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14.05.2020 – Wenn Sie dieses Video nicht klicken, sterben Sie!


Screenshot vom Video „Armut und Corona“, Teil 1 eines Projektes der Landesarmutskonferenz. Eins von mehreren Projekten, um das Thema Armut in Zeiten der Seuche nicht in Vergessenheit geraten zu lassen, bei all den Diskussionen um Wirtschaftsförderung für Konzerne und Autoprämien. Die aktuellen Erhöhungen von Lebensmittelpreisen und Energie sind für Arme eine akute Bedrohung und die Politik weigert sich nach wie vor beharrlich, über eine dringend notwendige Erhöhung der Hartz-IV Regelsätze auch nur zu diskutieren. Dazu noch Urteile von Sozialgerichten, die die Verweigerung der Kostenübernahme bei Masken für Hartz-IV-Bezieher*innen durch Jobcenter bestätigen. Alles tolle staatliche Signale an die 4 Millionen Hartz-IV-Bezieher*innen, deren Zahl sich in Folge von Corona vermehren wird wie Pilze nach dem warmen Regen.
Kein Wunder, dass die AfD-Nazis ihre größten Wahlerfolge in sozialen Brennpunkten erzielen, wenn sich Arme zusehends abgehängt fühlen. In sozialen Brennpunkten ist die Wahlbeteiligung um ca. 50 Prozent niedriger ist als in Villenvierteln. FDP – die wählt der Zahnarzt und seine Familie.
Diese Videoreihe soll ein Versuch sein, Öffentlichkeit zum Thema „Armut und Corona“ herzustellen. Daher: Wenn Sie, liebe Leserinnen, dieses Video nicht klicken, sterben Sie. Sie sterben natürlich auch, wenn Sie es klicken. Wir alle sterben früher oder später, insofern war der Header nur ein plumper Versuch nach Aufmerksamkeit zu haschen. Klar ist aber, wenn die Video-Reihe keine nennenswerte Verbreitung findet, wird sie nicht alt.
Der Benchmark für solche Projekte sind im Digitalzeitalter Klicks. So einfach und brutal ist das, jenseits aller Sinnhaftigkeit oder gar allen ästhetischen Mehrwerts. Den das Video hat. Da steckt echte Arbeit drin, allein bevor ich meine eigenen Texte fehlerfrei in die Kamera bringe, braucht es locker vier, fünf Takes für jede Einstellung, die location muss passen, Licht, Ton, Einstellungen, die Dramaturgie muss stimmig sein und am Ende entscheidet der Schnitt.
Genug des Jammerns und Bettelns um Klicks. Widmen wir uns den hochinteressanten Youtube-Beiträgen in der Seitenleiste im Bild oben, die mir auf Grund von Algorithmen auf Basis meines vermeintlichen Internetverhaltens empfohlen werden. Das geht in Richtung „Wie gläsern und nackicht machen wir uns im Netz“. Die beruhigende Nachricht: na ja …
Mir wird da u. a. Schach, 700 PS Autos und Sixpack-building empfohlen. Das ist vollkommen grotesk. Ich hege Null Interesse an diesen Dingen und habe in meinem Leben eher ein sechsstündiges Video über das Liebespiel von Wattwürmern im Netz geguckt als jemals nach diesen Dingen gegoogelt. Wenn das die Macht der Algorithmen ist, kann zumindest ich gut schlafen deswegen.
Was natürlich passt, ist die Arm, Reich, Corona Empfehlung am Anfang der Leiste. Die Clips hab ich mir angeguckt und bin vor Neid erbleicht. Eine ölig-aufdringliche Hackfresse preist da im Guru-Style eines „Chakka“ Motivationstrainers ihre Produkte und Lebensbinsenweisheiten an, mit denen bedauernswerte Existenzen die Verarmung durch Corona vermeiden sollen und im Zweifel natürlich Millionäre werden können, Chakka, du schaffst das, du bist stark, wenn Du es nur willst. Der Kretin hat in Teilen seiner Analyse nicht unrecht, beherrscht das Handwerk der Rhetorik für Schlichthirne. Und hat damit Erfolg. Selbst für das Verbraten hohlster Binsenweisheiten Klickzahlen, die in die Hunderttausende gehen ….
Ja, ich weiß, die Bildzeitung lesen auch Millionen. Trotzdem seufze ich bei sowas schonmal kurz auf – Bevor die Arbeit weiter geht, am Drehplan für das nächste Video.
Bleiben Sie drin, liebe Leserinnen. Chakka!

