im Ring der ehemalige LAK-Sprecher Thomas Uhlen, CDU, der die LAK mit als Sprungbrett für seine Karriere genutzt hat. Was durchaus im Sinn der Erfinderin ist, je mehr aus unseren Zusammenhängen im Landtag sitzen, die das Wort „Armut“ wenigstens schon mal gehört haben, desto besser. Ich mach zwar nicht viele Illusionen über die Nachhaltigkeit dieses Netzwerkprinzips, aber wer nix macht, der hat schon von vornherein verloren.
Da ich früher Kampfsport betrieben habe, ging ich natürlich auch in den Ring. Das Resultat war suboptimal. Eine Runde leichtes Sparring und hinterher tat ein Knie so weh, dass ich kaum noch laufen konnte und eine halbe Stunde brauchte, um wieder zu Luft zu kommen. Gute Göttin, dachte ich, bin ich etwa älter geworden? Kann doch gar nicht sein.
Die Straße als Prinzip, als Ort bürgerlicher Öffentlichkeit ist für mich unverzichtbar, sowohl als Diskursort im Rahmen intervenierender, ästhetischer, direkter Aktion als auch als individuelle Lustquelle. Ich hatte trotz Knieschmerzen und Luftknappheit beste Laune.
48 Grad in der Sonne neulich auf der Veranda. Und noch ist kein Extremwetter. Es kommt regelmäßig in den letzten Jahren vor, dass die Thermometernadel am Anschlag ist, mindestens 50 Grad in der Sonne. Wieviel im Extremfall drüber, weiß ich nicht. Bei derartigen Temperaturen brauche ich den Grill gar nicht einzuschalten, da wird nicht nur der Hund in der Pfanne verrückt, sondern das Würstchen auf dem Tisch von alleine gar. Natürlich Elt-Grill. Oder haben Sie schon mal im plötzlich aufkommenden Regen versucht, den Holzkohlegrill in die Küche zu verlegen. Ich habe vor Jahren mal in Berlin, wo das Wetter wegen Kontinentalklima noch ne Nummer heftiger ist, ein paar Tage während Extremhitze unter einem ungedämmten Dach vegetiert. Von Wohnen konnte da nicht die Rede sein. Hell ain’t a bad place to be, dachte ich des Nachts regelmäßig, die Hölle ist dagegen ein Luftkurort, kurz bevor mein Kreislauf abkackte. Die zu erwartenden Hitzewellen der Zukunft werden allein in Europa Zehntausende das Leben kosten. Die hitzebedingte Übersterblichkeit 2022 lag nur in Frankreich, England, Deutschland und Spanien bei ca. 20.000. Und das ist erst der Anfang. Für Kranke, Alte, Heimbewohner*innen, Adipöse, Babys, Obdachlose (wir brauchen für sie dringend als Pedant zu Wärmestuben im Winter Kältebusse für den Sommer) , Menschen, die im Freien arbeiten, unterm Dach wohnen etc. pp. wird das Leben in den zukünftigen Sommern eine bedrohliche Form der Existenz. Lauterbach hat einen nationalen Hitzeschutzplan angekündigt. Bevor die Bürokratie da ins Traben kommt und der von Interessengruppen kleingeschrotet wird, wird noch viel Wasser die Spree runterfließen und auf vielen Totenscheinen stehen: Kreislaufversagen. Wo eigentlich stehen müsste: Menschengemachter Klimawandel. Wenn dann noch Spreewasser zum runterfließen da ist. Die Berliner Wasserbetriebe sehen keine Notwendigkeit, das Trinkwasser zu rationieren. Vorerst. Allein die Tatsache, dass sowas in der öffentlichen Diskussion auftaucht, spricht Bände. Warum um Himmelswillen ich dann mit dem bösen Strom grille, der doch den Klimawandel befeuert? Ich sehe, Oscar Wilde folgend, die Welt als Bühne, als Theater. Und meine Funktion als Theaterkritiker. Der Kritiker kritisiert, muss aber keinesfalls ein guter Schauspieler oder Regisseur sein. Das ist eine ethisch bedenkliche Position, aber gut formuliert. Und eine gute Formulierung ziehe ich in Zeiten des Untergangs allemal der Ethik vor. Mein individueller lokaler Hitzeschutzplan sieht so aus:
Über die Veranda einen Draht zum Haus gespannt und daran den Wein verrankt, der sich jetzt zügig zu einem preisgünstigen, ökologisch nachhaltigen und mit keinerlei Arbeit verbundenem, was mir mit Abstand das Wichtigste ist, Sonnenschirm auswächst. Bei den Temperaturen hält es da sonst kein Schwein aus. Es sei denn, das liegt schon auf dem Grill. Schwein ist übrigens ok. Anders als Rind. Rinder sind ganz böse für das Klima und deshalb will Irland in den nächsten Jahren 200.000 Rinder keulen . In Deutschland undenkbar, die Tierschützer würden einen Bürgerkrieg anzetteln. Ich finde das konstruktiv, aber halbkonsequent. Die Ursache der Existenz von so vielen Rindviechern ist ja der Mensch und konsequenterweise sollte das Keulungsverfahren hier ansetzen. Dass das der Ideologie der Avantgarde der Klimakrieger entspricht, ist allerdings eine böse Unterstellung. Noch.
Kreuzberg, Oranienstr. Mehr SO 36 geht nicht. Ist die Welt nur noch so zu ertragen? Die Welt steht kurz vor dem Abgrund. Was wird der Fortschritt bringen? Einen Schritt voran? Uns ist jede Zukunftshoffnung abhandengekommen. Auch ich male bei aller individuell gelassenen Heiterkeit seit Jahren, auch in diesem Blog, die Welt in düsteren Farben, deren froheste Schattierung maximal ein helles Schwarz ist. Daher lohnt es sich, einen Schritt zurückzutreten und in die Geschichte zu blicken. Nicht so wie viele wohlsituierte Konservative oder unterkomplexe Feuilletonschmieranten, die den weniger Begüterten predigen, sie sollten nicht so jammern, früher wäre immer Elend gewesen. Ein Ernteausfall konnte Tod und Not bedeuten, Naturkatastrophen, wilde Tiere, absolute Herrscher, jede bakterielle Erkrankung, überall Endzeit.
Das ist interessengeleitetes dummes Geschwätz, das den Mob davon abhalten soll, ein kleines Stück vom fetten Kuchen der Prediger zu fordern. Als ob das Mittelalter unsere Mess-Latte wäre. Die sollte eher der Latte Macchiato sein, den sich jede mal gönnen sollte können.
Aber ein Blick zurück ins 20. Jahrhundert relativiert die Düsternis von Heute schon etwas. 1941/42 im zweiten Weltkrieg war fast ganz Europa unter faschistischer Herrschaft, Teile Afrikas und weite Teile Ostasiens und nichts schien den mörderischen Expansionsdrang der Faschisten stoppen zu können. Während wir über den Verlauf der Klimakatastrophe weitgehend nur spekulieren können, wir nicht wissen, ob weltweit wachsende Armut, Hunger, Flucht vielleicht mittelfristig doch eine Trendumkehr erfahren und Atomkrieg und Seuchen erstmal nur drohendes Menetekel sind, war 1941/42 für kritische Geister klar: Ein Sieg der Faschisten im Weltkrieg würde den sicheren Tod bedeuten für alles, was irgendwie anders, minoritär, abweichend vom Schema des Rassenwahns wäre. Die Welt würde in einem Meer von Blut ersaufen.
Natürlich kann mir darauf entgegengehalten werden, ich redete wie ein privilegierter weißer, alter Mann von einer Insel der Glückseligen, nämlich im westlichen Europa, und wie einer, der beim Fall von 19stöckigen Hochhaus im 18. angekommen ist und sagt: Ist doch bisher alles gut gegangen.
