
Ich liebe meine Heimatstadt. – Was natürlich Mist ist. Gustav Heinemann, einer der wenigen zurechnungsfähigen Sozialdemokraten, hat zum Thema Vaterlandsliebe und was es da sonst noch für pathologische Liebessumpfblumen in der Sphäre des Politischen gibt, mal gesagt: Ich liebe meine Frau. Und dabei sollte es jede*r belassen. Akzeptieren könnte ich gerade noch: Ich liebe meine Fahne. Und auch das nur, wenn es sich um extrem hochwertigen Alkohol handelt.
Aber bei der morgendlichen Newslektüre brandete doch in mir ein ganz warmes, frohes, fast zärtliches, regelrecht vorweihnachtliches Gefühl für meine Heimatstadt Hannover auf. Die Weihnachtsfeier der Zentralen Polizeidirektion ist wohl komplett aus dem Ruder gelaufen, eine Feiernde erlitt eine Platzwunde, nachdem sie eine Bierflasche an den Kopf bekommen hatte, Gäste pissten irgendwohin, fielen danach einfach um und wollten prügelnd aufeinander los, die Kasse mit mehreren Hundert Euro wurde geklaut, kurz, würde das Ganze verfilmt, glaubte es kein Mensch.
Abgesehen von meiner Empfehlung, das nächste Mal statt Alkohol auszu- einfach Marihuana zu verschenken, da müsste genug in der Asservatenkammer für 10 Feiern liegen, würde ich nach solchen Vorfällen glatt anfangen, die „Bullerei“ (so nannten wir früher die Angehörigen des Repressionsapparates) sympathisch zu finden, wenn das nicht so ein Haufen von Nazizecken wäre. Fazit: es bleibt dabei, ich schätze meine Heimatstadt als einen Ort relativ liberalen Geistes und ziemlich breiten Kulturangebotes, für meine Zweitheimat Berlin habe ich ein warmes Gefühl in meinem Herzen reserviert und für die Liebe ist dieser Blog hier kein Ort.
Mein Garten schrammt knapp die Liebesgrenze, er beschenkt mich ungeahnt zu Weihnachten mit frischen Blumen, siehe oben. Wie wird dann erst das Frühlingserwachen aussehen!
Eine dicken Tropfen Essig muss ich allerdings schon in diesen Weihnachtwein gießen und hier wird es wieder völlig ernst, unfeierlich und zornig. Als ich unlängst fürbass durch die Stadt flanierte und mich an 250.000 Vollidiotinnen im Kaufrausch erfreute, gemäß des Pharisäermottos: „Herr, ich danke Dir, dass ich nicht so bin wie jene“ , kam ich am Holocaustdenkmal vorbei. Ich machte wie immer ein Foto davon (der Turm gehört übrigens zur Deutschen Bank. Honi soit qui mal y pense.)

Letzten Montag waren dort Kränze niedergelegt worden im Gedenken an die Deportation der Juden aus Hannover nach Riga, von wo aus es später in die Vernichtungslager ging. Am Dienstag wurden die Kränze von einem Nazi geschändet. Der vor Ort anwesende überaus lobenswerte Sprecher der Grüne-Jugend Niedersachsen (von wegen, die Jugend taucht nix!) intervenierte. Andere Jugendliche solidarisierten sich.
Mit dem Nazi.
Was für eine Scheiß-Stadt.
Ich aber bin froh, dass das öffentliche Tragen von Waffen hierzulande verboten ist und ich nicht mit einer Solchen vor Ort war.… Sonst würde ich Weihnachten vielleicht gesiebte Luft atmen. Ich wünsche ihnen, liebe Leserinnen, friedliche Feiertage.
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19.12.2018 – Positiv denken!