08.05.2020 – Heute bin ich das erste Mal sauer auf das Virus


Letzten Winter, irgendwo am Meer.
Heute bin ich das erste Mal sauer auf das Virus, eine alberne und auch nur kurze Reaktion. Wie kann man auf eine bewusstseinslose Ansammlung von DNA oder RNA sauer sein, deren einzige Bestimmung Vermehrung ist. Noch nicht mal zum Kacken reicht es bei den Dingern, keinerlei Stoffwechsel. Was für eine naive Betrachtung des eigenen Körperinnern eine irgendwie beruhigende Vorstellung ist. Ich betrachte das Virus normalerweise nüchtern und mit dem Verstand. Ich schätze sein Bedrohungspotential für mich, meine Umgebung und die Gesellschaft ein, versuche mich entsprechend zu verhalten, vertraue auf die Wissenschaft, was Impfstoff und Therapien angeht, und ein klein bisschen, und das ist eine der ganz wenigen Formulierungen in diesem Blog ever, bei der ich kurz überlegt habe, ob ich sie verwenden soll, sogar auf „unsere“ Politik, die das bisher ganz ordentlich macht. Im Gegensatz z. B. zu England und USA. Besser läuft’s anscheinend zurzeit nur in Griechenland.
Ich bin, was das Virus angeht, entfernt von Zuständen wie Angst, Wut, Hilflosigkeit etc. Emotional gesehen tun mir nur Menschen leid, die durch die Pandemie in existentielle Bedrohungen geworfen sind.
Als ich allerdings mitkriegte, dass die AfD heute in Hannover eine Demo plant, vorgeblich gegen Corona-Beschränkungen, wallte Wut in mir, Empörung quoll den Hals empor.
Real ist das eine faschistische Provokation von Hardcore Nazis. Die Demo sollte heute stattfinden, am Tag der Befreiung vom Nationalsozialismus, auf dem hiesigen Opernplatz, an dem das Denkmal für die ermordeten Juden liegt. Dagegen hat sich sofort Widerstand geregt. Das läuft in Hannover gut, sowohl auf der Ebene eines breiten bürgerlichen Spektrums inklusive Gewerkschaften, als auch auf der Ebene versprengter Reste radikaler Linker, inklusive der Jugendorganisationen von Gewerkschaften und „linker“ Parteien.
Auch wenn in allen Aufrufen zu den Gegendemos intensiv auf Corona-Prävention insistiert wurde, wäre ich dieses Mal nicht dabei gewesen. Ich halte eine Teilnahme aus Seuchenpräventionsgründen nicht für angemessen, bin allerdings hin- und hergerissen zwischen virologischer und gesellschaftlicher Prävention (aus Gründen der Gesellschaftshygiene müsste die Nazidemo sofort weggekärchert werden und der Platz von Nazi-Aura dekontaminiert). Die Verantwortung für diesen ärgerlichen Widerstreit habe ich natürlich sofort aus Entlastungsgründen dem Virus in die Schuhe geschoben und ich war angepisst. Scheißvirus.
Der Verstand aber ist der tröstende Bruder der Emotionen und daher weiß ich natürlich: Meine Entscheidung, meine Verantwortung.
Zurzeit ist die Nazidemo verboten. Wegen unkontrollierbarer Corona-Verhältnisse. Nicht wegen unerträglicher Verhöhnung der Nazi-Opfer. Aber wer weiß, wie das Verwaltungsgericht heute Vormittag entscheidet.
Skurril: Angemeldet hat die Demo der „Flügel“ der AfD, also die Hardcore-Nazis. Die weichgespülten hiesigen Niedersachsen-Nazis waren dagegen, die wollen mit solchen Provokationen noch warten. Auch bei den Original-Nazis gab es verschiedene Fraktionen. Wie die „Sozialrevolutionäre“ um Strasser oder die SA um Ernst Röhm, die allerding sofort liquidiert wurden, als sie den Anteil der Beute für ihre Arbeiter-Klientel einforderten.
Geeint hat aber alle der Hass und wahnhafte Vernichtungswille gegen alles, was anders ist. Analogien zu heute dürften nicht zufällig sein.
Das ist einer wenigen Tage bisher, an denen ich lieber im Bild oben wäre als hier.
Was soll’s. Muss ja.

07.05.2020 – Kotzen, Pissen, Prügeln.


