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07.08.2019 – „Die Agentur für Sommerlöcher“ des SCHUPPEN 68 meldet: Wolf in Hannover vor Ihmezentrum gesichtet!

Presseinformation 07. August 2019, Hannover
„Die Agentur für Sommerlöcher“ des SCHUPPEN 68 meldet: Wolf in Hannover vor Ihmezentrum gesichtet!
„Die Agentur für Sommerlöcher“ des Künstlernetzwerks SCHUPPEN 68 meldet für das Sommerloch 2019 folgende Sichtung: Wolf vor dem Ihmezentrum in Hannover gesichtet! Das Ihmezentrum ist eine der größten innerstädtischen Baustellen Deutschlands und soll voraussichtlich im Herbst 2019 abgerissen werden. Anbei die Fotos der Sichtung als Beweis.
„Die Agentur für Sommerlöcher“ des Künstlernetzwerks SCHUPPEN 68 ist für die meisten Sommerloch-Sichtungen der letzten Jahre verantwortlich, einen Auszug der Medienberichte finden Sie in der Dokumentation: Sommerloch Dokumentation SCHUPPEN 68
Zur Wolf-Sichtung:
Am 06.08.2019 wurde vor dem Ihmezentrum in Hannover-Linden ein Wolf gesichtet.

Der zufällig vorbeikommende Wolf-Dieter Gleitze konnte ein Foto der Wolfssichtung machen. Gleitze unterstreicht, noch sichtlich erregt:
„Das hätte ich nicht geglaubt, wenn ich es nicht mit eigenen Augen gehört hätte. Aber es war ja nur eine Frage der Zeit, bis Wölfe auch ins Ihmezentrum kommen. Mir steht der Schrecken immer noch ins Gesicht geschrieben.“

Der SCHUPPEN-68-Wolfsexperte Hermann Sievers sagt dazu:
„Das ist kein Wunder, denn große, verwaiste Flächen wie das Ihmezentrum sind geradezu ideal für Wölfe. Zudem hat dort erst vor kurzem ein Immobilien-Wolf sein Revier markiert.“
Wolf-Dieter Gleitze & Hermann Sievers (SCHUPPEN 68), die beiden Inhaber von „Die Agentur für Sommerlöcher“, betonen:
„Sommerlöcher erfüllen gerade in Zeiten von Fake-News, Desinformation und Lüge eine wichtige gesellschaftliche Funktion. Schon der große Aufklärer Theodor W. Adorno hat postuliert: Es gibt kein richtiges Sommerloch im falschen. Er steht damit in der Tradition des Diktums von Immanuel Kant „Habe Mut, Dich Deines eigenen Sommerlochs zu bedienen“.
Außerdem wollen wir uns mit dem Sommerloch-Service bei den Medien für die jahrelange wohlwollende Berichterstattung bedanken. Wir laden die Medienvertreter*innen herzlich ein zu einem Hintergrundgespräch. Termin nach Vereinbarung. Es gibt ein kleines Büffet mit Sauren Gurken und gebratener Zeitungsente.“
Information:
Das Künstlernetzwerk SCHUPPEN 68 wurde 1968 gegründet und steht in unterschiedlichen Besetzungen mit seinen zahlreichen öffentlichen Interventionen, Performances und Aktionen in der Tradition der Aufklärung, Beispiele:
1991: Teilnahme an der hiesigen Kommunalwahl als erste Satirepartei Deutschlands überhaupt
2009: Gründung des einzigen Witzeverleihs der Welt, seitdem Dauereinsatz mit mobiler Witzothek mit Leihwitzen, siehe NDR-TV
2013: Langzeit-Kunst-Intervention „Armut? Das ist doch keine Kunst!“ – u. a. mit dem Projekt „Kunst am Kiosk“ an verschiedenen hannöverschen Kiosken
2017: Intervention zur Umbenennung der Sonnenblume „Goldener Neger“
2018: Verkauf von „Nichts®“, dadurch Sanierung des SCHUPPEN-68-Haushalts für 2019, siehe hier
(mehr siehe Künstlerverzeichnis der HAZ )
Wolf-Dieter Gleitze ist unter anderem Autor des Blogs www.schuppen68.de, in dem er aktuelle politische Entwicklungen anhand von Alltags-Phänomenen satirisch und kritisch aufs Korn nimmt. Beruflich ist er als Geschäftsführer der Landesarmutskonferenz LAK Niedersachsen unterwegs.
Hermann Sievers tritt als Quartalskünstler & Gelegenheitsdichter in Erscheinung, u. a. bei der hannöverschen Kunstveranstaltung ZINNOBER. Als vermeintlicher Modernisierungsverweigerer verlässt er selten Tarifzone 3, geht aber dennoch einer geregelten Arbeit nach.

