
Schloss Herrenhausen, Media Night 2018.
Ab und zu lese ich zurückliegende Blogeinträge der letzten Zeit. Dafür, dass ich es spontan, oft online, schreibe, ohne Plan und Konzept oder gar Luxus wie Korrekturlesen, sind überraschend wenig formale Fehler drin, mitunter allerdings fehlen Verknüpfungen, logische Reihungen, man ahnt mehr, als das man weiß, was genau gesagt werden sollte. Und manchmal stehen Sachen drin, da weiß ich selber nicht, wie hoch der satirische Gehalt war, als ich es schrieb. Sätze wie: Ich bin ein Mann von Grundsätzen. Also grundsätzlich ist mein oberster Grundsatz, grundsätzlich im Leben niemals etwas grundsätzlich zu sehen. Beispiel: ich hatte mir geschworen, niemals einen Schritt in den scheußlichen Neubau vom Schloss Herrenhausen zu setzen, eine Disneybau-Rekonstruktion des im Krieg zerstörten Originals, außen sieht es aus wie eine Pappkartonfassade, innen ein seelenloses Kongresszentrum. Ein Beispiel für die regressive Sehnsucht des Bürgertums nach früheren Zeiten, nach heiler Welt und Fassade. Kein Wunder, das mit einem so infantil aufgestellten Bürgertum mit derartigen ästhetischen Vorlieben kein Staat zu machen ist. Dieser Bau reiht sich ein in eine endlose Kette reaktionärer Selbstbefeierungen einer falschen bürgerlichen Tradition (es gäbe auch gute!) wie das Humboldtforum oder die Rekonstruktion der Potsdamer Garnisonskirche , in Stein gemeisselter Revisionismus. Und dann wundert sich das Bürgertum, dass ihm der Laden um die Ohren fliegt. Sofern er nicht selbst daran beteiligt ist.
Mein Schwur also, dieses Hampelmann-Gebäude in Herrenhausen niemals zu betreten, hielt exakt solange an, bis ich die erste Einladung dahin erhielt. Meine diversen Tätigkeiten, Jobs, etc. führen es mit sich, dass ich mitunter hautnah und direkt in die Höhen und Niederungen unserer Gesellschaft und des Staates via Einladung eintauchen darf. Staatliche Mitbeteiligung sehe ich in Teilen als sinnvoll, unter anderem weil es gilt, den Staat vor der Übernahme durch den Mob, was Bürgermob inkludiert, zu schützen. Gesellschaftliche Mitbeteiligung muss eigentlich nicht sein. Die kann man sich schließlich plural aussuchen und ich tue mich grundsätzlich nicht gerne gemein. Umso überraschender für mich, als ich – ohne eine Sekunde zu zögern – die erste Einladung zur niedersächsischen Media Night wahrnahm, sie ist laut Eigenwerbung „ …eine Präsentations- und Kommunikationsplattform der niedersächsischen Medienunternehmen sowie ein Branchentreffpunkt der bundesweiten Medienszene.“

Es war wie immer zauberhaft. Sogar Natascha Ochsenknecht war da! Und noch wer!! Und ich mittendrin.
Als Mann ohne Grundsätze sinkt man immer tiefer. Nach langem Antichambrieren habe ich es jetzt erreicht, dass ich sogar zum FDP Sommerfest eingeladen werde. Wo werde ich enden? Morgens nach solchen Events robbe ich mich ganz vorsichtig an meinen Spiegel. Kann ich mir überhaupt noch in die Augen gucken?
Was soll ich sagen. Ich sehe einfach nur altersbedingt scheiße aus am frühen Morgen, der Rest ist mir egal. Und freue mich auf das FDP Sommerfest. Da gibt es bestimmt den besten Sekt und 1a tippi toppi Fingerfood. Und jede Menge Möglichkeit zum Netzwerken. Man weiß ja nie.
Ich halte Sie auf dem Laufenden, liebe Leserinnen. Aber halten Sie es mit diesem Blog hier wie mit dem richtigen Leben: Zweifeln Sie alles an und sei es die Tatsache, dass man auch mal viere gerade sein lassen sollte.
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30.08.2018 – Wann sorgt die Bundeswehr für Recht und Ordnung in Sachsen?



