
Aber vorher für alle Spontaneitätsfähige und Kurzentschlossene dieser Terminhinweis für Heute Abend im FZH Linden um 19 Uhr. Eine nicht unwesentliche Frage für Strategien der Gegenwehr, ob eine Partei noch „nur“ rechtspopulistisch ist oder schon faschistisch. Außerdem wird die Veranstaltung von einem Kumpel organisiert, der Unterstützung verdient. Feiner Kerl. Wir sehen uns nachher, liebe Leserinnen, ich geb‘ einen aus.
Apropos Kerl, am 3.11 ist Weltmännertag und am 19.11 Internationaler Weltmännertag. Als ob der November nicht schon trübe genug ist, auch noch sowas, eben vermeldet vom Statistischen Bundesamt, dessen Pressemitteilungen zuverlässig jeden Werktag um 8 Uhr über meinen Ticker laufen. Heute: Schienenverkehr 2017 – Mit 401 Millionen Tonnen transportierten Gütern neuer Höchstwert. Und: September 2018 – Erstmals mehr als 45 Millionen Erwerbstätige. Sowie als Krönung all dieser wunderbaren Zahlen aus der Welt der Fakten, die unser Leben so planbar und kalkulierbar machen:
„Zum Weltmännertag – 62 % der erwachsenen Männer sind übergewichtig.“
Getoppt wird meine Zuneigung zum Statistischen Bundesamt nur noch durch die zum Niedersächsischen Landesamt für Statistik, mit dem mich eine erquickliche Zusammenarbeit verbindet und ohne das ich Zahlenmäßig mit der Stange in der Nebel stochern würde. Was Göttin verhüten möge.
Also dieses Weltmännergedöns hat ja einen positiven Hintergrund und ist keineswegs ein Kampftag all jener armseligen Wichte, die genug vom Genderwahn und Gleichberechtigung haben und es den Weibern mal wieder so richtig zeigen wollen, wo der Hammer hängt – wenn er denn einer wäre. An diesem Tag ist nichts AfD-kompatibles. Es geht dabei um Achtsamkeit, Rücksicht, dieses ganze Diversity-Blablabla halt, bei dem letztlich jede und jeder einer beachtenswerten und achtenswerten Minderheit angehört, jedes Symptom wichtig ist und jede und jeder wertgeschätzt wird. Es geht bei Diversity als Fortschreibung von Gendermainstreaming immer nur um die Bekämpfung von Benachteiligung und das Ausbügeln individueller Schwächen – und es geht um jeden Menge Förderkohle.
Es geht nie um Kapitalismus. Es geht nie um strukturelle Macht und Unterdrückung und kollektive Gegenwehr. Ein schwuler Nazi wie Ernst Röhm wäre in der Diversity Betrachtung vermutlich ähnlich „wertgeschätzt“ – mein derzeitiges Hasskappenwort Nr. 1 – wie eine behinderte, illegale, ausgebeutete schwarze Haushaltshilfe in einem alternativen Mittelschichtshaushalt.
Also von mir aus gehören diese albernen Heldengedenktage für Jammerlappen auf den Biokompost. Die Meldung allerdings, dass 62 % der erwachsenen Männer übergewichtig sind, hat mein Herz erfreut. Als beinharter Anhänger des Wettbewerbs und von Leistung bin ich mit einem Body-Mass-Index von 25 großen Teilen der Konkurrenz weit voraus. Von daher: Weiter jammern, ihr Waschlappen. Ich mach jetzt 68 Sit-Ups.
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28.10.2018 – Sports are not allowed.