Mit der Bitte um Berichterstattung und besten Grüßen
Wolf-Dieter Gleitze & Hermann Sievers
SCHUPPEN 68
Kontakt: 0160 99 50 41 61

06.08.2019 – Fin de Siècle 2.0


Ich lag am Teufelssee und schaute den Kiefernnadeln über mir beim Wachsen zu.
Es war ein sehr heißer, trockener Tag. Ich wartete an den Ampeln darauf, dass auf den Dauerbesonnten Kreuzungen in Berlin der Asphalt aufplatzte, mit Blasen, wie Milch, wenn sie kocht. Tat er nicht. Wir sind ja hier nicht in einem Öko-Kitschfilm. Wer konnte, floh wie ich in den Schatten, an Badeseen. Manchmal streifte ein Gedanke mein Gemüt, aber er blieb nie haften. Einzig die Entscheidung, wann ich wieder eine Runde schwimmen würde, belästigte mein Gehirn im halbstündigen – oder war es halbjährlich? Wen interessiert Zeit unter solchen Bedingungen – Rhythmus. Ich versuchte, den Tagesspiegel zu lesen, aber die Artikel lösten in mir ein ähnliches Interesse aus wie die Lektüre von 6 Seiten „Müller“ aus dem Telefonbuch. Die Welt ist eine Ansammlung von Katastrophen, die Kunst ist bunt, die Dürre verheerend, ein Bombenanschlag, der Arbeitsmarkt ist noch stabil, die Immobilienpreise steigen, ein Fußballer hat ein Tor geschossen, ein Mann mit einer Gitarre singt blablabla zu einer Tonika und 100.000 Leute in einem Stadion nässen sich ein vor Freude …..
Auf einmal setzt sich ein Widerhaken in Form eines echten Gedankens in meinem Hirn fest und ich rolle mich auf den Bauch, fast begeistert, immerhin ist es auch schon 18 Uhr und die sedierende Sonne verschwindet langsam hinter den Baumwipfeln am Teufelssee, der in einer Senke liegt.
Leben wir vielleicht in einem neuen Fin de Siècle, 2.0, so der Gedanke? Unsere Besserwisserin Vicky P. Dia meint dazu:
„ … bezeichnet eine künstlerische Bewegung in der Zeit von etwa 1890 bis 1914…. Die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg war von einem Bewusstsein geprägt, dass eine Epoche sich endgültig dem Ende zugeneigt hatte….
… Die Zeit war geprägt von einem Schwanken zwischen Aufbruchsstimmung, Zukunftseuphorie, diffuser Zukunftsangst und Regression, Endzeitstimmung, Lebensüberdruss, Weltschmerz, Faszination von Tod und Vergänglichkeit, Leichtlebigkeit, Frivolität und Dekadenz. Eine allgemeine Krise ergriff die maßgebenden Gesellschaftsschichten, weil Grundwerte des sozialen Lebens gefährdet schienen.
…. vollzog sich eine kontinuierliche militärische Aufrüstung …“

