
„Die hat seit ein paar Jahren zu“, rief mir ein fürsorglicher Eingeborener zu, als er mich beim Studium der Getränkekarte sah. Ich habe mal ein Projekt gestartet, bei dem ich Speise- und Getränkekarten unterschiedlicher Restaurants, Wirtshäuser etc. fotografierte, von Sterne-Etablissements bis hin zu jener Kneipe bei mir umme Ecke mit dem nicht gerade umsatzträchtigen Namen „Hartz-IV“, die folgerichtig nach einem Jahr wieder dicht war. Diese Dokumentation sagt mehr als 1000 Worte über den Zustand unserer Republik aus. Das Projekt hab ich nicht beendet, aber es weht noch in mir nach. Die Lektüre von Speise- und Getränkekarten in fremden Orten gehört neben der von Plakaten zu meiner Pflichtlektüre im öffentlichen Raum, das gehört zwingend zur Aneignung fremder Territorien, ist politische und ästhetische Bildung par excellence. Und höchst unterhaltsam. In einem Pornokino gibt es ein anderes Angebot („Herrengedeck“!) als in meiner Lieblingskneipe zwei Straßen weiter namens „Das Kapital“. Die allerdings auch schon dicht ist.
Den Anblick von Judy’s Kino Bar fand ich anrührend. Das Design der Fassade ist geradezu liebevoll individuell und hat nichts mit der marktschreierischen primitiven Plumpheit vergleichbarer Läden im Rotlichtmilieu zu tun. Judy’s Kino Bar liegt mitten in einem reinen Wohnviertel, die gehört irgendwie zum Kiez und sie ist ein Menetekel einer vergangenen Zeit. Heutzutage ist Porno durch das Internet ein jederzeit frei verfügbares Mainstream Phänomen, vergleichbar mit Fußball. Wer Niveau hat und von Welt ist, hält sich von beidem fern, sollte sich trotzdem oder gerade deshalb damit auseinandersetzen. Es gibt nicht viele große gesellschaftliche Erzählungen, die über Klassengrenzen hinaus wirken, Fußball und Porno sind zwei. Wo das kollektive Erleben Fußball, sei es im Stadion oder Kneipe, enorme Zuwachsraten in den letzten Jahren hatte, ist der gemeinschaftliche Konsum von Porno in eben Etablissements wie Judy’s Kino Bar durch das Internet einen schnellen Tod gestorben. Disruption wie aus dem Lehrbuch.
So ragt die Kino Bar wie ein stummer, versteinerter Dinosaurier aus einer Zeit, wo Porno noch etwas schmuddeliges, geheimes anhaftete, in ein Heute, wo, und da klingelte gerade das Telefon und als ich zurück kam, waren alle schönen Gedanken über das Heute flöten. Bleibt festzuhalten, dass beiden Massenphänomenen Fußball und Porno ein ausschließlich Männerzentrierter Blick innewohnt und dass sie einen solchen permanent reproduzieren, was unter den Bedingungen von Corona verheerende gesellschaftliche Folgen hat. Corona ist ein Emanzipationsrisiko sondergleichen, nicht nur, aber vor allem aus ökonomischen Gründen. Und wenn ein derartiges gesellschaftliches Rollback orchestriert wird durch kulturell dominante Erzählungen wie Fußball und Porno, dann guter Nacht, Marie. Und welcome back, Doitscher Michel.
Ich hoffe weiterhin, dass der Profi-Fußball pleitegeht. Bloß wo hängen die ganzen Dumpfmeister aus den Stadien und Kneipen dann ab? Zuhause? Das wollen wir deren Familien nicht wünschen. Wird es zu einem Revival von Judy’s Kino Bar kommen? Sind so viele Fragen.
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09.08.2020 – Wes Geistes Kind sind eigentlich solche Leute?

Nach wie vor asozial. Alternative Szene in Neukölln, die immer noch auf einem kompletten Wohnungsbau-Verzicht für das riesige Tempelhofer Feld besteht, einer der größten innerstädtischen Freiflächen der Welt, obwohl in Berlin extremer Mangel an bezahlbarem Wohnraum besteht. Hauptsache, die alteingesessenen Kiezianer haben weiterhin ihre grüne Kuschelwiese direkt vor der Tür. Wes Geistes Kind sind eigentlich solche Leute?
Da stelle mer uns janz dumm und gucke in et Jeschichtsbuch.
