Kategorie-Archiv: Schuppen aktuell

06.09.2017 – Die Kunst ist keineswegs verhunzt

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Documenta 14 – Parthenon of books von Marta Minujín, eine überwältigende Installation gegen Zensur und Unterdrückung am Friedrichsplatz in Kassel, bestehend aus ca. 25.000 Büchern, die irgendwann irgendwo mal verboten waren oder immer noch sind. Mehr dazu hier.
Was man so hört, ist die Documenta im Kritikerurteil überwiegend negativ beurteilt. Zu intellektuell, zu politisch, etc. pp. Ich war gestern da, ich weiß es besser.
Es stimmt, manche Sachen waren ohne Hintergrundkenntnisse nicht verständlich. Für mich kein Problem, geh ich halt einfach weiter. Die Documenta ist eh so riesig, dass man nicht alles an einem Tag mitkriegt, es ist also legitim, sich einfach treiben zu lassen, mitunter nur Eindrücke genießt, sammelt, und sich nur auf das näher einlässt, was einem gefällt oder des Nachhakens wert erscheint. Perfektes Abarbeiten ist Sache der VHS Kurse, die dort zu Myriaden rummäandern.
Es stimmt, vieles war bei der Documenta politisch aufgeladen, bezog sich auf linke Historie, ist antikolonialistisch, anti-patriarchal. Damit kommt der gemeine Kritikaster des Zentralorgans deutscher Stupidienräte, der Süddeutschen (ersatzweise Zeit oder FAZ, das ist wumpe und austauschbar), natürlich nicht klar. Der hätte es lieber ausgewogen, der Kolonialismus hatte aus deren Sicht ja auch seine positiven Seiten und die Weiber sollen sich mal nicht so anstellen.
Dazu kann man, und Kritiker sind meistens Männer, stehen wie man will. Fakt ist aber, dass diese Documenta in ihrem Kern, als Kunstveranstaltung, also in der ästhetischen Wirkung, die ein Werk erst zur Kunst macht, eine herausragende ist. Sie stellt immer wieder die Fragen nach Form und Material, nach Struktur und Medium von Kunst und zieht bildmächtig in ihren Bann. Was da nur in der Neuen Galerie zu sehen war, reicht allein für den Besuch in Kassel.
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Marmorzelt von Rebecca Belmore. Zelte wie diese stehen in Großstädten zu Dutzenden unter Brücken, in Grünanlagen, Wohnungslose suchen dort Zuflucht, Flüchtlinge. Der schiere Kontrast zwischen Assoziation und Materialität des in klassischer Art bearbeiteten Marmors verschiebt sofort die Wahrnehmung, verstört. Und das Spiel mit Wahrnehmung ist das Primat der Kunst gegenüber, na sagen wir mal, der Politik. Die verstört zwar mitunter, aber das war’s dann auch.
Solche Werke gibt es zuhauf bei der Documenta. (Natürlich gibt es da auch Geisteskrankheiten wie „Auschwitz on the beach“. Bei sowas zweifle ich auch am Geisteszustand der Kuratoren und setze mir umgehend die Hasskappe auf.)
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Ich, vor Parthenon of books, aber ohne Hasskappe.
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Aus Dankbarkeit mein Abschiedsgeschenk an die Documenta: Alle Leihräder dort haben jetzt einen Sattelschoner mit dem Logo der Landesarmutskonferenz. Ästhetisch zauberhaft und als Mäzenatentum von unvergleichbarer Großzügigkeit. Da stinken selbst die Borgias gegen ab.
Schade, dass sich viele Interessierte einen Besuch der Documenta schlicht nicht leisten können. Zugfahrt von ausserhalb Hessen und Eintritt unter 50 Euro ist nicht zu machen, von Katalogkauf oder mal kurz beim Italiener Essen gehen ganz zu schweigen. Die Grenze von kultureller Teilhabe für Menschen mit geringem Einkommen verläuft direkt durch die Documenta.