Passt.
Jetzt hab ich Denkfutter. Künste sind Seismographen, wenn sie gut sind, spiegeln sie oft zuerst aufkommende Zeitenwenden. Wenn sie schlecht sind, geben sie nur den herrschenden Zeitgeist wieder, der immer der Geist der Herrschenden ist.
Wie sieht es aktuell mit einem Fin de Siècle 2.0 aus? Was ist mit Literatur, bildender Kunst, Popmusik? Spiegeln sie so etwas wie einen Eve of destruction wieder, wo es heisst: “If the button is pushed, there’s no runnin‘ away.” (Was den „Öko-Eve of destruction“ angeht, spiegeln die Künste nur den herrschenden Zeitgeist wieder, langweilig und angepasst rennen sie Türen ein, die eh sperrangelweit offen stehen, Betroffenheitskitsch oft.)
Zeitgenössische Popmusik interessiert mich einen Furz, zeitgenössische Literatur würde mich interessieren, lese ich aber nicht, zeitgenössische Kunst gucke ich mir oft an, aber deren Subsummierung in Styles, Schulen, Kategorien, Genres interessiert mich auch nicht. Dieses geballte Nichtwissen ist ja eine tolle Grundlage für die Verfolgung des Gedankens Fin de Siècle 2.0.
Je mehr und rapider sich die Welt verändert, und ich versuche, mich mit zu ändern, um ein bisschen davon zu verstehen, desto mehr gehen Sicherheiten flöten. Früher hatte ich zu allem eine Meinung. Jetzt gucke ich den Kiefernnadeln beim Wachsen zu.

03.08.2019 -Stirb!


Die! Berlin, Nähe Checkpoint Charlie. Potzdonner, dachte ich im Vorbeiradeln, ein fulminanter, kreativer Weckruf zum Zustand der Welt. Stirb, Globus! Ein Menetekel, die Zeichen aber nicht an der Wand, wie im famosen Heine-Gedicht von König Belsazar, sondern im Wind, den schwankenden Zustand von Mutter Erde im Werk aufnehmend. Großartig, welch Künstlerin steckt dahinter? Frug ich mich, trat in die Eisen und eruierte. Aber ach!

Werbeballon für das Springerblatt „Die Welt“. Herrjemine.
Die Welt ist ein Jammertal, Enttäuschungen, Niederlagen, Demütigungen durch den Lauf der Geschichte allenthalben. Seit dem Ende des IMF Vertrages gestern setzt ein Rüstungswettlauf verstärkt wieder ein, wo die Weltuntergangsuhr eh schon auf zwei Minuten vor 12 steht, so weit fortgeschritten wie nie. Die Älteren haben es noch in Erinnerung, das Wettrüsten im vorigen Jahrtausend, das unter anderem die Neue Friedensbewegung hervorbrachte, mit Protestformen wie einem „Die-In“, wo Menschen in der Stadt auf Kommando wie tot umfielen. Ein Ziel des Westens war bei diesem Waffenwettlauf unter anderem, den Osten totzurüsten, was auch klappte. Das „Reich des Bösen“ konnte die Kosten nicht mehr tragen, der Ostblock implodierte, „wir“ hatten gewonnen. Alles wurde gut, „Das Ende der Geschichte“ trat ein, also der weltweite Sieg der liberalen Demokratie und ein immerwährender Friedenszustand, mit der dazugehörigen „Friedensdividende“, mehr Wohlstand für alle.
Das glaubten Anfang der 90er jedenfalls die, die nach der ersten Klasse die Volksschule verlassen hatten und auch noch an den Klapperstorch glaubten. Denjenigen, die bis zur zweiten Klasse durchhielten, fiel das biblische Gleichnis von den zwei Bäckern ein:
„Denn siehe, spricht der Herr, wo aber zwei Bäcker in einer Straße sind und einer davon zumacht, so wird der andere sofort die Preise erhöhen, denn wahrlich, wahrlich, ich sage Euch, wo keine Systemkonkurrenz herrscht, da gehen die Preise zum Teufel, und es werden nur noch wenige sein, die sich leckere Brötchen leisten können.“
Die Bibel hat doch recht und so kam es auch. Prompt setzten selbst in Europa wieder Kriege ein, unter anderem auf dem Gebiet des ehemaligen Jugoslawien, allenthalben zerfielen die Staaten, Demokratie ist mittlerweile Mangelware, was bedeutet, sie wird ordentlich durch die Mangel gedreht.
Die sozialen Wohltaten, die das Kapital vor dem Untergang des „Reich des Bösen“ notgedrungen an die hiesigen Systeminsassen verteilt hatte, um sie bei Laune zu halten, sammelte es ruckzuck wieder ein, die andere Bäckerei hatte ja zugemacht. Während die Vermögen der Superreichen unvorstellbare Dimensionen annahmen, nimmt auf der anderen Seite der Hunger weltweit zu, massive Armutsmigration wird immer mehr. Das Vermögen der 500 reichsten Deutschen übertrifft den gesamten Staatshaushalt der BRD um ein Mehrfaches, während die Armut hier seit den Neunzigern um 50 Prozent zugenommen hat.
Das sind in sehr kurzen Worten die gesellschaftlichen Folgen des – vom „Reich des Guten“ gewonnenen – Wettrüstens im vorigen Jahrtausend. Da frage ich mich als jemand, der sogar bis in die dritte Klasse gekommen ist: Wie werden wohl diejenigen Folgen nach dem Ende des jetzigen Wettrüstens aussehen? Geschichte wiederholt sich angeblich nicht, es sei denn als Farce oder Tragödie. Wenn das, was in den 90ern ff. die Farce war, wie sieht dann die Tragödie aus?
Eine Veranstaltung, bei der ich lieber nicht dabei sein möchte. Charmantes Wochenende, liebe Leserinnen.