Die Original-Nazis waren nach heutigen Maßstäben eine grün-alternative Gang. Diese Sicht ist nicht neu, nur nochmal hier kurz auf den Punkt gebraten: Hitler war Vegetarier und Tierfreund, Himmler und Hess hatten es schwer mit Esoterik, Buddha und Yoga, Goebbels war als Behinderter ein Fall für die Inklusion und lebte polyamoröse Beziehungen (Spitzname: Der Bock von Babelsberg), Göring war als Freund von Sister Morphin ein schwerer Drogenfreak, an dem Lou Reed seine Freude gehabt hätte, und nehmen wir noch den 1934 von seiner Gang gekillten Röhm als Schwulen dazu, haben wir das fast komplette grün-alternative Setting. Aber der Pazifismus, höre ich da? Zugegeben, die Original-Nazis waren jetzt keine Pazifisten im klassischen Sinn. Aber der grüne ex-Steinewerfer Joseph Fischer war federführend als Außenminister am völkerrechtswidrigen Angriffskrieg der NATO gegen Jugoslawien beteiligt, ekelhafterweise als Legitimation dafür Auschwitz missbrauchend. Und was Rassismus angeht, muss mensch sich ja nur diese grüne Freiburger OB-Gurke Palmer angucken. Und den Witz kennen Sie sicher, liebe Leserinnen: „Sagt ein Grüner: An den Nazis war nicht alles schlecht. Nur das mit den Autobahnen, das hätten sie lassen sollen.“ Der Autobahnbau war übrigens schon vor den Nazis in der Welt.
Dieser Rückgriff auf die Geschichte mit dem Schlenker in die Berliner Gegenwart deshalb, weil sich auf den Corona-Demos wieder ein übles irrationales Gebräu zusammenmixt, aus Esoterikerinnen, rebellisch Staatsverdrossenen, Ökos, Alternativen, New-Ager Spinnern, Peace-Freunden, „Jesus lebt“ Hippies, Impfgegner*innen etc. pp.. Alles früher oft stramme Grün-Wähler*innen, aber da die Partei jetzt staatstragend ist, heißt: Schwenk weg. Und zwar nach rechts. Das brauchen die Neu-Nazis, die dem Gebräu die braune Note geben, gar nicht zu steuern, das läuft von selbst. Und wenn die Corona-Krise im Herbst ihre volle materielle Wirkung entfaltet, wird die Saat, natürlich streng ökologisch, von der AFD eingesammelt.
Soviel für heute zur Frage, wes Geistes Kind sind eigentlich Corona-Demonstrierende und Alternative und welche historischen Vorläufer haben sie zum Teil? Einen Impfstoff dagegen wird es leider nie geben. Man kann nur auf der Macht der Aufklärung insistieren und wenn das nicht klappt, dann eben ab in die selbstverschuldete Barbarei. Dann bin ich hoffentlich woanders. Entweder zwei Meter unter der Grassnarbe oder auf Korfu.
08.08.2020 – Temperaturrekord: 59,3 Grad Celsius

Mein Funkthermometer, was leider nicht verwandt ist mit dem Musikgenre gleichen Namens (Funk! Nicht Thermometer… ), zeigte heute Morgen als Temperaturmaximum der letzten 24 Stunden 59,3 Grad Celsius an. Es war heiß gestern, 96 Degrees in the shade, Fahrenheit, was umgerechnet 35,55 Grad Celsius sind. Kam hin. Auf dem analogen Thermometer auf der Veranda nach Süden ist die Temperatursäule gen Mittag in der prallen Sonne auch schon mal am Anschlag, der bei 50 Grad liegt. Selten, jedoch häufiger, allerdings immer nur knapp.
Aber 59,3 Grad?
Das Ende ist nahe, dachte ich, denn siehe, aller Frevel wider die Natur und den restlichen Ökogedöns währet nicht ewiglich und der Herr und die Frau und alle Diverslinge im Himmel werden Feuer über den Globus senden, insbesondere über Linden in Hangover, und vertilgen alle die, die gesündigt haben. Au Backe.
Oder ist das Ding kaputt? Aber wieso nur auf der einen Anzeige für Maximum? Ich überlegte, wo der Temperaturfühler des Funkomaten angebracht ist. Außen vor einem Fenster, aber eher verschattet und nach Westen. Doch dann, auf dem Stuhl der Weisen: Heureka! Ich hab‘s. Das Blech der Fensterbank speichert und reflektiert Hitze. Puuuh. Gerettet. Dieses Mal noch.
Wieso ist mir das früher nicht aufgefallen? Man wird wohl unter Corona immer wirrer im Kopf. Aber Alltagskrisen krieg ich noch gebacken, um mal in der Hitzemetaphorik zu bleiben. Ihnen, liebe Leserinnen, exclusiv zwei Tipps, die Sie aus dem Fegefeuer des Sommers ins Paradies der sommerlichen Genüsse katapultieren. Wir alle leiden, ob am Grill oder am Mülleimer, unter Wespen und Fruchtfliegen. Die gemeine Fruchtfliege, Drosophila melanogaster, wem fällt da nicht der Biologieunterricht der Untersekunda ein. Und was wäre die Genetik ohne dieses putzige Tierchen. Was mich persönlich allerdings nervt, wenn es zu Myriaden aus dem Mülleiner quillt, wenn man den Deckel hochklappt. Wie kommen die Viecher da hin? Aber wir wissen uns zu helfen: Wir nehmen ein einfaches, leeres Glas, füllen etwas Essig hinein und Fruchtsaft, ziehen Alufolie drüber, piksen mit der Gabel ein paar Löcher rein und positionieren das Ganze neben den Mülleimer.