05.09.2017 – Jetzt gibt’s was auf die Wa(h)lnüsse

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Die Wahlrunden mit den Parteien im TV habe ich mir nicht angeschaut. Grundsätzlich schreibe ich in diesem Blog auch eher wenig über die „große“ tagesaktuelle Politik. Dieser Blog nennt sich „Mein intimes Tagebuch“ und er ist der Tradition der Aufklärung verpflichtet. Das heißt, er verhandelt das Politische im Privaten. Was mir halt so tagsüber über den Weg und die Leber läuft, sei es real oder erfunden, ist politisch aufgeladen und wird als solches grundsätzlich betrachtet, erwogen und im Normalfall für zu leicht befunden. Der Grieche nannte diejenigen, die sich nicht um die öffentlichen Angelegenheiten kümmerten „Idiotes“.
Angesichts bevorstehender Wahlen im Bund und im Land Niedersachsen lässt es sich aber nicht umgehen, ab und zu was dazu zu sagen. Im Infoteil hier der gebündelte Überblick des Wahl-O-Mat über wesentliche Positionen der zugelassen Parteien zu Bundestagswahl PositionsvergleichBundestagswahl2017.
Im unterhaltsamen Teil hier ein Rückblick auf meine Aktion „Wa(h)lnüsse knacken“, bei der ich an Wahlständen den Parteien die Wa(h)lnüsse der Landesarmutskonferenz, sprich unsere Forderungen zur Kommunalwahl, zu knacken gab. Wer aus den Bildern eine Koalitionspräferenz ablesen will, der möge das tun. Ich bin natürlich Mitglied keiner Partei, ein Dandy tut sich niemals gemein. Ich kann aber mit vielen gut. In einem anderen Leben wäre ich ein gnadenloser Opportunist geworden und hätte eine noch steilere Kariere gemacht. Es reicht auch so schon.
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wahlnüsse spd
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03.09.2017 – Blau, so blau

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Gesehen bei der zeitgenössischen Kunstschau „Made in Germany“ im hannöverschen Kunstverein.
Auch wenn ich ein Vertreter der eingreifenden und damit politischen Kunstrichtung bin, steht für mich die Notwendigkeit ästhetischer Opulenz und Strahlkraft im autonomen Kunstwerk außer Frage. Sie erst, und nicht die „richtige“ politische Tendenz, macht das Werk zur Kunst.
So gesehen war der Teil von „Made in Germany“ im Kunstverein überwältigend. Ich hab den Besuch erst auf den letzten Drücker geschafft, bei der Documenta und der Skulpturale in Münster war ich noch nicht ein einziges Mal. Irgendetwas in meinem Leben ist in letzter Zeit falsch gelaufen, was Prioritäten angeht, und leider gibt es außer mir mal wieder keinen Verantwortlichen, den ich verbal dafür ans Kreuz nageln könnte. Und das, wo ich so eine hohe Meinung von mir habe, siehe hier:
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Entwurf für meine Grabinschrift. Ich kriege mittlerweile vermehrt Spam mit Anfragen, ob ich meine letzten Dinge geregelt hätte. Eben eine mit „Im Trauerfall alles gut geregelt mit Monutal“. Das Leben ist eine nicht enden wollende Kette von Tiefschlägen, Niederlagen und Enttäuschungen. Sich wappnen gegen eine See von Plagen. Gäbe es nicht ständig auf irgendeinem Schrottsender die xte Wiederholung von Two and a half men, (natürlich nur die Folgen mit Charlie Sheen) wäre mein Leben vollends zwar voller Verstand, aber ohne Sinn. Mittlerweile kann ich jede einzelne Dialogzeile mitrezitieren und muss trotzdem andauernd hyperventilierend-anbetend Tränen lachen. Inzwischen glotze ich sogar „The Big Bang Theory“, obwohl das Leben von Nerds nun wirklich nicht unter meinen Lebenswelt-Schirm passt. Diese Sitcom entstammt aber der Schule von Chuck Lorre, dem geistigen Schöpfer von „2 und ½ men“, und das merkt man auch.
Der Rest ist Poesie. Den Gedanken an blau nachhängen. An eine bessere Welt in der schlechten glauben.
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Kleine Fluchten im Alltag: Kinderkarussell vor dem hannöverschen Betonmoloch Ihme-Zentrum.
Wussten Sie übrigens, dass „Moloch“ alte Beschwörungsriten sind, bei denen Kinder dem Feuer geopfert wurden? Ich bin kein Klugscheisser, ich weiß es wirklich besser.
Ich wünsche Ihnen, liebe Leserinnen, einen poetischen Start in die neue Woche.