Hoch die internationale Solidarität! Wermut aus einer mallorquinischen Cooperativa, Wein aus Israel und Rum aus Cuba. Mein weihnachtlicher Gabentisch, die drei schönsten Geschenke, die ich mir selber machen werde. Ich freu mich jetzt schon auf die Überraschung. Die nächsten Lektionen in Sachen „Genuss – aber mit links“ sind: „Bombenstimmung beim Saufen für den Frieden“ und „Unverpackt aus der Region: Ökologisches Kiffen“.
Sie sehen, liebe Leserinnen, ich bin Teil der Lösung unserer gesellschaftlichen Probleme, kritisch, aber konstruktiv, praktisch, aber durchdacht, solidarisch, aber genussorientiert, kurz: Ein Vorbild an positivem Denken!
Wenn es eine Floskel gibt, die unsere Gesellschaft beschreibt und bei der ich sofort Hirn-Diarrhö kriege, dann ist es: Positiv denken. (Gefolgt von carpe diem). Positiv denken hat bei Google 27.300.000 Fundstellen und das ist nur der Gipfel eines Scheißberges, der für kollektive Verdrängung, massenhafte Denkfaulheit und allumfassende Kapitulation vor dem Angriff des Kapitals auf die Autonomie der Subjekte steht. Offensichtlich sind die Insassen unseres Staates von den Zumutungen des gesellschaftlichen Wandels so überfordert, dass sie neben Drogen, Psychopharmaka, Alkohol, Esoterik etc. pp. auch für jeden Schritt ihres Lebensweges einen Ratgeber brauchen, eine Lebenshilfe, eine Anleitung. Und damit sie bloß nicht auf dumme, nämliche kritische, anarchistische, zersetzende, zerstörerische Gedanken kommen, was die gegebenen Verhältnisse vielleicht mal zum Tanzen bringen würde, hämmert man ihnen 27.300.000fach in den Hohlraum ihres Hirnes den Gedanken:
Positiv denken!
Du steckst bis über die Ohren in Scheiße? Positiv denken.
Heißt übersetzt: Du bist selbst schuld. Es liegt nur an Dir, an Deinem Denken, Du bist Deines Glückes Gedankenschmied. Selbstverständlich ist da das Scheitern vorprogrammiert, denn selbst Klippschüler wissen aus dem Grundkurs Materialismus: Das Schwein bestimmt das Bewusstsein.
Es sind also die herrschenden Verhältnisse, in denen die Pigs das Sagen haben, die den Menschen so zurichten, dass er noch begeistert mit seinen Ketten in dem Rhythmus klappert, den ihm die Verblödungsindustrie vorgibt. Das Scheitern des positiven Denkens ist vorprogrammiert, der nächste Ratgeber fällig: Sei achtsam mit Dir selbst!
Jenseits der individuellen Kapitulation, die dem Diktum des „Positiv denken“ eingeschrieben ist, stellt sich mir die Frage, wann der Zeitpunkt kommt, an dem ein grundsätzliches, kritisches, negatives Denken mehr werden sollte, also weg von der Utopie, die zur Zeit noch von vielen linken, kritischen Geistern gefordert wird, hin zur Dystopie.
Wir Linke mühen uns – zumindest gedanklich – unter anderem um die Einhaltung der Klimaziele, Pariser Abkommen, Zwei Grad Erwärmung einhalten, welche praktischen Maßnahmen erfordert das und wie muss sich individuelles und kollektives Denken und Handeln darauf einstellen. Was, wenn dieses Denken aber angesichts der sich abzeichnenden Katastrophe in Überforderung, Frustration, Resignation mündet? Wäre es nicht auch aus philosophischer Sicht irgendwann sinnvoller, die Katastrophe zu antizipieren? Die Küstenregionen werden überflutet, Hunderte Millionen Klimaflüchtlinge, hierzulande jeden Sommer tausende Tote bei dauerhaft über 40 Grad, Versteppung von Mecklenburg-Vorpommern (um mal was Positives anzuführen), usw. usf …
Welche praktischen und ethischen Fragen ergeben sich daraus?
Ich wünsche Ihnen, liebe Leserinnen, fröhliche Weihnachtseinkäufe, auf das der SUV voll werde.
16.12.2018 – Von ungeraden Biographien und bürgerlicher Erwerbsarbeit