Corona-Abstandshalter.
Da ich nur Phantasien, aber keine Ahnung habe, wie es mit der Corona-Krise weitergeht, muss ich mich mit meinem Alltagsverhalten natürlich dauernd darauf ein- und umstellen. So sieht eine der raren Arbeitssitzungen bei mir unter den Bedingungen von Home-Office in Zeiten von Corona aus. Als Corona-Abstandshalter fungiert ein auf 2 Meter ausgeklappter Zollimann.
Eins ist sicher: Die Krise regt den wichtigsten, aber auch zu Tode zitierten und gerittenen menschlichen Rohstoff an: Die Phantasie. Vor deren Zitierung ich spätestens seit dem Gruselgraffiti der glorreichen 70er an allen Wänden der Städte: Phantasie an die Macht! Reißaus nehme. Bei den Phantasien, die in unserer Gesellschaft vagabundieren, würde ich zum Mond auswandern, wenn die an die Macht käme.
Kleine, behinderte Geschwister der Phantasie sind zwei Pestbeulen der Moderne: Religion & Fußball. Wer sonst im Leben nix hat, hat sowas. Religion & Fußball füllen in der Existenz des offensichtlich von den Anforderungen der Moderne heillos Überforderten eine Leerstelle aus. Vermutlich die unstillbare Sehnsucht nach Liebe & Anerkennung, wer weiß das schon so genau. Solche Leerstellen werden normalerweise mit Alkohol und Drogen aufgefüllt, oder auch Arbeit.
Von letzterem ist abzuraten. Wenn ich die Wahl zwischen einem Puligny-Montrachet und einer Vierstunden-Konferenz mit einer Horde Grenzdebiler hätte, wüsste ich, wofür ich mich entscheide. Den Religions- und Fußball-Abhängigen sind solche Gedanken wumpe, die Regierenden wollen sich mit derart Gestrickten lieber nicht anlegen und gestatten ihnen, demnächst wieder ihre satanischen Kulte auszuüben. Dem Religionsausübenden sei zu Gute gehalten, dass er zwar falsche, aber wenigsten überhaupt Moralvorstellungen hat, und er übt seinen Kult überwiegend still, auf sich bezogen und unter Zuhilfenahme nur geringer Mengen Alkohol, dem Messwein, aus. Beim Verlassen seiner Kultstäte fällt er kaum auf.
Der Fußballabhängige ahnt tief im Inneren, dass sein moralischer Kompass völlig verstellt oder schon auf dem Müll gelandet ist. Sowas ist natürlich kaum zu ertragen und deswegen knallt er sich die Rübe bis ins Koma voll. Was man beim Verlassen seiner Kultstätte, dem Stadion oder der Fußballkneipe merkt: hier greift der öffentliche Dumpfmeister-Dreikampf Kotzen, Pissen, Prügeln.
Und darauf setzt meine Hoffnung angesichts der Wiederaufnahme der Fußball-Bundesliga ab 15.05: Dass sich tausende Vollidioten ohne Masken, im Torjubel eng umschlungen (in Fußball-Ritualen wird so viel latente Homosexualität „ausgelebt“ wie kaum irgendwo) vor den Stadien versammeln und Bilder liefern, die den Humanisten wünschen lassen, ein Meteorit fahre gen Erde und mache aller Menschheit ein Ende. Und am nächsten Tage werden alle Geisterspiele verboten bis in alle Ewigkeit, Amen, und der Profifußball geht dahin, wo er hingehört, in die Pleite.
Überhaupt Geisterspiele, was für eine wundervoll vieldeutige Bezeichnung.
Diese Suada wider die unheiligen Geschwister Religion & Fußball hält mich natürlich nicht davon ab, mir beim nächsten Fußball-Großereignis mittels meines geballten Sachverstandes durch eine gutplatzierte Wette gegen die Ostgoten einen kleinen Urlaub zu verdienen.
Und im nächsten Urlaub im Süden bei einer Wanderung in einem kleinen Bergdorf in der Ortskirche auf eine Bank zu sinken und der Kontemplation zu frönen. Ist ja auch schön kühl und still da.
Wohin einen die Phantasie so treibt. Das hätte ich beim Beginnen des heutigen Eintrages nicht gedacht, dass ich am Ende in einem kleinen Bergdorf lande.

05.05.2020 – Wo sind die Wasserwerfer, wenn mal sie mal braucht?