So lächerlich, wie sich die Überschrift anhört, ist das gar nicht. Die öffentliche Sicherheit und Ordnung ist in Sachsen nicht gewährleistet. Die Polizei, mit Duldung oder Förderung der Landesregierung, besteht zu Teilen aus Neonazis, sympathisiert offen mit denen und lässt sie bei ihren Pogromartigen Übergriffen gewähren, während das SEK bei Demonstrationen gegen Linke schon mal mit Sturmgewehren der Marke SIG Sauer aufmarschiert, dabei offen neonazistische Symbole an der Dienstkleidung trägt und natürlich immer ausreichend überlegene Kräfte einsetzt. Der Artikel 37 GG über den sogenannten Bundeszwang trifft dazu eine klare Aussage: „Wenn ein Land die ihm nach dem Grundgesetze oder einem anderen Bundesgesetze obliegenden Bundespflichten nicht erfüllt, kann die Bundesregierung mit Zustimmung des Bundesrates die notwendigen Maßnahmen treffen, um das Land im Wege des Bundeszwanges zur Erfüllung seiner Pflichten anzuhalten.“
Bundespflicht ist die Einhaltung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung. Ein Einsatz der Bundeswehr ist im Artikel 37 explizit nicht ausgeschlossen.
Dieses Mittel wurde schon einmal gegen Sachsen eingesetzt, 1923 marschierte die Reichswehr im Rahmen der damals sogenannten „Reichsexekution“ in Sachsen ein und setzte die Regierung ab.
Überflüssig zu sagen, dass es damals gegen Links ging und verantwortlich dafür die SPD war (Reichspräsident Ebert).
Überflüssig zu sagen, dass es selbst jetzt noch Hirnamputierte gibt, die einer Gleichsetzung von rechter Gewalt und linker Gewalt das Wort reden, die sogenannten Totalitarismus-Trottel.
Und überflüssig sich vorzustellen, wie SEK Kräfte vorgehen würden, wenn autonome Linke im Frankfurter Bankenviertel in tausender Stärke randalieren würden, die Deutsche Bank mit Brandätzen angriffen und Jagd auf Banker machen würden. Der Spuk würde unter Einsatz von SIG Sauer Sturmgewehren binnen kürzester Zeit blutig beendet.
Was bleibt? – Die Kunst, Trösterin der Seele. Das famose Künstlernetzwerk SCHUPPEN 68 beantwortet in der obigen Bildfolge die Frage: Wie wird ein Film produziert?
Jean Luc Godard hat diese Frage sinngemäß beantwortet: „Machen Sie ein Bild und dann noch eins und noch eins und 24 Bilder in der Sekunde ergeben dann in der Dauer einen Film“. Die Bilder oben sind ein Anfang und ergeben mit den Bildern in Ihrem Kopf, geschätzte Leserinnen, einen Film. Wie sich dieser Film letztlich zusammensetzt und endet, erfahren Sie am 01. und 02.09 beim hannöverschen Zinnober. Kommen Sie in Massen zu den famosen Kunstschaffenden der Lindener KunstWerke AG, wo der legendäre Kurator Hermann Sievers höchstselbst Nichts in die Hand nehmen wird, Details in der famosen PM PM ZINNOBER KunstWerke AG- Nichts ist Kunst. Kunst ist Nichts. Sie können sogar Nichts kaufen oder gewinnen. Wenn das Nichts ist. Wir sehen uns.
28.08.2018 – Abschiede aller Art