31.07.2019 – Was für eine Glücksquote haben Sie beim genetischen Lotto?


Ausstellung „Garten der irdischen Freuden“, Gropius-Bau, Kreuzberg.
Diese Installation hat was von Alice in Wonderland. Im Kontrast dazu im Raum vorher ein Gemälde „Der Garten der Lüste“ in der Nachfolge von Hieronymus Bosch, um 1550.
Es geht in der Ausstellung um den Garten als Metapher für den Zustand der Welt. Was für eine Kunstausstellung logisch ist, weil wir uns sonst in einem Gartencenter befänden, wo es um den Garten als Zustand unseres trauten Heimes ginge. Eine der optisch opulentesten Ausstellungen seit langem, hoher Spaßfaktor, mein gedankenschwerer Kopf wurde freigeblasen, aber auch mit Erkenntnis und Selbstreflexion wieder gefüllt.
Museum als Ausgang aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit, ästhetische Erziehung par excellence.

Eine Installation aus Südafrika bestand aus abgebrochenen Flaschen, Scherben. Die – schwarze – Mehrheit in Südafrika kann sich keine Gärten leisten. Sie kennt Gärten nur in Form von Glasscherben, die auf den hohen Mauern von Gartenbesitzern, der weißen Minderheit, einbetoniert sind, um Eindringlinge fernzuhalten. Klasse & Rasse, neben Geschlecht die globalen Trennlinien überhaupt, das sind die Grundlagen für Macht und Unterdrückung.
Mir fiel mein eigener Garten ein, ein kleines Paradies inmitten eines angesagten Kiezes, eine Art Sechser im Lotto, an den ich mehr oder weniger durch einen Zufall gekommen bin. Glück eben.
Ich fing an, die Glücksquote meines Lebens auszurechnen, all die Dinge, zu denen ich ohne jegliches Zutun, eigene Leistung und Verantwortung gekommen bin: Meine Trefferquote im genetischen Lotto.
Also: ich wurde in eine Region hineingeboren, die ohne Kriege, brutale Verfolgung, offene Unterdrückung ist, der Terror hält sich in Grenzen, hier gibt es keine Seuchen, außer Blödheit, keine Naturkatastrophen, keine wilden Tiere (sieht man mal vom Wolf ab, der aber nicht mehr als 20 – 30 kleine Kinder pro Tag verzehrt), der Staat funktioniert, die Klassengegensätze sind formalisiert und verdeckt. Das grenzt das Ganze schon erheblich ein auf Nord- und Mitteleuropa, Japan, Kanada (USA in Teilen schon nicht mehr) und bisschen Neuseeland, Australien und so Kleinzeug, wo wir mal die Ureinwohnerinnen außen vorlassen. Weiter: Ich bin männlich, weiß, nicht geflüchtet, nicht behindert, Mittelschichtskind mit ordentlicher Bildung. Ich hab bestimmt noch ein paar Parameter vergessen, die mich im genetischen Lotto bevorteilten, aber es reicht auch so schon, um zu sagen: Ich bin ein Glückskind, mit einer Glücksquote von ca. 1:100. Das fiel mir eben gerade wieder ein, als ich auf der Veranda vor mich hin muffelte:

Warum scheint eigentlich die Sonne jetzt nicht?
Und was für eine Glücksquote haben Sie beim genetischen Lotto, liebe Leserinnen?
Viel Spaß beim Nachrechnen.