Berlin, vor meiner Tür. Nicht ganz normal, aber liebenswert. Ich habe nicht nur nichts gegen ungerade Biographien oder eine gesunde Abneigung gegen bürgerliche Erwerbsarbeit, sondern viele Sympathien dafür, wenn Menschen abseits des normalen Weges leben. Wäre es anders, wäre ich ein Pharisäer.
Wenn ich für irgendwelche Zusammenhänge eine Art Lebenslauf erstellen sollte, habe ich mich immer gewundert, warum es in meiner Umgebung dabei immer so knarzt und ächzt. Das waren die Balken, die sich beim Lügen gebogen haben.
Also haben Künstler, Schriftsteller und Berufspolitiker (und andere, die mir jetzt nicht einfallen) vorab bei mir alle Sympathien in ihrem Vermeidungsimpuls, was bürgerliche Erwerbsarbeit angeht. Entscheidend ist, was sie daraus für Konsequenzen für ihr gesellschaftliches Handeln ziehen. Insofern habe ich die asozialen Verhaltensweisen eines Jens Spahn nicht goutiert.
Laut Wikipedia hat Spahn von 2003 bis 2017 studiert, ist seit 2002 im Bundestag, war von 2006 bis 2010 an einer Lobbyagentur für Pharmaklienten namens „Politas“ beteiligt, während er gleichzeitig Mitglied im Gesundheitsausschuss des Deutschen Bundestages war, saß im Verwaltungsrat der Sparkasse Westmünsterland und ist seit August 2017 neben seiner Tätigkeit als Bundesgesundheitsminister privat an der Pareton GmbH beteiligt, die eine Software für die Abgabe von Steuererklärungen entwickelt, nachdem er vor seiner Zeit als Gesundheitsminister Staatssekretär im Finanzministerium war. Der Mann ist also nie auch nur in die Nähe von bürgerlicher Erwerbsarbeit gekommen und nutzt seine Ämter zur Mehrung seines persönlichen Profites. Er ist ergo bis auf die Knochen korrumpiert, erdreistet sich aber zu asozialen Aussagen über Arme und Ausgegrenzte. Um ihm wenigstens ein bisschen ans Bein zu pissen, hatte ich ihn vor Monaten zu einem Armutspraktikum eingeladen und nochmal nachgefasst. Ein freundlicher Herr aus seinem Büro rief mich neulich an und gab mir durch die Blume und nicht zitierfähig zu verstehen, ich könnte ihn einladen, zu was ich wollte, Spahn würde bis zum St. Nimmerleinstag nicht kommen (offiziell: aus Termingründen). Logisch, schließlich wollte ich ihn ja desavouieren, und den Braten hat seine Gang natürlich gerochen. Der überaus lobenswerte NDR ist in der Causa am Ball geblieben und hat gerade darüber berichtet. Wer Augen hat zu lesen, macht sich seinen Reim.
So weit so nett. Andererseits: was juckt es den Spahn auf seinem Weg nach oben? Die einzige Hoffnung die ich habe, dass der Mann so viele kriminelle Leichen im Keller hat, dass ihm irgendwann eine davon das Genick bricht. Leute wie Spahn nehme ich irgendwie persönlich, ich merke das an dem temporären Würgen, wenn ich deren Visagen sehe.
Das Blöde ist nur, dass Viele sowas als Aufhänger für allgemeines Politiker- und Politikbashing nehmen. Und das spielt natürlich wunderbar den Neofaschisten in die Karten.
Allen einen zauberhaften 3. Advent.
15.12.2018 – Wo die Welt noch in Ordnung ist