Toto macht zu. Who the fuck is Toto? Toto ist mein Puschen-Italiener. Er ist exakt zwei Häuser von meiner Homebase entfernt und immer, wenn ich keine Lust habe zu kochen oder Essen zu gehen und mir danach zumute ist, klemme ich mir meinen Topf unter den Arm und hole mir bei Toto eine Portion Spaghetti Bolognese. Niemals etwas anderes. Immer mit Puschen. Niemals mit Straßenschuhen. Immer mit dem gleichen Topf. Niemals ein anderer. Ich bin ein Mann mit Grundsätzen. Der Topf ist ein uralter Le Creuset, siehe oben. Sündhaft teuer, ein Geschenk, ich würde mir sowas niemals leisten, und ich würde sowas auch niemals außer Diensten stellen. Ich bin ein Mann von Grundsätzen. Ich bleibe Ideen, Personen und Gegenständen, die es wert, sind ein Leben lang treu. Auch Töpfen. Selbst Salzstreuern. Der Topf ist unglaublich unpraktisch. Er wiegt mehrere Doppelzentner und ist ohne eine Seilwinde kaum zu bewegen. Als ich die ersten Male damit bei Toto auflief, kamen die Köche aus der Küche gerannt, um zu gucken, was das für ein Topfbesitzer sei, unter lautem Mamma mia. Ist ja schließlich ein Italiener. Jetzt nach fast 40 Jahren macht Toto zu.
Das ist ein Abschied, der weh tut. Ich habe den Beiden, Gina und Toto, zum Abschied einen Bildband vom hiesigen Kiez geschenkt und ein Foto, auf dem der Topf abgebildet ist, mit der Bemerkung, dass wir Beide, mein Topf und ich, sie sehr vermissen werden. Toto und Gina haben das Gebinde gleich auf den Thresen gestellt. Ich hätte beinahe Tränchen vergossen. Ich hasse Abschiede. Toto ist bestimmt nicht der beste Italiener hier, aber wenn ich gut dinieren will, gehe ich ins Diekmann in Berlin. Darum geht es bei Toto nicht. Das hat was mit Nähe, Vertrautheit zu tun, immer, wenn ich aus Berlin mit meinem Trolley die Straße langrollere, grüßt als erstes der Toto-Flachbau und ich bin Zuhause. Diekmann ist tolles Essen, aber bloß Geld. Toto kann man nicht kaufen, ist nicht zu bezahlen. 30 Jahre lang immer die gleichen zwei Musik-Cassetten, immer die gleichen Stücke, immer die gleiche Reihenfolge. Irgendwo braucht man auch Dinge, die sich nicht ändern. Toto eben. Auf einer Cassette waren Stücke von, nomen est omen, Toto. Neben dem genial symphonisch aufgeladenen „Rosanna“ auch „English Eyes“, ein eher inferiorer Song, bei dem ich allerdings auch nach 30 Jahren einen blöden Verhörer nicht aus dem Ohr kriege. Im Refrain heißt es „We ran into the night, hypnotized” und ich hab damals immer, weiß der Teufel warum, verstanden: „You ran into the night. Weiß Bescheid.“
Ein Abschied, der wütend macht, ist der vom Nachkriegskompromiss, der unsere Gesellschaft in den letzten 70 Jahren mühselig zusammengehalten hat, hab’s im letzten Blogeintrag erwähnt. Angesichts des faschistischen Massenprogroms in Chemnitz unter tätiger Mithilfe der sächsischen Polizei und Regierung kann man von einem langsam Zerbröseln wohl nicht mehr reden, sondern eher von einem dynamischen Implodieren der Demokratie. Unlängst, vermutlich zum 13. August, hatte ich hier den Wiederaufbau der Mauer, nur 3 Meter höher gefordert. Ich erweitere meine Forderung: „Schießbefehl reaktivieren, dieses Mal nach Osten, unter vorheriger Evakuierung aller demokratischen Kräfte in den Westen, mit sofortiger Asylgewährung.“ Ach ja, Polen, Tschechien, Ungarn, Rumänien rausschmeißen aus der EU und den Eisernen Vorhang wieder hoch.
Ein Abschied, der wehmütig macht, ist der vom Hochsommer, obwohl die Hitze im stinkenden, lärmenden, betäubenden Betonmoloch Berlin in den letzten Wochen mitunter anstrengend war. Aber das war eine regelrecht körperlich singuläre Erfahrung, als Hitze schon morgens wie Watte in den Mund quoll und Gedanken einfach weggedampft wurden. Ich fand’s faszinierend.

Vorgarten einer Villa im Grunewald, wo die Reichen und Schönen wohnen, Geschmack aber nicht der Regelfall ist. Mein erster Gedanke: Das ist die Villa von Walter Momper, jenem Berliner Filz-Sozi, der mir immer mit seinem roten Schal auf die Nerven ging und der wie kaum etwas für den Abschied von der alten BRD stand.
Abschiede, ich hasse sie. Und dennoch, liebe Leserinnen, auch für uns schlägt hier die Stunde des Abschieds. Aber wir hören voneinander. Bleiben Sie drin.
24.08.2018 – Alle, die gegen das Aufstehen sind, sollen Aufstehen!