Eine schöne Botschaft im Zeitalter der hysterisierenden Selbstoptimierung zwecks Erhalt der Reproduktionsfähigkeit im Dienst des Kapitals und der Erlangung eines ewigen Lebens. Man fragt sich nur, wofür. Dem Erhalt der Würde dient es bestimmt nicht, wenn alte Säcke mit grellbunten Stirnbändern, Edellaufschuhen in Farben, die einen Kanarienvogel noch erblinden lassen und mit einer Batterie von Funktionsmessgeräten an Armen, Beinen und Schwanz durch die Gegend torkeln, sich selbst glauben machend, das sei cool. Da seien ihre Kilometerlangen Krampfadern vor und die riesige Leuchtschrift über ihrem Kopf: ICH! BIN! PEINLICH! (Ähnliches gilt, wenn auch nicht in dem Ausmaß, für Weibsleut.)
Ich habe an die Sonne meines Alters, Licht meiner trüben Augen, an meine Neffen in meinem ganzen Leben nur einen ernsthaften Wunsch geäußert: Sollte ich erste Anzeichen von Peinlichkeit zeigen, sei es in Rede, Aussehen oder Verhalten, besessen vom Wahn, das Alter zöge spurenfrei an mir vorbei, so sollen sie mich ohne Zögern auf einem nahegelegenen Biocomposter entsorgen. So wahr ich 48 bin.
Die Antwort: „Yo, Digga.“ Es besteht also Hoffnung.
Ich habe ja nichts gegen das Laufen. Aber doch nicht in der Öffentlichkeit. Diese ist für edlere Zwecke. Öffentlichkeit ist eine zentrale Errungenschaft der Aufklärung. Das Austragen von Konflikten in einer bürgerlichen Öffentlichkeit, der Kampf um die res publica, die öffentliche Sache, auf der Agora war der Fortschrittsmotor der letzten 250 Jahre schlechthin. Das schließt Revolution und das schließt die Abschaffung ihrer, nämlich der bürgerlichen Öffentlichkeit, selbst mit ein.
Auf dem Weg dahin befinden wir uns, jenseits von Wahl-Ergebnissen, wie heute in Hessen. Wir befinden uns noch in einer sozialdemokratisch geprägten Republik. Nicht, was die Partei, sondern was Arbeits-, Sprach- und Verhaltensweisen im öffentlichen Sektor angeht, der nach wie vor zentral und mitbestimmend für unser gesellschaftliches Leben ist. Die Führungspositionen dort werden an Parteivertreter*innen verteilt, in Parteien sowieso, aber auch in Verbänden wie Diakonie und Caritas, die größten Arbeitgeber in Deutschland, bei NGOs, in der Verwaltung, Justiz, halbstaatlichen Unternehmen wie Energieversorger, etc. pp. , all das ist fest in der Hand von SPD, CDU sowie paar Grüne und FDP. Dieses Karriereversprechen unter bestimmten (Partei-)Bedingungen prägt ein gesellschaftliches Bewusstsein, bis hin zur Sprache, wie: „.. bieten wir unsere konstruktive Bereitschaft an, im Dialog das Problem zu lösen…“ Oder so ähnlich wird in diesem öffentlichen Raum verhandelt. Wenn dieses Konstrukt verschwindet, auch weil die Volksparteien verschwinden und z. B. Karriere auf AfD Ticket gemacht werden kann, dann gute Nacht, Marie. Dann verroht dieser bisher notdürftig konsensual geprägte Sektor als eine der letzten Bastionen gegen die Ent-Zivilisierung. Dann drohen uns amerikanische Verhältnisse, Massaker inklusive. Und beim Ami ist das Ende der Fahnenstange ja noch lange nicht erreicht. Deshalb sind solche Wahlen wie die heute nicht unwichtig als Signal.
Ich geh jetzt ne Runde laufen. Im Keller.
27.10.2018 – Hessenwahl oder: Was brauche ich zum Leben?