Drosophila fliegt rein und ersäuft. Sieg auf ganzer Linie.
Bei Wespen hilft eine Sprühflasche mit Wasser, die Viecher einfach am Grill unter Feuer nehmen. Für mich als kindliches Gemüt ein Heidenspaß, wie auf dem Rummel oder beim Cowboy- und Indianerspielen. Nachher fahre ich die City und kaufe mir Wasserpistolen. Heidewitzka.
Und wo bleibt das Wort zum Sonntag, die böse Politik? Hier, der Filosof spricht: Das Böse nimmt spürbar zu. Auch wenn unser Filosof Brecht nicht kapiert hat und den kapitalen Bock schießt, den Marxismus als Philosophie zu verwechseln mit jenen – unterdrückenden – Staatswesen, die ihn als legitimierende Philosophie nutzten und missbrauchten, mit dem Bösen hat er recht.
Sonnigen Tag und hoffentlich keine 59,3 Grad in Ihrer Bude, liebe Leserinnen.
07.08.2020 – Abstandsregeln gelten nicht nur bei Corona!

Abstandsregeln gelten nicht nur bei Corona! Eine Leerstelle zu viel vor der Energie. Ich bin wie gesagt kein Korinthenkacker und lasse gerne mal Viere gerade sein. Aber wenn ich sowas sehe, kriege ich Ekelpickel, Heulkrämpfe und wälze mich schreiend am Boden. Das kann vor einem unabhängigen Jugendzentrum passieren, aber doch nicht an der Bude vom dicken Altmeier! Keiner arbeitet mehr exakt, außer einem … Nachdem ich mich vom Boden erhoben und den Berliner Staub von meinen Gewändern geschüttelt hatte, setzte das Denken wieder ein. Wie, wenn das bewusst so gesetzt ist (sagt man an Hauswänden überhaupt „gesetzt“?)? Wenn der Energie unmissverständlich klargemacht werden sollte, in welcher Distanz sie zur Wirtschaft zu stehen hat?
Wer solche Fragen hat, hat keine Probleme, und so schritt ich munter aus, fröhlich Händels Messias vor mich hin pfeifend. Ich schätze Barockmusik, da war die Welt und ihre Musik noch überschaubar. Danach nur noch Umwälzungen, Neuerungen, Veränderung, oje.

Vor dem Brandenburger Tor lieferten sich Putin und Trump ein atomares Wettrennen. Das erheiterte mich vollends. Die Atomkriegsuhr hat einen neuen Höchststand erreicht, es ist 100 Sekunden vor 12, aber im Gegensatz zu früher kräht da kaum eine Henne nach. Früher, als ich noch jung war, also ungefähr im Mesozoikum, gingen noch Hunderttausende von Friedenswinslern und Versöhnlerinnen auf die Straße oder legten sich vor lauter Bibberbibber gleich beim Psychoquacksalber auf die Couch, im sogenannten Kalten Krieg, und da stand die Uhr maximal auf drei vor 12.
So ändern sich die Zeiten.
Angesichts der Raketen vor dem Brandenburger Tor durchfuhr mich der Blitzstrahl eines kreativen Impulses. Das passiert mir im Moloch Berlin mit seinen Bildern, Inszenierungen, Stadtmöblierungen andauernd, nur die raue Wirklichkeit ist ein guter Lehrmeister. In dem Fall tippte ich die Idee sofort in mein Handy, als Mail an mich. Und wäre beinahe mit einem anderem Handyidioten kollidiert, der gerade das Gleiche zelebrierte. Wie ich sowas hasse. Aber wer ohne Fehl ist, der werfe den ersten Stein. Und die Idee ist wirklich Weltklasse. Demnächst hier mehr. Bleiben Sie drin.