Frühstücksfleisch. Gesehen unlängst in Duderstadt im Eichsfeld. Ich stamme aus dem Eichsfeld, einer konservativ-katholischen Region im Süden Niedersachsens. Manchmal verschlägt es mich noch dort hin und ich freue mich über jeden Abstecher. Back to the roots.
Erinnerungen werden wach, wie ich als kleiner Pöks eine Wallfahrt zum Höher Berg verließ und alleine über die Felder nach Hause strolchte. Schon damals zeichnete sich ab, dass hier ein Rebell, ein Revoluzzer, ja, ein Querdenker gar, heranwächst. (Querdenker gehört für mich zu den 10 meist gehassten Peinlichkeitsfloskeln der Bürgerpresse. Wenn ich jemandem ganz übel will, tituliere ich ihn coram publico als Querdenker). Wie ich den Weg über die Felder gefunden habe, ist mir ein Rätsel. Ohne Google Maps finde ich noch nicht mal den Weg zu meiner Mülltonne.
Im Eichsfeld aber ist die Welt noch in Ordnung. Wo sonst in einer vom sozialistischen Genderwahn, linksgrünversiffter political correctness und veganschwulverseuchter Gesundheitshysterie gebeutelten Republik findet man noch tonnenweise in den Schaufenstern „Frühstücksfleisch“? Das Wort muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. Und in der Mittagspause gibt es Feuerwehrmarmelade.
Ich plane, im Sommer eine Radtour durchs Eichsfeld und freue mich jetzt schon drauf. Der Unterschied zu meiner Homebase in Berlin-Kreuzberg wird beträchtlich sein. Im Eichsfeld hat man früher Hanf an den Feldrändern angebaut, gegen Unkraut, Hanf überwuchert alles. Ich habe immer den Verdacht gehegt, dass meine Altvorderen notorische Kiffer waren, aber damit ist es wie mit den alten Hexenbräuchen und Schäfer-Ast-Heilmethoden, es gibt keine schriftlichen Überlieferungen.
Es gibt nur Andeutungen im Volksgut. Und ich habe jetzt ein schwerwiegendes Indiz gefunden. Mein Vorfahre, der legendäre Oberkreisdirektor Matthias Gleitze, hat dem altehrwürdigen Eichsfeld-Lied in den Fünfzigern eine Strophe dazu gedichtet. Sie ist aus poetologischer Sicht ein so übles Machwerk, dass sich der Verdacht auf Drogenmissbrauch während des Dichtaktes aufdrängt. Aber bei der Zeile „Du findest würz’gen Tabaksduft“ klingeln doch sämtliche Bong-Alarmglocken:
Die Gold’ne Mark um Duderstadt
Mit See und Rhumequelle
Vergiss nicht, wenn dich lenkt dein Pfad
Ins Eichsfeld mein Geselle.
Mit gold’nen Ähren spielt die Luft.
Du findest würz’gen Tabaksduft.
Und unter Eichen wachsen
Dort stolze Niedersachsen.
Ich füge ein gelungeneres Ende an:
Und unter Eichen da liegt breit
Der bekiffte Eichsfelder mit seiner Maid.
Ein weiteres Indiz auf schwerstbekiffte Eingeborene mit sehr breitem Schädel liefert diese Straßenkunst in Duderstadt, wo frau schon vom Hingucken stoned werden kann:

Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Dieser Eintrag ist eine Liebeserklärung an meine Highmat.
Ihnen, liebe Leserinnen, ein frost- und frustfreies Wochenende.
13.12.2018 – Beim Kiffen unbedingt beachten!

