Kategorie-Archiv: Schuppen aktuell

19.08.2024 – Meine Erlebnisse im Pornokino

Judy’s Kino-Bar. Flasche Krimsekt 150 Euro. Porno-Kino mit Séparées, ergo mit integriertem Bordellbetrieb. Neukölln, Kirchhoffstr. Ich wage zu bezweifeln, dass der Laden im Zeitalter von Internet-Pornografie noch geöffnet ist. Ich habe das Foto und die Überschrift auch nur deshalb hier eingestellt, weil nach der Überschrift im Blog von gestern, in der „Pornographie“ vorkam, die Zugriffszahlen ca. 30 Prozent höher waren. Ich werde das probeweise ein paar Tage durchexerzieren und wenn sich bestätigt, dass die erhöhten Klickzahlen kein Zufall sind, hier nur noch statt Kapitalismuskritik und Faschismusanalyse famos versaute Geschichten veröffentlichen. Ein eher hartes Brot und jederzeit durch KI ersetzbar.

Bis es soweit ist, gehe ich kurz auf einen vermeintlichen Widerspruch ein: Einerseits behaupte ich, der Faschismus sei die extremste Form bürgerlicher, also kapitalistischer Herrschaft, andererseits warnen im Vorfeld der Septemberwahlen immer mehr Unternehmer*innen vor der AfD. Die AfD schade dem Ruf des Standortes, verprelle Investoren und Facharbeiter. Das entspricht dem allgemeinen Tenor bürgerlicher Öffentlichkeit, was in den Leitmedien und einschlägigen Gesprächsrunden so kolportiert wird. Dem entziehen sich auch Kapitalvertreter nicht, running with the pack.

Fakt ist jedoch, dass rechtspopulistische Regierungen als Vorläufer faschistischer Herrschaft im Normallfall keine Investoren abschrecken. Der Ruf eines Standortes ist das eine. Die reale, neoliberale Wirtschafts- und Steuerpolitik solcher Regimes, die Unternehmen und Kapital mit günstigsten Steuer- und Investitionsmöglichkeiten bevorzugt, mit der Entrechtung von Arbeitnehmer*innen und Schwächung von Gewerkschaften, ist das Andere. Das, was Unternehmen im Ernstfall still und leise begrüßen, wo sie investieren und prosperieren. Abschreckung von Fachkräften mag kurzfristig sein, wird aber mittel- und langfristig als disruptives Moment wahrgenommen, das durch Rationalisierung, Digitalisierung, KI ausgeglichen wird. Die falsche Energiepolitik von Rechtspopulisten und späteren Faschisten mit der Fokussierung auf fossile Brennstoffe und Atom, die von Unternehmensseite beklagt wird, führt schneller als bisher in die Klimakatastrophe, aber in den mittelfristigen Bilanzen von Unternehmen ist es piepenhagen, ob ihre Energie aus AKWs kommt. Wenn die Katastrophe da ist, sind die Entscheider von heute weg. Im Zweifel machen die es so wie ich: Nach mir die Sintflut.

Bleibt die Drohung der AfD mit dem DEXIT, Austritt aus der EU. Kommt erstens nicht und zweitens wenn: So verheerend ist der Brexit in GB auch nicht gewesen – außer für die Armen und die verarmende Mittelschicht – sonst hätte Labour nach dem Wahlsieg den sofort rückgängig gemacht. Labour wird nichts dergleichen tun. Es wird also nichts so heiß gegessen wie es gekocht. Das Kapital hat immer unter allen Umständen prosperiert und investiert. Und die neoliberalste Politik fordert nun mal die AfD: Keine Erbschaftssteuer, Senkung der Unternehmenssteuer, Privatisierung der Rente, Abschaffung des Bürgergeldes, Zerschlagung des Restsozialstaates, Reduzierung der Arbeitnehmerinnenrechte, das ganze Kultur und Gendergedöns wird abgeschafft, die Mittel in Steuersenkungen für Spitzenverdienende umgeschichtet, die Rüstungsindustrie noch weiter angekurbelt, etc. pp. Das Kapital investiert schon jetzt in die AfD und wird mit fliegenden Fahnen ins braune Lager wechseln, wenn sich der Sieg anbahnt. Es rechnet sich. Jenseits der Sonntagsreden ihrer Vorstandsvorsitzenden haben deren Referenten und Kalkulatoren schon minutiös ausgerechnet, wie sich ein Sieg des Faschismus in ihren Bilanzen auszahlt. Amen.