Sie hat mit der Idiotenversammlung zu tun, die demnächst auch im Luftkurort Bad Hannover stattfinden soll. Am 08.08 wollen Leugner der Pandemie wieder mit Verschwörungsgläubigen, Impfgegnern und rechtsgerichteten Gruppen auf einer Demonstration durch die Stadt ziehen. Durch das Unterlassen der üblichen Corona-Schutzmaßnahmen (Masken, Abstand) setzen sie dabei die Bevölkerung absichtlich einer schweren Gesundheitsgefährdung aus. Außerdem kommt es bei den Protesten immer wieder auch zu antisemitischen, rassistischen und demokratiefeindlichen Äußerungen. Das Bündnis »Auf die Plätze« ruft daher zum Gegenprotest auf und wird am Samstag, 8. August 2020 um 15 Uhr auf dem Georgsplatz in Hannover eine Kundgebung abhalten.
Danke schon mal an die jungen Leute von „Auf die Plätze! Hannovers Bündnis für Aufklärung und gegen Verschwörungsideologen“.
Von wegen die Jugend taucht nix. Sonniges Wochenende, liebe Leserinnen.
04.08.2020 – Bestrafe einen, erziehe hundert.

Die Ausstellung von Katharina Grosse im Hamburger Bahnhof ist tatsächlich so beeindruckend wie sie in fast allen Feuilletons befeiert wurde. Ein feiner konzeptueller Ansatz, wie umgehen mit den Grenzen des klassischen musealen Raumes, ist ästhetisch opulent umgesetzt. Kunst wie auf Droge. Das ist nichts grundstürzend Neues, dieses Terrain haben Straßenkunst, Graffiti und Avantgarde schon lange beackert, aber wenn Sie, liebe Leserinnen, mal eine Ausstellung besuchen wollen wo Sie sich ohne Audioguide, Katalog und 4 Semestern Volkshochschule moderne Kunst einfach von Ästhetik überwältigen lassen können, gehen Sie hin, es lohnt sich. Und für mich als Ackersmann im Bergwerk der Sprache ist es immer wieder ein Heidenspaß selbst in Texten, an denen monatelang Kolonnen von Vollakademikerinnen gewütet haben, Monsterklopse zu entdecken

Skulpural. Hängt seit Wochen da. Das geht natürlich gar nicht. Aber bevor ich hier in den Ruf eines Dudenkorinthenkackers gerate: Der Duden wird grundsätzlich überbewertet. Als Leitplanke für Loser, Minderleister und Ich-Schwächlinge ok, aber freie und überfliegende Geister wie ich lassen sich durch sowas keine Fesseln anlegen. Wir sind die Avantgarde, die aus toter Sprache das machen, was sie ist: Etwas Lebendiges, das sich im Prozess entwickelt. Was dann der Duden 3 Ausgaben später gerne mal einfangen darf. Hugh, ich habe gesprochen, ich Freigeist, ich. Aber skulpural, bei aller Freigeistigkeit: igitt.
Igitt war natürlich auch die Demo der Covidioten am Wochenende in Berlin. Wir sollen sie laut Kommentarsensibelchen auch im sonst höchstgeschätzten Deutschlandfunk nicht Idioten nennen, weil wir ja ihre Sorgen und Nöten ernstnehmen sollen und sie da abholen, wo sie ängstlich bibbern etc. pp – also nicht beschimpfen, sondern sozialarbeiterisch bekuscheln.
Drauf geschissen. Natürlich nehme ich existentielle Sorgen und Ängste ernst, das gebietet mir nicht nur meine Empathie, das gehört auch zu meinem Job. Aber Sorgen und Ängste geben niemandem das Recht, mit Nazis zu marschieren und sie geben niemandem das Recht, als potentiell tausendfache Superspreader gezielt und bewusst das Leben anderer zu gefährden. Wer so handelt, dessen Sache ist nicht die der res publica, der Republik. Wer sich nicht verantwortungsvoll um die Sache der Allgemeinheit kümmerte, den nannten die alten Griechen idiotes. Das ist der Stamm für Idiot und daher sind Menschen, die auf solchen Demos mitmachen, aus allen Gründen, auch aus denen der humanistischen Bildung, Idioten. Also alle Kommentator*innen, die das anders sehen: Setzen, Sechs.