01.09.2017 – Mit dem Bolzenschussgerät

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Aufmarsch Fans von Schalke 04 vor dem Spiel gegen Hannover 96 vor ein paar Tagen. Mich hat’s gegruselt. Endzeit-Assoziationen von Kolonnen mit Soldaten oder KZ Gefangenen, als ob ein Spielfilm-Regisseur die Inszenierung des Faschismus in eine neuzeitliche Dramaturgie überführen wollte. Ich wartete nur auf das Megafon-Brüllen: „Klappe. Faschismus 7 die vierte im Kasten“. Oder gestorben. Oder fertig. Keine Ahnung, was man an Filmsets so für Sprachregelungen hat, wenn eine Einstellung durch ist.
Alle politischen Systeme im 20. Jahrhundert bedienten und bedienen sich des Ornaments der Masse, sprich einer Inszenierung vom Aufgehen, vom Verschmelzen des individuellen Körpers in der überwältigenden Ästhetik einer Masse wie bei 1. Mai Aufmärschen, Reichsparteitagen, Love-Paraden, Sommerschlussverkäufen, Fußballstadien, etc. pp. Das Prinzip hat Siegfried Kracauer zuerst in den 1920ern beschrieben, kurz und gut zusammengefasst hier im Blog cafe-deutschland.
Die industrielle Massenproduktion findet ihre gesellschaftliche Entsprechung in der öffentlichen Inszenierung der Körper. Das fängt im und am eigenen Körper an: Dem Qualitätsmanagement mit Null-Fehler-Toleranz (bei solchen Zielvorgaben kriege ich immer Lachkrämpfe) in den Betrieben entspricht die wahnhafte Selbstoptimierung in Mucki-Buden mit Unterstützung von Powerdrinks und Steroiden, das Corporate-Identity-Geschwafel spiegelt sich mit Tattoos, Brandings und Piercings auf den Körpern wieder. Das Resultat: die Gesellschaft mutiert zu einer Horde von subintelligenten Lemmingen, auch daran erinnern die beiden Bilder oben, von denen jeder einzelne glaubt, wer weiß wie individuell er sei, bloß weil sein Golf eine andere Lackierung hat, das Tattoo auf der rechten statt auf der linken Arschbacke sitzt und das Piercing direkt ins Auge getackert wurde. Am schlimmsten sind jene Hohlkörper, die in die Fußballstadien rennen oder bei denen in Kneipen vor Pay-TV Bildschirmen nur deshalb nicht das Gefühl hochkommt, dass sie gnadenlos verarscht werden, weil sie zur Halbzeitpause von Bundesliga-Übertragungen schon halb im Delirium tremens liegen. Früher galt es unter Linken als subversiv, sich für Fußball zu interessieren, das gehörte nicht zum linken Mainstream, heute ist Interesse für Fußball nur noch peinlich. Mainstreamige Mobkultur. Ich weiß, wovon ich rede. Ich habe lange Zeit alle Fussball-Großevents und auch kleinere vor den Bildschirmen dieser Republik verbracht und mir vor über 40 Jahren einen Ohrring stechen lassen. Den hab ich mir vor 30 Jahren sofort rausgenommen, als ich merkte, dass hier vor Ort eine mehr als zweistellige Zahl von Individuen das Gleiche pflegte und Fußball nutze ich nur noch, um bei Wetten damit Geld zu verdienen. Jetzt warte ich nur noch darauf, dass alle Tattoo- und Fußballfans auf einen ganz speziellen Mode-Tick abfahren:
statt Piercing in die Eichel sich einen Nagel mit einem Bolzenschussgerät ins …. nein, das ist jetzt zu gemein, an dieser Stelle bricht mein Humanismus durch, der mich sogar die morgenstarre Hummel von der nachtkalten Veranda in die Sonne setzen lässt. Außerdem, wenn ich mir vorstelle, alle wären so wie ich…das wäre keine Welt, in der ich gerne leben möchte.
Dann lieber so wie oben.