Mein letztes Hotel-WC. Früher beim Reisen habe ich auf Bahnhöfen gepennt, Parkplätzen, in 10 Zentimeter hohen, jedenfalls in meiner Erinnerung, Zelten. Mittlerweile schätze ich durchaus ein Mindestmaß an zivilisatorischen Standards. Allerdings stellte sich mir beim Anblick von angefaltetem Toilettenpapier und Telefon in meinem letzten Hotel-WC doch die Frage: Was brauche ich eigentlich im Urlaub? So etwas setzt, wenn auch nicht sofort und nicht immer, eine Gedankenkaskade in Gang: Brauche ich überhaupt Urlaub? Wenn ja, am Meer? Mit Flugreisen? Was meinen ökologisch eigentlich sehr ordentlichen Fußabdruck sofort ins Inakzeptable vergrößert. Zerstöre ich mit meinen Urlaubsreisen örtliche Strukturen oder schaffe ich Arbeitsplätze, wenn ja welche, und wo bleibt meine Kohle letztendlich? In der Region?
Wenn ich am Strand liege, lese ich nicht, mit dem Blick in Bücher verstellt man mitunter massiv den Blick in die Wirklichkeit, außerdem ist mir das schlicht zu anstrengend. Ich glotz aufs Wasser und denke. Manchmal. Aber wenn ich in so einer Gedankenkette wie der hier Geschilderten bin, lande ich schon mal am Ende bei den grundsätzlichen Fragen: Was brauche ich überhaupt zum Leben und was will ich noch vom Leben? Bei angefaltetem Toilettenpapier fällt die Antwort leicht. Aber komme ich bei Flugreisen nicht in ein ethisches Dilemma?
Der Vater der Aufklärung (wer war eigentlich die Mutter und was um Marx‘ Willen ist bloß aus den Kindern geworden?) Immanuel Kant hat vier Grundfragen formuliert:
„Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Was darf ich hoffen? Was ist der Mensch?“
Das mit dem „Hoffen“ kann man getrost in die Tonne kloppen, das ist Religionsphilosophie und somit Gedöns; ich hoffe auf einen milden Winter, und Ende im Hoffnungsgelände. Die Frage „Was ist der Mensch“ würde heute, weniger anthropozentrisch, formuliert werden: „Was ist Leben?“ Aber mit dem Rest liegt Meister Kant, obwohl schon tot, nicht ganz daneben. Das ethisch grundierte „Was soll ich tun?“ ist z. B. die letzte Frage hinter der nach den eigenen Bedürfnissen des „Was brauche ich eigentlich zum Leben?“
Vom Scheißhaus zu Immanuel Kant – Reisen bildet, ganz eindeutig.
Wir wollen das „Was soll ich hoffen?“ nicht ganz außer Acht lassen, denn es gibt auch in säkularen Räumen noch quasireligiös Waberndes. In der Politik zum Beispiel, wo Parteitage als messianische Hochämter inszeniert werden, obwohl für die Volksparteien mittlerweile das
Totenglöckchen so läutet wie die “Hells Bells“ von AC/DC. Was also soll ich, um in dieser Sphäre zu bleiben, bei der Hessenwahl hoffen?
Ein einigermaßen undesaströses Ergebnis für die SPD, irgendwas über 20 Prozent. Wer außer der SPD soll sonst die „kleinen Leute“ binden, die jetzt in Scharen den Rattenfängern der AfD hinterherlaufen? Die „Linke“ tut es jedenfalls aus diversen Gründen nicht…
In was für Zeiten leben wir, wenn ich nochmal irgendwas für die SPD hoffe?!
Je älter ich werde, desto spannender finde ich Veränderungen. Aber manchmal könnt’s ruhig etwas commoder sein.
In dem Sinne schönes Wochenende, liebe Leserinnen, und bis Sonntag 18 Uhr.
23.10.2018 – Und da wundert sich die Demokratie, wenn ihr das Fußvolk von der Fahne geht.

Schon nicht mehr wahr, obwohl nur ein paar Tage her. Die Erinnerung an Sonne, Sand und 24 Grad warmes Wasser wärmt mir nicht mehr das Gemüt, von den Knochen ganz zu schweigen. Im Gegenteil, die Bilder als Erinnerungssurrogat wecken vor dem Hintergrund von Regen, Sturm und Temperaturen unter 10 Grad vor meinem Fenster umstandslos Reisesehnsucht. Der größte Unterschied zwischen Meer und hier ist für mich das Licht, diese unterschiedlichen Nuancen am Meer, von leicht verschwommen, diesig bis hin zu gleißender, blendender Strahlkraft. Und die Stille beim Radln oder Wandern im Hinterland. Ich wohne an der hässlichsten, dreckigsten und lautesten Straße Hannovers, hab mich dran gewöhnt, ich arbeite sogar bei gekipptem Fenster zur Straße hin, was bei ca. 25.000 Autos Durchfluss pro Tag eine gewisse Konzentrationsleistung darstellt, zumal ich tatsächlich ab und an bei der Arbeit denken muss.
Aber gesundheitsfördernd ist das nicht. Trotzdem war ich neulich stolz auf meine Straße. Mit gewissem Bangen harrte ich der Veröffentlichung jener Straßen, die wegen diesem Umweltgedöns für Diesel gesperrt werden sollen. Ich halte diese ganzen halbherzigen Maßnahmen für regelrecht albern, Brot und Diesel fürs Grün-Volk halt; wenn man sich diesen SUV-fahrenden Mob anguckt, weiß man, dass hier jeder Appell an Vernunft gegen Blech läuft. Aber wenn schon, denn schon, dann will ich mit meiner Straße wenigstens so betroffen sein, dass wir gesperrt werden. Und chakka: meine Straße gehört zu den acht in Hannover, die gesperrt werden sollen. Da kommt schon ein bisschen Lokalpatriotismus in mir hoch, Identifikation mit der Homebase. Ich hab mir gleich ein T-Shirt machen lassen: „Diesel 2019 – ich bin gesperrt!“
Trotz allem würde ich für (fast) alles Geld der Welt hier nicht wegziehen, auch nicht in die entzückende Fliederstraße im hiesigen Univiertel.