Diesen Idioten ist übrigens mit aller Härte entgegen zu treten. So sind die Verantwortlichen für diese verbrecherischen Aktivitäten vollumfänglich privat haftbar zu machen für alle Corona-Folgekosten, die aus diesen Veranstaltungen resultieren, wie Kosten für ärztliche Behandlungen, Krankenhaus, Verdienstausfälle, Versicherungen, Quarantäne, Beerdigungen etc. pp. Das dürfte jede durchschnittliche bürgerliche Existenz in den Orkus jagen und wenn sich das rumspricht, ist schnell Schluss mit derlei Unfug. Wie sagte doch Mao dereinst:
„Bestrafe einen, erziehe hundert.“
03.08.2020 – Wäre ich nur ein paar Jahrzehnte jünger, wer weiß …

Linksradikale Demo Neukölln 01.08.20, gegen die Räumung des besetzten Hauses Liebigstr. 34 und des Jugendzentrums „Potse“. Zitat Tagesspiegel, linksradikaler Anwandlungen eher unverdächtig:
„Auf der Hermannstraße kam es zwischenzeitlich zu chaotischen Szenen. Ein Video einer Anwohnerin zeigt, wie die Polizei in die Menge stürmt und Demonstranten niederreißt.“
Die Chronologie solcher Demos läuft nach einem ähnlichen Muster ab, wieder Tagesspiegel:
“ Etwa eine halbe Stunde nach Beginn der Demonstration werfen Unbekannte aus dem Demonstrationszug plötzlich Steine und Farbbeutel auf ein Neubauprojekt an der Ecke Hermannstraße und Flughafenstraße. Daraufhin stoppt die Polizei den Zug, die Situation eskaliert. Linksautonome greifen sofort die Einsatzkräfte an, so schildert es die Polizei in einem Bericht am Sonntag. Sie umzingeln teils unbehelmte Streifenbeamte und bewerfen sie mit Steinen.“
Das ist unverantwortlich. Nichts gegen einen ästhetisch sauber platzierten Farbbeutel an eine Hauswand, die nicht nur symbolisch, sondern ganz materiell dafür steht, das Menschen aus ihren Wohnungen zu Gunsten von Luxusapartments verdrängt werden und nicht selten auf der Straße landen. Das ist strukturelle Gewalt, im Winter erfrieren Menschen auf der Straße. Und was ist ein Farbbeutelwurf dagegen?
In meinen Augen illegal aber legitim.
Steine gegen Menschen ist die Grenze, da wendet sich selbst das wohlmeinende Bürgertum, für das ich hier mal pars pro toto stehe, ab.
Allerdings setzen Farbbeutel sofort oben beschriebene Chronologie in Gang. Die Unantastbarkeit des Eigentums ist in unserer Gesellschaft, im Kapitalismus, ein Fetisch, ungefragter Glaubensgrundsatz. Wenn Sie jemanden erschlagen, gehen Sie mit einem guten Rechtsanwalt mit Bewährung aus der Sache, wenn Sie zweimal Lippenstift klauen und nicht der Klasse des Richters entstammen, gehen Sie bei Pech in den Bau.
Das sind die – geisteskranken – Maßverhältnisse unserer Gesellschaft.
Man kann übrigens auch fragen, welcher geisteskranke Einsatzleiter bei so einem Einsatz unbehelmte Polizisten an die Front schickt. Das nur am Rande…

Und so lieferte die gut gemeinte Absicht der Genoss*innen bei der größten linksradikalen Demo seit längerem mit schlecht gemachtem Testosterongesteuertem Rabaukentum nicht nur der Springerpresse mal wieder willkommenen Anlass für Gift und Geifer.
Man kann übrigens auch fragen, warum die Polizei nicht sofort bei den schwerwiegenderen, nämlich Demokratie und Gesundheit gefährdenden Rechtsverstößen während der Demo der Covidioten auf der Straße des 17. Juni eingriff. Lag es daran, dass die Polizei angesichts der zahlreichen Nazisymbole, verbotenen Reichskriegsflaggen und geisteskranken Parolen sofort erkannte, dass da ihre Brüder und Schwestern im Geiste unterwegs waren?
Ich aber verließ an diesem wundervollen lauen Sommerabend die Wallstatt mit jenem prickelnden Gefühl, welches wir gemeinhin Leben nennen und das sich weder vor dem TV noch bei der Lektüre von Büchern oder im Wirtshaus einstellt – welches ich allerdings für einen Absacker doch noch aufsuchte. Und wäre eine Genossin mit einer Spendenbüchse für die Liebig 34 oder Potse vorbeigekommen, hätte ich durchaus meinen Obolus eingeworfen, nicht ohne die mahnenden und gegenderten Worte: „Liebe*r Diversling, das ist alles sehr löblich, was Ihr da macht, und wäre ich nur ein paar Jahrzehnte jünger, wer weiß …aber das mit den Steinen, das lassen wir demnächst lieber.“
Ich bin bekannt dafür, meistens die richtigen Worte zu finden. Sonnige Woche, liebe Leserinnen…
28.07.2020 – Genießen Sie den Sommer, den Wein und den Gesang.