31.08.2017 – Meine pathologische Dämlichkeit in Kiffhorn

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Gestern, 35 Grad deutscher Celsius. In Gifhorn. Entsprechen 96 Grad jamaikanische Fahrenheit. 96 degrees in the shade. Inna Kiffhorn. Dieser flache Drogenwitz schoss mir gestern durch meinen Brummschädel auf dem Weg durch die Fußgängerzone in Gifhorn zu einem Workshop. Mit Migräne einen Workshop zu veranstalten am letzten Hochsommertag des Jahres, wenn im wahren Leben Badeteich, Grill, Exzess und Illegalität laut rufen: Nimm mich!
Da kommt schon mal die Frage auf: Wie blöd kann man (man = ich!) eigentlich sein?! Ich kann morgen, ach was, heute, tot umfallen und das Letzte, was ich in meinem Leben von mir gegeben habe, sind Sätze wie: „Guten Tag, meine Damen und Herren, ich freue mich, dass Sie so zahlreich erschienen sind und hoffe, dass wir gemeinsam blablabla“?
Ich verfalle sowieso grundsätzlich und anlasslos in klaftertiefe Depressionen, wenn ich auf Bahnhöfen in kleineren Städten ankomme. Das sind fast ausnahmslos austauschbare, gesichtslose, funktionale, öde Plätze, die sich von den Bahnhöfen fast ausnahmslos in ein Meer von austauschbaren, gesichtslosen, funktionalen, öden Fußgängerzonen ergießen. Wenn man Glück hat. Wenn man Pech hat, ist der Bahnhof in irgendeinem Industriegebiet und man muss kilometerweit durch ein Meer von usw. usf, das kennen Sie jetzt schon, von Industriebrachen fahren, bis man am Veranstaltungsort ist.
Was wäre dabei gewesen, beim Veranstalter abzusagen? Die Welt hätte sich weitergedreht und ich will in diesem Leben nichts mehr werden, bin von niemandem abhängig. Auch die Sache der Armutsbekämpfung bei Kindern, um die es in dem Fall ging, hätte bei meinem Ausfall keinen gravierenden Schaden genommen. Warum also das Ganze? Preußische Tugenden wie Pünktlichkeit, Disziplin, Pflichterfüllung besitze ich sicher im Übermaß, aber selbst ich erkenne dabei schon die Grenze, wo so ein Verhalten in pathologische Dämlichkeit umschlägt. Jetzt, wo kühlender Regen die vernebelnden Hitzeschwaden vertrieben hat, und ich klarer sehe, kommt mir ein Verdacht: Könnte es Eitelkeit gewesen sein, die mich umtrieb? Workshops, Seminare, Reden, alles, was Öffentlichkeit beinhaltet, und sei es auch noch so themenzentriert wie Sonderaspekte der Sanktionspraxis des SGB II oder so Zeug halt, ist für mich immer auch Showtime. Das Leben ist eine Bühne, hat schon Oscar Wilde gesagt. Und alle Darsteller sind eitel. Am meisten die, die das leugnen.
Es geht immer darum, das Publikum zu kriegen. Spürbare Emotionen, der Weg zur Erkenntnis ist mit einem Lachen gepflastert.
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Großes Theater? Nein, sicher nicht. Aber es war ok.
Trotzdem tue ich mir sowas nie wieder an. Wer hat schon gerne am nächsten Morgen eine flammende Inschrift über seinem Antlitz im Spiegel: HORNOCHSE.
Was bleibt, ist der Versuch, die Frage zu klären, warum tut man im richtigen Leben so oft das Falsche.
Und ein unfassbar genialer Song von „Third World“ im Hinterkopf, der jede schlechte Laune vertreibt: 96 degrees in the shade.