Ich werde jetzt nicht die Hände in den Schoß legen nach dem Ende des Blogs, sondern mich schon mal warm schreiben, für das Porno-Projekt. Sie, liebe Leserinnen, können mir gerne ein paar Anregungen zuschicken. Auf dem Papier ist das Geschehen mitunter doch recht eindimensional.

Ein handfester Berlin-Tipp noch: Obige Kirchhoffstr. liegt im Neuköllner Rixdorfkiez, den ich zum Flanieren nur empfehlen kann. Direkt hinter dem wuseligen Karl-Marx-Platz mit einer entzückenden Weinbar beginnt dieser dörfliche Kiez, beschaulich, ruhig, mit seiner alten Schmiede, dem Richardplatz mit der Villa Rixdorf, wo es noch günstig jede Menge Berliner Küche zu schnabulieren gibt …

18.08.2024 – Ich weiß nicht, was Pornographie ist. Aber wenn ich sie sehe, erkenne ich sie

ECK-KNEIPE. Berlin, Mariannenplatz. Selbst die Eingangstür ist noch aus den 70ern. Der Rest auch. Ein Ort der vollkommenen Bier-Kontemplation in einer der Realität vor der Tür entrückten Welt.

Ein paar Ecken weiter fand gestern wieder eine Pro-Palästina-Demo statt, mit ca. 1000 TN, Hassparolen, Hamasverherrlichung und Hitlergruß . Das Übliche halt, dutzendfach jeden Monat seit dem Überfall der faschistischen Terrorgruppe Hamas am 7. Oktober. Vor meinem inneren Auge sehe ich schon am Jahrestag des Überfalls Tausende auf deutschen Straßen jubeln, singen, hassen, den faschistischen Terror verherrlichen. Mit tatkräftiger Unterstützung linker, einheimischer Antisemitinnen.

Es ist ja immer auch eine Frage der Sprache. Diese Demos sollten nicht „Pro-Palästina“ geframt werden, sondern als das, was sie sind: Antisemitische Demonstrationen.

Auch dieses Mal wurden wieder Gegendemonstranten von den Faschisten attackiert. Ich war nicht dabei, aber es dürfte sich um bei den Gegendemonstrant*innen um eine Handvoll Rest-Linker mit Anstand gehandelt haben und ein Dutzend zu Tode verängstigter Mitglieder der jüdischen Gemeinde, die noch den Mut haben, sich öffentlich zu zeigen. Irgendwann, nach dem nächsten 7. Oktober und dem nächsten zusammengeschlagenen jüdischen Studenten an der Berliner FU, wird sich das ändern und sie werden es sich nicht mehr trauen. Sondern die gepackten Koffer, auf denen mittlerweile immer mehr sitzen, nehmen und auswandern.

Sommer 2024, im Land der Shoa.

Es gibt eine Umkehrung des treffenden Bonmots „Ich weiß nicht, was Pornographie ist. Aber wenn ich sie sehe, erkenne ich sie.“: „Ich weiß, was Faschismus ist. Aber erkenne ich ihn, wenn ich ihn sehe?“ Bei der obigen Demo ist das noch einfach, das ist migrantischer und rotlackierter Faschismus. Aber sonst?

Hier sind als Orientierung14 Merkmale des Ur-Faschismus nach Umberto Eco aufgelistet, . Das kann man wissen, analysieren, ergänzen. Aber wo und wie kann das in konkreter, gesellschaftlicher Praxis erkannt werden, gerade bei einer Gesellschaft im demokratischen Niedergang? Ist der Landkreis Sonneberg ein faschistischer, weil es hier einen AfD-Landrat gibt, der anfängt „aufzuräumen“? Wäre Thüringen ein faschistisches Bundesland, wenn Höcke da nach den Landtagswahlen MP einer AfD-Minderheitsregierung würde? Wäre die BRD faschistisch, wenn es nach den Wahlen im nächsten Jahr eine CDU-Minderheitsregierung gäbe, die von der AfD geduldet würde, gegen weitreichende Zugeständnisse? Alles hypothetisch.

Noch.

Aber die Schwierigkeiten zeichnen sich ab. Das ist keine Frage von Kathedertheorie, sondern bedeutsam für die Organisation von demokratischer Gegenwehr. Ab welchem Stadium faschistoider Entwicklung sind welche Mittel legitim, selbst wenn sie nicht legal sind?  Beispiel Generalstreik der Gewerkschaften. Eine zugegeben lächerliche Vorstellung, deutsche Gewerkschaften, die Papiertiger und Bettvorleger des Kapitals par excellence, im Generalstreik…. Eher friert die Hölle ein.

