Unlängst saß ich mit einem Freund bei Lamm in Rosmarin mit Röstkartoffeln und knackigen Möhrchen beim Italiener. Geheimtipp, daher komplett überlaufen. Wie alte Säcke das so machen, arbeiteten wir erst unsere Krankheiten ab, dann die Verstorbenenliste des letzten Quartals und als Hoffnungsschimmer Reisepläne, die wir vielleicht noch verwirklichen könnten. War wie immer ein toller Abend, bei dem wir teilweise Tränen lachten. Soo wichtig nehmen wir den nahenden Tod dann doch nicht. Das Zetern meines Smartphones gab dem Abend eine neue Richtung: Der Landesvorstand der Satirepartei DIE PARTEI rief aus seiner Planungssitzung für die Kommunalwahlen in Niedersachsen 2016 an und bat um unsere Unterstützung.

Der SCHUPPEN 68 hatte machtvoll 2014 u. a. die Umtauschaktion der PARTEI „Titanic gegen BILD“ in der City von Hannover unterstützt. Jeder, der ein Lügenblatt abgab, erhielt 100-DM-Begrüßungsgeld von uns. Wie überhaupt unser Auge wohlgefällig auf dem Treiben der dritten Generation der Satireparteien ruht (Wir erinnern uns: die erste Generation war 1991 die Partei SCHUPPEN 68 mit ihrer Parole „Freibier und Erbsensuppe“). Das Programm der zornigen, jungen Männer (leider lauter Männer) ist o.k., kann ich mit leben. Der Abend beim Italiener mündete in eine Wahlstrategiediskussion, die sofort geniale Ideen hervorbrachte wie: „Die erste nichtöffentliche Podiumsdiskussion der Welt – Politiker faseln, keiner hört zu“. Außer uns Beiden würde keiner auf dem Podium sitzen, soviel war klar. Moderation machen wir selber, Presse erhält keinen Zutritt. Dann verteilten wir noch Posten auf uns Beide. Das Leben hatte wieder einen Sinn. Auf dem Nachhauseweg überkam mich leichte Rührung darüber, dass junge Männer, die mindestens meine Söhne sein könnten, die Erfahrung der Altvorderen anfragten. Aber vielleicht hatte ich auch einfach nur zuviel Barolo verklappt.
27.10.2015 – Unsere Philosophie ist gesund und schön.

Unsere Philosophie ist keine Massenware, ist naturnah und bequem und in der EU hergestellt unter fairen Arbeitsbedingungen. Glänzender konnte Marx’ 11. These über Feuerbach „Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert; es kömmt drauf an, sie zu verändern“ nicht Praxis werden. Die Fleischwerdung der eigenen Theorie quasi sui generis! Soll so nicht die Welt an und für sich sein: gesund und schön, keine Massenware, naturnah und bequem und in der EU hergestellt unter fairen Arbeitsbedingungen!? Schon wollte ich auf die Strasse eilen, Singen und Tanzen vor Freude, da erweiterte ich meinen Blick (was in der Philosophie nie schaden kann) und ach, der Menschheit ganzer Sprachjammer fasste mich mal wieder an (brauchen Sie nicht zu googlen, liebe Leserinnen, ist aus dem Faust. Im Zweifel immer Faust oder Shakespeare)

Gut gemeint, voll Scheiße formuliert. Hoffentlich sind meine neuen Puschen, an denen dieses Siegel hing, nicht von ähnlich miserabler Qualität wie dieser Text. Dann krieg ich im Winter echt ein Problem. Meine Wohnung ist so was von fußkalt.
26.10.2015 – „Satanische Satire, bittere Bilder und wüste Witze.“ Wer macht denn so was?
Ich. Beim Auftakt der Osnabrücker Ermutigung am 24.11.