30.08.2017 – VLC Player auf zwei Beinen

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Junggesellen Abschied.
Der VLC media player ist eine portable, freie Mediaplayer-Software für fast alle Video- und Audio Formate. Sein Icon ist ein Begrenzungshütchen und dürfte bei allen PC Besitzerinnen, die auch nur einmal irgendwas mit Bild oder Ton auf ihrem Rechner gemacht haben, bekannt respektive installiert sein. Für mich ein unverzichtbares Handwerkszeug und deshalb brach ich beim Anblick dieser Junggesellen in den durchaus wohlwollenden Ruf aus: „Ein VLC Player auf zwei Beinen, whow!“ Normalerweise hege ich solchen Horden gegenüber kein Wohlwollen und ich halte es für ein grässliches Missverständnis von Emanzipation, wenn sich flächendeckend auch Frauen dieser Unsitte annehmen und mir ungefragt Flutschi oder ähnliche ungesunde Paraphenalia zum Kauf anbieten. Aber diesen, auch sehr sauber gearbeiteten (das sind vermutlich Techniker, Ingenieure o. ä. gewesen, der mangelhafte Attraktivitätsfaktor der Herren spricht ebenfalls eher für naturwissenschaftliche Ausrichtung), VLC Player fand ich so gut, dass ich im gleichen Atemzug um ein Foto bat. Der Effekt bei der Horde war verblüffend. Sie brachen in homerische Gelächter aus: „Ein VLC Player! Das ist ja cool. Da wären wir doch nie draufgekommen. Hohoho etc. pp“. So die Richtung. Es ging also tatsächlich nur um das klassische materielle Begrenzungshütchen. Vielleicht weil nach der Hochzeit die Freiheit begrenzt ist, keine Ahnung. Auf die Idee, auch das für ihren Humor, ihre Inszenierung zu verwenden, was ihren Alltag viel mehr bestimmt, ihnen viel näher liegt, nämlich die gesamte immaterielle Welt virtueller Daten, sind sie nicht gekommen. Wann begegnet man mal einem Junggesellen, der als Facebook verkleidet ist?
Aber vielleicht passiert das schon andauernd und ich wende mich immer nur mit Grausen, wenn ich Junggesellinnen von Ferne sehe. Mich würde eine Untersuchung interessieren, inwieweit die Lebensdauer von Ehen mit Junggesellinnenabschied signifikant die von Ehen ohne unterschreitet. Ich vermute, beträchtlich. Die Ehen von Leuten, die ihr Hochzeitsdatum verzweifelt auf ein „lustiges“ Datum wie den 10.10.10 oder 09.09.09 legen, halten nachgewiesenermaßen deutlich kürzer.
Phantasie geht anders. Mir fällt ein Vergleich ein, den ich Rahmen eines Konfliktes in einem meiner Projekte an Mitarbeitende gemailt habe: „Projekte sind wie Ehen: Voller Emotionen, Konflikte, von begrenzter Dauer und jede/r hat eine andere Sichtweise drauf.“
Ich hätte Laienprediger werden sollen.
Oder Unternehmensberater. Mit so einem Verbalkitsch überzeugt man 99 % und verdient ein Schweinegeld.

28.08.2017 – Zweierlei Dienstkleidung

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Dienstkleidung Badehose. Bei der Aktion „Leine-Schwimmen – Damit die soziale Gerechtigkeit nicht Baden geht“. Mit Aktivistinnen der Landesarmutskonferenz in der hiesigen Leine. Details hier.
Die Symbolik „Für mehr Gerechtigkeit – Schwimmen gegen den Strom“ konnten wir vergessen. Die Leine hat eine der stärksten Fließgeschwindigkeiten aller deutschen Flüsse. Da kann man dankbar sein, wenn man den Ausstiegspunkt erwischt und nicht abgetrieben wird. Was eher nicht wünschenswert ist. Hinter der nächsten Flussbiegung liegt ein Wehr von beträchtlichem Ausmaß.
Wir leben in einem freien Land, in dem freie Bürgerinnen in freien Flüssen frei schwimmen können? Genau, und die SPD gewinnt die nächste Wahl. Richtig ist vielmehr, dass das Schwimmen 100 Meter vor und hinter Brücken verboten ist, laut § blablabla. Sowas weiß kein Mensch, auch die Zulassungserteilende Polizeidienststelle nicht. (Aus dem Alter bin ich raus, wo ich noch ohne jegliche behördliche Anmeldung z. B. mit einer Horde Durchgeknallter auf den hiesigen Wochenmarkt marschiert bin und im laufenden Betreib Lenindenkmäler eingeweiht habe – 1991…) Aber irgendwann kriegt das dann mit den 100 Metern doch jemand mit.
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Und prompt lauern Hundertschaften von Ordnungshüterinnen (links im Bild) auf der nächsten Brücke, ob wir auch nicht erst 95 Meter vor der Brücke rauskrabbeln. Und der einzige TV Sender, der vor Ort ist, ist das hiesige Fahrgast TV. Nichts gegen ein paar Hunderttausend ÖPNVlerinnen, die jetzt wissen, wie ich in Badehose aussehe. Aber Ziel einer solchen Aktion sind Übertragungen im NDR, rtl oder SAT 1 regional. Es war für alle Beteiligten eine tolle Aktion, ein Riesenspaß, eines der letzten Abenteuer der Großstadt. Aber rein funktional-jobmässig gesehen eine Enttäuschung
Keine Enttäuschung, aber anstrengend wie eine Doppelschicht im Bergwerk: Stand Up Comedy rund um die Mauer zwischen Arm und Reich auf der 500 Jahre Reformationsfeier am Wochenende in der hiesigen City.
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Dienstkleidung Smoking (Foto: ADD-DWH). Allein das unverstärkte Sprechen bei solchen Riesen Open-Air Veranstaltungen raubt einem nach einer gewissen Zeit regelrecht den Atem. Obwohl ich fit bin, ich schwimme ziemlich viel 😉 .
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Ich war hinterher völlig platt. Und bin immer noch neben der Kappe. Ich habe mich bei der Projekt-Steuerung für das laufende Jahr völlig verpeilt. Im August, wo normalerweise easy going mit Grill und Badeteich angesagt ist, habe ich eine öffentliche Intervention nach der anderen, muss Workshops veranstalten, etc. pp.
In welch abgetakeltem Zustand ich bin, zeigt ein Detail: Zum Smoking gehört zwingend eine schwarze Fliege. Kein Dandy dieser Welt würde sich jemals mit Smoking in der Öffentlichkeit ohne Fliege zeigen. Das macht vielleicht der Snob. Der Dandy niemals. Und sehen Sie, liebe Leserinnen, auf dem Bild irgendwo eine Fliege?
Ich bin komplett urlaubsreif.