Ich werde jetzt mal testen, ob der Satz in der Überschrift stimmt und stelle mir zum Schluss angesichts obiger Demo eine Berlinnotorische, auf alle Bereiche in der Metropole anwendbare Frage: Sind die Berliner Wasserwerfer eigentlich alle kaputt?

17.08.2024 – Niemand hat die Absicht, eine Brandmauer zu errichten

Demo 1 – Ganz normale, fürsorgliche (der Supermann im Hintergrund kümmerte sich rührend um die Frau im Rolli) Halbfaschisten, Unter den Linden. Demo der Partei „Die Basis“ in Berlin im August.

Demo 2 – Berlin am gleichen Tag, Mehringdamm. Hysterisch schreiende Dreiviertelfaschisten, bei Pro-Palästinaaktionen. Mit von der Partei: Jede Menge pseudolinke, junge deutsche Anti-Imperialisten, geeint im Antisemitismus. Ein großes Polizeiaufgebot musste ein Häuflein schweigender jüdischer Gegendemonstranten bei einer Mahnwache (hinter der untergehenden Sonne) schützen, die andernfalls ihres Lebens nicht mehr sicher gewesen wären. Berlinüblich dürfte die Hälfte der pseudolinken, jungen deutschen Antiimperialisten irgendwie genderfluid, trans, queer, was auch immer gewesen sein. Wie sehr der Antisemitismus wahnhaft ist, sieht man daran, dass die jungen deutschen Antiimperialisten mit ihrer Lebensweise in den Ursprungsländern der meisten Demonstrierenden umgehend gesteinigt oder an Baukränen aufgeknüpft würden. Oder haben Sie, liebe Leserinnen, schon mal was von einer CSD-Parade im Iran, Gaza, Syrien, etc. pp. gehört?

Dieses groteske Faschismusgetränkte Szenario ist mir nur deshalb der Rede wert, weil sich mittlerweile –Jahre zu spät – selbst Bürgermedien wie Spiegel etc. die Frage stellen: Faschismus ante portas? Inklusive: Wie konnte es soweit kommen? Und was kann man dagegen tun?

Interessant an diesen eher hilflosen Erzählungen ist die Tatsache, dass sie bei der Analyse, also bei dem Versuch einer Faschismustheorie, schon im Ansatz scheitern, indem sie konsequent den Begriff „Kapitalismus“ meiden, wie der muslimische Scheitan das katholische Weihwasser.

Im September sind drei Landtags-Wahlen in Ostdeutschland, bei denen vermutlich die AfD stärkste Partei wird und sich die Frage von Koalitionen, Regierungen neu stellt. Die bürgerliche Anti-AfD Front bröckelt nicht erst seit gestern, sie hat in Wirklichkeit nie bestanden, außer aus hohlen Phrasen. Niemand aus dem bürgerlichen Lager hatte je und hat ernsthaft die Absicht, eine Brandmauer gegen die AfD zu errichten. Allein aus dem Grund, weil das Fleisch vom eigenen Fleisch ist. Der Faschismus ist keine vom Himmel gefallene Staatsform, die von Außerirdischen praktiziert wird, sondern die extremste Form bürgerlicher Herrschaft. Alle führenden Figuren vom Lehrer Höcke über den Staatsekretär Gauland bis zum Malermeister Chrupalla, zur Unternehmensberaterin Weidel, zum Adelssprössling  von Storch entstammen dem Bürgertum. Siehe auch früher Dr. phil. Joseph Goebbels, Oberleutnant Göring, Diplomlandwirt Himmler. Die ideologischen und geistigen Grundlagen lieferten damals hochrespektierte Philosophen, Lehrstuhlinhaber, Schriftsteller wie Heidegger, Carl Schmitt, Ernst Jünger, Gottfried Benn. Alle natürlich nach dem „Zusammenbruch“ des Faschismus in der BRD vom Bürgertum weiter hoch ver- und geehrt. Ökonomische Grundlage des Faschismus war immer der Kapitalismus. Wirre revolutionäre, antikapitalistische und unbürgerliche Abweichler wie Ernst Röhm oder Gregor Strasser wurden umgehend nach der Machtübernahme der Nazis von ihren eigenen Kumpanen ermordet.