28.07.2019 – Ich bin nur von Idiot*innen umgeben


Auf der CSD gestern in Berlin.
1 Mio. Teilnehmer*innen. Expliziter Anspruch der Veranstalter*innen: wir sind nicht politisch, wir sind Konsum. Bei 100en LKW keinerlei Öko-Auflagen, nur ellenlange Vorschriften, wie mit Sponsoren Logos umzugehen ist. Ausser dem CSD fallen mir spontan nur zwei Daten ein, die par excellence für politische und gesellschaftliche Unterdrückung von Minderheiten stehen: Reichskristallnacht 9.11 und der 8. März. Und an so einem Datum unpolitisch? Und Arm in Arm mit Amazon? Die die Daten der Schwulen und Lesben ihres Konzerns mit einem Mausklick an eine Regierung weiterleiten würden, die sie vor die Wahl stellte: entweder die Daten oder keine Geschäfte mehr in Deutschland. Krupp hat seine Waffen auch jederzeit an alle verhökert. Warum sollte das mit Daten anders laufen? Bei dem Anblick der CSD Parade fragte ich mich: wie blöd kann man//frau/…etc. eigentlich werden? Nichts gegen Party, ich war am gleichen Abend noch auf einem fantastischen Reggae Konzert, aber sollte nicht bei ein paar Leuten wenigstens ab und zu ein bisschen Verstand und Ethik einsetzen?
Es ging noch schlimmer. Ich flüchtete sofort zu meinen radikalen CSD Polit-Genoss*innen nach Kreuzberg. Voll politisch, militant und radikal gegen Staat und Kapital! Ca. 300. Das spiegelt die Massverhältnisse unserer Gesellschaft gut wider. Ich fiel vom Regen in die Jauche

Lauter geisteskranke Antisemit*innen, von der BDS Initiative: Boycott Israel.
Ich wollte ihnen noch anheim stellen, mal eine CSD Demo in Palästina zu organisieren, was ihr Todesurteil wäre. Aber an so einem Pack mache ich mir verbal die Finger nicht schmutzig. Mir blieb nur die Party-Flucht, Wut wegtanzen. Fazit: 1 Millionen Idiot*innen, 300 Arschlöcher und 1 Gerechter. Zwar nur ein Selbstgerechter, aber immerhin. Fazit 2: wer mit dem Schwanz resp. der sexuellen Identität denkt, ist vielleicht nach allen Seiten offen, aber selten ganz dicht.

27.07.2019 – Vegetieren von A nach B


Der Narziss, Caravaggio, Potsdam Barberini Museum. In der dortigen Ausstellung mit Meisterwerken des Barock wird klar, warum Caravaggio ein Ausnahmemaler war. Keins der anderen Bilder hat eine derart fast beklemmende Sogwirkung, allein auf Grund der Komposition. Caravaggio verzichtet völlig auf schmückende, Symbolbehaftete Zierrat. Nur Narziss, ganz nah, sofort und ausschliesslich im Thema. Aber die gesamte Ausstellung lohnt. Ein Bild: „Der Künstler bei der Arbeit“. Eine tolle Selbstreflexion der eigenen Arbeit und des eigenen Mediums,revolutionär zur damaligen Zeit, und auf der Darstellungsebene eine spannende Abwechslung zum Dauerklerikalen Gedöns der Renaissance.
Museen sind unverzichtbar, Orte der Bildung, der ästhetischen Erziehung und der Kontemplation. Nicht zu vergessen: der Kühlung. Was für eine Labsal bei diesen äquatorialen Temperaturen. Es war interessant zu registrieren, wie beim Flanieren mit jedem Grad mehr sich die Schrittfrequenz meiner Begleitung und mir reduzierte, die Wörter fielen immer seltener aus unseren Mündern und versiegten bald völlig. Alles reduziert, wir vegetierten quasi von A nach B. Aber garnicht einmal unfroh. Es war ein amöbenhaftes auf sich selbst Geworfensein. Eine faszinierende Grenzerfahrung.
Das kann ja noch heiter werden, mit dem Klima. Gut, dass es Museen gibt.