Die Tage werden kürzer, mein Wein dunkler. In jedem Höhepunkt liegt der Abgesang. Mit einem Unterschied zu früher: da schossen die Reisepläne im anschwellenden Abgesang auf das Jahr aus der Phantasie wie Pilze nach einem warmen Regen. Jetzt ist fahle Ödnis bis zum Horizont, mangels Impfstoff. Selten habe ich so wie heuer auf die dynamische Kreativität des Kapitalismus gesetzt, wenn Profit winkt. Bei einem Corona-Impfstoff winkt Milliarden-Profit, mehr noch als bei einem HIV-Impfstoff. Diese Seuche war und ist begrenzbar und bedrohte zumindest die entwickelten Volkswirtschaften nicht in ihrem Kern, anders als Corona. Also los, Labore aller Konzerne, haut mal einen Schlag ran! Es locken auch jede Menge Nobelpreise…
Wo die dynamische Kreativität des Kapitalismus mit Sicherheit greifen wird, ist z. b. beim Massen-Metzger Tönnies. Das moralische Blabla Jammer Jammer der Gutmenschen über die armen gemetzelten Schweine, die man vor dem Killen doch lieber nochmal mit einem ökologisch einwandfreien Striegel bürsten und dabei Mozart spielen sollte, sitzt dieser Lump locker aus. Das gibt sich spätestens beim nächsten Rinderwahnskandal, dann kennt keine mehr Tönnies. Aber die Verteuerung der Ware Arbeitskraft durch Reduzierung von Werkverträgen, Einschränkung des Subunternehmertums und Störung der Ausbeutung durch verschärfte Kontrollen wird ihn das zeitnah realisieren lassen, was eh schon als Blaupause (ähnlich zeitgemäßer Begriff wie Fax) in den Schubladen der Rationalisierer liegt, nämlich der Ersatz der menschlichen Arbeitskraft in den Schlachthöfen durch Roboter. Was sollte ein Rechnergesteuerter Greif- und Schneidarm auf Scannerbasis nicht 10x besser, schneller, zuverlässiger und profitabler hinkriegen als osteuropäische Arbeitssklaven.
Ein Roboter arbeitet 24 Stunden am Tag, ohne Urlaub, wird nicht krank oder schwanger, streikt nicht, kostet einmal teuer in der Anschaffung und ansonsten bisschen Öl im Unterhalt.
Und so ergibt sich die tragödische Situation, dass als Folge der Corona-Pandemie bei „uns“ hunderttausende Wanderarbeiter*innen und Arbeitssklaven von einem Elend ins nächste gestürzt werden: Vom Elend der krankmachenden Ausbeutung durch Arbeit ins existentielle Elend durch Verlust von Arbeit. Die politische Entwicklung in ihren osteuropäischen Heimatländern mit nichtexistierenden sozialen Sicherungssystemen, in die sie dann abgeschoben werden (an dem EU Status, der freien Zugang EU-weit ermöglicht, lässt sich jederzeit schrauben), möchte ich mir lieber nicht ausmalen. In Polen, Ungarn, Slowakei etc. pp. hampeln doch jetzt schon jede Menge vollkorrupter Viertel- bis Vollfaschisten in der Regierung rum. Vielleicht wird ja dann, wenn ein Vorhang von Dunkelheit über die Restzivilisation in Osteuropa fällt, meine Vision und mein Sehnen seit nunmehr 30 Jahren auf zynische Art und Weise Realität: Raus aus der EU mit dem Pack und lasst den Eisernen Vorhang wieder runter! (Das muss man wohl für die Generation der unter 40jährigen verlinken: Eiserner Vorhang)
Ob den Arbeitsmigrant*innen allerdings damit gedient ist?
Es gibt in der Geschichte mitunter nur die Wahl zwischen Scylla und Charybdis.
Mein gesellschaftlicher Pessimismus wird offensichtlich immer mehr wie mein Humor: Grenzenlos.
Lassen Sie, liebe Leserinnen, sich dadurch die Laune nicht verderben. Genießen Sie den Sommer, den Wein und den Gesang.
Versöhnliches zum Schluss, Impression aus Scilla, siehe oben, einem bezaubernden kalabrischen Dorf am Meer. Ein Kriegerdenkmal zur Erinnerung an die versuchte Eroberung Afrikas durch die italienischen Faschisten.
Wie die Sache ausging, ist bekannt.
Wenn ich jetzt losradelte, wäre ich in ca. 2 Monaten gegen 13 Uhr in Scilla … Hm.
24.07.2020 – Yes ve gan.

Yes ve gan. Obama auf sächsisch?

TEE SALON IKI. Quizfrage: Welche griechische Stadt steckt hinter dieser VERBALL HORN UNG? 1. Athen. 2. Piräus?
Die Pfiffigen unter den Leserinnen, also alle, werden es erraten haben: Es handelt sich um Restaurants in Berlin. Wo sonst als in der Metropole des Frohsinns, des Witzes und der Schlagfertigkeit sind solche köstlichen Scherznamen denkbar. Nicht umsonst wurde im Paläozoikum der Begriff „Berliner Schnauze“ geprägt, auch Volksmund genannt. Und wie alles, was mit Volk zu tun hat, ist natürlich auch der Berliner Volksmund einfach nur unerträglich, bar jeden Esprits und meine Assoziation zu Berliner Schnauze ist nicht selten, dass ich jemandem, der sich auf den dutzenden Berliner Demos mit Verschwörungstheoretischem Charakter mit faschistischem Müll verbreitet, einfach mal einen auf die dämliche Berliner Schnauze … aber lassen wir das. Keine Gewalt.