Gevatter Hein nahm Heinz die Rute aus der Hand und holte ihn zu sich in die ewigen Angelgründe. Uns Nachgebliebenen sei sein Name in Corona-Zeiten aber Mahnung und Pflicht: Säumenicht! Vor allem vor dem Hintergrund der Tatsache, dass nach dem Virus vor dem Virus ist.
Irgendwie scheint ein leichtes, befreites Aufatmen durch die Gesellschaft zu gehen angesichts der zahlreichen Lockerungsübungen, die allenthalben verkündet werden. Und mein MP, der Liebling der Massen, der Meister der Rhetorik und des Frohsinns, Genosse Stephan Weil, vorneweg, den flinkzüngig-lavierenden Armin Laschet und den brachial-dämonischen Marky-Mark Söder in den Schatten stellend. Ja, wir Niedersachsen, gemeinhin sturmfest und erdverwachsen, können auch, flott und opportunistisch nach der nächsten Landtagswahl schielend, ganz anders. Sturmfest und Erdverwachsen, das zur Erklärung für den Rest der Ostgoten, sind wir laut unserem Niedersachsenlied, wo es unter anderem heißt:
Aus der Väter Blut und Wunden
Wächst der Söhne Heldenmut.
Niedersachsen soll’s bekunden:
Für die Freiheit Gut und Blut.
Fest wie unsre Eichen halten
Allezeit wir stand,
Wenn Viren brausen
Über’s deutsche Vaterland.

Ich hab‘s an einer Stelle leicht aktualisiert.
Wenn sich der gemeine Niedersachse und mit ihm seine entzückende Niedersächsin da mal nicht in den Finger geschnitten hat bei all den Lockerungsübungen.
Mich würden mehr als alle offiziellen Verlautbarungen die Referentinnen-Papiere interessieren, die in ministeriellen Schubladen schlummern und staatliche Handlungsoptionen für den Fall beschreiben, wo die Variante eines durch Körperflüssigkeit übertragenen Virus wie Ebola (25 bis 90 Prozent Letalität) oder HI (100 Prozent Letalität) plötzlich Aerosolbefeuert durch die Lüfte tanzt. Inwieweit das möglich ist bei mindestens 40 weiteren Viren mit einem Pandemie-Potenzial wie Sars-CoV-2 (Stand heute) entzieht sich meiner und vermutlich auch der Kenntnis vieler Experten. Im Moment wissen wir, dass wir immer mehr, aber immer noch zu wenig wissen.
Und was passiert, wenn sich zwei Virenwellen mal überlagern…?
Also durch mein Inneres braust immer öfter ein Ruf wie Donnerhall: Säumenicht! Und mein stiller Gruß und Dank gilt Heinz, dem alten Forellenquäler, möge er seine Rute schwingen in Frieden in alle Ewigkeit. Amen.
Ich aber frage mich angesichts der immer mehr sich öffentlich zeigenden Quartalsirren, Wichtigtuer, Verschwörungsspinner und Neonazis, wie hier am urniedersächsischen Maschsee:
Wo sind die Wasserwerfer, wenn man sie mal braucht!?

03.05.2020 – Dann bin ich kein Linker mehr


Neue Presse 02.05.2020
Schöner Artikel, der das Wesentliche schildert. Stilistisch an der einen oder anderen Stelle etwas rumpelig, aber ich will mich nicht beklagen. Die Medien sind mir durchaus geneigt. Der Beitrag vom NDR verwendet meine Aktion als Klammerfunktion am Anfang und Ende und erweckt so den Eindruck, dass zentraler Aspekt des 1. Mai in Niedersachsen meine Aktion war. Sei’s drum.
Schön wäre es, wenn ich die Jugend der Welt neugierig auf das Werk von Groucho Marx gemacht hätte, ist doch die Synthese zwischen Karls stringenter Ökonomielehre und Grouchos erbarmungslosem Anarchismus das, was es anzustreben gilt. Verbunden vielleicht mit einem Schuss lyrischen Dandytums von Wladimir Majakowski, (siehe 3. Majakowski hatte Stil und lebte gern).
Schön auch das Foto des Artikels, das den Eindruck des ikonischen Sheriffs erweckt, der einsam und entschlossen auf der staubigen Straße vor dem Saloon für das Gute kämpft. Siehe auch Gary Cooper. Auf gar keinen Fall aber John Wayne. Wo ersterer aus jeder Pore Eleganz und Stil ausstrahlte, war letzterer ein Machismo-getränkter Prolet. Heute tragen die Sheriffs keinen Stetson mehr, sondern Mundschutz.
Unschön am 1. Mai, und das wär‘s dann auch mit der Nachlese, das Verhalten vieler Berliner*innen. In Corona Zeiten für derartige Versammlungen verantwortlich zu sein, ist unsolidarisch in höchstem Ausmaß gegenüber den zahlreichen Beschäftigten, Verwandten, Kolleg*innen etc., mit denen die dort Anwesenden nach dem 1. Mai in Kontakt treten, als potentielle Virenverbereiter*innen.
Wenn ein derartig dummes, egoistisches und unsolidarisches Verhalten etwas mit Links zu tun haben soll, dann bin ich kein Linker mehr.
Da ich das aber eigentlich vom Habitus her bleiben möchte, spreche ich hiermit allen Krawallinskis im Umfeld des Berliner, Hamburger etc. pp. 1. Mai die Berechtigung ab, sich Links zu nennen. Einzig wahrer Linker in der BRD bin ab heute ich.
Das Geschilderte gilt natürlich erst recht für die Idiot*innen vom Rosa-Luxemburg-Platz und die bescheuerten Querdenker in Stuttgart. Dort liegt der Keim einer neuen, rechten Attacke in Corona-Zeiten auf die Demokratie. Allein der Begriff „Querdenker“ erzeugt in jedem Ästheten ein Sprachbrechreiz. Ansonsten werde ich für zukünftige Entgleisungen der Firma Kärcher den Auftrag zur Säuberung erteilen.
Meine Güte, an was ich mich alles abarbeiten muss.
Was bleibt, eine letzte Impression von der 1. Mai Aktion