Fliederstraße. Kaum bin ich mal einen Tag in Hannover, schon muss ich mir die Hasskappe aufsetzen. 300 Euro Mieterhöhung sind beileibe kein Einzelfall. Modernisierungskosten dürfen mit bis zu elf Prozent auf die Jahresmiete der Mieterinnen umgelegt werden. Balkon hinten dran, Fahrstuhl in Flur, von energetischem Sanierungsgedöns zu schweigen, ruckzuck wird die Miete verdoppelt. 25 Prozent aller Beschäftigten arbeiten im Niedriglohnsektor zu Löhnen von weniger als 10 Euro. Netto bleiben da bei einer Alleinstehenden in Steuerklasse 1 bei Vollzeitarbeit für 10 Euro/Stunde ca. 1.150 Euro übrig. Da liegt allein die Erhöhung der Miete um 300 Euro in der Fliederstraße schon nahe der allgemein als zumutbar geltenden Kaltmiet-Obergrenze von 30 Prozent des Nettoeinkommens. Und da wundert sich die Demokratie, wenn ihr das Fußvolk von der Fahne geht.
Ich für meinen Teil schließe jetzt mein Fenster, weil ich arbeiten muss. Aber vorher check ich noch im Internet günstige Reiseziele im Süden. Nicht für sofort, bald reicht auch noch.
22.10.2018 – Mein Lieblings-Hakle ist Ambiente Lotusduft, 3 Lagen Rosé-farbenes Papier, mit Lotusduft und 3-fach sicher.

Puschen. Die allerdings nicht, wie frau auf den ersten Blick meinen könnte, auf Grund ihres albernen Designs günstige 4.95 Euro kosten, sondern 495 Euro. Gesehen auf dem Kudamm in Berlin. Gut, dass Geschmack und Geld oft erbitterte Gegner sind. Bei mir ist das auch so, im Normalfall kann ich mir meinen Geschmack nicht leisten. Kein Drama. Auf die Idee, deshalb mehr zu arbeiten, bin ich einmal in meinem Leben gekommen. Nie wieder. Dann lieber ein erfülltes Leben.
Genosse Oppermann von der SPD fordert die Erhöhung des Mindestlohns von derzeit 8,84 Euro auf 12 Euro. Zu spät, zu wenig. Der Lauf der Geschichte nimmt seinen unerbittlichen Gang und marschiert im rechten Trampelschritt über die Genossen hinweg. Ihnen glaubt kein Mensch mehr irgendetwas. Wer seinen Markenkern schrottet, im Falle SPD „Solidarität“ im Zuge der Agenda 2010, der wird als Produkt am Markt nicht mehr gebraucht. Die SPD hat den Markt, und damit den Kapitalismus, eben nie kapiert. Wenn beispielsweise Hakle® Toilettenpapier auf seine einzigartigen Wohlfühlkissen, angenehm weich, sicher und saugfähig, verzichten würde, kaufte ja auch kein Mensch mehr Hakle, seit 1928.
Mein Lieblings-Hakle ist Ambiente Lotusduft, 3 Lagen Rosé-farbenes Papier, mit Lotusduft und 3-fach sicher. Die SPD ist zwar auch Rosé-farben, aber weder mit Lotusduft noch 3-fach sicher. Die SPD ist 155 Jahre alt, älter als Hakle. Wer hält länger durch?
Die sozialen Verwerfungen, die der Abschied der SPD von der Weltbühne nach sich zieht, werden noch spannend. Es ist ja nicht nur der Aufstieg der AfD als Ersatz-SPD, was für sich schon katastrophal genug ist. Die SPD hat einen riesigen Apparat von Hauptamtlichen, mit nachgelagerten Firmenbeteiligungen mitsamt der dazugehörigen Infrastruktur, allein die Parteizentrale in der zentralen Friedrich-Ebert-Str. in Berlin ist ein enormer Komplex. Welche Partei unterhalb der 5-Prozent-Hürde braucht so etwas? Was passiert mit den Mitarbeiterinnen? Wer nimmt denn jemanden, in dessen Lebenslauf steht:
2010 – 2025 Abteilungsleiter bei der SPD? Die AfD vielleicht. Aber sonst?