Meine Traubenernte 2018, mit Installation, bei der der Hammer fehlt.
Alle, die gegen das Aufstehen sind, sollen Aufstehen. So ungefähr lautete ein ziemlich verzweifelter Flachwitz von mir in den Achtzigern, als eine Gruppe namens Bots schwer angesagt war in der Alternativ-Szene, unter anderem mit einem Song namens „Aufstehen“. In dem Song ging es darum, dass alle Aufstehen sollten, die gegen irgendwas waren, von Atomwaffen über Plastikwaffen usw. und so fort. Das Beste an der musikalischen Flachware war das Live-Intro und das war komplett geklaut von „More than a feeling“ der Popgruppe Boston. Ich habe den Alternativen damals ebenso wenig über den Rand ihrer selbstgestrickten lila Strümpfe hinaus getraut wie ich ihnen heute keinen Handbreit veganes Tofu über den Öko-Holzweg traue.
Ästhetik und Ideologie stehen in einem dialektischen Verhältnis zueinander, die Ästhetik der Alternativen war und ist ein Kitschdurchseuchtes Grauen und so auch ihr politischer Weg, vom „Ich, Ich, Ich“ bis in die Toskana. Aber sie waren Teil der linken Post-68er Familie und sie es in den Teilen, wo sie weder Renegaten oder beinharte Neonazis wie Horst Mahler geworden sind, immer noch. Wie zum Beispiel die Grüne Antje Vollmer, die die von Sarah Wagenknecht und Oskar Lafontaine initiierte Bewegung „Aufstehen“ mit unterzeichnet hat, eine Bewegung, die Parteiübergreifend das linke Spektrum von SPD, Grünen und die Linke einen soll. Es gibt eine Menge Gründe gegen diese Bewegung, die keine ist, denn die entstehen von unten und nie top down. Früher hätte ich sowas auch nicht unterzeichnet, allein die Unterzeichner-Nachbarschaft mit einer Heulsuse wie Antje Vollmer wäre mir unangenehm gewesen.
Aber wie der Jammerlappen Bob Dylan anno 68 vor sich hin dilettierte: The times they are a changing.
Der Nachkriegskompromiss, der unsere Gesellschaft 70 Jahre lang mehr schlecht als recht aber immerhin zusammenhielt, erodiert mit wachsender Geschwindigkeit. Ein ansatzweises Antisemitismus-Tabu und ein Mindestmaß an Antifaschismus, ein ebensolches an einigermaßen zivilisierten gesamtgesellschaftlichen Umgangsformen, Reste eines Sozialstaates, die Singularität des Holocaust, die Liste ließe sich fortführen, all das schwindet, die Zivilgesellschaft wird zu einer Horde von Brandstiftern, eine nennenswerte Linke und ihr Widerstand existiert nicht mehr. Von der Parteienlandschaft wollen wir mal gar nicht erst reden.
Was tun? Da der Kopf rund ist, um Gedanken die Richtungsänderung zu ermöglichen, und ich Veränderungen gegenüber unwillig aber offen bin, habe ich meine Einstellung geändert und den Aufruf mit unterzeichnet, hier. Und würde es auch geneigten Leserinnen empfehlen. Eine nennenswerte Anzahl von Unterschriften würde zumindest bei der offiziellen Präsentation und dem Kick-off der Bewegung am 04.09 ein Symbol, ein Zeichen setzen. Bringt nicht viel, tut aber auch nicht weh und schadet nicht. Und die Zeiten eines ausschließlich rechthaberischen „Alle Anderen blöd, nur ich nicht“ sind vorbei. Die Rechte wird immer stärker und angesichts dieser Bedrohung und der schwachen fortschrittlichen Kräfte verbietet sich ein Verharren in früheren unseligen Spaltungsmustern, wo man sich schon mal gegenseitig innerhalb des linken Lagers des rotlackierten Sozialfaschismus bezichtigte

Ansonsten widme ich mich der Olivenernte in meinem Garten, die angesichts des Jahrhundertsommers üppig ausfällt. Platter Eskapismus, wenn Sie so wollen.
22.08.2018 – Weisse Geisterräder für tote Radfahrende

Für im Strassenverkehr getötete Radfahrende, aufgestellt vom ADFC an den Unfallorten in Berlin. Bei sowas zeichnen sich Muster ab: Senior*innen, abbiegende LKW und unachtsam geöffnete Autotüren.
In Hannover habe ich nie übers Radfahren nachgedacht, es war quasi meine zweite Natur. Helmträger habe ich früher gerne mit politisch eher unkorrekten Bezeichnungen einer bestimmten sexuellen Orientierung tituliert. In Berlin trage ich immer einen Helm und überlege mir mitunter zweimal, welche Strecke ich nehme. In der Schweiz sollen Strassen für SUVs verbreitert werden, las ich gestern.
Manchmal neige ich demütig mein Haupt vor der Realität ob ihrer genialen Inszenierungen eines absurden Welttheaters.