Diese historischen und aktuellen Querfronten zwischen Faschismus und Bürgertum sollte im Hinterkopf behalten, wer überlegt, wie sich eine schleichende faschistische Machtübernahme in der BRD gestalten lässt. Nicht umsonst sind die Hälfte aller CDU-Mitglieder für eine Kooperation mit der AfD. Was sie eint, ist die Verachtung für das ganze linksalternative Gendergedöns, für eine offene, diverse Kultur, für das Klimagedöns, für aufmüpfige Frauen (die sollen am liebsten mit Kopftuch rumlaufen, sieh Foto oben, nur in der christlich-abendländischen Version, mit Kreuz und Rosenkranz), ihr tiefsitzender strukturelle Rassismus, die Verachtung für den Pöbel, die niederen Schichten. Auch wenn sie diese zur Machtübernahme brauchten wie die SA früher, und aktuell brauchen wie die rechten Schläger, die die kulturelle Hegemonie auf der Straße im Osten hergestellt haben.

Natürlich sind nicht alle Bürgerlichen Faschismusaffin. Aber man sollte sich nach den Septemberwahlen lieber über nichts mehr wundern. Sonst wird man sich noch wundern.

09.08.2024 – Die AfD lässt ihren Dreckswahlkampf von der Realität erledigen

Nach ca. 15 Jahren auch in Hannover.

Thema in diesem Blog seit Jahren: Der Kapitalismus ist in einer Übergangsphase, unsere bürgerlich-liberale Gesellschaft löst sich nach Jahrzehnten der Stabilität auf und der Faschismus als extremste Form bürgerlicher Herrschaft ist auf dem Vormarsch. Wie der Vormarsch in seiner militanteren Form aussehen kann, ist zur Zeit in England zu begutachten, wo der faschistische Mob auf den Straßen seit Tagen nicht unter Kontrolle gebracht werden kann. In der Mehrzahl agiert er in Hafenstädten, wo der Verfall der klassischen Arbeiterklasse, der ehemaligen weißen, männlichen Facharbeiterelite, am fortgeschrittensten ist. Hier agiert SA-ähnlich organisierter Faschismus, den es in der Form bei den spontanistischen Ausschreitungen von Lichtenhagen noch nicht gab. Ca. 7 Prozent der englischen Bevölkerung befürwortet diese Gewalt, ca. 4 Millionen. Wenn von denen ca. 10 Prozent gewaltbereit sind, wären das ungefähr 400.000. Das entspricht der Mitgliederzahl der SA vor der Machtübernahme der Nazis. In England sind die Klassengegensätze ausgeprägter als bei „uns“, die Armut wesentlich elender. Aber da holen wir den Engländer noch ein. Anders als beim Fußball und den olympischen Spielen.

Hauptursache für den Vormarsch des Faschismus ist die wachsende Spaltung zwischen Arm und Reich. Immer mehr Superreiche auf der einen, immer mehr Arme, die zusehends verelenden, auf der anderen Seite. Die Mitte der Gesellschaft, ihre tragende Säule, erodiert, fühlt sich vom sozialen Absturz bedroht und reagiert darauf zusehends aggressiv. Sie tritt nach unten.

Wenn ich sowas erzähle, kann man das als Angstlust getriebene Wahnvorstellung eines unheilbar undogmatischen Linken abtun.

Wenn das millionenschwere Investmentbanker erzählen, die das Herz der Bestie von innen kennen, hat das eine andere Bedeutung.

Gary Stevenson z. B. wuchs in einfachen Verhältnissen auf und verdiente später als Investmentbanker Millionen. Inzwischen wirbt er dafür, große Vermögen stärker zu besteuern. Nur so seien die westlichen Gesellschaften zu retten.

Siehe hier:    

 Zitate: „

… Ich kam zu dem Schluss, dass der Grund für die Flaute der westlichen Volkswirtschaften ein wachsendes strukturelles Problem der Vermögensungleichheit ist. Und dieses Problem wird immer größer. Die Ungleichheit wird schneller wachsen und schließlich außer Kontrolle geraten….