Mit großer Pose, Corona-Abstandhalter und immerhin vier Zuschauer*innen (Alles Medienvertreter*innen, also kommen hinten ein paar 100.000 bei raus).
Was sich auf meinem Konto aber nicht bemerkbar macht. Brotlose Kunst ….
Guten und gesunden Start in die Woche, liebe Leserinnen.

01.05.2020 – 1. Mai


Der Weltrekord für die kürzeste 1. Mai-Demo der Welt, bestehend aus einer Person, gehört seit dem 01.05.2020 mir.
Hintergrund hier im „Neuen Deutschland“, ziemlich bissig, mit Elementen aus meinem Blog…

Ohne TV geht da garnichts, in diesem Fall das verdienstvolle Kollektiv des NDR.

Das erste 1. Mai Bier um 8.15 Uhr, ein Corona vor dem Rincon, der kubanischen Musikkneipe im Kiez. Soviel internationale Solidarität muss sein.

Der Kontakt zu den jubelnden Massen am Wegesrand, die voller Enthusiasmus meinen Weltrekord begleiteten, war natürlich begrenzt und distanziert. Ich hasse dieses Virus. Aber wer nicht.
Und nun heraus zum 2. Mai.
(Alle Fotos Tobi F. – Thanx)

27.04.2020 – Wer Publikum braucht, ist ein Loser


politik & kommunikation, Dezember 2008. Das Magazin für politische Entscheider.
Aus der Zeit der Bankenkrise, wo der Staat auch mit Milliarden parat stand. Ich weiß nicht, ob Angela mir damals geantwortet hat, sie macht sich gerne rar. Einen nennenswerten Kontoeingang in der Größenordnung hatte ich nicht zu verzeichnen. Der Satz im Artikel, dass in der Krise den Menschen das Geld und damit den Künstlern (damals noch ungegendert) das Publikum ausgeht, stimmt im Fall des verdienten Kollektivs SCHUPPEN 68 nicht ganz. Richtig ist vielmehr, dass es auch vor der Krise kein Schwein interessiert hat, was wir machen.
Und das ist auch gut so. Publikum ist wirklich das Letzte. Wer Publikum braucht, ist unsicher, letztlich ein Loser. Ich weiß, dass ich ein gottverdammtes Genie bin, dazu brauche ich doch nicht den Applaus von den billigen Plätzen. Und wer auf Einnahmen aus der Kunst angewiesen ist, ist nur zu faul zum Arbeiten gewesen, und hat es im echten Leben zu Nichts gebracht. Oder ist gar Lehrer geworden. Kunstlehrer.
Ich könnte Angela nochmal schreiben, wir haben ja wieder Krise. Aber ich will sie nicht stören. Und außerdem könnte mein Ansinnen auf Staatsknete dieses Mal tatsächlich von Erfolg gekrönt sein. Da käme ich mir vor wie ein Schmierlappen. Aber ich drücke ich den zahlreichen Kulturschaffenden, die sich in existentiellen Nöten befinden, alle Daumen.
Nur eins, liebe Kolleg*innen: Aus Euren Kreisen, auch von Verbänden, hörte man in letzter Zeit, verbunden mit der berechtigten Forderung nach staatlicher Unterstützung, die empörte Einlassung, dass widrigenfalls Hartz-IV drohe und das ginge ja gar nicht, verbunden mit einem Unterton angeekelter Abscheu allein vor dem Begriff.
Liebe Kolleg*innen, da schreibe ich Euch mal eins hinter die kunstsinnigen Löffel: Kunst ist Arbeit, oft auch Erwerbsarbeit, wie Bierbrauen, Steine klopfen, Bücher drucken, Kranke pflegen, Pakete ausfahren, regieren etc. pp. Wenn die Arbeit auf einmal weg ist, ist es in unserem Staat so geregelt, dass es unter bestimmten Bedingungen Alg I und Alg II, vulgo Hartz-IV gibt. Das ist viel zu wenig Staatsknete und mit menschenunwürdigen Bedingungen verbunden und ich habe mich von Anfang an politisch dagegen engagiert, auch auf der Straße. Kann man und frau ja mal machen, liebe Kolleg*innen, sich politisch engagieren, auch auf der Straße.
Aber wenn es nun mal so ist, dass der Fall eintritt – und den trifft oft auch die Besten, unverschuldet – dann ist es aus Gründen demokratischer Gleichbehandlung so geregelt, dass es alle gleich trifft. Und es für Künstler*innen kein mit einer Genieaura verbundenes Picasso-IV gibt, mit eingebauter Ekelautomatik vor den niederen Hartz-IV-Ständen.
Also Genosse Künstler, heraus zum 1. Mai, auf Deine ganz individuelle Ein-Personen-1. Mai-Demo und kreativ für eine bessere Gesellschaft gekämpft.