Im Licht der untergehenden Sonne werfen selbst Zwerge Riesenschatten.
Nachtrag drei Stunden später: sitze gerade im Zug und lese im „Tagesspiegel“, einer für Bürgerpresse sehr lesbaren Zeitung, dass gestern in Schöneberg auf der Hauptstraße eine Radfahrerin von einem abbiegenden LKW tödlich verletzt wurde. Gut dass ich Irrationalismen weitgehend abgeneigt bin, kurz nach dem Vorfall bin ich, von oben abgebildeten Viktoria-Luise-Platz kommend,über diese Kreuzung geradelt.
Aber immerhin wollte ich das spontan im Blog festhalten und hab’s auf das Smartphone getippt, was selbst bei einem ebenmäßig dahingleitenden ICE echt nervig ist für Oldschool Leute wie mich. 234 km/h fährt der gerade. Dass man dabei überhaupt was tippen kann, kommt mir als Postkutschen Sozialisiertem eh wie Wunder vor.
21.08.2018 – Am Anfang war das Wort

Sakralbau Berlin-Schmargendorf
Das obige zentrale Zitat aus Bibel ist natürlich idealistischer Schmarrn. Wir Gläubige der Gemeinde des St. Materialismus wissen: vor dem Anfang war das Nichts, im Anfang war Materie und dann, sehr, sehr viel später, kam das Wort, also die Sprache, in die Welt.Und ist seitdem nicht mehr auszurotten. Angesichts des allgemeinen Verfalls der Sitten und damit natürlich auch der Sprache ein ausserordentlich bedauerlicher Zustand.
Sprache ist ein Herrschaftsinstrument. Allein das Wort „Herrschafft“ spricht Bände. Was meinen Sie wohl, liebe Geschlechtsgenossen, warum es nicht „Frauschaft“ heißt? Sprache transportiert und tradiert also Machtstrukturen, wütet und waltet ohn Unterlass in unserem Unterbewusstsein und lässt uns im Alltag ganz närrische Dinge sagen und tun, die der Emanzipation leider garnicht zuträglich sind. Sei es im Geschlechterverhältnis, beim Ökogedöns oder im Massverhältnis Kapital-Arbeit.
Mit welchen irrsinnigen Vorstellungen im Bereich des letzteren unser Leben durchseucht ist, sei an einem Beispiel gezeigt, dem ganz gewöhnlichen und durchaus bedrohlichen Satz:
„Mein Lebenslauf weist Lücken auf.“
Was für ein von der kapitalistischen Verwertungslogik vermüllter kategorialer Schwerstschwachsinn.
Der Lauf meines Lebens weist durchaus einige Lücken im Sinne einer Erwerbsbiographie auf. Auf die bin ich ohne Ausnahme stolz, allein deshalb, weil diese Lücken, und auch sonst vieles abseits der Erwerbsbiographie, von üppiger Buntheit und prallem Leben gefüllt sind. Es also natürlich keine Lücken, sondern Bereicherungen sind, übrigens durchaus zum Nutzen späterer Arbeitgeber und Kunden.
Ein Lebenslauf, in dem es lückenlos hiesse: „1970 trat ich in den Dienst der Deutschen Müll AG ein, woselbst ich 2016 in Rente ging.“ wäre für mich kein Lebenslauf, sondern prämortaler Tod auf Raten.
Es gibt mit Sicherheit und Göttin sei Dank Millionen Menschen, für die ein derartig lückenloser Lebenslauf die Erfüllung ist.
Aber diese bedrohlich allumfassende diktatorische Dominanz mit der in unserem Beispiel der Begriff „Lebenslauf “ unter das Kapitalverhältnis subsumiert wird, zeigt, wie Machtstruktur mit Sprache transportiert wird.
Amen.