Weltweit ist jetzt schon für immer mehr Menschen die Lage so mittelalterlich katastrophal, dass sie selbst bei Todesgefahr des Ersaufens im Mittelmeer zu uns kommen. Wie weit ist es ethisch zulässig, da historisch relativierend zu argumentieren?
Stimmt schon, irgendwie. Aber wenn ich auf jede Frage sofort eine Antwort hätte, säße ich jetzt eher bei „Wer wird Millionär?“ als am morgendlichen Schreibtisch, mich mit dem Geschreibsel hier mal wieder vor Arbeit drückend. Apropos drückend, demnächst wird’s wieder heiß.
Der Witz im Header ist übrigens der letzte Zugang in meinem Witze-Verleih. Ein echter Brüller, etwas für Feinschmecker.
Gesehen irgendwo in Kreuzberg. Estragon ist nicht nur ein wohlschmeckendes Küchenkraut, sondern auch der Name eines Protagonisten in „Warten auf Godot“ von Samuel Beckett. Absurdes Theater, Existentialismus, das Leben ist sinnlos, es gibt keinen Godot, keinen Gott. Logische Reaktion auf den Zweiten Weltkrieg mit der Shoa und Gräueln, die Verstand, Vernunft, Erkenntnis so weit überfordern, dass nur die Flucht ins Absurde bleibt. Blödelbarden späterer Jahre griffen gerne auf absurden Humor zurück. Wurzeln des Absurden als Kunstform gehen auf den Dadaismus zurück, der in seiner Sinnzertrümmerung wiederum eine Reaktion auf den Ersten Weltkrieg war, der mit seiner industriellen Massentötung auch das Fassungsvermögen überstieg. Alles was unvorstellbar ist, wird der Fall. Würde Wittgenstein gesagt haben, wenn er auf mich gehört hätte. Der Titel „Warten auf Godot“ geht auf Zuschauer der Tour de France zurück, die am Wegesrand warteten, obwohl das Peloton schon lange vorbeigeradelt war. Auf die Frage eines Reporters, worauf sie denn noch warteten, war die Antwort: „Wir warten auf Godeau.“ Den mit Abstand langsamsten Radler der damaligen Tour de France. Beckett selber war begeisterter Radfahrer und griff das auf. Die Uraufführung von „Warten auf Godot“ in Deutschland fand 1953 im Berliner Schlossparktheater statt, das seit einigen Jahren Spielstätte der grimassierenden Knallcharge Didi Hallervorden ist. Von Didi zu Dada ist es nur ein kleiner Schritt und so fand in der nebenan gelegenen Galerie Gutshaus Steglitz letztes Jahr die kleine, aber überaus feine Ausstellung „Fluxus New York and Elsewhere“ statt. Fluxus war eine Form der Aktionskunst in den 60ern, die anknüpfend an Dada sich gegen elitäre Hochkunst wandte, als Versuch, neue kollektive Lebensformen und Möglichkeiten der Kulturproduktion zu schaffen., Fluxus hat mich, nach Dada und Situationismus, beeinflusst, so wie ich in der Küche gerne Estragon verwende. Bekannte Fluxus-Künstler waren Joseph Beuys, Nam June Paik, Wolf Vostell und Dieter Roth, Schlingensief ist der Post-Fluxus-Bewegung zuzurechnen. Dieter Roth ist in Hannover geboren, starb früh an Alkohol und war ein gottverdammtes Genie. Wer weiß, was er noch alles geschaffen hätte, hätte er mehr Estragon gegessen statt zu saufen. Eigentlich wollte ich was über Sprache schreiben, warum soziale Brennpunkte jetzt „Gebiete mit besonderem Förderbedarf“ genannt werden sollen. Das ist mir offensichtlich misslungen. Echt absurd.
Peter Popstar, SCHUPPEN 68, erste Satire-Partei der BRD, im Straßenwahlkampf 1991.