Geplündert. Wenn Sie einen Adventskalender haben, sollten Sie beim vorweihnachtlichen Kiffen unbedingt darauf achten, dass Sie Süßigkeiten in Reserve haben. Ich vertilge auch ohne Drogenmissbrauch täglich Unmengen von Süßigkeiten. Wer in meinen Einkaufskorb guckt, denkt vermutlich, ich kaufe für eine Kita ein. Wobei die armen Würmer da vermutlich aus lauter ecologically correctness nur Steviagesüßte Karottenschnitzel kriegen.
Mich erwischte eine einmalige Süßigkeitslücke vor dem Fernseher beim Konsum des Films „Dirty Grandpa“ (mit Robert de Niro). Die Kritiken über den Film waren so monströs miserabel, dass ich ahnte: Der Film ist ein Brüller. Die Kritik schwankte zwischen „…der schlechteste Film sei, den er je in einem Kino gesehen habe…“ und „ … wollte nach Ansehen des Films duschen. Irgendwo in der Hölle gäbe es ein Kino, wo dieser Film zusammen mit Movie 43 und Entourage laufe …“
Wenn linksliberale Intellektuelle, die vom Bücherlesen kommen, Film-Komödien kritisieren, haben sie immer Woody Allen im Hinterkopf, also gepflegte Langeweile. Natürlich ist Dirty Grandpa obszön, sexistisch und niveauflach wie ein Pfannkuchen. Was die Story angeht. Was die filmische Umsetzung angeht, ist er einfach handwerklich so gut gemacht, dass ich im letzten Viertel am Boden lag. Und das lag nicht nur am Grass. Mir liefen die Lachtränen. Leider hatte ich keinerlei Süßigkeiten im Haus, deshalb plünderte ich umgehend den kompletten Adventskalender. Schlimm, was Drogen aus einem machen. Kinder, lasst die Finger von den Drogen! Sauft Euch lieber dumm und dämlich, dann wird aus Euch was Anständiges. Wenn Ihr zusätzlich noch charakterlos seid, vielleicht sowas wie der Sauerland-Rocker Friedrich Merz.
Bei dem ist mir rätselhaft, wieso er soviel Stimmen bei der Wahl zur CDU-Vorsitzenden bekommen hat. Der Mann hat im Vorfeld der Wahl so viele schwere handwerkliche Fehler in Sachen Außendarstellung gemacht, dass er im Verbund mit seiner unfassbaren Arroganz und Empathielosigkeit als Parteivorsitzender oder gar Kanzler ein permanentes Hochsicherheitsrisiko wäre. Allein sein Vorschlag einer steuerlichen Besserstellung von Aktien als Altersvorsorge, von jemandem der Vertreter der Hochfinanz ist, ist so grottendämlich, dass sich selbst ein Praktikant für Öffentlichkeitsarbeit bei einem Kaninchenzüchterverband vor Pein winden würde. In so einer Situation schlägt man vor, auch wenn man sich niemals auch nur im Ansatz daran halten wird, dass man Mütter mit niedrigen Renten besser stellen will, oder irgend so ein Sozialgedöns halt. Bei dem Mann ist die Hybris in schiere Dummheit umgeschlagen.
Was bleibt, ist mein Genugtuung darüber, dass Angela Merkel den Merz und den bösen verbitterten Mann im Rollstuhl noch in ihrem Abgang eiskalt abserviert hat und ihnen auch diesen Triumph noch verwehrte. Politisch ist mir das ziemlich wumpe, da geht’s mir rein vom feeling her nur um das Gefühl.
Und falls Ihnen, liebe Leserinnen, das jetzt irgendwie kaputt vorkommt, kann ich zu meiner Entschuldigung nur anführen: ich hatte eine traurige Kindheit.
Ach ja, und die Drogen.
Außerdem gucke ich gerade in die trübe feuchtkalte Finsternis einer Quasi-Autobahn vor meinem Fenster, während ich vor drei Tagen noch den Ausblick vom Bild unten hatte. Wie soll man da nicht zum Misanthropen werden.

10.12.2018 – Mehr Licht!