26.08.2017 – Ich da oben, Ich da unten.

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24.08.2017: Ich da oben. Als Gast bei der Media Night 2017 im Schloss Herrenhausen, einer Party mit hoher Promi Dichte laut Bild.
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23.08.2017: Ich da unten (Foto: Christof Meyer-Gerlt) . Mit der Gruppe Gnadenlos Gerecht bei der Aktion „560“ auf dem Wochenmarkt im sozialen Brennpunkt Hannover-Mühlenberg. Kernforderung der Gruppe: Erhöhung der Hartz IV Regelsätze von 409 auf 560 Euro, siehe auch Diakonie Gutachten.
In Mühlenberg sind bis zu 80 % der Alleinerziehenden von Armut bedroht und bei der letzten Kommunalwahl wählten bis zu 30 % AfD. Es ging in Diskussionen mit Marktbesucherinnen auch darum, dass die AfD keine Alternative bietet, siehe Flugblatt Gruppe Gnadenlos Gerecht Aktion Hartrz IV in sozialem Brennpunkt.
Hier sollte einiges erklärt werden: Der Header „Ich da oben, Ich da unten“ ist eine Anspielung auf den Buchklassiker von Wallraff und Engelmann „Ihr da oben, Wir da unten“ von 1973. Das muss man heutzutage wohl dazu sagen.
Inhaltlich ist das in der Konnotation abwertende „Unten“ und das aufwertende „Oben“ ebenso falsch wie z. B. der Begriff „sozial Schwache“, den neulich sogar der Deutschlandfunk verwendete. Leute mit geringem Einkommen sind mitnichten „sozial schwach“ oder „unten“, sie sind „einkommensschwach“ und genauso normal wie jede andere.
„Sozial schwach“ respektive asozial und – explizit abwertend gemeint – „unten“ sind die einkommensstarken Millionäre und Milliardäre, die jedes Jahr den Staat um zig Milliarden Euro betrügen, indem sie Steuern hinterziehen.
Bei der Aktion 560 habe ich mich wohl gefühlt, ein warmes Gefühl von Solidarität. Der Spruch „Solidarität ist die Zärtlichkeit der Völker“ weist ja daraufhin, dass Solidarität auch etwas Körperliches sein kann.
Wenn nun allerdings prinzipientreue Genossinnen glauben, dass ich mich im Schloss Herrenhausen unwohl gefühlt hätte, fehl am Platze, whatsoever, dann muss ich sie enttäuschen. Im Gegenteil, ich habe es in vollen Prosecco-Zügen genossen, das köstliche Büffet, hervorragende Bands, zauberhaftes Ambiente (im Schloss. Von außen ist das eine grauenhafte Micky Maus Architektur. Wie das Berliner Schloss, zum Kotzen, diese Retro Kacke), jede Menge unwichtige Gespräche und den Anblick von unfassbaren Mengen von Botox und Silikon auf jedem Quadratmeter. Ich finde es einen Mangel, dort kaum Gewerkschaftsbosse, Wohlfahrtschefinnen oder Leute von der Linken zu sehen (sofern ich die überhaupt kenne). Glaubt die Restlinke denn allen Ernstes, den Fortschritt zu erkämpfen, indem man nur Klimmzüge an der Kante des eigenen Bewusstseins-Horizontes macht und 367 Tage im Jahr im eigenen Ideologiesaft der sich selbst abnickenden Fachtage, Kongresse, Sitzungen, Broschüren etc. pp vor sich hin schmort? Das Leben findet draußen statt, im Mühlenberg, im Schloss Herrenhausen, in der Dialektik des Genusses und der Erkenntnis.
Und während sich jetzt langsam die Schwaden der hier zelebrierten Selbstbeweihräucherung verziehen, plane ich weiter Urlaub. Der Sommer reicht mir. So eine Unverschämtheit. Ab in den Süden.
Was bleibt, ist Kapitalismuskritik. Zwischen Burger King und Beate Uhse.
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Original nur mit Marx und Lenin. Ob auf der Rückseite unserer Sektenspinnerinnen von der MLPD Stalin hervorlugte, entzieht sich meiner Kenntnis.