Erfreuen wir uns lieber der kämpferischen Ankündigung der IG Metall, um jeden Arbeitsplatz zu kämpfen, der bedroht sei. Und das sind viele: Laut Unternehmen werden wegen der Corona-Krise und Strukturanpassungen rund 300.000 Arbeitsplätze allein in der Metallindustrie gestrichen.
In dem Artikel wird präzise beschrieben, was die Corona Pandemie für Folgen haben kann: Sie wird als Vorwand für Strukturwandel, sprich Rationalisierung, benutzt, Arbeitslosigkeit wird Kernthema der Bundestagswahl 2021, die Rechten werden Krisengewinner, Motto „wir schützen den Diesel, wir schützen den deutschen Facharbeiter“, Belegschaften werden durch wachsendes Homeoffice nicht mehr mobilisierbar, die Vereinzelung nimmt zu. Eine Analyse wie ein gutes Steak: auf den Punkt.
Was die IG Metall dagegen tun will, sagt der gute Mann nicht. Kämpfen, sagt er. Kämpfen ist immer gut. Ich kämpfe mittags immer gegen Müdigkeit. Meist vergebens. Göttin erhalte mir mein Mittagsbubu. So wie dem guten IG Metaller mit dem Namen einer Rebsorte, die für meist klebrigen Weißwein mit Bonbongeschmack steht, sein SPD-Parteibuch.
Quizfrage: Wie heißt der Mann? 1. Muskateller. 2. Imiglykos? (Richtige Antwort: Kerner). Zitat Kerner: „Ich würde mir wünschen, dass die SPD-Spitze mehr mit unseren Leuten in den Betrieben redet und weniger über die Medien kommuniziert.“
Hinter dieser Bemerkung steckt das ganze Elend der dahingeschiedenen Arbeiterbewegung samt IG Metall und SPD. Wenn die den Mund aufmachen, meint man, Kurt Schumacher oder August Bebel zu hören. Mäandern in einer seligen Vergangenheit, ohne zu realisieren, dass das Personal der eigenen Organisationen SPD und IG Metall schon seit Jahren unrettbar korrumpiert bis korrupt auf die Knochen ist, nur bedacht auf den eigenen Vorteil, bereit mit jedem Klassenfeind zu paktieren, koste es, was es wolle. Man gucke sich nur eine Kreatur wie Siggi Pop Gabriel an.
Es werden noch Wetten angenommen, welche Vorverträge bei welchen Konzernen Olaf Scholz jetzt schon in der Tasche hat, für 2021 ff., wenn er die Wahl als SPD-Kanzlerkandidat krachend gegen eine Wand gefahren hat, auf der als Menetekel steht:
„Achtung, demnächst 5 Prozent Hürde!“
Ich mach mir jetzt einen Wein auf. Keinen Kerner. Einen neuseeländischen Sauvignon.
Prost, liebe Leserinnen, und schönes Wochenende!
21.07.2020 – Saufen für einen guten Zweck

Diese Weine erwarb ich unlängst aus einem Nachlass, dessen Erlös einem sozialen Zweck zugutekam, den ich schon wieder vergessen hab. Connaisseuren sagen die Namen etwas, die Lagen zählen zu den Großen in Deutschland. Allerdings ist nach 40 Jahren der Lack etwas ab bei Weißweinen, die unterhalb der Kategorie Auslese firmieren und damals war der deutsche Weinanbau in einer veritablen Qualitätskrise. Es war eher eine skurrile Trinkerfahrung, eines der Abenteuer, die Corona noch zulässt in Zeiten von Cocooning, und saufen für einen guten Zweck ist ja eh jenseits aller Kritik. Das Foto fiel mir wieder ein und in die Hände, als gestern haufenweise positive Nachrichten von der Impfstofffront über den Ticker kamen. Was das angeht, bin ich Info-Junkie, Impfstoffsüchtig. Eigentlich hatte ich mich damit abgefunden, dass das in absehbarer Zeit Nichts wird mit Impfen, wenn überhaupt mal. Aber nach gestern sieht der Impfhimmel wieder rosig aus. Und Impfhimmel meint jenen Horizont, der mir Flüge in den Süden wieder riskierenswert macht. Ergo griff ich aus meinem Weinbestand die Flasche, die da für besondere Anlässe liegt, ein Fürst des Weißwein-Wesens, einer jener Tropfen, die man sonst nur vom Hörenraunen kennt, und beklebte ihn mit einem Schild: Zur Impfung trinken!