Kreuzkirche, Berlin-Schmargendorf. Einer der raren expressionistischen Sakralbauten. Von Form und Farbe her knallte mir seine explosive Dynamik derart ins Auge, dass ich bremste und innehielt.
Ich kam, und das ist eine schöne Pointe bei all der Sakralität in diesem Blogeintrag, mit dem Radl vom Teufelssee.
19.08.2018 – Ich bereue Nichts

Ich bereue Nichts – so Rudolf Hess im Nürnberger Prozess gegen die nazi-(wofür mir meine Rechtschreibkorrektur „NATO“ anbietet. So fängt der Morgen nicht nur sonnig, sondern heiter an) Elite. Dafür verschimmelte er zu Recht bis zum Tod im Spandauer Kriegsverbrechergefängnis.
Das nutzen Nazis zu jährlichen Demonstrationen, unter anderem mit Hess‘ Parole (siehe Bild oben aus dem „Tagesspiegel“). Dagegen formiert sich regelmässig antifaschistischer Widerstand, was ebenso regelmässig von der minderintelligenten Fraktion der Bürgerpresse mit der Parole denunziert wird „Rechte und linke Chaoten“, die damit der Totalitarismus-Theorie des Kalten Krieges folgt „Sozialismus gleich Nationalsozialismus“.
Abgesehen davon, das diese Gleichsetzung den Holocaust relativiert, ist sie von einer bemerkenswerten Unkenntnis des Prinzips der Ziel-Mittel Relation. Ziel des Sozialismus war die Emanzipation, die Abschaffung der Herrschaft des Menschen über den Menschen. Ziel des Faschismus ist immer Ausschluss, Unterdrückung umd letztlich Vernichtung von Minderheiten.
Oder um es für die geistigen Tiefflieger der Bürgerpresse in ein Schlichtbild zu fassen: Rechte Chaoten zünden Flüchtlingsheime an, linke Chaoten stellen sich schützend vor Flüchtlingsheime.
Dass man sowas heutzutage überhaupt erklären muss, wirft ein bezeichnendes Licht auf den intellektuellen und moralischen Zustand unserer Gesellschaft.
Überflüssig zu sagen, ich tu’s trotzki: mit dieser extrem verkürzten Ausführung wird weder der stalinistische Terror entschuldigt noch einer grenzenlosen Legitimation aller möglichen Mittel das Wort geredet, wenn denn nur das Ziel ein ethisch wertvolles sei.
Kein Wunder, dass ich meine kleinen Fluchten pflege.

Grunewald, am Teufelssee. Wenn man in der Hitze des Nachmittags über dem weissen Sand die Augen schliesst und den Duft der Kiefern einsaugt, hat man das Gefühl, 3000 km weit weg an einem menorquinischen Strand zu sein.
Muss aber nicht sein. Hier ist es auch zauberhaft. Mit den besten Wünschen für alle Leserinnen für eine sonnige und spannende Woche verabschiede ich mich jetzt auf mein Radl für einen weiteren Teufelsritt zum Teufelssee. Radfahren über den Kudamm ist echt ne Herausforderung.
17.08.2018 – Knapp am Polizeigewahrsam vorbei

Berlin, Marheineke Platz.
Sie kennen das sicher, liebe Leserinnen: Sie sitzen irgendwo und starren vor sich, sei es gedankenverloren, erschöpft oder einfach wegen nichts. So erging es mir unlängst auf obigem Platz. Plötzlich hatte ich das Gefühl, jemand beobachtet mich. Ich wandte den Kopf und richtig, ein paar Meter schräg hinter mir wippte eine junge Mutter ihren Brutbeförderungskarren und starrte mir in den Nacken. Kein Wunder. Ich hatte, ohne es zu realisieren, den oben aus gutem Grund aus der Distanz fotografierten Kinderspielplatz ins Visier genommen. Ein alter Sack, allein auf einer Parkbank, der Minutenlang auf einen Kinderspielplatz glotzt, und das in den heutigen Zeiten im schwäbisch-hysterischen Nachwuchsgrossaufzuchtzentrum, dem Bergmann Kiez – ich bin schon für weniger im Polizeigewahrsam gelandet. Vor meinem inneren Auge lief in Sekundenbruchteilen das Verhör ab: „Was haben Sie da gemacht?“ – „Nichts.“ – „Wie, was heißt Nichts? Wir sind hier in Deutschland, da macht man nicht einfach mal Nichts. Und überhaupt, man kann nicht Nichts machen!“