Bimbo Box, gesehen bei mir umme Ecke in Schöneberg. Man wirft einen Nickel ein und schon beginnen alle wie irrsinnig zu wackeln und zu spielen. Wie im Kapitalismus.
Oder wie es in meinem Lehrbuch aus den 60ern über das deutschen Normenwesen stand:
Selbst Bimbo hat es schon erfasst,
nur ein genormter Stecker passt.
20.10.2018 – Raus aus dem Flieger, rein ins Vergnügen

Peiner Allgemeine Zeitung, 17.10.2018
In der Nacht vorher saß ich noch im Flieger, der mich aus der Sonne des Südens in die Niederungen der Erwerbsarbeit brachte. Ich hatte mir flugs das letzte unbenutzte „Ich-flanier-dann-mal-an-der-Strandpromenade-Hemd“ gegriffen, mich in den Zug nach Peine gesetzt und gehofft, dass ich vor Peine nicht einschlief. Dann wäre ich in Braunschweig gelandet und das ist für einen Hannoveraner so, als wenn ein Schalker auf Dortmund landet.
Ein Problem von Städten ist die austauschbare Gesichtslosigkeit ihrer Cities, vermischt mit Menetekeln des Untergangs, was man beschönigend „Strukturwandel des Handels durch Digitalisierung“ nennen kann. Der stationäre Handel kackt ab, der Inhabergeführte Mittelstand gleicht dem Parmesan, er wird zerrieben, zwischen Internet und Ketten. Leerstand breitet sich zumindest in mittleren und kleineren Städten aus wie ein Krebsgeschwür, sieht aus wie die hässlichen Zahnlücken eines Armen, der sich den Zahnarzt nicht mehr leisten kann. Da geht es Peine nicht anders als dem Rest der Republik.

Es könnte eine Installation sein, die an das Ende einer Menschenbefreiten Welt nach dem finalen Siegeszug eines monströsen Killervirus gemahnt.
Es ist aber eine Ladenzeile in der Peiner City. Ich bin ziemlich Stimmungsempfänglich, um es mal euphemistisch zu formulieren, diese Anmutung stürzte mich sofort in derartig depressive Anwandlungen, dass ich umstandslos hätte anfangen können zu heulen.
Nur wenige Veranstalter freuen sich über einen heulenden Referenten, zumal ich grundsätzlich bei Veranstaltungen, bei denen ich mehr als den Grüßaugust mache, versuche, das Publikum mittels kleinen Aufwärmeinheiten in Form von Jokes zum Mitreden zu motivieren. Es gibt für mich bei Vorträgen eine einzige goldene Regel: Ich kann über alles reden, aber nicht über 20 Minuten. Wenn es mir danach nicht gelungen ist, das Publikum zum Diskutieren zu bringen, habe ich einen Scheissjob gemacht. Dann kann ich auch gleich die Powerpointmaschine in Gang setzen, 36 Folien, Schriftgröße 14, so Valium-Ersatz-Zeug halt. Also motivierte ich mich selbst vor Beginn der Peiner Veranstaltung: „Chakka, reiß‘ mich am Riemen.“ Wenn ich dieses Affengebrüllartige Chakka von Profi-Motivationskaspern nur höre, kriege ich Schreikrämpfe. Wer sowas braucht, ist eher ein Fall für die Klapsmühle.
Ich betrat den Ort des Geschehens, das Peiner St.-Jakobi-Gemeindehaus, also mit einem Lachen im Gesicht und siehe, es ward alles gut. Es wurde ein sehr lebhafter Abend.
Und was mich vollends mit dem Abend und mit Peine versöhnte, war das Gastgeschenk an den Referenten.

St. Jakobi Kirchwein. St. Laurent Rebe, aus der Pfalz, mit einem Bronzeengel. Ein ganz pfiffiges Geschenk, der Engel ist so schwer – das muss Bronze sein – dass er beim Transport sofort hin- und her schwingt und beim Schlagen gegen die Flasche den Effekt eines Kirchenglöckchens erzeugt. Mein Dank und angenehme Erinnerungen gehen an Peine.
Auf der Rückfahrt bin ich dann im Zug tatsächlich eingepennt.
Den ganzen nächsten Tag war ich mit einer Aktion in der City von Hannover beschäftigt, es war mal wieder Weltarmutstag
Am Folgetag Diskussion mit einem FDP Politiker über Umverteilung, mit einem Publikum, das zum großen Teil aus Menschen mit sehr wenig Geld, teils Wohnungslosen, bestand.
Ehrlich gesagt: Ich bin urlaubsreif.
Schönes Wochenende, liebe Leserinnen.
07.10.2018 – Werbung für unsere November-Fachtagung „Wohnung ist Menschenrecht!“ Kommt massenhaft!