An unserem Wahlstand gab es keine Kulis, Fähnchen oder gar Lächerliches wie Wahlprogramme, sondern ausschließlich Freibier und Erbsensuppe. Das war auch unsere einzige flächendeckend plakatierte Forderung: Freibier und Erbsensuppe. Zu einem Zeitpunkt, da der Begriff „Populismus“ von den meisten für die Bezeichnung für krankhaftes Nasebohren gehalten wurde, hatten wir als bewusste Vorhut und Avantgarde der Arbeiterklasse antizipiert, dass Populismus als Folgeerscheinung der Annexion der Ostzone und vom grenzenlosen Siegeszug des entfesselten neoliberalen Kapitalismus ein flächendeckendes Phänomen werden würde. Demzufolge steigerten wir die leeren Worthülsen des bürgerlichen Wahlkampfkaspertheater ins Platt-Populistische: Freibier und Erbsensuppe. Panem et circensis. That’s all.
Unser Wahlkampf stand vor einer Wäsche-Reinigung (!) namens Stichweh (!!), was schon mal schwer symbolisch aufgeladen war. Nebenan ein Discounter, aus dem wir palettenweise Freibier schleppten, was sich auch ohne soziale Medien in Sekunden unter den Mühseligen und Beladenen, Wohnungslosen und Kampftrinkern des Kiezes rumsprach. Wir tanzten fröhlich und volltrunken im Takt von Arbeiterliedern dazu. Bei den anderen Wahlständen nebenan, mit Kulis, Fähnchen, Wahlprogrammen, war tote Hose. Vom Stand der Arbeiterverräter, vulgo SPD, pöbelte ein schwer gestörtes Subjekt, das sich selber als „Der letzte Marxist im Kiez“ bezeichnete, herüber: „Die SPD hat in den letzten 125 Jahren immer die Fahne der Arbeiterklasse hochgehalten“, worauf ich zurückbrillierte: „Und die nächsten 125 Jahre machen wir das“.
Der wahre Gott des Straßenwahlkampfes aber war Peter Popstar. Er tanzte, immer vorweg und immer aus der Reihe. Er hatte das, was uns anderen fehlte: Charisma. Die Aura des Komödianten. Das könnte man seitenlang, unter anderem mit dem Rückgriff auf den Begriff der Aura bei Walter Benjamin erklären, wir belassen für heute dabei: Aura wirkt ohne Wort, Erklärung, Aktion. Der auratische Komödiant wirkt bereits, wenn er nur dasteht. Nichts was man lernen, erwerben könnte. Greta Garbo, Cary Grant, Humphrey Bogart z. B. hatten eine je spezifische Aura.
Danach trennten sich die Wege des Kollektivs. Es gab noch andere, die nicht im Bilde waren, derer hier aber gedacht werden soll. Mit einigen stehe ich noch in Verbindung, so mit Peter Popstar, der diesen Kampfnamen gehasst hat und mir freundlicherweise die Bilder zur Verfügung gestellt hat. Wofür es bei Gelegenheit ein Freibier gibt. Beste Grüße an die Waterkant.
Ich glaube, diese Wahlkampfgeschichte war für alle Beteiligten eine auratische Angelegenheit. Ohne den Sinn oder Unsinn dieser sozialen Intervention in allen Details zu erinnern oder zu begreifen, strahlt sie in der Erinnerung Momente von Freiheit und Anarchie, von einer Möglichkeit jenseits des Alltags aus. Transzendenz im Politischen. Ganz abgesehen davon, wie gottverdammt Recht wir mit unserer Einschätzung hatten. Populismus ist flächendeckendes Stilmoment in der politischen Landschaft von Heute und diejenigen, die man damals populistisch hätte nennen können, sind heute Faschisten reinsten Wassers. Soviel zur Verschiebung des Koordinatensystems.
Bleibt die Frage, warum wir bei soviel Genialität in der Folge nicht groß rauskamen. Es lag wohl an vier Gründen: Mangel an Ehrgeiz, Fleiß, Disziplin und Talent. Sieht man von Ausnahmen ab.