Ich zog sofort ein paar Bänke weiter, zu den Drogis und Alkis am Ostende des Platzes. Durch den Platz läuft eine imaginäre scharfe Demarkationslinie zwischen den beiden Gruppen, aber: es scheint sowas wie eine funktionierende Koexistenz zu geben. Von Verdrängungsbestrebungen gegen die Konsumschwachen hab ich noch nichts gehört. Das heisst aber nicht so viel.
Gelesen habe ich gestern im Tagesspiegel, dass sich die Bodenpreise in Kreuzberg-Friedrichshain in einem Jahr vervierfacht haben sollen. Da denkt natürlich kein Bodenbesitzer ans Bauen, sondern spekuliert auf noch mehr. Also steigen die Mieten noch extremer als bisher, vom Himmel fallen ja keine Neubauten. Und irgendwann platzt die Blase, weil selbst der schwäbische Kleinunternehmer im Bergmann Kiez sich die Mieten hier nicht mehr leisten kann.
Anders fallen die Bodenspekulationen nicht. Es sei denn, leerstehende Häuser oder Grundstücke werden nach einem Jahr Leerstand sofort mit einer exorbitanten Steuer belegt. Kann man machen, sowas gibt’s.
Aber eher lande ich mal wieder in Polizeigewahrsam.
14.08.2018 – Marx und Engels gar nicht träge

Marx und Engels, gar nicht träge,
Sägen heimlich mit der Säge,
Ritzeratze! voller Tücke,
In das Kapital ne Lücke.
(siehe auch Max und Moritz, Dritter Streich)
Ich geb’s langsam auf, mit Marx- und Engelszungen zu versuchen, Vernunft zu predigen. Zu umfassend und überwältigend ist der Angriff von Dummheit, Niedertracht und Indolenz auf den Verstand. Ab jetzt nur noch Zwangsjacken. Aber überall werden einem dabei Knüppel zwischen die Beine geworfen. Ich will nach Berlin, um den Wiederaufbau der Mauer voranzutreiben, nur drei Meter höher als vorher, und was ist? Die Bahn fährt mal wieder nicht. Jedenfalls nicht über Wolfsburg. Hahaha.
Heute Morgen wurden im Zentralorgan des hiesigen Michel, aber leider nicht des Michelin, der HAZ, Klagen über die voraussichtlichen Mietpreise in einem lokalen Neubaugebiet namens Wasserstadt, direkt bei mir umme Ecke, veröffentlicht. Dort soll der Preis pro Quadratmeter 15 – 20 Euro betragen. Stand jetzt. Also später mal, wenn der Kotten fertig ist, deutlich über 20 Euro. Eine völlig logische und naturgesetzliche Preisfindung, schließlich ist Wohnen am Wasser begehrt und die Ware Wohnraum knapp. Der Bauherr Papenburg ist ein typischer Kapitalist, für den sich schon eine Soko „Organisierte Kriminalität“ interessierte, als er mit dabei war, die Ostzone auszuplündern nach deren Annexion. Darüber hinaus gibt es unter den 10 – 20 Prozent Vermögenden im Lande genug Leute, die entweder für gutes Wohnen jeden Preis zahlen oder die jede Chance auf Spekulation nutzen. Angebot und Nachfrage definieren den Preis und nicht das Wollen und Wünschen von Moralaposteln.
Es sind also an dieser Causa lediglich zwei Sachen verwunderlich: Dass der Mietpreis so moderat wie beschrieben ist. Noch. Und dass auf dem Gelände Sozialwohnungen mit entstehen sollen.
Was im ersten Moment mich verwundert hat bei der Zeitungslektüre, ist das Aufjaulen der hiesigen Politprominenz: Das sei aus dem Ruder gelaufen.
Naiv von mir. Die sind tatsächlich so naiv oder dumm und glauben das. Die Intelligenteren heucheln jetzt Dummheit. Die wussten von Anfang an, wie der Hase läuft, und sollten sich von dem Filetstück schon mal eine Scheibe abgesäbelt haben.
Uns wurden in der Schule saudämliche Sprüche von irgendwelchen Prominenten eingetrichtert, bei Amis wie John F. Kennedy im O-Ton. Sprüche, die ihre Spuren hinterlassen und die besinnungslos bei jeder unpassenden Gelegenheit von jedem Realschulabsolventen zitiert werden, wie:
„Frage nicht, was dein Land für dich, sondern was du für dein Land tun kannst.“
Was sich immer an Arme, Obdachlose und Prekäre wendet, niemals aber an die Kapitalisten, die weder Vaterland noch Heimat kennen, sondern nur globale Ausbeutung und Profit. Wer in solchen Kennedy Kategorien denkt und an die glaubt, der wundert sich auch über die Wasserstadt.
Ich geh jetzt Mörtel anrühren. Sie wissen schon, für die Mauer ….
13.08.2018 – In meiner Jugend als arger Zecher