…. Wir befinden uns derzeit in einer Phase der sich schnell ändernden Vermögensverteilung. Wir hatten eine 60- bis 70-jährige Periode in Westeuropa, in der wir eine große, bedingt wohlhabende Mittelschicht hatten. Das ist eine historische Anomalie. Und jetzt verlieren wir das, weil die Mittelschicht ihren Wohlstand an die Eliten abgibt. Es gibt einen massiven Vermögenstransfer innerhalb unserer Gesellschaften, der für Reiche sehr gut funktioniert…

….. die Geschwindigkeit, mit der sie die Mittelschicht enteignen und die Lebensstandards für normale Leute verringern, ist so hoch, dass sie die westlichen Gesellschaften destabilisieren

In der ganzen westlichen Welt gewinnt die extreme Rechte an Popularität. Und es ist wirklich schwer, dabei nicht an das frühe 20. Jahrhundert zu denken. Wenn die Mainstream-Politiker keine Lösungen zum Erhalt der Lebensstandards haben, werden die Leute nach extremeren Alternativen suchen. …“

Wenn Sie mich fragen, lieb Leserinnen: Die Leute haben die extremen Alternativen gefunden. Die Wahlen in der Ostzone im September werden das an den Tag legen.

 Die AfD macht vor den Wahlen sehr geschickt: Sie hält die Füße still. Nichts zu sehen, nichts zu hören. Die AfD lässt ihren Dreckswahlkampf von der Realität erledigen, die schmutziger und hässlicher, realer und wirksamer als jede rechte Hetzkampagne den Abgehängten ihr Elend vor Augen führt und die noch nicht Abgehängten mit Angst vor dem Absturz erfüllt

05.08.2024 – Olympiade, Zwischenbilanz.

Ein Wort mit drei R hintereinander. Selten in der deutschen Sprache.

Ob das bei Olympia mit der Geschirrrückgabe gut klappt, entzieht sich meiner Kenntnis. Die Ökobilanz von solchen Megaevents wie Fußball-EMs, WMs, Olympiaden ist verheerend, das Geld sollte allein aus diesen Gründen in andere Sachen investiert werden. Es bleibt zu hoffen, dass mögliche deutsche Bewerbungen für eine Olympiade von der Bevölkerung der betroffenen Regionen verhindert werden. Eine gruselige Vorstellung: Olympia 2036, 100 Jahre nach der Nazi-Olympiade, wird von einer AfD-Kanzlerin eröffnet.

Solche Megaevents sind reine Kommerzveranstaltungen, bis unter die Halskrausen gedopt, voller Nationalismus und gefüllt mit irrsinnigem Geplapper. Kein zurechnungsfähiger Mensch hält das daueraufgekratzte Fröhlichkeitssimulationsgequatsche der TV-Moderationsattrappen mehr als 5 Minuten aus, die durch zwei Dinge gekennzeichnet sind: Eine chronische Gesichtslähmung, die wohl Grinsen darstellen soll. Und die vollständige Abwesenheit von Kritik. Es sei, denn es ginge gegen den Chinesen. Wg. Doping. Man kennt ihn ja, den Chinesen, hinterhältig nur einmal.

Dabei ist Jeder da mit irgendwas gedopt, von der Athletin über den Kabelträger bis zur Moderatorin hin zum Staatspräsidenten, Koks, Speed, Gras, Upper, Downer, Alk, etc. pp.

Das einzig Tröstliche an dieser Hanswurstiade ist die deutsche Medaillenbilanz. Mal wieder desaströs, wie beim Fußball. Abgehängt, schlaff, leistungsunwillig, so isser, der Deutsche 2024. Arbeiten will auch keiner mehr. Und nach Ende der Spiele werden wieder die stabilen Genies des neoliberalen Zeitgeistes raunen, da bestünde doch ein Zusammenhang zwischen der ökonomischen Bilanz der letzten Jahre und der in den Medaillen und beim Fußball.

Anders als nach dem Krieg, siehe Wirtschaftswunder, will keiner mehr in die Hände spucken. Höchstens um sich die Hare zu gelen für das Freizeitvergnügen, Disco und yeah yeah yeah. (Siehe dazu auch hier)

Die Leistungsbilanz wird ja noch verheerender, wenn wir uns vergegenwärtigen, in welchen Sportarten „wir“ noch Medaillen gewinnen. Vor allem im Pferdesport, also da, wo sich die Elite tummelt (Angehörige des Prekariats können sich eher keine Zossen leisten). Bogenschießen, Rudern noch, nichts, was in sozialen Brennpunkten praktiziert wird. Solche Sportarten sind teuer.

In jenen dagegen, wo es nur um den Körper, die Willenskraft geht, getreu dem Motto „flink wie Windhunde, zäh wie Leder, hart wie Kruppstahl, “ in der Leichtathletik und im Schwimmen, da hinkt der Deutsche, vor allem der der niederen Stände, im wahren Wortsinne ermattet hinterher. Bis auf Ausnahmen muss man froh sein, wenn kein deutscher Athlet im Schwimmbecken ertrinkt oder sich auf der Laufbahn die Beine bricht.