Wichtelmännchen mit Natur. Dieses kleine Fleckchen Erde vor dem türkischen Imbiss, von uns liebevoll Hades genannt, in unserem Haus ist ein winzigkleiner Beitrag zur Entsiegelung der völlig zubetonierten Asphaltwüste Kreuzberg. Hier kann ein bisschen Regen natürlich versickern und nicht Sturzflutengleich nach Wolkenbrüchen den halben Kiez überschwemmen. In Kreuzberg leben über 14.000 Menschen pro Quadratkilometer, zum Vergleich in Hannover gerade mal 2.600. Insofern ist das Stück Natur mit Wichtelmann, das mich in seiner rührenden, einsamen Hingeducktheit inmitten der Benzinhölle der von 60.000 Autos täglich durchtosten Yorckstraße an eine Kunstinstallation erinnert, auch Ausdruck einer Sehnsucht. Nach Natur, Lebendigkeit, nach Normalität. Manchmal, wenn ich mit ein paar Leuten aus dem Haus bei Bier und Pizza in der untergehenden Abendsonne davorsitze, denke ich, ich müsste dem Ganzen hier, dem Haus, den Menschen, dem Wichtelmann, eine Art Denkmal setzen. Wobei das zu hoch, zu pathetisch klingt. Es geht mehr um das Erinnern, damit ein Stück Anderssein nicht in der Vergessenheit verschwindet. Alles, was ein bisschen dem extremen Konformitätsdruck entgegensteht, dem Angepasstsein, der Unterordnung unter die normierte Verwertungslogik des Kapitals, dem Funktionieren-Müssen, der Standardästhetik des rechten Winkels, verdient der Beachtung, der Wertschätzung. Ohne es zu romantisieren und zu verkitschen.
Das wär’s ja noch, aus dem Haus ne Freakshow gegen Eintritt zu machen, mit Führung:
„Und hier meine Damen und Herren, sehen Sie noch ein komplett erhaltenes Ensemble unangepasster Existenzen und Lebensformen inmitten der durchgentrifizierten Hipsterhölle von Kreuzberg. Bitte nichts anfassen, abpflücken oder die Insassen füttern. Über eine kleine Spende im Hut auf dem Bistrotisch freuen die sich. Dieses Ensemble wurde von der rotgrünen Bezirksregierung Kreuzberg-Friedrichshain in die Milieuschutzverordnung aufgenommen. Damit sind die Bewohner*innen des Hauses städtische Angestellte, deren Aufgabe es ist, das Ensemble im Zustand wie besehen zu erhalten.
Und nun folgen Sie mir bitte in den gegenüberliegenden Möckernkiez, ein Beispiel gut funktionierender Genossenschafts-Wohnkollektive für junge aufstrebende Familien, Start-Up Gründerinnen und Kulturschaffende. Im veganen Eiscafé machen wir eine kurze Pause und informieren uns über Möglichkeiten der Mehrgenerationen-Genossenschaftsgründung. Diese Modelle sind steuerlich begünstigt, werden vom Berliner Senat gefördert und daher beträgt der Einstandspreis als Genossenschaftsmitglied nur 2.000 Euro pro qm Mietfläche…“
Viellicht mache ich doch einen Spielfilm draus, der Appetit kommt beim Schreiben. Ursprünglich dachte ich an einen Dokumentarfilm, aber hat was von Vorführen und die Anwesenheit des Filmers verändert das zu dokumentierende Objekt, die Subjekte sowieso, bei aller mittlerweile vorhandenen Vertrautheit.
Aber so ein satirisch angehauchter Film, über Kreuzberg im Jahre 2030, das hätte was. ich würde auch gerne eine Rolle darin spielen. Den Fremdenführer. Das mit der Rolle krieg ich hin. Als Drehbuchautor und Regisseur hätte ich einen gewissen Einfluss auf die Rollenbesetzung.