Ort: Ver.di Veranstaltungszentrum, Goseriede 10, 30159 Hannover
Zeit: Di., 13.11.2018, 10.00 – 15.30 Uhr
Anmeldung: anmeldung@rls-nds.de
Details hier: LAK Fachtag-Wohnung ist Menschenrecht-Flyer
Offen für Fachpublikum, Betroffene und Interessierte. Kostenloser Imbiss, Barrierefrei.
Mit Andrej Holm als Impulsgeber. Holm ist Stadtsoziologe, hat seit langem die Dramatik der Stadtentwicklung und hier insbesondere der Wohnungsproblematik erkannt, und redet dementsprechend Klartext. Außerdem redet er nicht nur, sondern handelt auch. Dass das mitunter die Grenzen der Legalität streift, ist ebenso zwangsläufig wie erfreulich und nachahmenswert. Ich freue mich, dass er Referent auf unserem Fachtag ist.
Das Handeln der derzeitigen sozialpolitischen Akteure von Parteien über Gewerkschaften bis hin zu Verbänden und Organisationen ist inadäquat angesichts der größten Krise unserer Demokratie – bei der die Wohnungsnot nur ein Symptom von vielen ist – in der Nachkriegszeit.
Wie Mehltau liegt ein ermüdendes, rundgeschliffenes Mainstream-Reden, Denken, Handeln über der ganzen Szene.
Sie gehen nicht sehenden Auges in den Abgesang der Demokratie, sie gehen schlafenden Auges.
Die Wetteraussichten der nächsten Tage für meinen Strand: Sonne, 27 Grad, Wasser 24 Grad. Wenn das keine Trösterin ist …
P.s.: Es heisst allenthalben „Wohnen ist Menschenrecht.“ So positiv und dringend nötig diese ganzen Aktivitäten sind: Das ist eine falsche Forderung. Wohnen kann ich überall, in Sammellagern, in Notunterkünften, selbst unter Brücken. Die menschenrechtlich relevante Kategorie ist das eigenständige, selbstbestimmte Wohnen in geschlossenen Räumen, eben: Wohnung.
(Dank an Christof für den Hinweis, falls er das liest. Ohne die Expertise von Betroffenen geht es nicht, bei keinem Thema)
05.10.2018 – Neues vom Zeichner

Hommage an F. W. Bernstein, von Thomas Stethin.
Und Neues von der Kunst. Eben lese ich, dass Gerhard Richter vom neuen Film von Donnersmarck, der an seine Leben angelehnt ist (bezeichnende Formulierung, etwas, das angelehnt ist, ist schwach und steht schief), nicht angetan ist. Ich habe über den Film gelesen und eher gucke ich mir 6 Stunden am Stück den Haufen Hundekacke vor meiner Tür an als ein derartiges Machwerk. Da soll Donnersmarck unter anderem in einer Parallelmontage den Tod einer Protagonistin in der Gaskammer von Auschwitz mit einer Bildfolge der Bombardierung von Dresden verschneiden. Den Tod in der Gaskammer zu zeigen, finde ich persönlich krank. Nicht umsonst ist das Funktionieren von Zivilisation eng mit Tabus verbunden, ohne Tabus funktioniert Gesellschaft nicht, und wenn es in der Kunst ein Bildertabu geben sollte, dann das. Mit dem Schielen nach Hollywood so die Würde der Opfer zu verletzen, wie abartig muss ein Mensch sein, um das inszenieren. Und als ob das nicht genug wäre, wird der Angriff auf Dresden dazu ins Verhältnis gesetzt, in eine exkulpierende Gleichwertigkeit. Die Deutschen waren böse, schön und gut, aber die Amis und der Tommy, die haben auch genug Dreck am Stecken, und letzten Endes sind wir Deutschen die Opfer, das ist die Donnersmarck Message.
Sind wir nicht. Und der Holocaust war ein einzigartiges Menschheitsverbrechen, vollkommen unvergleichbar mit allem anderen, während Dresden ein „normales“ Kriegsverbrechen war. Beim Feuersturm in Hamburg beispielsweise waren die Opferzahlen höher und zur Erinnerung: Den modernen Bombenterror mittels Flugzeug hat das Deutsche Reich in Guernica entfesselt und mit den Luftangriffen 1940 auf London und Coventry den Startschuss für den Bombenkrieg gegeben.
Wer nach dem kulturellen Soundtrack unserer sich verändernden Gesellschaft sucht, wird bei Florian Henkel von Donnersmarck fündig. Fortsetzung folgt.
Was für ein Tagesauftakt. Ich könnte kotzen.
Was bleibt, ist die Freude an meiner überaus üppigen Himbeerernte