Wie soll man mit so einer Ansammlung von Flaschen und Nullen das Wachstum ankurbeln, die Leistungsbilanz positiv drehen und Nato-Kriege gegen den Feind im Osten führen?

Bei der vorherrschenden Grundeinstellung wird doch in jedem Bataillon bei der ersten Granatenexplosion eine Selbsthilfegruppe der Hörgeschädigten gegründet.

Da müssen andere Saiten aufgezogen werden. Als erstes nehmen wir uns die Stütze-Sauger vor, denen ziehen wir mal ordentlich die Hammelbeine lang. Und wenn das erfolgreich durchgeht, kommen andere dran, die jetzt noch glauben, sie seien in Sicherheit, wenn sie nur laut genug gegen Bürgergeldbezieher hetzen.

Und nun zum Triathlon, wo wir gerade Gold gewonnen haben. Triathlon, auch so ein Sport, bei dem der gemeine Angehörige des Prekariats noch nicht mal weiß, wie man das schreibt.

04.08.2024 – Dass in dem Namen Jesu sich beugen sollen aller derer Knie, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind

DDR-Bronzerelief am Berliner Marstall. Das hat die Säuberungsaktionen der Sieger nach dem Anschluss der DDR an die BRD gegen fast alles, was nach Marxismus riecht, überlebt. Anders als der Palast der Republik um die Ecke. Wegen Asbestalarm abgerissen. Wenn es danach ginge, müsste die halbe Republik abgerissen werden. Reine Siegerwillkür.

Dort steht jetzt das Humboldtforum, eine pseudohistorische Rekonstruktion, ein verkitschter Disneybau, der die Geschichte des 20. Jahrhunderts ausradiert und mit dem ganzen Preußen-Gerümpel der Umgebung völlig unkritisch den Ungeist früherer Jahrhunderte feiert. Der Bau wurde von Eliten-Nazis der BRD cofinaziert. Konsequent: Oben auf der Kuppel das christliche Kreuz und die Inschrift „Dass in dem Namen Jesu sich beugen sollen aller derer Knie, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind“. Sakralkitsch pur, von 1844. Sowas begründete jenen damals aufkeimenden deutschen Imperialismus ideologisch, der dann im Grauen zweier Weltkriege und dem Holocaust endete. Im Namen Jesu wurden in früheren kolonialen, imperialistischen Eroberungskriegen Millionen unter die Erde gebracht. Die Inschrift ist eine konsequente Weiterführung der Sammlungen im Ethnologischen Museum im Humboldt Forum mit tausenden Raubstücken aus allen Erdteilen der Welt. An denen sich das Bürgertum aus aller Welt ergötzt und kulturell labt. Das Humboldtforum war 2023 das meistbesuchte Museum Deutschlands.

Es sind nicht nur die rechten Schläger in der Ostzone und die AfD Wählerinnen „drüben“, die ihrer Wut unter anderem über gestohlene Identitäten wie den Palast der Republik, die Entwertung ihrer Biografien und ihre Degradierung zu Niedriglöhner*innen der Republik freien Lauf lassen, die die Demokratie bedrohen.  Es sind auch die Burberry gewandeten antidemokratischen Eliten aus dem Dunstkreis des Humboldtforums. Sollte sich morgen der märkische Sandboden auftun und diesen dreimal verfluchten Bau verschlingen, ich weinte ihm keine Träne nach.

Die Ehrlichkeit des Chronisten gebietet es zu erwähnen, dass ich unlängst dorthin retirierte zwecks Erholung im Liegestuhl auf Kunstrasen von der Brandenburger Tor-Fanmeile der EM.

Es war warm, die Palmen wiegten sich im Winde, der kühle Weißwein convenierte durchaus, für einen Moment konnte die Fassade für echt alt und schön gehalten werden und ich sah entspannt dem Prekariat aus aller Welt beim Aufbau der Bühne für das „Durchlüften“-Festival zu. Eine Band kam zum Soundcheck, alles Schwarze. Musik vom Sufi Dub, tansanischer Bongo Flava und Balochi Benjo Klänge aus Pakistan, Worldmusic beim Festival, wie sie das alternative, rotgrüne Herz der Metropole so liebt. Und was am schönsten ist: Das Ganze ist umsonst.