15.08.2017 – Wasserbüffel in meinem Garten

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Ein prachtvolles Bild, wenn die Wasserbüffel mit Urgewalt durch einen Graben pflügen. Neulich in Berlin auf der Pfaueninsel brach direkt vor mir die dort ansässige Herde mit Schnauben und Prusten durchs Unterholz. Ich sinnierte gerade vor mich hin und erschrak demzufolge zu Tode. Fast, sonst könnte ich den Blogeintrag ja nicht schreiben. So eine Horde tue ich meinem Gartenteich doch lieber nicht an. Die Tatsache, dass ich in dem angesagten Viertel Hannovers, in Linden-Nord, einen Garten mit Teich mit direktem Zugang über eine eigene Veranda besitze, dürfte den Wert der Wohnung ins – fast – Unermessliche gesteigert haben. Stichwort Gentrifizierung. Wes Geistes Kind in gentrifizierten Gegenden herrscht, mag eine kleine Episode schildern: Hier findet einmal im Jahr ein Straßenfest statt, das sogenannte Limmerstr.-Fest. Charmante Veranstaltung, der SCHUPPEN 68 wird seit Jahren angefragt, da auch „was“ zu machen. Das denn doch nicht, aber nett ist es da wie gesagt schon. Natürlich machen die Kneipen und Geschäfte da einen Mörder-Umsatz und die Sogkraft des Kiezes als coole Gegend (mit entsprechendem weiteren Umsatz) wird erhöht. Dieses Jahr scheitert die Organisation eventuell deshalb, weil viele Kneipen und Geschäfte sich weigern, den absolut läppischen Unkosten-Beitrag von 85 Euro dafür abzulatzen. Ich formuliere es mal mit der mir inhärenten Contenance und Courtoisie (das verlink ich mal, wegen des Hinweises auf Norbert Elias): Was für Arschlöcher und was für ein Scheißviertel. Gottseidank gibt es hier auch schon graue langweilige Bars, vor denen graue langweilige Menschen mit grauem langweiligen dicken Portemonnaie sitzen. Möge also dieser Kiez genannte Misthaufen so enden wie Prenzlauer Berg, wo wirklich nur noch Zombietouristen durchtorkeln. Das Sein bestimmt das Bewusstsein. Oder auch: Das Schwein bestimmt das Bewusstsein. („Es ist nicht das Bewusstsein der Menschen, das ihr Sein, sondern umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewusstsein bestimmt.“ K. Marx, Kritik der politischen Ökonomie, MEW 13, 9.) In manchen Dingen bin ich beinhart konservativ: Ich halte Frauen die Tür auf, helfe ihnen aus dem Mantel und in ökonomischen Dingen bleibe ich Marxist. Ansonsten liebe ich die Moderne:
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Lichtdurchfluteter Neubau des Deutschen Historischen Museums in Berlin.
Was bleibt? Coole Gegenden sind wie der Fußball, wo weiterhin dumpfer Mob in die Stadien pilgert oder stumpf in Kneipen sich diesen Schwachsinn anglotzt: Jeder Einzelne trägt durch sein Handeln die Verantwortung dafür, dass einstmals charmante, amüsante Dinge durch Massen-Konsum zu Tode gekreuzigt werden. Der Mob macht mir Ennui, man möge ihn entfernen.
Mit diesem Dünkel bin ich wieder nah bei Marx. Der fand die damalige Arbeiterklasse auch nicht besonders prickelnd.