Meine Himbeerernte.
Und so wie diese üppigen Beeren reift auch mein aktuelles Kunstprojekt immer mehr, eine größere Intervention auf diversen Genre-Ebenen, von Intervention über Skulptur bis hin zu Video, gemeinsam mit anderen. Wer will, wird lachen können, und wer kann, wird die politische Botschaft lesen. Das tröstet in Zeiten grassierender Niedertracht.
Ok, die bevorstehende Reise ans Mittelmeer tröstet mich auch. Und die Sonne am Wochenende auch. Und dass Hannover 96 Letzter in der Bundesliga ist, auch. Und dass Seehofer nächste Woche von seinen Parteifreunden den Dolch in den Rücken kriegt, auch.
Und der LBV Port von Nieeport hinten im Regal auch. Also Fazit: Die Welt ist beschissen, das Leben ist schön.
Da sehen Sie mal, liebe Leserinnen, wie man im Schreiben die Kurve kriegen kann, Schreiben als therapeutischer Akt. Schönes und sonniges Wochenende.
04.10.2018 – Was hat eine tiefstehende Sonne im Frühherbst Tröstliches an sich?

Vor nicht einmal 14 Tagen stand ich morgens im Garten, mit nichts umhüllt als der Milde einer Nacht vom Rest eines überwältigenden Sommers, saugte dieses Gefühl in mich auf, wissend um seine Begrenztheit, und wollte es nicht mehr loslassen.
Aber wie das so ist mit dem Loslassen, wenn ich jetzt so morgens im Garten stünde, käme ich aus dem Bibbern gar nicht mehr raus, und das Gefühl ist zermahlen von der Handschuhkälte des Frühherbstes. Das ist einer der übelsten Zäsuren im Jahr: Das erste Mal wieder Handschuhe auf dem Fahrrad, bei mir bei unter 10 Grad. Dann rechne ich immer mit den Fingern nach, aber es kommt jedes Mal dasselbe bei raus: Noch sechs Monate bis zum Frühling, wo die Seele wieder aufjubelt.
Mein Jahresplan erfuhr eine jähe Wende. Ab in den Süden, sofort, wo das Mittelmeer noch tröstliche 24 Grad Wassertemperatur hat, die Strände leer sind und die Sonne wärmt. Ich streifte meine Handschuhe ab und besorgte mir in der Drogerie Sonnenmilch. Dieser Akt erwärmte mein Gemüt. Ich radelte weiter, Gedanken zogen fröhlich frei flottierend durch meinen Schädel. Radln ist für mich Therapie, Sport und Arbeit zugleich. Da erzähle ich mir, was mich so bewegt, und höre mir ab und zu auch zu, wie ein guter Therapeut, vor Sitzungen gehe ich noch mal das allfällige Gelaber durch, was mich da erwartet, und manchmal, an Steigungen, erhöhe ich die Frequenz, um in Schweiß zu kommen. In Berlin schenke ich mir das alles natürlich, wer da eine Sekunde unkonzentriert ist, der kann seinen Schädel gleich vom nächsten Rechtsabbieger-LKW planieren lassen, mit Abstand die häufigste Todesursache bei Radunfällen in Berlin, von denen es nicht wenige gibt. Ein elektronisches Toter-Winkel-Warnsystem für LKWs kostet ca. 3.000 Euro, das ist den Spediteuren aber zu teuer. Jetzt wissen wir also, was ein Radfahrerleben wert ist: < 3.000 Euro. Alltäglicher Kapitalismus. Und damit wären wir bei der SPD.
Über die, die Gendersprache und den Fußball wollte ich in diesem Blog eigentlich kein Wort mehr verlieren. Irgendwann ist dann auch mal gut und die Dinge sind gesagt oder haben sich erledigt. Bei SPD und Gendersprache klappt das, mein Zorn des Gerechten hat allerdings in Sachen Fußball neue Nahrung gekriegt durch die Vergabe der EM 2024 nach Deutschland. 2021 sind Bundestagswahlen und wenn ich mir vorstelle, dass ein eventueller AFD-Innenminister (Maaßen oder ähnlicher) die Bühne einer EM nutzt für den nationalistischen Dreck, den dieses Pack propagiert, dann kann ich nur hoffen, dass sich die Ostgoten wieder so blamieren wie bei der WM (was mir bei meiner allfälligen Wette wieder einen Urlaub finanzieren würde). Der Titelgewinn der BRD 1990 produzierte in Tateinheit mit der Annexion der Ostzone eine Nationalismus-Welle, in deren Gefolge Ausländerinnen hier ihres Lebens nicht mehr sicher waren. Zahlreiche Flüchtlingsheime brannten, mit Toten.
Und wo sind wir 2024?
Ich bin gespannt, wie die Fußballwesen, die ihren Verstand und Anstand noch nicht versoffen haben, dann eine Unterstützung dieser Mob-Mobilisierung rechtfertigen.
Womit die Eingangsfrage aber immer noch nicht beantwortet wäre.
03.10.2018 – Der Abend war wegen der Currywurst ein Desaster.