Mehr Licht. Das sollen Goethes letzte Worte gewesen sein, was aber bildungsbürgerlichen Phantasien zuzuschreiben ist. Real hat er wohl einen Nachttopf verlangt. Mehr, oder besser: anderes Licht zu erleben, ist für mich ein Grund für Urlaube am Meer. Dazu kommen die anderen Gerüche, allein der süßliche Duft von Johannisbrot bei Wanderungen erweckt in mir den Wunsch, darin zu Baden. Wenig verwunderlich angesichts des Autogestanks von 25.000 Stinkern täglich vor dem Fenster meines Arbeitszimmers.
Und dann diese Stille in den Bergen, die sauge ich beim Wandern förmlich ein. Wenig verwunderlich angesichts etc. pp….
Kaum verwunderlich aber durchaus blutrünstig sind dann meine Phantasien, wenn diese Stille von geisteskranken Vollidioten auf Motorrädern unterbrochen wird, die mit Terrorkrach eine minutenlange Lärmschleppe hinter sich herziehen. Meistens alte Säcke mit der zweiten Hüfte, die sich dabei so toll und sportlich vorkommen. Aber auch Junggesindel auf hochtourig kreischenden Ducatis und ähnlichen Gelände Maschinen.
Dann stelle ich mir vor, ich hätte ein Hochpräzisionsgewehr am Mann, mit Zielfernrohr. Und dann …
Erschreckend, wie dünn der Lack der Zivilisation ist. Guten Start in die Woche, liebe Leserinnen, und also lieber doch: Mehr Licht….
07.12.2018 – Was für eine Geschichte erzählt dieses Bild?

Auf der Oberfläche eine paradiesische Geschichte: Tal von Soller, in der Tramuntana, auf Mallorca. Als Göttin das Paradies erschuf, übte sie für dieses Tal, würde ich formulieren, wäre ich Hochmeister des sakralen Kitsches. So aber bin ich über alle Maßen angetan von Wanderungen mit unglaublichen Panoramen, an deren schweisstreibendem Ende das sehr erfrischende Bad im Meer wartet, dass ich mir bei 17 Grad Wasser mit dem notorisch verrückten Engländer teile.
Unterwegs muss man aufpassen, dass einem die prallreifen Orangen nicht auf den Schädel prasseln. Und ab hier erzählt das Bild eine andere Geschichte. Mallorca war früher das Armen Haus Spaniens und ist jetzt durch den Tourismus die reichste Region des Landes. Das hat zur Konsequenz, dass sich Orangen Ernte nicht mehr lohnt. Die Konkurrenz aus Brasilien etc. ist billiger. Also verfaulen hier Tonnen köstlichster Orangen, Zitronen und Pampelmusen auf den Bäumen resp.auf dem Boden. Verrückt, aber das war das Paradies ja spätestens nach der Apfel Ernte auch.
Und an der war Eva schuld. Bedenken Sie, liebe Leserinnen, das bei ihren Unternehmungen der nächsten Zeit. Ich tret jetzt meinen Muskelkater wech.
03.12.2018 – Der Schlüssel zum Erfolg – nur hier!

Asphalt Artikel 12/2018
Wat is überhaupt n Erfolg? Da stelle mer uns janz dumm … Dass wir nicht in einer Leistungsgesellschaft, sondern in einer Erfolgsgesellschaft leben, wurde in diesem Blog schon beklagt. Millionen von prekär Beschäftigten leisten Enormes, bekommen aber zum Lohn für ihre Leistung am Ende eine Armutsrente. Die Erben von Verbrechern wie Flick etc. pp. – beliebig fortzusetzen -, leisten gar nichts, sie erben nur erfolgreich. Würde ich die Diktion von Lumpen wie Merz und Spahn nutzen, nennte ich solche Gestalten Sozialschmarotzer. Da ich mich mit derlei Pack aber selbst verbal nicht gemein tue, unterlasse ich das und verweise nur darauf, dass wir in einer Mediengesellschaft leben und eine von mehreren Voraussetzungen für Erfolg die Widerspiegelung der eigenen Leistung in den Medien ist. Insofern bin ich durchaus erfolgsorientiert und habe mitunter auch Erfolg