Details hier Osnabrücker Ermutigung
Über 20 Osnabrücker Organisationen haben sich, unter der Federführung der dortigen Kooperationsstelle Hochschulen und Gewerkschaften, mit dem Ziel zusammengeschlossen, die Debatte über die Verteilung unseres Wohlstandes zu beleben. Von Osnabrück lernen heißt siegen lernen. Da ist eine sehr rührige Szene entstanden und ich freu mich jetzt schon auf den Auftritt. Ich war schon mehrfach bei den Kolleginnen da.
Beim Gang vom Bahnhof zum Veranstaltungsort kommen immer alte katholische Messdiener Erinnerungen hoch, Osnabrück ist Bistumsstadt mit Dom und vielen kirchlichen Einrichtungen, die das Stadtbild deutlich prägen. Nein, ich bin nicht sexuell belästigt worden als Messdiener. Meine Erinnerungen sind sehr fröhlicher Natur. Wir hatten Zugriff auf den Messwein und da „unsere“ Priester immer einen ordentlichen Schluck nahmen beim Ritual der Transsubstantiation, fiel der Schwund durch uns nicht groß auf. Ich brauchte auch nicht soo viel, um fröhlich zu werden, ich war damals 9 Jahre alt. Wenn ich dann bei der Liturgie auch noch das Weihrauchschiffchen schwenken durfte, war der Tag komplett gelaufen. Weihrauch enthält die psychoaktive, antidepressiv wirkende Droge Incesenol .
Heiland, reiss den Himmel auf, war ich damals mitunter antidepressiv drauf. Kein Wunder, dass ich schon in der Volksschule den Ruf eines Klassenkasper weg hatte und folgerichtig mit fast 50 Jahren Verspätung aus mir der Nischen-Mario-Barth geworden ist, was mir die taz mal hinterhergeworfen hat.
In dem „Heiland, reiss ….“ Lied heißt es übrigens:
Wo bleibst du, Trost der ganzen Welt,
Darauf sie all’ ihr’ Hoffnung stellt?
O komm, ach komm vom höchsten Saal,
Komm tröst uns hier im Jammertal.
„O komm, ach komm vom höchsten Saal, Komm tröst uns hier im Jammertal?“ Eine eindringlichere Forderung nach Legalisierung (höchster Saal = Staat) weicher Drogen kann es doch gar nicht geben! Man muss echt die alten Texte wieder neu lesen. Nein, ich kann wirklich nichts negatives über meine Messdiener-Zeit sagen. Also, Leute, kommt zur Osnabrücker Ermutigung, tolle Veranstaltung, tolle Leute, und ich werd’ mir da richtig Mühe geben ….
22.10.2015 – Auch Rampensäue müssen ackern.
Ja, ich bin eine Rampensau, aber das Leben eines politisch engagierten und erwerbsarbeitenden Kulturschaffenden besteht nur zu einem Prozent aus Aktionen, sprich genuiner Kulturarbeit, und zu 99 Prozent aus harter Kärrnerarbeit, sprich Verwaltungsarbeit, PR, Mittel-Acquise, Netzwerken, Mitgliederversammlungen vorbereiten, Fachtage organisieren etc. pp.
Ich will nicht jammern, aber in manchen Köpfen spuckt da noch die Bohèmevorstellung aus dem 19. Jahrhundert rum, die auch schon damals jeder ökonomischen Realität Hohn sprach: Nach dem Aufstehen (heißt: 15 Uhr) ne Flasche Absinth verklappen, bis zum Abend im Cafè mit Künstlerkollegen abhängen und die Weltlage diskutieren, dann eine halbe Stunde ins Atelier, einen Geniestreich auf die Leinwand pinseln, und sich dann die Nacht mit kunstgeneigten Damen um die Ohren schlagen (deutlicher will ich nicht werden, das hier lesen auch Minderjährige).
Die Realität sieht so aus: ich mache hiermit Werbung für einen Fachtag der Landesarmutskonferenz, für die ich arbeite. Machen auch andere mit, mach ich nicht alleine (tolles Team, Dank an alle, falls das überhaupt jemand von denen liest) ist aber einfach Orga-Arbeit. Mühselig, notwendig und hoffentlich zielführend (auch so ein grausliges Unwort).