Yorckschlösschen, Kreuzberger Institution, Live Club und Biergarten. Hier hat sich seit den 70ern nichts verändert. Neulich wollten wir dahin. Am Fenster im Parterre unseres Hauses saß Dieter und rauchte. Wir hielten kurz an: „Na, wie isses?“ Er klang unbegeistert: „Was soll’s. Muss ja. Nächste Woche im Bundeswehrkrankenhaus. Die wollen da nochmal was machen.“ Dieter hat Krebs, unheilbar, vom Scheitel bis zur Sohle. Noch ein paar Monate. Man hat ihn aus dem Knast entlassen, Haftverschonung, damit er Zuhause sterben kann. Seine Frau bemüht sich auch um Hafturlaub, um ihn zu besuchen. Dieter, seine Frau und sein Zuhause lebender Sohn haben ein Familienunternehmen gegründet. Drogenhandel. Unabhängig vom „Druckfesten“, Jahre nach ihm. In derartigen Mengen, dass die ganze Familie ohne Bewährung in den Bau einfuhr, nachdem sie erwischt wurde.
Dieter und der Druckfeste sind ganz normale Leute, keine Dealer a la Altfreak mit langen Haaren und Lederjacke oder Neondealer mit Ray-Ban-Sonnenbrille und Gelhaar-Hackfresse. Sie handelten einfach einer gewissen Logik und gesellschaftlichen Norm entsprechend. Die Perspektive eines Lebens als Groß- und Einzelhandelskaufmann in Legebatterieähnlichen Großraumbüros oder als Staplerfahrer in vesifften Fabrikhallen erschien ihnen wohl offensichtlich so wenig verlockend, dass sie ihr Erwerbs-Portfolio erweiterten, gemäß dem Motto: Ist der Handel noch so klein, bringt er doch mehr als Arbeit ein.
Hand aufs Herz respektive aufs Portemonnaie: Wer von uns Normalos hätte nicht schon mal von einem Leben in Saus und Braus, Luxus und Dekadenz geträumt? War früher, in der Phase des Wiederaufbaus nach dem Krieg und der Stabilisierung unserer Gesellschaft, gesellschaftliche Norm der Konsumverzicht, das Sparen, der Triebaufschub – „Spare in der Zeit, dann hast Du in der Not“, die klassisch protestantisch-kapitalistische Verzichtsethik – so trat mit wachsender Demokratisierung ab den 70ern Konsum in den Vordergrund. Man gönnte sich wieder was. Demokratie und Konsum sind untrennbare zwei Seiten einer Medaille. In späteren Phasen entwickelte sich schamlos zur Schau gestellte Dekadenz von überschießendem Luxus und Prasserei als permanent medial verbreitetes gesellschaftliches Leitbild, verknüpft mit grenzenloser Verachtung für alles, was nach Armut und Prekariat riecht. Man schaue nur mal 30 Sekunden in die Fratzen der Millionärsfamilie Geissen , ein TV-Sozialpornoformat der übelsten Sorte. Läuft seit 2011.
Wer wollte es also den Druckfesten und Dieters dieser Welt verübeln, wenn sie versuchen, auf ihre Weise ein Stück vom goldenen Kuchen abzubekommen. Nicht immer nur Schwarzbrot.
Und wer ab und zu mal einen Joint raucht und einen Beutel Gras für nen Zwanni beim Kumpel kauft, sollte sich klarmachen, dass das Zeug nicht abgepackt in Plastiktüten von Rosinenbombern abgeworfen wird, sondern auf üblichen Handelswegen in Verkehr gebracht wird, auch in großen Mengen. Vielleicht wird das durch die Legalisierung von Marihuana mit nachfolgender Subsistenzwirtschaft und lokalen Selbstversorgungsstrukturen etwas besser, aber bis dahin gelten die Gesetze des Handels, auch für Illegales. Es gibt keine rauschfreie Gesellschaft und hier erfüllen Dealer wie der Druckfeste und Dieter eine nicht akzeptierte, aber notwendige Funktion. Siehe auch Prostitution.
Die Geschichte des Druckfesten kenne ich schon länger, wir verklappen ab und zu zusammen vor dem türkischen Imbiss in unserem Haus ein Bier. Aber nachdem ich die Geschichte von Dieter erfahren hatte, hab ich doch mal vorsichtig nachgefragt: „Es gibt aber schon noch Leute im Haus, die nicht kriminell sind?“