Lindenspiegel Artikel 12/2018.
Irgendwann verselbstständigt sich das ein bisschen und die Medien ernennen einen auch da zum Experten, wo ich eher keiner bin, zum Beispiel auf dem Gebiet der kommunalen Armutsbekämpfung, wie der Weserkurier hier. Er sei bedankt dafür.
Wie aber, und hier kommen wir zum versöhnlichen Schluss des heutigen Blogeintrages und zum Service für alle geneigten Leserinnen, wird man/frau erfolgreich? Das ist ja das Thema von unzähligen Lebenshilfe-Ratgebern, Coachings, etc. pp., immer für sündhaft teures Geld. Aber Sie, liebe Leserinnen, bekommen hier und heute von mir vollkommen unverbindlich und kostenlos, den Schlüssel zum Erfolg überreicht! To cut a long thing short, wie der Grieche sagt: Es ist Beratung!
Da wir uns schon im Bereich der Superlative befinden: Je himmlischer, je göttlicher, desto besser! Und da befinde ich mich on top!
Hier exclusiv für Sie, liebe Leserinnen, ein Einblick in meinen Beraterinnen-Stab, nur von letzter Woche!

Ich wurde beraten von Frau Gott …
29.11.2018 – Klopf Dich frei

Klopf Dich frei. Energieausgleich 340 Euro. Met Astro Quantensprung.
Der Sprung in der Schüssel, den die Verfasserin dieses Quantenquarks hat, dürfte unfassbar riesig sein, also das ganze Gegenteil eines Quantensprungs. Dass Sonne, Mond, Planeten, Asteroiden etc. Auswirkungen auf unser Leben haben, ist evident. Der Mond ist uns mit seiner Masse so nahe, dass seine Gravitation Ebbe und Flut auslöst. Wer zu lange in der Sonne liegt, kriegt einen Sonnenstich, dessen Auswirkungen sich in irrsinnigen Phantasien wie Met Astro Quantenquark bemerkbar machen können. Und wenn ein Asteroid mit einer Größe von ca. zwei Kilometern Durchmesser auf Europa knallt, gegen hier die Lichter aus, final. Das leitet sich logisch aus der Masse und der Geschwindigkeit des Asteroiden ab, die Formel dafür haben wir aus dem Physikunterricht der 9. Klasse parat: Ekin=1/2⋅m⋅v².
Für meine Ängste, Schmerzen, Geldsorgen, technische Störungen, Unfälle, Rechtsstreitigkeiten soll also laut Met Astro Quantensprung ein Planet wie Uranus verantwortlich sein und für einen Energieausgleich von 340 Euro klopft die Verfasserin dieses Quantenquarks mir alle Sorgen weg.
Jenseits von Wissenschaft, Erkenntnis und Evidenz bewegen wir uns im dunklen Bereich des Glaubens. Ich kann diesen hirnrissigen Schwachsinn glauben, ich kann auch glauben, dass mein Eisenmangel bekämpft wird, wenn ich mir einen Nagel in den Kopf hämmere oder dass ich meine Geldsorgen durch Auflegen einer verfaulten Kartoffel bekämpfe. Wenn solcherlei Glauben bedauernswerten Seelen, vom Leben überforderten Existenzen und sonstigen armen Würsten kurzfristig Frieden verschafft – why not? Wer bin ich, darüber den Stab zu brechen? Das Leben ist so rasend, die Veränderungen so massiv, dass immer mehr Menschen zu Alkohol, Drogen, Esoterik greifen, um überhaupt überleben zu können. Da ist Met Astro Quantenquark sicher ein gesünderes und geringeres Übel, außer dass es den Tatbestand des Betrugs erfüllt und im Zweifel Existenzen, die eh bankrott sind, den Beutel noch mehr leert.
Was diesen Hirnmüll so brandgefährlich macht, zeigen drei, vier Klicks im Internet. Machen Sie, liebe Leserinnen, die Probe aufs Exempel, recherchieren Sie mal kurz im Internet und ich verwette meinen Knackarsch, dass Sie nach besagten drei, vier Klicks bei kryptofaschistischen Theorien landen. Kratzen Sie an einer Esoterikerin und zum Vorschein kommt erdiger, schollenverwachsener, brauner Lack von Antisemitismus und Rassenwahn.
Da lob ich mir mein politisches Engagement.