Anmeldung hier LAK Fachtag Armut Arbeit Würde 17.11.15-Flyer, kommt in Massen, gibt auch kulturelles Rahmenprogramm. Überraschend,beeindruckend, sensationell! Wer nicht kommt, ist nicht dabei gewesen. Umgekehrt gilt das Gleiche!
20.10.2015 – Mal wieder Geld verbrannt am Weltarmutstag.

Der Kunst-Installateur hat es schwör (Foto: Birgit ben Rabah). Mal wieder Fünf Euro Scheine verbrannt, bei der Aktion am Weltarmutstag in der City von Hannover, was besonders dann bitter ist, wenn es echtes Geld ist und die Medien dann darüber doch nicht berichten, weil anderes (zu Recht!) wichtiger ist, siehe hier im Bericht NDR „Hallo Niedersachsen“ ab Minute 07.05. Kurzer, aber guter Bericht.
Solche Aktionen sind für mich das Salz in der Suppe. Mit Flyern, Broschüren, Fachtagen etc. sprich: reiner kognitiver Aufklärung, überzeugt man doch höchstens die eh schon Gläubigen. Aufklärung funktioniert nur, wenn sie an gesellschaftliche Bilderzählungen und öffentliche Kommunikation andockt, z. B. bei performativen Kunstinterventionen wie unsere am Weltarmutstag. Außerdem hat es allen Beteiligten ziemlichen Spaß gemacht, wie man hier sieht. Für alle halbgebildeten Künstler und Viertelintellektuellen, die diese Kunst als Sozialgedöns abqualifizieren, als Bildungsgutschein folgendes: Hinter dem Interventionsansatz steht die Theorie von Sergej Tretjakov des operierenden Schriftstellers (Künstlers grundsätzlich), der sich mit seiner ästhetischen Arbeit in die gesellschaftlichen Produktions- und Lebenszusammenhänge begibt und nicht wie ein Geier über ihnen schwebend sie nur registriert oder ausbeutet. Der Ansatz wurde später von Brecht mit der Radiotheorie und Enzensberger, als er noch alle Erbsen in der Schüssel hatte, mit seinem Medienbaukasten fortgeführt. Natürlich gibt es in unseren Kunstproduktionen auch was für Feinschmecker,

wie hier auf der Hartz IV Tafel das Spiel mit dem Trompe-l’œil Effekt . Die Bild-Frage, was ist echt und was ist nur Behauptung, schult nicht nur das Auge. Der Appell dieses Kunstwerks (SCHUPPEN 68 Kollektivarbeit), den eigenen Augen nicht zu trauen, ist zugleich ein genuin aufklärerischer: Habe Mut, Dich Deines eigenen Verstandes zu bedienen (Kant).
Schön auch die Geschichte des Ehemanns,

der beim Anblick der Mauer zu seiner Frau sagte: „Die sind so links, bei denen gelten sogar Kommunisten als Rechtsradikale.“
Allein wegen solcher Geschichten bin ich zur Rampensau geworden, die sich da am wohlsten fühlt, wo es dreckig ist, wo es brodelt und dampft.
15.10.2015 – „Nach einer mir vorliegenden Mitteilung sind Sie verstorben.“
Ein Jobcenter in Bremen hat einem Philipp W. mitgeteilt, dass seine Leistungen zur Sicherung des Lebensunterhalts vorläufig ganz eingestellt werden. Die Begründung des Jobcenters: „Nach einer mir vor liegenden Mitteilung sind Sie verstorben.“ Zur Nachzahlung sei man bereit, wenn der Tod wieder aufgehoben wird: „Die vorläufig eingestellten Zahlungen werden unverzüglich nachgezahlt, soweit der Bescheid, aus dem sich der Anspruch ergibt, zwei Monate nach der vorläufigen Einstellung der Zahlung nicht mit Wirkung für die Vergangenheit aufgehoben wird.“ Am Ende wird der Verstorbene gebeten, anzukreuzen, „ob der Sachverhalt zutrifft, er sich zu dem Sachverhalt nicht oder schriftlich, gegebenenfalls auf einem gesonderten Blatt, äußern will“.