Gemälde von Jörg Immendorf, früher Mitglied der KPD/A0 (ANull), einer ganz schrägen Mao-Politsekte. Mitglieder der KPD/ANull unter anderem Ex-Bundestagsvizepräsidentin Antje Vollmer, die Nazis Horst Mahler und Michael Kühnen und zahlreiche andere illustre Gestalten des BRD-Kulturlebens. Immendorf aber pinselte später Gerhard Schröder und die BILD-Bibel.
Geht doch. Man muss nur wollen.

25.04.2020 – Ein kleiner Schitt für die Menschheit


Toilettenpapier steht wieder im Regal und wird nicht mehr rationiert an der Kasse abgegeben. Ob das ein Zeichen für wachsende Vernunft ist, weiß ich nicht. Keinesfalls ist es ein Zeichen für Normalität. Wir sind weit entfernt von früherem Alltagsverhalten und müssten uns, ginge es nach Vernunft, eine neue Seuchen-Normalität angewöhnen, neue Kulturtechniken, Styles, Rituale. Wozu u. a. gehört, dass das Abdecken der unteren Gesichtshälfte mittels Maske dauerhaft ebenso gesellschaftlich dominant wird wie das Verdecken primärer Geschlechtsorgane in der Öffentlichkeit. Normal und vernünftig.
Es gibt aber leider nennenswerte Verhaltensweisen in unserer Gesellschaft, die die Grenze zur Geisteskrankheit überschreiten. Siehe Geisterspiele-Plan im Fußball. Es ist nicht ersichtlich, dass die irren Protagonisten (weiße alte Männer) einer solchen Idee sofort in eine Klappsmühle verfrachtet werden. Daher gehe ich davon aus, dass wir auf Grund nennenswert vorhandener Vollidiotie in der Anstalt BRD noch sehr lange das Corona-Virus als bestimmenden gesellschaftlichen Rohstoff unter uns haben.
Und wer weiß, von was für einem Virus der abgelöst wird. Mit was für gesellschaftlichen Konsequenzen wir dann rechnen müssen.
Aktuell wäre ein brutalstmöglicher Lockdown das Mittel der Wahl: 3 Wochen Inhouse Quarantäne für alle. Und wer auf die Straße geht, wird erschossen. Für humanistische Weicheier*innen: ab auf die Quarantäneinsel, hier schwebt mir Nowaja Semlja vor. Zur Erinnerung: für das HI-Virus gibt es trotz jahrzehntelanger Forschung mit zig Milliarden Investitionen noch immer keinen Impfstoff….
Immer wenn ich denke an irgendeinem Ärgernis muss ich mich nun nicht mehr abarbeiten, kommt es knüppelhageldick hinterher. Siehe weiße alte Männer. Die schicken ihren dümmsten Trottel der Kompanie vor die Mikrophone, den Weltärztepräsident Montgomery, der die Maskenpflicht kritisiert und zum Teil als lächerlich bezeichnet. Begründung: Man hält dann keinen Abstand mehr und verseucht sich am Stoff beim Abnehmen. Soviel grenzdebiles Verhalten wollen wir gerne dem großen Weltarzt zutrauen. Wäre Frau Vernunft (es heißt ja nicht umsonst „die Vernunft“, aber z. b. der Rinderwahnsinn) Chefin der Ärzte und dem Rest, würden alle brav weiter Abstand halten als eines von vielen neuen Ritualen einer neuen Seuchen-Normalität und die Maske sofort beim Nachhausekommen an den Gummibändern abnehmen und in einem dafür bereitstehenden Gefäß abkochen. Sowas muss eine normale Kulturtechnik werden, wie das Arschabwischen nach dem Kacken. Aber da hat der weiße alte Weltarzt offensichtlich Probleme mit. Mit den Kulturtechniken.
Sie wissen vermutlich, was Synästhesie ist. Farben fühlen, hören oder schmecken, Musik sehen etc., gekoppelte Wahrnehmung eben. Mir geht es so synästhetisch, wenn ich Uralt-Nazi Alexander Gauland im TV sehe. Dann umwölkt meine Nase der Geruch nach weißen alten Männern, eine ranzige Kopfnote, mit altschweissigen Basistönen und einem Hauch alter Käsesocken, vermengt mit Noten von ekligem Rasierwasser wie Pitralon oder Kölnisch Wasser plus Mottenkugeln.
Ob das daran liegt, dass er immer dasselbe Jackett trägt und man davon ausgehen darf, dass sich ähnliches im Underware und Sockenbereich abspielt?
Ich wünsche allen Lesenden eine gesunde, sorgenfreie Zeit.