Gegen die allgemeine Kopf- und Hirnlosigkeit Chardonnay-gestützte Solidarität mit Israel durch den massenhaften Kauf von excellenten Weißweinen aus Galiläa.
Nicht zu vergessen: kubanischer Rum vom allerfeinsten.
Hoch die internationale Solidarität! Und Prost.
28.11.2018 – Was ist das gute Leben?

Clemens Basilika, beim Lichtkunstfestival „Hannover leuchtet“. Aus Berlin importiert, woher sonst, aber legitim. Nett anzusehen, man sieht die eigene Stadt in einem anderen Licht, eine Perspektive, die auch für das andere, das eigene Leben nie schaden kann. Schön fand ich bei der Clemens Basilika, der einzigen Kirche in ganz Norddeutschland mit komplett italienischer Architektur, die Barockputten. Keine coole Kunst in der Lichtinstallation, die sich an die Postmoderne ranwanzt, sondern was herzerwärmendes in dekonstruierten Zeiten. Außerdem war ich in der Kirche Messdiener, da kommen Erinnerungen hoch: Introibo ad altare dei …
Heute bin ich Heide, aber meine Wurzeln lassen sich nicht verleugnen.
Dass Fußballstadien die Basiliken der Neuzeit sind, ist weiß Göttin keine Erfindung von mir

Olympiastadion Berlin, erbaut zur Olympiade 1936. Fußball ist neben Kultur und Religion eine der letzten großen Erzählungen, die unserer Gesellschaft noch verbindet, narrativer Kitt sozusagen. Fußball ist auch Ersatzreligion, Anhänger beider Kulturen sind mitunter fanatisch, fasziniert von Ritualen, Gesängen, Inszenierungen, die Gemeinde trifft sich zu festlegten Zeiten, in der Kirche, im Stadion, in der Kneipe, der Verstand setzt aus (so überhaupt vorhanden), Idole werden angebetet, idealisiert, Kreuzzüge gegen den jeweiligen Gegner imaginiert, oft auch in Hooligan Gewalt umgesetzt. Gruselig fand ich die Reaktion des örtlichen Plebs, als ein bekannter Torwart von Hannover 96 sich wegen Depressionen umbrachte. Tausende trauerten echt, trafen sich vor dem Stadion, trugen sich in Kondolenzbücher ein, ich glaube, es gab sogar eine Trauerfeier im Stadion. Es war so wie bei Hindenburgs Beerdigung. Die Leute waren traurig, obwohl sie den Torwart überhaupt nicht kannten, höchstens irgendwelches Medienblabla über ihn.
Nun kann man sich über solche armen Würste mokieren. Das verkennt aber die Funktion solcher Torwarte und der Trauer der Menschen. An die Geschichte, dass Jesus übers Wasser ging, muss man glauben, dann wird sie real, und dann wird aus Jesus, dem Torwart und dem Plebs die Erzählung, die den Laden hier zusammenhält. Die Feststellung von Adorno: „Es gibt kein richtiges Leben im falschen“, prallt am toten Torwart ab. Die Frage ist, was ist das gute Leben.
Die Antwort darauf, liebe Leserinnen, gibt es im nächsten Blogeintrag. Ich muss aufs Radl, bei minus vier Grad. DAS ist das falsche Leben.
Echt jetzt.