Ein Drittel Apfel pro Tag mehr. Hartz-IV Erhöhung 2016: 5 Euro, macht 16 Cent am Tag. Das Vermögen von Dirk Rossmann hat sich in den letzten zwei Jahren um 2,7 Millionen Euro erhöht – pro Tag.

Die Mauer muss weg, juhu huhu! Zu singen auf die Melody „You’re the one that I want“. W§enn ich am 17.10, 12 Uhr bei der Aktion am Kröpcke in Hannover zu singen anfange, ist die City ruckzuck leer.
09.10.2015 – Mein alter Kneipenkumpel Dirk Rossmann wünscht mir Erfolg!
Weltarmutstag, Samstag,17.10.2015, 12 Uhr, Hannover, Kröpcke, Aktion der Landesarmutskonferenz, mit Anderen. Die Bilanz der Landesarmutskonferenz LAK Niedersachsen am Weltarmutstag: 10 Jahre Hartz IV im Jubiläumsjahr 2015 haben Arbeitslosigkeit nicht verringert, sondern nur versteckt.

Armut – Menschenwürde unter den Teppich gekehrt. Die Spaltung der Gesellschaft in Arm und Reich ist tiefer geworden. Aus diesem Anlass baut die LAK Niedersachsen am Weltarmutstag, dem 17.10.2015, 12 Uhr, in Hannover am Kröpcke im Rahmen einer künstlerischen Intervention eine Mauer zwischen Arm und Reich auf, die gemeinsam von Allen eingerissen wird. Außerdem wird die geplante Erhöhung der Hartz-IV-Regelsätze ab 2016 um unglaubliche 5 Euro einprägsam ins Bild gesetzt, begleitet von Gedichten und Aktionen. Details hier.
Wer von Armut redet, darf vom Reichtum nicht schweigen. Also luden wir auch die reichsten Niedersachsen ein, sich ihrer ethischen Verantwortung zu stellen. Natürlich auch meinen alten „Maulwurf“ Kneipenkumpel und Milliardär Dirk Rossmann, der im Blog der Kneipe mehrfach erwähnt wird:
Sehr geehrter Herr Rossmann,
am 17.10.2015 (Samstag), dem Weltarmutstag, baut die Landesarmutskonferenz LAK Niedersachsen um 12 Uhr in Hannover am Kröpcke im Rahmen einer künstlerischen Intervention eine Mauer zwischen Arm und Reich auf, die gemeinsam von Allen eingerissen wird.
Die aktuelle Flüchtlingssituation überlagert zur Zeit alle übrigen Armutsaspekte. Politik und Gesellschaft dürfen aber andere Armutsrisiken nicht vernachlässigen. Was ist, wenn Wohnungsraum knapper wird, Arbeitslosigkeit steigt oder Sozialleistungen zur Disposition stehen? Da baut sich sozialer Sprengstoff auf. Die Erhalt des sozialen Friedens in unserer Gesellschaft ist eine Aufgabe, an der sich alle Menschen beteiligen sollten.
Sie als einer der profiliertesten Unternehmer in Niedersachsen stehen in einer besonderen ethischen Verantwortung. Setzen Sie gemeinsam mit anderen durch Ihre Anwesenheit Zeichen für eine nachhaltige Armutsbekämpfung!
Wir würden uns daher freuen, Sie am 17.10 begrüßen zu können.