Mit so einer Pulle bin ich aber schon mal auf die Schnauze gefallen. Bei jedem freudigen Anlass dachte ich damals, da kommt noch einer, der das toppt, am Ende waren 30 Jahre ins Land gegangen und der Weißwein oxydiert. Triebaufschub, ohne diese Grundlage funktioniert Kapitalismus nicht, steckt in uns allen. Passiert mir nicht noch mal.
Prost einstweilen, ich muss los. Ackern. Sie wissen schon, Kapitalismus, solche Weine wollen bezahlt sein. Prost, liebe Leserinnen, und sonnige und vor allem unbeschwerte Tage!
20.07.2020 – Mein vorinsterlierter Compter.

Handelt es sich hier um ein Kofferwort, zusammengesetzt aus den Begriffen „installiert“ und „sterilisiert“? Macht ja Sinn, dann wäre der Compter Virenfrei. Beim Anblick dieser Fundsache bei mir umme Ecke aus dem Zentrum des Wahnsinns, auch Realität genannt, ploppte ein Bild in mir hoch. Eine Fundsache von Erinnerung aus einer kurzen und vergangenen Episode der Kommunikations- und Mediengeschichte. Irgendwann in den Neunzigern, genau weiß ich es nicht mehr, tauchten in Hotels und Pensionen in meinen Urlaubsregionen vermehrt PCs mit Internetzugang für die Gäste auf. Die Dinger hatten einen Münzeinwurf, es fing an mit einem Euro für eine Viertelstunde Internet. Ich habe das gerne genutzt, um die schwarze Wand der nicht beantworteten Mails Zuhause nicht zu groß werden zu lassen, aber auch für Infos und vor allem für die Wetteraussichten. Anfangs, es gab damals noch keine Smartphones und ein Laptop hab ich zweimal in den Urlaub mitgeschleppt, dann wurde mir das zu blöd, waren diese PCs durchaus begehrt. Obwohl ich nie zu Hauptreisezeiten urlaube und es immer entsprechend leer in den Unterkünften war, traf ich doch des Öfteren beim täglichen Check auf analoge Wesen am PC, mit denen sich sogar mitunter ein Gespräch ergab. Ich bin sonst im Urlaub eher Gesprächsflüchter, tu mich nicht gerne gemein, daher erinnere mich an solche analogen Vorfälle im digitalen Umfeld durchaus. Wie an einen Engländer, mit dem ich nach Austausch einiger Smalltalks über Wittgenstein und Boolesche Algebra sogar mal einen Port in einer Hafenkneipe nahm.
Innerhalb weniger Jahre griff das eherne kapitalistische Gesetz des tendenziellen Falls der Profitrate auch bei diesen PCs. Laptops wurden transportabler, der Internetzugang mit ihnen einfacher, dann kamen Smartphones auf und nachdem besagte PCs für ein paar Jahre kostenlos zu nutzen waren (was in besseren Etablissements meist von Anfang an der Fall war), sind sie seit einigen Jahren entweder völlig aus dem Geschehen verschwunden oder fristen in irgendwelchen dunklen Ecken ihr Dasein. Zu Beginn eine Goldgrube, ihre Anschaffung dürfte sich in einer Saison mehr als amortisiert haben, und nun im Alteisen und das innerhalb von maximal 20 Jahren: der Wandel schreitet nicht, er rast. Auch das im Kleinen eine Form der Disruption.
Jetzt, wo die Erinnerung daran wieder da ist, vermisse ich diese Dinger und die hybriden Kommunikationssituationen in Vermischung von analoger und digitaler Welt irgendwie.
Das hat ja auch mit Triebbefriedigungskonstellation zu tun. Mit heutigen Smartphones wird jedes Informations- und Kommunikationsbedürfnis potentiell sofort befriedigt. Damals dauerte das und hatte eine Art der Vorlust. Ich dachte beim Frühstück daran, vor dem Abmarsch den PC-Gang nicht zu vergessen, und wenn dann wieder irgendein Idiot vor einem dran war, setzte das Warten, gekoppelt mit leichter Anspannung, ein.
Man muss doch nicht immer alles sofort kriegen. Das ist wie mit Weihnachten früher: Vorfreude ist die schönste Freude und der Akt als solcher ist mitunter gar nicht mehr so überwältigend. Was ja auch die Crux mit jeder Sucht ist: Im Rausch selber findet Erfüllung nicht statt, sie verweht zu schnell.
Aber das ist eine ganz neue Geschichte. Da es hier gleich anfängt zu regnen, hänge ich für einen Moment Urlaubserinnerungen nach, von PCs mit Münzeinwürfen.