In meiner Liste der wundersamen und bewahrenswerten Wörter auf Platz 5: Fernsprecher (gesehen in der Berliner Kongress-Halle, vulgo Schwangere Auster).
Ich habe mal eine Fotoserie begonnen von Telefonzellen, aber bald wieder aufgegeben. Es gibt keine mehr. Ich trauere dem nicht nach, es gibt ja auch keine Pferdetränken oder Kesselflickereien mehr. Ich halte nichts von rührseliger Nostalgie, gerade von Alternativ-Spießern, die jede Minimalveränderung in ihrem Kiez mit der Verbalmilitanz früherer Steinwurfzeiten ablehnen. Das ist jene Form von Romantik, die in sich den Kern der reaktionären Aggression gegen Zivilisation, Großstadt, Veränderung und Moderne schlechthin trägt. Wohin das in ersten Schritten mit großflächiger lokaler gesellschaftlicher Wirkung führt, hat man an dem Volksbegehren gegen die Bebauung des Tempelhofer Feldes gesehen, bei dem die BI-erfahrenen, Anti AKW-, Frauen-, Öko- und überhaupt sehr bewegten Kiez-Anwohnerinnen einen – erfolgreichen – Volksentscheid gegen jegliche Bebauung des Areals lostraten. Angesichts der dramatischen Wohnsituation in Berlin eine egoistische Niedertracht sondergleichen. Allein das Wort Volksentscheid verursacht mir Brechreiz. Nun Volk, steh auf und entscheide? In meinen Augen ist in der aktuellen historischen Situation mehr Bürgerbeteiligung und direkte Demokratie der direkte Weg zur Abschaffung der letzteren.
Gegen derartigen naiven Beteiligungsquark würde ich militant und radikal kämpfen. Notfalls mit jener Waffel in der Hand, die die anderen am Kopf haben. Und schlimmstenfalls würde ich einen Volksentscheid lostreten, der sich für ein Verbot jeglicher Volksentscheide einsetzt. So wahr mir Gott helfe. Was in meinem Fall ein klassischer Fall von Selbsthilfe ist.
Aber schön sieht der Fernsprecher schon aus und man sollte solche Relikte liebevoll archivieren, katalogisieren, thesaurieren und mit rührenden Gesängen würdigen, der Nachwelt zum ehrenvollen Gedenken:
In meiner Jugend, als arger Zecher,
kotzte ich mitunter in Fernsprecher-
Zellen. Mit Handys fällt das flach.
Ich wünsche Ihnen einen schönen Tach.
So in der Richtung.
Ansonsten danke ich dem Fortschritt auf Knien für Smartphones und Google Maps und so Zeug. Ohne das wäre ich in der Fremde und da für die Arbeit hilflos wie Moses im Baströckchen. Oder war es ein Bastkörbchen?
Apropos Bastkörbchen: Heute vor 57 Jahren wurde die Berliner Mauer gebaut. In der hiesigen HAZ fand ich dazu keine Zeile. Es gibt nur drei Stellen, wo Mauersegmente original erhalten sind, alle anderen Mauerreste sind sogenannte Hinterland-Mauern, die oft nicht am Originalplatz stehen. Auch eine Art des Umgangs mit Geschichte.

Farbfernseher 98 DM. Der Laden ist nicht erst seit gestern pleite. Oder da ist eine Kreuzberger Szene Kneipe drin, die so heißt. Unlängst am Grill behauptete ein Kumpel, in hiesigen Restaurants seien bei der Euro-Einführung mitunter die Preise 1:1 von DM auf Euro umgesetzt worden. Solche urbanen Erinnerungsmythen wabern auch in den Köpfen verständiger Menschen und lassen sich durch Argument, Statistik und Aufklärung nicht ausrotten. Und die Bahnstrecke nach Berlin ist auch wieder unterbrochen. Was soll nur aus Deutschland werden…
Einen guten Start wünsche ich Ihnen, liebe Leserinnen.