Wir haben auch Politiker, Verbände, Betroffene und die Medien eingeladen
Alle Beteiligten können sich hinterher im Gespräch austauschen.
Viel Erfolg weiterhin und beste Grüße
Klaus-Dieter Gleitze
für die Landesarmutskonferenz LAK Niedersachsen
Dirk, das alte Schlitzohr, erwischte mich prompt auf dem richtigen, nämlichen internationalistischen Fuß („Solidarität ist die Zärtlichkeit der Völker“, das sitzt immer noch in Dirks altem Drogen, äh, Drogistenschädel). Er ließ seinen Pressesprecher folgendes melden:
Sehr geehrter Herr Gleitze,
danke für die Einladung. Herr Roßmann befasst sich am „Weltarmutstag“ sehr persönlich und konkret mit dem Thema, denn er ist in Äthiopien. Dort besucht er Einrichtungen und Projekte der von ihm gegründeten Stiftung Weltbevölkerung. Viel Erfolg für Ihre Aktion.
Mit freundlichem Gruß
Stephan-Thomas Klose
Pressesprecher
Dirk Rossmann wünscht mir Erfolg. Dass ich das noch erleben durfte!
06.10.2015 – Eigentlich bin ich schwerhörig.
Abschied vom Spätsommer, Straßencafé draußen sitzen ist erst mal nicht mehr. Also steuerte ich spontan nach einem anstrengenden Tag eine Outdoor location im Nachbarviertel an, zwecks Zelebrierung des Abschieds von der diesbezüglichen Saison, und gönnte mir eine Mahlzeit, die jeden Veganer das Grausen lehrt. Im Mittelpunkt ein Schweinefilet im Speckmantel, das Filet à la point rosa gebraten, zart wie das Streicheln einer Pfauenfeder, der Speckmantel exakt an die Kross-Grenze gebraten, wo das knackige Braun ins knirschende Dunkel wechselt, dazu Bratkartoffeln mit einer Rosmarin Kopfnote, ach, was soll das Geschwalle, es war einfach knattergeil, und da Essen der Sex des Alters ist, stöhnte ich am Ende des Mahls, nach einem wundervollen zitronig-milden Tanqueray Gin (natürlich ohne Eis!!) wohlig vor mich hin. 10 Sekunden lang spürte ich dem Genuss in mir nach. Dann merkte ich zu meinem Entsetzen, dass ich die Gespräche an beiden Nachbartischen verstehen konnte. Eigentlich bin ich schwerhörig, was oft anstrengend, aber mitunter auch segensreich ist. Wenn man den Sprachmüll anderer Leute nicht hören muss zum Beispiel. Im akuten Fall kriegte ich sofort auf beiden Kanälen mit, dass es links um Projekte und Fördermittel ging und rechts, horribile dictu, um Beziehungsprobleme. Beides Themen, mit denen ich absolut nicht beim Essensgenuss, und, wenn es geht, überhaupt nicht und nirgendwo konfrontiert werden möchte. Soviel Gin konnte ich gar nicht verklappen, um das Elend zu ertragen und Tanqueray genießt man, damit gibt man sich nicht die Kante. Fluchend suchte ich das Weite und kriegte ein paar Häuser weiter den nächsten Leberhaken.