Zu erwähnen bleibt noch der Grund meiner Erschöpfung: ich hatte einem Gast zum Abschluss einer „Berlin in 6 Stunden-Tour“ die Prachtmeile „Unter den Linden“ gezeigt, mit der Humboldt-Uni, dem Deutschen Historischen Museum, der Staatsbibliothek, dem Reiterstandbild Friedrich des Großen, dem Pariser Platz mit dem Brandenburger Tor etc. pp. Beeindruckend.

Solche Tage sind für mich wie ein Mosaik, wo sich aus ganz vielen, bunten, unterschiedlichen Steinchen ein Bild der zeitgenössischen Republik zusammensetzt. Und so bunt das Bild auch sein mag, so düster wirkt es auf mich.

03.08.2024 – Ihr könnt sagen, ihr seid dabei gewesen.

Am 31.07.2024 hatte das Kaufhaus Lafayette in der Berliner Friedrichstr. seinen letzten Tag.

Jetzt schließen sogar schon die Luxuskaufhäuser in der City, das KaDeWe hat ebenfalls nicht erst seit der Benko Pleite Schlagseite. Eigentlich heißt es, Luxus ginge immer, aber selbst das gilt angesichts des Strukturwandels der Innenstädte nicht mehr. Die Innenstädte sind tot und es gibt kein derzeitiges Konzept, was sie wiederbeleben kann. In ein paar Jahren sind auch die letzten Kaufhöfe und Karstädter dicht und dann breitet sich ein Leichentuch über die Cities. Handelsüblich hilflose Vorschläge von den üblichen Verdächtigen aus der linksalternativen Öko-Ecke, die Kaufhäuser mit Kultur zu bespielen, sind naiv angesichts der Milliarden Spekulationssummen, die da im leeren Raume stehen. Da lassen Investoren die Gebäude lieber jahrelang leer stehen. Die seit Jahrzehnten bis auf die Knochen korrumpierten lokallkommunalen Betonmafiosi verhindern zuverlässig rechtlich möglich Eingriffe bis hin zu Enteignungen nach den Paragrafen 14 und 15 Grundgesetz. Möglich wäre ein Umbau zu Wohnungen, das wäre aber ein jahrzehntelanger Umstrukturierungsprozess, weil für menschenwürdiges Wohnen in den Cities erst die Infrastrukturen (wieder) geschaffen werden müssen, von Schulen über Pflegeeinrichtungen bis hin zu Spielplätzen, Parks, ÖPNV etc.
Das kostet Geld. Das wird aber für Kriege gebraucht. Und eine Schuldenbremse wird von der neoliberalen Finanzmafia um Lindner und demnächst Merz so zuverlässig verhindert wie eine Kindergrundsicherung, Klimaschutz, sozial gerechte Bildung und Gesundheit … Wie irrsinnig diese weltweit bis auf die ohnehin unappetitliche Schweiz fast einmalige Schuldenbremse ist, sieht man daran, dass Deutschland im Vergleich eine der niedrigsten Verschuldungsquoten weltweit hat, die seit Jahren in Relation zur Staatsquote insgesamt auf ähnlichem Level ist. Als ob die Verschuldung unser Probem wäre, im Vergleich zu Klimakrise, Inflat üionen, Seuchen, Armut, Migration etc…
Und ist es auch Wahnsinn, so hat es doch Methode und ich finde es erschreckend, aber auch faszinierend, Zeuge der Konsequenzen dieses Wahnsinns zu sein. Ein Gefühl für die psychopolitischen Auswirkungen der Zerstörung unserer Lebensgrundlagen von der Natur über die Kultur bis zu den Städten kann nur der wirklich und tiefgreifend erlangen, der sich jenseits der theoretischen Ebene, jenseits seiner individuellen Wohlfühlzonen, mit der Realität konfrontiert. Hautnah, mit allen Sinnen


Und so stand ich am 31.07 im Lafayette. Dem Spruch des Geheimrats folgend, den er real nie gemacht hat: „„Von hier und heute geht eine neue Epoche der Weltgeschichte aus, und ihr könnt sagen, ihr seid dabei gewesen.“ Kleiner mach ich’s nicht.
Ein Gefühlscocktail von Wehmut, Melancholie, Ärger, Trauer durchwob mich, schon gar angesichts der Tatsache, dass die kleine Bar, mit Restaurant, im Basement schon geschlossen hatte. Ab und zu hatte ich in einem Anfall von Luxus dort einen Crémant getrunken, in diesem eigentümlich-veralteten Ambiente von französischer Lebensart, savoir-vivre. Wenn es einen Ort von demokratischem Luxus gegeben hat, dann das Lafayette.