15.08.2017 – Frisch verliebt im Wahlkampf

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Eines Morgen stand sie da, in meiner Küche, und eroberte mein Herz im Sturm. Im Nachhinein betrachtet war sie schon ein Luder, die wusste, wie man Männer um den Finger wickelt. Eine Mischung aus Lulu und Carmen, nur ohne deren mörderische Konsequenzen (warum müssen Männer, wie Wedekind und Bizet, in ihren Werken die Frauenheldinnen eigentlich dauernd ermorden?). Sie schmiegte sich bei jedem Schritt von mir derartig an meine Beine, dass ich kaum gehen konnte, brummte und schnurrte, dass es eine Wonne war. Und dieser Blick und dieses klägliche Miauen. Wer könnte da widerstehen? Ich überhäufte sie in den ersten Tagen unserer jungen Liebe mit Leckerlis, die ein Vermögen kosteten Die Geschichte ging nicht gut aus. Sie hat einen Chip mit Besitzerangaben. Es brach mir das Herz. Nie werde ich sie vergessen. Meine Liebe wird ewig währen.
Aber vielleicht kommt ja mal wieder eine Neue. Der Garten ist groß und die Wege des Herrn resp. der Frau sind unergründlich.
Ich aber beschloss, mich der Politik zuzuwenden. Was nicht schwierig ist, schließlich ist Wahlkampf. Bundestagswahl am 24.09 und Landtagswahl Niedersachsen am 15.10, vorgezogen auf Grund des schnöden Verrats einer grünen Abgeordneten. Ich hörte am Tag nach ihrem Verrat ein Interview mit ihr im Deutschlandfunk, ich habe selten ein derartiges Gestammel, dauernd unterbrochen von nervösem Hüsteln, gehört. Mich erinnerte sie an Lady Macbeth, die mit ihrem Verrat nicht glücklich wurde. Um genau zu sein, sie wurde wahnsinnig. Vermutlich aber wird der Judaslohn hoch genug sein, um die Wunden bei Frau Twesten zu heilen.
Ich werde in beide Wahlkämpfe intervenieren, mit öffentlichen Aktionen, Videos, Kunst, Medienarbeit. Das gehört zu meinem Job, ich würde das aber auch so machen. Die Zeiten, in denen sich ein undogmatischer Linker genervt aus den Niederungen der Alltagspolitik, wie Wahlen, heraushalten konnte, sind vorbei. In den goldenen Zeiten des Kapitalismus, in den 60ern und 70ern mit Ausbau des Sozialstaats und Anwachsen der Lohnquote, spielten verwöhnte Bürgerkinder noch Revolution mit Ringelpietz und Anfassen, da konnte man noch ohne schlechtes Gewissen am Wahltag mit Kater-Kopf im Bett verbringen. Kaum wurde der Gegenwind damals etwas heftiger, war Schluss mit Kindergartenlustig. Der Gang der Geschichte ist bekannt.
Mittlerweile erodiert die Gesellschaft von der Mitte her. Das ständige Getröte „Uns geht es so gut wie nie, weiter so“ erinnert an das Pfeifen im Walde. Das ist keine Zustandsbeschreibung, das ist Angstsymptom. Die Bürgerkinder von früher, die heute Bürgereltern sind, wissen, dass ihre Bürger-Brut auf dem absteigenden Ast sitzt, einem absteigenden Ast, an dem alle kräftig sägen. Die von Psychopharmaka nur notdürftig gedämmte Wut kommt aus der Mitte und richtet sich gegen das Außen. Sach ich mal als Kassandro (für alle mit Abitur vom zweiten Bildungsweg: männliche Form von Kassandra).
Und was soll man da machen? Dazu demnächst mehr. Ich muss jetzt ackern. Der Wahlkampf ruft. Aber bleiben Sie drin, liebe Leserinnen!
Und was bleibt, wenn alle Stricke reißen? Entertainment:
potsdamer-platz
The bright lights of the cities.
Potsdamer Platz Berlin, bei Nacht.