Internationalismus Buchladen. Früher eine schmucke Ikone der linken Szene, bei denen sogar Razzien durchgeführt wurden, soweit ich erinnere u. a. wegen einer Anleitung für den Hanfanbau und eines Leitfadens zum Blaumachen, in dem Krankheitssymptome geschildert wurden, die kein Arzt verifizieren kann, aber einen bei Schilderung sofort krank schreibt.
Ich hab beide gekauft, aus bibliophilem Interesse. Ich wusste gar nicht mehr, dass der Laden noch existiert. Ist jetzt eher mit Antiquariatsmüll zugestellt. Linke Lektüre hat keine Konjunktur mehr, außer wenn mal wieder was von Negri oder so rauskommt. Ich bin mittlerweile eher für linke Praxis zuständig, Veränderung durch Kunst und so Zeug.
02./03.10.2015 – Sprachsondermüll. Heute: Deutsche Einheit und Wiedervereinigung.
Ich war in jenem Herbst 1990 in Berlin, in der Bildungsstätte der IG Metall Pichelsee, irgendwas zur Geschichte der Arbeiterbewegung. Ich war mehr an den Methoden der Inhaltsvermittlung, Didaktik etc. interessiert, die wirklich gut waren. Davon profitiere ich heute noch. Außerdem wollte ich einfach mal ne Woche weg von der Arbeit und Hannover. Mein damaliger Personalchef, der den Bildungsurlaub genehmigen musste, rief mich zu sich und fragte mich, ob ich noch alle Tassen im Schrank hätte. Ich solle lieber Makramee machen oder Spitzen klöppeln, aber nicht so was. Den Kolleginnen erzählte ich, er hätte mir vorgeschlagen, Makrelen zu knüppeln, er wäre jetzt wohl völlig gaga.
Ich misstraute der Einheit von Anfang an, mit Einheit kann ich eh nix anfangen. Wir sind eine tief gespaltene Gesellschaft, die Kluft zwischen Arm und Reich wird immer größer, es gibt auf der einen Seite tolle engagierte Leute, die Flüchtlingen helfen, auf der anderen Seite jede Menge gewaltausübender Rassisten, es gibt durchgeknallte Islamisten, die sich der Genderproblematik mit eher diskussionswürdigen Ansichten nähern etc. pp .
Angesichts einer wachsenden Zahl von Paralleluniversen in unserer Gesellschaft, wo man sich noch nicht mal drüber einigen könnte, dass man nicht mit einander kommunizieren kann, was laut Watzlawik eigentlich ein Unding ist, vom Tag der Deutschen Einheit zu sprechen, ist eine Satirenummer. Und dafür bin ich zuständig.

Herbst 1990, Berlin, Sonderfall Einheit: Wir arbeiten dran (Keine Ahnung mehr, wo das war)

Herbst 1990, Berlin, Sonderfall Einheit: Skepsis (ich glaube, das war ne Demo von Studierenden der Humboldt-Uni)

Herbst 1990, Hannover, Ausstellung „Kunst im Außenraum“. Das Paradigma der damaligen Ideologie-Ikone Margaret Thatcher „Es gibt keine Gesellschaft, nur Individuen“ ins Bild gesetzt.
Und was den Begriff Wiedervereinigung angeht: Gut, wir haben das Ampelmännchen aus der Ostzone übernommen, aber ansonsten haben wir die östlichen Ostgoten schlicht annektiert.
Ich weigere mich zumindest auf der Ebene der Sprachkritik, den Einheitsbrei auszulöffeln, den andere einbrocken. Mit Begriffen vernebelt man den Blick in die Wirklichkeit.
30.09.2015 – Man fühlt sich wie im Inferno von Herrn Dante
Ein Kumpel schickte mir ein Gedicht über eine September-Italienreise, durchaus inspiriert vom Land, wo die Zitronen blüh’n, und durchaus ernst gemeint. Einem edlen Sängerstreit gehe ich nie aus dem Wege und so mailte ihm Minuten später Impressionen aus dem Stadtteil, in dem ich wohne.
Linden im September
Die Lust ist so betankt von Abgasschwaden,
das killt sogar des Pflaumenbaumes Maden.
Das Ihmezentrum reckt betongeschwängert
die Türme fingergleich ins Firmament verlängert.
Millionen Studis geben Tag und Nacht sich hier die Kante
man fühlt sich wie im Inferno von Herrn Dante.
Auf den Strassen überall liegt Kotze,
ein Betrunk’ner grölt: „Du blöde … Kuh.“
Die Welt, sie gleicht hier einer Hühnerleiter,
sehr oft beschissen, doch mitunter heiter.
Ich glaube, ich bin als Expressdichter fast Weltklasse. Schade nur, ich kann danach noch tagelang an so einem Gedicht sitzen, besser wird’s nicht. Im Gegenteil. Egal, für Gedichte zahlt doch eh keine Sau was.

Was hier so alles in Abgasschwaden blüht. Dipladenia, muss bald rein in den Keller. Die Nächte werden kalt und lang. Brrr.