22.04.2020 – Corona ist erledigt


Hölderlin-Gedichte an Litfaßsäulen. Gelobt sei ein Kiez, wo es sowas gibt? Na ja, um der Wahrheit die Ehre zu geben, liegt das natürlich nicht an diesem vollkommen verschnarchten Kiez hier namens Hannover-Linden, sondern an mir. Trotz fortgeschrittenen Alters bin ich noch nächtens illegal unterwegs und versorge die Republik mit Poesie. Wer so viel Altruismus und Aufklärungsbewusstsein misstraut, liegt teilrichtig: Es geht mir auch um den Kick, das kleine bisschen Adrenalin. Und um das Gefühl des Straßenköters, der sein Revier durchstreift und sich beim täglichen Anblick – das Plakat klebt einen halben autonomen Steinwurf von meiner Haustür entfernt – instinktbefriedigt sagt: Gut dem Dinge, die Ecke hab ich auch markiert mit meiner Duftnote.
Wer Ohren hat zu lesen, konnte den Plakathinweis im famosen Blog Zeitgeisterbahn des geschätzten Kollegen Sievers lesen, in der adäquaten Verarbeitung von Corona unter dem Eintrag „Corona ist erledigt“.
Das Original-Foto mit dem heutigen MP von Niedersachsen entstand anlässlich einer Aktion des SCHUPPEN 68, mit der wir einen substantiellen Beitrag zur Sanierung der hiesigen Stadtfinanzen leisteten.
Was die reale Erledigung von Corona angeht, bin ich skeptischer denn je. Der Mob ist bereits jetzt ermattet ohne das tägliche Angebot an Brot & Spielen, Urlaub & Arbeit, Fußball & Oktoberfest. Was ich angesichts enormer existentieller materieller Bedrohung für Millionen nachvollziehen kann, aber für kurzsichtig halte. Wenn nach der jetzigen Lockerung die Infektionsraten wieder steigen, weil sich Millionen Idioten einfach nicht an grundsätzliche Regeln halten, haben wir ein Problem, das wir vor Impfstoff nicht wieder einfangen.
Dann gibt es nämlich in jedem Landkreis jede Menge Patient*innen „Null Punkt zwei hoch n“, also einen nicht nachvollziehbaren, nicht eindämmbaren Wiederausbruch an x verschiedenen Stellen gleichzeitig.
Ich hoffe auf den Kapitalismus als Lösung. Bei einem Impfstoff lockt soviel Profit, dass vermutlich Ressourcen wie nix in die Forschungsabteilungen der Pharmakonzerne gepumpt werden. Den beteiligten Forscherinnen winkt darüber hin aus Ruhm und Ehre und die Rechnerleistungen sind hoch wie nie. Also setze ich einfach 10 : 1, dass noch in diesem Jahr Impfstoff marktreif wird.
Eine Frage schwebt mir im Laienhinterkopf: Das Coronavirus ist 10x tödlicher als Grippe. Es ist in Milliardenfacher Kopie unterwegs. Viren mutieren alle Rotznasen lang. Ist es möglich, dass irgendwann im Rahmen dieser Verbreitung eine Mutation entsteht, die 100x tödlicher ist?
Und wieder muss ich Angela Merkel, gelernte Naturwissenschaftlerin, recht geben mit ihrem Diktum zur Unterbindung der Öffnungsdiskussionsorgien. Sie als Naturwissenschaftlerin weiß 10x besser als all die medialen Tagesschau-Dummschwätzerkommentatoren, vermutlich alles abgebrochene Soziologie-Studenten, die sie für den Begriff kritisieren.
Ich hoffe, ich habe Unrecht, aber diese Öffnung zum jetzigen Zeitpunkt ist ein Fehler.
Und Angela wird mir fehlen. Wenn ich an ihre potentiellen Nachfolger denke, krieg ich von Trauer umflorte Lachkrämpfe. Armin Laschet z. B. war Chefredakteur einer Kirchenzeitung (Angela Merkels Diplomarbeit aus dem Juni 1978 mit dem Titel „Der Einfluß der räumlichen Korrelation auf die Reaktionsgeschwindigkeit bei bimolekularen Elementarreaktionen in dichten Medien“ wurde mit „sehr gut“ bewertet… )
.. Gott sei uns gnädig.