Wo auch die niederen Schichten mal durchflanieren konnten, an Versace, Dior und Chanel schnuppernd, und – wie ich – teilhaben am Ganzen mittels eines Gläschens. Wir kamen mit einer Frau, offensichtlich den gehobenen Ständen zugehörig, ins Gespräch. Für sie war das Ende des Lafayette ein Verlust an Kommunikation und Teilhabe, kam sie doch regelmäßig ein-, zweimal die Woche für Gläschen dorthin, zum Schwätzchen, und fluchte – dezent – nun auf das Internet, dass den Einzelhandel und überhaupt alles Stilvolle kaputt macht.

Es gibt tragischere Schicksale, draußen vor der Tür, Obdachlose auf Bänken, aber auch dieses gehört dazu, zum Verfall von bewährten kulturellen, sozialen Standards. Und es gehört zur Produktion einer Stimmung in der Gesellschaft, die definitiv nicht Demokratie erhaltend wirkt.
Ein paar Jacken und drei, vier Flaschen Rotwein standen noch zum Verkauf, für 50 Prozent. Zwei Haut-Brion und ein Mouton-Rothschild, je um die 1.300 als Altpreis. Ich äugte in mein Nordsee-Portemonnaie. Das würde nichts werden, mit mir und dem Rothschild. War mal wieder Ebbe.

31.07.2024 – Recht auf Faulheit!

NP, 08.10.1991. Wie wir einmal den Sieg der Linken verhinderten. Wenn schon Blick in den Rückspiegel, dann aber richtig. Einer meiner absoluten Lieblings-Medienskurrilitäten, die über mich erzählt wurden. Die Linken glaubten diesen Unsinn auch und boten uns eine proletarische Tracht Prügel an. Da wär ich gerne dabei gewesen. Dieser Artikel ist aber insofern von unschätzbarer Dokumentationsqualität, ist hier doch nachgewiesen, dass SCHUPPEN 68 die erste Satirepartei in Deutschland war, die zu einer Wahl antrat. Die Parte „Die Partei“ wurde erst 2004 gegründet.

So erhaben der Blick zurück sein mag, so trostlos ist der in die politische Gegenwart. Ganz zu schweigen von dem in die Zukunft. In den letzten beiden Blogs ging es um Fakten und Einordnung der aktuellen Hetzkampagnen gegen Bürgergeld-Empfänger*innen, Populisten aller Art können sich der breiten Unterstützung des Mobs dabei sicher sein. Die sind ja alle faul und wollen nicht arbeiten.

Ach, wenn es doch nur so wäre. Alle, die trostlose, schlecht bezahlte, krankmachende, sinnlose Arbeit verweigern, haben das moralische Recht auf ihrer Seite und verdienen das Bürgergeld allein als Schmerzensgeld für all die Kränkungen, die sie erfahren. Das Bürgergeld muss verdoppelt werden, allein für die Funktion des gesellschaftlichen Sündenbocks, die allen Stütze-Bezieherinnen angehängt wird.

Teile der Begründung für das Recht auf Faulheit liefert der Schweigersohn von Karl Marx, Paul Lafargue, in der gleichnamigen Schrift  von 1880!

Eine Argumentation, die man heutzutage in der Öffentlichkeit nicht verwenden kann. Wer den Fetisch, die Religion „Arbeit“ antastet, begeht einen Tabubruch und wird für verrückt und asozial erklärt. Dabei ließe es der Stand der Produktivkräfte längst zu, alle entfremdete, zerstörende Arbeit zu automatisieren. Was immer häufiger passiert, siehe Gastronomie- und Pflegeroboter. Das könnte den Menschen Freiheit von entfremdeter Arbeit bringen, würde aber die Axt an die Wurzeln des Kapitalismus legen. Daher kommen die Profite der Automatisierung weiter den Konzernen und Monopolen zugute, deren Reichtümer unfassbare Ausmaße annehmen. Die Risiken und Kosten werden der Gesellschaft, dem Staat überlassen. Der daraufhin eine Hetzjagd gegen die Opfer dieser Entwicklung lostritt. Was für eine verrückte Welt.

Und niemand, noch nicht einmal die Filosofen, Denker und Kulturschaffenden denken mal radikal dagegen an, weil sie sich erschöpft in die Verhältnisse ergeben haben. Alle. Bis auf einen.