26.07.2019 – Hitzewahnsinn


Dünenlandschaft in Portugal oder Ausläufer der Sahara? Berlin Grunewald, gestern.
Ich weiss nicht, ob Berlin in 30 Jahren flächendeckend so aussieht. Ich denke allerdings, dass wir Klimaproduzierte neue Krankheitsbilder bekommen werden. Wie zum Beispiel den Hitzewahnsinn, analog zum Rinderwahnsinn. Erste Anzeichen machen sich schon bei Steffen Kampeter bemerkbar, Chef der Arbeitgeber Verbände, der auf das Ansinnen der Grünen für Hitzefrei bei Arbeit im Freien unter derzeitigen Bedingungen folgendes in die Mikrofone erbrach:
„Immer neue staatliche Einheitsfantasien und Regulierungsregelungen für unsere Unternehmen sind nicht der richtige Weg.“ Derart sinnfrei kann nur faseln, wer nahe am Delirium ist. What the fuck hat die Einheit mit Hitzefrei zu tun, was hat die Phantasie hier verloren und was um Dudens Willen sind Regulierungsregelungen? Regulierungen? Oder gar Regelungen?
Herr Kampeter ist der lebende Beweis für die Notwendigkeit von Hitzefrei auch für Bürohengste,ein leider schnöde in Vergessenheit geratenes Wort, wobei es sich in einigen Fällen eher um Wallache handeln dürfte.
Kann diese Scheissrepublik nicht ab und zu einfach mal durchatmen und flächendeckend Siesta machen, mal viere gerade sein lassen?
Und in dem Moment, wo ich das schreibe, merke ich, dass ich wirres von mir gebe. Schwachsinn. Himmel hilf, ich habe Hitzewahnsinn!

25.07.2019 – Geschichten, die die Hitze erzählt


Turm am Frankfurter Tor, Berlin, mit Laternenpfahl und Werbeschild „Eislatte“.
In der Hitze des Tages zerfliesst der Körper und mit ihm die Wahrnehmung, sie mäandert an ihren Rändern in unkontrolliertes Terrain. Bilder fluten ins Hirn, im obigen Fall dachte ich, vermutlich konditioniert durch den feministischen Blick: „Phalli, überall Phalli.“ Denkt man überhaupt so oder ist das jetzt eher der Transfer „Denken-Schreiben „? Dann nahm ich wahr: Eislatte.
Bei Tarifforderungen von Gewerkschaften schreibt die Journaille gewöhnlich: die Messlatte liegt hoch. Eine Gewerkschaftspostille schrieb vor Jahren zu meinem Ergötzen: Die Messlatte steht!
Ob dem Autor dabei noch seine Morgenlatte im Gehirn oder sonstwo herumspukte,wissen wir nicht. Die Begegnung mit der Eislatte gestern in Berlin bei gefühlten 45 Grad jedenfalls hatte was.
Heute soll es noch heisser werden. Ich bin gespannt auf die heutigen Bilder des Tages und halte Sie, liebe Leserinnen, auf dem Laufenden.