Elbphilharmonie. Großer Saal.
Der Mensch besitzt im Gegensatz zum Tier die Gabe der Introspektion, also Selbstbeobachtung, was ihn mitunter nach Überwältigung seiner Sinne trachten lässt, deren Sonderform der Rausch ist. Wer will schon immer sie selbst sein. Für den gemeinen Homo Fussballeriensis, einer evolutionären Stufe zwischen Neandertaler und Brüllaffe, ist es das Zuschütten mit Alkohol vor dem Fernseher. Für Angehörige der Spezies Sapiens kann diese Überwältigung in Kunst, Liebe, Natur, meinetwegen auch bewusstseinserweiternden Drogen liegen. Stelle anheim.
Bei mir erfolgte eine überwältigende Sinneserfahrung letzten Sonntag an und in der Elbphilharmonie, der Kultur-Kathedrale der Bourgeoisie schlechthin. Nach der Straßen-Aktion am Vortag in Lüneburg war mich nach Luxus, Sinnesgenuss, anderer Welt. Ich war an eine günstige Karte für Bruckners Achte gekommen. Über fast alle postmodernen Großbauten vom Potsdamer Platz über das Humboldtforum bis zur Frauenkirche etc. pp., ist die Fachwelt gespalten, aber das ästhetische Urteil über die Elbphilharmonie war ziemlich einhellig: grandios gelungen. Egal ob man von der Ferne der Landungsbrücken blickt, von nahem daran hochschaut oder das Interieur genießt: ich finde es überwältigend.

Der Blick nach draußen auf den Hamburger Hafen ist auch nicht von schlechten Eltern. Sowas hat Berlin nicht.
Und endlich mal eine Konzerthaus-Akustik, die mich als Rock’n Roll Sozialisiertem beeindruckte: da kommt Dynamik und Wucht über die Rampe, was für so einen Fürsten des Lärms wie Bruckner nicht ganz unwichtig ist.
Natürlich sind solche Kathedralen auch politisch aufgeladen, wie ihre sakralen Vorgänger transportieren sie eine Geschichte von Macht, Unterdrückung und Klassenverhältnissen. Aber wie ihre sakralen Vorgänger sind profane Kathedralen wie die Elbphilharmonie auch Symbole menschlichen Drängens nach Fortschritt, Veränderung, letztlich nach einem – ambivalenten – Mehr an Zivilisation. Sie sind grandiose Orte von Urbanität und Genuss. Und der Skandal, der ihnen innewohnt, ist ja nicht ihr Preis, sondern ihre Klassengebundenheit. Der Skandal liegt darin, dass eine Gesellschaft, die sich das leisten könnte wie die unsere, es nicht allen ermöglicht, solche Abende zu genießen, sowohl materiell als auch von der ästhetischen Bildung her. Wer, wenn das gegeben wäre, sich immer noch vor der Glotze beim Fußball zuschütten will und sonst von der Welt nichts kennt, auch wenn er schon überall war, ist dazu herzlich eingeladen. Dafür haben wir den freien Willen und die eigene Verantwortung.
Leider gibt es auch für diesen Abend nicht die volle Punktzahl: ich gönnte mir im Restaurant der Elbphilharmonie Currywurst und Champagner. Der Schampus, ein Ruinart, war gut. Aber die Currywurst war einfach Scheiße. Wäre ich ein Snob, würde ich sagen: Der Abend war wegen der Currywurst ein Desaster. Gut, dass ich kein Snob bin. Und jetzt freue ich mich auf die nächste Straßen-Aktion, am Weltarmutstag, dem 17.10, in der City von Hannover. Bin gespannt, auf welche Sinnesüberwältigung mich danach gelüstet.