20.04.2020 – Aufruf zu Tausend 1. Mai-Einpersonen-Demos


Blick in die Geschichte: 1. Mai 1993, Hannover. Die Avantgarde der Arbeiterbewegung an der Spitze des hiesigen Demonstrationszuges.
Am 01. Mai 2020, dem klassischen Kampftag der Arbeiterbewegung, veranstaltet das Künstlernetzwerk SCHUPPEN 68 die kürzeste 1. Mai-Straßen-Demonstration der Welt. Der 1. Mai-Demonstrationszug besteht aus einer Person, nämlich mir. Die Aktion wird beim Guinnessbuch der Rekorde nach Durchführung angemeldet als kürzeste 1. Mai-Demo der Welt.
Hintergrund: Alle offiziellen DGB-Maikundgebungen auf der Straße sind auf Grund der Corona-Krise abgesagt. Die Entscheidung des DGB in Zeiten von Corona auf Straßendemos zu verzichten, ist solidarisch und richtig. Die Verlagerung der 1. Mai-Aktivitäten ins Internet ist zu begrüßen, das reicht aber nicht aus. Entscheidend für die Tradition und Perspektive eines 1. Mai – und grundsätzlich jeder sozialen Bewegung – ist der substantielle Kern von bürgerlicher Öffentlichkeit: die Straße. Ohne Aktivitäten auf der Straße hätte beispielsweise „Fridays for Future“ niemals solche Wirkmacht erreicht.
Um mal den zwielichtigen Lenin zu zitieren: Was tun? Hier ist Kreativität gefragt: Ich werde als Ein-Personen-Demo die offizielle Route des DGB-1.Mai-Marsches in Hannover abschreiten. Die Aktion ist polizeilich angemeldet. Zu dieser Intervention gehören Performance-Elemente. An 14 verschiedenen Stationen, einer bewussten Analogie zu den 14 Kreuzweg-Stationen, finden kurze Stopps und Aktionen statt: u. a. Gedichtlesung mit Werken von Herwegh, Tucholsky und Majakowski, 1 Bier wird geöffnet, 1 Bratwurst verzehrt, 1 Flugblatt verteilt (Coronasicher), Mai-Nelken abgelegt …

Elementen der hannöverschen Einpersonen-1. Mai-Demonstration. Das Motto auf dem Demo-Schild „I‘m against it!“ ist von Marx – und zwar von Groucho Marx (aus dem Film „Horse feathers“). Die meisten Moves von Otto Waalkes sind von den Marx Brothers geklaut, ohne die anarchischer Humor hierzulande ab den 70ern jenseits von Fips Asmussen nicht denkbar wäre.
Alle sind aufgerufen, es ähnlich zu machen, also eine 1. Mai-Einpersonen-Demo zu veranstalten, in freier Gestaltung mit passenden Symbolen, Parolen, Outfits. Nach eigener Wahl der Uhrzeit, vom eigenen Wohnort aus, zu den Plätzen, wo die Maikundgebungen ursprünglich stattfinden sollten. Für den Fall, dass es dort zu Begegnungen mit Anderen kommt, gelten natürlich Abstandsregeln und Maskenpflicht. Dadurch wirkt der 1. Mai sowohl auf der Straße, nach außen, als auch bei allen Beteiligten, als Akt politischer Selbstermächtigung und ästhetischer Autonomie.
Motto: Getrennt marschieren, vereint wirken.
Ein virtuelles 1. Mai Bier mag gesund sein, schmeckt aber nach Nichts. Und soll die 1.-Mai-Bratwurst auf dem heimischen Drucker gegrillt werden?
Das geht auch anders, auf der Straße:
1. Mai – Coronafrei und Spaß dabei!