21.07.2019 – Es wird gelesen, was auf den Tisch kommt


EXPO – wir lieben Dich brennend.
Ich lese gerade das Buch „Berlin – Stadt der Revolte“ von Michael Sontheimer und Peter Wensierski, erschienen 2018 im Ch. Links Verlag. Das Buch ist für mich eine doppelt ärgerliche Lektüre, erstens inhaltlich und zweitens ärgere ich mich über mich selbst, dass ich den Schinken überhaupt zu Ende lese. Das Buch listet Anekdoten auf von Orten, die Schauplätze oder Kulisse unterschiedlicher Aufstände waren, in einem peinlich-schülerhaften Authentizitätston, als ob die Autoren immer und überall dabei gewesen wären, eine Analyse findet nicht statt. Mit Kitschüberschriften wie „Ein Schuss in viele Köpfe“ (Zum Tod Benno Ohnesorgs). Es muss sich um einen Sockenschuss an den Kopf der Autoren gehandelt haben.
Es wäre ja mal interessant gewesen, näher als in zwei Halbsätzen zu erfahren, warum sich an manchen Orten, Kreuzberg im Westen oder Prenzlauer Berg im Osten, solche Orte ballen. Ganz zu schweigen von Differenzierungen zwischen legaler und legitimer Opposition, was das Spannungsfeld der Bürgerbewegung im Ostteil der Stadt kennzeichnete, und den gewaltbereiten, autonomen Aufständen rund um die Hausbesetzerszenen im Westen, siehe „Kreuzberg brennt“. Wer mehr Kritisches erfahren will, hier.
Natürlich sind auch schöne, mir unbekannte Geschichten darin, wie die über den „Schwarzen Kanal“, einen Ost-West-Piratensender in Prenzlberg, also DDR, in dem westdeutsche Autonome und ostdeutsche Bürgerbewegte unter hohem Risiko Oppositionelles zur Atomkraft-Situation nach Tschernobyl sendeten, Bürgerradio vom feinsten. Und bei vielen Orte nickte ich kennerhaft: „Kenn ick, wa, bin ick jestern vorbei jeradelt, wohn ick umme Ecke, wa.“
Aber was bleibt, ist der Ärger über vertane Zeit, Geld und die wiederholte Verwunderung, wie tief und nachhaltig meine Erziehung wirkt. Einer der 467 Erziehungs-Leitsätze, gegen die das Abtreibungsverbot der katholischen Kirche eine lockere Diskussions-Tischvorlage ist, lautete: „Es wird gegessen, was auf den Tisch kommt und der Teller wird leergemacht, eher stehst Du nicht auf, und solange Du die Füße unter meinen Tisch steckst …“
Dieses unausrottbare Genügsamkeitsdiktum hat zur Folge, dass ich an Lebensmitteln pro Jahr maximal ein Kilo wegschmeiße, und das ist noch hochgeschätzt. In der BRD sind im Durchschnitt pro Person 82 kg, zwei Einkaufswagen voll bis obenhin im Wert von 284 Euro. So weit so positiv.
Negativ wird dieses Reste-Verwertungs-Programmierung aber in anderen Lebensbereichen: Ich lese Scheißbücher zu Ende, was mir Zeit stiehlt, gucke mir dämliche Theateraufführungen bis zum Schluss an und habe echte Probleme, mich aus öden, dämlichen Gesprächen und Diskussionen zurückzuziehen. Nach Jahrzehnten stiller Duldung habe ich es jetzt endlich fertiggebracht, nervende Gäste loszuwerden mit der Ansage: „Oh, die böse, böse Uhr, vertreibt die lieben Gäste! Böse Uhr!“
Schön wäre es ja auch gewesen, in diesem Buch, was leider zu dick ist, um unter das wackelnde Gartentischbein gepackt zu werden, was zu erfahren über Veränderungen: was passiert warum mit Orten und Protagonisten im Laufe der Jahre, warum ist es so, dass Berlin „nicht mehr junge Anarchisten und Künstler an(zieht), sondern die karrieristischen Töchter und Söhne der Wohlhabenden aus München und Stuttgart“. Und was bedeutet das für zukünftige Formen von Revolte. Also ich wäre gerne Pate eines zukünftig besetzten Hauses, ich war ja selber mal jung & rebellisch. Ich besitze heute noch das oben abgebildete Feuerzeug aus der militanten Anti-Expo 2000 Bewegung in Hannover!
Ich mutierte dann aber innerhalb von zwei EXPO Besuchen vom Saulus zum glühenden EXPO Paulus.
Aber das ist eine ganz andere Geschichte. Ich muss jetzt das Buch zu Ende lesen…

20.07.2019 – Der neue Blick


Drohnen-Blick auf das Hausprojekt eines Freundes, irgendwo in den Weiten der norddeutschen Tiefebene.
Wir sind in der Wahrnehmung unserer Bebauung nur zweidimensional. Wie das, was uns prägt, die Stadt, das Dorf, unseren Alltag maßgeblich strukturiert und beeinflusst, von oben aussieht, entzieht sich weitgehend unserem Blick. Wie bedauerlich dieser Mangel ist, sieht man an der Faszination, die Luftbilder auf uns ausüben, auf mich jedenfalls. Das einzige Foto, das bei mir in der Küche hängt, ist eine Luftaufnahme unseres Grundstücks, mit Haus und Garten. Die komplette Schönheit von Gartenanlagen wie dem Großen Garten in Hannover, einem einzigartigen Barockensemble, entfaltet sich nur in der Draufsicht. Dieser Mangel an Wahrnehmung ist mit ein Grund für einen uralten Menschheitstraum: Das Fliegen. Als wir dann fliegen konnten, sahen wir allerdings: Nichts. Bis auf Start- und Landebahn. Abgesehen davon, dass die Realisierung dieser Utopie uns aus ökologischen Gründen jeden Tag dem Abgrund einen Schritt näherbringt, was wir Fort-Schritt nennen.
Insofern ist die massenhafte Verfügbarkeit von Drohnen ein Schritt der Emanzipation, er befreit uns mittels günstiger technischer Hilfsmittel gefahrlos von der bleiernen Schwere der zwei Dimensionen und lässt uns Adlern gleich die Lüfte erobern. Na ja, fast. Ich persönlich bin zu blöd für die Technik, die dahintersteht. Der erste Drohnenflug wäre mein letzter und vermutlich würde ich als Kollateralschaden noch das Flugzeug der Bundeskanzlerin vom Himmel holen, was im Falle von Angela ein Verlust wäre, menschlich gesehen. So bin ich froh, technikaffine Freunde zu haben, die Einem neue Perspektiven ermöglichen. Und das ist tatsächlich das Fortschrittliche an Drohnen: sie ermöglichen eine neue Sehweise, Veränderung der Perspektive. Früher hat mich das Haus-Projekt, siehe oben, ein wenig gegruselt. Als Mann jenseits aller handwerklichen Fähigkeiten erschien es mir unfassbar, wie man sich auf ein derartiges Projekt einlassen kann, wo außer dem Fachwerk alles erneuert werden muss. Natürlich, Pioniergeist, Go west, young man! Aber wie heißt es auch für Siedlergenerationen: Der Erste den Tod, der Zweite die Not, der Dritte das Brot. Und ich muss nicht überall der Erste sein. Pioniergeist ist mir irgendwie wesensfremd.
Aber diese Aufnahme hat meine Sichtweise verändert. Sie bildet nicht mehr die bedrückende zweidimensionale Enge und Schwere einer Baustelle ohne Ende ab, sondern wirft einen freien Blick auf das Ganze, die Welt, wie sie wirklich da unten ist, in ihrer ganzen Schönheit.
Natürlich sind Drohnen wie viele Fort-Schritte, ambivalent. Sie können als Killermaschinen genutzt werden und haben die Vision vom Big Brother in neue Dimensionen gebracht. Aber vielleicht sind sie auch ein Beitrag zur Lösung des CO2 Problems, indem sie perspektivisch den Warentransport auf der entscheidenden letzten Meile vom Auto befreien.
Und manchmal bin ich ja doch zumindest ansatzweise auf der Höhe des technischen Fortschritts und sooo dankbar dafür. Wenn ich mir vorstelle, ich mit meinem gruseligen Orientierungssinn müsste mich in Berlin statt mit Google Maps mit einem Falkplan (für die Jüngeren: ein Faltpapier-Stadtplan, der bei jedem Windhauch ein groteskes Eigenleben ent-faltet) orientieren, entspringt ein Lachanfall meiner Kehle. Eine Nummer für einen Witzfilm. Man sieht sie mitunter noch in Berlin, Menschen mit Papierplänen, das hat etwas melancholisch-rührendes an sich, wo Jüngere vielleicht denken, es sei eine religiöse Kulthandlung. Dann möchte ich zu ihnen gehen, sie umarmen und sagen: Alles wird gut.
Aber das wäre gelogen.
Ich freue mich jedenfalls wie ein Schneekönig darauf, wenn besagter Pionierfreund demnächst mit seiner Drohne Fotos von meinem Garten von oben macht, und ich mitten drin, winkend, an meinem Teich.